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Belastungen für die ansässige Bevölkerung

Zuletzt geändert am 26.04.2010 @ 14:33
© Foto: Sammlung Gesellschaft für ökologische Forschung / Sylvia Hamberger

©  Text: Axel Doering,  Gesellschaft für ökologische Forschung

Garmisch-Partenkirchen

Im Jahr 2005 – vor der WM-Bewerbung für 2011 – lagen die Schulden in Garmisch-Partenkirchen noch bei 46,8 Millionen Euro (1785 €/Einwohner). Mit der jetzigen Verschuldung von 111 Millionen Euro entfällt auf jeden Einwohner ein Minus von 4.200 €.

2009 hatte der Ort laut Landratsamt 111 Millionen Euro Schulden: davon die Gemeinde selbst 41,4 Millionen Euro, die privatisierten Gemeindewerke 46,6 Millionen Euro, die gemeindeeigene Bayerische Zugspitzbahn 23 Millionen Euro. (Effern, Heiner, Garmischer Gratwanderung, in SZ 30.3.2009)

In Garmisch-Partenkirchen werden schon seit Jahren Millionen Euro in den Ausbau der Wintersport- und Ski-Infrastruktur gesteckt: Die Maßnahmen seit 1997 bis 2009 addieren sich auf 82,7 Millionen Euro.

Dagegen muss die Gemeinde bis 2013 67 neue Krippenplätze aufbauen, wofür bis 2012 gerade 11.000 Euro eingeplant sind. Bürgermeister Thomas Schmid (Christlich Soziales Bündnis CBS) behauptet dagegen: „Der Gemeindehaushalt steht auch in Zukunft auf sicheren Beinen.“ (Effern, Heiner, Garmischer Gratwanderung, in SZ 30.3.2009)

Garmisch-Partenkirchen hat bereits in den letzten Jahren den größten Teil seiner Sozialwohnungen verkauft, der Verkauf der restlichen ist bereits beschlossen. Bei den hohen Mieten im Ort gehen damit mittelfristig bezahlbare Wohnmöglichkeiten unwiderruflich verloren. Auf diese Weise gehen die Wintersportgroßveranstaltungen zu Lasten der Schwächeren.

Anfang November 2009 fand in Garmisch-Partenkirchen eine CSU-Klausur „Olympia 2018“ statt. Geschäftsführer Schwank von der Bewebungsgesellschaft nannte keine konkreten Zahlen der Kosten, die auf die Gemeinde entfallen würden. Er stellte fest, dass das Infrastrukturpaket mit 1,990 Milliarden Euro gerade zwischen DOSB, Freistaat Bayern, Landeshauptstadt München, Garmisch-Partenkirchen und Landkreis Berchtesgadener Land verhandelt würde.

Der Planer Matthias Schöner vom Büro Albert Speer & Partner versuchte die Zuhörer mit dem Neubau der Kongresshalle und der Multifunktionshalle zu ködern: Wenn deren Bau notwendig sei, „dann ist die Überlegung jetzt günstig, dann können die Projekte mit der olympischen Bewegung mitbefördert werden“. Garmisch sei „mit den vielen Infrastruktur-Maßnahmen der größte Nutznießer der Bewerbung“. Außerdem widersprach Schöner den Aussagen der Gemeindeverwaltung, dass die Bauern ihre Flächen drei Jahre zur Verfügung stellen sollten und sprach von „neun Monaten“. Aus anderen Quellen ist aber zu entnehmen; dass der Zeitraum von Frühjahr 2016 bis Herbst 2018 angegeben wird, frühestens 2019 könnten die Wiesen wieder genutzt werden.

Die betroffenen 100 Bauern kritisieren, dass der Bedarf an Flächen nur scheibchenweise veröffentlicht wird und fragen sich, wo ihre Tiere drei Jahre grasen sollen. Außerdem befürchten sie zu Recht, dass die jahrhundertealte Kulturlandschaft schweren Schaden nimmt. (Landschafts- und Naturschutz und Tourismus)

Bewerbungschef Bogner beerdigte die Pläne der neun Garmisch-Partenkirchner Vereine, das Olympische Dorf auf dem Gelände des Golfplatzes in Burgrain unterzubringen. Er appellierte an „einzelne Bauern, die ihre hochsubventionierten Wiesen nicht an die olympischen Organisatoren verpachten wollten, ihrer Verantwortung für das Land gerecht zu werden.“ (Bielicki, Jan, München über den Wolken, in SZ 28.1.2010).

In einem Grundsatzbeschluß bekräftigte der Gemeinderat von Garmisch-Partenkirchen am 10.2.2010 mit 11 Gegenstimmen, dass das Snow-Village weiter auf den Wiesen um das Eisport-Zentrum errichtet werden soll, obwohl dem Bürgermeister zuvor ein Schreiben von zwei Dutzend betroffener Grundbesitzern übergeben wurde. Diese hatten eine Nutzung ihrer Wiesen und Weiden für das Snow-Village kategorisch abgelehnt. Sie wollen hier die landwirtschaftliche Nutzung erhalten.

Wintersportgroßveranstaltungen führen erfahrungsgemäß zu einem massiven Zweitwohnungsbauboom. Das haben schon die Ski-WM 1978 in Garmisch-Partenkirchen oder die Weltmeisterschaften in St. Moritz und im Oberengadin gezeigt. Zweitwohnungen wiederum belasten jede Gemeinde, da die Infrastruktur für den „Voll-Lastbetrieb“ ausgelegt werden muss und kaum Einnahmen hereinkommen.

Die Mieten sind in Garmisch-Partenkirchen schon jetzt für „Normalverdiener“ fast unerschwinglich. Damit gibt es bereits heute einen deutlichen Siedlungsdruck auf das Umland, mit der Folge eines enormen Verkehrszuwachses.

Oberammergau

Auch Oberammergau wird von Olympischen Winterspielen nicht profitieren – im Gegenteil. Der Ort hatte 2010 bereits 29 Millionen Euro Schulden angehäuft und stand fast das ganze Jahr 2009 unter der Finanzaufsicht des Landratsamtes; der Kolbenlift mit der beschneiten Abfahrt soll verkauft werden, findet aber keinen Käufer, das Hallenbad soll 2010 geschlossen werden.

Die Olympischen Langlauf- und Biathlonanlagen sollen in Oberammergau im Bereich der Romanshöhe entstehen: Das sind Oberammergaus sonnigste und wärmste Wiesen und Erholungsgebiete. Die Sportanlagen sollen temporär errichtet und nach den Spielen wieder abgebaut werden. Das gesamte Areal umfasst 64 Hektar – im Größenvergleich: rund Hundert Fußballfelder!

Die Bewerbungsgesellschaft will die Grundstücke für drei Jahre nutzen: 2016 für den Bau der Anlagen, 2017 für vorolympische Tests und 2018 für Winterspiele sowie den  Rückbau. Entstehen sollen hier zwei Stadien, Beschneiungsanlagen, Verlegung der technischen Infrastruktur wie Leitungen, Wasser- und Stromversorgung, dazu Parkplätze (Landschafts- und Naturschutz). Die Bauern rechnen mit einer ersten möglichen Ansaat nicht vor Frühjahr 2019.

Die Kosten für die temporären Sportstätten sind bisher auf 27 Millionen Euro taxiert worden. Wer dafür aufkommt, ist nicht endgültig geklärt. Bei Oberammergau bliebe nach Zeitungsberichten mindestens eine Million Euro hängen.

Die Gemeinde selbst müsste das volle Haftungsrisiko tragen und den Grundeigentümern für Schäden Ersatz leisten, dazu sämtliche Kosten für Notar, Vertragsabschlüsse und Vollzüge tragen. Da das Gebiet mit 422 Grundstücken im Besitz von 191 Grundeigentümern ist, scheint es fraglich, ob die gesamten Flächen überhaupt nutzbar sind. Eine große Anzahl der Eigentümer hat bereits angekündigt, die Grundstücke nicht zur Verfügung zu stellen. Inzwischen hat „neben der Wahrung der Interessen der Bauern und Eigentümer auch die Haftungsfreistellung der Gemeinde oberste Priorität“ (Garmisch-Partenkirchner Tagblatt, 9.2.2010)

Schönau am Königssee

Für Schönau am Königssee ist die Münchner Olympiabewerbung 2018 bereits der vierte Olympia-Anlauf. Nach dem Scheitern der Berchtesgadener Bewerbung für die Winterspiele 1992 und zuletzt den erfolglosen Versuchen Salzburgs (2010 und 2014), bei denen Schönau am Königssee einbezogen war, will die Gemeinde nun endlich „Olympia-Flair“ an die Bob- und Rodelbahn bringen.

Der inzwischen wirklich als Tourismusmagnet etablierte Nationalpark Berchtesgaden wurde von vielen Schönauer Lokalpolitikern dagegen über Jahrzehnte – und zum Teil auch heute noch – mit Argwohn betrachtet. Sehr viel mehr Augenmerk setzten die Entscheidungsträger dafür in den Massentourismus. Die Übernahme der Mehrheitsanteile (für 1,8 Mio. Euro) an der Jennerbahn AG vom RWE Konzern war sicher nicht die letzte Fehlentscheidung dieser Nationalparkgemeinde.

Finanziell steht die Gemeinde nicht ganz so schlecht da, wie die Bewerberpartner Garmisch Partenkirchen und Oberammergau. Das ist allerdings nicht auf besonders erfolgreiche touristische Konzepte – die sich von denen der übrigen Alpenregion kaum unterscheiden – zurückzuführen, sondern primär auf den Parkplatz am Königssee. Dort werden jährlich zwischen 700.000 und 800.000 Euro Parkgebühreneinnahmen erzielt (Vergleichszahlen 2008: Gewerbesteuer: ca. 1 Mio. Euro, Einkommensteuerbeteiligung ca. 1,8 Mio. Euro, Grundsteuer B ca. 0,8 Mio. Euro).

So fällt derzeit auf jeden der etwa 5.300 Einwohner ein Schuldenstand von „nur“ ca. 2.170 Euro (2008). Allerdings kommt auch die Gemeinde Schönau am Königssee nicht daran vorbei, ihr Tafelsilber zu verkaufen, um nicht in die endlose Schuldenfalle zu tappen.

Der „Triftplatz“, ein seit vielen Jahrzehnten kulturell genutztes, unverbautes Gelände, wird derzeit vermarktet (meistbietende Interessenten: Discounter) und die Kommune erhofft sich Erlöse von 4 bis 5 Mio. Euro, um beispielsweise die dringende Sanierung des örtlichen Freizeitbades zu ermöglichen  und Finanzlöcher bei der erworbenen Jennerbahn AG zu stopfen.

Die erwähnten Einnahmen der Parkgebühren am Königsseer Parkplatz sind ein Indiz dafür, welche geringe Rolle die Nachhaltigkeit spielte. Noch in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, also vor 50 Jahren, konnten die Besucher von Königssee und Bartholomä noch mit der Bahn bis Königssee anreisen. Starke politische Kräfte sorgten dann jedoch schnell für den Abbau der Gleise im Jahr 1966, den sprunghaften Anstieg des Auto- und Busverkehrs und damit verbunden der Parkeinnahmen.

Wie bereits erwähnt, befindet sich die Gemeinde im Prinzip in einem Zustand der Dauerbewerbung für Olympische Winterspiele – bislang mit Verlierer-Image. Der Bevölkerung wurde seit Jahrzehnten der mit der Bewerbung angeblich verbundene wirtschaftliche Aufschwung und steigende Touristikzahlen versprochen.

Die Zahlen zeigen allerdings das Gegenteil:

Übernachtungszahlen Gemeinde Schönau am Königssee:

1988:   910.824 (vor dem Mauerfall)
1992:   1.111.138 (Effekt Mauerfall)
1997:   952.224
2002:   937.141
2008:   873.483

Die wissenschaftlichen Analysen von Touristikexperten, dass Olympische Spiele keine nachhaltigen positiven Auswirkungen auf den Tourismus haben, untermauern die Schönauer Übernachtungszahlen der letzten Jahrzehnte (Tourismus).

Es stellt sich die Frage, wem die Veranstaltung Olympischer Winterspiele nützt – und wem sie Schaden zufügt. Die Bevölkerung wird wohl eher mit den Pleiten und den Problemen der Winterspiele und der Zeit danach konfrontiert werden, als mit kommerziellen Möglichkeiten. ( Bisherige Erfahrungen mit Olympischen Winterspielen)