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IOC und Diktaturen

Zuletzt geändert am 14.05.2012 @ 21:37

„Das Komitee hat eine Vorliebe dafür, Militärdiktatoren Honig ums Maul zu schmieren“, schrieb Andrew Jennings 1996 über das IOC. Nun könnte es sich dabei um eine Zufälligkeit handeln: Dem ist aber nicht so.

Es gibt enge und logische Zusammenhänge zwischen dem Denken im Totalitarismus und den dem Sport zugeschriebenen Bedingungen: Wettkampf – Leistung – Gehorsam – Funktionieren – Anpassung – Regelbeachtung – Gehorsam – Elite – Dienst – Leitung – Unterordnung – Hierarchien – Konkurrenz …

Mit diesen militärischen Attributen lässt sich ein autoritäres Regime führen, aber auch eine Sportorganisation. Und Sport intoniert das Führerprinzip. Diese Primärtugenden verkörpern die elitären Sportideen des IOC. Sie wurden von Pierre de Coubertin in die Welt gesetzt und von Funktionären weiterentwickelt, die sich auf Kosten von Sportlern und Staaten ein berauschendes Leben machen.

(Das Gegenmodell zum IOC wäre zum Beispiel: Verantwortung, Respekt, Achtung, Bescheidenheit, Demut, Ehrlichkeit, sorgsamer Umgang mit Ressourcen.)

Bei Hitler zu Hause
Im Juni 1936 sagte Heinrich Mann in Paris anlässlich der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin: “Glauben Sie mir, diejenigen der
internationalen Sportler, die nach Berlin gehen, werden dort nichts
anderes sein als Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators,
der sich bereits als Herr dieser Welt fühlt” (Cassier 14.5.2012).
So war es und so ist es bis heute.
Im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen und Berlin hatte der amerikanische Sportfunktionär, spätere IOC-Präsident und Antisemit Avery Brundage Deutschland besucht, um festzustellen, dass Juden im Dritten Reich nicht diskriminiert würden. Hohe und höchste Sportfunktionäre des Dritten Reichs sprachen mit ihm. Hohe und höchste Sportfunktionäre wie z. B. von Halt, Carl Diem, Willi Daume glitten später bruchlos und nahtlos in hohe und höchste Positionen der Sporthierarchie der Bundesrepublik.
In Italien blieben nach 1945 drei Adlige im IOC, die in Mussolinis faschistischer Partei gewesen waren.

Nähe zu autoritären Staaten und Regimen
Die Spiele wurden bis heute kritiklos an repressive Regierungen vergeben: wie zum Beispiel an Mexiko 1968 (zehn Tage vor Eröffnung der Spiele wurden 250 Studenten bei Protesten gegen Korruption und Unterschlagungen von Militär und Geheimpolizei erschossen); in die UdSSR mit Moskau 1980; in die Militärdiktatur nach Südkorea (Seoul 1988); in das kommunistische China (Peking 2008); in das undemokratische Russland (Sotschi 2014).

Im Jahr 2013 wird Moskau Gastgeber der 14. Leichtathletik-WM sein, 2015 ist es Peking. Für IAAF-Vizepräsident Sergej Bubka ist dieser Ort ideal: “Es gab keine Fragezeichen bei dieser Bewerbung: Gute Sportstätten, keine Risiken und Probleme” (SZ 22.11.2010). Die internationalen Sportverbände haben bis heute keine Probleme mit undemokratischen Regimen, im Gegenteil: Hier stört wenigstens niemand.

Das Samaranch-IOC
Juan Antonio Samaranch hatte enge Beziehungen zum Diktator und Faschistenführer Franco. Samaranch pflegte auch gute Kontakte zu den Diktatoren Ceaucescu (Rumänien) und Schiwkow (Bulgarien), Honecker (DDR), Breschnew (UDSSR), Islam Karimow (Usbekistan), Saddam Hussein, Fidel Castro, Jelzin, Deng Xiaoping, Chun Doo Hwan und Roh Tae Woo (Südkorea) etc. Er verlieh den > Olympischen Orden an viele Regimeführer und Vertreter autoritärer Systeme.

IOC-Mitglieder
Speziell die unter Samaranch aufgenommenen IOC-Mitglieder zeichneten sich durch ihre Nähe zu Diktatoren aus – wie > Mohamad Bob Hasan (Freund des indonesischen Diktators Suharto); > Francis W. Nyangweso (ehemaliger Verteidigungsminister des Menschenschlächters Idi Amin in Uganda); > Park Yong-sung (südkoreanischer Konzernmanager, wegen Unterschlagung und Korruption zu drei Jahren auf Bewährung und umgerechnet 6,9 Millionen Euro verurteilt, der enge Verbindungen zu den südkoreanischen Diktatoren Roh und Hwan hatte); > Kim Un Yong (Agent des südkoreanischen Geheimdienstes und Sekretär des Diktators Park Chung Hee); Sergio Santander Fantini (Vertrauter des chilenischen Diktators Pinochet; verlor seinen IOC-Sitz wegen Bestechlichkeit im Salt Lake City-Skandal) – und viele mehr.

Die Herren der Ringe waren 2009 ein Konglomerat von 95 vornehmlich älteren Herren (und nur 19 Frauen) mit größtenteils engen Verbindungen zu Industrie und Wirtschaftskreisen.

In der Gegenwart fühlen sich die globalen Sportmonopolisten > IOC und > FIFA stark genug, Staaten zu erpressen und auf der Änderung von Steuergesetzen zu ihren Gunsten zu bestehen. Geld regiert die Welt, und IOC und FIFA sind wie zwei Geldmaschinen. IOC-Mitglied und FIFA-Präsident Sepp Blatter beschrieb die Machtverhältnisse im Sport so: „Wir sind mächtiger als die UNO“ (Rüttenauer 11.4.2008). Und das IOC hat monopolistisch den Weltsport erobert; es dominiert und determiniert ihn zu seinen Gunsten.

Internationale Sportverbände
Auch Internationale Sportverbände gehen nahe Verbindungen zu Diktaturen ein, die sich mit hohen Zahlungen für Sportveranstaltungen internationales Renomee erhoffen. So soll die Eishockey-Weltmeisterschaft 2014 in Weißrussland, “Europas letzter Diktatur”, stattfinden. Mitte März 2012 hat der dortige Diktator Alexander Lukaschenko zwei angebliche Attentäter hinrichten lassen.
“Selbst jetzt, nachdem das Lukaschenko-Regime zwei angebliche Attentäter hinrichten ließ, kommt vom IIHF nur der Hinweis, seine Mitglieder könnten beim nächsten Kongress „das Für und Wider“ beraten – „falls eines der Mitglieder das Thema aufgreift“. Das ist bescheiden genug formuliert, doch sollte es dazu wirklich kommen, kann es nur eine Entscheidung geben: Weißrussland die WM zu entziehen. An das Märchen, eine sportliche Großveranstaltung könne auch mithelfen, skandalöse Strukturen in einem Land nachhaltig offenzulegen oder gar zu ändern, glaubt nach den Erfahrungen rund um Olympia in Peking hoffentlich niemand mehr” (Aumüller 20.3.2012).

Motorsport in der Bahrain-Diktatur
Das Königreich Bahrain hat eine schiitische Mehrheit, wird aber von einer sunnitischen Herrscherfamilie regiert. Im März 2011 gab es Massenproteste gegen die Unterdrückung der Schiiten mit “mehr als 40 Toten, Massenverhaftungen, Folterungen und der Entlassung von Regimekritikern” (Formel 1 fährt in Bahrain, in SZ 14.4.2012). König Hamad bin Isa al-Khalifa konnte sich nur mit Hilfe von 1200 Soldaten aus Saudi-Arabien an der Macht halten (Zekri 12.4.2012). Seit 2004 findet im Bahrain International Circuit ein Formel-1-Rennen statt. Der Grand Prix soll trotz der aktuellen Proteste in Bahrain auch dieses Jahr dort stattfinden: Termin ist der 22. April.
Joe Stork von Human Right Watch äußerte zum Grand Prix in Bahrain: “Für mich ist das ein schreckliches Klima, um ein festliches Sportereignis stattfinden zu lassen” (Formel 1 fährt in Bahrain, in SZ 14.4.2012). Amnesty International verurteilte die Vorgänge in Bahrain in einem aktuellen Bericht vom April 2012 heftig. Der Generalsekretär von AI Deutschland äußerte zum Grand Prix: “Amnesty International rät der Formel 1, Bahrain weiträumig zu umfahren. 2011 ist es dort zu schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen  gekommen. Mindestens 47 Menschen, die friedlich demonstrierten, sind getötet worden… Viele Demonstranten sind heute noch in Haft. Und bis heute gibt es bei Protestaktionen immer wieder Tote und Verletzte. Eine Absage des Rennens wäre ein Signal, dass die Lage weiter besorgniserregend ist” (Hofmann, René, “Weiträumig umfahren”, in SZ 12.4.2012).
Aber der Nahe Osten ist ein wichtiger Markt für Autohersteller und Sponsoren. Da werden die Bedenken gegenüber autoritären Regimen und Diktaturen von den Motorsport-Funktionären rasch beiseite geschoben. Originalton Eccelestone: Wir mischen uns nicht  in Politik oder Religion ein. Wir gehen dorthin” (Brümmer 13.4.2012).
René Hofmann schrieb dazu in der SZ: “Angesichts von Tränengaswolken und Bildern von angeschossenen Kindern ist es mehr als zynisch, wenn Formel-1-Vermarkter Bernie Ecclestone behauptet, in Bahrain gehe es demokratischer zu als in manch anderen Ländern. Und alles sei ruhig und friedlich” (Hofmann, René, Tod und Spiele, in SZ 14.4.2012).
Das ist ein weiterer Beweis für die Affinität von Internationalen Sportverbänden und autoritären Regimes und Diktaturen.
Vergleiche unter Aktuelles: Motorsport in der Bahrain-Diktatur

Motorsport: Bernie Ecclestone
Ende 2011 wurden auch die Motorsportler vom IOC aufgenommen und Mitglied der Olympischen Familie. Bernie Ecclestone,  der ehemalige Gebrauchtwagenhändler, ist Chefvermarkter der Formel 1 und dadurch Milliardär. Er hält offenbar wenig von demokratischen Gepflogenheiten und viel von Adolf Hitler. In einem Interview mit der Times äußerte er: „Wenn man sich die Demokratie ansieht, dann hat sie nicht viel Gutes für viele Länder gebracht, dieses (Großbritannien) eingeschlossen.“ Das erklärt auch Ecclestones Engagement für diktatorische Regimes in Bahrain und anderswo.
Unbestritten sei, dass Hitler „eine Menge von Leuten kommandieren“ und auf diese Weise „Dinge erledigen“ konnte. „Er wurde überredet, Dinge zu tun, von denen ich nicht weiß, ob er sie überhaupt wollte oder nicht… Am Ende hat (Hitler) sich so verirrt, dass er kein sehr guter Diktator  mehr  war. Entweder wusste er, was geschah und bestand weiter darauf, oder er ließ alles gewähren – aber in beiden Fällen war er kein Diktator“ (Alle Zitate: Koydl 6.7.2009). Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder, nannte Ecclestones Äu0erungen „bestürzend und gefährlich“ und forderte seinen Rücktritt von der  Formel 1. Ecclestone „entschuldigte“ sich später für seine Äußerungen und brachte gleich ein weiteres Lob für Hitler: „Zwischen 1933 und 1938 hat er aus einem bankrotten Land eine ziemlich starke  Kraft in Europa gemacht“ (SZ 8.7.2009).
Zu Ecclestones rechter Gesinnung passt, dass Ecclestones enger Freund Max Mosley ein Sohn des britischen Faschistenführers Oswald Mosley (1896 – 1980) ist. Mosley organisierte 2008 eine Sexorgie mit Prostituierten in Naziuniformen. Er war von 1993 bis 2009 FIA-Präsident und verkaufte 1999 die Rechte an der Formal 1 für 100 Jahre an Ecclestone. Ecclestone bedauerte im Oktober 2011, dass die Formel 1 im Gegensatz zu Zeiten Mosleys zu demokratisch geworden sei: „Max und ich konnten anstehende Fragen und Probleme zumeist sehr schnell lösen“ (freiepresse.de 27.10.2011).

Olympische Sommerspiele 2008 in Peking
Der Generalsekretär von Amnesty International Deutschland, Wolfgang Grenz, äußerte im April 2012 bezüglich der Olympischen Spiele in Peking: “Peking hatte bei der Bewerbung versprochen: Die Spiele werden die Menschenrechtssituation verbessern. Eingetreten ist dann das Gegenteil: Für die  Olympia-Bauten gab es Zwangsräumungen. Es gab Säuberungsaktionen, bei denen Bettler und illegale Taxifahrer in Haft genommen wurden. Die Regierung stellte politisch missliebige Personen unter Hausarrest. Wir werfen dem Internationalen Olympischen Komitee vor, da eine Chance verpasst zu haben” (Hofmann 12.4.2012).

Und weiter: Fußball-EM 2012 in der Ukraine, Eishockey-WM 2014 in Weißrussland, Olympische Winterspiele 2014 in Sotschi, Handball-WM 2016 in Katar, Fußball-WM 2018 in Russland, Fußball-WM 2022 in Katar usw.usw.

Die Stories gehen weiter: Olympischer Fechter nicht mehr Präsident
Der Fecht-Olympiasieger von 1968 und 1972 und Fecht-Weltmeister 1970 und 1971, Pál Schmitt, musste am 2. April 2012 als ungarischer Präsident zurücktreten. Und das ging so:
Pál Schmitt studierte an der Karl-Marx-Wirtschaftsuniversität in Budapest, wurde 1983 Mitglied des IOC und 1990 Präsident des Olympischen Komitees; diese Funktion hat er bis heute. Bei der ungarischen Parlamentswahl erhielt er auf der Fidesz-Liste des rechtspopulistischen Viktor Orbán ein Mandat und wurde am 29.6.2012 zum ungarischen Staatspräsidenten gewählt. “Schmitt unterzeichnete in 20 Monaten ohne Widerrede mehr als 360 Gesetze” (Wikipedia). Am 11.1.2012 wurde bekannt, dass Schmitt 180 von 215 Seiten seiner 1992 eingereichten Doktorarbeit aus einer 1987 auf französisch verfassten Studie eines bulgarischen Sportwissenschaftlers kopiert hatte. Am 29.3.2012 erkannte der Senat der Budapester Semmelweis-Universität Schmitt den Doktortitel ab. Der rechte Ministerpräsident Orbán hatte noch erkärt: “Wenn er sich entschieden hat, für seine Wahrheit zu kämpfen, dann kann ihm niemand das Recht dazu nehmen” (Präsident unter Druck, in SZ 31.3.2012; Ungarns Präsident tritt nach Plagiatsaffäre zurück, in spiegelonline 2.4.2012; Wikipedia).

Quellen:
Absage möglich, in SZ 20.3.2012
Aumüller, Johannes, An der Seite der Diktatoren, in SZ 20.3.2012
Brümmer, Elmar, “Wir gehen dorthin”, in SZ 13.4.2012
Cassier, Philip, Ein Amerikaner verhinderte Olympia-Boykott 1936, in welt.de 14.5.2012
Ecclestone bedauert: Formel 1 zu demokratisch, in www.freiepresse.de 27.10.2011
Ecclestone entschuldigt sich, in SZ 8.7.2009
Formel 1 fährt in Bahrain, in SZ 14.4.2012
Hofmann, René
- “Weiträumig umfahren”, Interview mit AI-Chef Wolfgang Grenz, in SZ 12.4.2012
- Tod und Spiele, in SZ 14.4.2012
- Schneller, höher, kritischer, in SZ 23.4.2012
Jennings, Andrew, Das Olympia-Kartell, Reinbek 1996
Kistner, Thomas/Weinreich, Jens, Der olympische Sumpf – Die Machenschaften des IOC, München 2000
Koydl, Wolfgang, Immer Ärger mit Bernie, in SZ 6.7.2009
Präsident unter Druck, in SZ 31.3.2012
Rückkehr nach Peking, in SZ 22.11.2010
Rüttenauer, Andreas, Es geht ums Geschäft, in taz.de 11.4.2008
Simson, Vyv/Jennings, Andrew, Geld, Moral und Doping – Das Ende der olympischen Idee, München 1992
Ungarns Präsident tritt nach Plagiatsaffäre zurück, in spiegelonline 2.4.2012
Weinreich, Jens, Schach mit dem Präsidenten, in sueddeutsche.de 5.11.2009
Wikipedia
www.olympic.org
Zekri, Sonja, Hunger nach Freiheit, in SZ 12.4.2012


Kritisches Olympisches Lexikon - Sach- und Personenregister: (118 Einträge)
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