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Graubünden gegen Olympische Winterspiele

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November 2012

 
Zuletzt geändert am 27.03.2014 @ 17:41

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Im Oktober 2012 besuchten 13.025 Internet-Nutzer unsere Nolympia-Webseite. Von Februar 2010 bis einschließlich Oktober 2012 waren es damit genau 427.634 Besucher. Wir bedanken uns für das anhaltende Interesse. Die Berichterstattung im Oktober war durch die Ereignisse um Lance Armstrong und die diversen Pläne um Olympische Winterspiele 2022 sehr umfangreich ausgefallen.

Die neue Gliederung im November 2012 sieht so aus:
I: Allgemeine Meldungen im November 2012
II: Extra: Graubünden 2022 im November 2012
III: Aktuelle Sportsplitter von IOC, Fifa etc. im November 2012

I: Allgemeine Meldungen im November 2012

Vom Erfurter Blutdoping-Skandal über den DOSB zur Anwaltskanzlei Gleiss Lutz

Ein Wirtschaftsanwalt der Stuttgarter Kanzlei Gleiss Lutz und Mitglied im „Deutschen Sportschiedsgericht“ wurde als Einzelschiedsrichter nominiert und entschied im Alleingang, dass das Erfurter Blutdoping vor dem Jahr 2011 nicht verboten war. Das war zwar ganz im Sinn des DOSB und seinem Präsidenten Bach, aber nicht gedeckt von der Welt-Antidopingagentur Wada, der Erfurter Staatsanwaltschaft und allen sonstigen Experten, die ein bestehendes Verbot ab 2003 werten.

Siehe unter Aktuelles: hier.

Bundespräsident wird Sportler

Nachdem Joachim Gauck bereits bei der Eröffnung der Olympischen Spiele und der Paralympics in London 2012 dabei sein durfte und die Ehefrau des DOSB-Generaldirektors Vesper seine Pressereferentin wurde, bekam Gauck ein neues Ehrenamt: Er überreichte den olympischen Medaillengewinnern im November 2012 das „Silberne Lorbeerblatt“.
„Soll ein Sportler oder eine Mannschaft das Silberne Lorbeerblatt erhalten, dann muss dies der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes beim Bundespräsidenten beantragen. Dieser Antrag wird vom Bundespräsidialamt sowie vom Bundesministerium des Innern, welches für den Sport zuständig ist, geprüft. Der Bundesinnenminister unterschreibt den genehmigten Antrag gemäß Artikel 58 Grundgesetz. In besonderen Fällen überreicht der Bundespräsident das Silberne Lorbeerblatt selbst, ansonsten wird er durch den Bundesinnenminister vertreten“ (Wikipedia).
Es lag also ein „besonderer Fall“ vor, da der Bundespräsident die Zeremonie persönlich vornahm. Das Amt prägt die Person! „Vor seiner Präsidentschaft galt Joachim Gauck als Kritiker des Spitzensports. Bei der Ehrung der Olympia-Medaillengewinner verkneift er sich kritische Zwischentöne“ (Spiller, Christian, „Wir tu nichts Böses, wenn wir uns fordern“, in zeitonline 8.11.2012).
Natürlich hätte Gauck auch über den Sp(r)itzensport, die verunglückte Doping-Aufarbeitung Münster-Berlin oder den Blutdopingfall Erfurt reden können, über die hunderte Millionen Euro, die jährlich in den Spitzensport fließen etc. Aber nein.
Vor dem Bundesminister des Innern (dieser rückte erst nach einem Gerichtsurteil die Medaillen-Zielvorstellung heraus, siehe hier), dem Sportausschussmitglied Klaus Riegert (er ließ die Öffentlichkeit bei den Sitzungen aussperren, siehe hier) und DOSB-Generaldirektor Vesper (viele Baustellen – von Doping bis Drygalla) lobte Gauck den Sport in den höchsten Tönen: „Sport verkörpert unser Idealbild einer Welt, in der beides möglich ist, harter Wettbewerb und eine spielerische Existenz, die den Menschen Freude macht. Der Leistungsmensch und der spielende Mensch, der homo ludens, kommen in der Lebenswelt des Sports zusammen. Das gibt dem Sport eine ganz besondere Bedeutung… Wir tun uns nichts Böses, wenn wir uns fordern“ (Ebenda).
Christian Spiller schrieb dazu: „Ein Lance Armstrong wäre in Deutschland jedenfalls nicht aufgeflogen“ (Ebenda).

Gazpromi Beckenbauer in der Kritik

„Tütensuppen, Sportartikel, Autos und Handyverträge – es gibt viele Produkte, für die Franz Beckenbauer bereits Werbung gemacht hat“, berichtete das WDR-Fernsehen am 5.11.2012, um sich dann dem neuesten Geschäftszweig zuzuwenden: „Nun kommt ein weiteres lukratives Engagement hinzu. Beckenbauer soll künftig im Auftrag der Russischen Gasgesellschaft RGS für sportliche Großereignisse in Russland werben, besonders für die Fußball-WM 2018.“ Die RGS hängt eng mit dem Gazprom-Konzern und damit mit Präsident Putin zusammen. Kritiker äußerten, Beckenbauer in Kooperation „lasse sich mit seinem Engagement für die RGS letztlich nur vor den Karren eines zweifelhaften Regimes spannen“ (Schlömer, Marc, „Ein Kaiser für Russland“, in wdr.de 5.11.2012).

„Blatters Advokat“

So nannte Thomas Kistner in der SZ den ehemaligen DFB-Präsident Theo Zwanziger. Dieser ist noch immer DFB-Vertreter  in der Fifa und der Uefa und hat seine Biographie veröffentlicht. Darin und in Interviews singt er unter anderem das Hohe Lied vom Fifa-Paten Sepp Blatter, dem er „Reformwillen“ bescheinigt: „Ich finde, dass Blatter unter dem Strich gute Arbeit leistet… Blatter hat in allen Sitzungen, an denen ich teilgenommen habe, seinen Reformwillen klar bekundet…“ (Wallrodt, Lars, „Uli Hoeneß hat mich maßlos enttäuscht“, in welt.de 10.11.2012). Bei seiner Buchpräsentation in Berlin sah Zwanziger den Fifa-Paten Blatter „an der Spitze eines Reformprozesses“ und wertete die Anfeindungen gegenüber dem Fifa-Paten als „nicht verdient“ (Herrmann, Boris, Er ist auch nur ein Mensch, in SZ 16.11.2012).
Zwanziger greift in dem Buch auch Bayern-Präsident Uli Hoeneß an wegen dessen grundsätzlicher und profilierter Kritik an der Fifa und an Blatter bezüglich Korruption etc. Hoeneß reagierte prompt: „Dass Zwanziger kein guter Präsident ist, wusste ich schon lange. Dieses Buch wird ihn nach seinem mehr als peinlichen Rücktritt endgültig in die Isolation treiben“ (In die Isolation, in SZ 12.11.2012). Zwanzigers Nachfolger Wolfgang Niersbach sagte dazu: „Eigentlich ist jedes Wort zu viel, aber ich würde Uli Hoeneß nicht widersprechen“ (Ebenda). Bei der Buchpräsentation in Berlin war neben Zwanziger die DFB-Umweltbeauftragte Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) anwesend, „den sie mal ‚Herr Dr. Zwanziger‘, mal ‚den lieben Theo‘ nannte (Herrmann, Boris, Er ist auch nur ein Mensch, in SZ  16.11.2012). Auch hier wiederholte Zwanziger seine Eloge auf Blatter: „Er steht an der Spitze eines Reformprozesses“ (Ebenda).
Blatter gilt inzwischen aus gutem Recht als „Gottvater der Korruptionskultur im Weltfußball“ (Kistner, Thomas, Ungeeigneter Repräsentant, in SZ 13.11.2012). „Da wirft die einsame Nähe zum Schweizer Strippenzieher Fragen auf. Blatters Chronique Scandaleuse gegen die Meriten von Hoeneß“, stellte Kistner gegenüber und forderte Zwanziger auf, seine Vorstandsämter in Fifa und Uefa abzugeben (Ebenda).

Doping-Desinformation

Seit 2009 arbeiteten zwei Forschergruppen von der Universität Münster und der Humboldt-Universität Berlin im Auftrag des staatlichen Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) und des DOSB – mit 500.000 Euro vom Bundesinnenministerium unterstützt – an neuesten Ergebnisse zur Dopingforschung in Westdeutschland und dem wiedervereinigten Deutschland. Der vielversprechende Titel lautet: „Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation“. Das Forschungsprojekt lief von 1.4.2009 bis 31.3.2012. Die Münsteraner Forscher präsentierten ihre Analyse über die Medienberichte. Die Berliner Forschergruppe mit dem brisanteren Thema des konkreten Dopings und der Doper hat sich im März 2012 wohl aufgrund von Geldmangel und Repressalien aufgelöst. Der brisanteste Zeitraum 1990 bis 2007 blieb damit unbearbeitet.
Am 6.11.2012 präsentierten DOSB und BISp den ersten Teil der Münsteraner Forscher. BISp-Direktor Jürgen Fischer verteidigte die restriktive Haltung zur Namensnennung: Es sei nie Ziel der Studie gewesen, „Handlungen Einzelner zu untersuchen und zu skandalisieren“ (Doping in Deutschland: Forscher präsentieren Zwischenergebnisse, DOSB PM 6.11.2012). DOSB-Generaldirektor Vesper lobte die angeblich gezogenen Konsequenzen wie Anti-Doping-Berichte „oder das Deutsche Schiedsgericht, das immer mehr zur Institution des deutschen Sports geworden sei“ (Ebenda).
Zum Thema Schiedsgericht vergleiche: Erfurter Blutdoping und Geiss Lutz.
Robert Ide kommentierte in diesem Zusammenhang: „Wer dopt, betrügt gleich mehrfach. Sich selbst natürlich – mit unkalkulierbaren gesundheitlichen Risiken. Seine sportlichen Gegner und das zahlende Publikum – deshalb ist Doping in vielen Ländern ein Strafbestand. Und natürlich wird der Sport als Ganzes betrogen… Seltsam, dass es Dopern in Deutschland so einfach gemacht wird. Es gibt kein vernünftiges Gesetz gegen Doping und kaum eine ermittelnde Behörde… das Aufdecken von Netzwerken des Betrugs wie im Fall Lance Armstrong – all das wird hierzulande nicht legitimiert… In Deutschland ist der Kampf gegen Doping an einem toten Punkt angekommen… Es ist, als wolle eine große stille Allianz gar keine Doper entdecken, gar keine möglichen Skandale aufdecken. Es ist, als betrüge sich der deutsche Sport derzeit selbst – mit seinem Selbstbild, ein Vorreiter im Kampf gegen Betrug zu sein“ (Ide, Robert, Am toten Punkt, in tagesspiegel.de 6.11.2012; Hervorhebung WZ).
Diese „große stille Allianz“ hat mehrere Namen: DOSB, Bundesministerium des Innern, Nada, Bundesinstitut für Sportwissenschaft und einige mehr.
Vergleiche unter „Aktuelles: DOSB-Doping-Desinformation

Holger J. Schnell, ein Mitglied der Berliner Forschergruppe, wies in einem Beitrag auf die seit 1986 vom BISp selbst geförderte Studie „Regeneration und Testosteron“ hin, die nach Einschätzung der Berliner Forscher als „Doping-Forschung“ anzusprechen ist (Schnell, Holger J., Selbstverbesserung bis jenseits des Menschlichen? in faz.net 16.11.2012).

Interview mit dem früheren Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Helmut Digel

Digel sagte im Interview in der FAZ folgende bemerkenswerte Sätze zum Dopen in Westdeutschland:
„1976 war ich geschockt von dem, was in manchen Sportarten üblich war. Gravierend war es im Gewichtheben, im Schwimmen, in der Leichtathletik und im Radsport. Für die Leichtathletik fanden wir immer mehr Zeugen, die von Doping bis in Leistungsklassen berichteten, in denen man nicht einmal an deutschen Meisterschaften teilnahm…“
„Der Athlet steckt in der Doping-Falle. Alle sind an der Konstruktion dieser Falle beteiligt: Verbände, Politik, Wirtschaft und Medien. Aber der Athlet steht allein mit seinem Dilemma: Wenn er sauber bleibt, hat er keine Chance. Er muss also mitmachen oder mit dem Spitzensport aufhören…“
„Der Direktor des Bundesausschusses Leistungssport, Helmut Meyer, hielt uns für Idealisten, die nicht verstanden hatten, wie die Probleme des Hochleistungssports zu lösen seien. Er hatte sein Personal nach seiner Haltung rekrutiert. Der DDR-Sport war für diese Leute das Vorbild. Wer das nicht so sah, hatte keine Ahnung vom Hochleistungssport…“
„Sehr schnell musste ich erkennen, dass Doping ein stabiles, systemimmanentes Dauermerkmal des Leistungssports geworden ist…“
„Der Bundesausschuss Leistungssport hat nicht gesagt: ,Dopt!’ Aber es gab eine latente Zustimmung. Das war ein Doping von unten, nicht von oben…“
Werner Göhner war Schatzmeister des Nationalen Olympischen Komitees und bespielte nach außen hin diese Bühne. Intern hatte sich seine Sportart, der Radsport, längst darauf geeinigt, dass er eine Medikamenten-Sportart war. Er hatte mit der Tour de France ein unlösbares Problem. Man muss sich vorstellen: Rudi Altig wurde damals Bundestrainer!“
FAZ: „Altig wurde die radelnde Apotheke genannt.“
„Das war bekannt. Altig sagte in der Anhörung, er verstehe die Diskussion überhaupt nicht. Bei der Tour habe er immer mit diesen Substanzen gearbeitet; bei ihm habe das keinen Schaden hervorgerufen…“
Zur Haltung von Willi Daume:
„Er war kein Mann der Sportpraxis. Ich glaube, dass er von seinem Menschenbild her Doping zutiefst verachtete und ebenso die Menschen, die dopten. Aber: Er hat sich den Verhältnissen angepasst. Er hat nicht die Verantwortung dafür übernommen. Das war sein Fehler. Das muss man ihm vorwerfen…“
Zur Protektion von Joseph Keul durch Daume:
Keul und sein Kollege, der Mediziner Armin Klümper, waren in der Familie des Sports anerkannte Partner. Klümper hat viele Funktionäre, Politiker und Manager behandelt. Die Kliniken in Freiburg waren Wallfahrtsorte. Die Konkurrenz zwischen Freiburg und Köln führte zwangsläufig zur Frage der Leistungssteigerung.“
Zum Vorbild DDR:
„Zeugen sagen: Es wurden ausgerechnet jene übernommen, die belastet waren, und es wurden nicht jene gefördert, die sich in der DDR gegen die Manipulation gestellt hatten. Man wollte die Sportwissenschaft aus der DDR für das vereinte Deutschland retten, und dabei lief man Gefahr, Knowhow einzukaufen, das in die falsche Richtung geht…“

(Ein Beispiel zur Ergänzung: Seit Frühjahr 2012 ist Frank Ullrich, Langlauftrainer des Deutschen  Ski-Verbandes. „Er war schon 1986 Langlauftrainer der DDR-Biathleten und hat damals auch mit den blauen Dopingpillen, Oral-Turinabol, zu tun gehabt. Aber weil sich der Biathlon-Olympiasieger von 1980 partout nicht an die Medikamente erinnern will, hat ihm sogar der Deutsche Ski-Verband einen ‚unbewusst gesteuerten Verdrängungsmechanismus‘ attestiert. Seiner Karriere im Verband hat das allerdings noch nie geschadet.“ Völker, Markus, Amnesie und Mineralsalze, in taz.de 24.11.2012. Der frühere Langlauf-Staffelweltmeister Jürgen Wirth hatte 2009 erklärt, Ullrich hätte „uns damals angewiesen, dieses Mittel Oral-Turinabol einzunehmen.“ Hahn, Thomas, Kurs des Bündelns, in SZ 24.11.2012)

Helmut Digel zum Ausmaß des heutigen Dopings:
„Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach, sagt: Wir haben das Problem im Griff, die wenigen positiven Fälle belegen das. Meine Sicht ist: Die Doping-Statistiken lassen keine ausreichenden Schlussfolgerungen über die Reichweite des Problems zu. Es gibt Hinweise auf internationale Informationssysteme und Dealerstrukturen. Der Medikamentenschwarzmarkt hat ein enormes Ausmaß erreicht. Die Zahl der Sportarten, in denen Dopingmissbrauch aufgedeckt wurde, steigt. Und wenn man kontrolliert, findet man immer nur das, was kontrollierbar ist. Der Sport gaukelt der Öffentlichkeit vor, dass er das Problem im Griff hat.“
(Alle Zitate: Hecker, Anno, Reinsch, Michael, „Alle wussten vom Betrug im Westen“, in faz.net 21.11.2012, siehe hier; Hervorhebung WZ)
Umgehend griff DOSB-Generaldirektor Vesper am selben Tag Digel an: „Wir hätten uns gefreut, wenn Herr Digel bei dem Projekt ‚Doping in Deutschland‘ mitgewirkt hätte“ (DOSB weist Digel-Kritik zurück, in faz.net 21.11.2012).
Eine Mitwirkung von Helmut Digel hätte angesichts der Zensurleistung von BISp und DOSB sicher nichts gebracht: Auch Digels Beiträge wären wie die Ergebnisse der Berliner Gruppe wohl nicht veröffentlicht worden.
Vesper dementierte auch das Zitat von Bach als „frei erfunden“ (Ebenda).
Aussagekräftig ist aber in diesem Zusammenhang ein Zitat von Frieder Pfeiffer vom 11.12.2006 zum DOSB-Aktionsplan gegen Doping in spiegelonline: „Der vom DOSB verabschiedete Plan ist kein Fortschritt im Kampf gegen Doping… Wir haben das im Griff, will der Mann mit dem FDP-Parteibuch (Bach; WZ) sagen. Und an die Gegner des Gesetzes („Wir lassen uns nicht erpressen“) gerichtet: Seid mit dem zufrieden, was wir euch anbieten! Lasst uns über die angenehmen Seiten des Sports reden! Vergesst Spritzen und Tabletten, wir brauchen Sieger und Rekorde!“ (Pfeiffer, Frieder, DOSB-Aktionsplan – Gegen den Sport, in spiegelonline 10.12.2006).
Vergleiche auch im Kritischen Olympischen Lexikon: Bach, Thomas

Staatliche Dopingbekämpfung

Neben der bayerischen Justizministerin Beate Merk möchte nun auch die baden-württembergische Landesregierung härtere Strafen für Doping im Berufssport. Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) schlug ebenso wie Merk eine Kronzeugenregelung vor, um die „Mauer des Schweigens“ zu durchbrechen (Strafen für Doper, in SZ 14.11.2012). Als Eckpunkte wurden genannt: – Einführung eines neuen Strafbestandes Sportbetrug, – Erweiterte Strafbarkeit für Handel mit und Erwerb von Dopingmitteln, – Anhebung der Höchststrafe von drei auf fünf Jahre, – Einführung der Kronzeugenregelung (Landesregierung will strafrechtliche Bekämpfung von Doping im Sport verbessern, PM 13.11.2012).
DOSB-Generaldirektor Vesper äußerte zur Finanzierung der Nada, sie müsse auf eine gesicherte Basis gestellt werden: „Dabei ist allerdings nicht der Sport der erste Ansprechpartner, sondern es sind die Länder und die Wirtschaft“ (Vesper weist Forderungen zurück, in SZ 14.11.2012).
Eine finanziell klamme Nada ist doch für den DOSB von Vorteil: Da kann und wird sie noch handlungsunfähiger und -unwilliger.
Am 21.11.2012 feierte die Nada ihr zehnjähriges Bestehen. „Zehn Jahre betteln“, stand in der SZ (Herrmann, Boris 21.11.2012). Das Modell der Finanzierung – zu je ein Drittel Staat, Sport, Wirtschaft – funktioniert nicht. SZ-Redakteur Boris Herrmann machte dort den Vorschlag, von den jährlich rund 132 Millionen Euro für den Spitzensport fünf Prozent für den Anti-Doping-Kampf abzuzwacken (Ebenda).
Den Aufschrei der Sportfunktionäre kann man sich gut vorstellen.

Am 14.11.2012 stand in der SZ, dass der italienische Sportwissenschaftler Alessandro Donati in seinem neuen Buch „Lo Sport del Doping“ der Olympiasiegerin Manuela Di Centa, dem Radsport-Weltmeister Francesco Moser und dessen Kollegen Gianni Bugno, Claudio Chiapucci und Maurizio Fondriest Doping vorwirft. Donati, der früher selbst beim Nationalen Olympischen Komitee Italiens (CONI) angestellt war und heute die Wada berät, beschuldigte den Präsidenten des CONI, Gianni Petrucci, Dopingaufklärung verhindert zu haben. Seit dem Jahr 2000 seien in Italien 15 Millionen Dosen an Dopingmitteln beschlagnahmt worden (Vorwurf von Donati, in SZ 14.11.2012). Di Centa war von 1999 bis 2010 IOC-Mitglied und ist seither IOC-Ehrenmitglied (www.olympic.org).
Zu Manuela di Centa: 1995 beim Weltcup in Kiruna wurde eine Langläuferin mit dem Notarzt ins Krankenhas gebracht, „weil sich ihr dickes Blut verklumpt hatte und tödlicher Gefäßverschluss drohte… Manuela di Centa, heute Parlamentarierin für die rechtskonservative Partei Forza Italia, sagt, sie habe nie gedopt“ (Hahn, Thomas, Härinen, Raiko, Die ewige Doping-Affäre, in SZ 20.6.2013).

Dopinggesetze Italien im Vergleich zu Deutschland

DOSB-Generaldirektor Vespers Loblied zum zehnjährigen Bestehen der Nada: „Unser Modell sichert die größtmögliche Unabhängigkeit … Sie ist das anerkannte Service- und Kompetenzzentrum für den Anti-Doping-Kampf in Deutschland … Wir danken (…) dem hauptamtlichen Vorstand, Frau Gotzmann und Herrn Mortsiefer, die enbenso fachkundig wie sachorientiert ihre Aufgaben erfüllen“ (Grußwort von Dr. Michael Vesper, www.dosb.de 21.11.2012)
Zur glorreichen Rolle der Nada siehe wiederum Gleiss Lutz
Zur Rechtfertigung des Konstrukts Nada führte Vesper zum Fall Armstrong aus: „Nicht der Staat hat ihn erwischt… Überführt wurde er von der Usada, und zwar allein aufgrund der Aussagen seiner Kumpels, die gestanden und Armstrong belastet haben. Die Kronzeugenregelung, die sie für sich in Anspruch nehmen, gilt auch bei uns“ (Ebenda).
Damit verteidigt Vesper die „Autonomie“ des Sports: nämlich mit dem Doping-Problem äußerst lax umzugehen. Die Kronzeugenregelung ist bisher auch nur ein Vorschlag aus Bayern und Baden-Württemberg und rechtlich noch nicht relevant. Wie mehrfach in der deutschen Presse zu lesen war: Armstrong wäre in Deutschland nicht erwischt worden.
Dazu schrieb Grit Hartmann: „Vesper hat Gründe, die Wirklichkeit ein wenig zu verbiegen, damit nicht allzu viele Fragen aufkommen zur Gesetzeslage hierzulande… 2011 wurden fast 1600 Dopingverfahren eingeleitet… Ermittelt wird in der Bodybuilder-Szene. Nicht eines der Verfahren führte zu Elite-Athleten“ (Hartmann, Grit, Römisches Recht, in fr-online.de 27.11.2012). Hartmann verwies in diesem Zusammenhang auf die strenge Antidoping-Gesetzgebung in Italien, wo „das italienische Gesetz nicht nur, wie hierzulande, den Handel mit Dopingsubstanzen bestraft, sondern auch dopende Elite-Athleten als Sportbetrüger mit Gefängnisstrafen bis zu drei Jahren bedroht“ (Ebenda).

Vesper 2022

Am 9.11.2012 übergab DOSB-Generaldirektor Vesper die IOC-Trophy 2012 (Motto: „Sport und nachhaltige Entwicklung“) an den Deutschen Alpenverein (DAV). DAV-Präsident Klenner äußerte u. a.: „In der Vergangenheit gab es immer wieder schöne Projekte im Bereich Natur- und Umweltschutz, bei denen wir mit dem DOSB zusammenarbeiten konnten“ (DOSB, DOSB überreicht IOC-Trophy an Deutschen Alpenverein, PM 9.11.2012).
Wenn wir uns recht erinnern, gab es da in jüngster Zeit das schöne Projekt der Bewerbung München 2018, bei dem der frühere DAV-Hauptgeschäftsführer Thomas Urban den olympiakritischen DAV-Präsidenten Prof. Heinz Röhle eiskalt abservierte und der DAV und der Landesbund für Vogelschutz als letzte „Naturschutzverbände“ diese umweltschädigende Bewerbung (vergleiche zum Beispiel hier) bis zum Schluss treu begleiteten. Wer weiß – vielleicht braucht der DOSB den DAV ja wieder bei München 2022 oder ähnlichem.
Kommentar von Matti Lieske: „Es war irgendwie abzusehen, dass der Deutsche Olympische Sportbund die diesjährige IOC-Trophy nicht dem bayerischen NOlympia-Netzwerk zuerkennen würde. Dieses hatte ja weitgehend erfolgreich gegen die Münchner Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2018 agitiert… Dabei wären die Olympiagegner ein durchaus würdiger Adressat für den alljährlich vom IOC gestifteten Preis gewesen, denn der steht diesmal unter dem Motto ‚Sport und nachhaltige Entwicklung‘. Genau letzteres hatten die kritischen Geister und ihre Verbündeten bei den Planungen für Olympia 2018 vermisst“ (Lieske, Matti, Treue Freunde, in Frankfurter Rundschau 10.11.2012).

Europäische Zentralbank übernimmt Fifa- und IOC-Prinzip

In der Fifa und im IOC hat ein kleiner karibische Inselstaat oder ein polynesischer Ministaat mit wenigen tausend Einwohnern eine Stimme – genau wie die USA, Großbritannien, Deutschland. Dieses pseudodemokratische Prinzip ermöglicht den Einkauf von Stimmenmehrheiten und erleichtert ein Durchregieren für den Fifa-Paten Blatter oder IOC-Chef Rogge. So passiert es nun in der Europäischen Zentralbank.
„Natürlich kann man sich fragen, warum das kleine Malta mit knapp 500.000 Einwohnern im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) dasselbe Stimmengewicht hat wie das potente Deutschland – nämlich eine Stimme… Wenn die EZB durch ihre Rettungsmaßnahmen mit Risiken in Billionenhöhe auf Verlusten sitzen bleiben sollte, dann steht Deutschland zu 27 Prozent dafür gerade. Alle anderen Euro-Staaten würden in diesem Extremszenario weniger in Haftung genommen werden. Malta am allerwenigsten“ (Zydra, Markus, Einmaleins im Eurotower, in SZ 13.11.2012).
Ein Staat eine Stimme – die Regierungsform von IOC und Fifa als Modell für die Zukunft?

Neues vom Sportausschuss

MdB Viola von Cramon (Bündnis 90/Die Grünen) und Katja Dörner betonten in einer Pressemitteilung vom 19.11.2012:
„Sportförderung ist kein Selbstbedienungsladen des Spitzensports:
In den Schlussberatungen des Haushaltsausschusses haben Union und FDP ein unkontrolliertes Finale zugelassen. Die Sportförderung für 2013 wurde auf der Zielgeraden in Bereichen angehoben, wo es weder sportfachlich notwendig noch sportpolitisch gerechtfertigt ist.
Die Anhebungen um jeweils eine Million Euro bei Lehrgängen im Bereich des Spitzensports und bei der Finanzierung der Olympiastützpunkte sind unverhältnismäßig. In einem nacholympischen Jahr ist es sportfachlich nicht nachvollziehbar, wenn Lehrgänge für die Spitzenkaderathletinnen und -athleten auf ein Rekordhoch steigen.
Statt die nacholympische Saison zur Aktivierung von Synergieeffekten bei den 19 Olympiastützpunkten zu nutzen, wird überraschend um eine Million Euro draufgesattelt. Zugleich wird dort eine Million Euro eingespart, wo die Förderung dringend gebraucht wird: Bei der Finanzierung von qualifizierten Trainerinnen und Trainern.
Offenbar haben in der staatlichen Sportförderung weiter diejenigen Funktionäre erheblichen Einfluss, die seit 2008 schon ein völlig unrealistisches Medaillenziel von 86 Medaillen für Olympia 2012 in London verabredet haben. Die Spitzensportförderung aus Steuergeldern droht zu einer intransparenten Absprache einiger Sportfunktionäre mit dem Bundesinnenminister zu werden.“
Zur PM hier.

Armstrong und Sarkozy

Thomas Kistner beschrieb in der SZ die möglichen Kooperationen zwischen Lance Armstrong und dem damaligen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy (Kistner, Thomas, Frühstück mit Asterix, in SZ 20.11.2012).
Das Pariser Dopinglabor AFLD mit seinem Leiter Pierre Bordry hatte 2008 die Dopingtests bei der Tour de France gemacht und hart durchgegriffen, ebenso wie der damalige Tour-Leiter Patrice Clerc.
Armstrong plante sein Tour-Comeback und konnte rigide Dopingtests nicht brauchen. Deshalb frühstückte er mit Johan Bruyneel im Frühjahr 2010 bei Sarkozy im Elysée. Bruyneel mailte danach an UCI-Präsident Pat McQuaid, dass man sich bald nicht mehr über Bordry ärgern müsse.
Bordry berichtete nun, Armstrong habe ihm stolz erzählt, „er habe beim Präsidenten meinen Kopf gefordert“ (Ebenda). „Ich habe dann im Elysée-Palast um ein Dementi gebeten, doch ich habe keine Antwort bekommen. Ich war entsetzt“ (Sarkozy soll Armstrong geschützt haben, in tagesanzeiger.ch 19.11.2012).
Das Budget von AFLD wurde im Juli 2010 halbiert, Bordry trat frustriert zurück. Patrice Clerc wurde vom Tour-de-France-Organisator ASO rausgeworfen. Armstrong twitterte im Oktober 2010 zu Bordrys Rücktritt: „Au revoir, Pierre“ (Ebenda). „Offenbar machte Bordry eine Allianz aus Regierung, UCI und Tour-Veranstalter ASO den Garaus. Nach dem Comeback des schmutzigen Superstars (Armstrong; WZ) wurde das Labor entmachtet und die Test-Regie in die bewährten Hände der UCI gelegt“ (Ebenda).
2010 wurde Armstrong dann wie gehabt vor Tests gewarnt und vor Kontrollen unbeaufsichtigt gelassen.

Siemens beliefert die Olympischen Spiele

Seit längerem beliefert der Münchner Siemens-Konzern Olympische Sommer- und Winterspiele mit technischer Infrastruktur und macht damit Umsätze in Milliardenhöhe. Bis Juni 2008 war DOSB-Präsident und IOC-Vizepräsident Thomas Bach hochbezahlter Berater von Siemens.
Natürlich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun.
Näheres zu den Siemens-Geschäften unter „Aktuelles“: hier.

Münchner Winterevent mit verdoppelter Beschneiung

Der grandiose Parallelslalom am Münchner Schuttberg, dritter Versuch: Am 1.1.2011 war tatsächlich Winterwetter, am 1.1.2012 war überhaupt kein Schnee trotz vier Schneekanonen. Nun sollen bis 1.1.2013 acht Schneekanonen eingesetzt werden – und die „Piste“ wurde von 210 auf 230 Meter verlängert. Sie endet im wieder dafür abgelassenen Olympiase (Olympiapark rüstet auf, in abendzeitung-muenchen 27.11.2012; Tögel, Ralf, Sportkanonendonnerwetter, in SZ 28.11.2012).). Vergleiche zum 1.1.2012 hier.
Merkt eigentlich keiner der Verantwortlichen, wie lächerlich diese Veranstaltung ist?

Alter Bekannter von München 2018 wiederbelebt

München 2018 war am 6. Juli 2011 „gestorben“: Nun soll München 2022 herbeigeredet werden. „Ich will, dass wir uns noch mal bewerben“, drückte dies OB Ude majestätisch aus (Ude: „Wollen uns noch mal für Olympia bewerben“, in Münchner Merkur 29.11.2012).
Auch die zweite Stammstrecke für die Münchner S-Bahn war mit München 2018 erledigt. Der Marienhof wurde im Frühjahr 2011 aufgerissen; gerade wird er wieder zugeschüttet. Die Funde sind anscheinend derart bedeutend, dass im Dezember 2012 keiner sie haben will. Die Archäologische Staatssammlung wolle dem Stadtmuseum nicht vorgreifen und verwies auf nötige Sanierungsarbeiten. „Bei der Stadt zeigt man – je nachdem, welches Referat sich äußert – wahlweise auf das Landesdenkmalamt oder die Staatssammlung. Und die staatlichen Stellen sehen wiederum die Stadt in der Pflicht“ (Bernstein, Martin, Wie gefunden, so verschwunden, in SZ 29.12.2012).
Nun soll die zweite Stammstrecke im CSUSPDFDP-Verbund doch noch kommen: für derzeit geschätzte 2047 Millionen Euro Baukosten plus sechs Jahre Dreck und Staub (Völklein, Marco, Abfahrt 2020, in SZ 28.11.2012). Widerstand leisten neben den übrigen Parteien viele Verkehrswissenschaftler, Bürgerinitiativen und Betroffene.
Dabei könnte man mit dieser riesigen Summe viel sinnvollere, der Umwelt weit dienlichere Maßnahmen durchführen.
Es ist an dieser Stelle wieder einmal nötig, das offenbar grenzenlose und krebsartige Wachstum des Münchner Ballungsraums und die politisch dafür Verantwortlichen zu kritisieren.
Der Focus der meisten Kritiker liegt immer nur auf dem Autoverkehr; der Öffentliche Verkehr ist quasi sakrosankt und per se immer gut. Dass dieser Öffentliche Verkehr – sternförmig auf den Ballungsraum München gerichtet – erst das Aufblähen dieses Ballungsraums und dessen immer größere Ausweitung ermöglicht, gerät dadurch oft aus dem Blickfeld.
Vergleiche auch: Kein Licht am Ende des S-Bahn-Tunnels; Vom Marienhof zum Christian-Ude-Hof

München-2018-Protagonist wird befördert

Boris Schwartz, Münchener Grünen-Stadtrat und der Verantwortliche für das Umweltkonzept der Bewerbung München 2018, sollte im Januar 2012 Münchner Kommunalreferent – und damit Chef von über 1200 Mitarbeitern – werden. Da er nicht über eine ausreichende Qualifikation verfügte, lehnte dies die Regierung von Oberbayern im Mai 2012 ab: Schwartz hätte mindestens drei Jahre in einer seinem künftigen Aufgabengebiet entsprechender Stellung tätig gewesen sein müssen. Da reichten die zwei Jahre plus einige Monate lange Tätigkeit bei München 2018 mit wenigen Mitarbeitern nicht aus, die angegeben worden waren.
Nun wurde er am 28.11.2012 zum Leiter der Münchner Großmarkthalle gewählt: Er wird dort zwischengeparkt, bis er dann doch noch Kommunalreferent werden darf (Lode, Silke, Rot-grüne Karrieren, in SZ 24.11.2012; Kritik an grüner Personalpolitik, in SZ 24.11.2012; Gegen heftigen Protest, in SZ 29.11.2012).

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II Extra: Graubünden 2022 im November 2012

Wir möchten auf die ausführliche Webseite des Olympiakritischen Komitees Graubünden hinweisen: siehe hier.

– Wunschgemäße Auftragsstudie: Die Bewerbung Graubünden 2022 vermittelt bislang eher den Eindruck eines Ladenhüters: „Das Projekt «Graubünden 2022» ist eine Knacknuss. Die Idee, in und um Davos und St. Moritz Olympische Winterspiele auszurichten, hat bisher weder im federführenden Kanton noch auf der nationalen politischen Bühne Begeisterungsstürme entfacht. Die Promotoren um Projektleiter Gian Gilli versuchen nach Kräften, argumentativ gegenzusteuern. Am Dienstag ist in Landquart eine Studie zu den potenziellen wirtschaftlichen Effekten des Grossanlasses präsentiert worden“ (Zeller, René, Olympia als wirtschaftliches Impulsprogramm, in nzz.ch 31.10.2012).
Der Verein Graubünden 2022 hat diese Studie mit dem Titel “Volkswirtschaftliche Bedeutung Olympische Winterspiele Graubünden 2022″ in Auftrag gegeben, die er stolz am 30.10.2012 präsentierte. Es steht genau das drin, was sich der Verein Graubünden 2022 wünscht. Direkte Gesamtumsätze zwischen 3,7 und 4 Milliarden Franken, 400 bis 440 Millionen Franken an zusätzlichen Steuern und bis zu eineinhalb Millionen zusätzliche Übernachtungen etc. werden in der „unabhängigen Studie“ versprochen (Medieninformation Graubünden 2022, 30.10.2012).
Die Studie erweckt nur den Anschein, unabhängig zu sein – dies wurde mehrfach von der Presse aufgegriffen (vgl. Geldsegen durch Olympia  in Graubünden, in suedostschweiz 30.10.2012). Die Studie ist nicht unabhängig: Sie entstand im Auftrag des Vereins Graubünden 2022; mitgewirkt hat die Eidgenössische Hochschule für Sport in Magglingen mit einem realen Interesse am Gegenstand der Untersuchung, und als externer Experte wurde der Deutsche Holger Preuss aufgeführt, der schon als Verfechter von München 2018 und anderen Sport-Großveranstaltungen aufgetreten ist.
Dazu steht bei den Grafiken Teil 1 – Schlussbericht auf den Seiten 31, 33, 35, 36, 41, 45 und bei den Grafiken Teil 1 – Präsentation Mediengespräch auf den Seiten 16, 17, 18, 19 als Quelle: Rütter + Partner, basierend auf Daten des OK Graubünden 2022.
Zur „Datengrundlage“ steht in der Studie lediglich: „Der Grossteil der Hintergrundinformationen für die Berechnung der volkswirtschaftlichen Effekte einer möglichen Kandidatur und Durchführung der Olympischen Winterspiele 2022 in Graubünden wurde direkt durch das OK zur Verfügung gestellt“ (S. 16; Hervorhebung WZ). Nähere Angaben zu den „Daten des OK Graubünden“ werden in der ganzen Studie nicht gemacht. (Damit verstärkt sich der Eindruck, dass die Aussagen der Studie dem Interesse des Auftraggebers angepasst sind.)
Die meisten der angegebenen Literaturquellen sind im Internet nicht auffindbar und vermutlich – wie bei der Bewerbung München 2018 – Verschlusssache und offenbar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.
Die Angaben bleiben vage, räumen immerhin ein, „dass es im Verlauf der Planung von OWS zu erheblichen Veränderungen in verschiedenen Bereichen des Budgets kommen kann“ (S. 17) und arbeiten mit nichtdefinierten „Bandbreiten“ (S. 20). Die Ergebnisse sollen „auf einer wissenschaftlich abgestützten Schätzung der möglichen volkswirtschaftlichen Effekte“ (S. 27) basieren, ohne dass diese vorgestellt wird.
Mitgewirkt haben wie bei so vielen olympischen Bewerbungen (siehe München 2018) – und Fehleinschätzungen (siehe Vancouver 2010) – Deloitte und PricewaterhouseCoopers (siehe S. 16, 55, 56). In Teil 1 – Mediengespräch – steht lapidar: „Datengrundlage: Budgets und weitere finanzierungsspezifische Informationen PwC und Deloitte. – Das OK hat Detailinformationen, Machbarkeitsstudien etc. zur Verfügung gestellt“ (S. 11).
Das Ganze ist ein sich selbst begründendes System. Siehe auch unten: Wir basteln uns olympische Bewerbungsunterlagen.
An der Studie war auch Prof. Jürg Stettler von der ITW Hochschule Luzern beteiligt. Dieser kam im Jahr 2000 in einer Studie über die ökonomischen Auswirkungen von Sportgroßereignissen zu dem Ergebnis, „…dass die Erwartungen, die im Vorfeld von Sportgroßveranstaltungen geweckt werden, zu hoch sind und daher im Nachhinein nicht erfüllt werden.“ Stettler forderte damals: „Bei den Investitionen der öffentlichen Hand gilt es zudem zu überprüfen, ob die alternative Verwendung in anderen Bereichen die größeren Effekte auf die Produktion und Beschäftigung haben als Investitionen und Subventionen zugunsten von Sportgrossanlässen“ (Stettler, Jürg, Ökonomische Auswirkungen von Sportgroßveranstaltungen, Luzern Juli 2000).
Im Gegensatz zu seinen obigen Aussagen bringt sich Steller jetzt aktiv in die Bewerbung Graubünden 2022 ein.

Kommentar: Wir basteln uns olympische Bewerbungsunterlagen
Das folgende Rezept gilt für Swiss Olympic, den DOSB und andere Nationale Olympische Komitees.
Man nehme: Mehrere Professoren und Doktoren, eine Hochschule hier, eine Fachhochschule da, ein ökologisches Institut dort, dazu einschlägige Fachleute von Deloitte und PricewaterhouseCoopers. Man liefere ihnen Zahlen bzw. „Hintergrundinformationen“ und lasse sie eine sogenannte neutrale, wissenschaftliche Expertenstudie anfertigen. Dieser „olympische Pappkamerad“ liefert im wahrsten Sinn des Wortes blendende Ergebnisse. Falls die Zahlen dann bei einer erfolgreicher Bewerbung nicht stimmen – und das taten sie bisher nie! -, war natürlich niemand der Beteiligten dafür verantwortlich.

– Amt für Umwelt und Natur: Das Amt für Umwelt und Natur/Chur hat in seiner Studie „Olympische Winterspiele 2022 – Summarische Beurteilung der Umweltaspekte für die Machbarkeitsprüfung“ vom 20.8.2012 ähnlich reagiert wie die bayerischen Umweltbehörden bei der Bewerbung München 2018: mit einem pauschalen Greenwashing.
„Ersatzpflicht“, „unvermeidliche Eingriffe in die NHG-Schutzgüter (inklusive Gewässer)“ und „Revitalisierungen“ klingen nicht nach wirklichem Schutz von Natur und Umwelt, sondern nach dem Versuch, die olympische Großveranstaltung in den wertvollen Landschafts- und Naturräumen auf jeden Fall unterzubringen.
Die temporäre Bebauung des St. Moritz See führe angeblich zu „relativ geringen Beeinträchtigungen des BLN-Objekts“; als Ersatzmaßnahme wird die Revitalisierung des südlichen Baches empfohlen (S. 4). Zur Eröffnungs- und Schlussfeier St. Moritz See wird bemerkt: „Renaturalisierung, Aufforstung und Wiederherstellung der Bachläufe für ANU akzeptierbar“ (Machbarkeitsstudie, S. 13)
Vorgesehenes temporäres Olympisches Dorf Davos: keine inventarisierten NHG-Objekte, nur spärliche Ufervegetation: „Eine sorgfältige Wiederherstellung vorausgesetzt, spricht nichts gegen den vorgesehenen OWS-Standort im Seebereich“ (S. 2f). Lediglich beim Biathlon-Standort in Lantsch/Lenz stuft das Amt wegen dreier Flachmoore den Standort als „ungeeignet“ ein (S. 3).
Fazit: Es gibt „aufgrund der Umweltaspekte keine Ausschlussgründe gegen das Projekt Olympische Winterspiele 2022“ (S. 5).

– Machbarkeitsstudie nach vier Monaten veröffentlicht
Als Vorläufer der Machbarkeitsstudie wurde die „Machbarkeitsbeurteilung“ von Graubünden 2022 am 10.9.2012 veröffentlicht. Hans F. Schneider von Pro Natura Graubünden schrieb dazu in einer Pressemitteilung: „Olympische Winterspiele bedeuten Bauten in großer Zahl. Wer sich in die Machbarkeitsbeurteilung des Vereins XXIV. Olympische Winterspiele Graubünden 2022 vom 10. September 2012 vertieft, findet mehr aufgeworfene als beantwortet Fragen. Klar und deutlich steht jedoch auf S. 14: ‚Temporäre Bauten für Sportstätten und Olympische Dörfer machen rund eine Milliarde Franken unseres Budgets aus…‘ Das kann man nun drehen und wenden, wie man will, nachhaltig kann so etwas niemals sein“ (PM: Olympische Winterspiele bedeuten Bauten in großer Zahl).

Der Verantwortliche für Kommunikation bei Graubünden 2022, Christian Gartmann, sagte im Interview Anfang November 2012: „Sämtliche Unterlagen, welche dem politischen Entscheidungsprozess zugrunde liegen, sind auf unserer Webseite publiziert“ ; er erwähnte auch die Machbarkeitsstudie (Walker, Sarah, „Wir operieren mit höchstmöglicher Transparenz, in engadinerpost.ch 3.11.2012). Einem Screenshot zufolge wurde diese am 6. Juni 2012 erstellte Machbarkeitsstudie erst am 25.10.2012 ins Netz gestellt.

Inhalte der Machbarkeitsstudie:
Sicherheitskosten

Die Gesamtkosten werden hier (6.6.2012!) schon mit 406 Millionen Franken angegeben (S. 14, 25). Bemerkenswert: In der Machbarkeitsbeurteilung vom 10.9.2012 werden die Sicherheitskosten nur mit 250 Millionen Franken angegeben. Diese Differenz von immerhin 156 Millionen Franken wird nicht thematisiert.
Unterkunft
„Gemäß den ‚Client Group Accomodation Requirements’ des IOC werden insgesamt 22.800 Zimmer in den 2* – bis 5*-Kategorien benötigt… Weiter benötigen rund 4.500 Sicherheitsleute, ca. 15.000 der 22.000 Volunteers sowie der Teil der Besucher, welche alle in den ‚Client Group Accomodation Requirements’ des IOC nicht erwähnt sind, eine Unterkunft“ (S. 29).
„Durch die Erweiterung des Unterkunftsrayons  um Zürich und Opfikon stehen im 5*-Bereich 1.460 sowie im 4*-Bereich 3.735 zusätzliche Zimmer zur Verfügung“ (S. 31, Hervorhebung WZ). In der Kategorie 5* werden vom IOC 3.367 Zimmer, in der Kategorie 4* 8.338 Zimmer benötigt (S. 35).
Einige der angegebenen Umweltschädigungen
(Vergleiche dazu auch die Zusammenstellung weiter oben bei „Amt für Umwelt und Natur/ANU)
– Neuer Standort für das ursprünglich temporär gebaute Olympische Dorf in Davos wäre ein „neuer Standort an den seitlichen Flanken des Sees“: d.h. das Seeufer würde permanent bebaut (Infrastruktur S. 4).
Interessant ist die Äußerung: „In der Botschaft soll bewusst darauf verzichtet werden, die Lokation möglicher Baufelder zu benennen“ (Ebenda; Hervorhebung WZ).
Loipenausbau – Usser Isch
„Für den Loipenausbau müssen teilweise temporäre Lösungen gefunden werden (Uferschutz). Loipe teilweise im Auenobjekt A-1805 von lokaler Bedeutung, Rodung von Ufervegetation für Loipenausbau infolge Gewässerschutz gemäß nicht möglich (ANU). Die 7,5 km Strecke muss aber noch auf gut der halben Strecke verbreitert werden“ (S. 10).
Biathlon – Lantsch/Lenz
„Auf Flachmoore von regionaler Bedeutung muss Rücksicht genommen werden. Insbesondere ist den großen Besucherströmen Beachtung zu schenken“ (S. 12).

Angegebene Waldrodungen
Skiakrobatik – Bolgen

Rodung von Schutzwald: „Bleibt der Schutzwald unantastbar, müssen die Disziplinen Buckelpiste und Snowboard GS nach Usser Isch verschoben werden“ (Infrastruktur S. 4).
„Waldrodungen notwendig, nach neuesten Erkenntnissen ist ganzer Wald Schutzwald (3.950 m2, wovon 3.500 m2 Snowboard Parallel und 450 m2 Moguls > großes Risiko/Angriffsfläche für Gegner!)“ (S. 8, Hervorhebung WZ).
Skispringen – St. Moritz
„’Geringfügige’ Waldrodungen im Tribünen- und Anlaufbereich (ca. 4550 m2, 3800 m2 bei Tribüne, 750 m2 Erweiterung Rampe“ (S. 5).
Biathlon – Lantsch/Lenz
„Im südlichen Bereich muss Wald gerodet werden für die Tribünenanlage (4.500 m2). Im östlichen Bereich
wird bereits gelichteter Wald zu Weideland umfunktioniert (5.000 m2, für OWS TV Compound) (S. 12).
Eröffnungs- und Schlussfeier – St. Moritz See
„Waldrodung (2.500 m2)“ (S. 13).

Fazit: Das führt schon jetzt zu geplanten Rodungen von über 16.000 Quadratmetern Wald und Schutzwald: Erfahrungsgemäß kämen bis 2022 weitere zu rodende Waldflächen hinzu.
Allein für die neue zweite Abfahrtsstrecke bei der Ski-WM 2011 in Garmisch-Partenkirchen wurden 16 Hektar (16.000 Quadratmeter) Berg- und Schutzwald gerodet!

– Nachhaltige Schulden und Defizite: SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli äußerte, dass rund ein Drittel seiner Parteikollegen dezidiert gegen die Bündner Olympiabewerbung seien. In der Weltwoche schrieb er: „Das einzig Nachhaltige an Olympischen Spielen sind Schulden und Defizite… Keiner der heutigen Propagandisten wird 2022 noch in seiner Funktion stehen. Keiner von ihnen weiß, welchen Personen er das unausgegorene Monsterprojekt in die Hände geben wird. Zwei Wochen Übermut, zwei Jahrzehnte tote Asche“ (Weltwoche 45/2012).

– Nicht nachhaltig, nicht so wirtschaftlich: Die liberale Denkfabrik „Avenir Suisse“ sieht die Situation der Bewerbung anders als die Propagandisten von Graubünden 2022. Projektleiter und Ökonom Marco Salvi: Die gerade vorgestellte Studie sei „eine lückenhafte Aufsummierung von wenig aussagekräftigen Wertschöpfungszahlen“. Die finanziellen Gewinne für Graubünden werden sich nicht einstellen; auf dem Arbeitsmarkt und auch bei den Logiergästen käme es lediglich zu Verschiebungen (Wissenschaftler zerpflücken die Bündner Olympiaidee, in suedostschweiz 11.11.2012). Die Beschäftigungseffekte seien wesentlich niedriger. Das Beispiel von London 2012 hat gezeigt, dass sich auch die Logiergäste aus anderen Regionen in die Olympiastadt verlagern würden. Salvi: „Ob deshalb fast eine Million zusätzlicher Logiernächte entstehen, ist zu bezweifeln“ (Berger, Olivier, Avenir Suisse: Olympia bringt weniger Geld als versprochen, in Die Südostschweiz 11.11.2012).
„Salvi befürchtet außerdem, dass von Olympischen Spielen in der Schweiz vor allem die Sportverbände und das Internationale Olympische Komitee (IOC) profitieren würden – die Zeche müssten allenfalls die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler begleichen“ (Ebenda).

– Weitere Wissenschaftler äußern Skepsis: „Auch die beiden Südostschweizer Träger des renommierten Binding-Preises, Stefan Forster und Dominik Siegrist, sind skeptisch, was Olympia angeht. Olympia lasse sich nicht nachhaltig durchführen, sagt Forster“ (Wissenschaftler zerpflücken die Bündner Olympiaidee, in suedostschweiz 11.11.2012). Der Begriff Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit dem Olympiaprojekt ist „ein Versuch, die Kandidatur quasi grünzuwaschen“ (Berger, Olivier, Die Binding-Preisträger sind sehr skeptisch, in Die Südostschweiz 11.11.2012).
Nach Dominik Siegrist werden die Gelder für Olympia bei der Entwicklung nachhaltiger Projekte fehlen. Siegrist: „Das IOC … ist eine Geldmaschine geworden und stimmt jetzt wohl kaum einem Kurswechsel zu“ (Ebenda).
Stefan Forster ist Leiter der Fachstelle für Tourismus und nachhaltige Entwicklung in Wergenstein und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Zürich; Dominik Siegrist hat eine Professur an der Hochschule für Technik in Rapperswil, ist Leiter des Instituts für Landschaft und Freiraum und außerdem Präsident von CIPRA International.

– Goldgräberstimmung in Graubünden: „Die Bündner Olympiagelüste ziehen Berater, Experten und Lobbyisten in Scharen an“ (Morandi, Dario, Olympia löst Goldgräberstimmung aus, in Die Südostschweiz 12.11.2012).
Bei der Bewerbung München 2018 wurden für die olympischen Spin Doctors Tageshonorare von bis zu 10.000 Dollar bezahlt!
Weitere Profiteure sind die Berner Polit-Kampagnen-Agentur Furrer Hugi und Partner, die nach Angaben von Andreas Hugi die Abstimmungskampagne organisiert, also Zeitungsanzeigen und Plakate, „zudem 150 öffentliche Veranstaltungen und Auftritte zum Thema Olympia im ganzen Kanton Graubünden“ (Ebenda).
Die Materialschlacht der Olympia-Befürworterseite ist vorprogrammiert. Die Gegner können auf dem finanziellen Gebiet nicht mithalten: Sie geben ihre Mittel mit 50.000 Franken an, die von den Mitgliedern vom „Olympiakritischen Komitee Graubünden“ wie Pro Natura, dem WWF, Greenpeace und anderen kommen (Steuergelder für Olympiakampagne, in tagesanzeiger.ch 14.11.2012).
Auf der Befürworterseite zählen u. a. dazu: die Propagandisten aus dem Unterland, Schwergewichte aus der Bündner Wirtschaft und der Tourismusbranche – und die Kommunikatonsagentur Mark-Kampagnen des früheren FDP-Parteisekretärs Curdin Mark. Der sieht sich als „Statthalter in Sachen Olympia“, dessen Aufgabe es sei, das Ganze „auf den Kanton herunterzubrechen“, d.h. Koordination der Inseratewerbung und Bildung eines Pro-Komitees (Ebenda).

– Steuergelder für Olympiakampagne? So titelte der tagesanzeiger.ch am 14.11.2012. „Die Promotoren der Olympischen Winterspiele 2022 in Graubünden versprechen einen Abstimmungskampf ohne öffentliche Mittel. Doch ihr Verein wird vor allem von staatlichen Institutionen alimentiert“ (Ebenda). Im Budget der Bewerber sind 5,4 Millionen Franken bis zur Abstimmung am 3.3.2013 enthalten, davon sind 1,1 Millionen Franken für „Marketing und Kommunikation“ und 340.000 Franken für „Kampagnen“ vorgesehen (Ebenda).
„Die Zahlen wecken in Graubünden Bedenken, die Olympiapromotoren versuchten die Abstimmung zu kaufen“ (Ebenda). Der Mediensprecher von Graubünden 2022, Christian Gartmann, beteuerte hingegen: „Es wird keine millionenschwere Abstimmungskampagne geben“ und behauptete, es sei nur ein „sehr tiefer sechsstelliger Betrag budgetiert“ (Ebenda).
Wie soll damit Furrer Hugi und Partner, Mark-Kampagnen, die Inseratwelle und die 150 öffentlichen Veranstaltungen finanziert werden!
Gartmann behauptete auch: „Der Verein garantiert, dass für die Abstimmung keine öffentlichen Mittel verwendet werden“ (Ebenda). Das hielt der Artikel in tagesspiegel.ch für nahezu unmöglich. Die Agentur Infront Ringier soll nationale Sponsoren finden, deren Gelder an Swiss Olympic fließen. Falls die Sponsorengelder nicht reichen, muss Swiss Olympic die Lücke schließen. Swiss Olympic wird aber wiederum vom Bund mit jährlich 9,7 Millionen Franken alimentiert.
Sandra Felix vom Bündner Volkswirtschaftsdepartment äußerte, „es gebe tatsächlich keine gesonderte Kasse für die Abstimmung“ (Ebenda). Für Silva Semadeni, die Präsidentin vom Komitee Olympiakritisches Graubünden, „liegt auf der Hand, dass am Ende wohl auch Steuergelder für die Kampagne verwendet werden“. Sie sprach von „verschlungenen Pfaden“ bei der Finanzierung der Abstimmungskampagne durch die Promotoren von Graubünden 2022 (Ebenda).

– Eile ohne Weile: Ganz schnell sollte es gehen bei der Bewerbung Graubünden 2022. Die übliche Vernehmlassungsfrist beträgt drei Monate. „Die wachsende Zahl von Vernehmlassungen im Hauruckverfahren stößt auf wachsende Kritik… Bei der Defizitgarantie für die Olympischen Spiele 2022 in Graubünden hatten die Vernehmlassungsteilnehmer gerade einmal 10 Tage Zeit, um ihre Meinung kundzutun“ (Neue Kritik an Eilverfahren, in nzz.ch 15.11.2012). Dagegen protestierte die Staatschreiberkonferenz am 1.11.2012 bei Bundeskanzlerin Corina Casanova. Die größten Parteien bereiten einen schriftlichen Protest beim Bundesrat vor (Ebenda; Staatschreiber kritisieren Vernehmlassungsfristen beim Bund, in suedostschweiz.ch 15.11.2012; vgl. auch: Bundesrat bleibt in der Spur, in nnz.ch 21.11.2012).

– Die beschleunigte Farce: Die Zusammenschrift vom „Ergebnisbericht der Vernehmlassung“ wurde blitzartig abgefasst und ist mit 2.11.2012 datiert. Die beteiligten Parteien, Kantone, Verbände und Vereine hatten gerade einmal zehn Tage Zeit, um eine Stellungnahme abzugeben. 110 Adressaten wurden angeschrieben, von denen 59 antworteten. Der Ergebnisbericht soll eine quasi objektive und gründliche Vorgehensweise signalisieren: Er ist es aber nicht.
Ich erspare mir eine Kommentierung dieser Farce.

– Ringier Infront auf Sponsorensuche: Die Bewerbung Graubünden 2022 wird mit 60 Millionen Franken budgetiert. (Wieviel sie dann tatsächlich kosten würde, käme erst sehr, sehr viel später heraus!) Der Bund bringt 30 Millionen Franken auf, St. Moritz 5 Millionen, Davos 2 Millionen, der Kanton 8 Millionen – und 15 Millionen sollen von Sponsoren kommen. Die sucht die Agentur Infront Ringier, die je zur Hälfte der Sportmarketingfirma Infront Sports & Media (Zug, CEO: Philippe Blatter) und dem Medienhaus Ringier gehört (Olympische Winterspiele: Ringier auf Sponsorensuche für Graubünden, in suedostschweiz.ch 16.11.2012).
Infront Ringier erhielt den Auftrag von Swiss Olympic. Der Vizepräsident von Infront Ringier, Marc Walder ist zuversichtlich, die 15 Millionen Franken Sponsorengelder zu bekommen (Ebenda).
Die Bewerbung München 2018 (33 Millionen Euro Kosten) sollte ausschließlich durch Sponsorengelder finanziert werden. Da die Privatwirtschaft aber nur zögerlich einsprang, wurden Unternehmen der Öffentlichen Hand zwangsverpflichtet – wie Lotto Bayern, Deutsche Bahn, Deutsche Post, Flughafen München, Stadtwerke München, Messe München, Olympiapark München etc. Es würde nicht verwundern, wenn Graubünden 2022 auch diesen Weg ginge – sofern mit der Abstimmung am 3.3.2013 nicht sowieso Schluss ist.

– Eingehauchte Nachhaltigkeit: Die Geschäftsführerin des WWF Graubünden, Anita Mazzetta verwies in einem Beitrag auf die eindeutige Nicht-Nachhaltigkeit von Graubünden 2022. Es soll keine Großstadt einbezogen werden, die Milliarde Franken für temporäre Bauten ist Verschwendung, und der NIV-Prozess (Nachhaltigkeit-Innovation-Vermächtnis) ist auch ohne Olympische Spiele möglich – so dieser denn etwas brächte. Denn 2003 saßen ebenfalls 50 Personen zusammen, um über die Zukunft Graubündens nachzudenken. Die provokanten Ergebnisse wurden später nicht beachtet: „Leider verstaubt das Manifest weiterhin in irgendeiner Amtsstube“ (Wie den Olympischen Spielen Nachhaltigkeit eingehaucht werden soll, in Die Südostschweiz 20.11.2012). Unter den damaligen 50 Personen war Anita Mazzetta selbst – und Gian Gilli, jetzt der Haupt-Olympiapromoter. Daher nahm er wohl die Idee mit den 50 Personen und dem NIV-Prozess.

– Bundesrat bewilligt Gelder für 2022: Am 21.11.2012 beantragte der Bundesrat beim Parlament 30 Millionen Franken für die Kandidatur und eine Milliarde Franken für die Durchführung der Spiele Graubünden 2022 (Bundesrat gibt grünes Licht für Olympia, in www.20min.ch 21.11.2012). Der Kanton Graubünden soll sich mit „mindestens 15 Millionen Franken an den Kosten der Kandidatur beteiligen“ (Bundesbeschluss über die Beiträge des Bundes an die Olympischen Winterspiele Schweiz 2022, Entwurf ohne Datum).

– SP-Grossratsfraktion will Alternativkonzept: Die SP lehnt die Olympischen Winterspiele „St. Moritz 2022“ ab. Die Belastungen für die Umwelt sind zu hoch; es ist ein falsches Mittel, den Bündner Tourismus zu entwickeln. „Die hohen Risiken dieses Projektes legitimieren nicht die Bereitstellung eines knappen Drittels des Kantonsvermögens“ (PM SP-Fraktion stellt Antrag, ein Alternativkonzept zu Olympia vorzulegen, Chur 22.11.2012).

Der ehemalige Bundesrat Adolf Ogi sieht keinen Weg zurück:Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass das IOK zurück zur Natur will. Das IOK ist eine Geldmaschine. Wir hatten Winterspiele in Turin, eine Weltstadt. Wir hatten Vancouver, eine Weltstadt. Wir wissen, welche Anstrengungen Sotschi unternimmt. Die Schweiz will jetzt einen Strategiewechsel zurück zur Bescheidenheit. Ich finde das gut, aber ich glaube nicht, dass dieser Richtungswechsel gelingt“ („Ich war nie für einen EU-Beitritt. Ich bin Realist“, in sonntagszeitung.ch 25.11.2012; Hervorhebung WZ).

– Dazu Agenturchef Hansruedi Schiesser über „Klini Spiili“ vom 28. Oktober: „Für 20 Jahre Milliarden Schulden machen, so für 16 Tage im unbekannten Februar 2022? Kostenüberschreitungen bis zu 200 Prozent sind immer ein Teil des Spiels des immer mehr fordernden olympischen Komitees mit dem klassischen Prinzip: Die Kosten den Organisatoren, der Gewinn dem IOC… Da verbrüdern sich jetzt Zweitwohnungsbauer und Subventionsbauern, unsere Tageszeitungen, Skiklub-Trainer und Skilift-Bügelhalter: kurzum alles, was in Graubünden zu den besten Kreisen gehört… Weil das IOC-Prinzip ‚Finde den nächstgrößten Depp‘ (das ist bekanntlich immer ein Kleiner) – bekannt aus der Internationalen Finanzkrise – auch hier funktioniert“ (Schiesser, Hansruedi, Klini Spiili, in Die Südostschweiz 28.10.2012).

– Etikettenschwindel Graubünden 2022: SP-Präsident Jon Pult stellte bei einer Podiumsdiskussion Ende November 2012 klar, dass stets von Graubünden 2022 gesprochen werde: „Das IOC verlange klar eine Host-City, womit die Kandidatur ‚St. Moritz 2022‘ heissen werde. Er zweifle daran, ob alle anderen Partner wirklich noch viel davon profitieren würden… Olympische Spiele seien heute zu einem Allerweltsprodukt geworden… Seine Prognose (für den3.3.2013; WZ): 60 Prozent Nein“ (Waser, Norbert, „Olympia ist das falsche Mittel“, in Die Südostschweiz 29.11.2012).

– Halbe-halbe: Nach einer Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Demoscope sind 43 Prozent der Graubündner dagegen und 43 Prozent dafür. Bei den Gegnern wurden hohe Kosten, Unwirtschaftlichkeit und ökologische Gründe genannt (Olympia-Umfrage: Gegner und Befürworter liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, in suedostschweiz 29.11.2012).
Halbe-halbe sieht das IOC gar nicht gern: Es will neben viel Geld auch einen breiten roten Zustimmungsteppich ausgebreitet bekommen. Allerdings schwächeln die meisten Kandidaten für 2022: Barcelona/Spanien hat Finanzprobleme, Lviv (Lemberg)/Ukraine ebenso, München 2022 schwächelt generell, und ob Oslo/Norwegen sich wirklich bewirbt, ist noch unklar. Vorschlag: Olympische Winterspiele 2022 fallen aus.

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III: Aktuelle Sportsplitter von IOC, Fifa etc. im November 2012

– Eishockey-WM beim Diktator im WDR: Am 5.11.2012 lief im WDR der Film von Florian Bauer: „Der Diktator als Fan“. Zur Erinnerung: Die Eishockey-WM 2014 findet in Weißrussland bei Diktator Alexander Lukaschenko statt. Hier gab es seit 1994 keine echten Wahlen mehr, und hier wurden an die 400 Hinrichtungen durchgeführt. Früher wurde Weißrussland „Europas letzte Diktatur“ genannt; inzwischen befindet sich das Regime in der Gesellschaft von Russland, der Ukraine etc.
Zitate aus dem WDR-Film
:

– MdB Viola von Cramon, Bündnis 90/Die Grünen: „Dieses Groß-Sportereignis wird ausschließlich dazu benutzt, um die Macht von Lukaschenko zu stärken.“
– Kanzleramtsminister Roland Pofalla, CDU: „Ich wünsche mir, dass diese Eishockey-WM in ein anderes Land verlegt wird.“
– René Fasel, Präsident des Internationalen Eishockey-Verbandes: „Und es ist nicht die Aufgabe des Sports, irgendeinen politischen Druck auszuüben auf irgendwas, das die Politik, die Politiker lösen sollen.“
Hierzu siehe auch unter Aktuelles: Eishockey-WM beim Diktator
Und unter Kritisches Olympisches Lexikon: Fasel, René

UCI, Verbruggen und McQuaid im November: Die Union Cycliste Internationale (UCI) hat die Verleumdungsanzeige gegen den irischen Journalisten und früheren Radrennfahrer (dreimal Tour de France), Paul Kimmage, zurückgezogen. Im Gegenzug hat Kimmage gegen UCI-Präsident Pat McQuaid und Hein Verbruggen Anzeige wegen Verleumdung, Diffamierung und schweren Betrugsverdacht gestellt. Der Anwalt von Kimmage schrieb in einer Pressemitteilung, dass Kimmage in den Schmutz gezogen und öffentlich als Lügner dargestellt wurde. Kimmage wird auch die Schweizer Kriminalbehörden über die schweren Verdachtsmomente inforrmieren, die gegen Hein Verbruggen bezüglich des Dopingskandals um Lance Armstrong bestehen. Das Kimmage-Spendenkonto wies im November 85.000 Dollar auf – und wird jetzt für die Klage gegen McQuaid und Verbruggen eingesetzt (cyclingnews.com 2.2.1012; Kistner 5.11.2012). Kimmage will geklärt haben, ob Verbruggen und McQuad an der Armstromg-Vertuschung beteiligt waren. Zu seinen Beweggründen sagte er: „Ganz ehrlich: Ich würde die beiden gern hinter Gittern sehen. Wichtiger ist mir aber, dass sie ihre Spitzenämter im Verband räumen“ („Als Lügner diffamiert“, in Der Spiegel 46/12.11.2012).
In diesem Zusammenhang gerät auch IOC-Präsident Rogge ins Blickfeld: “Verbruggen bestritt stets jede Unterstützung von Dopingpraktiken. Der Niederländer, der bis vor kurzem noch keine ‘Spur des Beweises’ gegen Armstrong sah, führt den Dachverband SportAccord und steht bemerkenswert gut mit IOC-Präsident Jacques Rogge” (Kistner 5.11.2012; vgl. auch Kalwa, Jürgen, „Die Ärzte von Phonak wussten, was damals lief“, in tagesanzeiger.ch 20.11.2012).
– Der australische Sportartikelhersteller Skins will die UCI auf zwei Millionen Dollar verklagen. Skins Chairman Jamie Fuller sagte: “Die Armstrong-Affäre hat die Reputation des Radsports möglicherweise irreparabel beschädigt. Als kommerzieller Partner müssen wir daraus schließen, dass auch unsere Glaubwürdigkeit erheblich gelitten hat” (spiegelonline 5.11.2012).
Im SZ-Interview sagte Fuller, Pat McQuaid habe reagiert „wie ein PR-Arm des ‚Teams Lance'“… Die UCI hat auch die Herausgabe von Informationen und Dokumenten verweigert, etwa zu Testresultaten von Fahrern“ (Kistner, Thomas, „Diese Leute sind unglaublich schamlos“, in SZ 27.11.2012). Fuller verklagte die UCI, Verbruggen und McQuaid, da sie für die schlechte Geschäftsführung verantwortlich sind und seiner Firma Skins Schaden zugefügt haben. Fuller möchte, „dass McQuaid und Verbruggen zurücktreten, die zwei, die seit 22 Jahren an der Spitze der UCI stehen“  (Ebenda).
Vergleiche unter „Aktuelles“ hier.

– Sotschi: „Größte Baustelle der Welt“: 60.000 Arbeiter werkelten im November 2012 an Wladimir Putins Traum von Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014, gelegen an der subtropischen Schwarzmeerküste. 550 Kilometer neue Straßen und Zugstrecken wurden für Sotschi 2014 in die Natur gesprengt. Die Kosten liegen offiziell umgerechnet bei über 15 Milliarden Euro, inoffiziell bei 30 Milliarden US-Dollar. Putin erklärte Sotschi 2014 „zur nationalen Priorität“ („Wahrscheinlich größte Baustelle der Welt, in derstandard.at 14.11.2012).
Das erinnert an das „Nationale Anliegen“, zu dem Merkel & Co. die Bewerbung München 2018 hochstilisierten.
Ein IOC-Mitarbeiter wunderte sich: „Es bleibt mir ein Rätsel, wie die Behörden alle diese neuen Hotels und Infrastrukturen auslasten werden. Die reichen Russen bevorzugen seit Jahren die französischen Alpen und den Tiroler Winter“ (Ebenda).

– Schladminger Ski-WM 2013: Ort zerstört. Der ÖSV-Skandalpräsident Peter Schröcksnadel (siehe z.B. Biathlon-Doping-Skandal Turin 2006) wurde bei der WM-Vergabe 2008 Ehrenbürger von Schladming. Der Schladminger Ortskern wurde für die Ski-WM 2013 zerstört: Für die Ski-WM wurde „ringsherum alles abgerissen und in Form von Hotels, Appartmenthäusern und dem Platz zur Medaillenübergabe neu aufgebaut… Schladming und der ÖSV, das wurde zum Drama in vielen Akten… Der ÖSV organisiert die WM und kassiert das Geld, Schladming stellt die Piste, das Rutschkommando und eine Trachtenabordnung bei der Eröffnung“ (Smejkal, Michael, Jodelnde Statisten, in SZ 14.11.2012). Der Schladminger Bürgermeister und der Chef der Bergbahnen fordern vom ÖSV 2,4 Millionen Euro Bewerbungskosten zurück, außerdem einen Finanzausfall, weil das Skigebiet während der WM im Februar 2013 kaum für Touristen nutzbar sei. Dazu musste ein blauer Bogen über dem Zielgelände für zusätzliche WM-Tribünen abgerissen werden. Der blaue Bogen (Loop) sollte das neue Wahrzeichen werden.
„330.000 zahlende Zuschauer will der ÖSV bei seinem Heimspiel empfangen, 40 Millionen Euro beträgt das Budget, der Reingewinn bleibt bei der ‚Austria Ski Großveranstaltungs GmbH‘, einer reinen Tochter des ÖSV“ (Ebenda).
Die Ski-WM 2001 in St. Anton kostete 20 Millionen Euro; die Ski-WM 2011 in Garmisch-Partenkirchen lag bei 30 Millionen Euro; die Ski-WM 2013 in Schladming liegt bei 400 Millionen Euro., siehe hier. St. Anton bewirbt sich um die Ski-WM 2021: Wieviel Millionen Euro dann???
Achtung Garmisch-Partenkirchen: Wird unter diesen Umständen wirklich eine neue Bewerbung für eine Ski-WM gewünscht? Die bestehenden Pisten und Infrastrukturen werden wieder nicht ausreichen.

– Zwei Kilometer Fifa-Bann in Brasilien 2014: Acarjé sind Teigbällchen aus gemahlenen Bohnen und Shrimps, die im brasilianischen Bundesstaat Bahia sehr beliebt sind. In Bahia steht aber auch das Fußball-WM-Stadion Fonte Nova. Die Acarjé-Straßenverkäufer revoltierten im November 2012: „Im Dunstkreis von zwei Kilometern rund um die WM-Arenen sind nur von der Fifa lizenzierte Anbieter befugt und keine Straßenverkäufer. Wegen der Sponsoren“ (Burghardt, Peter, Rita Santos, in SZ 5.11.2012).
Eine Kurzrecherche ergab, dass die Fifa bei der Fußball-WM 2010 in Südafrika noch einen „Bann“ von einer Meile hatte. In Russland 2018 vier Meilen? in Katar 2022 dann acht Meilen???
Nun weiß der Gouverneur nicht, was er tun soll. Vielleicht stellt TOP-Sponsor McDonald’s die Acarjé-Bällchen selbst her?

Indianermuseum wurde abgerissen: Wie im Oktober 2012 gemeldet, soll für die Fußball-WM 2014 in der Nähe des Maracana-Fußballstadions das alte Indianermuseum, ein historisches Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert, abgerissen werden. Das ist eine Auflage der Fifa, die hier eine freie Bewegungsfläche fordert. Seit 2006 halten etwa 20 Repräsentanten mehrerer Indianervölker aus ganz Brasilien das Gebäude besetzt. Die Ureinwohner wollen nicht aufgeben (Brasilieninitiative Freiburg, Cabral will Abriss des alten Indianermuseums, 23.10.2012). Mitte November 2012 war es trotzdem soweit: Obwohl noch vor Gericht verhandelt wurde, kamen die Baumaschinen. 14.000 Quadratmeter sollen von der Fifa übernommen werden (Behn, Andreas, Soziale Säuberung für reiche Fans, in taz.de 15.11.2012).
Ein Mitglied des Volkskomitees WM und Olympiade sagte: „Das ganze Projekt des neuen Maracana hat einen elitären Charakter und zielt auf Ausgrenzung ab“: Den Brasilianern sollen europäische Normen aufgedrückt und den Armen der Zugang zum Stadion erschwert werden (Ebenda). Im Maracana-Stadion werden 360 Überwachungskameras die Zuschauer erfassen. Allein für die Sanierung bzw. Neuprojektierung der zwölf Austragungsorte muss der brasilianische Steuerzahler umgerechnet über 10 Milliarden Euro bezahlen.

– Was kostet schon nichts? Die Kosten für Sicherheit bei der Fußball-WM 2014 in Brasilien liegen bereits bei umgerechnet 705,5 Millionen Euro (Fußball-WM 2014: WM-Sicherheit kostet Brasilien über 705 Millionen Euro, in ftd.de 20.11.2012). Die WM findet vom 12.6. bis 13.7.2014 statt, das macht tägliche Sicherheitskosten von rund 20 Millionen Euro. Was tut man nicht für Blatter & Co.?!

– Demo vor der Uefa in Nyon: Türkische Fußballfreunde demonstrierten am 24.11.2012 vor den Palästen der Uefa im schweizerischen Nyon, weil die Uefa im größten Betrugsskandal des türkischen Fußballs untätig blieb. In der Saison 2010/11 wurden bis zu 19 Spiele verschoben, einschließlich der Partie am letzten Spieltag zugunsten des Meisters Fenerbahce Istanbul. „93 Personen wurden angeklagt, mehr als 30 Spieler und Offizielle inhaftiert, darunter der Vize-Chef des türkischen Fußballverbandes TTF sowie Fenerbahces Klubpräsident Aziz Yildrim; der wurde zu Haft- und Geldstrafen verurteilt“ (Kistner, Thomas, Protest in Nyon, in SZ 24.11.2012). Seither war von TTF und Uefa nicht mehr viel zu hören. Fenerbahce hat sich 2012 für die Europa-League qualifiziert. „Und Platini plant auf höchster Ebene mit den Türken die Verwirklichung seines Traumes von einer EM 2020 mit 24 Teilnehmern in ganz Europa: Halbfinals und Endspiel sollen am Bosporus stattfinden “ (Ebenda).

– Die (Doping-)Mühlen des IOC mahlen langsam und schlecht. „Erst kurz vor Ablauf der Frist von acht Jahren hatte das IOC rund 110 der knapp 3.700 eingelagerten Dopingproben der Spiele von Athen (2004; WZ) nachgetestet, in mindestens fünf Fällen mit positivem Testergebnis auf anabole Steroide“ (IOC hat nur rund 110 von knapp 3.700 Dopingproben von Athen 2004 nachgetestet, PM WDR, presseportal.de 26.11.2012).
Die fünf positiven Tests betreffen Medaillengewinner aus Osteuropa. Der Chef der IOC-Medizinkommission, Arne Ljungqvist, erklärte, man habe auf Risikosportarten getestet, nicht nach „einzelnen Athleten“: er könne „keine individuellen Fälle kommentieren“ (Ebenda). Wada-Präsident John Fahey meinte dazu: „Warum behältst du die Proben acht Jahre, wenn du sie dann nicht richtig nachtestest? Dann kannst du sie auch gleich wegschmeißen und sparst Zeit und Lagerung“ (Wada kritisiert IOC, in SZ 27.11.2012).
Thomas Hahn schrieb in der SZ, „dass durch die jünste Entwicklung wieder mal anschaulich wird, dass die schönen, bunten Bilder des Hochleistungssports oft nicht das sind, nach was sie im ersten Augenblick aussehen“ (Hahn, Thomas, Fünf Medaillen ohne Wert, in SZ 28.11.2012). Hahn verwies auch auf London 2012: Die Goldmedaillensieger von Jamaika und Kenia sind in ihren Heimatländern praktisch unkontrollierbar.
Wenn 110 Proben fünf „Doping-Treffer“ ergeben, wären das hochgerechnet bei 3.667 Proben 166 positive Ergebnisse! Die bunten Fernsehbilder sind bis heute Soap Operas – weit weg von der  Wahrheit. Was das IOC eben so alles unter den Tisch kehrt…



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Literatur zur NOlympia-Chronologie

Nolympia-Chronologie, komplett / Stand Mitte Juli 2010 als pdf-Datei

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