- Bewerbung:
Bei der Bewerbung 2014 hatte Sotschi ein Organisationsbudget von 1,5 Milliarden Dollar, Pyeongchang von 1,26 Milliarden Euro und Salzburg von 965 Millionen Dollar. Letztlich war es ein Duell der Konzerne Gazprom und Samsung. Der russische Präsident Putin setzte sich persönlich für seinen Urlaubsort Sotschi am Schwarzen Meer ein.
„Doch Sotschis Agenten hatten 100 Millionen Euro lockergemacht, hieß es in Bewerberkreisen. Und Ex-KGB-Zar Wladimir Putin ließ IOC-Chef Jacques Rogge den Energieriesen Gazprom als Topsponsor andienen, von sagenhaften Konditionen war die Rede. Zur Kür in Guatemala flogen die Russen eine Antonow mit 70 Tonnen Material ein, um in den Tropen eine Freilauf-Eisfläche zu installieren. Deren Besuch war den IOC-Mitgliedern per Ethik-Kodex verboten, doch nicht alle hielten sich daran. Schließlich lockten allabendlich Kaviar, Tanz und nette Mädels“ (Kistner, Juni 2008).
Thomas Kistner kam zu dem Schluss: „Nie wurde Olympia schamloser versteigert.“ Juan Antonio Samaranch hatte 2006 schließlich die entscheidenden Stimmen für Sotschi 2014 besorgt, da er immer noch ein Kontingent von 30 bis 40 IOC-Stimmen kontrollierte.
- Klimaerwärmung:
In Sotschi mit seinen 300 Sonnentagen pro Jahr werden erstmals Olympische Winterspiele in einer subtropischen Stadt unter Palmen stattfinden. Die Höchsttemperatur im Januar 2010 lag bei 19 Grad plus. Dabei wies IOC-Präsident Jacques Rogge vor der Vergabe an Sotschi auf den Klimawandel hin – aber wieder einmal ohne Konsequenzen:
„Die Auswirkungen der globalen Erwärmung werden die Vergabe der Olympischen Winterspiele 2014 im kommenden Juli maßgeblich beeinflussen … Wir werden genau beobachten, wie sich der Klimawandel auf die drei Bewerberorte auswirken wird. Die voraussichtlichen Schneebedingungen spielen bei der Vergabe der Olympischen Spiele 2014 eine entscheidende Rolle. Kunstschnee ist keine Alternative, weil der auch nur bis zu Temperaturen von plus sechs Grad anwendbar ist“ (spiegelonline 10.2.2007).
- Sport-Neubauten:
Bislang gab es nur einen einzigen Lift im vorgesehenen Skigebiet Krasnaja Poljana und keine einzige Skipiste. Alle Wettkampfstätten mussten neu errichtet werden. Die meisten von ihnen werden im Nationalpark Sotschi gebaut, der ein Weltnaturerbe ist. Auch das kaukasische Biosphärenreservat, ist von den Bauarbeiten bedroht (alpMedia 19.7.2007).
„Auf 537 Hektar soll ein Netz aus 14 Seilbahnen entstehen, 55 Kilometer Piste, davon acht olympisch für Abfahrt, Slalom, Super-G, Snowboard und Freestyle. Geplant ist ein Vier-Sterne-Hotel mit 600 Zimmern, dazu drei Stadien für 14 000, 15 000 und 18 000 Zuschauer“ (Grossekathöfer 2.2.2009).
- Kosten und Finanzierung:
Als Gesamtkosten waren für Sotschi 2014 zunächst 8,6 Milliarden Dollar kalkuliert. 2007 lagen die Kosten schon bei 25 Milliarden Dollar und 2010 bei über 30 Milliarden Dollar. Allein die Stromversorgung soll zwei Milliarden Dollar kosten. In diesen Kosten sind die Folgekosten der Umweltschäden noch gar nicht enthalten.
Das Organisationskomitee für Sotschi soll Sponsorenverträge über eine Milliarde US-Dollar abgeschlossen haben: unter anderem mit dem Ölkonzern Rosneft, der Sberbank, der Fluggesellschaft Aeroflot und dem Konzern Rostelekom (SZ 29.12.2009).
Die zehn reichsten russischen Geschäftsleute mussten auf Druck von Putin der staatlichen Sportförderung zusätzliche Finanzhilfen in Milliardenhöhe gewähren; auch die Stiftung Russische Olympioniken (SRO) um die Oligarchen Roman Abramowitsch und Oleg Derpaska musste einspringen (Hahn 2.10.2008).
Ende Oktober 2010 wurde der russische Mafiaboss Eduard Kakosyan in der Stadtmitte von Sotschi erschossen. Er war als Immobilienmakler mit Baumaßnahmen für die Winterspiele befasst. (SZ 27.10.2010)
- Naturzerstörung statt Grünes Erbe:
Nach Auskunft der „Umweltwache Nordkaukasus“ wurden für die Spiele 20 000 Hektar Wald abgeholzt, einzigartige Quellenlandschaften zerstört und Tierpopulationen vertrieben (Grossekathöfer 2.2.2009).
Die Baustelle im Sumpfgebiet der Imereti-Bucht war vorher Brutplatz für vom Aussterben bedrohte Zugvögel. Naturschützern zufolge entstehen 84 Prozent der olympischen Wettkampfstätten in einem Nationalpark.
Das Biathlon-Zentrum, die Skipisten und die Hotelbauten gleichen einem ökologischen Albtraum. Selbst der russische Umweltminister sagte nach der Besichtigung: „Unsere Baustellen sehen furchtbar aus“ (Zekri 19.3.2009).
„Damit Gazprom in Ruhe bauen konnte, waren die Schutzauflagen des Nationalparks gesenkt worden. Die Umweltwache klagte. Im Oktober gab ihnen ein Gericht in der Stadt Majkop recht. ‚Zwei Wochen waren alle Bauarbeiten in Krasnaja Poljana illegal’, sagt Dimitrij, ‚auch die Olympia-Anlagen’. Dann kassierte ein Bezirksgericht das Urteil. Die Welt war wieder normal“ (Zekri 29.9.2008).
Über zwei neue Frachthäfen, für die es keine Baugenehmigung gibt, sollen die Millionen Tonnen Baumaterial angeliefert werden. Das Flussbett der Mzymta wird eine Trasse für Bahn und Autobahn. Der Herausgeber der Sochi Gazette sagte dazu: „Die Mzymta war in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts für die Wasserversorgung wichtig, aber das ist jetzt nicht mehr der Fall“ (Lee 15.6.2010).
Der WWF beendete gerade die Zusammenarbeit mit einem Baukonzern, weil seine Vorschläge ignoriert wurden, und beklagte, dass für den Bau von Straßen und Bahntrassen einzigartige Wälder mit seltenen Tier- und Pflanzenarten zerstört worden seien. Auch wurden Nationalparkgrenzen geändert, um Gazprom einen Straßenbau zu einem firmeneigenen Kurort zu ermöglichen.
Auch in Sotschi wird es jede Menge “White Elephants” geben; Umnutzungen werden schon geplant:
„Aus dem Eishockeystadion soll ein Sport- und Kongresszentrum werden, aus dem Eiszentrum eine Handels- und Ausstellungsstätte, aus dem Pressezentrum ein weiteres Handelszentrum, aus dem Olympiapark ein Themenpark. Und was wird aus den 42 437 Hotelbetten, die das Olympische Komitee vorgeschrieben hat?“ (Nienhuysen 9.6.2010).
Das > Grüne Erbe der Olympischen Spiele in Sotschi ist wieder einmal: Zerstörung und Vertreibung, Desaster und Ruin.
Und da im März 2011 der gerade modernisierte Flughafen in Sotschi wegen Nebels geschlossen werden musste, wird nun noch eine 170 Kilometer lange Schnellbahnstrecke von Krasnodar nach Sotschi gebaut (SZ 24.3.2011).
- In Sotschi:
Viele Bewohner befürchten ihre Enteignung, die beschleunigt über das „Olympiagesetz 310“ erfolgen kann. Für die Spiele müssen tausend Familien umziehen. Die Immobilienpreise sind explodiert. Lokaljournalisten berichten, dass der Staat auf den Verzicht von umwelt- und sozialkritischen Artikeln drängt. Als im April 2008 das Olympische Komitee einflog, verordnete die Obrigkeit strenge Regeln:
„Für alte Autos wurde ein Fahrverbot verhängt, erzählen Anwohner. Studenten wurden in Polizeiuniformen gesteckt, weil die Beamten kein Englisch sprachen. Alles für Olympia … Die Olympischen Spiele haben die Immobilienpreise explodieren lassen. 100 Quadratmeter kosten auf dem freien Markt 100 000 Dollar.“ – „Die Menschen sollten sich nicht so anstellen, hat der Bürgermeister mal gesagt, in China werde auch anstandslos umgesiedelt …“ (Zekri 29.9.2008).
- Wahlen in Sotschi:
Am 26. April 2009 war in Sotschi Bürgermeisterwahl. Der Bürgermeisterkandidat Boris Nemzow kritisierte, dass „ein Land mit einem Haushaltsdefizit von etwa 100 Milliarden Dollar nicht 13 Milliarden für Olympische Spiele ausgeben sollte“ (Nienhuysen 25.3.2009). Er sprach sich gegen den Wahnsinn der Winterspiele aus und wies darauf hin, dass allein für das künstliche Eis fast 70 Prozent des städtischen Stroms benötigt werde. Nemzow schrieb an Medwedew: „Die hohen Kosten und zu erwartende Umweltschäden stellten die Stadt vor eine Zerreißprobe.“ Er kritisierte die Spiele in Sotschi als „Abenteuer“; auch würde die Eispaläste und Stadien später niemand mehr nutzen.
Putin forderte, dass der künftige Bürgermeister ein „verantwortungsvoller und professioneller Mann“ sein sollte (Nienhuysen 25.3.2009). Nemzow wurde Ammoniak in die Augen geschüttet; der Täter blieb unbekannt. Sein Team wurde mit Razzien und Festnahmen überzogen. Der Chefredakteur der Lokalzeitung musste zurücktreten, nachdem er Nemzow unterstützt hatte. Das Lokalfernsehen sendete Schmähberichte gegen Nemzow. Die Zeitung Wremja Nowostej bilanzierte:
„Pachomow [der bisherige Bürgermeister, W. Z.] herrscht ohne jede Einschränkung. Die Wahl findet in einem absoluten Informationsvakuum statt, das von den Behörden für alle errichtet wurde, außer für den Kandidaten von Einiges Russland“ (Nienhuysen 25.4.2009).
Die Partei Einiges Russland drohte den 293 000 Wahlberechtigten mit dem Verlust des Arbeitsplatzes, falls sie nicht für Pachomow stimmten. Schließlich erhielt Anatolij Pachomow von der Kreml-Partei Einiges Russland 76,7 Prozent, Nemzow 13,7 Prozent. Die russische Opposition beklagte vielfache Wahlfälschungen (Nienhuysen 28.4.2009).
Im Oktober 2010 vereinbarten Putin und der Formel-1-Vermarkter Bernie Ecclestone, dass in Sotschi ein Grand-Prix-Kurs für 200 Millionen Dollar gebaut wird: Das erste Rennen soll dort im Herbst 2014 stattfinden. Dann sind eine Reihe der Wintersportanlagen für die Olympischen Spiele längst wieder abgebaut, da sie nicht mehr gebraucht werden. (Vgl. Nienhuysen 15.10.2010)
- Sotschi und das IOC:
Das IOC-Mitglied Jean-Claude Killy (früherer Skirennfahrer und jetziger Chef von Coca-Cola Frankreich) sagte: „Der russische Diamant funkelt mit jedem Tag stärker.“ Und laut IOC-Präsident Rogge wird Russland mit Sotschi bald „einen Wintersportort von Weltniveau“ besitzen, „ohne das einzigartige Ökosystem der Region“ anzutasten (Becker 11.2.2010).
Der Präsident des Internationalen Skiverbandes Gian Franco Kasper stellte dagegen im Oktober 2010 fest: “Es wird noch viel Kritik und viele kleine Skandale geben.” Es sei “die größte Baustelle der Welt” mit 40.000 Arbeitern. Kasper benannte 22.000 benötigte Hotelzimmer, die noch nicht gebaut seien und warnte vor “White Elephants” (SZ 23.10.2010).
Quellen:
Ahrens, Peter, Olympias Retter, Olympias Verräter, in spiegelonline 21.4.2010
alpMedia 19.7.2007; Angriff mit Ammoniak auf Kreml-Kritiker, in SZ 24.3.2009
Bandenkrieg um Olympia, in SZ 27.10.2010
Becker, Thomas, Putinsche Dörfer, in SZ 11.2.2010
Eklat um Sotschi, in SZ 17.2.2010
Flughafen geschlossen, in SZ 24.3.2011
Furcht vor Elefanten, in SZ 23.10.2010
Grossekathöfer, Maik, Putins Märchen, in Spiegel 6/2.2.2009
Hahn, Thomas, Nur Geld, keine Liebe, in SZ 2.10.2008
Keil, Christopher, Geld gegen Gemeinschaft, in SZ 4.12.2008
Kistner, Thomas, So korrupt ist das IOC, in Cicero 6/2008
Kistner, Thomas, Sotschi und das Nichts, in sueddeutsche.de 3.7.2007
Lee, Jeff, Security and environmental concerns, cost overruns: Russia readies for Games, in Vancouver Sun 15.6.2010
Nienhuysen, Frank
- Vollgefressene Kater, in SZ 2.3.2010
- 42 437 Hotelbetten für einen Kurort, in SZ 9.6.2010
- Protest unter Palmen, in SZ 25.3.2009
- Schmutziger Wettkampf in der Olympiastadt, in SZ 25.4.2009
- Putin holt sich die Formel 1, in SZ 15.10.2010
Olympia mit Kunstschnee für Rogge kein Thema, in focus.de 10.2.2007
Pfeiffer, Frieder, Winterspiele unter Palmen?, in spiegelonline 3.7.2007
Razzia in Sotschi, in SZ 6.4.2009
Schaulaufen mit unerlaubten Hilfsmitteln, in sueddeutsche.de 5.7.2007
Tankstellen für Sotschi, in SZ 25.2.2009
Vorwürfe nach Wahl in Sotschi – Russische Opposition beklagt „massenhafte Fälschungen“; in SZ 28.4.2009
Wahl in Sotschi, in SZ 27.4.2009
Weinreich, Jens, Londoner Lüge, in SZ 7.10.2007
Zekri, Sonja
- „Dunkle Wolken über den Ringen – Bürgermeisterwahl bereitet Olympiastadt Sotschi neue Probleme, in SZ 19.3.2009
- Wut und Spiele, in SZ 29.9.2008
- 2014 ohne Gazprom, in SZ 29.12.2009
Kritisches Olympisches Lexikon - Sach- und Personenregister: (112 Einträge)
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