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Finanzrisiko für Austragungsstätten

Zuletzt geändert am 14.07.2010 @ 13:35
© Foto: Sammlung Gesellschaft für ökologische Forschung / Wolfgang Zängl

©  Text: Wolfgang Zängl, Axel Doering, Sylvia Hamberger, Gesellschaft für ökologische Forschung e.V.

Die Bewerbungskosten

Allein die Bewerbungsaufwand für die Olympischen und paralympischen Winterspiele 2018 wird 30 Millionen Euro kosten, die „aus der Wirtschaft kommen soll(t)en“. Ob es mit den 30 Millionen Euro noch klappt, ist fraglich, denn mit der Finanzkrise wurden die Gönner sparsam. Schon im Oktober 2008 schrieb das Garmisch-Partenkirchener Tagblatt: „Notfalls müssten die Austragungsstätten und der Freistaat einspringen.“

Bis Oktober 2009 hatte die Bewerbungsgesellschaft nur wenig mehr als zehn Millionen Euro für die Bewerbung zusammen bekommen. Im Januar 2010 kam Adidas noch hinzu. Siemens sowie der Allianz-Konzern überlegen noch. Stand Ende Januar 2010: 16 bis 17 Millionen Euro. 30 Millionen sollen es bis Juli 2011 werden.

Der Abgeordnete des Bayerischen Landtags, Ludwig Hartmann (Bündnis 90/Die Grünen) stellte eine Schriftliche Anfrage an die Staatsregierung zur Finanzierung der Bewerbung mit 30 Millionen Euro Kosten. Gesellschafter der Bewerbungsgesellschaft sind der DOSB (51 Prozent), die Landeshauptstadt München (30 Prozent), der Freistaat Bayern (9 Prozent), die Marktgemeinde Garmisch (8 Prozent) und der Landkreis Berchtesgaden (2 Prozent).

Die Anfrage ergab u. a.:

Die Landeshauptstadt München gewährte bereits ein Darlehen über eine und der Freistaat Bayern über 0,5 Millionen Euro. Die Finanzierung der Bewerbung erfolgt anteilig durch alle Gesellschafter – ausgenommen den DOSB.

Von den Kosten trägt München 61,22 Prozent, Garmisch-Partenkirchen 16,33 Prozent, Landkreis Berchtesgadener Land 4,08 Prozent, Bayern 18,37 Prozent, der DOSB: Null Prozent. „Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) beteiligt sich nicht am Ausgleich eines etwaigen Defizits der Bewerbungsgesellschaft.“ (Antwort der Bayerischen Staatsregierung vom 3.12.2009)

Explizit hält die Antwort fest: „Ein eventueller, nicht durch Förderbeiträge von Sponsoren gedeckter Finanzbedarf der Gesellschaft wird ggf. entsprechend der Gesellschaftervereinbarung durch die Gesellschafter Landeshauptstadt München, Freistaat Bayern, Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen und Landkreis Berchtesgadener Land ausgeglichen.“

Das Reichenhaller Tagblatt berichtete in seiner Ausgabe schon am 10. November 2009 aus einer öffentlichen Sitzung des Kreistags des Landkreises Berchtesgadener Land: “Da sich die Sponsorensuche schlechter als prognostiziert entwickelte, sollen die Gesellschafter vorsorglich anteilig weitere 3,1 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Für den Landkreis wären das ca rund 129.000 Euro, sodass die Gesamtsumme 240.000 Euro ist“.

Nimmt man die o.g. Prozent-Anteile der Kosten, lässt sich die jeweilige finanzielle Belastung sehr leicht ermitteln, wenn denn die Deckungslücke auf die 30 Millionen Euro erst einmal transparent gemacht wurde.

Beispiel Deckungslücke 7 Millionen Euro – Belastung für

Stadt München:   4.285.400 Euro
Freistaat Bayern:  1.285.900 Euro
Garmisch-Partenkirchen:  1.143.100 Euro
Berchtesgadener Land: 285.600 Euro
DOSB : 0 Euro

Der 51-prozentige Mehrheitseigner, Verursacher und Hauptnutznießer DOSB ist aus jeglicher Haftung entlassen!

Die Sponsoren:

„Nationale Förderer“ stellen etwa 2,8 Millionen Euro zur Verfügung; dies sind die deutschen Sparkassen, der Münchner Flughafen und der Autokonzern BMW. Anfang 2010 kam Adidas hinzu sowie die Lufthansa, die Sachspenden und kostenlose Flüge beisteuert. „Nationale Ausstatter“ sind die Stadtwerke München, die Messe München und die internationale Wirtschaftsprüfergesellschaft Deloitte.

Ein Problem liegt darin, dass viele der „Förderer“ und „Ausstatter“ städtisch oder staatlich dominierte Unternehmen sind wie der Flughafen München, die Sparkassen, die Stadtwerke  und die Messe München.

Die Stadtpolitik hatte die ganze Bewerbung mit dem Ziel gestartet, dass sie die öffentliche Hand nichts koste. Dabei mussten sowohl Stadt München als auch der Freistaat Bayern bereits ein Darlehen in Höhe von 1,5 Mio € Finanzierungsengpässe bei der Bewerbungsgesellschaft ausgleichen (SZ-online, 7.1.2010). Bislang hat die Bewerbungsgesellschaft 16 bis 17 Millionen gesammelt. (sueddeutsche.de 7.1.2010: Adidas und Siemens setzen auf Olympia)

Am 13.7.2010 erklärte Bewerbungschef Willy Bogner, dass statt 30 nunmehr mindestens 40 Millionen Euro benötigt werden, die aus Steuergeldern kommen sollen; bis jetzt waren 20 Millionen eingesammelt worden.  Er drohte mit Rücktritt.

Am 1.11.2009 überwies die Bewerbungsgesellschaft 150.000 Dollar an das IOC und erklärte damit verbindlich die Kandidatur München 2018. Der DOSB, der mit 51 Prozent an der Bewerbungsgesellschaft beteiligt ist, finanziert natürlich  nicht mit.

(Laufende Chronik einer Bewerbung)

Der Schuldenstand vor den Spielen:

Die Austragungsstätten München, Garmisch-Partenkirchen, Oberammergau und das Berchtesgadener Land mit Schönau am Königssee sind bereits jetzt hoch verschuldet – ebenso wie der Freistaat Bayern durch das immense Debakel der Bayerischen Landesbank und der Hypo Alpe Adria.

München: 2009 war die Landeshauptstadt mit 2,306 Milliarden Euro eine der am höchst verschuldeten deutschen Großstädte (Presseinformation Stadtkämmerei 12.6.2009); die Verschuldung wird 2010 auf 2,520 Milliarden Euro und bis 2013 auf 3,200 Milliarden Euro ansteigen. Laut Kämmerer Ernst Wolowicz könnte es sein, dass angesichts der angespannten Finanzlage die Neubauten für die Olympischen Spiele 2018 kaum noch zu finanzieren seien. (Bielicki, Jan, Münchens Haushalt – zum Gruseln, in: SZ 17.12.2009)

Oberammergau:

Erfolg für die Bürgerinitiative in Oberammergau: Die Bewerbungsgesellschaft hat Oberammergau wegen “massivem Widerstand” den Passionsort aus den Planungen für die Olympischen Spiele 2018 genommen.

Der Ort hatte 2010 bereits 29 Millionen Euro Schulden angehäuft und stand fast das ganze Jahr 2009 unter der Finanzaufsicht des Landratsamtes; die Bergbahn musste verkauft werden. (Effern, Heiner, Eine Passion, die Leiden schafft, in: SZ 14.11.2009) Die Schließung des Hallenbades musste im Frühjahr 2010 über einen Bürgerentscheid verhindert werden.

Berchtesgaden: Der Ort ist 2010 mit 21,2 Millionen Euro verschuldet. (berchtesgadener-anzeiger.de, 27.1.2010)

Garmisch-Partenkirchen: 2009 hatte der Ort laut Landratsamt 111 Millionen Euro Schulden: davon die Gemeinde selbst 41,4 Millionen Euro, die privatisierten Gemeindewerke 46,6 Millionen Euro, die gemeindeeigene Bayerische Zugspitzbahn 23 Millionen Euro. (Effern, Heiner, Garmischer Gratwanderung, in: SZ 30.3.2009)

In Garmisch-Partenkirchen werden schon seit Jahren Millionen Euro in den Ausbau der Wintersport- und Ski-Infrastruktur mit Pistenausbau, neuer Schanze, neuen Bergbahnen und Beschneiungen gesteckt: 1997 bis 2009 addieren sich diese Maßnahmen auf 82,7 Millionen Euro.

Bis zur Ski-WM 2011 wollen die Gemeinde Garmisch-Partenkirchen und die Bayerische Zugspitzbahn (BZB) weitere Millionen in die Skigebiete investieren, für den Ausbau am Schneeferner auf der Zugspitze allein 16 Millionen Euro. Ein Teil dieser Investitionen müsste auch zur Kalkulation der Olympischen Winterspiele gerechnet werden.

Infolge des Klimawandels sind gerade die Beschneiungssysteme mit ihrer Infrastruktur nur kurzfristig wirksame, aber langfristig teure und daher ökonomisch nicht nachhaltige Investitionen. Die Investitionskosten für eine Schneekanone liegen zwischen 29.000 – 35.000 Euro. Das ist pro Schneekanone mehr als der Erlös einer Sozialwohnung beim Verkauf an einen Investor im Jahr 2007 erbrachte. Derzeit werden im Classic-Skigebiet etwas mehr als 90 Schneekanonen eingesetzt.

Es ist wahrscheinlich, dass bei der Beschneiungstechnik mit einem massiven weiteren Ausbau zu rechnen ist. Mit dem Zuschlag für 2018 verpflichten sich die Austragungsorte, die Zusagen – auch für die „Schneesicherheit“ – um jeden Preis einzuhalten.

Was sollen die olympischen Winterspiele 2018 kosten?

Die Kosten werden auf 2,9, bis 3,5 Milliarden Euro geschätzt. Bei diesem Betrag handelt es sich wohl nur um die sogenannten „operativen Kosten“ der Spiele. Hinzu kommen aber Kosten für die „allgemeinen Infrastruktur“ (NON-OCOG-Etat), d.h. die Kosten für den Ausbau der Infrastrukturen, die für Olympische Winterspiele als notwendig erachtet werden und danach anderweitig genutzt werden sollen.  “Es ist alles eine Frage der Buchungstechnik: Was nicht in den OCOG-Etat passt, wird in den NON-OCOG-Etat ausgelagert.” (Jens Weinreich 7.5.2009)

Es kann daher nicht sauber unterscheiden werden zwischen investiven, operativen und organisatorischen Kosten. Darin liegt auch eine länger praktizierte Absicht der Verschleierung der tatsächlichen Kosten Olympischer Winterspiele. Auch die Folgekosten – Abriss oder die nicht unerheblichen Unterhaltskosten der meist völlig unternutzten oder geschlossenen olympischen Bauten – gehen meist in keine Kostenkalkulation ein.

Das IOC geht davon aus, dass jedes beteiligte Land Olympische (Winter)spiele als „tolle Herausforderung für den Ausbau seiner Infrastruktur“ sieht und als „phantastisches Erbe“ nach den Spielen. Je nach bereits vorhandener Infrastruktur seien diese Kosten unterschiedlich hoch. „Das sind keine Kosten der Spiele“ sagte dazu Jacques Rogge in einem Fernsehinterview. („Phoenix“, 8.2.2010)

In den Olympischen Vorgängerstädten Vancouver und Sotchi sind die Ausbau-Kosten schon während der Bauarbeiten explodiert. Das Defizit in Vancouver wird nach Auskunft des Finanzministers von British Columbia im Juli 2010 bei mindestens 950 Millionen kanadischer Dollar (etwa 713 Mill. €) liegen. Die Regierung der Provinz British Columbia musste eigens ein Gesetz erlassen, um der Stadt Vancouver einen dreistelligen Millionenkredit zu ermöglichen, da die Baufirma des Olympischen Dorfes in Konkurs gegangen war: Auch dies zahlen letztlich die Steuerzahler. Das Organisationsbudget von Sotschi lag ursprünglich bei 1,5 Milliarden US-Dollar; die Kosten der Spiele  werden auf 25 Milliarden Dollar geschätzt.

Was kommt durch die Olympischen Winterspiele „München + 2“ an Baukosten auf den Staat und die Gemeinden zu?

Vorläufige Auflistung der Baukosten für die Olympischen Winterspiele:

Stand Januar 2010: Da in Garmisch-Partenkirchen z.Zt. vor allem aufgrund der ungeklärten Standortfrage für Snow-Village und Mediendorf immer wieder umgeplant wird, kann sich die Baukosten-Auflistung noch ändern:

Garmisch-Partenkirchen

Neue kleine Schanze:  8 – 12  Mio €
Snow-Village, neue Halle und „Mediendorf“:  176 – 233  Mio €
Kosten der „Umweltausgleichsprojekte“ : 36 – 54 Mio €
Weiterer Ausbau Skipisten Gudiberg u. Hausberg:  3 – 4  Mio €

Nicht bekannt ist, welche Pistenausbauten und -verbreiterungen – z.B. an der Kandahar – für 2018 – also in acht Jahren – vom IOC gefordert werden. Bei der geforderten Breite Olympischer Pisten ist ein weiterer Ausbau absehbar.

Oberammergau

Inzwischen durch den Widerstand der örtlichen Bevölkerung im Juli 2010 gestrichen.

Die Kosten für die temporären Sportstätten und Loipen für Biathlon und Langlauf wären auf ca. 27 Millionen Euro geschätzt. Zehn Prozent wären laut Bürgermeister zu gleichen Teilen auf Bund, Land und Kommunen. Das hätte für Oberammergau eine Belastung von ca. eine Million Euro bedeutet. Aus den ersten Vertragsentwürfen ging hervor, dass die Gemeinde für die Schäden und Reklamationen und andere Nachfolgekosten hätte haften sollen.

Schönau am Königssee

Der Landkreis Berchtesgadener Land sprang für den ursprünglich geplanten WM-Ausrichter Cortina d’Ampezzo ein, der die Umbauten der dortigen Bobbahn nicht finanzieren konnte. Ein Teil dieser Investitionen muss zur Kalkulation der Olympischen Winterspiele gerechnet werden.

Ausbau der Bob-, Rodel- und Skeletonbahn 2010:  22 Mio €
Neue Ammoniak-Anlage für die Vereisung:  2 Mio €
Verbindungsstraße zum Eiskanal: 3 Mio €
(ausschließl. für Sportler und IOC-Funktionäre)
Neue Sporthalle für Anschub-Training: 3 Mio €

Die Frage ist also: „Kommt die Olympia-Deluxe-Modernisierung für 30 Millionen Euro oder muss die etwas abgespeckte weltmeisterschaftstaugliche Aufrüstung reichen?“ (Effern, Heiner, Eiskanal Deluxe, in: SZ 31.10.2009). Hinzu kommen Zuschauertribünen und die Infrastruktur um die eigentlichen Sportstätten.

München

Die Um- und Ausbauten für die Sportstätten beschreiben wir unter München.

Zwischen 820 und 1.100 Millionen Euro sollen durch und für die Olympischen Winterspiele 2018 in Münchens Infrastruktur fließen; davon sollen zwischen 272 und 435 Millionen aus Steuergelder von Bund, Freistaat und Stadt bezahlt werden. Die „Sondermittel“ werden aber inzwischen infrage gestellt. Für die Bewältigung des von den Spielen generierten Verkehrs sollen allein in überregionale Straßenprojekte mehr als 2 Milliarden Euro gesteckt werden, in die Schieneninfrastruktur ca. 350 Millionen (Verhältnis etwa 6 : 1)( Vgl. 18 Gründe: Verkehr)

Bei diesen Berechnungen geht es nur um Schätzungen, nicht um die tatsächlichen Baukosten. Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Gemeinden für Schäden und Reklamationen sowie für Folgekosten wie Instandsetzungen und Unterhalt selbst aufkommen müssen.

Experten warnen zudem vor Energieknappheit (Stichwort „Peak Oil“) und weit höheren Energiepreisen. Damit werden die wirklichen Kosten unkalkulierbar. Es stellt sich dann auch sehr schnell die Frage, ob wertvolle Energie wirklich noch für Beschneiungssysteme etc. oder besser für wichtigere Aufgaben verwendet werden sollte.