Der korsisch-marokkanische Industrielle André Guelfi (* 1919) war Partner von Horst Dassler. Beide gründeten die Marketingagentur ISL. Guelfi und Dassler sollen auch für die Vergabe der Spiele 1980 nach Moskau gesorgt haben. Beide organisierten auch die Wahl > Samaranchs zum IOC-Präsidenten. Guelfis Beziehungen zum IOC und Samaranch waren mehr als eng; er blieb dessen ständiger Begleiter.
Guelfi schrieb in seinem Buch L’Original: „Wir fragten Samaranch, was er von der IOC-Präsidentschaft hielt. Es interessierte ihn.“ Und weiter: „Ich konnte fast alle überzeugen, ihr Votum zu ändern. Samaranch wurde mit einer satten Mehrheit gewählt.“ Für Jens Weinreich eine einfacher Sache: „Guelfi zahlte mit Geld und Produkten seiner Firma Le Coq Sportif, Dassler aus dem Topf von Adidas“ (Weinreich 5.11.2009).
„Legendär sind Samaranchs enge Beziehungen ins Sowjetreich und seine Nachfolgerstaaten. Bei Guelfi bedankte er sich, indem er ihn in den Neunzigerjahren persönlich bei den Diktatoren mittelasiatischer Republiken wie Usbekistan vorstellte. Dies war für Guelfi der Durchbruch, um Schmiergeldgeschäfte für ElfAquitaine zu erledigen“ (Kistner/Weinreich 2000, S. 127 f.).
Guelfi besaß in Lausanne neben dem Olympischen Museum eine Villa mit 17 Zimmern am Genfer See, die er an das IOC verkaufte. Er war auch in die dubiosen Geschäfte um die Raffinerie in Leuna verwickelt. Als der Ex-DDR-Chemiekomplex Leuna 1991 privatisiert werden sollte, bewarb sich der französische Staatskonzern ElfAquitaine und erhielt Leuna 1992. Der Konzern war aber lediglich am Minol-Tankstellennetz interessiert. ElfAquitaine kam im Weiteren über ein aufgeblähtes Investitionsvolumen an umgerechnet mehr als 700 Millionen Euro Subventionen. Die Europäische Kommission leitete wegen der Leuna-Übernahme 1997 ein Verfahren ein.
Auf ein Firmenkonto Guelfis wanderten 1992 umgerechnet über 40 Millionen Euro. Guelfi bezifferte seine eigenen Provisionen von ElfAquitaine auf 100 Millionen Dollar. Die Höhe der Schmiergelder soll bei über 85 Millionen D-Mark (43 Millionen Euro) gelegen haben; davon flossen angeblich einige Millionen in den deutschen Wahlkampf 1994. Berge von Unterlagen verschwanden, es gab viele Ungereimtheiten.
Guelfi wurde immer wieder mit diversen Haftbefehlen gesucht. Wegen der ElfAquitaine-Affäre kam er im Jahr 1997 37 Tage in französische Untersuchungshaft. Als sein Anwalt deswegen bei Jacques Chirac intervenieren wollte, erhielt er die Antwort: „Guelfi – kennen wir nicht.“ Deshalb erklärte Guelfi später im Fernsehen, er habe 2001 bei der Wahl des Austragungsortes der Olympischen Sommerspiele 2008 hinter den Kulissen gegen Paris interveniert und für Peking agiert: „Ich habe 20 Freunde gebeten, statt für Paris für Peking zu stimmen“ (weltonline 10.9.2010).
Die Olympischen Sommerspiele 2000 wollte Guelfi zum usbekischen Diktator Islam Karimow nach Taschkent holen: „And nobody at the IOC dared giggle“, schrieb der Sportjournalist Andrew Jennings: Niemand im IOC traute sich zu kichern.
Quellen:
André Guelfi: Fischer, Original und Multimillionär, in Spiegel 15.12.1999
„Dassler will alles kontrollieren“, in Spiegel 23/1986
Jennings, Andrew, The man who sold the Olympic$, in allsportsmagazine August 2008
Kistner, Thomas/Weinreich, Jens, Der olympische Sumpf, München 2000
Leick, Romain, Konzern für heikle Missionen, in Spiegel 7.2.2000
Olympia 2008: Milliardär sagt, er habe IOC-Mitglieder bestochen, in weltonline 10.9.2001
Schmiergelder beim Verkauf an Elf?, in sueddeutsche.de 15.7.2004
Weinreich, Jens
- Die goldene Ölspur, in Berliner Zeitung 11.12.1999
- Schach dem Präsidenten, in sueddeutsche.de 5.11.2009
Wikipedia
Kritisches Olympisches Lexikon - Sach- und Personenregister: (118 Einträge)
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