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Avery Brundage

Zuletzt geändert am 14.05.2012 @ 21:31

Avery Brundage (* 1887, † 1975) wurde 1928 Präsident der Amateur Athletic Union (AAU), 1929 Präsident des United States Olympic Committee und 1930 Vizepräsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes IAAF. IOC-Vizepräsident wurde er 1945, von 1952 bis 1972 war er dessen Präsident.

Brundage beeinflusst die Haltung Amerikas
Im American Olympic Committee (AOC) wurde 1934 ein Boykott der Olympischen Spiele in Berlin 1936 wegen des „Dritten Reiches“ diskutiert. Brundage äußerte bezeichnenderweise im Dezember 1934 zur Diskriminierung von Juden in Deutschland, dass die Stellung der Neger in den USA bei den Olympischen Spielen 1932 auch nicht viel anders gewesen sei (Krüger S. 48). Er witterte eine „jüdisch-kommunistische Verschwörung“ und organisierte eine Verschiebung der Abstimmung, um die Teilnahme der USA zu erreichen. “Mit politischen Roßtäuschertricks gelang es schließlich Brundage, eine ganz knappe 2,5-Stimmen-Mehrheit für die amerikanische Olympiateilnahme herbeizuführen” (A.a.O., S. 49) Brundage überredete den IOC-Präsidenten Graf Henri de Baillet-Latour, dass amerikanische Leichtathleten auch ohne Unterschrift der AAU antreten konnten. Dann “zitierte Brundage über Nacht telegrafisch einige Freunde herbei, um sich die Mehrheit zu sichern… Für Brundages Antrag stimmten der deutsche Agent von der ‘German Athletic Union’, der hitlerfreundliche Vertreter des ‘American Turnerbund’ und der Verbandsfunktionär der Berufsradfahrer” (Ebenda).
Brundage traf sich dann mit Vertretern von NS-Funktionären und jüdischen Sportverbänden in Berlin: Als feststand, dass jüdische Sportler nicht Mitglied in deutschen Sportvereinen sein konnten, sagte Brundage, dass dies in seinem Club in Chikago auch nicht möglich sei und sah darin keine Diskriminierung. Seinen positiven Bericht zur Situation jüdischer Sportler in Deutschland hatte er bereits vor seiner Reise verfasst: Wie erwartet stimmte das AOC dann für die Teilnahme.

Brundage als Antisemit
1935 verfasste Brundage eine antisemitische Schrift und setzte sich auch für die Ersetzung von zwei jüdischen Sprintern durch nichtjüdische im US-Team ein.
Nachdem der Sprinter Jesse Owens bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin vier Goldmedaillen gewann, “erklärte der des Rassismus nicht unverdächtige und mit dem Hitler-Regime sympathisierende Präsident des US-Leichtathletik-Verbandes AAU, Avery Brundage, seinen besten Athleten kurzerhand zum Profi” (Gernandt 31.7.2011), da Owens angeblich ein Profiangebot angenommen habe. Owens hatte daraufhin große Mühe, seine Familie zu ernähren: Brundage hatte seine Sportkarriere ruiniert. “Belegen musste der Multifunktionär den Vorwurf nicht. Brundage hatte schon 1932 bei der Disqualifikation des finnischen Langstrecken-Heros Nurmi die Finger im Spiel gehabt und 1972, inzwischen IOC-Präsident, dem Skifahrer Karl Schranz das Olympia-Startrecht entzogen” (Ebenda).
Der damalige IOC-Präsident de Baillet-Latour verfolgte die Linie, dass das IOC die innenpolitischen Vorgänge im NS-Deutschland nichts angingen. Und sein Stellvertreter Sidfrid Edström schrieb noch am 8.2.1938 an Brundage: “Um die strikte Opposition der Nazis gegen das Judentum zu verstehen, muss man in Deutschland leben. In wichtigen Geschäftsfeldern waren die Juden in der Mehrheit und verhinderten, dass jemand anderes Zugang erhielt” (Cassier 14.5.2012).

Brundage nach 1945
1967 gründete sich die Sportlerbewegung „Olympic Project for Human Rights“, die Brundage als Nazi-Sympathisanten und Rassisten („Slavery Avery“, vgl. Krauss 5.8.2008) anklagte und seinen Rücktritt forderte. Als Martin Luther King 1968 erschossen wurde, erklärten 63 schwarze Athleten ihren Olympia-Boykott für die Olympischen Sommerspiele in Mexiko 1968. Brundage behauptete, die schwarzen Sportler werde niemand vermissen. Daraufhin protestierten bei der Siegerehrung in Mexico City unter anderen die Goldmedaillengewinner Tommie Smith und John Carlos und die 400-Meter-Staffel der Herren: Sie wurden bestraft, verloren Akkreditierung und Visa und mussten Mexiko sofort verlassen. Brundage verurteilte den Protest als „hässliche Demonstration einiger Neger gegen die amerikanische Flagge“ (Andrew Jennings).

Brundage prägte 1972 nach dem Attentat von München den Spruch: „The games must go on.“ Noch 1971 betonte er: „The Berlin Games were the finest in modern history … I will accept no dispute over that fact.“

Siehe auch NS-Sportfunktionäre

Quellen:
Cassier, Philip, Ein Amerikaner verhinderte Olympia-Boykott 1936, in welt.de 14.5.2012
Churchill Jr., James E., The Olympic Story, Grolier Enterprises Inc. 1983
Creamer, Robert, The Embattled World of Avery Brundage, in SiVault 30.1.1956
Gernandt, Michael, 17 Tage im August, in SZ 31.7.2011
Jennings, Andrew, Das Olympia-Kartell, Reinbek 1996
Krauss, Martin, Armbänder statt Fäuste, in taz 5.8.2008
Krüger, Arnd, Theodor Lewald, Sportführer ins Dritte Reich, Berlin 1975
Schmitt, Uwe, Wie Hitler Olympia-Gegner zum Schweigen brachte, in weltonline 8.5.2008
Simson, Vyv/Jennings, Andrew, Geld, Moral und Doping – Das Ende der olympischen Idee, München 1992
Wikipedia


Kritisches Olympisches Lexikon - Sach- und Personenregister: (118 Einträge)
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