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Kritisches Olympisches Lexikon

Zuletzt geändert am 30.07.2010 @ 16:42

Wolfgang Zängl © Gesellschaft für ökologische Forschung e.V.

Zur Einführung:
Ich bin mein Leben lang sportlich tätig gewesen: allerdings bewusst ohne Sportfunktionäre. Ich könnte auch formulieren: Ich bin gegen Olympische Spiele, weil ich Sportler bin. Die vorliegenden Erkenntnisse bestätigen diese Haltung außerordentlich.
Nicht nur, weil ich geborener Münchner bin, wehre ich mich gegen die weitere Zerstörung der Stadt und der eingeplanten Orte im Oberland durch München 2018: Viele unsinnige olympische Straßenbauten für den Autoverkehr sind geplant, und der Olympiapark wird nach den Bebauungen mit Olympischen Dörfern und Medienzentren, Sportstätten und technischer Infrastruktur nicht wiederzuerkennen sein. Dazu kommen die massiven Eingriffe in Garmisch-Partenkirchen, in Schwaiganger und im Berchtesgadener Land.
Außerdem möchte ich die Mythen und Verdrehungen von olympischer Nachhaltigkeit und Grünem Erbe demaskieren, welche die Bewerbungsgesellschaft München 2018 der Öffentlichkeit vorgaukelt. Denn bei intensiverem Studium der Papiere des IOC merkt man schnell, dass die hehren Begriffe vom Weltfrieden, der Jugend der Welt, dem IOC als Umweltschützer etc. nur Platzhalter sind: Es geht schlicht und ergreifend vor allem um Geld.
Die Denk- und Verhaltensweisen innerhalb des IOC stehen für die Kommerzialisierung und damit für die Industrialisierung des Sports, für die Eingliederung in das Hierarchieschema des IOC, für das Ende des Amateursports und des ursprünglichen Sportgedankens, für globale Größtveranstaltungen. Der vom IOC vertretene Sportgedanke steht auch für die Konfrontation zwischen der harmloseren Welt der Amateure (der Begriff ist heute fast schon zum Schimpfwort geworden) und der ökonomisierten und globalisierten Welt der Profis. Das IOC steht symptomatisch und beispielhaft für die Industrialisierung des Sports und ist damit eine Organisation geworden, die für den schlechten Zustand unseres Blauen Planeten mitverantwortlich ist.

Wer sich für Olympische Winterspiele 2018 in München ausspricht, sollte sich die ehrenwerte IOC-Gesellschaft schon näher ansehen: um zu wissen, mit wem er sich da einlässt, welche Geschäfte die olympischen Potentaten betreiben und welche olympischen Heuschrecken er da einlädt. Edzard Reuter, der langjährige Vorstandsvorsitzende der Daimler-Banz AG, schrieb schon 1996 anlässlich des Besuchs der Olympischen Sommerspiele in Atlanta:„Unverkennbar ist dennoch, dass die olympische Idee in sehr direkter Weise Gefahr läuft zu verkommen, wenn sie nicht bald aus dem Würgegriff von Funktionären aus aller Herren Länder befreit wird, die sich auf Kosten junger Menschen ein gutes Leben machen“ (Kistner, Weinreich, Der Olympische Sumpf, München 2000, S. 263).

Die Aufstellung im Kritischen Olympischen Lexikon kann nicht vollständig sein: Es werden immer einige der vornehmlich älteren Herren fehlen – wie Vitali Smirnow (IOC-Mitglied von 1971 bis heute, zweimaliger Vizepräsident) und Gafour Rachimow, Robert Helmick und Kevan Gosper (IOC-Mitglied seit 1977) oder Phil Coles (IOC-Mitglied seit 1982), der unter anderem im Zuge der Sydney-Bewerbung über 67 IOC-Mitglieder Dossiers angelegt hatte. Gerade unter den vom früheren IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch ernannten IOC-Mitgliedern tummeln sich merkwürdige Gestalten, um es zurückhaltend auszudrücken.
Alle ehrlichen Sportvereine (und die gibt es glücklicherweise noch) werden durch die olympischen Geld- und Postenjäger diskreditiert. Sie sollten sich fragen, ob sie das IOC, diesen äußerst fragwürdigen Verein nach Schweizer Recht, noch weiter unterstützen wollen.
Der Gipfel an Unverfrorenheit besteht darin, das wahnwitzige Sportgroßereignis Olympische Spiele auch noch als CO2-frei, klimaneutral und umweltfreundlich zu verkaufen. Angesichts der ökologischen und ökonomischen Probleme unserer Erde ist ein Ende dieser Energie- und Ressourcenverschwendung durch solche Sportevents mehr als überfällig.
Die industriell-ökologische Wunderwelt kommt durch solche globalen Großereignisse erst noch richtig auf Touren. Man kommt dabei ganz schön ins Grübeln, was der dominantere Effekt ist: Ignoranz, Unwissen oder bewusste Täuschung.

Bekanntlich heißt es: Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Wenn der Umkehrschluss ebenfalls gilt, dass nichts ohnmächtiger ist als eine Idee, deren Zeit vorbei ist, dann ist die olympische Idee gestorben. Und es ist nicht schade darum, im Gegenteil. Deshalb mein persönliches Schlussstatement: Globale Gladiatorenspiele abschaffen, olympische Heuschrecken vertreiben, keine neuen „White Elephants“ mehr und Großsportereignisse als Pfründe für Funktionäre und Organisationen wie IOC und FIFA abschaffen. Die enormen frei werdenden öffentlichen Gelder können wesentlich sinnvolleren Zwecken zugeführt werden.

Der Verweis auf unsere „18 Gründe“ bezieht sich auf die 18 Argumentationsblöcke auf www.nolympia.de.

Mein Dank geht an Thomas Kistner und Jens Weinreich und all die anderen kritischen Sportjournalisten, die seit vielen Jahren über die olympischen und sportiven Machenschaften berichten und ohne deren Berichte dieses Kritischen Olympische Lexikon nicht in so kurzer Zeit zustande gekommen wäre.

München, im Juli 2010

Dr. Wolfgang Zängl



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