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Korruption

 
Zuletzt geändert am 26.01.2014 @ 11:56

Je mehr Fernsehübertragungen von Sportevents, umso mehr Gelder für Fernsehrechte, umso höhere Überweisungen von Sponsoren – und umso mehr Korruption. Hier könnte eine endlose Aufzählung von Korruptionsfällen im Spitzensport, bei der Vergabe von Olympischen Spielen, Fußball-Welt- und Europameisterschaften etc. erfolgen. Natürlich muss man auch den ISL/ISMM-Skandal erwähnen, bei dem eine dreistellige Millionensumme Schweizer Franken von der Agentur ISL (die Horst Dassler 1977 gegründet hatte) an Sportfunktionäre geflossen ist. „In der Insolvenzschlacht flog auf, dass sie (die ISL; W.Z.) hohe Funktionäre des Fußballs und anderer Sportarten mit der unvorstellbaren Summe von 141 Millionen Schweizer Franken geschmiert hatte“ (Kistner 2012, S. 16).
In der Nolympia-Chronologie ist eine Menge weiteres Material zum Thema Korruption zu finden.

Richtig eingestiegen in Korruption sind das IOC, die Fifa und die internationalen Sportverbände ab 1980 unter der Ägide von Horst Dassler von Adidas. Dassler entwickelte drei Schritte der Markteroberung: Im ersten Stadium wurde den Athleten Geld für das Tragen von Adidas-Produkten angeboten; im zweiten Stadium wurde die Kontrolle über die Sportverbände angestrebt. Das dritte Stadium ab 1976 war die strategische Werbung. Dazu schuf Dassler eine Abteilung für Sportspionage, die berüchtigte „Sportpolitische Abteilung“.
Er inthronsierte unter anderem Joao Havelange (Fifa-Präsident von 1974 bis 1998 und IOC-Mitglied), Juan Antonio Samaranch,(IOC-Präsident von 1980 bis 2001), Sepp Blatter (Fifa-Präsident von 1998 bis heute) und förderte Thomas Bach (DOSB-Präsident seit 2006). Dassler führte üppige „Provisionen“ und „Honorare“ für Sportfunktionäre und Sportler ein und schaffte zusammen mit Samaranch beim IOC die Abschaffung des Amateursportlers bei Olympischen Spielen. Damit begannen die großen Gelder zu fließen. Und damit begannen Korruption, Schiebungen bei der Vergabe von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften, Europameisterschaften und Funktionärsposten.

Zur ISL/ISMM-Korruptionsaffäre schrieb Carlos Hanimann: „Warum aber wurden die SchmiergeldempfängerInnen nicht belangt? Die Bestechung von Privatpersonen (als solche gelten die Funktionäre der Fifa, die nach Schweizer Recht ein Verein ist) war im fraglichen Zeitraum nicht strafbar. Erst seit 2006 ist der Tatbestand im Gesetz für unlauteren Wettbewerb verankert. So sind die während des Prozesses beschuldigten Fifa-Funktionäre rechtlich nicht belangbar. Klagen könnten in einem solchen Fall nur die beteiligten Personen, also die aktiv bestechenden oder die bestochenen, oder Dritte, denen ein Nachteil entstanden ist. Und genau deshalb war Korruption ein perfektes System: Beide Seiten profitieren, niemand klagt“ (Hanimann 22.1.2009).

Drei Beispiele von vielen:

Vergabe Olympischer Spiele:
Am 11.12.1998 sprach Marc Hodler, der 20 Jahre im IOC für olympische Bewerbungen zuständig war, in der  IOC-Zentrale in Lausanne über Bestechungen und löste die größte Krise der olympischen Bewegung aus: Er berichtete über „klare Korruption“, über „organisierten Stimmenkauf, schmutzige Werbekampagnen.” Hodler sagte, er “kenne keine Stadt, die Olympische Spiele auf ‚unangreifbare Weise’ erhalten habe“ (Brinkbäumer u.a. 21.12.1998).
Vergleiche im Kritischen Olympischen Lexikon: Weber, Jean-Marie

Fußball-WM 2022:
Sie wurde ausgerechnet in den heißen Wüstenstaat Katar vergeben, der für die WM die unglaubliche Summe von 140 Milliarden Dollar investieren wird! Bayern-Präsident Uli Hoeneß kommentierte: „Offensichtlich hat heutzutage nur noch eine Bewerbung Erfolg, wenn zusätzlich Zahlungen unter dem Tisch gemacht werden“  (Smoltczyk 25.5.2012).
Vergleiche im Kritischen Olympischen Lexikon: Katar-Sport

Fußball-EM 2012 in Ukraine/Polen:
Dass bei der Wahl Ukraine/Polen nicht alles mit rechten Dingen zuging, wird schon länger gemunkelt. Uefa-Chef Michel Platini wurde am 26.1.2007 mit den Stimmen der osteuropäischen Uefa-Vertreter gewählt. Obwohl die Bewerbung Ukraine/Polen im Prüfbericht als “inadequat” bezeichnet wurde, gewann am 18.4.2007 Ukraine/Polen die EM 2012 völlig überraschend mit 8 zu 4 Stimmen gegen das favorisierte Italien. Im Mai 2009 suchte ein ehemaliges Vorstandsmitglied des Fußballverbandes von Zypern den Kontakt zur Uefa und berichtete von rund elf Millionen Euro Schmiergeldern an vier Mitglieder des zwölfköpfigen Vorstands der Uefa.
Die Uefa tat in der Folgezeit alles, um der Angelegenheit nicht nachzugehen
(Kistner SZ 5.6.2012).
Der ukrainische Multimillionär und Verbandschef der Ukraine, Grigori Surkis, kaufte 1993 Dynamo Kiew. 1995 sollte ein spanischer Schiedsrichter von Dynamo Kiew bestochen werden. Surkis’ Bruder Igor wurde wegen Verwicklung in diesen Fall lebenslang gesperrt; sein Bruder machte ihn 1998 zum Clubchef von Dynamo Kiew. Grigorij Surkis wurde 2004 Mitglied der Uefa-Exekutive und ein wichtiger Wahlhelfer Platinis. Sein rumänischer Uefa-Kollege Mircea Sandu soll zwei Millionen für die Wahl Ukraine/Polen erhalten haben (Ebenda). “Mucksmäuschenstill blieb Marios Lefkaritis aus Zypern. Der ebenso unauffällige wie einflussreiche Rohstoffmagnat ist Uefa-Vizepräsident und Finanzchef, überdies sitzt er im Fifa-Vorstand” (Ebenda).
“Platini macht derzeit keine positiven Schlagzeilen… Die EM in Polen und der Ukraine ist sein Kind. Denn die Vergabe des Turniers nach Osteuropa war, da sind die Meinungen einheitlich, ein Dankeschön an seine Wahlhelfer aus jener Region, allen voran an den dubiosen ukrainischen Verbandschef Grigorij Surkis… Dass Platini im Januar 2007 auf dem Uefa-Kongress in Düsseldorf den Schweden Lennart Johansson aus dem Amt verdrängen und neuer Verbandspräsident werden konnte, hatte er vor allem drei Männern zu verdanken: Surkis, dem undurchsichtigen zypriotischen Öl-Magnaten Marios Lefkaritis und Blatter. Allein diese Aufzählung ist kein Ruhmesblatt für Platini…” (Weinreich 4.6.2012).
“Schweigen, Wegschauen, das gehört im Sport zum Geschäft. Vielleicht kommt der Reisende ja auch mit dieser Erkenntnis aus der Ukraine zurück: dass der Fußball dem umstrittenen Ausrichter seiner Europa-Festspiele gar nicht so unähnlich ist” (Catuogno SZ 6.7.2012).

Jens Weinreich schrieb in Zusammenhang mit dem Korruptionsfall ISL/ISMM: „Warum gewähren Politiker aller Couleur mafiösen Vereinen wie der Fifa oder IOC Steuerbefreiungen und erfüllen andere Sonderwünsche? Die Sportfürsten kassieren Schmiergelder, handeln privat in großem Stil mit WM-Tickets und werden auf roten Teppichen wie Staatsgäste empfangen. Vertreter des für Hochleistungssport zuständigen Bundesinnenministeriums zählen international stets zu den Bremsern, wenn mal versucht wird, die strukturelle Korruption im Sportbusiness einzudämmen, wie zuletzt im Europarat.Das ist eine Schande. Dabei hätten gerade die Deutschen allen Grund, Aufklärung zu betreiben. Denn die moderne Sportkorruption in Fifa, IOC und anderen Weltverbänden ist ein Gespenst aus Deutschland. Nicht nur das Vermarktungssystem von milliardenschweren Mega-Events – umfassende Exklusivrechte für einen kleinen Kreis von Sponsoren – wurde von einem Deutschen erfunden. Nein, dieser Visionär, der vor rund dreißig Jahren das Sportbusiness umkrempelte, hat den Weltsport zugleich mit einem engmaschigen Korruptionsnetz und mit seinen personellen Kreationen überzogen. Es war der damalige Adidas-Chef Horst Dassler, der die Bestechungsagentur ISL gründete. Zu Dasslers engsten Freunden zählte: Joseph Blatter“ (Weinreich 17.7.2012).

Wer sich für den aktuellen Stand der schmutzigen Geschäfte um Blatter und Fifa interessiert, dem sei das Buch von Thomas Kistner empfohlen: Fifa-Mafia, Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball, München2012.

Sotschi – Kasper: Ein Drittel für Korruption
Im Interview mit dem Schweizer Fernsehen SRG schätzte FIS-Präsident Gian-Franco Kasper, dass von den umgerechnet 50 Milliarden Schweizer Franken für  Sotschi 2014 rund ein Drittel auf das Konto Korruption gehen. Kasper erwartet angesichts der 50.000 Polizisten und Soldaten „herzlose Spiele“. In den meisten Stadien sei die Anzahl der Zuschauer aus Sicherheitsgründen halbiert worden. Kasper nannte Putin eine „eiskalte Persönlichkeit“. Und wenn der Gigantismus so wie in Sotschi weitergeht, werde sich die Olympische Bewegung „selber auffressen“ (Brotz, Sandro, Korruption frisst ein Drittel der Gelder, in SRF 8.1.2014). Kasper geht davon aus, „dass rund ein Drittel des Rekordbudgets von rund 51 Milliarden Dollar für die Spiele und die damit in Zusammenhang stehenden Infrastrukturmaßnahmen in korrupte Geschäfte gefglossen ist. Bauverträge seien vor allem mit Günstlingen des russischen Präsidenten Wladimir Putin und des Kreml geschlossen worden, die ‚Baumafia‘ habe vom olympischen Geist enorm profitiert“ (Olympischer Kannibalismus, in faz.net 14.1.2014).
Der russische Eisenbahnchef (und Putin-Spezl) Wladimir Jakunin pöbelte daraufhin Kasper an, wie dieser denn dazu komme, zu behaupten, ein Drittel sei gestohlen worden. (Der russische Oppositionspolitiker Boris Nenzow schätzte die Korruption sogar auf zwei Drittel der Gesamtausgaben.) „Jakunin ist einer der reichsten und einflussreichsten russischen Industriellen. Er gilt als enger Vertrauter des Präsidenten Wladimir Putin. In dessen St. Petersburger Vorleben besassen sowohl Putin als auch Jakunin Häuser in der Datschenkooperative «Osero». Alle ehemaligen Datschennachbarn Putins bekleiden heute hohe Staatsämter“ (Putin-Freund schießt scharf gegen Gian-Franco Kasper, in suedostschweiz.ch 17.1.2014).

Vergleiche zu Korruption auch: Blatter, Sepp; Fifa; IOC; Samaranch, Juan Antonio

Quellen:
Brinkbäumer, Klaus/Geyer, Matthias/Wulzinger, Michael, Olympia – Rutschbahn vom Himmel, in Spiegel 52/21.12.1998
Catuogno, Claudio, Höchste Zeit, in SZ 6.7.2012
Hanimann, Carlos, Bar und ohne Quittung, in woz.ch 22.1.2009
Kistner, Thomas
– Gefährliche Zeichen aus Zypern, in SZ 5.6.2012
Fifa-Mafia, Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball, München 2012
Smoltczyk, Alexander, Vater Morgana, in Der Spiegel 22/26.5.2012
Weinreich, Jens
– Die zwei Gesichter des Lebemanns, in spiegelonline 4.6.2012
– Korruption – ein Gespenst aus Deutschland, in fr-online 17.7.2012


Kritisches Olympisches Lexikon - Sach- und Personenregister: (267 Einträge, wird laufend aktualisiert und ergänzt)
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