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Verkehrsentwicklung

Zuletzt geändert am 26.04.2010 @ 14:32
© Foto: Sammlung Gesellschaft für ökologische Forschung / Wolfgang Zängl

© Text:  Andreas Keller, Gesellschaft für ökologische Forschung

Zukunftsfähige Verkehrspolitik heißt Verringerung des mit dem Verkehr verbundenen Energie-und Flächenverbrauchs sowie des Schadstoffausstoßes – oberste Priorität in der Verkehrspolitik hat die Verkehrsvermeidung. Das bedeutet: Kein weiterer Fernstraßenbau – Erhalt und Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel.

Verkehrsinvestitionen sind immer kostspielig und müssen deshalb mit höchstmöglichem Nutzen für zukünftige Generationen getätigt werden. Deshalb ist es nicht allein entscheidend, wie viele Besucher die Sportstätten mit dem Auto oder dem Zug während der zwei Wochen Olympiaparty anfahren können, sondern wie zukunftsfähig Milliarden von Steuergeldern für Infrastrukturmaßnahmen ausgegeben werden sollen.

Das Versprechen klimaneutraler, nachhaltiger und „grüner“ Olympischer Spiele wird deshalb schon bei den geplanten Infrastrukturmaßnahmen im Bereich Verkehr zur Makulatur.

Die räumliche Aufteilung der Einzeldisziplinen zwischen München, Garmisch-Partenkirchen, Oberammergau und Königssee würde  – konzentriert auf lediglich 18 Tage – zu enormen Verkehrsströmen führen, die grundsätzlich nicht „ökologisierbar“ sind.

Für die Bewältigung des von den Spielen generierten Verkehrs sollen laut Eckdatenpapier zum MiniBid Book bis zu den Spielen 2018  mehr als 2 Milliarden Euro in überregionale Straßenprojekte gesteckt werden, in die Schieneninfrastruktur lediglich ca. 350 Millionen (Verhältnis etwa 6 : 1). Allein dies widerspricht dem in den Bewerbungsunterlagen immer wieder propagierten Ziel nachhaltiger Spiele.

Diese Kosten gehen aber nicht in die offiziell kalkulierten Gesamtsumme für die Olympischen Winterspiele ein. Hier – wie bei vielen anderen Infrastrukturmaßnahmen – argumentiert man damit, dass “wir diese Projekte sowieso bauen wollten”. Für manche Projekte stimmt das, für andere nicht. Einige Projekte sind zwar schon lange geplant, werden jedoch dann im Eiltempo durchgeboxt, wenn ein Großereignis beschlossen ist.

Das Verkehrsprojekt “Umfahrung von Garmisch-Partenkirchen mit Kramertunnel” ist dafür ein besonders negatives Beispiel. Seit vielen Jahren war man sich einig, dass dieser Tunnel mit geringst möglichen Eingriffen in die Landschaft gebaut werden soll und hierfür unter dem Gelände der US-Streitkäfte hindurch geführt werden muss.

Der Zuschlag für die Durchführung der Skiweltmeisterschaft 2011 an Garmisch-Partenkirchen wurde jedoch dazu genutzt, die Verwirklichung des “Kramertunnel” im Eiltempo voranzutreiben. Im Raumordnungsverfahren 1982 und den darauf folgenden Verhandlungen mit den Amerikanern hatte man sich auf den Verlauf der Trasse grundsätzlich geeinigt. Danach wurde es still um das Projekt. Jetzt sollte die Straße plötzlich bis zur Ski-WM fertig werden, und nichts von den vereinbarten Planungen galt mehr. Aus Zeitgründen verhandelte man nicht mehr mit den Amerikanern, sondern wählte die Trasse, die vorher von allen Beteiligten wegen der großflächigen Natur- und Landschaftsszertörung strikt abgelehnt worden war. Eine Klage gegen den Planfeststellungsbeschluss war erfolglos. Seit Februar 2010 wird gebaut, die Bauzeit geht weit über den Termin der WM 2011 hinaus und die landschaftsschonendere Trasse, die der Bund Naturschutz vorgeschlagen hatte, war unter den Tisch gefallen.

Die Kosten haben sich von ursprünglich 68 Mio € (BVWP), über 104 Mio € (Planfeststellungsbeginn) bis zum jetzigen Zeitpunkt auf 133 Mio € exakt verdoppelt. Sowohl die Kostenexplosion wie auch die verheerenden Landschaftszerstörungen durch die jetzt gewählte Trasse sind somit direkt mit einer Wintersport-Großveranstaltung verbunden.

Bekommt „München + 2“ den Zuschlag für die Olympischen Winterspiele 2018, wird nichts mehr sein wie heute. Dann eilt es mit dem Ausbau, und Straßenprojekte sind schneller zu realisieren als Bahnprojekte.

Für überregionale und lokale Infrastrukturmaßnahmen im Zusammenhang mit den Spielen gibt es folgende Planungen:

Straße

Geplant und z.T schon genehmigt sind folgende überregionale Straßenverbindungen, die in direktem Zusammenhang mit der Bewerbung für 2018 stehen:

München:
der Autobahnring der A 99  (Fahrstreifenergänzung  22 km, ca. 200 Mio €)
Münchner Bürgerinitiativen, die sich gegen die Südtrasse durch den Perlacher Forst wehren, fürchten den „Vollzug“ wegen der olympischen Winterspiele. Das bedeutet, dass für ein lediglich zweiwöchiges Sportereignis erhöhtes Verkehrsaufkommen, ökologisch höchst zweifelhafte und dauerhaft irreversible Infrastrukturprojekte in Angriff genommen würden, für die die Olympischen Spiele als Rechtfertigung dienten.

Garmisch-Partenkirchen – Loisachtal:
autobahngleicher Ausbau der B 2 im Anschluss an die A 95 Richtung Süden bis Oberau mit Auerbergtunnel (1,9 km, 4-spurig, 100 Mio. €)
Umfahrung Oberau (1,4 km, 4-spurig, 140 Mio. €)
Umfahrung von Garmisch im Zuge der B 23 mit Kramertunnel (5,6 km, 2-spurig, 134 bis 161 Mio. €)
Umfahrung von Partenkirchen im Zuge der B 2 mit Wanktunnel (4,2 km, 2-spurig, 120 bis 144 Mio. €)

Bauarbeiten zum Farchant-Tunnel

Der größte Anteil der Besucher der Spiele würde nach Garmisch-Partenkirchen auf der Straße anreisen (Prognose: 40 % Pkw, 38 % Busse, 20 % Bahn, sonstige 2 %). Für den Durchgangsverkehr im Loisachtal wird vorausgesetzt, dass sowohl der Kramertunnel als auch der Wanktunnel gebaut werden, so dass die Umfahrung Garmisch-Partenkirchens gegeben ist, auch wenn der Ort für den „normalen“ Verkehr gesperrt wird. Hinzu kommen der „Auerbergtunnel“ und der Tunnel zur Umgehung von Oberau.

Mit der Realisierung der geplanten Straßenbaumaßnahmen im Loisachtal würde es dort nach 2018  zu einer überproportionalen Verkehrszunahme (Transit!) kommen, mit entsprechenden dauerhaften Folgen hinsichtlich Lärm und Luftschadstoffe. Damit wäre auch das Prädikat des „heilklimatischen Kurortes“ Garmisch-Partenkirchen aufs Spiel gesetzt. Der Transitraum Loisachtal wäre perfekt und die Staus auf der B 2 und  B 23  würden über die Grenze nach Österreich weitergereicht.

Oberammergau:
B 23 Ortsumfahrung von Ettal (2,4 km, 2-spurig, 8 Mio. €, BVWP)
Die Verkehrsanbindung von München und Garmisch-Partenkirchen nach Oberammergau ist durch die Nadelöhre „Ettaler Berg“ und Ettal völlig unzureichend. Während der Spiele würde die B 23 zwischen Garmisch und Oberammergau für den „normalen“ Verkehr gesperrt. Der „übliche Verkehr“ würde über Murnau und Saulgrub umgeleitet. Die Ortsumfahrung von Ettal soll bis 2018 gebaut sein, damit der Verkehr für die „Olympische Familie“ reibungsfrei fließen kann.

Schönau:
die durchgehend 6-spurige Verbreiterung der A 8 München – Salzburg (65 km, 4-spurig, 500 Mio. €)
Von der B 395 sollen die Besucher über großräumige Ein-Richtungsverkehre nach Schönau gelenkt werden.

Lokale Straßeninfrastrukturmaßnahmen für die Spiele

München:
Vierspuriger Ausbau Föhringer Ring für Fahrten des Olympia-Trosses (13 Mio €)
Tieferlegung der Landshuter Allee

Garmisch-Partenkirchen:
Verlängerung der St.-Martin-Straße und Ausbau des Tegernauweges.
Ausbau eines existierenden Fußweges entlang der Bahn- und Zugspitzbahntrasse zu der sog. „Olympia-Straße“, zur schnellen Erreichbarkeit der olympischen Stätten untereinander.

Innerhalb und außerhalb von Garmisch-Partenkirchen entlang der Bundesstraße 2 sind ca. 12.000 temporäre Stellplätze auf insgesamt 6 riesigen P+R-Flächen geplant, die mit Shuttle-Bussen an die Sportstätten angebunden werden.

Parkplatz Hausberg, Garmisch-Partenkirchen

Parkplatz, Kreuzeckbahn, Garmisch-Partenkirchen

Angedacht sind diese Parkflächen derzeit in Farchant (ca. 2.500 Pkw), Oberau (1.600 Pkw), Eschenlohe (3.000 Pkw), Ortsteil Partenkirchen (1.600 Pkw) Ortsteil Garmisch (2.000 Pkw).

Garmisch-Partenkirchen, Parkplatz Kreuzeck

Oberammergau:
Unterammergau und  Oberammergau-Nord (je 800 Pkw), Ettal und Graswang (je 1.100 Pkw).

Schönau:
Ca. 1.700 Stellplätze auf zwei P+R-Flächen (Drachenflieger Landeplatz, Gebirgsjägerkaserne)
Bisher hat man vor allem landwirtschaftlich genutzte Wiesen für die temporären P+R-Flächen ins Auge gefasst. Die Landwirte aber befürchten – zu Recht – , dass ihr Grund für die Auf- und Abbauarbeiten und durch Tausende von Autos massiv in Mitleidenschaft gezogen werden könnte und die Grasschicht abstirbt. Noch ist nicht klar, ob diese Flächen durch die Landwirte zur Verfügung gestellt werden. Aus naturschutzfachlicher Sicht gibt es in den beteiligten Landkreisen ohnehin keinen Spielraum für diesen riesigen Flächenverbrauch.

Parkplatz im Gebirge

Schiene

Für die Spiele kann die bestehende Bahn wegen geringer Kapazität keine große Entlastung bringen. Aufgrund des kurzen zeitlichen Vorlaufs kann mit einer Realisierung von wirksamen Ausbaumaßnahmen der Bahnstrecken zu den Austragungsorten vor den Spielen 2018 nicht gerechnet werden.
In einer Studie über notwendige Strukturen des öffentlichen Verkehrs im Zusammenhang mit der Bewerbung um die Spiele 2018 schlägt der Bundesverband des PRO BAHN e.V. einen seit Jahrzehnten überfälligen Ausbau der Schiene vor.

Richtung Garmisch-Partenkirchen/Oberammergau:

Die Bahnstrecke München – Garmisch-Partenkirchen hat den größten Engpass aufgrund abgebauter Kreuzungsstationen und der Eingleisigkeit zwischen Tutzing und Garmisch-Partenkirchen. Um die erforderliche Zuverlässigkeit zu erlangen, müsste die Strecke zwischen Tutzing und Murnau durchgehend zweigleisig ausgebaut werden.
Im ökologisch und landschaftlich sensiblen Bereich zwischen Murnau und Oberau kann aufgrund der relativ kurzen Entfernung der Bahnhöfe untereinander und der dort noch vorhandenen Kreuzungsstationen auf einen zweigleisigen Ausbau verzichtet werden.
In Richtung Garmisch-Partenkirchen sollte ab Oberau, spätestens ab Farchant, die Strecke ebenfalls zweigleisig ausgebaut werden, damit der Zielbahnhof Garmisch-Partenkichen flexibel genutzt werden kann.
Zur Erhöhung der Streckenkapazität zwischen Murnau und Oberammergau muss  das  Kreuzungsgleis in Altenau wieder eingebaut werden.

Richtung Mühldorf – Salzburg:
Mit 21.000 Fahrgästen pro Tag zwischen München und Mühldorf ist die Strecke  München – Mühldorf – Freilassing eine der meistbefahrenen Strecken mit nur einem Gleis. Eine zweigleisige, elektrifizierte Trasse würde deutlich mehr Verkehr ermöglichen. Diese Maßnahme würde einen nachhaltigen Nutzen bringen: Verbesserung des Güterverkehrs ins „Chemiedreieck“, eine höhere Kapazität in Richtung Südosteuropa, Entlastung der Strecke München – Rosenheim (Brennerzulaufstrecke), Verbesserung des Nahverkehrs zwischen Salzburg und München.
Nach einer Kostenschätzung von PRO BAHN wäre dieser zukunftsfähige Ausbau der Bahn mit ca. 570 Mio. € zu bewerkstelligen.

Nach den bisherigen Erfahrungen kann man davon ausgehen, dass die geplanten Olympischen Winterspiele den Ausbau des Autobahn- und Bundesstraßennetz forcieren werden. Neben den damit verbundenen Eingriffen in Natur- und Kulturlandschaften ist dies auch aus Sicht des Klimaschutzes mit der dafür notwendigen Verkehrsvermeidung weder klimaneutral noch nachhaltig oder „ökologisch vorbildlich“.

Weitaus wichtiger wäre es – statt der olympischen Winterspiele – mit dem Geld ein optimal funktionierendes Gesamtnetz öffentlicher Verkehrsmittel zu finanzieren. Die Ausbaumaßnahmen bei den Schienenwegen sind durch Umschichtung im Verkehrshaushalt des Bundes ohnehin finanzierbar.