Vom Militär stammende Disziplin (griechisch: Zweikampf) mit Langlauf und Stehend- und Liegendschießen, die zunehmend an Beliebtheit gewinnt. Bei ARD und ZDF hat das Biathlon mit bis zu fünf Millionen Zuschauern die höchsten Einschaltquoten aller Wintersportarten. Der Sportchef der FAZ, Jörg Hahn, stellte fest: “ARD und ZDF haben Biathlon durch inflationäre Übertragungen in eine groteske Position gebracht” (Blaschke, S. 16).
Vielleicht ist Biathlon in Deutschland deshalb so erfolgreich, weil es eine Art Kriegssport ist, wo die Läufer nach dem Langlauf ihre Gewehre in Position bringen und runde Zielscheiben treffen müssen. Außerdem lässt sich die Sportart vortrefflich mit einem Bier vor dem Fernseher aus verfolgen.
Biathlon begann mit einer Disziplin bei den Olympischen Winterspielen 1960 und wurde bis 2010 auf sechs Disziplinen bei Männer und Frauen erweitert. Die deutschen Biathleten sind meist bei Bundeswehr oder Zoll an- bzw. freigestellt, um Medaillen zu erwerben.
Seit 2002 wurde ein verstärkter Einsatz von Dopingmitteln festgestellt. Der Biathlet Frank Ullrich war erst Weltmeister und dann Trainer für die damalige DDR, danach deutscher Bundestrainer und nun verdächtig, in der DDR für Doping verantwortlich gewesen zu sein. Thomas Pfüller war in der ehemaligen DDR Skilanglauf-Cheftrainer und stellvertretender Generalsekretär des DDR-Skiverbandes und wurde im September 2010 zum Vize-Präsidenten des Welt-Biathlonverbandes IBU gewählt. Der ehemalige DDR-Biathlon-Nationaltrainer Kurt Hintze musste wegen seiner Doping-Vergangenheit 1992 als Biathlon-Bundestrainer abtreten und ist heute im Präsidium des WSV Oberhof 05 (Purschke).
Bei den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin wurden im Rahmen einer Razzia bei der österreichischen Mannschaft medizinische Geräte und Apparate für Doping gefunden; zwei Biathleten wurden vom IOC lebenslang gesperrt. Der frühere Betreuer der österreichischen Langlauf- und Biathlonmannschaften, Walter Mayer, wurde im August 2011 als “Dopingsünder” schuldig gesprichen und zu einer Gesamtstrafe von 15 Monaten verurteilt: Er hat von 2005 bis 2008 Spitzensportler mit Anabolika, Hormonen und Stimulanzmitteln versorgt (SZ 18.8.2011).
Bei der Biathlon-Weltmeisterschaft in Pyeongchang, Korea, im Februar 2009 mussten drei russische Biathleten überstürzt abreisen, weil ihr Dopingbefund positiv war. Gerüchten zufolge war die vierte Epo-Generation zum Einsatz gekommen, aber von Labors enttarnt worden. Der seit 2002 amtierende und immer noch im Amt befindliche Vizepräsident der Internationalen Biathlon-Union (IBU), der Russe Alexander Tichonow, sprach sich sofort für die drei Gedopten aus und zweifelte die IBU-Tests an. (Tichonow wurde 2007 für schuldig befunden, mit Komplizen einen Mordversuch auf einen Gouverneur geplant zu haben – aber umgehend amnestiert.) Der deutsche Biathlontrainer der schwedischen Nationalmannschaft sprach von russischen Morddrohungen gegen sein Team. Die IBU bezeichnet sich übrigens gern als Familie.
In der Saison 2009/2010 wurden innerhalb eines Jahres wieder fünf Biathleten des russischen Biathlon-Verbandes RBU mit illegalen Drogen erwischt: Die IBU belegte den russischen Verband daraufhin mit 50.000 Euro Geldstrafe (SZ 16.11.2010). Tichonow verließ im September 2010 die IBU: “… aber nichts deutet darauf hin, dass es ab sofort in Russland um sauberen Sport geht” (Kreisl 4.9.2010).
In Pyeongchang war es im Februar 2009 zu warm für eine künstliche Beschneiung, und der Dauerregen bei plus 16 Grad Celsius ließ die Schneevorräte im wahrsten Sinn des Wortes zusammenschmelzen. Da auch im thüringischen Oberhof 2007 beim Biathlon-Weltcup Tauwetter herrschte, baute man für 14,4 Millionen Euro einen künstlich gekühlten Biathlon-Tunnel, der nun auch im Sommer bei Außentemperaturen von 30 Grad plus genutzt werden kann, da er auf drei Grad heruntergekühlt wird. Sechs Hektar Wald wurden gerodet, jede Menge Energie und fast eine Million Euro Betriebskosten sind jährlich erforderlich: Und schon kann man einen Sport aus der freien Natur nach innen verlegen, mit bester Platzierung der Fernsehkameras. Das reiche Deutschland bietet seinen Biathleten vollste Unterstützung: Ärmere Länder können diese Trainingsmöglichkeiten nicht bieten.
Und die technische Aufrüstung geht weiter. Der Deutsche Skiverband stellte 2011 einen monströsen “Wachstruck” für 400.000 Euro in Dienst: einen 20-Tonner-Lkw mit 400 PS, 18,4 Meter lang und 2,6 Meter breit, in dem 380 Paar Biathlon-Ski bearbeitet werden können (Kreisl 9.11.2011).
Der fährt dann mit entsprechendem Kraftstoffverbrauch quer durch Europa von Finnland bis Italien - sofern er nicht außerhalb Europas eingeflogen wird…
Und die Biathlon-Anlage in Ruhpolding wurde für die WM 2011 für 16 Millionen Euro umgebaut. Der Umbau hinterließ eine Spur der Verwüstung: Dafür ist die Spur jetzt 14 Meter breit.
Vergleiche auch hier.
Quellen:
Blaschke, Ronny, Und nun zum Sport, in journalist 12/2011
Eisberg voraus, in SZ 14.2.2009
Filser, Hubert, Das Ruhpoldinger Gefühl, in SZ 19.2.2009
Hahn, Thomas, Vor der Kulisse eines falschen Friedens, in SZ 30.3.2009
Kreisl, Volker
- Die dicken Tränen der Kathi Wilhelm, in SZ 16.2.2009
- SMS aus dem Kreml, in SZ 21.2.2009
- Franz Berger, in SZ 16.2.2010
- Fassungslos über so viel Dreistigkeit, in 16.2.2010
- Auch im Sommer ist jetzt Winter, in SZ 3.7.2009
- Das russische Erbe, in SZ 4.9.2010
- Hörst du, wie der Schütze flucht? in SZ 15.1.2011
- Privilegiert wachsen, in SZ 9.11.2011
Niedliche Parolen, in SZ 14.2.2009
Purschke, Thomas, Die Olympiabewerbung München 2018 und die dunklen Schatten der Vergangenheit, in dradio.-de 30.1.2011
Sportpolitischer Geisterfahrer, in SZ 19.2.2009
Teure Dopingfälle, in SZ 16.11.2010
Walter Mayer verurteilt, in SZ 18.8.2011
Wikipedia
Kritisches Olympisches Lexikon - Sach- und Personenregister: (112 Einträge)
Ablasshandel - Adidas - Alleinstellungsmerkmal - Amateursportler - Artiade - Bach, Thomas - Barcelona, Olympische Sommerspiele 1992 - Biathlon - Blatter, Sepp - Bogner, Willy - Brundage, Avery - Court of Arbitration for Sport (CAS) - Chowdhry, Anwar - CO2-Neutralität - Coca-Cola - Dassler, Adolf - Dassler, Horst - Daume, Willi - Deloitte - Deutsche Sporthilfe - Deutsche Sporthochschule Köln (DSHS) - Deutscher Alpenverein, olympisch - Diem, Carl - Doping - Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB) - Dow Chemical - Eliteschulen des Sports - Event - Fackellauf - Fernsehrechte - Fifa - Fußball - Gendoping - Greenwashing - Grüne Spiele - Grünes Erbe - Guelfi, André - Hall of Fame/Shame - Halt, Karl Ritter von - Hasan, Mohamad Bob - Havelange, João - Hill & Knowlton - Hodler, Marc - International Olympic Committee (IOC) - IOC und Diktaturen - ISL / ISMM - Kim Un Yong - Krümmel, Carl - Lee Kun Hee - Leuchtturm-Projekt - Lewald, Theodor - McDonald’s - Mecklenburg, Adolf Friedrich zu - Mengden, Guido von - Nachhaltigkeit - Naturschutz versus "Natursport" - National Broadcasting Company (NBC) - Nebiolo, Primo - Neckermann, Josef - Neuendorff, Edmund - NS-Sportfunktionäre - Nyangweso, Francis W. - Ökologische Milchbubenrechnung - Ökologisches Blabla - Olympic Broadcasting Services (OBS) - Olympische Charta - Olympische Familie - Olympische Jugendspiele - Olympische Prostitution - Olympische Ringe - Olympische Sommerspiele Berlin 1936 - Olympische Spiele - Olympischer Kongress, Beispiel Paris - Olympischer Orden - Olympisches Erbe - Olympisches Motto - Olympisches Museum - Park Yong-sung - Planersprache - Pyeongchang-Bewerbung - Reichenau, Walter von - Reichssportfeld - Rogge, Jacques - Salt Lake City - Samaranch, Juan Antonio - Schneekanonen - Sotschi - Sponsoren - Sponsoring - Sport - Sportpalast-Architekten - sport intern - Sport-Pharaonen - Sportbericht der Bundesregierung - Sportindustrie - Sportsoldaten - Takac, Artur - Takac, Goran - Tarpischtschew, Schamil - Techno-Doping - Tröger, Walther - Tschammer und Osten, Hans von - Tsutsumi, Yoshiaki - Ude, Christian - Vazquez Rana, Mario - Vertrag mit der Olympia-Gastgeberstadt - Vesper, Michael - Weber, Jean-Marie - White Elephants - WBA-Institute - Witt, Katarina -
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