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Nachhaltigkeit

Zuletzt geändert am 31.01.2012 @ 12:14

Der Begriff kommt ursprünglich aus der Forstwirtschaft des 18. Jahrhunderts. In der heutigen Diskussion sollte Nachhaltigkeit zunächst den Bestand des ökologischen Systems sichern und es für die kommenden Generationen erhalten. Der Begriff „sustainable“ tauchte zum ersten Mal 1972 im Bericht des Club of Rome Die Grenzen des Wachstums auf und wurde dann auf der Klimakonferenz von Rio 1992 einem größeren Publikum bekannt.

Daraus ist heute ein äußerst vielseitig einsetzbarer Begriff geworden, der von Baulöwen und Bankern, Straßenplanern und dem IOC benutzt wird. Autokonzerne und Fluggesellschaften, Stromversorger und Mineralölkonzerne bezeichnen sich heute als nachhaltig. Nur merkwürdig, dass die Welt so aussieht, wie sie aussieht. Folgerichtig bezeichnen die Planer des IOC ihre Olympischen Spiele ebenfalls als nachhaltig.

IOC-Präsident Jacques Rogge trug zum Thema im Mai 2010 Folgendes bei: „Für Vancouver 2010 hat das Organisationskomitee zum ersten Mal die ‚Nachhaltigkeit’ als wichtige Dimension in sein Leitbild aufgenommen.“ (Rogge 28.5.2010) Man kann > Greenwashing betreiben und viel aufnehmen, ohne dass etwas besser wird. (Vergleiche auch unsere 18 Gründe gegen Olympia: Vancouver)

Der Begriff Nachhaltigkeit hat eine Schwammigkeit erreicht, die inzwischen nahezu einmalig ist. Mit ihm kann man alles begründen und legitimieren und durchsetzen. So lobt sich die Sportsponsorenvereinigung s20 – u.a. die IOC-Sponsoren adidas, Coca-Cola und McDonald’s -, für ihre “Nachhaltigkeit”: “Wir bekennen uns zum Prinzip der Nachhaltigkeit und übertragen diese Prinzipien auf das Sponsoring…” (www.s20.eu; Hervorhebung im Original).
Das sicherste Mittel, um ein die Umwelt schädigendes Projekt akzeptabel erscheinen zu lassen, ist die möglichst oft wiederholte Behauptung, dass es nachhaltig sei. Deshalb wird inzwischen jedes noch so große Projekt zur Umweltzerstörung mit dem Begriff „nachhaltig“ bezeichnet. Selbst das Großprojekt Expo 2010 in Shanghai firmiert als nachhaltig. Selbst der Rückbau des Olympiastadions nach den Sommerspielen 2012 von 80.000 auf 25.000 Sitzplätze wird als nachhaltig deklariert (Gaines, Jäger S. 103).

Jeremy Gaines und Stefan Jäger formulierten die dahinterliegende Absicht des Begriffs Nachhaltigkeit ungewollt richtig: “Wenn es gelingt, den Begriff Nachhaltigkeit als Konzept zu präzisieren, dann kann er als ‘Sprungbrett’ dienen, um in einer Welt, die im Zeichen des Klimawandels und der Debatte darüber steht, weiterzukommen” (ebenda, S. 12).
Vulgo: Wenn man es schafft, ökologisch Unverantwortliches als “nachhaltig” zu deklarieren, kann man ungeniert loslegen!!
Gaines und Jäger zitierten in diesem Zusammenhang Friedbert Greif von Albert Speer & Partner (AS&P): “Alle Einrichtungen, für die  es keinen nachweislichen Folgebedarf gibt, müssen temporär errichtet werden” (Gaines, Jäger S. 108). Es sei “keine große Sache, eine provisorische Mehrzweckhalle für 15000 Menschen zu bauen und danach einfach wieder zu demontieren und sie bestenfalls (! W.Z.) an einem anderen Ort wieder aufzubauen” (Ebenda).
Das führte dann zur absurden, aber erfolgreichen Bewerbung von Katar unter der Leitung von AS&P um die Fußball-WM 2022: Hier soll der Großteil der Stadien nach der WM abgebaut werden: Auch dies wird als “nachhaltig” verkauft.

Ein abschreckendes Bekenntnis lieferte der Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks ab, als er im April 2011 den berühmten Buchtitel des Club of Rome “Die Grenzen des Wachstums” umdefinierte in “Wachstum der Grenzen” und ernsthaft das quasi nachhaltige ökonomische Wachstum propagierte (Fücks 18.4.2011). Hermann Pütter entgegnete: “Wir haben es verpasst, den sanften Weg in eine nachhaltige Zukunft einzuschlagen” (Pütter 20.4.2011).Die Nachhaltigkeit hat also heutzutage jeder gepachtet. Aber jeder definiert den Begriff ein bisschen anders – einige Beispiele aus dem olympischen Sprachschatz.

- Nachhaltigkeit nach Bundesinnenminister Thomas de Maizière:

Dieser sagte auf die Frage nach dem Widerstand in Garmisch-Partenkirchen gegen Olympische Winterspiele: „Garmisch kann doch nichts Besseres passieren, als dass seine Verkehrsprobleme durch nachhaltige Konzepte gelöst werden“ (SZ 13.2.2010).

Der Herr Innenminister bezeichnet hier eine neue Autobahnstrecke und drei Autotunnels plus den damit verbundenen zusätzlichen Verkehr als nachhaltig.

- Bewerbungsgesellschaft München 2018, Mini Bid Book München:

Die geplanten Bauten der Sportstätten werden als nachhaltig gelobt und erfüllen „die IOC-Vision der Nachhaltigkeit“.

Von den temporär geplanten Sportstätten in Oberammergau (Projekt im Juli 2010 gescheitert) war nicht die Rede, ebenso wenig werden die zahlreichen temporären Bauten und deren Abriss in München und Garmisch-Partenkirchen nach den Spielen thematisiert.

- Nachhaltigkeit nach Geschäftsführer Schwank:

Ende Oktober 2009 stellte der Geschäftsführer der Bewerbungsgesellschaft, Bernhard Schwank, die nötigen Neu- und Umbauten in München vor und definierte seine Vorstellung von Nachhaltigkeit: „Was da entsteht, muss nachhaltig sein. Das muss die nächsten 30 Jahre halten“ (Warta 31.10.2009).

Auch eine Definition, wenn auch eine etwas individuelle – bei meterdickem Beton ließe sich auch durchaus eine „Nachhaltigkeit“ weit über 30 Jahre hinaus erreichen.

- Nachhaltigkeit in Garmisch-Partenkirchen:

Im „Umweltkonzept München 2018“ (9.9.2009) heißt es unter Punkt „4.9 Nachhaltiges Garmisch-Partenkirchen“: „Die Olympischen Spiele 2018 bieten eine einmalige Chance, die aus diesem Vorhaben gewonnenen Erkenntnisse durch publikumswirksame Präsentation weiterzugeben und damit einen Beitrag zur Stärkung des Klimaschutzes auf globaler Ebene zu leisten“ (S. 80).

Wenn im Skigebiet zwei Speicherseen mit 110.000 Kubikmeter künstlich gekühlt werden müssen, damit die Schneekanonen beschneien können: nachhaltig.
Wenn an diesen Speicherseen deshalb zwei mal vier Kühltürme in den Bergwald gebaut werden: nachhaltig.
Wenn für Grund- und Nachbeschneiung über 170.000 Kubikmeter Wasser gebraucht werden: nachhaltig.
Wenn in Schwaiganger für ein paar Tage Langlauf und Biathlon die ursprüngliche, natürliche Landschaft umgebaut wird: nachhaltig.
Wenn dafür feste Beschneiungsanlagen installiert werden (für die Grundbeschneiung von 50 Zentimeter sind etwa 65.000 Kilowattstunden nötig): nachhaltig.
(Vergleiche unter Aktuelles 4.10.2010: Kunstschnee und die Kühlung von Beschneiwasser)

Olympische Winterspiele sind Nachhaltigkeit sind Klimaschutz sind Greenwashing pur sind > ökologisches Blabla.

- Nachhaltigkeit nach Georg Grabner, Landrat Berchtesgadener Land:

Der Neubau eines Hotels direkt am Königssee und die Modernisierung der Kunsteisbahn „sind in mehrfacher Hinsicht nachhaltig“.

Nun ist also auch ein Hotelneubau nachhaltig, und der Umbau der Bobbahn gemäß dem > olympischen Motto „Schneller, höher, stärker“ ist es ebenfalls. (Es wird interessant, ob alle Bobfahrer den Umbau überleben, siehe > Techno-Doping und 18 Gründe: Vancouver.)

Weil das der Bewerbungsgesellschaft München 2018 anscheinend immer noch nicht reicht, wird im Sommer 2010 noch eine Abteilung „Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagement“ eingerichtet. Und weil das anscheinend immer noch nicht genügt, wird zusätzlich ein „Beirat Nachhaltigkeit“ installiert: „Dieser hochrangig mit nationalen wie auch internationalen Experten besetzte Beirat wird die Gesellschafter des Organisationskomitees direkt beraten“ (Eckdatenpapier 24.6.2010).

Nachhaltiger geht es einfach nicht mehr als München 2018!

- Nachhaltigkeit nach dem Deutschen Alpenverein:

Die DAV-Naturschutztagung „Vielfalt im Alpenraum bewahren“ vom 24. bis 26. September 2010 findet in Garmisch-Partenkirchen statt. Ausgerechnet an diesem Ort, der durch die Sportinvestitions-Politik des derzeitigen Bürgermeisters schon schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde und durch künftige Olympische Winterspiele 2018 nahezu irreparabel geschädigt sein würde, lässt der DAV geballt die Bewerbungsgesellschaft 2018 auf dem Forum 3 unter dem Titel „Olympiabewerbung München 2018 – Nachhaltige Bergsport- und Tourismusentwicklung“ zu Wort kommen. Das ist kein Zufall. Hier wird offen für die Bewerbung Propaganda gemacht und diese auch noch als nachhaltig verkauft. (Dazu findet noch eine Exkursion statt unter dem Thema „Olympiabewerbung 2018 – Sportstätten in alpiner Landschaft“.)

Vorschlag zur Umbenennung: DnAV (Deutscher nachhaltiger Alpenverein)

Warum das Nachhaltigkeitskonzept zur Umweltgefahr geworden ist

Mit diesem Untertitel problematisieren die Autoren Ewringmann, Faber, Petersen und Zahrnt im Januar 2012 den Begriff an sich. Ihre Thesen: Die “insgesamt noch verteilbaren Potenziale und natürlichen Ressourcen” sind knapper geworden und führten zur Überschreitung der ökologischen Grenzen. Die Bestrebungen bleiben ungenügend, was auch der Anstieg von Kohlendioxid um 40 Prozent im Zeitraum von 1990 bis 2011 zeigt. Die Wachstumsmodelle kennen keine Grenzen von Naturnutzung. “Es scheint sogar ein weit verbreiteter Konsens zu sein, dass nachhaltige  Entwicklung ohne fortwährendes Wachstum nicht zu haben ist.”
Die Autoren ziehen deshalb die Konsequenz: “Wir müssen uns von harmonisierender Nachhaltigkeitsrhetorik verabschieden.”
Das betrifft alle vorliegenden Konzepte von DOSB, Sportverbänden und Sport-Großereignissen.

Quellen:
Bewerbungsgesellschaft München 2018 GmbH
Begleitende Informationsbroschüre zum Mini Bid Book, München, März 2010
DAV: Vielfalt im Alpenraum bewahren, Tagungsunterlage, Juni 2010
Die Bewerbung um die XXIII. Olympischen und die XII. Paralympischen Winterspiele 2018 – Umwelt- und Nachhaltigkeitskonzept
Die Moderne ist eine Haltung, in Spiegel 25/21.6.2010
Eckdatenpapier Bid Book München 2018, Auszug Umwelt, Stand: 24.6.2010
„Es betrifft auch Wintersportverbände“, Interview in SZ 13.2.2010
Ewringmann, Dieter, Faber, Malte, Petersen, Thomas, Zahrnt, Angelika, Schluss mit der Harmonie! – Warum das Nachhaltigkeitskonzept zur Umweltgefahr geworden ist, in zeitonline 26.1.2012
Fücks, Ralf, Wachstum der Grenzen, in www.boell.de 18.4.2011; zeitonline.de 18.4.2011
Gaines, Jeremy, Jäger, Stefan, Albert Speer & Partner, Ein Manifest für nachhaltige Stadtplanung, Prestel 2009
Lüke, Gabriele, Nachhaltige Chance, in IHK-Magazin für München und Oberbayern 7-8/2010
Pütter, Hermann, Chance verpasst, in Die Zeit 20.4.2011
Rogge, Jacques, Sport und Gesellschaftliche Entwicklung, Vortrag 28.5.2010, TU Darmstadt
Warta, Christina, Das muss die nächsten 30 Jahre halten, in SZ 31.10.2009
www.s20.eu


Kritisches Olympisches Lexikon - Sach- und Personenregister: (112 Einträge)
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