nach unten
Graubünden gegen Olympische Winterspiele

Jetzt Spenden!

September 2015

 
Zuletzt geändert am 08.11.2015 @ 10:40

Webseite-Besucher
Im August 2015 besuchten 28.045 Internet-Nutzer unsere Nolympia-Webseite. Von Februar 2010 bis einschließlich August 2015 hatten wir damit 1.334.653 Besucher: Wir bedanken uns für das nach wie vor anhaltende Interesse. Witzig: Anscheinend schauen viele am jeweils 1. des Monats nach, wie viele Besucher wir hatten. Am 1.9.2015 taten dies 2.590 Leute.

Neu unter “Aktuelles”:
Leichtathletik-WM 2015 in Peking (21.8.2015; wird aktualisiert); Fifa-Kongress Mai 2015 und Folgen (4.6.2015; wird laufend aktualisiert); Hamburg 2024: Keine Bürgerbefragung!; Hamburg 2024: Dabei sein ist wichtiger als siegen; Hamburger für Hamburg 2024? Berliner für Berlin 2024?; Berliner Senat ist nicht Charlie; Boston 2024: Privatbewerbung eines Baukonzerns; Die verkauften Leichtathletik-Weltmeisterschaften
2015 neu im Kritischen Olympischen Lexikon:
23.7.2015: Eurosport; 20.6.2015 (aktualisiert 19.7.2015): Aserbaidschan-Sport; 21.5.2015: Beilschmidt, Rolf; 25.1.2015 Aktualisiert nach Pechstein-Urteil: Court of Arbitration for Sport (Cas); 20.1.2015: DFB gegen Galopprennbahn; 19.1.2015: Afrika-Cup 2015; 19.1.2015: Handball-WM 2015; 17.1.2015: Deripaska, Oleg; 7.1.2015: Gazprom-NTW; 1.1.2015: Totalitärer Sport-Terminkalender
Laufend aktualisiert:
Hamburg-Berlin 2024 – Zur deutschen Bewerbung um Olympische Sommerspiele 2024: bis Juni 2014: hier; 7-8/2014: hier; 9-10/2014: hier; 11/2014 – 3/2015: hier. Ab April 2015 “Chancenlose Bewerbung Hamburg 2024″ in der laufenden Chronologie unter IV.
Gazprom-Chronik – Was ein Gaskonzern und Sport, Oligarchen und Putin miteinander zu tun haben. Gazprom-Chronik (1) bis 31.12.2012: hier; Gazprom-Chronik (2) 1/2013 – 8/2014: hier; Gazprom-Chronik (3) ab 9/2014: hier; Gazprom-Chronik (4) ab 11/2014: hier

Studie von Sylvia Hamberger und Axel Doering: Der gekaufte Winter – Eine Bilanz der künstlichen Beschneiung in den Alpen (22.4.2015)
————————————————

In eigener Sache
Ich bemühe mich meinerseits, korrekt zu zitieren und Quellen anzugeben. Umgekehrt wäre es fair, wenn auch die Nolympia-Webseite als Quelle in den Artikeln von Journalisten angegeben wird. Tut eh niemand.
Dr. Wolfgang Zängl

Die Gliederung im September 2015 sieht so aus:
I: Zitate des Monats
II: Nachrichten von Olympischen Spielen, dem IOC und den Internationalen Sportverbänden
III: Aktuelle Sportsplitter von DOSB und den deutschen Sportverbänden
IV: Chancenlose Bewerbung Hamburg 2024
V: Allgemeine Nachrichten
VI: Aktuelle Sportsplitter von Fifa, Uefa, DFB etc.
VII: Sport-Millionen und -Millionäre
VIII: Totalitärer Sport-Terminkalender
IX: Doping-News
X: Die Sportsender ARD/ZDF
XI: Überraschungspunkt: IOC = Fifa
——————————————–
I: Zitate des Monats

Klaus Hoeltzenbein in der SZ zur Ablösesumme von rund 80 Millionen Euro für den Fußballer de Bruyne: „Würde man die Ablösesumme für den Fußballer Kevin De Bruyne in Wolfsburg direkt in den Kauf von Fahrzeugen der Marke Golf investieren, man würde als Gegenwert um die 4200 Autos erhalten“ (Hoeltzenbein, Klaus, Monopoly mit Menschen, in SZ 1.9.2015).

Surferin Blanca Manchon zur Guanabara-Bucht, wo bei Rio 2016 die olympischen Surf- und Segelwettbewerbe stattfinden werden: „Ich habe noch nie so einen dreckigen Ort erlebt. Das Wasser ist schwarz“ (Mölter, Joachim, Gefahrenherd Rio, in SZ 2.9.2015).

DOSB-Präsident Alfons Hörmann zur exakten Kostenplanung Hamburg 2024: „Es wird rechtzeitig vor der Abstimmung absolut verlässliche Zahlen geben“ („Wir sind nicht blauäugig“, in Der Spiegel 38/12.9.2015).
Das wird er selbst nicht glauben: Die Kosten aller Olympischer Sommer- und Winterspiele der letzten Jahrzehnte haben ihre geschönten Prognosen um ein Vielfaches übertroffen.

Der ehemalige Fifa-Reformer Mark Pieth zur Vernehmung von Fifa-Präsident Sepp Blatter am 25.9.2015: „Blatter hätte längst zurücktreten sollen. Je länger er wartet, desto schlimmer wird es“ (Wagner, Elmar, „Je länger Blatter wartet, desto schlimmer wird es“, in nzz.ch 27.9.2015).

————————————————–

II: Nachrichten von Olympischen Spielen, dem IOC und den Internationalen Sportverbände

– Siebeneinhalb Jahre Gefängnis für Khadija Ismailowa. Ein weiteres Beispiel der angeblich „friedensstiftenden Wirkung“ der European Olympic Games 2015 in Baku: Schon im Vorfeld dieser Spiele nahmen die Verhaftungen kritischer Journalisten und Menschenrechtler zu. Aserbaidschans bekannteste Journalistin Khadija Ismailowa (39), die über Korruption und Vetternwirtschaft des Aliyev-Diktatorenclans recherchiert hatte, wurde jetzt zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Sie wurde schuldig gesprochen wegen „wirtschaftlicher Delikte, darunter illegales Unternehmertum und Steuerhinterziehung“ sowie Steuerhinterziehung und illegaler Geschäfte (Regierungskritische Journalistin zu langer Haftstrafe verurteilt, in spiegelonline 1.9.2015). „Aserbaidschan bleibt eines der weltweit gefährlichsten Länder für Journalisten: Auf der Rangliste der Pressefreiheit belegt das Land Platz 160 von 180 Staaten. Derzeit sitzen hier acht Journalisten und vier Blogger im Gefängnis. Seit Sommer 2014 geht die Regierung verstärkt gegen die wenigen verbliebenen Oppositionsmedien und unabhängigen Journalisten vor. Am 9. August 2015 starb der freie Journalist Rasim Alijew, nachdem er tags zuvor in einen Hinterhalt gelockt und zusammengeschlagen worden war. Die schwer kranken Menschenrechtler Leyla Yunus und Arif Yunusov wurden Mitte August ebenfalls zu langen Haftstrafen verurteilt, was der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe, Christoph Strässer, scharf kritisierte“ (Ebenda).
Vergleiche auch: Aserbaidschan-Sport

– Von Boston 2024 zu Los Angeles 2024. Am 2.9.2015 stellte Scott Blackmun von US Olymic Committee den neuen USA-Kandidaten Los Angeles vor. L. A. hatte bereits die Olympischen Sommerspiele 1932 und 1984 ausgerichtet. Für 1984 war LA der einzige Kandidat – und nutzte die Situation: „Die Stadt unterschrieb nicht den IOC-Knebelvertrag, der besagt, dass die Gastgeber für eventuelle Mehrkosten aufkommen müssen. Um diese Unterschrift wird (der Bürgermeister von L. A., Eric) Garcetti angesichts der Mitstreiter Hamburg, Paris, Rom und Budapest jetzt jedoch nicht herumkommen. Knapp sechs Milliarden Dollar soll das Olympia-Budget betragen, rund 1,7 Milliarden Dollar kommen von privaten Investoren. Allein 925 Millionen Dollar dieser Summe sollen ins Athletendorf gesteckt werden, das auf einem 125 Hektar großen Bahn-Gelände geplant ist. Problem: Das Areal gehört nicht der Stadt. Wirtschafts-Professor Andrew Zimbalist vom Smith-College in Massachusetts hat deshalb bereits gewarnt, dass die anvisierten Kosten auch schnell in das Zwei- oder gar Dreifache ausufern können“ (Oldörp, Heiko, Sexy und stolz darauf, in spiegelonline 2.9.2015; Hervorhebung WZ). Der Stadtrat votierte mit 15:0 für Los Angeles 2024. Bürgermeister Garcetti: „Dies ist ein großartiger Tag für Los Angeles“ (DPA, SID, 15:0 für L.A., in SZ 3.9.2015; Los Angeles gibt Gas, in faz.net 2.9.2015).
Schaun mer mal…

– Warum Boston NEIN zu Boston 2024 gesagt hat. Chris Dempsey von „No Boston Olympics“ erklärte in einem Beitrag die Gründe. Die durchschnittliche Spende an die Boston-Gegner lag bei 100 Dollar, die an die Befürworter bei 70.000 Dollar. Diese hatten die finanziellen Vorteile, die Gegner die besseren Argumente. Das PR-Getöse der Befürworter kam bei der Bevölkerung nicht an. Die Bewerbung Boston 2024 stagnierte. Die Gegner hatten es mit sehr mächtigen Befürwortern zu tun: eine David-Goliath-Situation (Q&A: Chris Dempsey of No Boston Olympics, in scoutcambridge.com 8.9.2015). – Die Bewerbung Boston 2024 hat Schulden in Millionenhöhe hinterlassen. Dazu gehören unbeglichene Rechnungen – allein über eine Million Dollar Honorar für den Architekten, dazu einige hundert Dollar für Catering und 7.500 Dollar, die dem David Ortiz Children’s Fund versprochen wurden. Insgesamt sollen die ausstehenden Gehälter und unbezahlten Rechnungen die Summe von vier Millionen Dollar erreichen (Arsenault, Mark, Olympic bid left debt of millions, in bostonglobe.com 11.9.2015).

– Warum Toronto Nein zu Toronto 2024 sagen sollte. Der Direktor des Martin Prosperity Institut an der Universität Toronto, Richard Florida, fasste die Gründe u. a. so zusammen: Viele Studien haben bewiesen, dass die Spiele blicherweise weit mehr kosten, als eingenommen wird und die regionale Wirtschaft und Regierung über Jahre ausbluten kann. – Toronto 2024 würde die Stadt 30 Milliarden kanadische Dollars kosten, das sind 20 Prozent der Wirtschaftsleistung Torontos. – Die explodierenden Kosten der Olympischen Spiele sind schlecht für die Austragungsorte. – Olympische Austragungsorte sind mit kostspieligen „White Elephants“ verschandelt: Die Sportstätten liegen nach den Spielen verlassen da. – Der regionale Tourismus geht durch die Spiele zurück. – Die versprochenen Arbeitsplätze sind nur kurzfristig und schlecht entlohnt. – Die versprochene PR durch die Spiele bleibt meist aus. – Proteste oder Skandale sind bei solchen Megaereignissen inzwischen üblich, terroristische Angriffe müssen einkalkuliert werden. Fazit: Die Spiele bringen der Bevölkerung von Toronto keine Vorteile (Florida, Richard, Why Toronto should say No to the Olympics, in theglobeandmail.com 8.9.2015).
Am 15.9.2015 verkündete Bürgermeister John Tory den Verzicht Torontos auf eine Bewerbung wegen fehlender Unterstützung der Bevölkerung (Toronto verzichtet auf Olympiabewerbung, in spiegelonline 15.9.2015).

Tokio 2020: absehbar teurer. Die olympischen Sommerspiele Tokio 1964 sollten 130 Millionen Dollar kosten: Sie kosteten schließlich 1,9 Milliarden, das 15-fache (Neidhart, Christoph, Olympia und kein Ende, in SZ 4.9.2015). Tokio 2020 sollte 4,9 Milliarden Dollar kosten – das behaupteten die japanischen Bewerber beim Olympia-Kongress im September 2013 in Buenos Aires. Sieben Wochen nach dem Zuschlag war diese Summe schon weit überschritten – und wird wohl noch weiter steigen: „Für einige Sportstätten veröffentlichte Tokio schon im Juli Ausschreibungen, so für den Musashino-Sportkomplex im Vorort Chofu. Keine einzige Baufirma hat sich beworben. Der Kostenrahmen sei zu eng. Erst für eine zweite Runde mit zehn Prozent angehobenen Kosten gingen Angebote ein“ (Ebenda).

– Aus für Zaya Hadids Olympiastadion. Tokio 2020: Die Kosten für das Olympiastadion nach dem Entwurf von Hadid sind auf umgerechnet rund 1,8 Milliarden Euro gestiegen: Premierminister Shinzo Abe stoppte daraufhin das Projekt, das wahlweise als Fahrradhelm, Schildkröte oder Toilettensitz geschmäht wurde. Zaha Hadid stieg aus. Nun soll ein neuer Entwurf her. Die Sitzplätze wurden von 72.000 auf 68.000 reduziert – mit der Möglichkeit, um 12.000 auf 80.000 aufzustocken, falls Japan die Fußball-WM bekommt (McCurry, Justin, Zaha Hadid abandons new 2020 Tokyo Olympics stadium bid, in theguardian.com 18.9.2015).
Der Zeitdruck zur rechtzeitigen Fertigstellung ist dadurch immens gewachsen – die Chancen auf ein billigeres Stadion sind gering, da die Baufirmen über ein beträchtliches Druckmittel verfügen.
Inzwischen trat der japanische Sportminister Hakuban Shimomura wegen der explodierenden Baukosten und zeitlichen Verzögerungen zurück. Eine Untersuchungskommission wies ihm eine Teilschuld zu (Japanischer Sportminister tritt zurück, in faz.net 25.9.2015).  

– Tokio 2020: noch größer. Die Organisatoren der Sommerspiele 2020 empfehlen dem IOC die Aufnahme von fünf neuen Sportarten: Baseball/Softball, Karate, Sportklettern, Skateboarden und Surfen. Die Erweiterung würde eine Aufblähung von 28 auf 33 Sportarten und 500 weiteren Sportlern bedeuten (Wird Skateboarden bald olympisch? in spiegelonline 28.9.2015). 

Olympisches Erbe Rio 2016: Der Dreck bleibt. Das Segel- und Surfrevier in der Guanabara-Bucht ist verdreckt und bleibt auch nach den Olympischen Sommerspielen verseucht. „Eines der zentralen Versprechen in Rios Bewerbung aus dem Jahr 2008 war, die Bucht bis 2016 um 80 Prozent zu säubern. Das sollte das große Vermächtnis dieser Spiele sein. Daraus wird nichts, das räumt inzwischen auch Luiz Fernando Pezão, der Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro, ein. Die meisten der angekündigten Kläranlagen wurden nie gebaut oder nie in Betrieb genommen. Das Problem liegt aber nicht nur in der Umsetzung des Versprechens, sondern in dem Versprechen selbst. Es war vollkommen irreal. Eine tiefenverseuchte 380 Quadratkilometer große Bucht säubert niemand in acht Jahren. Nach Ansicht von Experten wäre ein Reinigungsplan bis 2035 realistisch. Das war aber gewiss nicht das, was das Internationale Olympische Komitee (IOC) hören wollte, als es die Spiele vergab. (…) Der Dreck von 6,6 Millionen Menschen ergießt sich jeden Tag in diese Bucht, ungefiltert. Dazu das Schweröl aus den Raffinerien, die Abwässer mehrerer Krankenhäuser, und wenn es regnet, spült es auch noch den Unrat aus den Favelas dazu. Von jenen Hängen, wo noch nie die Müllabfuhr gesichtet wurde“ (Herrmann, Boris, Regatta in der Kloake, in SZ 5.9.2015).

– Rio 2016 und die Arbeitssklaven. Im Zusammenhang mit dem Bau des Olympischen Dorfes ermittelt Rios Staatsanwaltschaft gegen die zwei größten Baukonzerne Brasiliens, Odebrecht und Carvalho Hosken. Sie beschäftigen diverse Subunternehmer zum Bau des Olympischen Dorfes. „Die luxuriöse Wohnanlage wird bei den Spielen nächstes Jahr als Olympisches Dorf dienen“ (Upadek, Carsten, Arbeitssklaven im Olympischen Dorf, in deutschlandfunk.de 12.9.2015). Staatsanwältin Guadalupe Couto bezeichnete die Arbeitsbedingungen der Arbeiter als „analog der Sklaverei“: „Das gilt, wenn man ohne Pause arbeitet, keine Rechte hat, die Unterkünfte inhuman sind. wenn der Arbeiter eine Geisel seiner Situation ist, aus der er nicht herauskommt“ (Ebenda). Der Eigentümer der Baufirma Carvalho Hosken sagte „in Bezug auf das Luxusviertel, man sollte keine armen Menschen in die Siedlung lassen“ (Ebenda). Der Generaldirektor des Immobilienunternehmens Ilha Purin mit 31 luxuriösen Wohnblocks, Mauricio Cruz, ergänzte, die Wohnungen hätten einen hohen Verkaufswert: „Gerichtet an ein bestimmtes ökonomisches Segment der Bevölkerung. Diese Apartments sind konstruiert für eine spezifische Klasse“ (Ebenda). Nach den Spielen werden die 3604 Wohnungen verkauft – mit einem geschätzten Gesamtwert von über eine Milliarde Euro (Ebenda).
Schöner nacholympisch Wohnen: im Luxus-Wohnungsbau à la IOC

IOC: Ein Herz für Flüchtlinge? Das IOC stellt zwei Millionen Dollar für Flüchtlingsprojekte zur Verfügung, wie IOC-Präsident Thomas Bach in einer Pressemitteilung mitteilte. Eine Million Dollar kommt vom IOC, eine Million Dollar von der „Olympic Solidarity“ (IOC announces emergency two million dollar fund to help refugees, in olympic.org 4.9.2015). IOC-Präsident Thomas Bach: „Wir wissen  aus Erfahrung, dass der Sport helfen könne, die Not von Flüchtlingen zu lindern“ (Ebenda). „Nach eigenen Angaben schüttet das IOC im Schnitt pro Tag zur Unterstützung von Sportlern und Vereinen weltweit etwa 3,25 Millionen Dollar aus“ (SID, IOC spendet, in SZ 5.9.2015).
Man kann sich richtig vorstellen, wie die IOC-Häuptlinge in Lausanne herumsaßen und sich überlegten, wie man mit dem Thema Flüchtlinge über ein olympisches Almosen in die Schlagzeilen kommen kann… Außerdem positioniert sich das IOC wieder wie so oft als enger und ernstzunehmender Partner der United Nations bzw. des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR: Der Sportkonzern IOC beansprucht quasi wie die United Nations übernationale globale Bedeutung.

– Vinerstan: Das Reich von Irina Viner. Anfang September 2015 fand in Stuttgart die WM in der Rhythmischen Sportgymnastik statt – die Siegerinnen standen schon vorher fest. „Die Rhythmische Sportgymnastik ist in vielerlei Hinsicht eine ganz spezielle Disziplin des Turnsports. Zum Beispiel, weil man schon vor dem Beginn der Wettbewerbe am heutigen Montag schreiben kann, wer den Weltmeistertitel gewinnen wird: Russland wird ihn gewinnen. Man kann es sogar genauer sagen: Jana Kudratsjewa oder Margarita Mamun wird gewinnen. (…) Eine Überraschung sind russische Siege nie gewesen. In der Historie der Welttitelkämpfe seit 1963 haben mit einer Ausnahme ausschließlich Gymnastinnen aus dem damaligen und ehemaligen Ostblock Medaillen gewonnen, in der Regel sowjetische. (…) Seit 2000 gewinnt Russland bei den Olympischen Spielen den Mehrkampf und die Gruppenkonkurrenz, sprich: alles. (…) In Russland gibt es viel Geld für die Sportgymnastik, etwa vom Gazprom-Konzern. Nicht ganz zufällig, denn die Cheftrainerin und Verbandspräsidentin Irina Viner ist die Gattin von Oligarch Alisher Usmanow, einem der reichsten Männer Russlands. Sie gilt als die mächtige Frau der Gymnastik-Welt“ (Schmitt, Sandra, Auf der Karte „Vinerstans“ gewinnt immer Russland, in faz.net 7.9.2015). Und dazu gibt es Unregelmäßigkeiten bei der Schiedsrichterprüfung: „Vor zwei Jahren hatten auffällig viele Referees bei einer Lehrgangsprüfung auf die Kommastelle genau die richtige subjektive Wertungsnote eingetragen, das hatte es noch nie gegeben… vielleicht war es eine akute Warnung, dass ausgerechnet einen Tag vor der WM vier Kampfrichterinnen wegen ‚partisan judging‘ (Heimbevorteilung) bei jüngsten Wettkämpfen gesperrt wurden“ (Kreisl, Volker, Hitze unterm Deckel, in SZ 10.9.2015). Viner erhielt für ihre Verdienste 2015 den Olympischen Orden von IOC-Präsident Thomas Bach.

– Grandiose Idee: European Olympic Winter Games
. Der Diktatorenfreund Aserbaidschan und Präsident des European Olympic Comitee (EOC), Patrick Hickey, propagierte angesichts des „großen Erfolgs“ der European Games 2015 in Aserbaidschan auch für Europäische Winterspiele (SID, EOC erwägt Einführung von Europaspielen im Winter – DOSB zurückhaltend, in zeit.de 14.9.2015). 
Hallo, Mr. Hickey, ein Vorschlag: Kasachstan wäre doch ideal für Europäische Winterspiele, und eine Diktatur wäre auch vorhanden. – Steht nur zu hoffen, dass sich die olympischen Sportsfreunde irgendwann an der Sport-TV-Orgie übersehen haben.  

-Seid umschlungen, Milliarden. Am 15.9.2015 war die IOC-Deadline für Kandidatenstädte. Es bewerben sich um Olympische Sommerspiele 2024: Budapest/Ungarn, Hamburg/Deutschland, Los Angeles/USA, Paris/Frankreich und Rom/Italien. Fünf Großstädte sind unbegreiflicherweise freudig bereit, für 16 Tage olympische Party einen zweistelligen Milliardenbetrag zu investieren. Der englische Schriftsteller John Priestley (1894 – 1984): „Ein Optimist ist in der Regel ein Zeitgenosse, der ungenügend informiert ist.“

– Schweiz (I): Teure Sportchefs. Der für Sport zuständige Schweizer Bundesrat Ueli Maurer (eifriger Befürworter von Graubünden 2022 und 2026) betont: „Sport ist wirtschaftlich wichtig“ (Kreitewolf, Stefan, Sportbosse sind lieb und teuer, in taz.de 15.9.2015). Damit wurden 45 Internationale Sportverbände in die Schweiz gelockt. Eine im Auftrag des IOC, der Stadt Lausanne und des Kantons Vaud entstandene Studie kommt zu dem – angesichts der Auftraggeber wenig überraschenden – Schluss, dass angeblich pro Jahr mehr als eine Milliarde Schweizer Franken durch die internationalen Sportverbände generiert würden (Dethier, Jean-Jacques, Garelli, Stéphane, The Economic Impact of International Sports Organisations in Switzerland 2008 – 2013, www.aists.org, ojg; PM IOC President launches Festivities marking the IOC’s 100 years in Lausanne, in olympic.org 10.4.2015). – „Im Gegenzug bieten die Eidgenossen Steuervorteile, juristische Schlupflöcher und Mietbefreiungen. Sportverbände profitieren zum Beispiel von ihrer Organisationsform als im Handelsregister eingetragene Vereine. Durch das Wohlwollen des schweizerischen Zivilgesetzbuchs müssen sie nicht einmal halb so viel von ihren Gewinnen versteuern wie ein normales Unternehmen. (…) Die Sportverbände sind mittlerweile zum Reputationsproblem für die Eidgenossen geworden. Insbesondere nach den Razzien und Festnahmen Ende Mai rund um den Fifa-Kongress ist der internationale Druck auf die Schweiz gewachsen“ (Kreitewolf 15.9.2015).

– Schweiz (II): Eine Milliarde Franken in zehn Jahren. Der für Sport zuständige Schweizer Bundesrat Ueli Maurer will zwischen 2018 bis 2029 zusätzlich eine Milliarde Franken Steuergelder in den Schweizer Sport stecken. Swiss Olympic reicht das nicht. Präsident Jörg Schild: „Die jährlichen Investitionen im Bereich Spitzensport seien mit anfänglich 1,6 Millionen und später 8,5 Millionen Franken viel zu tief angesetzt“ (Tribelhorn, Marc, „Die falschen Prioritäten“, in nzz.ch 17.9.2015). Der in Maurers Leistungssportkonzept festgehaltene Ausbau der Sportförderung durch Armee, Grenzwachtkorps, Zivilschutz und -dienst erfordere ebenfalls mehr Mittel. Swiss Olympic fordert deswegen zusätzlich 15 Millionen Franken im Jahr für den Spitzensport (Ebenda).

– Schweiz (III): Ueli Maurer im Privatjet. Bei der Fußball-WM 2014 in Brasilien spielte beim Eröffnungsspiel am 15.6.2014 die Schweiz gegen Ecuador. Ein Gast in Blatters VIP-Loge war der Schweizer Sportminister Ueli Maurer. Er flog mit einem Privatjet der Marke Falcon 7X für 60 Stunden Hin- und Rückflug zum WM-Spiel, Kostenpunkt 202.100 Schweizer Franken. „Zur Frage, wie er das Kosten-Nutzen-Verhältnis seines Brasilien-Trips beurteile, wollte Bundesrat Maurer keine Stellung nehmen“ (Lenz, Christoph, 200.000 Franken für 90 Minuten Fußball, in blick.ch 24.9.2015).

IOC: Neue 508 Seiten IOC-Regeln. Für die Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2022 veröffentlichte Oslo neben dem Host City Contract 7.000 Seiten Regelwerk. Nun legte das IOC eine neue Version auf: 508 Seiten sollen genügen. „Die Tücken liegen im Detail, und darüber wird ab jetzt ausführlich debattiert werden in den Bewerberstädten und vor allem in Hamburg, wo Ende November das Referendum ansteht. Tatsächlich hat das IOC nicht nur 350, sondern 508 Seiten in vier neuen Dokumenten vorgelegt: die Prinzipien des Ausrichtervertrages (44 Seiten), den Fragebogen an Bewerber (137), die technischen Anforderungen (275) und den neuen Ablauf (52) des Prozesses bis zur Entscheidung auf der IOC-Session im September 2017 in Lima“ (Weinreich, Jens, 508 Seiten Prinzipien, in spiegelonline 16.9.2015). Lustig, nicht nur für Hamburger: “ Im IOC-Völkchen war bis vor Kurzem noch nicht flächendeckend bekannt, dass sich Hamburg bewirbt. So erzählte ein Mitglied kürzlich noch, es habe geglaubt, Hamburg bewerbe sich für Winterspiele. Mit derlei Missverständnissen haben die Weltmetropolen Paris, Rom und Los Angeles nicht zu kämpfen“ (Ebenda). Tolle Neuheiten werden angeboten – zum Beispiel der Punkt: „The freedom of media to report on the Olympic Games is now integrated in the Host City Contract Principles“ (PM Five world-class cities in strong competition for Olympic Games 2024, Olympic.org 16.9.2015).

– Keine Menschenrechte im IOC-Vertrag. Die Sports and Rights Alliance (SRA), ein Zusammenschluss von Menschenrechts- und Arbeitsschutzorganisationen, hat den neuen „Host City Contract“ als unzureichend kritisiert: Er „beinhaltet keine ausdrückliche Klausel, wonach Menschenrechte umfassend respektiert und geschützt werden müssen“ (Becker, Christoph, „Das Wort Menschenrechte kommt nicht vor“, in faz.net 24.9.2015). Dazu wird die Pressefreiheit nur für den Zeitraum der Spiele garantiert: „Wieso versucht man nicht, die Jahre der Vorbereitung auf Spiele mit einzubeziehen?“ (Ebenda).
Oder die Zeit danach: Die Aserbaidschan-Diktatur hat Kritiker weit vor den European Games im Juni 2015 in Baku weggesperrt und zu vieljährigen Haftstrafen verurteilt – von den Sportfunktionären war keinerlei Kritik zu hören.

– Bach Ki-moon. Der IOC-Sport-Großkonzernchef Thomas Bach darf am 27.9.2015 vor den Vereinten Nationen und ihrem Präsidenten Ban Ki-moon sprechen. Im Vorfeld der Debatte Fußball-EM 2024 in Deutschland und Olympische Sommerspiele 2024 in Hamburg lenkte Bach wieder einmal ab: „IOC-Präsident Bach behauptete zudem erneut, Deutschland könne sowohl die Fußball-Europameisterschaft im Juni 2024 als auch einige Wochen später die Olympischen Sommerspiele austragen. ‚Niemand hat Zweifel daran, dass die Deutschen dazu in der Lage wären‘, sagte er“ (Ebenda).
In der Lage vielleicht. Aber beide Sport-Großereignisse werden sie 2024 nicht bekommen. Das hat schon Uefa-Präsident Michel Platini in aller Deutlichkeit gesagt. Und welches Interesse sollte der DFB haben, sein Sponsoren- und TV-Geschäft – und die Zuschauer – im Abstand von wenigen Wochen mit dem IOC zu teilen?

London 2012: Kein sportliches Erbe. Die Macher der Olympischen Sommerspiele 2012 in London versprachen viel und hielten wenig. So sollte eine ganze Generation inspiriert werden, mehr Sport zu treiben. Im Nachhinein – auch zu den Commonwealth Games 2002 in Manchester und 2014 in Glasgow – stellt sich heraus, dass es keine Verbindung zwischen Sport-Großereignissen und der Teilnahme am Sport gibt. Der Sportberater Dr. Russell Holden: „Es sieht alles sehr negativ aus. Die Erbe von London scheint vergessen worden zu sein. Die Statistiken des Aktiven-Sports sind absolut schauderhaft“ (Menary, Steve, Failure of Olympic promises forces the government to revise sports strategy, in playthegame.org 28.9.2015).  

– Athen 2004: Wie die NSA die Olympischen Sommerspiele ausspionierte. Die gerade präsentierten Unterlagen von Edward Snowden belegen, wie die NSA die Olympischen Sommerspiele 2024 in Athen ausspioniert haben. „Der US-Geheimdienst verschaffte sich offenbar flächendeckenden Zugang zur griechischen Telekommunikation. ‚Die Welt wird zusehen, und die NSA auch!‘ heißt es in einem der Dokumente, die das Enthüllungsportal ‚The Intercept‘ am Dienstagmorgen deutscher Zeit veröffentlichte und die SPIEGEL ONLINE vorab vorlagen. Die Dokumente geben einen Einblick in das, was passiert, wenn einem Land, einer Stadt die Ehre zuteil wird, die Olympischen Spiele auszurichten: Der Austragungsort wird zum Schauplatz von Überwachungsaktivitäten wahrhaft olympischen Ausmaßes. Das sollte beispielsweise Bewohner und Politiker Hamburgs interessieren, das sich ja um die Ausrichtung von Olympia 2024 bewirbt“ (Stöcker, Christian, Wie die NSA sich auf Olympia vorbereitet, in spiegelonline 29.9.2015). Die NSA spionierte offensichtlich im Einvernehmen mit der griechischen Regierung. Die „Commercial Technologies Group“ untersuchte die eingesetzte griechische Technik, die CIA lieferte Daten der griechischen Mobilfunknetze, die „Special Source Operations“ zapften die Datenkabel an, der „Special Collection Service“, der die  Regierungsviertel über die US-Botschaften abhört, lieferte „zusätzliche Fähigkeiten“ (Ebenda). „Die Amerikaner kamen nicht nur, installierten Wanzen, Abhörschnittstellen und Spionagesoftware – sie ließen sie auch dort, als sie wieder abzogen“ (Ebenda). – „Abgehört wurden nun: der damalige konservative Ministerpräsident Kostas Karamanlis und auch dessen Ehefrau, die Athener Bürgermeisterin und noch ein paar andere griechische Politiker“ (Schlötzer, Christine, Dabei sein ist alles, in SZ 1.10.2015). Ein führender Mitarbeiter von Vodafone Griechenland, Kostas Tsalikidis, wurde am 9.3.2005 erhängt in seiner Wohnung aufgefunden. Er hatte kurz vorher seiner Verlobten mitgeteilt, er müsse die Firma verlassen: dies sei für ihn „eine Frage von Leben und Tod“ (Ebenda). Der NSA-Experte und Autor James Bamford („NSA: Die Anatomie des mächtigsten Geheimdienstes der Welt“) zitierte einen ehemaligen hochrangigen NSA-Mitarbeiter: „Wenn man einmal Zugang hat, hat man Zugang. Wenn man die Gelegenheit hat, Implantate zu installieren, dann ist das eben eine Gelegenheit“ (spiegelonline 29.9.2015).
Hamburg 2024: Athen war schon 2004 – wie wird es erst im Jahr 2024 zugehen!

– Wallis 2026: Billigheimer. Der Präsident des Fußballclubs FC Sion, Christian Constantin, will die Olympischen Winterspiele 2026 in das schweizerische Wallis holen. Kosten soll dies magere 1,56 Milliarden Franken (Olympia 2026 im Wallis: Kantonsregierung schaut genau hin, in srf.ch 29.9.2015). Constantin ist nicht von ungefähr Bauunternehmer (Constantin will Winterspiele 2026 im Wallis, in suedostschweiz.ch 29.9.2015).
Bauunternehmer sind oft Promotoren der Olympia-Bewerbungen. Der letzte, der scheiterte, war bei Boston 2024 John Fish, der Eigentümer von Suffolk Constructions (2,5 Milliarden Dollar Jahresumsatz).

————————————————–
III: Aktuelle Sportsplitter von DOSB und den deutschen Sportverbänden

– Linker Golfer. Ausgerechnet Christian Görke von der Partei Die Linke, Finanzminister von Brandenburg, stellte den Antrag, den Ryder Cup wie Olympische Spiele oder Fußball-WM steuerfrei zu stellen. Der Ryder Cup ist der Golf-Vergleich zwischen den USA und Europa: Der Deutsche Golf-Verband hatte für 2022 Bad Saarow vorgeschlagen. Nun hat Finanzminister Wolfgang Schäuble das Steuerprivileg verweigert, weil kein besonderes öffentliches Interesse vorliege (Schäuble verweigert Ryder Cup Steuerprivileg, in spiegelonline 12.9.2015). 
Dazu aus einem Kommentar von Claudio Catuognio in der SZ: „Da kommen die besten Golfer aus Europa und den USA, alles Multimillionäre, für drei Tage ins Brandenburgische – und die Veranstalter nehmen danach alle Gewinne netto mit? (…) Wer mit etwas Geld verdient, zahlt Steuern auf den Gewinn. Gibt es einen Grund, warum der Kommerzsport davon ausgenommen werden sollte? Nein. Bis auf diesen: dass es sich der Kommerzsport nun mal erlauben kann, Forderungen zu stellen, die in anderen Lebensbereichen als schamlos empfunden würden. (…) Hinter der Entscheidung, ob der Ryder Cup in Deutschland in den Genuss von Steuervorteilen kommen soll, steht also auch die Frage, inwieweit sich die Politik dem Diktat der Sportveranstalter unterwirft. (…) Olympia, Fußball-WM, Champions-League-Finale, Leichtathletik-WM – diese Groß-Events waren oder sind von der Steuer befreit. Der Ryder Cup ist auch nicht gerade klein – aber er wäre ein Präzedenzfall. Welche Begehrlichkeiten würde man wecken, welche Sportlobby käme als nächstes?“ (Catuogno, Claudio, Jede Menge Nullen, in SZ 16.9.2015). Schäubles Beamten fürchten ein fatales Signal bei anderen Sportereignissen. „Dann würden demnächst auch die Veranstalter der internationalen Ausscheidungen im Kürbiskernweitspucken in Kyritz an der Knatter Steuerbefreiung verlangen“ (Reiermann, Christian, Schwarz. Rot. Geld, in Der Spiegel 38/12.9.2015). Merkwürdig: „Der GC Valley am Tegernsee, 2011 gegen die Lobby der Langer-Brüder gescheitert, aber Ryder-tauglich, wurde erneut ausgebootet mit dem Argument, der Termin kollidiere mit dem Oktoberfest. (…) Am Ende wurde das A-Rosa-Ressort im brandenburgischen Bad Saarow, das sich gar nicht bewarb, gebeten, auszuhelfen“ („Ein Meilenstein“, in SZ 21.9.2015).

– Politik knickt gegenüber dem Golfsport ein. Die Fifa hat für die Fußball-WM 2006 in Deutschland Steuerbefreiung erhalten, die Uefa für das Champions-League-Finale 2015 in Berlin – und nun erhält der Ryder-Cup doch die Steuerbefreiung. Plötzlich ist ein „besonderes öffentliches Interesse“ nach § 50 Absatz 4 Einkommenssteuergesetz gegeben: „Die obersten Finanzbehörden der Länder oder die von ihnen beauftragten Finanzbehörden können mit Zustimmung des Bundesministeriums der Finanzen die Einkommensteuer bei beschränkt Steuerpflichtigen ganz oder zum Teil erlassen oder in einem Pauschbetrag festsetzen, wenn dies im besonderen öffentlichen Interesse liegt; ein besonderes öffentliches Interesse besteht…“. Immerhin wird der Ryder Cup im Bezahlfernsehen Sky übertragen wird. Am 18.9.2015 beschlossen Vertreter des Bundes die Steuerbefreiung. Sehr ökologisch: Für die 50.000 Zuschauer gibt es breitere Straßen und zwei riesige Parkplätze – ganz abgesehen vom Golfplatz selbst (Bensiek, Arne, Fröhlich, Alexander, Steuerbefreiung für den Ryder Cup, in tagesspiegel.de 18.9.2015).

– Golf: das Millionenspiel. Die Finanzierung des Ryder-Cups 2022 sieht so aus: 640.000 Mitglieder des Deutschen Golf-Verbandes zahlen zehn Jahre lang drei Euro mehr Mitgliedsbeitrag pro Jahr: macht 19,2 Millionen Euro. Plus acht bis zehn Millionen Euro von den Sponsoren Allianz und BMW. Plus dem Zugeständnis der Politik, dem Antrag auf Steuererlass nach §50 Absatz 4 EStG (öffentliches Interesse!) zuzustimmen. Der frühere European-Tour-Boss George O’Grady hatte extra an Angela Merkel geschrieben und sie aufgefordert, die Chance der Bewerbung zu erkennen („Ein Meilenstein“, in SZ 21.9.2015).
Vielleicht ist ja das Interesse der Bundeskanzlerin das „öffentliche Interesse“.

– Münchner Parallelslalom vor dem Aus? Der Parallelslalom am 1. Januar fand bislang fünfmal statt, besser nur zweimal, nämlich 2011 und 2013. Zum Jahresbeginn 2012, 2014 und 2015 fiel er wegen zu hoher Temperaturen aus (an Weihnachten 2012 hatte es 20,7 Grad plus). Die Versicherung kam für die drei Ausfälle auf (Gesamtetat rund 1,2 Millionen Euro): Nun fordert sie im Bereich der Schneeproduktion größere Sicherheiten. Wie das zu schaffen sein soll, sagt die Versicherung nicht. Auch mit zusätzlichen Schneekanonen oder noch mehr Depotschnee aus Reit im Winkl wird dieses Event im Klimawandel nicht zu bewältigen sein. Der CSU-Stadtrat Mario Schmidberger: „Der Ski-Weltcup wird nicht mehr stattfinden“ (Winter, Sebastian, Slalom im Olympiapark vor dem Aus, in sueddeutsche.de 17.9.2015; Ski-Weltcup steht auf der Kippe, in SZ 17.9.2015; Bovensiepen, Nina, Echter Wagemut geht anders, in SZ 18.9.2015). 

– Parallelslalom parallel zum Skispringen. Nun soll der Parallelslalom am 1.1. nach Garmisch-Partenkirchen: Kurz davor findet dort das Skispringen der Vier-Schanzen-Tournee statt – bzw. Sponsor Audi (DSV-Skifahren) gegen Sponsor Subaru (Skispringen).

Eliteschulen des Sports doch keine Elite? 43 Eliteschulen des Sports gibt es derzeit in Deutschland, dazu 100 Partnerschulen; 11.500 junge Sportler werden gefördert. „Aber, sagt Arne Güllich, Professor für Sportwissenschaft an der Uni Kaiserslautern, die Eliteschulen sind nicht effektiver als normale“ (Brandau, Bastian, Teuer und ineffizient, in deutschlandfunk.de 27.9.2015). Erfolgreiche Spitzensportler würden erst relativ spät in die Spitzenförderung übernommen – späte Quereinsteiger seien überrepräsentiert. Trotz der gewaltigen Kosten lautet Güllichs Fazit, „dass die Absolventen der Eliteschulen des Sports sich im sportlichen Erfolg nicht unterscheiden von denjenigen von Regelschulen, dass sie aber Beeinträchtigungen in den Abschlüssen beziehungsweise in den nachschulischen Bildungslaufbahnen haben“ (Ebenda). Warum betreibt man diese anscheinend ineffiziente Sport-Sonderschulen dennoch weiter? „Viele Menschen innerhalb des Systems Sport profitieren von den aktuellen Fördermechanismen“ (Ebenda).

————————————————–
IV: Chancenlose Bewerbung Hamburg 2024

Los Angeles bewirbt sich – neben derzeit Rom, Paris, Budapest und Hamburg – um Olympische Sommerspiele 2024 (siehe unter II). Dazu DOSB-Präsident Alfons Hörmann: „Wir tun gut daran, uns nicht täglich mit unseren Konkurrenten zu befassen“ (DPA, SID, 15:0 für L.A., in SZ 3.9.2015).
Sonst würde selbst den Hamburgern klar, wie aussichtslos die Bewerbung Hamburg 2024 ist.

– Die üblichen olympischen Verdächtigen. Der Aufsichtsrat der Bewerbung Hamburg 2024 besteht aus 14 altgedienten DOSB-Funktionären einschließlich des unvermeidlichen Michael Vesper. Dazu kommen diverse Vertreter der Bürgergesellschaft, da der DOSB immer versucht, möglichst viele Interessen abzudecken und einzubinden: z.B. Katja Karger, Vorsitzende DGB Hamburg; Sylvia Schenk von Transparency International (schwankt immer unentschieden zwischen Kritik am IOC und Mitmachen); Alexander Otto vom Otto Versand – hier eher interessant als Vertreter des Immobilienkonzerns ECE; Alexander Porschke, Grüne, NABU, Ex-Umweltsenator 1997 bis 2001; Hans-Jörg Schmidt-Trenz (Jahresgehalt rund 480.000 Euro), Hauptgeschäftsführer Handelskammer Hamburg, dem wichtigster Promoter für Hamburg 2024 (Seifert, Dirk, Die Olympische Bewerbungsgesellschaft hat (fast) einen Aufsichtsrat, in fairspielen.de 7.9.2015).

– Schanzenfest gegen Hamburg 2024. „Das Stadtteilfest stand in diesem Jahr im Zeichen der Proteste gegen Olympische Spiele in Hamburg. Das Motto der Feier lautete: ‚No 2024 – Antiolympia goes Schanzenfest'“ (Schanzenfest: Protest gegen Olympiapläne, in ndr.de 7.9.2015).

– Endgültige Beratende Äußerung des Rechnungshofes. Gegenüber dem Entwurf „Olympische und Paralympische Spiele in Hamburg – Beratende Äußerung“ vom 17.7.2015 wurde die endgültige Fassung vom 8.9.2015 an einigen Stellen entschärft (zum Text: hier). Einige Beispiele: S. 5, 17.7.: Rahmenbedingungen „stehen in einem erkennbaren Widerstreit“; 8.9.: „müssen in Einklang gebracht werden“. 17.7.: „nicht einmal erste nach DIN 270 definierte Kostenrahmen…“; 8.8.: „überwiegend keine nach DIN 276 definierte…“. S. 6: 17.7.: „… insbesondere im Hinblick auf die Übernahme unbeschränkter Gewährleistung durch die Freie und Hansestadt Hamburg“; 8.9.: fehlt. 17.7., S: 20: „Entscheidung mit erheblichen Risiken behaftet“; 8.9., S. 16: „Entscheidung noch mit erheblichen Risiken behaftet“. Dazu steht bei 8.9., S. 41f eine „Stellungnahme der Verwaltung“, die entsprechend gesundbetet. Beispiel: „Die Verwaltung ist weiter der Auffassung, dass der Gastgeberstadtvertrag für die Spiele 20224 auch hinsichtlich der Verteilung von Haftungsrisiken ein im allgemeinen Rechtsverkehr nicht unüblicher Vertrag sein werde. Um gleiche Bedingungen für die Bieter zu schaffen, sei der Vertragstext für alle Bewerber gleich.“
Alle Bewerber erhalten den gleichen IOC-Knebelvertrag.

– Ruder-WM 2019: Millionenstadt Hamburg verliert gegen 4514 Einwohner. Sport-Innensenator Michael Neumann war extra zur Vergabe der Ruder-WM 2019 nach Chambéry gereist – vergebens. Gewählt wurde Ottensheim bei Linz (Hamburg scheitert mit Bewerbung um Ruder-WM 2019 an Linz, in welt.de 7.92015). Der Weltruderverband Fisa hatte Ottensheim selbst vorgeschlagen. Aus einem ironischen Kommentar von Friedhard Teuffel im Berliner Tagesspiegel: „Es war aber auch wirklich eine äußerst knappe, eine unglückliche Niederlage mit 30 zu 128 Stimmen. (…) Es wäre nun wirklich unfair, daran zu erinnern, dass Hamburg schon die Schwimm-WM 2013 nicht ausrichten konnte und die Universiade 2015 zurückgeben musste“ (Teuffel, Friedhard, Wie Hamburg gegen die Weltmetropole Ottensheim verlor, in tagesspiegel.de 8.9.2015).
Ein Omen für Hamburg 2024?

– NaturFreunde gegen Hamburg 2024. Die Hamburger NaturFreunde haben sich gegen Hamburg 2024 ausgesprochen, genauso wie vorher die Berliner NaturFreunde gegen Berlin 2024. Der Bundesfachbereich der NaturFreunde hat am 13.9.2015 mit großer Mehrheit beschlossen, die Hamburger NaturFreunde in ihrer Ablehnung zu unterstützen.

– Kleiner Grasbrook: Filetstück für Investoren. „Wer hier steht und schaut, bekommt ziemlich viel von dem geliefert, was die Hansestadt atmosphärisch ausmacht. Wer hier steht, bekommt eine beeindruckende Vorstellung davon, dass das, was so schnöde ‚Kleiner Grasbrook‘ heißt, ein Filetstück ist, nach dem sich Investoren, Stadtplaner und Wohnungsbauer die Finger lecken müssten. Auf dieser 45 Hektar großen Elbinsel mit dem atemraubenden Blick soll in neun Jahren das olympische Herz Hamburgs schlagen. Vorn, an der Spitze, ist die Olympiahalle für Turnen und Basketball geplant. Etwas versetzt nach hinten soll die Olympia-Schwimmhalle stehen. Und im Kern dieses spitz zur Elbe hin zulaufenden Areals soll das Olympiastadion gebaut werden; davor, von Süden aus geschaut, das Olympische Dorf. (…) Sollte Hamburg im Herbst 2017 in Lima den Zuschlag für die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele bekommen, wäre der Zeitplan sehr eng. Für die Umsiedlung der Hafenbetriebe und den Neubau des olympischen Kernstückes blieben nur sieben Jahre. Was das alles kosten wird? Weder Politik noch Stadtplaner wollen dazu vor dem Referendum am 29. November konkret werden“ (Heike, Frank, Wo das olympische Herz schlagen soll, in faz.net 14.9.2015).
Zur Erinnerung aus der August-Chronologie – Bernhard Schwank, DOSB, Chef der Bewerbung Hamburg 2024, warb auf der IOC-Session in Kuala Lumpur für Hamburg 2024: “Die Faszination, dass eine Stadt ihr bestes Stück Land, das es hat, für die Spiele anbietet, ist ein starkes Statement” (Schirmer, Andreas, Hamburgs Streben nach mehr Bekanntheit, in welt.de 3.8.2015).

– Von Nebelmaschinen und falschen Rechnungen. Ulf Treger schreibt über Hamburg 2024: „Die olympischen Spiele funktionieren also, trotz des Attraktivitätsverlustes, als eine gut geölte Umverteilung von der öffentlichen in die private Hand. Das erklärt auch das Engagement der Hamburger Wirtschaft, vom großen Immobilienkonzern ECE bis hin zu den Betreiber_innen kleinerer Touristenattraktionen. (…) Die andere, zweite Sicht der Dinge, bestehend aus soliden Fakten und schmerzhaften Nebenwirkungen, wird sich erst im Nachgang des Referendums zeigen. Wenn dann die Nebelmaschinen abgestellt sind, werden sich durch den löchrig gewordenen, wolkigen Haufen aus freundlichen Pastellfarben und geschönten Zahlen zaghaft die ersten hässlichen Vorboten einer zweiten Realität schieben. Einen Ausblick darauf gibt der Sportökonom Wolfgang Maennig, der – als Olympia-Befürworter – das finanzielle Risiko einräumt und mit Blick auf die gesetzliche Schuldenbremse feststellt, dass die Kosten nur durch Umschichtungen im städtischen Etat aufgebracht werden können. Konkret könnte der Versuch, Hamburg auf die globale Karte zu bringen, bittere Konsequenzen für die Bevölkerung haben: Ein Olympiastadion gegen zehn Freibäder, ein olympisches Dorf gegen 10.000 Sozialwohnungen, ein riesiger Sicherheitsapparat zum Schutz der Spiele gegen Investitionen in Daseinsfürsorge, Bildung und Kultur“ (Treger, Ulf, The Game of the Games, in www.akweb.de 15.9.2015).

– „Around The Rings“: Hamburg auf Platz IV. Nach Ed Hula, dem Gründer und Chefredakteur von „Around The Rings“, wird Hamburg unter den fünf Bewerberstädten für 2024 auf Platz vier landen. „Es wird vielleicht eine leistungsfähige und starke Bewerbung im logistischen Bereich. Aber Hamburg wird Probleme haben, die Aufmerksamkeit und Anerkennung zu finden wie Paris oder LA“ (Kreuzer, Heinz Peter, Hamburg muss sich hinten anstellen, in deutschlandfunk.de 15.9.2015).

– Über 10.000 Hamburger unterschrieben? Für das Referendum am 29.11.2015 wird die Bürgerschaft und der Senat jeweils auf acht Seiten die Bewerbung Hamburg 2024 empfehlen. „Eine weitere Stellungnahme muss abgedruckt werden, wenn sich in der Zeit vom 27. August bis zum 16. September 2015 mindestens 10.000 wahlberechtigte Unterstützer finden“ (Gegner sammeln mehr als 10.000 Unterschriften, in spiegelonline 17.9.2015). Die Stellungnahme „Argumente für ein Nein zu Olympia“ wurde bis 7.9.2015 schon von über 4.000 Bürgern unterschrieben. „Auch eine Reihe von Mitarbeiter_innen von Hamburger Behörden, die sich über ihre Vereinnahmung für Olympia durch die Zwangswerbung in den Signaturen ihrer Emails ärgerten, kündigten die Unterstützung der Unterschriftenkampagne an“ (PM neinzuolympia.de 8.9.2015). Am Stichtag 16.9.2015 hatten dann 10.240 HamburgerInnen unterschrieben. Dazu Emma Hansen, Landessprecherin der Grünen Jugend: „Die in der Stellungnahme dargelegten Argumente für ein Nein zu Olympia sind so überzeugend, dass sich der Kreis derjenigen, die sich an der Unterschriftensammlung beteiligten, sehr schnell vergrößerte“ (PM Geschafft! – Mehr als 10.000 Unterschriften für „Argumente für ein NEIN zu Olympia“, in neinzuolympia.de 17.9.2015). – Florian Muhl, Die Linke: „Unsere Stellungnahme formuliert den Anspruch, sich statt der Ablenkung und falschen Prioritätensetzung durch die Olympia-Diskussion mit den wirklichen Problemen dieser Stadt zu beschäftigen“ (Ebenda). Artur Brückmann, AStA Hamburg: „Mit der Veröffentlichung des aktuellen IOC-Gastgeber-Vertrags hat sich unsere grundsätzliche Kritik bestätigt. Der Knebelvertrag enthält weiterhin alle wesentlichen Kritikpunkte wie den kompletten Haftungsausschluss durch das IOC, die Einschränkung von Versammlungsrecht oder die Steuer- und Zollbefreiung für das IOC“ (Ebenda). Der Hamburger Senat prüfte dann bis 6.10., ob die Unterschriften gültig sind.

– Nur 7.674 gültige Stimmen. Eine Nachzählung durch das Hamburger Landeswahlamt ergab am 25.9.2015, dass nur 7.674 gültige Unterschriften übrig blieben – viele Unterzeichner waren in Hamburg nicht wahlberechtigt. Die Welt monierte die Konkurrenz der diversen Gruppen vom Netzwerk „NOlympia Hamburg“ über „Nein zu Olympia“ bis „Stop Olympia“ und dem Verein „Mehr Demokratie“ (Woldin, Philipp, Zu viele konkurrierende Initiativen gegen Olympia? in welt.de 25.9.2015).
Die Frist von drei Wochen, um über 10.000 gültige Stimmen zu sammeln, war zu kurz und von der Pro-Seite sicherlich absichtlich so gewählt.

– „Neuer“ Host City Contract (HCC) für Hamburg. Philipp Woldin stellte dazu in welt.de fest: „Der Verwaltungsrechtler Gerrit Manssen nannte den Münchner Vertrag in einem Rechtsgutachten einen ‚Knebelvertrag‘ und Teile davon ’sittenwidrig‘, der Vertrag verlagere alle Risiken auf die Städte. Nun soll vieles anders werden (Woldin, Philipp, Diese harten Forderungen müsste Hamburg umsetzen, in welt.de 16.9.2015). Woldin erwähnt die Analyse des Landesrechnungshofes und die Frage: „Wer haftet für den ganzen Spaß? Die Antwort: Die Stadt, der DOSB und das lokale Organisationskomitee bleiben weiter für alle Verpflichtungen und Garantien aus dem Gastgebervertrag haftbar (I,§4), das IOC taucht nicht auf. Der Passus gleicht dem Münchner Vertrag“ (Ebenda). Die Gastgeberstadt übernimmt weiter die unbeschränkte Gewährleistung. Die Zuwendungen des IOC an die Austragungsstadt werden nicht genau definiert. Auch die Einladungen müssen vom IOC genehmigt werden: „Will Olaf Scholz im Jahr 2024 Hillary Clinton einladen, muss er sich das von IOC-Funktionären absegnen lassen“ (Ebenda). Der Luftraum muss werbefrei sein, die Steuerbefreiung muss gewährt werden. „Das IOC nennt das zentrale Dokument ‚Prinzipien des Host City Vertrags‘ – liegt hier doch nur ein erster Entwurf und kein endgültiger Vertrag vor?“ (Ebenda). Dazu muss der Ausrichter die modernste Technik  garantieren, ein Olympisches Dorf mit 16.000 Menschen und einen Speisesaal von 11.000 Quadratmetern erstellen (Kern, Oliver, Olympia unter Kontrollzwang, in neues-deutschland.de 18.9.2015). Zum Hamburger Referendum am 29.11.2015 hatte der Landesrechnungshof ja bereits festgestellt, dass die tatsächlichen Kosten nicht realistisch abgeschätzt werden können. Und auch ein endgültiger HCC ist noch nicht bekannt: „Die Bürger wissen bei der Abstimmung gar nicht, was exakt bei einem Zuschlag im Vertrag stehen würde… Eine aktualisierte und damit endgültige Fassung gibt es erst nach den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro“ (Aumüller, Johannes, Trügerische Transparenz, in SZ 17.9.2015).

– Moldauhafen in den Kuhwerder-Hafen. Der tschechische Verkehrsminister Dan Tok war am 21.9.2015 bei Olaf Scholz zu Besuch, der ihm die Verlegung des Moldauhafens in den Kuhwerder-Hafen vorschlug. Der Moldau-Hafen wäre bis 2028 in tschechischer Verfügung; im Fall der Verlegung wurde eine weitere Pachtverlängerung von 50 Jahren über 2028 hinaus versprochen. Über die (sicherlich sehr hohen) Kosten wurde nichts bekannt (Witte, Julia gen. Vedder, Hafenverlegung für Olympia-Pläne, in welt.de 21.9.2015).

– Die Sportausschuss-Reihen fest geschlossen. Am 22.9.2015 tagten die Mitglieder des Sportausschusses des Deutschen Bundestages in Hamburg. Die anwesenden Mitglieder erklärten: „Die Mitglieder des Sportausschusses stehen hinter der Bewerbung Hamburgs um die Ausrichtung der Olympischen und Paralympischen Spiele 2024. Die Kandidatur ist eine gesamtdeutsche Aufgabe und große Chance für die Entwicklung des Sports in Deutschland“ (Sportausschuss in Hamburg: Unterstützung für Olympiabewerbung 2024 der Hansestadt, in bundestag.de 22.9.2015).

– Drei Monate deutscher Dauerjubel? Zum (äußerst unwahrscheinlichen) gleichzeitigen Ausrichten der Fußball-EM 2024 und Olympischer Sommerspiele 2024 schrieb Johannes Aumann in sueddeutsche.de: „Die Bundesregierung müsste binnen kürzester Zeit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und Europas Fußballunion (Uefa) Steuerbefreiung und andere Fragwürdigkeiten zugestehen. Auf Kosten des Steuerzahlers müssten viele Milliarden Euro her, um Hamburgs Infrastruktur auf Trab zu bringen, und dann noch einmal viel Geld, um Fußball-Arenen zu modernisieren. Im Sommer 2024 ergäben sich für fast drei Monate am Stück immens steigende Sicherheitsvorkehrungen mitsamt immens steigender Kosten. (…) Die Menschen können sich für ein paar Wochen an einem Ereignis berauschen, sei es Fußball, sei es Olympia. Aber eine dreimonatige schwarz-rot-goldene Dauer-Jubelei ist weder vorstellbar noch wünschenswert. Die Großveranstaltungen würden sich gegenseitig entwerten, wobei den Fußball diese Entwertung weniger beträfe als Olympia“ (Aumüller, Johannes, Sportlicher Stillstand, in sueddeutsche.de 22.9.2015).

– Teurer Hafen-Umzug. Der Umzug der rund tausend Arbeitsplätze vom Kleinen Grasbrook – wohin eigentlich? – kostet laut Gunther Bonz, Präsident des Unternehmensverbandes Hafen Hamburg, bis zu 1,5 Milliarden Euro (Hafenwirtschaft warnt vor teurem Olympia-Umzug, in ndr.de 23.8.2015). Früher war schon in internen Papieren die Summe von sechs bis sieben Milliarden Euro genannt worden. Zur Erinnerung zitierte Bonz im September 2014 aus einem internen Papier: „Es ist aus den damit befassten Dienststellen zu hören, dass die Verlagerung der Flächen zwischen fünf und sieben Milliarden Euro kosten wird“ (Goy, Martina, „Olympia darf nicht schaden“, in Welt am Sonntag 28.9.2014; Hervorhebung WZ).

– „It’s Your Choice“-Tour diesmal mit den Alten. An Hamburger Schulen wird im Herbst vor dem Referendum am 29.11.2015 eine „It’s your Choice“-Tour durchgeführt, diesmal aber – nicht wie üblich – ohne Parteijugend. Kommentar von Yannick Wehr, Sprecher Grüne Jugend Hamburg: „Das jetzige Konzept ist eine Beschränkung der Meinungsfreiheit. Unangenehme Positionen der Jugendorganisationen, insbesondere der Grünen Jugend Hamburg, sollen nicht zu Wort kommen“ (PM Grüne Jugend Hamburg, gruenejugendhamburg.de 26.9.2015). Kommentar von Emma Hansen, Sprecherin Grüne Jugend Hamburg: „Podiumsdiskussionen mit dem Ziel, junge Menschen für Politik zu interessieren funktionieren am besten mit jungen Politiker_innen. Eine unangenehme Position dieser ist absolut kein Grund dieses Ziel über Bord zu werfen“ (Ebenda).

– 50.000 Euro von ECE/Otto. Der unermüdliche Hamburg-2024-Trommler und Immobilienentwickler Alexander Otto (ECE-Konzern) stellte seiner „Feuer-und-Flamme“-Initiative 50.000 Euro für sechs Kunstprojekte zur Verfügung. Eine Anzahl Hamburger Kulturschaffender waren der Einladung gefolgt (Woldin, Philipp, Kulturelle, nachhaltige Spiele? in welt.de 5.10.2015). Im Altonaer Museum hatten 15 von ihnen ganze 90 Sekunden Zeit, um ihr Projekt zu präsentieren (Engler, Katja, Ein Fest der Ideen für Olympia in Hamburg, in abendblatt.de 30.9.2015)..
Dabei sein ist wichtiger als siegen – in 90 Sekunden.

– Deutsche Olympia-„Begeisterung“ wird dem IOC nicht reichen. „Die Begeisterung für Olympische Spiele im eigenen Land hält sich in der deutschen Bevölkerung in Grenzen. Im Rahmen einer Studie des Camp Beckenbauer (einem Treffen von Sportlobbyisten und -funktionäre bei Kitzbühel) gaben nur 43 Prozent der Befragten an, die Ausrichtung des Großereignisses zu befürworten. 28 Prozent sahen sich als Gegner der olympischen Spiele, 29 Prozent waren unentschlossen“ (Studie: Deutsche Olympia-Begeisterung im Vergleich schwach, in zeit.de 30.9.2015). Damit liegt Deutschland bei befragten elf europäischen Ländern und den USA nur auf Platz Zehn.

– Die Linke: Landesrechnungshof ernst nehmen. Der Landesrechnungshof hatte gewarnt, dass bis zum Referendum am 29.11.2015 keine realistische Kostenaufstellung für Hamburg 20254 vorliegen werde. Die versprochenen belastbaren Kostenaufstellungen über die zu investierenden Milliarden Euro sollten bis Ende September 2015 vorliegen. Norbert Hackbusch, haushaltspolitischer Sprecher von Die Linke: „Jetzt soll es irgendwann im Oktober sein. Es bleibt dabei: Der Landesrechnungshof hat recht!“ ( PM Olympia: Warnung des Rechnungshofs lässt sich nicht wegreden! www.linksfraktion-hamburg.de 30.9.2015).

—————————————————
V: Allgemeine Nachrichten

– BASF verkauft deutsche Gas-Infrastruktur doch an Gazprom. BASF und Gazprom hatten den Deal bereits im Dezember 2013 vereinbart – dann kam die Krim-Annektion und der russische Krieg in der Ostukraine. Das Geschäft wurde gestoppt. Anscheinend sind die Spannungen nun im September 2015 mit Russland beseitigt (?!): Das gesamte Gashandels- und Gasspeichergeschäft geht bis Ende 2015 an Gazprom – mit wirtschaftlicher Rückwirkung zum 1.4.2013. “Die hundertprozentige BASF-Tochter Wintershall erhält demnach den wirtschaftlichen Gegenwert von 25 Prozent plus einen Anteil an zwei Blöcken eines Erdgasfelds in Westsibirien, die gemeinsam von beiden Unternehmen erschlossen werden sollen. (…) Im Gegenzug überträgt Wintershall ihre Beteiligung an dem bisher gemeinsam betriebenen Erdgashandels- und Speichergeschäft an den langjährigen Partner Gazprom” (BASF und Gazprom besiegeln Milliarden-Deal, in spiegelonline 4.9.2025). D.h. der 50-Prozent-Anteil an den Erdgas-Handelsgesellschaften Wingas und dem Wintershall Erdgashandelshaus Berlin (WIEH), die Anteile an der Speichergesellschaft Astora sowie an den deutschen Erdgasspeichern in Rehden und Jemgum geht an Gazprom.
Damit geht fast die gesamte deutsche Gas-Infrastruktur bis in zu den Erdgas-Speichern an Putins Gazprom. Damit ist der deutsche Erdgasmarkt – trotz der Russland-Sanktionen und vermutlich mit Rückendeckung der deutschen Politik – an Gazprom verkauft worden: angesichts der aggressiven russischen Politik ein unverständlicher Vorgang. Die deutsche Erdgas-Infrastruktur gehört nun Putin-Russland, während die BASF sich auf ein fragwürdiges Geschäft zur Erdgasausbeutung in Sibirien eingelassen hat – und dort, wie vor einiger Zeit der BP-Konzern, jederzeit hinauskomplimentiert werden kann.
“Außerdem wird sich Gazprom zu 50 Prozent an der Wintershall Nordzee beteiligen, die in der südlichen Nordsee vor den niederländischen, britischen und dänischen Küsten Erdöl und Erdgas sucht und fördert. Ihre Zusammenarbeit beim Transport von Erdgas wollen beide Unternehmen fortsetzen” (Ebenda). Gleichzeitig wurde die Verdoppelung der Nord Stream-Pipeline durch die Ostsee auf vier Röhren beschlossen: Dem Konsortium gehören Gazprom, Eon, Wintershall, OMV, ENGIE und Royal Dutch Shell an (BASF macht Milliardendeal trotz Russland-Sanktionen, in manager-magazin.de 4.9.2015). – „Bei BASF geht es um Aktivitäten, die 2014 auf gut zwölf Milliarden Euro Umsatz kamen. Die Bundesregierung signalisierte Zustimmung. Das schon einmal geprüfte Geschäft wird nicht erneut unter die Lupe genommen. (…) Nach Angaben aus Kreisen der Unternehmen sorgte vor allem die neuerliche Annäherung im Pipelinegeschäft dafür, dass der geplatzte Milliardentausch doch noch vollzogen wird“ (Balser, Markus, Warme Worte im Permafrost, in SZ 5.9.2015).
Trotz der Aggressionen des Putin-Regimes – Krim-Annektierung, Krieg in der Ostukraine etc. -, geht der Gazprom-Deal ungeniert und ungeprüft über die Bühne. Gazprom und Putin-Russland scheinen also von den EU-Sanktionen völlig unberührt zu sein und betreiben ihr Gas-Business as usual.
Vergleiche auch im Kritischen Olympischen Lexikon: Gazprom-Chronik – Was ein Gaskonzern und Sport, Oligarchen und Putin miteinander zu tun haben. Gazprom-Chronik (1) bis 31.12.2012: hier; Gazprom-Chronik (2) 1/2013 – 8/2014: hier; Gazprom-Chronik (3) ab 9/2014: hier; Gazprom-Chronik (4) ab 11/2014: hier

– Kasachstan-Sport. Diktator Nursultan Nasarbajew bemüht sich ähnlich intensiv um internationale Sportgeschehen wie sein aserbaidschanischer Diktatorenkollege Ilham Aliyev. nach der (gegen Peking gescheiterten) Bewerbung um Olympische Winterspiele 2022 spielt der FK Astana in der Gruppenphase der Champions League. Der FK Astana ist Nasarbajews Vorzeigeprojekt. „Nasarbajew selbst habe den Auftrag gegeben, ‚einen Klub zu schaffen, der in der Lage wäre, an der Gruppenphase eines europäischen Wettbewerbs teilzunehmen‘, sagte kürzlich Generaldirektor Kajsar Bekenow. Farben und Schriftzug des Vereinslogos von FK Astana erinnern nicht zufällig an Farbe und Schriftzug der Radler-Truppe – und Kasachstans Nationalflagge. (…) Ein knappes Dutzend Sportarten versammelt sie unter ihrem Dach, finanziert vor allem von der Staatsholding Samruk-Kazyna, der die Milliardenanteile des Staates an den Energiefirmen kontrolliert“ (Aumüller, Johannes, Wie die Radler, in SZ 15.9.2015).

– Spitzensport nicht mehr fördern? In einem Schweizer Buch wird das Leiden der Turnerin Arielle Kaeslin vorgestellt. Sie arbeitet inzwischen als Trainerin und gibt den selben Druck an ihre Jungturnerinnen weiter. In der NZZ fordert deshalb Mikael Krogerus in einer Kolumne die Einstellung der Sportförderung in der Schweiz: „Wozu überhaupt Leistungssport? Weshalb diese fanatische Jugendsichtung, warum solch zerstörerische Frühförderung, wieso diese Überidentifikation – alles für ein paar Medaillen? Die letzte Konsequenz daraus ist radikal: Wir sollten uns von der Spitzensportförderung verabschieden. Ich rede hier nicht von einem Ende der Breitensportförderung. Gott bewahre! Sport ist ein wichtiger sozialer und kultureller Bestandteil unserer Gesellschaft. Ich frage nur: Wäre es nicht ein interessantes Signal, wenn die Schweiz per sofort die Spitzenförderung einstellte? Und wäre es nicht ein wunderbares Ziel, 2020 an sämtlichen Weltmeisterschaften und in allen Sportdisziplinen medaillenfrei zu bleiben?“ (Krogerus, Mikael, Schliesst Magglingen! in nzz.ch 22.9.2015).

– Ecclestone-TV. Beim Formel-1-Rennen in Japan im September  2015 führte der Gewinner Lewis Hamilton über weite Strecken – und war ziemlich allein unterwegs. Die TV-Regie zeigte fast nur das Mittelfeld. Die TV-Regie liegt bei FOM, Formula One Management Ltd., die wiederum zur Formula One Group gehört, die wiederum für die Werbung und kommerzielle Verwertung der Formel 1 verantwortlich ist – und unter maßgeblichem Einfluss von Bernie Ecclestone steht (Wikipedia, Formula One Group). – „Alle Live-Bilder vom Rennverlauf werden von einer Firma produziert, an deren Spitze Bernie Ecclestone steht, der Vermarkter der ganzen Rennserie. Ecclestone ist machtbewusst und trickreich. Die  Vermutung, dass er die TV-Regie nutzen könnte, um diejenigen zu ärgern, die ihn geärgert haben, liegt deshalb nahe“ (Hofmann, René, Die Falschen an den Knöpfen. in SZ 28.9.2015). Der Grund für Hamiltons Nicht-TV-Präsenz: Sein Rennstall Mercedes weigerte sich, Red Bull und Toro Rosso Motoren zur Verfügung zu stellen. Deren Ausstieg aus der Formel 1 wird dadurch wahrscheinlicher (Sturm, Karin, Alles wie immer – nur die TV-Bilder nicht, in spiegelonline 27.9.2015).

Coca-Cola: Die Fifa unter den Sponsoren. Der Süßgetränke-Konzern Coca-Cola hat in den letzten fünf Jahren fast 120 Millionen Dollar ausgegeben, um für akademische Gesundheitsforschung, in Partnerschaften mit Medizinergruppen und Fitnessprogrammen von Gemeinschaften die Diskussion um die epidemische Fettsucht zu entschärfen. Hunderte Zuschüsse wurden an diverse Organisationen gezahlt. So erhielten das American College of Cardiology 3,1 Millionen Dollar, die American Academy of Family Physicians über 3,5 Millionen Dollar, die American Academy of Pediatrics fast 3 Millionen Dollar, die American Cancer Society 2 Millionen Dollar und die Academy of Nutrition and Dietetics etwa 1,7 Millionen Dollar (O’Connor, Anahad, Coke Discloses Millions in Grants for Health Research and Community Programs, in nytimes.com 22.9.2015).
Vergleiche auch: Coca Cola

—————————————————

VI: Aktuelle Sportsplitter von Fifa, Uefa, DFB etc.

– Bemerkenswertes Interview mit einem Fußball-Lobbyisten. In der SZ gab der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, u. a. folgendes von sich: „… ab der Saison 2016/217 werden die Engländer aus Fernsehgeldern 2,3 Milliarden jährlich einnehmen – das ist exorbitant, verglichen mit den aktuell 500 Millionen in Deutschland. (…) Es gibt drei große Einnahmequellen für die Klubs. Bei Sponsoring und Merchandising behaupte ich, dass der FC Bayern nicht schlechter ist als Manchester United, Manchester City oder der FC Chelsea. Aber die dritte Säule ist eben das Fernsehgeld. Und da werden die Engländer nächste Saison etwa fünfmal so viel einnehmen wie die Bundesliga“ (Hoeltzenbein, Klaus, Kneer, Christoph, „Rahmt es euch ein!“ in SZ 4.9.2015; Hervorhebung WZ). Daraus folgert Rummenigge: „Die Bundesliga muss beim neuen Fernsehvertrag auf wesentlich bessere Zahlen kommen als aktuell“ (Ebenda). Laut Rummenigge zahlen englische Topklubs schon bis zu einer Million für 14-, 15-Jährige. Zur Zahlungsbereitschaft der Öffentlich-Rechtlichen Sportsender angesichts von z. B. Discovery Communications (hat gerade die olympischen Rechte gekauft), meinte Rummenigge: „Die ARD hat es sich ja erlaubt, die Qualifikationsspiele der Nationalmannschaft und die olympischen Rechte zu verlieren – ich kann mir nicht vorstellen, dass sie auch noch die Sportschau verlieren wollen. (…) Nach dem Verlust von Nationalelf und Olympia hat die ARD doch Gelder frei“ (Ebenda).

– Noch dichtere Bebauung für 20 Millionen Euro mehr
In Frankfurt soll die historische Galopprennbahn einer „DFB-Akademie“ weichen – vgl. DFB gegen Galopprennbahn. Nun soll alles noch dichter bebaut werden: Eine zusätzliche Fußballhalle und mehr Platz für die Verwaltung kosten statt 89 Millionen Euro nun 109 Millionen Euro. Damit soll die Galopprennbahn noch dichter zugebaut werden (DFB-Akademie wird 20 Millionen Euro teurer, in spiegelonline 11.9.2015).
Da die DFB-Akademie ein Hochsicherheitstrakt wird, müssen die Frankfurter leider draußen bleiben. Und Frankfurt hat eine große Grünanlage weniger…

– Schweiz: „Lex Fifa“ verabschiedet. Privatkorruption wird ab sofort in der Schweiz als Offizialdelikt strafbar: Der Ständerat brachte das Gesetz am 10.9.2015 ein. „Bisher konnte die Justiz nur auf Antrag gegen solche Delikte vorgehen, was praktisch nie vorkam. Zudem war die Privatkorruption im Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb geregelt. Mit der Aufnahme ins Strafgesetzbuch kann private Bestechung neu auch verfolgt werden, wenn keine Wettbewerbssituation vorliegt“ (Häfliger, Markus, „Lex Fifa“ unter Dach und Fach, in nzz.ch 10.9.2015).

– Kronzeuge muss zehn Millionen Dollar hinterlegen. Ex-Fifa-Vizepräsident und Banker Jeffrey Webb trägt seit seiner Auslieferung von der Schweiz nach New York eine elektronische Fußfessel, musste seine Pässe abgeben und darf sich nicht weiter als 20 Meilen von der Staatsanwaltschaft des östlichen Distrikts entfernen. Er wird von einem Sicherheitsdienst begleitet, der alle Details an das FBI berichtet. „Die Kosten seiner Dauerobservation muss Webb selbst bezahlen“ (Wulzinger, Michael, In der Holzklasse, in Der Spiegel 38/12.9.2015). Für die zehn Millionen Dollar Kaution musste Webb vier Immobilien, elf Luxusuhren und einen Mercedes hinterlegen; da dies nicht ausreichte, musste seine Frau zwei Luxusauto und Schmuck beisteuern (Ebenda). Die anderen sechs in Zürich Verhafteten weigern sich nach wie vor, sich in die USA ausliefern zu lassen – fragt sich, wie lange noch. „Die Beweislast der US-Behörden scheint erdrückend, sie beruht vor allem auf den Ermittlungsverfahren der New Yorker Staatsanwaltschaft gegen vier mutmaßliche Mitverschwörer, die bereits umfassende Geständnisse abgelegt haben“ (Ebenda).

– Blatter-Dämmerung. Sepp Blatter bleibt nach wie vor aus Angst vor einer Auslieferung an die USA in der Schweiz – nur zu Freund Putin hat er sich zu einem Fußball-WM-2018-Termin getraut. Blatter „verschanzt sich in der Schweiz, beobachtet die Lage und muss mit ansehen, wie es allmählich still wird um ihn. Seit Blatter Fifa-Präsident ist, wird alljährlich in seinem Heimatort Ulrichen das Sepp-Blatter-Fußballturnier ausgetragen. Früher flogen Prominente wie Franz Beckenbauer mit dem Hubschrauber im Wallis ein. In diesem Jahr kam keiner mehr, der Rang und Namen hat“ (Wulzinger, Michael, In der Holzklasse, in Der Spiegel 38/12.9.2015). „Sicher kann sich Blatter wohl nur in zwei Ländern fühlen. In der Schweiz – und in Russland. Der Welt-Fußball-Präsident, obwohl bislang weder angeklagt noch verhört, sitzt offenbar im Gefängnis“ (Hecker, Anno, Blatter im Gefängnis, in faz.net 23.9.2015).

– Nächster Fifa-Kumpel vor Auslieferung? Dem ehemaligen Präsidenten des venezolanischen Fußballverbands, Rafael Esquivel, droht die Auslieferung in die USA. „Ein Antrag auf Überstellung sei bewilligt worden, teilte das Bundesamt für Justiz in Bern mit. Esquivel droht eine Gefängnisstrafe von bis zu 20 Jahren. Ihm wird vorgeworfen, beim Verkauf von Marketingrechten für die Copa America der Jahre 2007, 2015, 2016, 2019 und 2023 Bestechungsgelder in Millionenhöhe angenommen zu haben“ (DPA, Esquivel vor Auslieferung, in SZ 24.9.2015). Auch Eduardo Li aus Costa Rica soll in die USA ausgeliefert werden (Kistner, Thomas, Plötzlicher Befreiungsschlag, in SZ 30.9.2015).

Fifa ohne politische Unterstützung. Am 14.9.2015 hielt die US-Justizministerin Loretta Lynch mit dem Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber eine Medienkonferenz ab, um über den Stand der Ermittlungen zu informieren (Birrer, Peter B., Die Fifa-Reformen fallen nicht vom Himmel, in nzz.ch 5.9.2015). Sowohl die US-Justiz als auch Schweizer Behörden haben ihre Ermittlungen im Fifa-Korruptionsskandal ausgeweitet und 121 verdächtige Konten in Observierung (Kistner, Thomas, Bizarre Dumpingpreise, in SZ 15.9.2015).

– Ein alter Bekannter: Der ISL-Korruptionsskandal. Die amerikanischen Behörden kümmern sich laut SZ im Zug der Fifa-Ermittlungen auch um den ISL-Korruptionsskandal: Es geht um 142 Millionen Franken Schmiergelder. „Das Aufrollen der Vergangenheit bringt neue Qualität in die Ermittlung. Und eine brisante Stoßrichtung. Sie zielt auf die Verbandsspitze um Blatter. Die Schweizer Marketingfirma ISL vermarktete zwei Jahrzehnte lang exklusiv die Rechte von Fifa und anderen Sportverbänden, bis Mitte der Neunzigerjahre auch solche des IOC. Als sie 2001 bankrottging, flog auf, dass die ISL 142 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld an Funktionäre gezahlt hatte. ‚Die Korruption war das Geschäftsprinzip‘, erklärten ISL-Manager vor dem Strafgericht in Zug. Ein großer Batzen ging an Fußballfunktionäre, Millionen kassierten Blatters Amtsvorgänger Joao Havelange und sein Schwiegersohn Ricardo Teixeira. 2010 wurden die Ermittlungen nach Schweizer Strafrecht eingestellt – Voraussetzung war, dass die Beschuldigten die Vorwürfe akzeptieren und eine Wiedergutmachung zahlen. Die betrug insgesamt 5,5 Millionen Franken, allein 2,5 Millionen musste die Fifa zahlen. Denn sie war, obwohl Opfer eines Komplotts, im Zug der Ermittlungen in die Beschuldigtenrolle geraten. Ihre Spitzenkräfte hatten mit den Ermittlern nicht recht kooperiert. Auch nicht der Mann, der im Gerichtsdokument als ‚P1’ firmiert: Sepp Blatter, der Präsident“ (Kistner, Thomas, Ein unangenehmer Besuch, in SZ 12.9.2015).
Vergleiche auch: Fifa-Kongress Mai 2015 und Folgen

– „Ein Gruselkabinett von Dunkelmännern“. So ist der Artikel von Michael Ashelm in faz.net vom 16.9.2015 betitelt – er befasst sich u. a. mit der „Arbeitsgruppe Reformen“. Aber „in Wirklichkeit entwickelt sich ausgerechnet dieses Gremium in guter alter Fifa-Tradition mehr und mehr zu einem Gruselkabinett von Dunkelmännern. Jetzt sieht sich das Mitglied Gorka Villar mit weniger schönen Vorwürfen konfrontiert. Der Sohn des spanischen Fußballpräsidenten Angel Maria Villar, dieser ist übrigens Mitglied des Fifa-Vorstandes und ein ausgeprägter Reformgegner, soll Vereinsvertreter aus Uruguay erpresst haben.“ Vor einem Gericht wurde um Vermarktungsgelder beim südamerikanischen Vereinswettbewerb Copa Liberatores verhandelt. „Gorka Villar ist im Hauptberuf Generaldirektor der südamerikanischen Fußballkonföderation. Das ist jene ehrenvolle Vereinigung, aus der sich einige Funktionäre aktuell schweren Korruptionsvorwürfen der amerikanischen Justiz stellen müssen. Und in der Reformen-Arbeitsgruppe der Fifa sitzen sie nun alle beisammen: mutmaßliche Erpresser, erwiesene Manipulateure, erklärte Reformgegner, enge Freunde inzwischen lebenslang gesperrter Funktionäre und hilflose Schwafler. Währenddessen gehen Funktionäre, die jetzt aufstehen müssten, in Deckung“ (Ebenda). Und Ashelm stellt fest, dass Uefa-Präsident Michel Platini oder DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, statt Führungsverantwortung zu zeigen, in Deckung gehen.

Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke suspendiert. Das teilte die Fifa in einer dürren Dreizeilen-Pressemitteilung am 17.9.2015 mit. Er soll sich bei WM-Tickets bereichert haben. „So soll vor der WM 2006 in Deutschland ein Ticketagenturchef Geld von Mitarbeitern gefordert haben, um es an Blatter weiterzureichen. Überdies legten die JB-Vertreter einen Ticketingvertrag vor, den sie mit der Fifa für die WM-Turniere 2010 bis 2022 besiegelt hatten und in dessen Kontext Generalsekretär Valcke eine diskrete Gewinnbeteiligung zugesichert worden sein soll. Im Zuge dieser Geschäftsaktivitäten 2010 soll Valcke wiederholt angekündigt haben, dass Katar die WM 2022 fest zugesagt sei; drei direkte Zeugen bestätigen die Aussage“ (Kistner, Thomas, Fifa suspendiert Generalsekretär Valcke, in sueddeutsche.de 17.9.2015). Vorwürfe wurden auch von der Züricher Marketingagentur JB Sports Marketing erhoben: Die neu gegründete Agentur ISE erhielt 350.000 Ticketpakete für die WM 2006 für 350 Millionen Euro, erlöste damit 400 Millionen Euro und gab 110.000 Tickets einfach so zurück. Der Verbleib zehntausender Tickets für WM-Topspiele ist bis heute unklar. ISE-Präsident Haruyuki Takahashi forderte angeblich im August 2003 zwei Millionen Euro für eine persönliche Gratifikation für Fifa-Präsident Sepp Blatter. Takahashi sitzt im Vorstand des olympischen Organisationskomitees Tokio 2020 (Weinreich, Jens, Der Mann neben Blatter, in spiegelonline 18.9.2015). Bei einem Ticket-Deal für die WM 2010, 2014, 2018 und 2022 war der Verhandlungspartner Fifa-Generalsekretär Valcke persönlich. ISE-Mitarbeiter Benny Alon berichtete, nach der Unterschrift „habe ihm Valcke eröffnet, dass diese WM Katar schon zugesagt sei“ (Ebenda). – „Valcke ist als Generalsekretär die Nummer 2 der Organisation und daher sehr eng mit dem Präsidenten Joseph Blatter verbunden. Wenn einer wie er des Amtes enthoben wird, erschüttert das die ohnehin stark angeschlagene Institution in den Grundfesten“ (Wagner, Elmar, Noch stärkere Schockwellen, in nzz-ch 18.9.2015).

– „Vollumfängliche Kooperation“ der Fifa. „Der Fußball-Weltverband Fifa behindert Ermittlungen der Schweizer Bundesanwaltschaft im Zusammenhang mit der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 an Russland und Katar. Nach SPIEGEL-Informationen hat die Fifa die Versiegelung von Daten erwirkt, die die Ermittler im Hauptquartier der Organisation in Zürich sichergestellt hatten. (…) Die Fifa nutzt bei ihrem Vorgehen eine Vorschrift im Schweizer Strafprozessrecht, wonach die Auswertung von Material blockiert werden kann, bis ein Gericht die Offenlegung anordnet. (…) Die Fifa teilte auf Anfrage mit, sie kooperiere ‚vollumfänglich‘ mit den Ermittlern“ (Fifa behindert Schweizer Ermittler, in spiegelonline 18.9.2015).

– Kommt Jack Warner wieder davon? Der Generalstaatsanwalt in Trinidad & Tobago hat dem zuständigen Gericht den von den USA beantragten Auslieferungsantrag nicht fristgerecht zugestellt. Eventuell bekommt der frühere Fifa-Vizepräsident seinen Pass und 2,5 Millionen Dollar Kaution zurück – trotz erwiesenen Betrugs. Die zehn Millionen Dollar von Südafrika via Fifa (für die Warner-Stimmen der WM-Vergabe 2010) wurden für Warners „Joao Havelange Centre of Excellence“ investiert – auf einem Grundstück von Warner. Ein Untersuchungsbericht der Concacaf erwies den Diebstahl von Vermögenswerten – und interessiert die Fifa bis heute nicht. Blatter machte nach dem Rauswurf von Warner 2011 den Banker Jeffrey Webb (derzeit in den USA unter Anklage) zum neuen Concacaf-Präsidenten: Webb war in Warners Firma J&D International Limited Geschäftsführer. An ein Konto von J&D auf den Cayman Islands kam eine Überweisung aus Katar über 1,2 Millionen Dollar: Die Empfängerbank schickte die dubiose Überweisung nach Katar zurück. Das Geld erreichte Warner dann verspätet über Umwege (Kalwa, Jürgen, Die vielen Leben des Jack Warner, in deutschlandfunk.de 19.9.2015). Aber am 7.9.2015 wurde in Trinidad & Tobago gewählt. Der neue Premierminister Keith Rowley ließ einen neuen Generalstaatsanwalt einsetzen, der die Auslieferungspapiere neu prüfen will. Die von Warner gegründete Partei ILP kam nicht in das Parlament; er selbst verlor seinen Parlamentssitz. Damit wird Warners Auslieferung an die USA wahrscheinlicher (Jack warner concedes loss of seat in Trinidad and Tobago Parliament, in theguardian.com 19.9.2015; Fifa crisis: Jack Warner’s extradition to United States moves a step closer, in theguardian.com 21.9.2015).

– Sauberer Fußball? Eine im Auftrag der Uefa verfasste Langzeitstudie brachte etwas Licht in den „sauberen“ Fußball. Zwölf Anti-Doping-Labors ermittelten bei 4.195 anonymisierten Blutproben von 879 Spitzenfußballern aus den Jahren 2008 bis 2013 einen Anteil von 7,7 Prozent mit auffälligen Testosteron-Werten (Kistner, Thomas, Viel Testosteron im Spiel, in SZ 21.9.2015).

– Theo Zwanziger vor Gericht. Ex-DFB-Präsident Zwanziger nannte „Katar ein Krebsgeschwür des Weltfußballs“. Daraufhin verlangte die Qatar Football Association (QFA) von Zwanziger eine Unterlassungserklärung. Als Zwanziger sich weigerte, verklagte die Kanzlei von Peter Gauweiler (CSU) auf Verleumdung. Die Verhandlung ist auf den 2. Februar 2016 vor dem Landgericht Düsseldorf angesetzt. „Kritik übt Zwanziger in der Klageerwiderung vor allem am Uefa-Präsidenten Michel Platini und dem belgischen Fifa- und Uefa-Exekutivmitglied Michel d’Hooghe, deren Söhne Laurent und Pieter für katarische Firmen arbeiten. Das Verhalten von Platini, der am 2. Dezember 2010 für Katar gestimmt und sich wenige Tage zuvor in Paris mit Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und dem damaligen Emir Hamad getroffen hatte, in der Katar-Causa sei ‚verwerflich‘, heißt es. ‚Eine saubere und neutrale Entscheidung sei von Platini nicht zu erwarten gewesen. ‚Seine Stimme hätte annulliert werden müssen.‘ Michel d’Hooghe habe als Medizinchef der Fifa ebenfalls ‚in eklatanter Weise‘ seine Pflichten verletzt. ‚Ein Politiker müsste zurücktreten'“ (Weinreich, Jens, Zwanziger kontert Klage aus Katar, in spiegelonline 21.9.2015).

– Schweizer Strafverfahren gegen Sepp Blatter selbst. Die Bundesanwaltschaft der Schweiz eröffnete am 24.9.2015 ein Strafverfahren gegen Blatter „wegen des Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung (Art. 158 StGB) und – eventualiter – wegen Veruntreuung (Art. 138 StGB)“ (PM Schweizerische Eidgenossenschaft, Strafverfahren gegen Fifa-Präsident eröffnet, www.news.admin.ch 25.9.2015). Am 12.9.2005 schloss Blatter den für die Fifa ungünstigen Vertrag über die TV-Rechte mit Jack Warner ab. Blatter wird auch „eine treuwidrige Zahlung von CHF 2 Mio.“ (Ebenda) im Februar 2011 an Uefa-Präsident Michel Platini vorgeworfen – für Dienste zwischen Januar 1999 und Juni 2002. „Platini war damals aber ohnehin der bezahlte Berater Blatters“ (Kistner, Thomas, Sorgloser Präsident, in SZ 28.9.2015). Rückblende: Platini hatte 2007 den seriösen Uefa-Präsidenten Lennart Johannsson mit Blatters Hilfe aus dem Amt gedrängt. Blatters Zahlung über die zwei Millionen Franken an Platini erfolgte im Februar 2011. Beim Uefa-Kongress am 22.3.2011 forderte Platini die 53 Uefa-Mitglieder auf, Blatter und nicht seinen Gegenkandidaten Mohamed Bin Hammam zu wählen (Kistner, Thomas, Der Fall Max und Moritz, in SZ 28.9.2015).). – „Mark Pieth, gescheiterter Fifa-Reformer, verweist schon darauf, dass Platini nicht als Zeuge, sondern als ‚Auskunftsperson‘ geführt wird. Letztere, sagt der Basler Strafrechtler, könne jederzeit zum Beschuldigten werden“ (Ebenda).

– Platinis Märchenstunde. „Platini schob zu dem Geldtransfer am Dienstagabend eine weitere Erklärung nach. Wie die SZ aus Uefa-Kreisen erfuhr, habe er mit Blatter keinen Konsens über die Höhe seines Sportberater-Salärs in der Zeit von 1998 bis 2002 erzielen können. Der Fifa-Boss habe nicht mehr als anderen Spitzenhauptamtlichen zahlen wollen; eine endgültige Regelung sei per Gentlemen Agreement vertagt worden“ (Kistner, Thomas, Plötzlicher Befreiungsschlag, in SZ 30.9.2015). Platini habe dann die Sache ruhen lassen und erst wieder angegangen, als sich sein Verhältnis zu Blatter verschlechtert hätte. Thomas Kistner: „Fragen bleiben zur fürstlichen Entlohnung des Blatter-Intimus. Worin diese äußerst wertvolle Fußballberatung konkret bestand, die aus einem von der Fifa bezahlten Pariser Büro erfolgte, wird die Ermittler ebenso interessieren wie die Frage, wie legitim es ist, ein Salär für über Jahre geleistete Arbeiten erst eine Dekade später auszuhandeln“ (Ebenda).

Fifa-Pressekonferenz entfiel. Die Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees erbrachte „Widerstände gegen mögliche Reformpakete. Als Wortführer der Gegner soll sich wieder Scheich Ahmad al Sabah aus Kuweit mit einer Gegenrede hervorgetan haben“ (Ashelm, Michael, Blatter im Visier der Ermittler, in faz.net 25.9.2015). Weitere Beschlüsse des Exko: Das Eröffnungsspiel der Fußball-WM 2022 in Katar ist am 21.11.2022, das Finale am 18.12.2022 (Blatter lässt Pressekonferenz platzen, in spiegelonline 25.9.2015). Die Fifa-Pressekonferenz entfiel ersatzlos. Blatter und Platini wurden im Anschluss an die Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees als Beschuldigte einvernommen. Gleichzeitig erfolgte eine Hausdurchsuchung bei der Fifa einschließlich Blatters Büro.
Da muss Blatter wohl den Beamten seinen Fingerabdruck für die Zutrittsberechtigung zu seinem Büro zur Verfügung gestellt haben.
„Wenn beide gehen müssen, müsste der derzeitige Erste Vizepräsident Issa Hayatou aus Kamerun als Fifa-Präsident übernehmen, der neben vielen anderen Skandalen auch in das Katar-Gate verstrickt ist. Als Chef der Fifa-Administration in Zürich agiert nun wieder ad interim der bisherige stellvertretende Generalsekretär und Finanzchef Markus Kattner, ein Deutscher, der jenen Ticketvertrag mit unterschrieben hatte, der Generalsekretär Jérôme Valcke vergangene Woche den Job kostete“ (Weinreich, Jens, Das Konstrukt Fifa zerfällt, in spiegelonline 25.9.2015). – Ein weiterer äußerst dubioser und damit qualifizierter Nachfolger wäre der spanische Vizepräsident Ángel María Villar (Kistner, Thomas, Sorgloser Präsident, in SZ 28.9.2015).

– Stimmen zum Strafverfahren gegen Blatter:
„Der Fifa-Präsident ist spätestens seit diesem Freitag ausgezählt. Aber auch der Mann, der Fifa-Präsident werden will, ist nun zumindest angezählt“ (Gödecke, Christian, Das Präsidentenbeben, in spiegelonline 25.9.2015).
„Der Gigant Fifa implodiert“ (Weinreich, Jens, Das Konstrukt Fifa zerfällt, in spiegelonline 25.9.2015).
DFB-Präsident Wolfgang Niersbach: „Die Nachricht macht mich fassungslos“ (Ashelm, Michael, Blatter im Visier der Ermittler, in faz.net 25.9.2015).
„Valcke wurde suspendiert, ohne dass schon ein Strafverfahren gegen ihn läuft. Die Causa Blatter ist da bereits einen Schritt weiter“ (Wagner, Elmar, Blatter sollte möglichst schnell gehen, in nzz.ch 25.9.2015).
„Doch man weiß doch längst, dass die Fifa kein Sportverband ist, sondern eine Bande der organisierten Kriminalität, die man am besten auflöst. Und die Uefa ist nicht viel besser. (…) Man braucht keinen Richterspruch, um zu wissen, dass Blatter der Verantwortliche ist für die monumentale Korruption in der Fifa. Dass er an Gaunern festhält, weil die wissen, in welchen Kellern die Leichen liegen“ (Fritsch, Oliver, Fifa-Affäre: Der DFB nimmt den Gestank an, in zeit.de 25.9.2015).

– Unschuldslamm Niersbach. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach äußerte nach Blatters Einvernehmung, er sei „fassungslos“. Niersbach zählte laut Jens Weinreich „als enger Vertrauter des Uefa-Präsidenten Michel Platini zu jenen Top-Funktionären, die Aufklärung und Reformen aktiv behinderten“ (Weinreich, Jens, Hochbezahlt und ahnungslos, in spiegelonline 27.9.2015). Weinreich zitiert die „Erklärung der 53 europäischen Fifa-Mitgliedsverbände zur Reform der Fifa-Statuten“ vom 24.1.2013 in Nyon: „Darin lehnte die Uefa zentrale Integritätsprüfungen für Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees und deren Wahl durch den Fifa-Kongress ab (…) und sprach sich für eine zeitlich unbegrenzte Mitgliedschaft im Fifa-Exekutiv-Komitee aus. (…) Erstaunlich indes, dass Platini im Frühjahr 2013 unmittelbar nach Erhalt der zwei Millionen Franken dafür sorgte, dass das Uefa-Exekutivkomitee geschlossen die 53 Mitgliedsverbände aufforderte, bei der anstehenden Fifa-Präsidentschaftswahl für Blatter zu stimmen. (…) Zu den zwei Millionen Franken sagte Niersbach nichts“ (Ebenda). Die Uefa hat außerdem Recherchen zur Vergabe der WM 2018 an Russland und 2022 an Katar verweigert. „Die Causa Platini dürfte in den kommenden Tagen und Wochen noch Fahrt aufnehmen. Der Uefa-Boss und Fifa-Vize ist eigentlich schon jetzt nicht mehr tragbar, klammert sich aber an seine Posten und die Hoffnung, im Februar Fifa-Präsident werden zu können. Davon hängt auch für die Deutschen viel ab, denn natürlich erhofft sich Niersbach von Platini, dass Deutschland die Europameisterschaft 2024 austragen darf“ (Ebenda).

– Die Fifa-Ethikkommission… Thomas Kistner in der SZ zur Frage, wie die Fifa-Ethikkommission ihre Probleme lösen will: “ Und wer ermittelt eigentlich? Kammerchef Borbély (Schweiz) und Jacques Lambert (Frankreich) dürfen nicht gegen Landsleute ermitteln, die restlichen Ethiker müssen ein Dreier-Gremium bilden. Borbélys Stellvertreter Djimrabaye Bourngar ist aus dem Tschad, bereit stehen zudem Mitglieder aus Guam, Mauretanien, Kolumbien und Trinidad/Tobago. In Trinidad kämpft Jack Warner gegen die Auslieferung in die USA, er ist in die Strafcausa Blatter tief verwickelt über einen TV-Vertrag, den er zum Spottpreis erhielt. Da dürfte die Dame von der Karibikinsel ebenfalls ausscheiden“ (Kistner, Thomas, Ermittler aus Guam, in SZ 29.9.2015).

– „Die Blatters sind überall.“ Anno Hecker in faz.net: „Die Fifa ist in guter Gesellschaft. Viele Verbände, ob Handball, Schwimmen oder die Leichtathletik, funktionieren ähnlich. Es wäre daher ein Segen, wenn Staaten endlich ein Interesse an einem sauberen Sport entwickeln“ (Hecker, Anno, Die Blatters sind überall, in faz.net 29.9.2015). Blatter ist für der Schweizer Justiz nun Beschuldigter. „Das ist nur möglich, weil sich Behörden über die unsichtbare Abschottung des organisierten Sports hinwegsetzen. Weil sie erkennen, dass der organisierte Sport mitunter sein Eigenleben zur Entwicklung von korrupten Systemen, die strafwürdiges Verhalten begünstigen, genutzt hat“ (Ebenda). 

—————————————————
VII: Sport-Millionen und -Millionäre

– 50 Millionen Euro für 19-jährigen Fußballer. Manchester United verpflichtete den Jungstürmer Anthony Martial für 50 Millionen Euro vom AS Monaco (Anthony Martial ist teuerster Teenager der Fußballgeschichte, in spiegelonline 2.9.2015). Der Eigentümer vom AS Monaco, Milliardär Dmitri Jewgenjewski Rybolowlew (Düngemittelkonzern Uralkali) ist gerade etwas klamm, da seine Scheidung vier Milliarden Schweizer Franken gekostet hat.

– Premier League investiert 1,185 Milliarden Euro in neue Fußballspieler. Bis 1.9.2015 investierten in neue Fußballspieler u. a. Manchester City umgerechnet 205 Millionen Euro, Manchester United 140 Millionen Euro, der FC Liverpool 110 Millionen Euro (Ebenda). „Die wichtigsten Spieler sind dabei in England längst nicht mehr die Fußballer selbst, sondern die Vorstandsvorsitzenden der TV-Riesen British Telecom und Sky. (…) Für die drei Spielzeiten von 2016 bis 2019 wurde der Premier League die irrwitzig anmutende Summe von 6,9 Milliarden Euro versprochen“ (Hoeltzenbein, Klaus, Monopoly mit Menschen, in SZ 1.9.2015).

– Juventus Turin investiert 123,5 Millionen Euro in neue Spieler. Der Fußballklub verkaufte Arturo Vidal für 37 Millionen Euro an den FC Bayern. Dann verpflichtete Juventus Turin u. a. für 19 Millionen Euro Mario Mandzukic, für 40 Millionen Euro Paulo Dybala, für elf Millionen Anderson Hernanes und Mario Lemina (Leihgabe Olympique Marseille). AS Roma gab 80 Millionen Euro aus, Inter Mailand und AC Mailand jeweils rund 100 Millionen Euro. „Insgesamt hat die Serie A gut 600 Millionen Euro auf dem Transfermarkt gelassen, mehr als die spanische Liga und die Bundesliga“ (Schönau, Birgit, Pleiten, Pech und Panikkäufe, in SZ 2.9.2015).

– Cristiano Ronaldo verschenkt griechische Insel an seinen Agenten. Dem Spieleragent Jorge Mendes „ist es gelungen, allein im Sommer 2015 Profis für plusminus 400 Millionen Euro kreuz und quer über den Planeten zu verschieben – vornehmlich nach England. Dort hatte er persönlich einen sehr hohen Anteil am Gesamteinkaufsvolumen von 1,2 Milliarden Euro“ (Cáceres, Javier, Der Milliarden-Mann, in SZ 3.9.2015). Mendes soll seit 2003 Transfers über eine Milliarde Euro abgewickelt haben und bekommt angeblich zehn Prozent am Geschäft. „Aus Anlass seiner Hochzeit schenkte ihm Ronaldo angeblich eine griechische Insel“ (Ebenda).

– 29,7 Millionen Dollar für TennisspielerinMaria Scharapowa „hat im vergangenen Jahr 6,7 Millionen Dollar an Preisgeld verdient – nicht wenig, gewiss, doch kamen über Werbeverträge und öffentliche Auftritte noch einmal 23 Millionen Dollar hinzu. (…) Scharapowa ist seit elf Jahren die bestverdienende Sportlerin – oder eher: die sportlichste Bestverdienerin“ (Schmieder, Jürgen, Lucky Loser, in SZ 3.9.2015; Hervorhebung WZ).

– US-Open New York: 3,3 Millionen Dollar. Die Italienerin Flavia Pennetta gewann das Frauen-Finale der US Open in New York und erhielt ein Preisgeld in Höhe von 3,3 Millionen Dollar (Pennetta gewinnt Finale gegen Vinci, in spiegelonline 12.9.2015). Auch der Sieger bei den Herren erhält 3,3 Millionen Dollar. Insgesamt wurden 2015 42,3 Millionen Dollar an Preisgeld ausgeschüttet. Bis zum Jahr 2017 soll sich diese Summe auf 50 Millionen Dollar  erhöhen (38,4 Millionen Euro: Rekord-Preisgeld bei den US Open, in sport1.de 15.7.2015).

– Tennis: 50 Millionen Dollar Entschädigung, 20 Millionen Dollar Anwaltskosten. Hamburger Rothenbaum-Turnier: „Der DTB und der Katarische Tennisverband QTF, der Rechte am Turnier in Hamburg hielt, hatten 2008 die ATP (Association of Tennis Professionals; WZ) auf 50 Millionen Dollar Entschädigung verklagt, nachdem den German Open der Masters-Status entzogen worden war. Die Klage scheiterte allerdings vor dem Gericht im US-Bundesstaat Delaware. Die ATP forderte daraufhin die Rückerstattung der Anwaltskosten (circa 20 Millionen Dollar), die ausgereicht hätten, um den noch immer weltweit größten Tennisverband in den Ruin zu treiben“ (Tennis-Bund einigt sich mit ATP, in spiegelonline 14.9.2015; Hervorhebung WZ).

– Verlorene Supermarkt-Millionen. Der norwegische Skilangläufer Petter Northug wurde vom norwegischen Verband NSF für den Weltcup gesperrt. „Northug hatte vom Verband verlangt, abseits von Weltcuprennen den Schriftzug seines Hauptsponsors, einer großen Supermarktkette, tragen zu dürfen. Der NSF bestand auf eine ganzjährige Unterwerfung unter seine Regeln“ (SID, Northug droht Weltcup-Aus, in SZ 15.9.2015).

– Rugby-World-Cup in England und Wales. Vom 18.9. bis Ende Oktober 2015 findet die Rugby-WM statt – mit erwarteten 2,2 Millionen Besuchern. Der Weltverband World Rugby rechnet mit einem Gewinn von 200 Millionen Euro. Deutsche Sponsoren sind Adidas, BMW und Deutsche Post DHL. Rugby ist auch im Programm der Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio (Finke, Björn, Auch Babys zahlen Eintritt, in SZ 18.9.2015).

– 8,4 Millionen Euro öffentliche Gelder für Skiflugschanze. 2018 findet in Oberstdorf die Skiflug-WM statt. Der Internationale Skiverband FIS hat die Regeln wieder einmal geändert. Und nun muss die Oberstdorfer Skiflugschanze für 8,4 Millionen Euro umgebaut werden: 3,7 Millionen Euro kommen vom Bund, 3,7 Millionen Euro vom Land Bayern, die restlichen 1,1 Millionen Euro teilen sich Oberstdorf und der Landkreis Oberallgäu (Hermann: 3,7 Mio. Euro zum Umbau der Oberstdorfer Heini-Klopfer-Skifluschanze, PM stmi.bayern.de 21.9.2015).

– 13,6 Millionen Euro Steuerhinterziehung? Der Fußballer Neymar soll zwischen 2011 und 2013 in Brasilien 13,6 Millionen Euro Steuern hinterzogen haben. Brasiliens Justiz  blockierte Vermögenswerte von Neymar und seiner Familie in Höhe von 40 Millionen Euro (DPA, Neymars Vermögen blockiert, in SZ 26.9.2015).

– Golfspielen für 845 Millionen Dollar. Der mittlerweile ins Hintertreffen geratene Golfspieler Tiger Woods hat in seiner Zehn-Jahres-Bilanz 845 Millionen Dollar verdient. Der zweite auf der Liste, der Boxer Floyd Mayweather, kommt auf 660 Millionen Dollar (Mal wieder ganz oben, in SZ 26.9.2015).

– Lance Armstrongs Millionen. Der des Dopings überführte Radstar Armstrong beendete einen Rechtsstreit mit der Versicherungsgesellschaft SCA Promotions und überweist zehn Millionen Dollar. Er hatte 2006 von SCA für seine sieben Tour-de-France-Siege 7,5 Millionen Dollar erhalten und 2005 unter Eid bestritten, dass er gedopt habe. Nun steht Armstrong noch ein Verfahren gegen US Postal Service bevor, für deren Radteam er von 1996 bis 2004 fuhr: US Postal Service „will rund 96 Millionen Dollar (86 Millionen Euro) einklagen und wird dabei von Anwälten der US-Regierung vertreten“ (Sunday Times: Armstrong legt Rechtsstreit mit CSA Promotions bei, in zeit.de 27.9.2015).

– Thüringen zahlt erneut Millionen. „Die Thüringer Landesregierung unterstützt die Bewerbung Oberhofs um die Biathlon-WM 2020/21 und wird dafür finanzielle Mittel zur Verfügung stellen“ (Voß, Michael, Bewerbung um Biathlon-WM: Land steuert 10 Millionen bei, in thueringer-allgemeine.de 30.9.2015). Und zwar nicht zu knapp: Zehn Millionen Euro für den Modernisierungsbedarf: für bessere Zu- und Transportwege, verbesserte Bedingungen für die übertragenden Medien – und, wie üblich, die grundlegende Umgestaltung der Ski-Arena nach den neuen Auflagen der Internationalen Biathlon-Union. Die thüringische Sportministerin Birgit Klaubert (Die Linke): „Das Land bekennt sich zum Wintersportort Oberhof. Er ist eine Visitenkarte weit über Thüringen hinaus“ (Ebenda).
Erinnert sich noch jemand an die letzten Oberhofer Sportveranstaltungen auf schmutzig-braunen Wiesen?

– Der Bund der Steuerzahler und die Continental-Arena. Als der Neubau des früheren Jahn-Stadion, heute Continental Arena, konzipiert wurde, spielte der FC Jahn Regensburg noch in der 2. Bundesliga. Inzwischen stieg der Verein in die vierte Liga ab. Der Neubau kostete 52,7 Millionen Euro – von der Stadt Regensburg finanziert. Der Bund der Steuerzahler nahm den Stadion-Neubau in sein Schwarzbuch auf. Maria Ritch vom BdS: „Wir finden, dass das mit der Erfüllung einer öffentlichen Pflichtaufgabe nichts mehr zu tun hat“ (Matthes, Micha, Klein, Heinz, Pinzer, Birgit, Arena: Schwarzbuch empört Regensburg, in mittelbayerische.de 30.9.2015). Die große Koalition der Lokalpolitiker tobte. Oberbürgermeister Joachim Wohlbergs (SPD): „Der Steuerzahlerbund ist eine Organisation, die niemand braucht, die völlig für die Katz ist“ (Ebenda). CSU-Fraktionsvorsitzender Herrmann Vanino: „Es wurden hier keine Steuergelder verprasst oder verschwendet. Die Gelder wurden für den Bau der Continental Arena sinnvoll angelegt“ (Ebenda).

– Michael Jordan kassiert ab. Der US-Basketballer Michael Jordan kassierte in seiner 15-jährigen Karriere laut Forbes 94 Millionen Dollar Gehalt. Im Jahr 2014 erhielt er 100 Millionen Dollar – „hauptsächlich durch Lizenzen für Schuhe und Kleidung, die der Sportartikelhersteller Nike unter der Marke ‚Brand Jordan‘ vertreibt“ (Schmidbauer, Jan, Sein großer Wurf, in SZ 30.9.2015).

—————————————————-
VIII: Totalitärer Sport-Terminkalender
Bitte anklicken

—————————————————–
IX: Doping-News
Siehe hierzu auch die Doping-Hintergründe von Cycling4fans: hier und Aktuelle Doping-Meldungen hier und die Webseite der Doping-Opfer-Hilfe: hier

– DDR-Staatsdoping.
„Die Ruderin Cornelia Reichhelm war 13, als sie von ihren Trainern das erste Mal Testosteron bekam, ein junges Mädchen, vollgepumpt mit männlichem Sexualhormon. Dazu gab es noch die Anti-Baby-Pille, heute weiß Reichhelm aus den Akten, wieso: Der DDR-Apparat hatte Angst vor missgebildeten Babys, sollten seine gedopten Athletinnen schwanger werden. Als Cornelia Reichhelm 16 war, gab man ihr Anabolika in Vitamingetränken, mit 18 Steroide in Gummibärchen. Mit 19 musste sie ihre Karriere beenden, wegen schwerer körperlicher Schäden. Jetzt ist sie 52 und lebt mit einem Stützkorsett für die ramponierte Wirbelsäule, kann den Hals nicht bewegen und muss schon wieder Tabletten nehmen, gegen die Schmerzen. Sie ist eine von mehreren Tausend, die der DDR-Sport zum Wrack gemacht hat“ (Catuogno, Claudio, Gift vom Staat, in SZ 3.9.2015). Da passt doch die jüngste Forderung des Bundessport-Innenministers Thomas de Maizière wie die Faust aufs Auge: „Da wäre ein Bundesinnenminister, der von deutschen Kaderathleten gerade pauschal 30 Prozent mehr Medaillen fordert, ohne zu sagen, wie das gehen soll – der aber lieber nicht daran erinnert werden will, wie es damals ging, als die DDR-Staatssportler die Medaillenränge erstürmten. Da sind die Sportpolitiker der Regierungsfraktionen, die das Thema professionell wegschweigen“ (Ebenda). Dann gibt es da noch die Kaste der professionellen Sportfunktionäre vom DOSB: „Und da sind die Führer des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), die von Sommerspielen in Hamburg träumen, denen bei der Vergangenheitsbewältigung aber leider die Hände gebunden sind. 2002 haben sie doch schon mal eine fünfstellige Einmalzahlung für ein paar hundert Betroffene organisiert, reicht das denn nicht? (…) Kinder zu dopen ist ein Verbrechen. 25 Jahre lang davor die Augen zu verschließen, ist ein Versagen“ (Ebenda).

– „Respekt vor Sportlern – das war einmal“. Aus einem Beitrag von Perikles Simon in faz.net: „Es regiert der Generalverdacht. Dabei hat sich in den letzten 40 Jahren bezüglich der wissenschaftlichen Abschätzung, welcher Prozentsatz an Sportlern gedopt antritt, nichts verändert. 1975 publizierte der spätere Chief Medical Officer des IOC, Arne Ljungqvist, dass zwei Jahre zuvor mindestens 31 Prozent der schwedischen Top-Leichtathleten Anabolika konsumiert hatten. Diese wurden bereits 1970 vom Leichtathletik-Weltverband (IAAF) als Doping klassifiziert, obgleich sie noch nicht nachgewiesen werden konnten. 2015 wurde die Doping-Quote in einer Zusammenfassungsarbeit unter der Beteiligung der holländischen Anti-Doping-Agentur auf 14 bis 39 Prozent geschätzt. (…) Während der Athlet inzwischen nicht nur sportliche Höchstleistungen, sondern zumindest hier in Deutschland für den sauberen Sport auch „Best Practice“-Regeln ganz besonderer Art leisten muss, erscheint die „Good Governance“, die sich die Entourage vorgegeben hat, besonders dieser Tage geradezu lächerlich. Teure Uhren werden vor den Wahlen bei der IAAF verteilt, der Vertreter des skandalumwitterten russischen Verbandes wird mit Bravour in das Council der IAAF gewählt. Sebastian Coe wird Vorsitzender, ohne dass er genau erklären müsste, wie es um die Interessenkonflikte bestellt ist, die seine Tätigkeiten für Nike, aber auch für seine eigene Beraterfirma aufgeworfen haben“ (Simon, Perikles, Respekt vor Sportlern – das war einmal, in faz.net 7.9.2015).

– Britischer Anti-Doping-Kampf. Die Chefin der britischen Anti-Doping-Agentur, Nicole Sapstead, propagiert offiziell emsigen Kampf gegen Doping. In Wirklichkeit sieht es anders aus. „Sapstead schrieb demnach an Bill Sweeney, den Chef des britischen Nationalen Olympischen Komitees, an jenem Tag, als ARD und Times ihre Dopingvorwürfe veröffentlicht hatten: ‚Wir tun alles, was wir können, um den Fokus auf die positiven Nachrichten zu richten. Das Letzte was wir wollen, ist eine Story, die den Countdown für die Sommerspiele in Rio beeinträchtigt.‘ Das Timing der E-Mail sei etwas unglücklich gewesen, verteidigte sich Sapstead. Dass die leitende Dopingjägerin des Landes den Cheerleader des Sports gibt, ist einerseits pikant – und passt andererseits ins Bild einer Sportverwaltung, die Dopingenthüllungen von Journalisten zuletzt als ‚Kriegserklärung‘ klassifizierte (IAAF-Präsident Sebastian Coe)“ (Knuth, Johannes, „Das letzte, was wir wollen“, in SZ 15.9.2015).

– Neues von Schröcksnadel. „Lasch reagiert Österreichs Skiverband auf einen mutmaßlichen Dopingfall. Umso engagierter ist er in Vermarktungsfragen“ (Skocek, Johann, Wieder so ein Einzelfall, in taz.de 24.9.2015). Der Präsident des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV), Peter Schröcksnadel (eine Art alpiner Sepp Blatter), schaffte es, dass die Weltcup- und Olympiasiegerin Anna Fenninger ihren deutschen Trainer auf Geheiß des ÖSV rauswarf. Dafür präsentierte Fenninger ihren neuen Sponsor Milka – früher auf die deutsche Rennläuferin Maria Höfl-Riesch abonniert, die aber nicht mehr startet. Der ÖSV kassiert von seinen Sportlern zehn Prozent der Sponsoreneinnahmen. – Am 25.8.2015 wurde das Haus des Skilanglaufsprinters Harald Wurm von der Polizei inspiziert: Man suchte vermutlich Dopingmittel oder -geräte. Wie in der Vergangenheit wird wenig an die Öffentlichkeit dringen. Bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City fand eine Putzfrau im ÖSV-Quartier im Müll gebrauchte Blutbeute: Trainer war Walter Mayer. Bei den Olympischen Winterspielen 2006 konfiszierte die italienische Polizei im ÖSV-Quartier verbotene Utensilien. Bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi wurde der ÖSV-Langläufer Johannes Dürr des Epo-Dopings überführt (Ebenda). „ÖSV-Präsident Schröcksnadel, der nicht einmal seinen Verband im Griff hat, soll nun als Chefkoordinator des Spezialförderprogramms ‚Rio 2016‘ auch den Sommersport sanieren. Er verteilt 20 Millionen Euro Fördergelder an Sportler, deren Disziplinen er nur vom Hörensagen kennt. Das Ziel ist, eine medaillenlose Blamage wie bei den Spielen 2012 in London zu vermeiden. Die Sommersportfunktionäre beißen sich nun auf die Zunge, um nicht durch kritische Äußerungen die Karrierechancen ihrer Sportler zu schmälern. Schröcksnadel selbst hat sich zum mutmaßlichen Dopingfall Wurm nicht geäußert“ (Ebenda; Hervorhebung WZ).

—————————————————–
X: Die Sportsender ARD/ZDF

– Große Bitte an kritische Sport– und investigative Journalisten:
Bisheriger Text: Für die Zukunft eines besseren Sports und einer sinnvolleren Verwendung der öffentlich-rechtlichen Gebühren-Millionen wäre es wichtig, die fragwürdige Kooperation zwischen den Vertretern der gierigen Sportfunktionäre und den willfährigen Vertretern der öffentlich-rechtlichen Sportsender aufzudecken. Vermutlich ist es ein kleiner Kreis immer gleicher Personen, die Jahr für Jahr die Preisspirale für die TV-Sportübertragungen in die Höhe treiben. Bitte aufdecken! – Durch die Vergabe der Olympischen Spiele 2018 bis 2024 an den TV-Sender Discovery bzw. Eurosport hat das IOC dafür gesorgt, dass die sowieso schon sehr zaghaft geäußerte Kritik von ARD und ZDF an Sport-Großereignissen in Diktaturen wie den European Games beim Diktator Ilham Alijew im Juni 2015 in Aserbaidschan ausfallen wird: Vom hier übertragenden TV-Sender Sport1 war aus Baku nichts Kritisches zu vernehmen. Das wird nun Standard.
Vergleiche im Kritischen Olympischen Lexikon: Eurosport

– Noch mehr öffentliche Gelder für Sport. ARD und ZDF wollen Sublizenzen für die Olympischen Spiele 2018 bis 2024 vom Rechteinhaber Discovery Communications bzw. dessen Tochter Eurosport. ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky und ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz teilten dies dem SID mit. Dazu wollen sich die öffentlich-rechtlichen Sportsender auch um die Qualifikationsspiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft für die EM 2020 und die „M 2022 bemühen. „Die ARD will laut Bild im kommenden Haushalt für die Jahre 2017 bis 2020 offenbar so viel Geld für Sportübertragungen ausgeben wie nie zuvor. Demnach beantragt die ARD 1,163 Milliarden Euro, das wären 66 Millionen mehr als im laufenden Vier-Jahres-Haushalt“ (SID, ARD und ZDF bemühen sich um Sublizenz für Olympia 2018 – 2024, in zeit.de 18.09.2015; Hervorhebung WZ).
Aus einem Beitrag von Joachim Huber im Tagesspiegel: „Das wird teuer für den Beitragszahler. Die ARD will sich verstärkt um TV-Übertragungen im Sport bemühen. Das geht aus der Anmeldung für den Finanzbedarf des Senderverbunds in der Beitragsperiode 2017 bis 2020 hervor, wie die „Mittelfristigen Finanzplanungen der ARD-Landesrundfunkanstalten 2013 – 2020“ zeigen. Für den Zeitraum 2017 bis 2020 hat die ARD 1,163 Milliarden Euro für den Erwerb der Lizenzen und der Produktion von Übertragungen bei der Prüfkommission KEF beantragt, das ist ein Plus von 66 Millionen Euro im Vergleich mit der Periode 2013 bis 2016. Zwei TV-Lizenzen stehen dabei im Fokus: Fußball – Bundesliga und Nationalelf – sowie Olympia. (…) Was zur Wahrheit der Kombi aus Lizenz und Quote gehört: Trotz der Millionen Zuschauer bleibt Fernsehfußball ein eklatantes Minusgeschäft: In kein Programmsegment muss pro Sendeminute so viel Beitragsgeld gesteckt werden, was die Grundsatzfrage heraufbringt: Geben ARD und ZDF nicht viel zu viele Millionen für den kommerziellen Fernsehsport aus, wird dieses Geld nicht zu Lasten des übrigen Programms verpulvert? Spitzensport ist eine kommerzielle Veranstaltung. Und dieses Geschäft funktioniert auch ohne den Beitragszahler. Garantiert“ (Huber, Joachim, Beitrags-Milliarden für Fußball und Olympia, in tagesspiegel.de 18.9.2015; Hervorhebung WZ).

—————————————————–

XI: Überraschungspunkt: IOC = Fifa

Aus einem Kommentar von Johannes Aumüller in sueddeutsche.de zum Verhältnis Fifa-Skandale und IOC-Skandale: „Die Affären im Fußball-Weltverband zeigen der Bevölkerung mal wieder deutlich, welch Geistes Kind das internationale Sportfunktionärstum ist. Die Spiele-Lobby tut nun so, als werfe die böse Fifa einen unberechtigten Schatten auf die ach so heile olympische und ebenso heile Hamburger Welt – und der Bürger dann alles in einen großen sportpolitischen Topf. Das ist natürlich Humbug. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) selbst hat genügend Affären und intransparente Vorgänge. Und es gibt auch manche überschneidende Personalie, auf die zu blicken sich lohnt: Fifa-Boss Blatter saß trotz diverser Affären über viele Jahre problemlos in der Ringe-Organisation, der neue dubiose Fifa-Vorständler Scheich Al Sabah war bei der Wahl von Thomas Bach zum IOC-Präsidenten ein entscheidender Mann“ (Aumüller. Johannes, Fifa und Flüchtlinge, in sueddeutsche.de 30.9.2015).


Laufende Chronologie der Olympischen Winterspiele 2018 in München +2 (wird laufend aktualisiert und ergänzt):
1936 - 1972 bis 1997 - 2007 - 2008 - Januar 2009 - Februar 2009 - März 2009 - April 2009 - Mai / Juni 2009 - Juli 2009 - August / September 2009 - Oktober 2009 - November 2009 - Dezember 2009 - Januar 2010 - Februar 2010 - März 2010 - April 2010 - Mai 2010 - Juni 2010 - Juli 2010 - August 2010 - September 2010 - Oktober 2010 - November 2010 - Dezember 2010 - Januar 2011 - Februar 2011 - März 2011 - April 2011 - Mai 2011 - Juni 2011 - Juli 2011 - August 2011 - September 2011 - Oktober 2011 - November 2011 - Dezember 2011 - Januar 2012 - Februar 2012 - März 2012 - April 2012 - Mai 2012 - Juni 2012 - Juli 2012 - August 2012 - September 2012 - Oktober 2012 - November 2012 - Dezember 2012 - Januar 2013 - Februar 2013 - März 2013 - April 2013 - Juni 2013 - Mai 2013 - Juli 2013 - August 2013 - September 2013 - Oktober 2013 - November 2013 - Dezember 2013 - Januar 2014 - Februar 2014 - März 2014 - April 2014 - Mai 2014 - Juni 2014 - Juli 2014 - August 2014 - September 2014 - Oktober 2014 - November 2014 - Dezember 2014 - Januar 2015 - Februar 2015 - März 2015 - April 2015 - Mai 2015 - Juni 2015 - Juli 2015 - August 2015 - September 2015 - Oktober 2015 - November 2015 - Dezember 2015 -

Literatur zur NOlympia-Chronologie

Nolympia-Chronologie, komplett / Stand Mitte Juli 2010 als pdf-Datei

nach oben