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Klimawandel

Zuletzt geändert am 13.07.2010 @ 7:35
© Foto: Sammlung Gesellschaft für ökologische Forschung / Sylvia Hamberger

©  Text: Sylvia Hamberger, Gesellschaft für ökologische Forschung

In Zeiten des Klimawandels überrascht der Glaube, dass Olympische Winterspiele 2018 in Höhenlagen von 660 m ü. NN bis 1650 m ü. NN  in Garmisch-Partenkirchen und jetzt auch auf dem Gelände von Gut Schwaiganger bei Ohlstadt (noch) möglich – und dazu auch noch „klimaneutral“ -  sein könnten.

Nach den Plänen der Bewerbungsgesellschaft will man hier – im sogenannten “Snow-Cluster” – die Olympischen  Ski-Wettbewerbe veranstalten.

2018 -  acht Jahre – das ist genau die Zeitspanne, die uns nach Expertenmeinung für eine radikale Änderung der Klimapolitik noch bleibt:

Um gefährliche Störungen des Klimasystems zu vermeiden, müssen die Industrieländer bis zum Jahr 2020 ihre Treibhausgas-Emissionen um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern.

Je später diese Reduktion kommt, desto höher steigen die CO2-Werte in der Atmosphäre – und desto gefährlicher werden die Folgen.

Die global gemittelte Temperatur der Erde ist in den letzten 100 Jahren um etwa 0,8 °C (bald 0,9°C) angestiegen, davon allein 0,6 °C in den zurückliegenden 30 Jahren.

Der Alpenraum ist vom Klimawandel besonders stark betroffen: Der Temperaturanstieg ist hier doppelt so hoch wie im globalen Durchschnitt. In Garmisch-Partenkirchen ist es seit 1972 um ca. 1,6 °C wärmer geworden.

Schon 2007 rechnete der UN-Weltklimarat IPCC („Intergovernmental Panel on Climate Change – Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderung“) mit einer globalen Erwärmung um 2 bis 5 Grad Celsius im Laufe dieses Jahrhunderts – je nach Szenario der Treibhausgas-Senkung. Diese Werte werden inzwischen nach oben korrigiert:

Der Bericht „The Copenhagen Diagnosis“ (November 2009) kommt zu dem Schluss, dass ohne deutliche Verminderung der Emissionen die globale Durchschnittstemperatur bis zum Jahr 2100 um bis zu sieben Grad ansteigen könnte. In der ganzen Menschheitsgeschichte gab es keine solch hohen Temperaturen auf der Erde.

Der Klimawandel äußert sich nicht „nur“ in linearer Erhöhung der Temperaturen. Längere Hitze- und Trockenperioden im Sommer und ebenfalls große Trockenheit und Wärmeperioden im Winter oder Starkniederschläge stellen schon heute eine ernste Gefahr für Alpen dar: Das Gefahrenpotential nimmt in allen Jahreszeiten zu.

Aber auch um die Schneesicherheit in den Skigebieten ist es schlecht bestellt. Nicht nur in den Alpen - das haben die hohen Temperaturen und der Schneemangel bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver gezeigt.

In Bayern (und alpenweit) gibt es einen eindeutigen Trend zu schneeärmeren Wintern, kürzer andauernder Schneebedeckungen und geringeren Schneehöhen vor allem in den unteren und mittleren Höhenlagen – also genau da, wo auch die Pisten von Garmisch-Partenkirchen liegen:  im Bereich zwischen 740 m ü. NN bis 1650 m ü. NN.

Schneeferner / Zugspitze, um 1910 und 2003

Sogar höhere Lagen sind vom Klimawandel betroffen – das sieht man am schnellen Abschmelzen der Gletscher. (http://www.gletscherarchiv.de)

Die Klimaprognosen für die Bewerbung der olympischen Schneewettbewerbe 2018 stützt sich vor allem auf Aussagen von Prof. Dr. Wolfgang Seiler, der noch vor wenigen Jahren zu den profiliertesten Warnern vor dem Klimawandel gehörte. Der ehemalige Direktor des Instituts für Meteorologie und Klimaforschung ist heute Umweltreferent von Garmisch-Partenkirchen und gehört zu den Befürwortern der Bewerbung. Damit hat sich auch sein Prognoseverhalten verändert. Jetzt geht er in erster Linie davon aus, dass „die Anzahl der Tage (bzw. Nächte) mit niedrigen Temperaturen in der relevanten Zeitspanne zunimmt“ Die Witterungsbedingungen seien im Kandahargebiet (Wettkampfpisten) durch „besondere orographische Bedingungen“: z.B. „Abschattung durch Alpenkamm“ und „geringere Bewölkung und verstärkte Auskühlung in der Nacht“ geprägt (Prof. Seiler in der Anhörung der Grünen, 28.11.2008).

Daraus folgert er: In den winterlichen Schattenlagen von Garmisch-Partenkirchen – also besonders im Bereich der Kandaharpisten – wirken sich die Schwankungen hin zu erhöhten Plusgraden im Winter und der stärkere Erwärmungstrend in den Alpen nicht negativ auf die Schneesicherheit aus.

Man kann das so interpretieren: Es werde zwar weniger Schnee fallen, dafür werde aber der künstlich erzeugte (wahrscheinlich) liegen bleiben.

Aus dieser Sicht wird die Wahl von  – jetzt -  Gut Schwaiganger bei Ohlstadt als Austragungsort von Biathlon und Langlauf besonders absurd: Dort sollen die Anlagen und Loipen an einer sonnigen Südlage „temporär“ entstehen. Zunächst war Oberammergau in der Bewerbung vorgesehen, aber der Passionsspielort wurde wegen der Proteste aus der Bevölkerung aus der Bewerbung genommen: In Oberammergau hat man offenbar die Brisanz der Situation verstanden!

Aber ein Gutachten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) „Klimaverhältnisse im Hinblick auf die Bewerbung zu den Olympischen Winterspielen“ von Juli 2009 – extra in Auftrag gegeben vom Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Gesundheit – bringt leider keine Klarheit. Es wird bestätigt, dass sich – gerade in den Alpen – die „allgemeine Erwärmung“ „deutlich beschleunigt“ hat und damit „im Mittel einen Rückgang aller Größen hinsichtlich der Schneesituation“ verursacht.

Aber man folgert: „Da sich bislang keine markanten Hinweise ergeben, dass sich außer der Temperatur auch noch andere Klimaparameter verändern, wird sich an dem vorgeschlagenen Zeitraum 31. Januar bis 15. Februar … nichts ändern: die Schneesicherheit wird auch in Zukunft in diesem Abschnitt am größten sein, auch wenn sie im Mittel in den nächsten Jahren etwas zurückgehen wird.“ (Gutachten des DWD)

Ein erstaunliches Gutachten! Fast ausschließlich auf Garmisch-Partenkirchen bezogen, ist es für die Prognosen zukünftiger Schnee- oder Nicht-Schneeverhältnisse gerade auch in Garmisch- Partenkirchen völlig unzureichend.

Denn mit den mittleren Änderungen der Klimaparameter sind auch Verschiebungen bei den statistischen Verteilungen, zum Beispiel den Extremwerten verbunden: „Geringe Änderungen bei den Mittelwerten können durchaus große Auswirkungen auf die statistische Verteilung der Extremwerte haben.“ (Webseite des DWD).

Nicht allein die lineare Temperaturerhöhung ist das Problem , sondern die dadurch bedingte Zunahme der Wetterextreme im Klimawandel:  Die absoluten Maxima an Föhntagen im Februar sind bereits angestiegen!

Was das heisst, zeigte sich im Februar 2007 – und zuletzt auch bei den Olympischen Winterspielen im Februar 2010 in Vancouver:

Die hohen Temperaturen und der ausgebliebene Kunst/Schnee – auch für die Schneekanonen war es zu warm – , hat die Olympischen Winterspiele in Vancouver/Whistler vor große Probleme gestellt. Schneetransporte mit Lkw und Hubschrauber reichten nicht aus, und Starkniederschläge mit Schnee und vor allem Regen haben den Ablauf der Alpin-Ski-Wettbewerbe bereits stark behindert.

Wie soll das in acht Jahren werden? Für Natur- wie für Kunstschnee wird es zu warm.

Um ein Ski-Weltcup-Rennen im Februar 2007 an der Kandahar stattfinden zu lassen, wurden etwa 3000 m³ Kunstschnee aus dem österreichischen Wipptal mit Lkw geholt und dann mit Hubschraubern auf den Berg geflogen.

Schneetransport zur Kandahar, Februar 2007

Das Logo der Bewerbungsgesellschaft heisst: „Berge im Föhn“. Die Vision „Grüner Spiele“ könnte reale Bedeutung bekommen.

Ungeklärt bleibt in allen Prognosen auch die Frage, wie eine Nachnutzung der Anlagen nach dem kurzen „Olympischen Event“ 2018 im beschleunigten Klimawandel gewährleistet werden soll.

Fast alle Veranstaltungen Olympischer Winterspiele werden unter freiem Himmel ausgetragen.  Hier liegen die größten Probleme.

Angesichts des Klimawandels zu verkünden, die bisher „ökologischsten“ und „nachhaltigsten“ Winterspiele durchführen zu wollen, ist nicht nur unglaubwürdig, sondern kommt einer bewussten (Selbst-)Täuschung gleich.