Was sind Eliteschulden des Sports?
Die Eliteschulen des Sports wurden in Deutschland Anfang der neunziger Jahre eingeführt – nicht zufällig kurz nach der Wiedervereinigung: Sie sind quasi ein Nachfolge-Produkt des ehemaligen DDR-Sportsystems: „Die meisten Nachfolgeeinrichtungen der Kinder- und Jugendsportschulen der DDR besitzen heutzutage den Status einer ‚Eliteschule des Sports’“ (Wikipedia). Die Standorte der Eliteschulen des Sports im Osten sind u. a. Berlin, Altenberg, Chemnitz, Dresden, Erfurt, Frankfurt/Oder, Halle, Jena, Klingenthal, Leipzig, Magdeburg, Neubrandenburg, Oberhof, Oberwiesenthal, Potsdam, Rostock, Schwerin, Winterberg,
„Eliteschulen des Sports sind Verbundsysteme aus Schule, Wohnen und Sport, die sportlich Talentierte unter dem Leitsatz ‚Weltmeister werden und den Schulabschluss schaffen’ fördern“ (www.dosb.de). Dieser Titel wird vom DOSB im Vierjahresrhythmus vergeben.
Dazu müssen sechs Kriterien erfüllt sein, unter anderem (1) funktionierende leistungsstarke Trainingsgruppen, hochwertige und flexibel verfügbare Trainingsstätten und qualifizierte Trainer, (2) enge räumliche Bündelung von Trainingsstätte, Schule und Wohnraum, zeitliche Flexibilisierung von Schul- und Trainingsabläufen und deren Verzahnung; (4) Ein Leistungssport-Koordinator koordiniert die schulischen und sportlichen Anforderungen und berät Sportler, Eltern, Lehr- und Trainingspersonal; (5) „Der Gedanke des Fairplay, die Zielvorstellung des ‚mündigen Athleten’ und Maßnahmen zur Dopingprävention werden in der Leistungsgemeinschaft deutlich nach innen gelebt und nach außen vertreten“ (www.dosb.de).
Ein Widerspruch an sich: Doping ist ja gerade Ursache und Ergebnis der „Leistungsgemeinschaft“ Spitzensport.
(6) Als sportliche und berufsbezogene Erfolge gelten „Kaderqualifizierungen und Erfolge in den Nationalmannschaften beziehungsweise in erfolgreichen Schulabschlüssen“ (www.dosb.de).
Die DOSB-Webseite erwähnt zwölf bis 14 Trainingseinheiten pro Woche; konkrete Lehrinhalte werden nicht erwähnt. „Alle Eliteschulen des Sports arbeiten partnerschaftlich mit dem Olympiastützpunkt der Region zusammen und profitieren von dessen Serviceleistungen…“ (www.dosb.de) Mittels einer „Roadshow“ als „Tage der offenen Tür“ werden interessierte Besucher angesprochen.
Wenn man konsequent das Ausbildungssystem des Spitzensports weiterdenkt,
wäre der nächste Schritt die Einführung von Elite-Kindergärten: je
früher, umso Spitze.
Arbeitskreis Eliteschulen des Sports (EdS)
Der Arbeitskreis tagt zweimal jährlich und kann den Titel „Eliteschule des Sports“ verleihen, bestätigen oder aberkennen. Folgende Institutionen sind in diesem Gremium vertreten:
DOSB/Bereich Leistungssport (Vorsitz), Sparkassen-Finanzgruppe, Kultusministerkonferenz, Sportministerkonferenz, Stiftung Deutsche Sporthilfe und ein weiteres Mitglied des DOSB.
Der DOSB hat immer gern die Mehrheit (siehe Bewerbungsgesellschaft München 2018 mit 51 Prozent) oder zumindest die Hälfte der Stimmen: Hier kommen von sechs Stimmen zwei vom DOSB und eine von der Deutschen Sporthilfe.
Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband DSGV) und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) zeichnen jährlich eine oder mehrere Eliteschulen des Sports als „beste Eliteschule“ aus (www.dosb.de). DSGV-Präsident Heinrich Haasis (CDU) äußerte zur Unterstützung des Spitzensports durch seine Organisation: „Die Unterstützung seiner Elite ist eine wichtige Aufgabe“ (www.dosb.de).
Wieder wird unreflektiert der Begriff “Elite” verwendet, der für sich genommen gesellschaftlich äußerst problematisch ist.
Die Verbreitung
Derzeit sind 39 (DOSB) bzw. 40 (12. Sportbericht der Bundesregierung, Steinbichler 22.2.2012) ) Eliteschulen vom DOSB anerkannt: Hier werden über 11.300 sport-talentierte Schüler ausgebildet. Sie sollen das „Spannungsverhältnis zwischen hohem Trainingsaufkommen und schulischer Belastung“ mindern (Deutscher Bundestag 3.9.2010, S. 41).
Hier arbeiten über 480 Diplom- und A-Lizenztrainer; in den Sportinternaten 200 Sportpädagogen (ww.dosb.de).
Natürlich wird nicht nur die Zahl der Eliteschulen des Sports laufend erhöht: Auch der Raum, den sich der Sport in der Gesellschaft erkämpft, wird ständig ausgeweitet. Anlässlich der Ski-WM 2011 in Garmisch-Partenkirchen sagte DOSB-Präsident Thomas Bach zu den eingeladenen Vertretern der Eliteschulen nicht von ungefähr: „Die Förderung des Sports ist in den vergangenen Jahren immer besser geworden. Ihr seid die besten Beispiele dafür“ (www.dosb.de).
Wieder einmal angemerkt: Es handelt sich nicht um den Breitensport, sondern um den Spitzensport bzw. Elitensport, der mit immer höheren dreistelligen Millionenbeträgen vom Staat alimentiert wird, siehe 12. Sportbericht.
Im Rahmen und im Gefolge der Bewerbung München 2018 reichten die Münchner Stadträte von SPD und Bündnis 90/Die Grünen am 8. Juni 2011 einen Antrag für eine neue „Eliteschule des Sports“ an der Knorrstraße im Münchner Norden ein. Diese “Eliteschule” des Sports wird u. a. eine Ganztagesschule mit Mensa, einer besondere sportliche Förderung, Trainingsmöglichkeiten am Vormittag, Freistellungen vom Unterricht, eine außerschulische Betreuung bieten – und z.B. eine Dreifachsporthalle mit sieben Metern Raumhöhe (Kronewiter 20.7.2011). Diese Münchner Eliteschule des Sports ist der SPD 2,8 Millionen Euro zusätzlich wert (SZ 2.12.2011) und soll 2016 den Unterricht aufnehmen (Werner 15.2.2012). Der Leiter des Olympia-Stützpunktes, Klaus Pohlen, definierte die Medaillenfixiertheit im Februar 2012: “Seine Zielsetzung sind olympische Medaillen: Gold, Silber, Bronze, am besten in dieser Reihenfolge” (Ebenda).
Der Spitzensport und seine Medaillen haben oberste und einzige Priorität. Dazu passt der Beschluss des Münchner Stadtrats von Juli 2011, wonach kleinere Vereine, Sozialprojekte, Initiativen, aber auch die Volkshochschule mit Einfach- und Kleinsporthallen begnügen müssen. Die 22 Doppel- und 21 Dreifachsporthallen werden künftig nur noch Schulen und denjenigen Münchner Sportvereinen zur Verfügung stehen, “die wettkampforientierten Spitzen- oder Leistungssport ausüben” (Draxel 2.8.2011).
Eliteschule des Sports in Willingen
Wllingen im Sauerland ist Schauplatz eines Weltcup-Skispringens auf der Mühlenkopfschanze. Der Ort mit 6100-Einwohnern baute im Jahr 2000 für 12 Millionen Euro seine Schanze um und muss demnächst für zwei Millionen Euro nachbessern – für ein einziges Skispringen im Jahr mit 30.000 Zuschauern. Der Bürgermeister fragte sich in diesem Zusammenhang: “Wie soll man das denjenigen erklären, die bei mir vorstellig werden und eine verbesserte Kinderbetreuung anmahnen?”
Willingen überhebt sich permanent mit den Kosten dieses Sportereignisses, aber der Ort hat die weiterführende Upland-Schule als Eliteschule des Sports.
Für den Spitzensport ist nichts zu teuer!
„Warum brauchen wir die Eliteschulen des Sports“
Das wurde bei einer Podiumsdiskussion anlässlich einer Roadshow in Potsdam gefragt (www.dosb.de/de). Die Sportler lobten die problemlose sportliche und schulische Ausbildung. Einige Antworten von Verantwortlichen:
Norbert Kleinheyer, der Vertreter der Sparkassen-Finanzgruppe, verwies auf die Unterstützung von München 2018 und äußerte: „Damit dann auch deutsche Athleten Gold gewinnen, müssen wir jetzt den Nachwuchs fördern. Und das funktioniert nirgendwo besser als an den Eliteschulen des Sports.“
Goldmedaillen über elitäre Eliteschulen… Wo bleibt die Chancengleichheit? Im Endeffekt bedeutet diese Aufrüstung des Sports, dass alle Länder, die Medaillenchancen wahrnehmen wollen, ebenfalls Eliteschulen des Sports einführen müssen.
Der thüringische Bildungsminister Christoph Matschie (SPD) postulierte: „Der Sport braucht unsere Unterstützung, und die bekommt er mit Einrichtungen wie den Eliteschulen des Sports“.
Matschie setzt die allgemeine Unterstützung des Sports, also des Breitensports gleich mit dem Spitzensport einer Elite.
Der Vizepräsident des Landessportbundes, Lutz Rösner sagte: „Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, Begabung zu fördern. Deshalb sind die Eliteschulen des Sports so wichtig.“
Rösner vermengt hier geschickt die allgemeine Förderung von Begabung mit der Förderung des Spitzensports. Hier wird eine absolute Minderheit gefördert, einer Elite eben.
Der thüringische Staatssekretär Hartmut Schubert antwortete: „Eliteschulen des Sports sind der Garant für Spitzenleistungen in der Gesellschaft.“
Sie garantieren lediglich Sport-Spitzenleistungen, nicht mehr.
DOSB-Präsident Bach sagte, die Leistungsbereitschaft der jungen Menschen „trägt zur Stärkung der Gesellschaft bei und macht den Sport außerdem zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor.“
Die hunderte von Millionen Euro, die jährlich in den Spitzensport gesteckt werden, könnten anderweitig wesentlich sinnvoller und sozialer eingesetzt werden, vgl. wiederum 12. Sportbericht. Und die Ausweitung des Geschäftsfeldes Sport hat für den DOSB und die Sportverbände oberste Priorität.
Die Eliteschulen des Sports verzerren Ergebnisse
Bei den Olympischen Sommerspielen 2004 in Athen waren wie 2008 in Peking 29 Prozent Schüler oder ehemalige Schüler der Eliteschulen. Bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City 2002 kamen 38 und 2006 in Turin 48 Prozent von Eliteschulen des Sports. In Vancouver 2010 wurden von 152 Sportlern 78 in den Eliteschulen ausgebildet, das waren mehr als die Hälfte (www.dosb.de).
Die Tendenz ist ähnlich wie bei den Sportsoldaten und zeigte sich deutlich bei Vancouver 2010.
Auch andere Sportvereine profitieren von diesen Einrichtungen. So wurde Turbine Potsdam dreimal in Folge Deutscher Meister des Frauenfußballs: „Der Club … profitiert von der benachbarten Eliteschule des Sports“ (Kramer 30.5.2011). Und Fußball-Manager Oliver Bierhoff schwärmte Anfang Juni 2011 über das Programm der 15-Jährigen in den Fußball-Eliteschulen: „Die haben morgens, mittags, abends Fußball – und kaum Urlaub“ (SZ 7.6.2011).
Der nächste Schritt: Hochschule des Spitzensports
Nach der flächendeckenden Einführung der „Eliteschulen des Sports“ geht es weiter: Der DOSB verleiht seit 2007 den Preis „Hochschule des Spitzensports“. Begründung: „Die Leistungen deutscher Sportlerinnen und Sportler im internationalen Vergleich tragen nicht unwesentlich zur Wahrnehmung und zum Ansehen Deutschlands in der Welt bei. Daher liegt die Förderung des Spitzensports im öffentlichen Interesse.“
Gegenrede: Die Leistungen deutscher SportlerInnen tragen zum Ansehen des DOSB, deutscher Sportvereine, deutscher Sportfunktionäre sowie einiger deutscher Sportpolitiker bei und erhöhen die Chancen, an noch mehr öffentliche Mittel zu kommen. Die Förderung des Spitzensports liegt nicht wirklich im öffentlichen Interesse, sondern in eben jenem Interesse des DOSB, deutscher Sportvereine, deutscher Sportfunktionäre und deutscher Sportpolitiker.
“91 Hochschulen hat der ADH (Allgemeiner Deutscher Hochschulsportverband; W.Z.) das Siegel ‘Partnerhochschule des Spitzensports’ veliehen” (Meyer 3.3.2012).
Die Eliteschulen des Sports: danach
Der Begriff der Elite erfährt derzeit gesellschaftlich als auch politisch in vielen Bereichen eine kritiklose Aufwertung und Verbreitung. Allein schon der Begriff „Eliteschule des Sports“ zeigt die Richtung. Ihre Schüler können und sollen sich zu einer Elite zählen: zu einer Elite, die ideologisch und materiell privilegiert ist, ohne dass die Problematik der Elitenbildung irgendwo im geringsten hinterfragt wird. Zu diesem elitären Denken zählt auch das “Elite-Forum” der Deutschen Sporthilfe, das 2005 eingerichtet wurde. Hier treffen “Top-Athleten” auf Eliten aus “Kultur, Wirtschaft und Politik” (Sporthilfe Elite-Forum).
Die Elite-Schulen des Sports funktionieren ähnlich wie eine studentische Verbindung: Man hilft sich weiter, bildet Seilschaften, bleibt in Kontakt, pflegt Beziehungen. Man könnte auch formulieren: Die Abhängigkeiten vom Sport und vom DOSB bleiben lebenslänglich.
Denn der Primat des Sports wird den so Ausgebildeten ein Leben lag prägen und für andere Werte und Qualitäten unempfänglich machen: Und das ist wohl eine der Absichten dieser einseitig strukturierten Zielsetzung.
Ob ein an Eliteschulen des Sports Ausgebildeter sich aus diesen Abhängigkeiten jemals lösen kann und will, scheint zumindest zweifelhaft. Unzweifelhaft ist, dass viele der Spitzen- bzw. Elitesportler nach dem Ende ihrer Sportkarriere durch eben diesen Sport weit mehr körperliche Gebrechen haben als normale Sporttreibende.
Quellen:
Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode, Drucksache 17/2880, 3.9.2010, Unterrichtung durch die Bundesregierung, 12. Sportbericht der Bundesregierung
Draxel, Ellen, “Ich bin geschockt”, in SZ 2.8.2011
Eliteschule des Sports, in SZ 2.12.2011
Kramer, Jörg, Königin Fußball, in Spiegel 22/30.5.2011
Meyer, Lisa, Denn für das Leben trainieren wir, in SZ 3.3.2012
Neues Gymnasium als Eliteschule des Sports, in SZ 9.6.2011
Sporthilfe Elite-Forum, www.sporthilfe.de
Steinbichler, Kathrin, Klassenzimmer im Schnee, in SZ 22.2.2012
Werner, Nicole, Opfer der Zentralisierung, in SZ 15.2.2012
„Wirf bitte woanders hin!“, in SZ 7.6.2011
Wikipedia
www.dosb.de/de/eliteschule-des-sports
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