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Sport

 
Zuletzt geändert am 19.01.2017 @ 16:24

Sport und Totalitarismus
Sportaktivitäten mit straffen Hierarchien und Kommandoebenen, der Ideologie des gesunden Körpers, in dem ein gesunder Geist wohnt etc., sind prädestiniert für die Anfälligkeit gegenüber autoritärem (faschistischem, kommunistischem, totalitärem) Gedankengut.
„Als Ergebnis der neueren Untersuchungen ist festzuhalten, dass die deutschen Turn- und Sportvereine zu den ersten gesellschaftlichen Organisationen zählten, die sich durch den Ausschluss ihrer jüdischen Mitglieder freiwillig an dem gesellschaftlichen und politischen Wandlungsprozess des Jahres 1933, dem nationalsozialistischen Machteroberungsprozess beteiligten und damit zur ‚kumulativen Radikalisierung’ (Mommsen) beitrugen … Offensichtlich hatten viele Turn- und Sportfunktionäre – von der Vereins- bis zur obersten Verbandsebene – nur auf ein Signal gewartet, um ihre Organisation von ihren jüdischen Mitgliedern – aber auch von politisch Andersdenkenden – zu säubern“ (Peiffer 2009, S. 31).

Die Kehrseite derselben Medaille ist natürlich das Verhalten nach dem Ende des totalitären Regimes. Nach dem Nationalsozialismus wurden die Sportfunktionäre fast nahtlos in die Staatshierarchie der Bundesrepublik übernommen (siehe unter Carl Diem, Willi Daume, Karl Ritter von Halt etc. bei NS-Sportfunktionäre; IOC und Diktaturen)
Zunächst stellten sich die Turn- und Sportverbände als Opfer der nationalsozialistischen Bewegung dar. Erst die jüngere Geschichtsforschung änderte die Sichtweise:
„Vielmehr steht die Frage nach der Rolle der Turn- und Sportverbände als Handelnde im Machteroberungsprozess der Nationalsozialisten, der Konstituierung der nationalsozialistischen ‚Volksgemeinschaft’ und der ‚kumulativen Radikalisierung’ im Jahre 1933 im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses“ (Peiffer, S. 19).
Interessant sind auch die personellen Kontinuitäten. Albert Speer sen. überarbeitete das Berliner Olympiastadion, Albert Speer jr. übernahm die Chefplanung der Bewerbung München 2018. Willy Bogner sen. sprach den olympischen Eid 1936; Willy Bogner jr. wurde Chef der Bewerbungsgesellschaft München 2018. Leni Riefenstahl drehte 1936 die Olympia-Filme; sie hat keine Kinder.

Auch der Sport in der ehemaligen DDR kritisierte nicht seine Partizipation mit dem Regime. Funktionäre und Trainer (auch mit Dopingvergangenheit) wurden wiederum nahtlos eingegliedert. Der Spiegel stellte 1993 fest: „Anders als in Kirche und Kultur hat sich der Sport bisher vor einer Aufarbeitung des Stasi-Erbes gedrückt.“ Viele damalige Sportfunktionäre mit Involvierung in das Dopingsystem wirken in höchsten Positionen im deutschen und internationalen Sport weiter (Purschke 30.1.2011).

Sport bedeutet heute oft auch, dass  Eltern keinen Sinn und keine andere Zukunft mehr für ihre Kinder sehen, als sie vom Skiclub  zum Tennisverein zum Golfplatz zu kutschieren: immer in der Hoffnung, dass aus ihren Sprösslingen gut verdienende Spitzensportler mit jeder Menge Sponsoren wird. Das ist eine von vielen  Eltern gehegte Illusion. Und wo sie tatsächlich eintrifft, ist der umjubelte Sportler über 30 oftmals ein Frührentner.

Der Münchner Psychatrieprofessor Hans Förstl antwortete auf die Frage nach der „ungesunden Note“ des Sports: Sie kommt „immer dann, wenn eine Überforderung eintritt. Das ist meine große Sorge: Dass Menschen aufgrund falscher Beratung zu forciert und verbissen an eine Herausforderung herangehen. Dann hat der Körper keine Möglichkeit, sich ausreichend anzupassen. Es gibt natürliche Leistungsgrenzen, die man beachten muss“ (Mühlfenzl 13.5.2013).

Sport als Verdrängung
Globale Sportgroßereignisse dienen zunehmend als Verdrängungsmittel par excellence. Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften kommen global gesendet in die Medien. Die Bürger betrachten fasziniert den gigantischen Sportapparat, die totalitären Maschinen, die weltweit einheitliche Darstellung, die gleichgeschaltete Berichterstattung, den praktizierten Körperkult.

Heutige Gladiatoren tragen Nike und Adidas und etwas Puma. Die Völker hören keine Signale mehr, sondern schauen den Athleten zu, vergessen ihre reale Situation und Nöte, begehren nicht mehr auf und wollen nichts mehr verändern. Viele Sportler laufen heute in Horden auf oder um die Zugspitze. Die Downhiller  befördern ihr Mountainbike mit der Seilbahn auf Berggipfel zum Downhillen. Canyoning ist in, ebenso wie Klettersteige und unzählige Halb- und Ganzmarathons. Die Sportartikelindustrie boomt.

Das BP-Öl strömte im Sommer 2010 in den Golf von Mexiko. Die nächste Hitzewelle für das Jahr 2010 wurde angekündigt. Die Reichen wurden von Steuerbelastungen verschont, dafür wurden bei der arbeitenden Bevölkerung Sozialleistungen gestrichen und Krankenkassenbeiträge erhöht. Aber statt zu protestieren, saßen die Betroffenen vor der Fußball-WM-Mattscheibe, klemmten Deutschland-Fahnen in die Autofenster und bemalten sich SchwarzRotGold. Dazu lenkte Public Viewing von der allgemeinen Verarmung ab. Der Ausdruck bedeutet übrigens im Englischen die Aufbahrung eines Toten im offenen Sarg:… auch eine Sichtweise auf die Fußballorgie.

Und Angela Merkel flog im Bundes-Airbus nach Südafrika zum Spiel der deutschen Fußballmannschaft. Sie hatte jeder Bundestagsfraktion den Mitflug eines Abgeordneten angeboten: also fünf insgesamt, wirklich eine großzügige Mitfahrgelegenheit im geräumigen Airbus! Dann patschte sie in Südafrika neben Blatter in die Hände und wurde in die Wohnstuben der Untertanen übertragen. Alles live! Und nicht mal billig. (Bauchmüller 2.7.2010)

Der kritische Sportjournalist Thomas Kistner empfiehlt, „sich einmal die gnadenlosen Polit- und Wirtschaftsmechanismen hinter dieser wundervoll geschmierten Industrieshow mit den perfektionierten Leibern genauer anzusehen“ (Kistner 26.4.2012).

Vergleiche auch: Brot und Spiele

Sport als Staatssport
Weltweit ergeben sich Tendenzen zum Staatssport. Zum einen werden Unsummen in die Sportinfrastruktur gesteckt, in ein hochsubventioniertes Stützpunktsystem: Hiervon profitiert fast ausschließlich der Spitzensport.

An Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften, Sportgroßveranstaltungen jeder Art können einige wenige gut verdienen. Die Rechnung bezahlen in der Regel die Gastgeber: die Austragungsorte, der Staat, seine Bürger. Nicht nur die olympischen Austragungsorte ruinieren sich. Oberstdorf hat sich mit der Ausrichtung der Nordischen Ski-WM 2005 völlig verschuldet und hatte 2008 rund 63 Millionen Euro Schulden. Der Bürgermeister klagte: „Wir sind zum Finanzier des Sports geworden“ (Szymanski 23.10.2008).

Dazu kommt die wachsende Tendenz, Sportler direkt beim Staat anzustellen: eine von der ehemaligen DDR übernommene Einrichtung.

„Fast 65 Prozent der Sportler im aktuellen Olympia-Team sind entweder bei Bundeswehr, Bundespolizei oder Zoll angestellt, genießen dort eine Ausbildung und sind ansonsten freigestellt, um als Vollzeit-Sportler wirken zu können: Wenn man die Eishockey-Profis im Team abzieht, wird der Anteil noch größer“ (Hahn 2010).

Nach Vancouver reisten 153 deutsche Sportler: Davon sind 63 bei der Bundeswehr, 24 bei der Bundespolizei und zwölf beim Zoll: zusammen 99 (Deutscher Bundestag, Ausschussdrucksache 17 (5) 31). Die „Staatssportler“ werden meist freigestellt. Ihr einziges Ziel ist es, Rekorde aufzustellen und Medaillen zu erringen: Sie gewannen dann auch 21 der 30 deutschen Medaillen. 30 Millionen Euro zahlt der Steuerzahler für die 824 Sportsoldaten. Bis zu den Olympischen Sommerspielen 2012  in London soll die Zahl der Sportsoldaten auf 744 reduziert werden. Der Leistungsdirektor des DOSB, Ulf Tippelt  „nannte die Sportförderung durch Bundeswehr, Bundespolizei und Zoll unersetzbar“ (Reinsch 21.9.2010).

Wolfgang Maennig, Olympiasieger von 1988 und Verfasser der Einnahmenberechnungen diverser deutscher  Olympia-Bewerbungen, sagte dazu: „Weil andere Nationen Ähnliches tun, haben wir es im Grunde in Vancouver schon fast mit Militärfestspielen zu tun“ (taz 6.2.2010). Deshalb wäre eine Beendigung des Status Sportsoldat auch eine faire Gleichstellung mit anderen Ländern.

Sport als Spitzensport
Sport ist zu einem Industriezweig geworden. Die ursprünglichen Qualitäten bzw. Tugenden des Sports wurden komplett kommerzialisiert: Damit dominiert auch der Einfluss des Großkapitals, der Sponsoren und des Fernsehens. Leidtragende sind – auch – die Spitzensportler selbst. Die Skirennläuferin Lindsey Vonn sagte im Interview: „Zeigen Sie mir einen Ausnahmeathleten, der nicht von dieser Angst getrieben wird, den Anschluss zu verlieren. Das beginnt doch schon in der Kindheit… Profisport ist ein seelischer Kraftakt“ (Spiegel 48/28.11.2011).
Gleichzeitig wurden Doping und Frühinvalidität der olympischen Sportler aktuell. Die Tendenz und die Geldmittel gehen vom Breitensport zum Spitzensport, besser Elitensport. Das propagierte Spitzensport-Ideal folgt in etwa der These von Andy Warhol: Jeder wird ein Star sein – für 15 Minuten…“

Mit insgesamt 250 Millionen Euro pro Jahr wird in Deutschland der Spitzensport unterstützt: Tendenz steigend. Allein 138 Millionen Euro kamen 2010 vom Innenministerium (Reinsch 21.9.2010). Diese massive staatliche Subventionierung ist letztlich auch ein Ergebnis der Sportpolitik des > IOC in der Ära Samaranch. Und der viel zitierte „olympische Frieden“ wird durch den professionalisierten Spitzensport auch nicht gefördert. (Siehe IOC und Diktaturen)

Auch die Frage nach dem Nutzen für den Breitensport ist mit Nein zu beantworten. Wem nützen IOC und IAAF? Simson und Jennings schrieben schon 1992:

„Sie nützen dem neuen Typus professioneller Sportpräsidenten, den nach Geschenken gierenden IOC-Mitgliedern, den Fernsehgesellschaften und den Sponsoren, die unseren Sport gekauft haben und die Sportler zum Doping getrieben haben, damit sie spektakulärere Leistungen erbringen, als es der menschliche Körper normalerweise zulässt“ (S. 338).

Ärmere Länder haben keine Chancen mehr. Und in den reicheren Ländern wird am Breiten- und am Schulsport gespart.

Sportidole und Lebenslügen
Der Philosoph und Sportkritiker Gunter Gebauer äußerte in einem Interview über die Rolle des Sports Anfang Januar 2012, dass Spitzensport „kaum noch Lebensorientierung“ bietet. Die Bedeutung der Spitzensportler sei vorbei; dies sehe man am leuchtenden Vorbild von Magdalena Neuner, die „aus dem Sport ausscheidet, weil sie genug davon hat, von den Sportfunktionären bei den Olympischen Spielen im Deutschen Haus hin- und hergeschubst und gar nicht ernst genommen zu werden“.
Sport sei „am anfälligsten für ökonomisches Denken“. Die oft gebrachte Behauptung, dass die Welt im Sport besser und ein kleines Biotop sei, ist nach Gebauer „die Lebenslüge der Sportverbände“.
Der Sport produziere Idole „am laufenden Band“, und diese Idole halten den ökonomischen Kreislauf in Gang. „Außerdem sind Leute aus der obersten Schichten der Gesellschaft glücklich, wenn Idole ihre Party besuchen“ (Teuffel 8.1.2012).
Nach Andy Warhol wird jeder ein Star sein – für 15 Minuten. So ist es im Sport schon lange.

Sport-Millionäre
Nur wenige Sportler verdienen top: Die meisten verdienen wenig mit ihrem Sport. Aber die Sport-Millionäre dienen als Vorbild und Idol.
In der Forbes-Liste  2011 liegt der Golfer Tiger Woods mit 75 Millionen Dollar vorn, gefolgt von den Basketballern Kobe Bryant (53 Millionen Dollar) und LeBron James (48 Millionen). Der Tennisspieler Roger Federer ist mit 47 Millionen Dollar vierter, der Golfer Phil Mickelson mit  46,5 Millionen Dollar fünfter. Drei Fußballer (David Beckham, Cristiano Ronaldo und Lionel Messe) liegen auf den Plätzen 6, 7 und 10.
Geld und Egoismus, Kommerz und Profitum beherrschen den Sport: vom Sportsgeist ist nicht viel übrig geblieben.

Die Vermarktung der Spitzensportler ist brutal und lässt nicht über Sinn oder Unsinn nachdenken. Der Tennistrainer Nick Bolletieri beschreibt diesen Prozess so: „Wenn jeder Karriereschritt bis ins Detail von Vermarktern durchgeplant ist, wenn jeder Imagefehler Millionen kosten kann, dann funktionieren Athleten irgendwann wie Roboter… Das Leben eines Leistungssportlers ist brutal. Aber wer sich an der Weltspitze halten will, muss sich quälen, und manchmal tut es eben weh“ (Gilbert 29.8.2011).

Die Sport-Geschäftsführer
Es handelt sich in der Regel um ältere, oftmals beleibtere Herren, denen man ihr Faible für sportliche Aktivitäten nicht ohne weiteres ansehen würde und deren primäres Interesse Geschäften, Gewinnen und luxuriösem Leben gilt. So haben Samaranch und Primo Nebiolo die Vermarktung des Sports, das Ende des Amateurstatus und den Profisport seit Beginn der Achtzigerjahre endgültig in die Wege geleitet.

„Die Anklage gegen die beiden alten Männer ist vernichtend. Sie haben den Weg geebnet für den Ausverkauf des Sports und der einst unbefleckten fünf Ringe an die Meistbietenden. Sie haben in ihren Reden darauf hingewiesen, wie gefährlich das Doping für den Sport sei, sich aber mit durchgreifenden Gegenmaßnahmen zurückgehalten“ (Simson/Jennings 1992 S. 325).

Letztlich wird und will niemand etwas ändern an diesem Geflecht von Geld, Macht und Doping: Jeder drängt zu persönlichem Ruhm und Bedeutung, zu Reichtum und Luxus. Bereits 1984 formulierte Thomas Keller, der Präsident des Ruderweltverbandes FISA, in bemerkenswerter Weitsicht: „Wir müssen die Olympischen Spiele abschaffen, um den Sport zu schützen.“ (Jennings 1996, S. 292)

Ein Beispiel für das Agieren heutiger Sportfunktionäre ist der Ägypter Hassan Moustafa, Präsident des Internationalen Handball-Weltverbandes IHF. (Moustafa ist ausnahmsweise nicht im IOC.) Der Präsident des deutschen Handballverbandes, Ulrich Strombach, und seine Frau wurden von Moustafa zu den Olympischen Sommerspielen in Peking 2008 eingeladen – Kosten 8000 Euro. In Peking kam es auch zu Skandalen um bestochene Handball-Schiedsrichter.

Das Wahlsystem im IHF funktioniert wie beim IOC und der FIFA: „Wie sein Vorbild Sepp Blatter … regiert Moustafa sein Reich, indem er sich die Verbände exotischer Länder gewogen hält. Sie sind sein Stimmvieh, die Stützen seines Systems“ (Spiegel 25/2009).

Im Juni 2009 auf dem IHF-Kongress in Ägypten bekamen ausgesuchte Funktionäre wie Juan Antonio Samaranch, Jacques Rogge und Thomas Bach das „Große Paket“ mit wertvollem Montblanc-Schreibzeug. Viel war die Rede von bestochenen Funktionären für seine Wiederwahl. „Während Moustafa zur Pflege seiner Kontakte enorme Verbandsgelder verpulverte, hat er zur Bekämpfung von Doping offenkundig keinen Cent übrig“ (Kistner 5.6.2009).
Anfang 2010 stieg die Aufwandsentschädigung von Moustafa von 30 000 auf 500 000 Schweizer Franken.

Nachtrag zur Sportlichkeit
Auf die Frage im Spiegel: „Nur 46 Prozent der Deutschen treiben noch Sport, vor sechs Jahren waren es 56 Prozent. Wie kommt das?“ antwortete Ingo Froböse, Professor an der Deutschen Sporthochschule in Köln: „Sport dient als Unterhaltungsprogramm, liefert Idole. Als Fan kann man Teil einer Gemeinschaft sein, über Fußball mit Kollegen reden. Sportkenntnisse werden zum Statussymbol. Man muss aber nicht mehr selbst trainieren“ (Warum sind Deutsche so unsportlich, Herr Froböse? in Der Spiegel 43/2013).
Die deutschen Couch-Potatos gucken Sportidole im TV an – die Öffentlich-Rechtlichen zeigen ja genug davon…

Nachtrag Dezember 2013: „Sommermärchen“ ein Märchen
Deutsche Fußball-WM 2006 förderte Fremdenfeindlichkeit
. Das Institut für Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld untersuchte das WM-„Sommermärchen“. Es war wirklich ein Märchen: Die WM zeigte nur oberflächlich die freundlichen deutschen Fußballfans. Prof. Wilhelm Heitmeyer „hat für die These, da habe das Land zu einem ‚toleranten Patriotismus‘ gefunden, genau fünf Worte übrig: ,’gefährlicher Unsinn, ein Stück Volksverdummung““ (Staud, Toralf, Fußballtaumel und Fremdenfeindlichkeit, in sueddeutsche.de 15.12.2013). Seit 2002 führen die Bielefelder Forscher ihre Langzeitstudie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ durch, die von der VW-Stiftung gefördert wird. Ergebnis des jetzigen fünften Bandes u. a.: Nationalstolz führt zu „Fremdgruppenabwertung“. Die Umfrage vom August 2013 erbrachte, „dass nach der Fußball-Weltmeisterschaft befragte Personen ’nationalistischer eingestellt‘ waren als früher Befragte. Und weiter: ‚Die Vermutung, dass es sich dabei um eine neue, offene und tolerantere Form der Identifikation mit dem eigenen Land handelt, lässt sich allerdings nicht bestätigen.‘ Denn den Zusammenhang zwischen Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit hatte der diesjährige ‚Party-Patriotismus‘ nicht aufgebrochen. Aber offenbar, schreibt Heitmeyer selbst , seien die ‚Schwarz-rot-geil-Stimmung‘ oder Kampagnen wie ‚Du bist Deutschland‘ der Versuch eines ’surrogathaften Ankers auf schwankendem sozialen Boden'“ (Ebenda). Die Frage „Homosexualität ist unmoralisch“ bejahten 21,8 Prozent. „30,5 Prozent meinen, Frauen sollten sich ‚wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen'“ (Ebenda). Vor allem in Regionen mit steigender Arbeitslosigkeit wird das Klima fremdenfeindlicher. Aber auch Bayern liegt auf Platz 3 des „Index Rechtspopulismus“: Gut 22 Prozent der befragten Bayern stimmten diesen fünf Aussagen zu: ‚Verbrechen sollten härter bestraft werden‘, ‚Um Recht und Ordnung zu bewahren, sollte man härter gegen Außenseiter und Unruhestifter vorgehen‘, ‚Es leben zu viele Ausländer in Deutschland‘, ‚Die in Deutschland lebenden Ausländer sind eine Belastung für das soziale Netz‘ und ‚Viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen und die Deutschen dafür zahlen zu lassen'“ (Ebenda).

Nachtrag Januar 2016: Sport als Spiegel der Gesellschaft
Aus einem Essay von Georg Diez im Spiegel: „Sport ist der Spiegel der Welt. Der Fan spiegelt sich in seinem Idol (…) Der Funktionär spiegelt sich in dem System, das er von Hinterzimmern aus peinlich genau kontrolliert. (…) Die Menschen wissen mehr, sie erwarten mehr, sie sind kritischer geworden, sie lehnen Olympia in Hamburg ab, weil ihnen das Geschacher um das Großsportfest zu dubios und das Event an sich zu teuer erscheint. (…) Sie wollen nicht mehr betrogen werden, sie wollen die Wahrheit hören über die Fifa, über das Sommermärchen, über die Machenschaften in der Leichtathletik. (…) Die Kommerzialisierung des Sports ist eben die Kommerzialisierung der Welt, die Korruption des Sports ist die Korruption der Welt. (…) Der Sport ist ein zerbrochener Spiegel. Die Schönheit liegt gerade in diesen Scherben“ (Diez, Georg, Doping der Emotionen, in Der Spiegel 5/30.1.2016).

Nachtrag Januar 2017: Sport-Dämmerung
„Große Verbände wie die Fifa, der DFB, das IOC oder der betrügerische Internationale Leichtathletikverband IAAF, dessen Präsident gegen Geld positive Dopingproben verschwinden ließ, sind klandestine, von Kameraderie und Gier durchsetzte Gebilde, die sich ihre eigenen Regeln gegeben haben. Jahrzehntelang konnten die  Funktionäre, die es an die  Spitze dieser Apparate geschafft hatten, ungestört mauscheln und tricksen. Doch in den vergangenen Jahren ist ihr schmutziges Geschäft schwieriger geworden. Das FBI treibt die  Fifa  vor sich her. Steuerfahnder marschieren  in der DFB-Zentrale in Frankfurt ein. Whistleblower offenbaren sich in den Medien. Hacker knacken Datenbanken und E-Mail-Accounts. Nach Jahrzehnten der Verklärung erlebt der Sport eine Ära der Aufklärung. Die abgeschottete Welt der Funktionäre, sie ist nicht mehr ganz so sicher“ (Pfeil, Gerhard, Idole, in Der Spiegel 1/30.12.2017).

Quellen:
Bauchmüller, Michael, Nach Kapstadt? Nach Johannisburg, in SZ 2.7.2010
Beichtstuhl für Spitzel, in Spiegel 45/1993
Das „Eigenleben“ des Sports in der Bundeswehr, in www.faz.net 8.6.2010
Deutscher Bundestag, Ausschussdrucksache 17 (5) 31, Informationen DOSB zur Vorbereitung der Sitzung des Sportausschusses am 9. Juni 2010
Eggers, Erik/Wulzinger, Michael, Heimrecht für den Pharao, in Spiegel 25/2009
„Ein seelischer Kraftakt“, in Der Spiegel 48/28.11.2011
Ex-Olympiasieger über Sportsoldaten, in taz 6.2.2010
Gilbert, Cathrin, „Roboter“, Interview mit Nick Bolletieri, in Der Spiegel 35/29.8.2011
Hahn, Thomas, Staatsziel Gold; in SZ 13.2.2010
Hofmann, René, In der Winterfrische, in SZ 27.2.2010
IHF-Präsident Moustafa bekommt 1567 Prozent mehr, in spiegelonline 20.2.2010
Jennings, Andrew, Das Olympia-Kartell, Reinbek 1996
Kistner, Thomas
– Geschenke statt Tests, in SZ 5.6.2009
– Thomas Kistner im Interview, www.droemer-knaur.de 26.4.2012
Mühlfenzl, Martn, „Es gibt natürliche Leistungsgrenzen“, in SZ 13.5.2013
Peiffer, Lorenz, Sport im Nationalsozialismus, Göttingen 2009
Pharao kandidiert, in SZ 24.3.2009
Purschke, Thomas, Die Olympiabewerbung München 2018 und die dunklen Schatten der Vergangenheit, in dradio.de 30.1.2011
Reinsch, Michael, Erträgliche Einschnitte, in faz.net 21.9.2010
Simson, Vyv/Jennings, Andrew, Geld, Macht und Drogen, München 1992
Szymanski, Mike, Sehenden Auges in die Pleite, in SZ 23.10.2008
Teuffel, Friedhard, „Der Sport hat jede Vorbildwirkung verloren“, Interview mit Gunter Gebauer, in tagesspiegel.de 8.1.2012
Wecke den Tiger in dir, in SZ 22.9.2011
Weinreich, Jens, Das Prinzip der partiellen Rechtlosigkeit, in SZ 12.3.2009


Kritisches Olympisches Lexikon - Sach- und Personenregister: (274 Einträge, wird laufend aktualisiert und ergänzt)
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