Michael Vesper (* 1952) war 1979 Gründungsmitglied der Partei Die Grünen, Geschäftsführer der Bundestagsfraktion und von 1995 bis 2005 Minister für Bauen und Wohnen in der rot-grünen Landesregierung von Nordrhein-Westfalen. Seit 2006 ist er Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und bekam einen auf fünf Jahre befristeten Vertrag bis zum September 2011, der im Dezember 2010 um eine unbekannte Zeit verlängert wurde. Vesper erklärte: “Es macht mir viel Freude, für die größte zivilgesellschaftliche Organisation der Bundesrepuiblik zu arbeiten” (DOSB 19.12.2010).
Das Argument der 27,5 Millionen Mitglieder im DOSB – worunter auch etliche Zwangsverpflichtete gehören – wird immer häufiger gezielt als Totschlag-Argument eingesetzt.
In dem Amt des DOSB-Generaldirektors geriert sich Vesper nach wie vor als hohes grünes Parteimitglied, Gleichzeitig muss er Lobbyarbeit für die Bewerbung München 2018 betreiben, um die Interessen als DOSB-Generalsekretär zu verfolgen.
- Vesper und Peking:
Im Frühjahr 2008 wurde der chinesische Bürgerrechtler Hu Jia zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er fünf regierungskritische Internet-Artikel verbreitete (Spiegel 7.4.2008). Wolfram Weimer schrieb dazu im August 2008 in Cicero:
„Der Appell des chinesischen Bürgerrechtlers Hu Jia liest sich wie ein Schrei: ‚Wenn Sie nach Peking zu den Olympischen Spielen kommen, dann sehen Sie nicht die ganze Wahrheit. Sie wissen nicht, dass die Blumen, das Lächeln, die Harmonie und der Reichtum gebaut sind auf Leid, Tränen, Gefängnisstrafen, Folter und Blut.’ Sätze wie diese haben Hu Jia zum ersten olympischen Gefangenen gemacht – wegen ‚Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt’. Sein ‚Verbrechen’: Er hat Artikel im Internet veröffentlicht und ausländischen Medien Interviews gegeben. Unerträglich für die autoritären Glamour-Kommunisten in Peking.
Wie Hu Jia geht es Hunderten. Sie wurden drangsaliert, verfolgt, weggesperrt. Und während in den Stadien für Sieger die Nationalhymnen ertönen, rasseln die Panzer durch Tibet, herrscht in den Westprovinzen der Ausnahmezustand und wimmern die Verfolgten in den Kerkern der überfüllten Gefängnisse. Wenn aber westliche Journalisten die Texte von Hu Jia und seinen Leidensgenossen lesen wollen, dann werden sie auf gesperrte Internetseiten treffen. Das chinesische Organisationskomitee bekräftigt nämlich, dass die Sites zensiert bleiben, die dem ‚gesunden Wachstum der jungen Generation’ schaden.“
In dieser Situation verglich Michael Vesper Anfang August 2008 kurz vor Beginn der Olympischen Sommerspiele in Peking die Internet-Zensur in China mit der Sperrung rechtsradikaler Seiten in Deutschland: „Bei uns sind es rechtsradikale Seiten, die gesperrt werden. Und es ist natürlich auch in China so, dass einzelne Seiten gesperrt werden“ (SZ 6.8.2008; Kistner 7.8.2008). Gesperrt wurden von Peking unter anderem die Seiten von Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen, der BBC und der Deutschen Welle.
Mit seinen Äußerungen löste Vesper eine breite Welle der Empörung bei Politikern von SPD und Grünen aus. Die Reporter ohne Grenzen nannten den Vergleich ‚unsäglich’. Der erste Parlamentarische Geschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, Volker Beck, nannte die Äußerungen „absurd und irritierend“. Auch der Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses Peter Danckert (SPD) protestierte: „Wir sprechen über Amnesty International“ (SZ 6.8.2008).
IOC-Vizepräsident und DOSB-Präsident Thomas Bach eilte seinem Generaldirektor nicht besonders geschickt zu Hilfe: „Es gibt immer Bestimmungen zu beachten, beispielsweise pornografische Seiten, Pädophilie, auch besonders gewaltträchtige Seiten, die geblockt werden, nicht nur in China“ (Kistner 7.8.2008). Bach vertrat die offizielle Linie des IOC gegenüber dem chinesischen Regime. Und er stellte damit wiederum einen Zusammenhang her zwischen Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen, der BBC und der Deutschen Welle.
Zwei Tage vor Beginn der Spiele ruderte Vesper etwas zurück und bestritt die Verharmlosung der Internet-Zensur in China. Ihm so etwas zu unterstellen, sei „unfair, falsch und absurd“ (Berliner Morgenpost 7.8.2008).
Das Verhalten von Vesper und Bach ist symptomatisch für das Verhalten des IOC und anderer Sportverbände gegenüber dem diktatorischen Regime in China: Die Konflikte werden heruntergespielt. Wolfram Weimer schrieb im August 2008 zur Haltung des IOC:
„Eine Institution schweigt ganz bestimmt zu alledem: das Internationale Olympische Komitee. Es lächelt, es lobt, es katzbuckelt und kassiert. Es macht sich mit seiner unnötigen Liebedienerei zusehends zum propagandistischen Handlanger des Regimes. Als es die Spiele an Peking vergab, da lockte ein gewaltiger Markt und das Kalkül, China werde die Menschenrechtssituation schon verbessern. Dass das ein Irrglaube war, ist enttäuschend. Dass das IOC das aber verschweigt, wird ein Skandal. Denn in den vergangenen Tagen spielte das IOC nur die schäbige Rolle eines Kollaborateurs …
Auch der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung Nooke mahnt: ‚Kritik an der führenden Partei ist verboten, die chinesische Führung unterbindet jeden Protest. Von freier Meinungsäußerung, Pressefreiheit oder Versammlungsfreiheit kann keine Rede sein.’ IOC-Chef Jacques Rogge findet dagegen alles wunderbar, spricht vom unpolitischen Sport, mahnt Demonstranten, ‚die Leute müssen die Gesetze des betreffenden Landes respektieren’. Und lobt lieber die chinesische Regierung für ihre Bemühungen, das Smogproblem in der Hauptstadt in den Griff zu bekommen.“
Die Olympischen Spiele haben – anders als vom IOC behauptet – weder vorher noch während noch nachher etwas zur Demokratisierung Chinas beigetragen. Amnesty International schrieb schon im Frühjahr 2008: “Es wird immer klarer, dass ein großer Teil der gegenwärtigen Repressionswelle nicht trotz der Olympischen Spiele, sondern gerade wegen ihnen geschieht” (Spiegel 7.4.2008) Auch 2010 sitzen Hunderte tibetischer Nonnen und Mönche im Gefängnis, werden laufend Menschen wegen geringster Vergehen verhaftet und verurteilt (Bork 26.6.2010).
- Vesper und München 2018:
Als der grüne MdL Ludwig Hartmann sich kritisch in der SZ zu München 2018 äußerte, erhielt er kurz darauf Besuch von Vesper, der den Abweichler überzeugen wollte und ihm erklärte: “Deutschland hat sich mit Berlin und Leipzig zweimal blamiert, noch einmal können wir uns das nicht leisten” (Völker 18.11.2010).
In einem Interview in der SZ vom 9.1.2010 betonte Vesper, dass das „Alleinstellungsmerkmal“ der ökologischen Spiele für die deutsche Bewerbung spreche: „Wer global denkt, muss für München sein.“ Hochnäsig urteilte er über die Mitbewerberstädte: „Olympia 2018 wird stattfinden, die Frage ist nur, wo – in Südkorea, in Frankreich oder mit unserem überzeugenden ökologischen Konzept hier in München.“
Annecy hat zum Beispiel auch den – ebenfalls nicht einhaltbaren – Anspruch der CO2-freien Spiele proklamiert, und in Pyeongchang, das sich zum dritten Mal um Olympische Winterspiele bewirbt, sind wirklich fast alle Anlagen vorhanden, im Gegensatz zur Situation in München und den drei Orten im Oberland, wo gerade von der Bevölkerung im Juli 2010 der Austragungsort Oberammergau gekippt wurde und durch das Gut Schwaiganger ersetzt werden soll.
Gleichzeitig behauptete Vesper, es würden nur zwei Prozent der benötigten Flächen neu bebaut, und verwies auf das Konzept der Fachkommission Umwelt mit „18 Leitprojekten“.
Dazu haben wir auf unserer Website unter „18 Gründe gegen Olympia“ viele Kritikpunkte zusammengetragen. In der Fachkommission „Umwelt“ saßen übrigens zu diesem Zeitpunkt von den Naturschutzverbänden nur noch der DAV, der Landesbund für Vogelschutz (LBV) und die Naturfreunde. Die anderen Verbände – Bund Naturschutz in Bayern e.V., der Verein zum Schutz der Bergwelt, CIPRA Deutschland und Mountain Wilderness – hatten die Mitarbeit längst gut begründet eingestellt.
Die Kritiker der Bewerbung diffamierte Vesper in diesem Interview mit den Worten: „Es gibt Einzelne, die fundamental gegen solche Großveranstaltungen sind. Die sind natürlich nicht erreichbar.“ Und er fuhr fort: „Ich werde die Kritiker nicht aus der Verantwortung entlassen, sondern sie mit der Realität unserer Bewerbung konfrontieren, damit sie nicht auf selbst gebastelte Pappkameraden eindreschen.“ (SZ 9.1.2010)
Der bayerische Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Dieter Janecek, erklärte am 9.1.2010 in seinem Blog „Olympia: Schluss mit dem Greenwashing!“, Vesper sei zuallererst Cheflobbyist des DOSB und solle sich überlegen, zumindest für die Zeit der Bewerbung seine Mitgliedschaft ruhen zu lassen.
Die Etikettierung Olympischer Winterspiele als „ökologisch“ oder „nachhaltig“ sei nichts als Propaganda. Janecek sprach sich in diesem Zusammenhang gegen ein Alpen-Disneyland aus, gegen „temporäre“ Anlagen auf sonnigen, schneefreien Südhanglagen in Oberammergau (von der Bevökerung im Juli 2010 vor Ort gestoppt) und gegen den massiven Ausbau der Schneekanonen. Zum Umgang Vespers mit Mitbewerbern schrieb er: „Südkorea hat 83 % seiner Konjunkturprogramme für ökologische Investitionen ausgegeben, Deutschland 13 %. Hochnäsigkeit ist nicht angebracht.“
Als die Bewerbungsgesellschaft München 2018 am Freitag, den 17. September 2010 stolz Lotto Bayern als neuen nationalen Förderer der Bewerbungsgesellschaft München 2018 mit zwei Millionen Euro vorstellte, sagte deren Aufsichtsratsvorsitzender Michael Vesper zuvor: „Trotz Finanzkrise ist es gelungen, einen weiteren Partner hinter der Bewerbung zu versammeln. Das zeigt, dass die Wirtschaft zu der Bewerbung steht“ (SZ 15.9.2010). Lotto Bayern ist ein rein staatliches Unternehmen und dem Finanzministerium angegliedert. Als ihm der bayerische Grünen-Vorsitzende Dieter Janecek vorwarf, dass mit den Geldern der Lottogesellschaft Steuermittel in die Bewerbung fließen würden, entgegnete Vesper: “Nein, das kommt aus dem Werbeetat. Das ist das Geld der Lottospieler.” (Abendzeitung 17.9.2010
Nach zehn Jahren als Minister kennt man natürlich alle Taschenspielertricks. Wahrer werden die Aussagen dadurch nicht.
(Vergleiche auch unter “Aktuelles”: Lotto: Bayern, wie es leibt und lebt)
Und die verkorksten Verhandlungen der Bewerbungsgesellschaft mit den Grundstückseigentümern in Garmisch-Partenkirchen spielte Vesper im August 2010 so herunter: “Wir sind in guten Verhandlungen und arbeiten daran mit der Stadt, dem Staat und den Kommunen. Da passt kein Blatt Papier dazwischen” (merkur-online 19.8.2010).
Auch die Frankfurter DOSB-Zentrale wird von Vesper dominiert. Echo-online schrieb Anfang Dezember 2010: Vesper führt dort “ein eisernes Regiment. Er ist der starke Mann in der neuen DOSB-Struktur. ‘Im Stil einer Dampfwalze macht er alles platt’, sagte jüngst ein ehemaliger Mitarbeiter” (echoonline 2.12.2010).
- Vesper und Sotschi:
Vom 9. bis 12.10.2011 besuchte eine Delegation des DOSB unter Leitung des DOSB-Generaldirektors Vesper den Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014, Sotschi. Vesper lobte die dortige Entwicklung: “Sotschi baue fleißig, Sotschi plane klug, alles im Lot in Sotschi” (Kreisl 19.10.2011).
Da fällt einem sporthistorisch Interessierten doch ein, wie Vesper die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking und das chinesische Regime gelobt hatte.
Vesper wurde in der DOSB-Pressemitteilung so zitiert: “Es entsteht ein riesiges Wintersportzentrum, in dem wir 2014 sicher hervorragende Olympische Winterspiele erleben werden” (DOSB-Besuch in Sotschi: Gut gerüstet für 2014, www.dosb.de 19.10.2011).
Danach werden viele Sporteinrichtungen wieder abgebaut; die vielfältigen Wunden in der Landschaft aber bleiben.
Im Gegensatz zu Vesper kündigte der Generalsekretär des Deutschen Ski-Verbandes (DSV), Thomas Pfüller, im September 2011 “schwierige Spiele” an und warnte vor einer Kostenexplosion für den DOSB (Sotschi: Vesper kritisiert Eingriffe in Natur, in zeitonline 18.10.2011). “Pfüller war ernsthaft besorgt, ob dem DOSB in Zeiten knapper Kassen klar sei, was demnächst, in zweieinhalb Jahren, auf ihn zukommt” (Kreisl 19.10.2011)
Man kann im Nachhinein nur erahnen, was München und Garmisch-Partenkirchen durch die Absage des IOC für 2018 alles erspart geblieben ist.
- Vesper und das Demokratieverständnis
“Ich werde nie vergessen – in öffentlicher Sitzung – den Auftritt des Generaldirektors Michael Vesper, der, von den Abgeordneten gebeten, die Zielvereinbarungen, die der DOSB mit seinen Fachverbänden abschließt, offen zu legen, sich geweigert hat. Und tatsächlich verlangte, dass diese Vereinbarungen, in denen also abgemacht wird, was so ein Verband sich vornimmt für die nächsten Olympischen Spiele und was er dafür für Unterstützung erhält, dass so etwas die Sportorganisationen wie ein Staatsgeheimnis behandelt wissen wollen. Und die Abgeordneten haben das so hingenommen. Der Sportausschuss hätte da natürlich eine Kraftprobe daraus machen können. Aber wenn man keine Kraft hat, lässt man es auch auf eine Probe nicht ankommen” (Reinsch, Michael, FAZ, zitiert nach Hartmann 20.11.2011).
Mit dem Demokratieverständnis ist das so eine Sache. Vesper sprach vor Vancouver 2010 im Bundestag vom deutschen “ewigen Medaillenspiegel” bei Olympischen Winterspielen und versprach, dass man Russland vom ersten Platz verdrängen wolle. Dann brachte er die DOSB-Ewigkeitsrechnung von “118 Mal deutsches Winter-Gold”, wobei der DOSB-Zuliefertrupp “auch die zwei Goldmedaillen Hitler-Deutschlands von 1936 in Garmisch mitgezählt hatte, und dass überdies 39 erste Plätze der DDR mit in dieser Aufstellung kamen, zu deren pharmakologischen Hintergründen man bekanntlich auch besser schweigt” (Catuogno 28.12.2011).
Quellen:
Bork, Henrik, Gefährliche Brüder, in SZ 26.2010
Catuogno, Claudio, Wahrheiten neben dem Treppchen, in SZ 28.12.2011
DOSB verlängert Vertrag mit Michael Vesper, dosb.de 19.12.2010
Falksohn, Rüdiger, Hacke, Detlef, Lorenz, Andreas, Pfeil, Gerhard, Puhl, Jan, Wagner, Wieland, Olympia in Ketten, in Spiegel 7.4.2008
Generaldirektor Michael Vesper, der starke Mann im DOSB, in echo-online.de 2.12.2010
Hartmann, Grit, Sportgespräch – Über die Bedeutung der Sportpolitik im Deutschen Bundestag, in Deutschlandfunk 20.11.2011
Janecek, Dieter, Olympia: Schluss mit dem Greenwashing!, Blog 9.1.2010
Kinast, Florian, Katis neue Charme-Offensive, in Abendzeitung 17.9.2010
Kati Witt soll Olympia-Gegnern Paroli bieten, in merkur-online 19.8.2010
Kistner, Thomas, Nicht ganz angekommen, in SZ 7.8.2008
Kreisl, Volker, Alles klar in Sotschi in SZ 19.10.2011
Lode, Silke, Am Ende zahlt der Staat, in Süddeutsche Zeitung 17.9.2010
Lotto-Millionen für OlympiaBewerbung, in Süddeutsche Zeitung 15.9.2010
Vesper nimmt Vergleich bei Zensur zurück, in Berliner Morgenpost 7.8.2008
Vesper spielt Zensur herunter, in SZ 6.8.2008
Völker, Markus, Auch Grüne wollen weiße Gaudi, in taz.de 18.11.2010
Weimer, Wolfram, Not und Spiele, in Cicero August 2008
Weinreich, Jens, IOC verdient mit Olympia 4,5 Milliarden Dollar, in SZ 6.8.2008
„Wer global denkt, muss für München sein“, in SZ 9.1.2010
Wikipedia
Kritisches Olympisches Lexikon - Sach- und Personenregister: (112 Einträge)
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