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Nov 122015
 
Zuletzt geändert am 14.03.2017 @ 13:33

12.11.2015, aktualisiert 14.3.2017

Vergleiche auch: Doping Russland (1): IAAF etc.; Doping Russland (III): Laborleiter von Sotschi 2014 packt aus

Die Entwicklung im Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF überschlug sich im November 2015, kurz vor und nachdem Richard Pound und seine Kollegen Richard McLaren und Günter Younger ihren im Auftrag der World Anti-Doping Agency (Wada) entstandenen Abschlussbericht zum russischen Staats-Dopingsystem mit 335 Seiten vorstellten, der aufgrund des WDR-Films von Hajo Seppelt und Kollegen entstanden ist. (Richard Pound war IOC-Mitglied und Präsident der Wada; Prof. Richard H. McLaren ist Mitglied des Internationalen Sportgerichtshofes Cas; Günter Younger ist Kriminaldirektor im bayerischen LKA. Zum Report mit 335 Seiten: hier)

Angeklagt: Lamine Diack
Der seit 1999 und bis August 2015 amtierende Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, Lamine Diack, ist von den französischen Justizbehörden angeklagt worden. (Der IAAF residiert in Monaco.) Die IAAF wurde unangemeldet am 9.11.2015 in Anwesenheit ihres Präsidenten Sebastian Coe von französischen Ermittlungsbehörden durchsucht und Unterlagen sichergestellt.
Diack wird Bestechlichkeit und Geldwäsche vorgeworfen.  untersuchten am 9.11.2015 die Liegenschaften der IAAF. Das französische Ermittlungsverfahren betrifft “Korruption, Hehlerei, bandenmäßige Geldwäsche und Bildung einer kriminellen Vereinigung, welches zu der Durchsuchung und den Festnahmen am Dienstag führte” (Reinsch, Michael, Lichterlohe Flammen in der Leichtathletik, in faz.net 5.11.2015).
„Die Wada-Ermittler seien auf ein ‚Mafia-ähnliches Geflecht‘ gestoßen, aufgezogen von Diack und seinen Söhnen. Das Anti-Doping-Ressort der IAAF habe weniger der Aufklärung gedient, sondern als Geschäftsmodell, mit dem sich die Familie Diack bereichert haben soll, mit Dollé als Teilhaber.
Die Diack-Söhne Papa, jahrelanger Marketingberater der IAAF, und Khalid sowie der Anwalt Cissé wurden in einem Fall angeblich mit einer Liste gedopter russischer Athleten beim russischen Verband vorstellig, kurz vor den Olympischen Spielen 2012. Es begann ein Spiel aus Erpressungen und Deals. Manche Athleten kauften sich über den russischen Verband frei. (…) Diack senior soll ‚mehr als eine Million Euro‚ damit erlöst haben, positive Dopingproben zu vertuschen. Und auch Sohn Papa Diack sei wegen seiner ‚aktiven Rolle‘ zur Fahndung ausgeschrieben“ (Knuth, Johannes, Erpressung über die Söhne, in SZ 7.11.2015; Hervorhebung WZ). Diack wurde gegen Zahlung einer Kaution in Höhe von 500.000 Euro freigelassen; er musste seinen Pass abgeben und darf Frankreich nicht verlassen. Diacks Anwalt Habib Cissé wurde ebenfalls angeklagt: Beide wurden festgenommen und auf Kaution freigelassen. Auslöser war zunächst die Enthüllung des russischen Dopingsystems im Herbst 2014 durch WDR und Sunday Times. „Im August 2015 war die IAAF erneut in die Negativschlagzeilen geraten. Laut Medienberichten habe der Verband die Veröffentlichung einer vor der WM 2011 durchgeführten anonymen Athletenbefragung aktiv blockiert. In der Studie hatten knapp ein Drittel der Teilnehmer angegeben, in den zwölf Monaten vor der WM in Daegu gedopt zu haben“ (Diack wird wegen Korruption angeklagt, in spiegelonline 4.11.2015). – „ARD und die britische Zeitung Sunday Times hatten auch recherchiert, dass seit 2001 ein Drittel aller Medaillengewinner auf den Mittel- und Langstrecken verdächtige Blutproben abgeben hatten, ohne dass die IAAF reagiert hätte. Vor der Leichtathletik-WM in Peking im August 2015 wurden dann 28 Athleten rückwirkend gesperrt, weil nachträglich festgestellt wurde, dass in ihren bei den Titelkämpfen 2005 und 2007 abgegebenen Proben verbotene Mittel enthalten waren“ (Knuth, Johannes, Mölter, Jürgen, Diack unter Anklage, in SZ 5.11.2015). Der Nachfolger Diacks als IAAF-Präsident, der Brite Sebastian Coe, hatte sich über die ARD-Recherchen in Peking noch lustig gemacht.
Diack wird der Korruption und Geldwäsche beschuldigt: Er soll über eine Million Dollar vom russischen Leichtathletikverband angenommen haben, um mindestens sechs russischen Athleten einen Start bei den Olympischen Sommerspielen 2012 in London zu erlauben, die wegen Dopings gesperrt werden sollten. Diack wurde gegen Zahlung einer Kaution in Höhe von 500.000 Euro freigelassen; er musste seinen Pass abgeben und darf Frankreich nicht verlassen. Die IAAF wurde unangemeldet in Anwesenheit ihres Präsidenten Sebastian Coe durchsucht und Unterlagen sichergestellt. Und wer nicht bezahlte, flog auf: „So wie es laut französischen Medien der türkischen Läuferin Asli Cakir Alptekin, Olympiasiegerin über 1500 Meter von London, passiert sein soll. Diack und sein Sohn sollen von ihr im November 2012 500.000 Euro verlangt haben, schreibt die Zeitung ‚Lyon Capitale‘ Weil Alptekin sich weigerte, wurde ihr Dopingtest öffentlich gemacht. Die Türkin wurde für acht Jahre gesperrt“ (Ahrens, Peter, Ganz tief im Sumpf, in spiegelonline 9.11.2015).
Auslöser war zunächst die Enthüllung des russischen Dopingsystems im Herbst 2014 durch WDR und Sunday Times. “Im August 2015 war die IAAF erneut in die Negativschlagzeilen geraten. Laut Medienberichten habe der Verband die Veröffentlichung einer vor der WM 2011 durchgeführten anonymen Athletenbefragung aktiv blockiert. In der Studie hatten knapp ein Drittel der Teilnehmer angegeben, in den zwölf Monaten vor der WM in Daegu gedopt zu haben” (Diack wird wegen Korruption angeklagt, in spiegelonline 4.11.2015). – “ARD und die britische Zeitung Sunday Times hatten auch recherchiert, dass seit 2001 ein Drittel aller Medaillengewinner auf den Mittel- und Langstrecken verdächtige Blutproben abgeben hatten, ohne dass die IAAF reagiert hätte. Vor der Leichtathletik-WM in Peking im August 2015 wurden dann 28 Athleten rückwirkend gesperrt, weil nachträglich festgestellt wurde, dass in ihren bei den Titelkämpfen 2005 und 2007 abgegebenen Proben verbotene Mittel enthalten waren” (Knuth, Johannes, Mölter, Jürgen, Diack unter Anklage, in SZ 5.11.2015).
Aus einem Kommentar von Claudio Catuogno in der SZ: „Man kann zum Beispiel vieles gegen Sepp Blatter vorbringen, aber der Weltfußballpatriarch hat nach allem, was man weiß, nie seine Söhne losgeschickt, um von positiv getesteten Fußballern Geld abzupressen. Wie auch – wo es Doping im Fußball ja gar nicht gibt! Und wo Blatter ja auch gar keine Söhne hat! Da hatte es der Weltleichtathletikpatriarch Lamine Diack mit den russischen Spritzensportlern natürlich deutlich einfacher. In Diacks Welt – auch so ein Thema dieser Woche – galt über Jahre offenbar eine Art Anti-Doping-Gesetz, das in seiner mafiösen Schlichtheit auf einen Bierdeckel passt: Geld her, Positivtest weg“ (Catuogno, Claudio, Zwielicht-Gestalten, in SZ 14.11.2015).

Lamine Diack, Habib Cissé, Gabriel Dollé ohne Reisepässe
“Einer der größten Sportfachverbände der Welt taumelt seiner bislang wohl größten Krise entgegen. Ermittler einer unabhängigen Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) tauchten laut einem Bericht des britischen Guardian bereits im Juni in der IAAF-Zentrale auf. Was sie an Dokumenten hoben, war offenbar derart ergiebig, dass die Wada die Ermittler von Interpol informierte. (…) Diack soll demnach positive Dopingfälle versenkt und dafür 200 000 Euro kassiert haben, mindestens. Das meiste Geld floss offenbar aus Russland. Ein Fall soll die Marathonläuferin Lilija Schobuchowa betreffen, sie soll russischen Funktionären 450 000 Euro bezahlt haben, um Dopingtests verschwinden zu lassen. (…) Was wiederum jene ARD-Enthüllungen bestätigen würde, wonach Doping in der russischen Leichtathletik lange systematisch gefördert und gedeckt wurde, mit dem Weltverband als Komplizen” (Beweise in Ton und Bild, in SZ 6.11.2015). – “Zur Vertuschung positiver Doping-Proben sollen auch zwei spätere Olympia-Medaillengewinner von London Bestechungsgelder an die Führung des Leichtathletik-Weltverbands IAAF gezahlt haben” (Olympiasieger soll für Vertuschung gezahlt haben, in spiegelonline 8.11.2015). Acht russische Athleten sollen sich mit hohen Summen freigekauft haben und waren dann bei den Sommerspielen 2012 am Start: Ein “Sportler” wurde Olympiasieger, einer gewann Silber (Harris, Nick, Kelner, Martha, Draper, Rob, Corruption on a whol new scale: A social report into widespread doping and subsequent cover-ups in athletics, in mailonsunday.com 8.11.2015).- “Im Zentrum der Korruptionsaffäre steht der frühere IAAF-Präsident Lamine Diack. Die französische Justiz hat den Senegalesen wegen Bestechlichkeit und Geldwäsche angeklagt. Der 82-Jährige soll in seiner Amtszeit nach Angaben der französischen Staatsanwaltschaft mehr als eine Million Euro kassiert haben, um positive Dopingproben zu vertuschen. Auch sein Anwalt Habib Cisse wurde angeklagt. Zudem sind der einstige Leiter der Anti-Doping-Abteilung der IAAF, Gabriel Dolle, und Diacks Sohn Papa Massata ins Visier der Justiz gerückt. (…) Der IAAF-Skandal dürfte auch im Mittelpunkt der Veröffentlichung des Berichts einer unabhängigen Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA am Montag in Genf stehen. Dort sollen Ergebnisse der Ermittlungen über angeblich flächendeckendes Doping in Russland vorgestellt werden. ‘Dieser Bericht wird den Sport verändern. Das ist ein völlig anderes Ausmaß der Korruption als der Fifa-Skandal’, sagte Richard McLaren, Mitglied der WADA-Kommission” (Olympiasieger soll für Vertuschung gezahlt haben, in spiegelonline 8.11.2015).

Sebastian Coe hatte “keine Ahnung”
IAAF-Präsident Sebastian Coe zum Doping-Skandal um Lamine Diack und wem auch immer in der Leichtathletik: “Das sind dunkle Tage für unseren Sport” (“Dunkle Tage”, in nzz.ch 8.11.2015). ”Die jüngsten Vorwürfe seien ‘widerlich’, sagte Coe. Von Erpressung habe er, der acht Jahre bei Diack als Vizepräsident in die Lehre gegangen war, ‘keine Kenntnis’” (Knuth, Johannes, “Widerlich”, in SZ 9.11.2015).
Coe, der Nachfolger Diacks als IAAF-Präsident, hatte sich über die ARD-Recherchen in Peking noch lustig gemacht: Angesichts der Doping-Enthüllungen von WDR und Sunday Times in der Leichtathletik im Vorfeld der Leichtathletik-WM 2015 schimpfte Coe über “selbsternannte Experten” und sprach von einer “Kriegserklärung an meinen Sport” (Knuth, Johannes, “Eine Kriegserklärung”, in SZ 6.8.2015).
Fragt sich, wer hier dem Sport den Krieg erklärt hat.

Und das IOC?
„Das IOC hält fest, dass die Gründe für diese Untersuchung sich auf Handlungen beziehen, die in der Vergangenheit liegen“ (Leicester, John, Former IAAF head investigated in Russia doping probe, in AP 4.11.2015).
Warum interessiert sich das IOC nicht für die Gegenwart – oder gar für die Zukunft?
– „Aufgrund seiner Null-Toleranz-Politik gegen Doping wird das IOC alle notwendigen Maßnahmen und Sanktionen einleiten…“ (IOC entzieht Diack die Ehrenmitgliedschaft, in spiegelonline 10.11.2015).
Hahaha. Doping ist – wie im aktuellen IAAF-Skandal – immer erst dann für das IOC ein Problem, wenn Doping offenkundig ist, bewiesen und an die Öffentlichkeit gelangt ist.

Das IOC-Ehrenmitglied Diack
Da improvisiert das außer Tritt geratene IOC in seiner Mitteilung: “Mit Bezug auf die polizeilichen Ermittlungen gegen den ehemaligen IAAF-Präsidenten Lamine Diack hat das IOC-Ethik-Komitee heute empfohlen, Diacks Ehrenmitgliedschaft provisorisch zu annullieren” (“Radsport abgelöst”, in SZ 10.11.2015; Hervorhebung WZ). Gleichzeitig wird nicht gegen Diack persönlich ermittelt: „Außerdem ermittle die IAAF-Ethikstelle gegen die Beschuldigten. Bis auf Diack senior. Coes geistiger Präsident steht unter Schutz, so lange wie möglich“ (Knuth, Johannes, „Widerlich“, in SZ 9.11.2015; Hervorhebung WZ).

Wada-Report fordert Ausschluss Russlands
Am 9.11.2015 veröffentlichte die Wada-Untersuchungskommission den Report von Richard Pound, Richard McLaren und Günter Younger zum WDR-Film über das Doping-System in Russland (zum Report mit 335 Seiten: hier). “Und jetzt berichtete Pound, das alles noch viel schlimmer sei, er erzählte von ‘Korruption und Schmiergeld-Praktiken auf höchster Ebene in der Welt-Leichtathletik. (…) Als Begründung zog Pound den Tatbestand des ‘staatlich gestützten Dopings’ heran. (…)  Die Ermittler ordneten viele Akteure aus der ARD-Dokumentation der Betrugsseite zu, sie fügten sogar weitere Darsteller dazu, die zeigten, wie tief das Betrugssystem in Russland Wurzeln geschlagen hat. Im Verband habe eine ‘Kultur des Betrügens’ geherrscht, die teils bis heute andauere. Gregory Rodschenkow, Chef des von der Wada akkreditierten Anti-Doping-Labors in Moskau, soll insgesamt 1417 Dopingproben zerstört haben. Ein zweites, baugleiches Labor habe offenbar dazu gedient, Dopingproben vorzutesten; die Kontrolleure ließen positive Proben verschwinden, negative reichten sie an die offiziellen Testbehörden weiter” (Knuth, Johannes, Russlands Leichtathletik droht Ausschluss, in SZ 10.11.2015; Hervorhebung WZ).- “Pounds Kommission sollte ein paar Monate später feststellen, dass es neben dem Wada-akkreditierten Labor in Moskau noch ein zweites gibt, das über die gleichen Apparate und wissenschaftlichen Kenntnisse verfügt. Mutmaßlich wurden dort Urinproben von gedopten Athleten Vorkontrollen unterzogen. Waren sie sauber, gingen sie weiter an das offizielle Labor” (Geisser, Remo, Schweinestall Leichtathletik, in nzz.ch 9.11.2015). Richard Pound zur Involvierung des russischen Staates: “Ich glaube nicht, dass es irgendeine andere mögliche Schussfolgerung gibt. Sie können es nicht nicht gewusst haben” (Rilke, Lukas, Das große Ausmisten, in spiegelonline 10.11.2015; Hervorhebung WZ).

Das russische Staats-Doping
Sergej Portugalow, einst Chefarzt der Leichtathleten, sicherte den Nachschub an Dopingmitteln, manche Athleten behandelte er persönlich. Dirigiert wurde das System von Gregory Rodschenkow, dem Leiter des Moskauer Kontroll-Labors. Rodschenkow soll sich einmal wöchentlich mit Agenten des Geheimdienstes FSB getroffen haben, um über die ‚Laune der Wada‘ Bericht zu erstatten. Er soll auch mehr als 1400 Proben vernichtet und Athleten erpresst haben, um Dopingtests verschwinden zu lassen“ (Knuth, Johannes, Der Patient wehrt sich, in SZ 11.12.2015; Rodschenkow trat am 11.11.2015 zurück).

Witali Mutko diffamiert Pound
Der russische Sportminister Mutko spielte die Bedeutung der französischen Untersuchung herunter und sagte der Tass, dass das alte Management ausgetauscht wurde. Mutko: “Bei uns gibt es Doping-Probleme wie im Rest der Welt auch” (“Dunkle Tage”, in nzz.ch 8.11.2015).
Bezahlte der Rest der Welt wirklich auch an Diack & Co und die IAAF, um ertappte Dopingsünder freizukaufen?‘
„Mutko ging schnell zum Gegenangriff über. Pounds Aussagen seien durch den Bericht nicht gedeckt. ‚Pound hat seine Kompetenzen überschritten und seine persönlichen Schlüsse gezogen‘, sagte Mutko. Auf die Arbeit der Dopingkontroll-Labore im Land habe er keinen Einfluss, zudem sei es ‚unmöglich, irgendetwas zu verstecken. Alle Daten werden von der Wada überwacht.‘ Die Welt-Anti-Doping-Agentur sieht das gänzlich anders, am Dienstag entzog sie dem Dopingkontroll-Labor in Moskau vorläufig die Akkreditierung, dort dürfen nun weder Urin- noch Blutproben analysiert werden. Es hätte diesen Beweis nicht gebraucht, um klar zu machen, dass die Wada nichts auf Mutkos Wort gibt. Sie hat ihre Gründe. Seit 2008 ist der 56-Jährige Sportminister des Landes, seit 2009 auch Mitglied der Fifa-Exekutive, was ja in diesen Tagen auch nicht unbedingt ein Siegel für uneingeschränktes Vertrauen ist“ (Rilke, Lukas, Das große Ausmisten, in spiegelonline 10.11.2015). – „In Bedrängnis bringt der Bericht auch Witali Mutko, Russlands Sportminister. (…) Damit ist der Fall auch bei der Fifa angekommen. Mutko ist Vize-Präsident und OK-Chef der WM 2018. Die Ethikkommission der Fifa prüft bereits. Bei der internen Fifa-Untersuchung waren die Russen mit der billigen Ausrede davongekommen, dass ihre Computer nicht mehr vorhanden seien. Die neuen Forderungen der Wada-Kommission wies Russland übrigens als politisch motiviert zurück“ (Fritsch, Oliver, Spiller, Christian, Leichtathletik: Dagegen ist der Fifa-Skandal ein Witz, in zeit.de 10.11.2015). – „Mutko nannte den (Pound-)Bericht einen politischen Anschlag und behauptete, wenn bei den Olympischen Spielen 2012 in London gedopte Russen am Start gewesen sein sollten, sei dies zuerst das  Versagen der britischen Doping-Kontrollen“ (Reinsch, Michael, Eine Botschaft an Russland, in faz.net 14.11.2015).

Putins Sport-Minister
„Die Wada solle sich gefälligst an Fakten halten, wetterte Witalij Mutko in einer ersten Erklärung, die sein Ministerium verbreiten ließ. Es gebe einen großen Unterschied zwischen Informationen, die die Medien verbreiteten, und bewiesenen Tatsachen. Auslöser für die Ermittlungen war ein Film gewesen, den die ARD im vergangenen Dezember ausstrahlte und in dem Sportler von systematischem Doping in Russland berichteten. (…) Der Sportminister Witalij Mutko vereint so viele Funktionen auf sich, dass er fast ganz allein einen Klüngel bilden kann. Er ist Chef des russischen Fußballverbandes, Chef des russischen Organisationskomitees für die Fußball-WM 2018 und Mitglied in den Exekutivkomitees von Uefa (europäischer Fußballverband) und Fifa (Fußball-Weltverband). (…) Er ist einer der letzten, die noch zu Sepp Blatter halten“ (Hans, Julian, zu gut, in SZ 12.11.2015). Mutko begann als Matrose, war später mit dem St. Petersburger Bürgermeister Anatolij Sobtschak befreundet. „Zu Sobtschaks Mannschaft gehörte auch Wladimir Putin, der Mutko mit nach Moskau nahm, wo er ihn beim Präsidentschaftswahlkampf 2000 unterstützte“ (Ebenda). Nur scheinbar ruderte Mutko später zurück und erklärte: „Wenn es Fragen oder Vorschlage der Wada, der IAAF oder des IOC in dieser Hinsicht gibt, dann sind wir bereit, unser Labor wieder akkreditieren zu lassen, es zu reformieren oder auch einer neue Anti-Doping-Agentur zu schaffen“ (Sportminister will neues Anti-Doping-System aufbauen, in spiegelonline 13.11.2015).
Welches Labor will Mutko wohl akkreditieren lassen? Das Vorprüf-Labor Nr. 1) vom Geheimdienst, das harmlose Nr. 2 mit den Persilscheinen, oder vielleicht ein ganz Neues, Nr. 3 – mit ganz neuen Tricks?

Der russische Patient
Kommissionsleiter Richard Pound hatte vorgeschlagen, den russischen Leichtathletikverband für die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio zu sperren. „Pound hatte die Verbannung mit einer Operation verglichen, der sich der schwerkranke Patient Russland unterziehen müsse, gefolgt von einer langen Reha. Die russischen Funktionäre sahen aber gar nicht ein, sich überhaupt eine Krankheit einzugestehen. Wadim Zelischenok, Chef des russischen Leichtathletik-Verbandes, sprach von einer ‚Verschwörung‘, Rusada-Vorstand Nikita Kamaew von ‚Nonsens‘. Sportminister Witalij Mutko, der die Zerstörung von Dopingproben angeordnet haben soll, hatte kürzlich zur SZ gesagt: ‚Wir haben alle denkbaren Maßnahmen ergriffen, um unsere Anti-Doping-Politik zu verschärfen, wir arbeiten da eng mit der Wada und dem IOC zusammen.‘ IAAF-Präsident Sebastian Coe teilte sanft mit, er werde das Council dazu drängen, einen Ausschluss zu ‚erwägen‘. Coe hat das Council, die Regierung der Leichtathletik, für Freitag einberufen, aber ob er dort eine Mehrheit für einen Bannspruch zusammenkratzen kann, gilt als unsicher“ (Knuth, Johannes, Patient wehrt sich, in SZ 11.11.2015). – „Walentin Balachnitschew, offiziell zurückgetretener Präsident des russischen Leichtathletik-Verbandes Araf, kündigte an, vor den internationalen Sportgerichtshof Cas zu ziehen“ (Chef vom russischen Anti-Doping-Labor tritt zurück, in spiegelonline 11.11.2015).

– Russische Sport-Gelder
Die IAAF und der russische Leichtathletik-Verband wollen 2016 in Kasan die Junioren-WM ausrichten. Ein Sponsor der IAAF ist die russische, staatsnahe VTB-Bank; sie wird „zu 60,9 Prozent vom russischen Staat gelenkt wird. Und damit wohl auch von Putin“ (Ebenda). Am 12.11.2015 war es soweit: Die VTB-Bank „teilte mit, dass sie den Weltverband IAAF demnächst nicht mehr unterstützen werde. Das habe aber nichts mit den Doping-Enthüllungen zu tun. Der Vertrag laufe demnächst halt aus“ (Knuth, Johannes, Zahmes Biest, in SZ 13.11.2015).
Dazu kommt als Sponsor der Fußball-WM 2018 (und des deutschen Bundesligisten FC Schalke 04) der Staatskonzern Gazprom. „IOC-Präsident Thomas Bach lässt sich gerne mit Putin blicken, bei den Winterspielen in Sotschi prosteten sie sich mit Champagner zu, kurz darauf überfielen russische Soldaten die Krim. Kaum überraschend, dass die Reaktion des IOC am Montag den Keim der Verharmlosung in sich trug. Sie sprach von ‚Athleten und ihrem Gefolge‘, nicht von staatsimmanentem Betrug, und vor allem müsse man die sauberen Athleten schützen“ (Ebenda).

– Putin lässt sprechen
Dimitri Peskow, Sprecher von Staatschef Wladimir Putin, richtete am Dienstag aus, die unabhängige Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada habe leider vergessen, ihren Aufsatz über systemisches Doping in der russischen Leichtathletik mit Beweisen anzureichern. Deshalb sei die Geschichte für den Kreml ‚eher gegenstandslos‘. Es gibt Hinweise darauf, dass Peskow seine Ausführungen tatsächlich ernst meinte; zumindest war es der vorerst einzige Versuch der russischen Regierung, den 335 Seiten prallen Bericht vom Montag zu kommentieren. Jenen Bericht also, der an Fakten und Details über systemischen Betrug überquillt. Und den Richard Pound, Chef der Untersuchungskommission, am Montag als ’staatlich gesponsertes Doping‘ klassifizierte“ (Knuth, Johannes, Patient wehrt sich, in SZ 11.11.2015).

Sport-Staat Putin-Russland
Zu dieser kriminellen Energie kommt der Druck vom Staat: “Der Bericht spricht zudem von ‘direkter Beeinflussung des russischen Staates bei den Moskauer Laborprozessen’. Agenten des russischen Geheimdiensts FSB sollen die Labore in Moskau und während der Winterspiele 2014 in Sotschi überwacht und ein ‘Klima der Einschüchterung’ verbreitet haben. Staatliche Eingriffe waren derart verbreitet, so Pound, dass Witali Mutko, der russische Sportminister, unmöglich nichts von all dem habe wissen können; Mutko soll sogar angeordnet haben, Proben zu vernichten” (Ebenda). – “Wie das Beispiel Russland zeigt. Trainer setzen Sportler unter Druck und fungieren als Drogendealer. Die Cheftrainer, Mediziner und Verbandsbosse fördern dieses System. Die vermeintlichen Dopingbekämpfer schützen es. In Russland war der Chefmediziner des Verbandes, Sergei Portugalow, ein Dopingdealer, der auch für die Athleten Pläne zur effizienten Einnahme von Medikamenten erstellte und sogar selbst die Spritzen setzte. Außerdem war er eine zentrale Figur, wenn es darum ging, die Sportler unter dem Radar der internationalen Kontrollsysteme zu halten. Wer bezahlte, blieb sauber. Dafür sorgte Portugalow zusammen mit dem Direktor des Moskauer Labors, Gregori Rodschenko. Dieser ersetzte den Urin von Dopern durch saubere Wässerchen oder liess Tests fehlerhaft durchführen. Seine Unverfrorenheit zeigte sich im Dezember 2014, als die Wada eine Kontrolle das Labors ankündigte. Rodschenko räumte nach eigenen Worten ein wenig auf – und zerstörte 1417 Dopingproben” (Geisser 9.11.2015).
Zur Erinnerung: Wladimir Putin forderte im Oktober 2015 von der UN eine Resolution zur “Ent-Politisierung” des Sports (Back in Russia, Bach speaks out against political boycotts, in usatoday.com 21.10.2015).
“Entpolitisierung des Sports”: Das ist doch super! Putin müsste z. B. seinen Sportminister von direkten Eingriffen in die Dopingpolitik abziehen und seine FSB-Geheimdienstmannen sofort aus den Labors zurückziehen!
Einige Ergebnisse über die Verhältnisse im russischen Leistungssport: “Die Untersuchung zeigt, dass die Akzeptanz von Betrug auf allen Ebenen und seit Längerem verbreitet ist” (SID, Die wichtigsten Ergebnisse der Wada-Untersuchung, in SZ  10.11.2015). Unethisches Verhalten wurde zur Norm; Medaillen werden finanziell ausgebeutet. Athleten, die nicht am Staatsdoping teilnehmen wollten, wurden nicht nominiert. Es hat systematischen Dopingbetrug bei den russischen Sportlern gegeben. Russische Ärzte und Laborpersonal ermöglichten in Kooperation mit den Trainern systematischen Dopingbetrug. Es gab Korruption und Bestechung bis hinauf in höchste Ebenen. Deshalb empfiehlt die Kommission: 1. Ausschluss des russischen Leichtathletik-Verbandes aus dem Weltverband. 2. Entzug der Akkreditierung für das Moskauer Anti-Doping-Labor. 3. Ausschluss russischer Leichtathleten durch das IOC, bis der Verband regelkonform mit dem Wada-Code ist. 4. Lebenslanger Ausschluss der betrügerischen russischen Funktionäre (Ebenda).

Wird Russland ausgeschlossen?
Joachim Mölter
in der SZ: “Die Wada hat ja bloß die Möglichkeit, die Empfehlung ihrer Kommission an die IAAF und das Internationale Olympische Komitee (IOC) weiterzuleiten; nur die können Sanktionen um- und durchsetzen. (…) Wird sich die IAAF, wird sich das IOC trauen, einen Verband aus einem so großen und mächtigen Reich einfach rauszuwerfen? (…) Bach ist ja nicht von einer breiten Öffentlichkeit gewählt worden, sondern von einer kleinen Kaste ähnlich gesinnter Funktionärsveteranen. Und wie das Beispiel des ehemaligen IAAF-Chefs und aktuellem IOC-Ehrenmitglieds Lamine Diack zeigt, scheint ein Großteil dieser Veteranen eher persönliche Interessen zu verfolgen als moralische Werte und Standpunkte zu verteidigen” (Mölter, Joachim, Papier und Praxis, in SZ 10.11.2015). Mölter befürchtet, dass – wie bei US-Banken, Russland too big to fail sein wird.
Wetten dass … das IOC und die IAAF gar nicht daran denken, Russland rauszuwerfen?

Russland-Doping 2015: Zwischenbilanz
Rücktritte russischer Leichtathletik-Sportfunktionäre: Präsident Leichtathletikverband, Valentin Balachnitschew; Cheftrainer Valentin Maslakow; Geher-Trainer Viktor Tschjogin; Leiter des Wada-Labor Moskau, Gregori Rodschenkow;
Gesperrte Leichtathletik-Sportler im November 2015: Marathonläuferin Maria Konowalowa, Hammerwerferin Maria Bespalowa, Geher Jewgeni Nuschtajew, Läufer Wlas Bredichin, Läufer Jaroslaw Cholopow (Fünf russische Leichtathleten gesperrt, in spiegelonline 5.11.2015; Hans, Julian, Zu gut, in SZ 12.11.2015).

Stimmen zum russischen Doping- und IAAF-Skandal
– Aus einem Kommentar von Claus Dieterle in faz.net: “„Das hat es noch nie gegeben: Dass eine Ermittlungskommission der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) den Ausschluss eines ganzen Verbandes fordert. Wenn es nach der Empfehlung der Wada vom Montag ginge, würde Russland aufgrund schwerer Verfehlungen seine Mitgliedschaft im internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) verlieren, das Kontrolllabor in Moskau müsste dicht gemacht, dessen Direktor abgelöst, der russische Leichtathletik-Verband von Grund auf erneuert werden – genau wie die russische Anti-Doping-Agentur (Rusada). Dagegen nimmt sich die lebenslange Sperre von fünf Athleten sowie fünf Trainern auf Lebenszeit noch harmlos aus. Und im Grunde wirft die Kommission den Russen sogar Staatsdoping vor, mit dem russischen Sportminister Witali Mutko als Chef-Manipulateur an der Spitze.” (Dieterle, Claus, Jetzt sind Bach und Coe gefragt, in faz.net 9.11.2015).
– Aus einem Kommentar von Joachim Mölter in der SZ: “Legt man die jüngsten Erkenntnisse aus der Leichtathletik zugrunde, dämmert das Bild eines furchterregenden Systemzwangs herauf, in den Athleten heutzutage geraten: Um als Profis Geld zu verdienen, sind sie fast genötigt, mit unerlaubten Mitteln nachzuhelfen, für die sie bei skrupellosen Ärzten, Trainern und sonstigen Hintermännern bezahlen müssen. Und wenn sie dann mal erwischt werden, zahlen sie an nicht minder korrupte Funktionäre dafür, dass man sie laufen lässt, indem Beweise unter Verschluss gehalten werden. Es ist das Übel des modernen Sportbetriebs, dass immer mehr Geld ins Spiel kommt, durch Sponsoren, durchs Fernsehen. Wo aber viel Geld ist, sind auch viele Geier, und wo viele Geier kreisen, muss für gewöhnlich etwas sterben. In diesem Fall ist es der Sport” (Mölter, Joachim, Zeitalter der Aufklärung, in SZ 9.11.2015).
– Aus einem Beitrag von Oliver Fritsch und Christian Spiller in zeit.de: „Doch was die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) da am Montag in einem dicken Bericht veröffentlicht hat, hat eine neue Dimension. Spitzenfunktionäre des Weltleichtathletikverbands IAAF haben sich in Kooperation mit dem russischen Staat von Dopingbetrügern dafür bezahlen lassen, dass Testergebnisse vertuscht werden. Mehr als 1.400 Proben sollen zerstört worden sein. In Moskau gab es ein Schattendopinglabor, das zwecks Vertuschung vorsortierte. (…) Und Olympia ist betroffen. Leichtathletik ist die Kernsportart der Sommerspiele. Viele Ergebnisse von London 2012 sind entwertet. Gleiches gilt für Sotschi 2014, die Spiele Putins. Er ist einer der mächtigsten Männer im Weltsport. Und wie Diack und Coe ein Verbündeter des IOC-Präsidenten Thomas Bach. Die IAAF und das IOC können nun sehen, wohin es führt, wenn man sich solchen Leute an den Hals wirft“ (Fritsch, Oliver, Spiller, Christian, Leichtathletik: Dagegen ist der Fifa-Skandal ein Witz, in zeit.de 10.11.2015). Und Fritsch und Spiller stellen sich eine sehr naheliegende Frage zum Supersportler der Leichtathletik: „Was würde ein kriselnder Sport alles tun, um eine positive Dopingprobe ihres Superstars Usain Bolt unter Verschluss zu halten?“ (Ebenda).
Robin Schembera, deutscher 800-Meter-Läufer, beschrieb über Facebook den Zustand der Leichtathletik: „Tief verwurzelte Betrugskultur, Ausbeutung von Athleten, Betrug durch Athleten, Beteiligung von Ärzten, Trainern und Laborpersonal an Dopingbetrug, Korruption und Bestechung innerhalb der IAAF“ (zitiert nach: Dreis, Achim, „Es geschieht…: Nichts“, in faz.net 10.11.2015). Schemberas Schlussfolgerung: „Ich wage einen Blick in meine private Glaskugel und sage voraus: Es geschieht… Achtung, Trommelwirbel: NICHTS!“ (Ebenda).
Ralf Wiegand in sueddeutsche.de: „Nein, die große Vertrauens- und Glaubwürdigkeitskrise des Sports scheint auf in den Vorgängen um den Leichtathletik-Weltverband und das russische Doping-System, das die Welt-Anti-Doping-Agentur gerade beschrieben hat. Dieser Skandal ergießt sich wie ein zäher Brei aus Korruption, Staatsdoping, Erpressung und Kontrollversagen in den Sport. (…) Man könnte sagen: Na und? Es gibt ein Leben ohne Sepp Blatter, es wird eines ohne Wolfgang Niersbach geben, es gab eines ohne Tour de France im Fernsehen, nachdem sich der Radsport mit seinem System-Doper Lance Armstrong zerlegt hatte. Es wird eines ohne russische Leichtathleten geben, falls sie für alle Wettbewerbe gesperrt werden. (…)
Akzeptiert der Verband das Ausmaß des Skandals, muss er Russland bannen und sich von einem großen Markt verabschieden. Tut er es nicht, muss sich etwa eine Stadt wie Hamburg fragen, ob sie wirklich Olympische Spiele veranstalten will, deren Kernsport diese Leichtathletik ist“ (Wiegand, Ralf,  Wie verkommen der Spitzensport ist, in sueddeutsche.de 11.11.2015; Hervorhebung WZ).
Fritz Sörgel, deutscher Anti-Doping-Experte: “Die Leichtathletik ist im Moment sicher die Sportart, die es am schwersten haben dürfte, wieder Vertrauen herzustellen. Insofern haben sie die Radfahrer da abgelöst” (Hans, Julian, zu gut, in SZ 12.11.2015).

– Der merkwürdige Mr. Reedie
Hauptberuflich ist Craig Reedie eigentlich Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. „Der hatte vor einem Jahr zwar Pounds Kommission auf die russische Leichtathletik angesetzt, dem Vernehmen opponierte er intern aber gegen eine derartige Mission. Die Daily Mail hatte zudem enthüllt, dass Reedie im Sommer sanfte E-Mails an Witalij Mutko schickte, den russischen Sportminister: Man werde schon nichts ausgraben, was die Partnerschaft zu Russland beeinträchtigt, beteuerte Reedie. Die Wada-Kommission stellte in ihrem Bericht nun pikiert fest: ‚Derartige Zusicherungen wurden gegeben, bevor die Vorwürfe gegen Russland überhaupt untersucht werden konnten.‘ Was Reedie jetzt, in einem Interview mit der New York Times, gar nicht leugnet. Er bedauert vor allem, dass die E-Mail in die Öffentlichkeit gezerrt wurde. Was die Frage aufdrängt: Welche Rolle spielt der Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur lieber: Kontrolleur oder Beschützer des Sports? (…) Die Wada, schrieb der Guardian zuletzt, habe sich „in ein zahmes Biest verwandelt, gefesselt von ihrer Verfassung und ihrem Budget“. Zuletzt nahm die Agentur 26 Millionen Dollar jährlich ein, ein kümmerlicher Betrag, um ein weltumspannendes Netz gegen Dopingtäter zu knüpfen. Andererseits hängt sie an den Gremien des Sports; Reedie, seit 2013 Präsident, ist auch Vizepräsident im Internationalen Olympischen Komitee und Vertrauter Thomas Bachs (Knuth, Johannes, Zahmes Biest, in SZ 13.11.2015; Hervorhebung WZ). – „Wenn die beiden russischen Whistleblower, Top-Läuferin Julia Stepanowa und Witali Stepanov, Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur, den Umweg über das deutsche Fernsehen – ‚Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht‘ – gehen müssen, weil sie offenbar auf kein großes aufklärerisches Interesse beim Wada-Präsidenten und Mutkin-Freund (Mutko/Putin? WZ) Craig Reedie stießen, dann zeigt es, dass auch in dieser Organisation nicht alles zum Besten steht“ (Dieterle, Claus, Jetzt sind Bach und Coe gefragt, in faz.net 9.11.2015).

– Lord Wiesel. Joachim Mölter schrieb in der SZ:, dass IAAF-Präsident Sebastian Coe 2000 in den Adelsstand erhoben wurde – nebst Sitz im Oberhaus. „Auf dessen gepolsterten Sesseln macht es sich der 59-Jährige sicher lieber bequem, als auf harten Stühlen herumzurutschen wie dem, auf dem er am Montagabend Fragen des Journalisten Jon Snow vom Fernsehsender Channel 4 beantworten sollte. Vor allem eine: ‚Haben Sie während Ihrer Arbeit gepennt, oder sind Sie korrupt?‘ Das klingt unverschämt, zumal einem Lord gegenüber. Doch diese Respektlosigkeit hat sich Coe verdient als Vizepräsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF von 2007 bis 2015 und neuerdings als dessen Präsident“ (Mölter, Joachim, Der kleine Lord Wiesel, in SZ 11.12.2015).) Die britische Zeitung Independent bezeichnete Coes Auftritt als „weasel words“ (Ebenda). „Doch weder von Diacks erpresserischen Machenschaften, noch von Russlands organisiertem Doping will Sebastian Coe jemals etwas mitbekommen haben. (…) Außer der IAAF steht Coe seit 2012 auch dem britischen Olympia-Komitee vor. Er sitzt im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), wo er die Nähe zu Präsident Thomas Bach pflegt. (…) Sebastian Coe ist nicht qualifiziert für die Aufgabe, die olympische Kernsportart Nummer eins aus dem Sumpf zu ziehen, in dem sie gerade zu versinken droht“ (Ebenda; Hervorhebung WZ).

– Deutsche Sportler gegen IAAF-Skandal. „Am Mittwoch begrüßte die Athletenkommission des Dachverbands DOSB die Wada-Empfehlung, Russlands Leichtathleten auszuschließen. Und zuvor hatte eine andere Bayer-Athletin, die zweimalige Olympiasiegerin im Hochsprung, Ulrike Nasse-Meyfarth, 59, den Weltverband vor vollendete Tatsachen gestellt. Sie verzichtete auf die ihr angetragene Aufnahme in die Hall of Fame (HoF) der IAAF. (…) Nasse-Meyfarth begründete den Verzicht mit den kriminellen Machenschaften des früheren IAAF-Chefs Diack und in der russischen Leichtathletik. ‚Da kann man doch nicht mitgehen (in die Hall), das ist unterste Schublade‘, sagte sie der SZ (Gernandt, Michael, Verschmähte Ruhmeshalle, in SZ 12.11.2015). Diack hat 2012 die Hall of Fame der IAAF eröffnet, in der auch durchaus dopingverdächtige Sportler wie der US-Amerikaner Carl Lewis, die Deutsche Marita Koch und die Chinesin Wang Junxia Platz fanden (Ebenda).

IAAF suspendiert Russland – vorerst. Sportminister Mutko will dies bis zu dem Olympischen Spielen 2016 bereinigt wissen. Hochsprungtrainer Jewgeni Saagorulko gab sich uneinsichtig: „Hier wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen“ (Russlands Sportminister beschwichtigt, in spiegelonline 14.11.2015).
Hinter den Kulissen läuft mit Sicherheit zwischen IAAF und Putin-Sport-Russland längst das Zulassungsprocedere der russischen Leichtathleten für Rio 2016!

– Bach: Russland auf “gutem Weg”! IOC-Präsident Thomas Bach besuchte das Treffen der europäischen Olympischen Komitees in Prag und berichtete, “er habe ein gutes Gespräch mit Alexander Schukow, dem Chef des russischen Olympischen Komitees, geführt” (SID, Schnelle Strafen, in SZ 21.11.2015). Laut Schukow sollen alle am Doping Beteiligen zur Verantwortung gezogen werden.
Da würde es leer werden in der Aschenbahn! Interessant: Niemand spricht mehr von unrichtigen Anschuldigungen gegenüber Russland – da war wohl die Beweislage zu erdrückend.
“Gedopte Athleten würden nach den Standards internationaler Anti- Doping-Regeln bestraft. Zudem würden sich die russische nationale Anti-Doping-Agentur, das Anti-Doping-Labor in Moskau sowie der nationale Leichtathletik Verband dem Wada-Code unterwerfen. ‘Wir haben das mit großer Zufriedenheit registriert’, sagte Bach” (Ebenda).
Das russische Doping-White-Washing ist im vollem Gang.
Dazu passt, dass der Präsident des European Olympic Comittee (EOC), der einschlägig bekannte Patrick Hickey, Russland schon die Generalabsolution erteilte – dabei ist der Wada-Bericht über das systematische russische Dopingsystem gerade einmal zwei Wochen bekannt. “Er wolle russische Athleten bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro sehen, sagte Hickey laut der russischen Nachrichtenagentur Tass in Prag… Es sei an der Zeit für das EOC, das Nationale Olympische Komitee Russlands zu unterstützen” (Becker, Christoph, Europa-Spiele 2019 finden in Russland statt, in fazt.net 20.11.2015). Hickey zum russischen System-Doping: “Ich glaube, dass Russland zukünftig in einer Führungsrolle vorangehen kann” (Trotz Dopingskandal: Russland soll Europaspiele 2019 ausrichten, in zeit.de 21.11.2015).
Dazu aus einem Kommentar von Thomas Kistner in sueddeutsche.de: “Die klarste Reaktion aber steuert Leichtathletik-Chef Wadim Selitschenok bei, der die böse Welt-Anti-Doping-Agentur Wada gern zurückstutzen würde: ‘Niemand bestreitet, dass sie sehr wichtig ist. Aber mir scheint, dass sie zu viele Vollmachten bekommen hat.’ (…) Wer einen IOC-Vize wie den Doping-Verharmloser Craig Reedie an der Wada-Spitze und einen weiteren Abkömmling der alten Funktionärsschule, Sebastian Coe, an der Spitze der globalen Leichtathletik weiß, braucht nicht zu befürchten, dass die Milliardenindustrie mit der (naturgemäß weithin manipulierten) Körperleistung auf Dauer Schaden nimmt durch die Russen-Affäre. Zur Sicherheit hat Bach erklärt, dass sein IOC nicht die Autorität hätte, Russland von den Spielen auszusperren. Warum auch? Das IOC ist nur Besitzer der Spiele. Es wird also noch allerlei Theater fürs Publikum aufgeführt, bevor, kurz vor Beginn der Rio-Spiele 2016, die Entwarnung vom IOC kommt: Russlands Sport hat sich selbst gereinigt – wir heißen Putins porentief saubere Athleten willkommen!” (Kistner, Thomas, Wie viel Ulm mit Moskau gemein hat, in sueddeutsche.de 20.11.2015).

– Russland auf noch besserem Weg! Zur Belohnung für das raffinierte Dopingsystem mit doppeltem Anti-Doping-Labor von Putin-Russland soll der Doping-Staat die European Games 2019 bekommen – mit den Austragungsorten Sotschi und Kasan. Nachdem Diktator Ilham Alijev aus Aserbaidschan im Jahr 2015 die Erstauflage der European Games austragen durfte, ist nun Putin-Russland 2019 dran. Patrick Hickey: “Russland ist weiterhin der bevorzugte Partner des EOC für die European Games 2019″ (Trotz Dopingskandal: Russland soll Europaspiele 2019 ausrichten, in zeit.de 21.11.2015).
Vorschlag für die European Dictator Games 2023: Kasachstan, Turkmenistan, Usbekistan…
Im Ernst: Es ist schon so unglaublich wie vorhersagbar, mit welcher Chuzpe das IOC und Internationale Sportverbände über den Wada-Bericht zum russischen System-Doping hinweggehen und die Szene wie IOC-Präsident Thomas Bach gesundbeten nach dem Motto: Null Toleranz (gegenüber den Kritkern des IOC-Dopingssystems).

Doping-Nation Russland. Zum Thema des gezielten russischen Doping-Systems äußerte der Dopingexperte des WDR, Hajo Seppelt: “Es ist ein Ereignis von sporthistorischem Ausmaß. Es wurde ein System offengelegt, das sich über Jahrzehnte aufrechterhalten hat, und bis in die Zeit der Sowjetunion zurückgeht. (…) In der Leichtathletik geht es hingegen um einen klaren Eingriff in die Integrität des sportlichen Wettbewerbs. Korruption erreicht die Laufbahn. Nehmen wir die Olympischen Spiele in London 2012: Dort waren gedopte Sportler am Start, die sich ihren Platz durch die Unterstützung der IAAF gesichert hatten. Die IAAF hat Startplätze an Doper verkauft. Sportler haben gewonnen, die nie hätten antreten dürfen. Der sportliche Wettbewerb wurde verfälscht, gebilligt vom Weltverband. So lautet der Vorwurf. Das ist gravierender als jeder Fifa-Skandal. (…) Für Russland hingegen liegen die Dinge viel schwerer. Da ist nachweislich gegen fast alles bei der Dopingbekämpfung verstoßen worden, was man sich vorstellen kann. Zum Beispiel gab es neben dem offiziellen Labor noch ein zweites Untergrundlabor, was parallel dazu Proben vorgeprüft oder manipuliert haben dürfte. Athleten haben Kontrolleure bestochen oder wurden gar nicht erst getestet. Eine der erfolgreichsten Sportnationen der Welt hat die Öffentlichkeit jahrelang getäuscht. (…) Ideal wäre jetzt ein eindeutiges Signal an Russland und die gesamte Sportwelt. Wer wie Russlands Leichtathleten die Regeln in diesem Ausmaß verletzt, darf nicht an Olympia teilnehmen. Ich sehe aber bereits jetzt so viele Hintertürchen aufgehen, durch die Russland zu gerne spazieren würde. (…) Olympia ohne Russland will der deutsche IOC-Chef Thomas Bach nicht, das will der IAAF-Chef Sebastian Coe nicht, und das will Wladimir Putin nicht” (Scheler, Fabian, Hajo Seppelt: “Die IAAF hat Startplätze an Doper verkauft”, in zeit.de 22.11.2015).

Wada-Bericht keine zwei Wochen her: schon wird Russland rehabilitiert. „Das IOC verfügt leider über ‚keine Autorität‘ (Bach), den russischen Verband zu sperren oder von seinen schönen Olympischen Spielen fernzuhalten. Na dann. Die Frage, die die Dopingaffäre in Russland in diesen Tagen aufwirft, ist ja schon eine spannende: Sollte man einen Verband, der systematisch betrügt, nicht auch systematisch, sprich: jahrelang sperren, wie einen Dopingtäter? Oder gibt unser Wertesystem eine derartige Kollektivstrafe nicht her? (…) Russlands Sportminister Witalij Mutko hat die Kronzeugen Witali und Julia Stepanow, die das verrottete System entblößten, am Sonntag als ‚Denunzianten‘ tituliert. Das fasst den Reformwillen des russischen Sports ganz gut zusammen. Sollten sie dafür mit einem Olympia-Startrecht belohnt werden, Kollektivstrafe hin- oder her, verschütten die Macher des Weltsports die letzten Tropfen an Glaubwürdigkeit“ (Knuth, Johannes, Schrecklich nette Familie, in SZ 16.11.2015).
Die Glaubwürdigkeit von IOC, IAAF etc. ist längst dahin.

– Aus einem Kommentar von Michael Reinsch in faz.net: „Wenn das kein Blitzstart ist: Kaum sind die Vorwürfe gegen die russischen Leichtathleten und ihre Komplizen bestätigt, scheint das russische Team schon auf dem Weg zu den Olympischen Spielen in Rio zu sein – trotz Ausschlusses aus dem Welt-Verband. Vor fast einem Jahr noch hatte der offizielle Teil der Leichtathletik-Welt das Offensichtliche bestritten: Videoaufnahmen von russischen Sportlerinnen, die über Doping-Substanzen sprechen, russische Trainer, die Medikamente zum Kauf ausbreiten, Überweisungen von Bestechungsgeld, auf denen bekannte Namen zu lesen sind. Die Bilder sendete im Dezember 2014 die ARD. Der Bericht einer Untersuchungskommission bestätigt nun die Vorwürfe. Keine Woche später, nach der fast zwangsläufigen Suspendierung der Russen, scheinen Aufräumen, Neubeginn und die freudige Rückkehr der russischen Athleten nur mehr Formsache zu sein. (…) Der russische Verbandspräsident Valentin Balachnitschew, der von seinen Ämtern zurücktreten musste, als seine Korruption bekanntwurde, gab anlässlich der WM in Peking nicht nur den Finanzbericht, als wäre er immer noch Schatzmeister des Weltverbandes. Er nahm sogar Siegerehrungen vor. Bis heute ist Balachnitschew führendes Mitglied des Russischen Olympischen Komitees. Sein Komplize Lamine Diack, der von Dopern Hunderttausende Dollar kassierte, um sie zu decken, ist bis heute Ehrenpräsident des Verbandes“ (Reinsch, Michael, Fehlstart, in faz.net 16.11.2015).

– Was Günter Younger berichtet. Das Mitglied in der Pound-Kommission zum russischen System-Doping und langjähriger Leiter  des Drogendezernats von Interpol äußerte im SZ-Interview u. a.: „Die Athleten und Trainer, die in der ARD-Dokumentation genannt worden sind, haben gewusst, dass wir auf sie zukommen werden, die konnten sämtliche Beweise vernichten. (…) Für mich als Polizist war es überraschend, wie arrogant dann teilweise mit uns umgegangen worden ist. Nach dem Motto: Es wird schon nichts passieren. (…) Vereinzelt wurde sogar weiter gedopt, während wir dort waren. Bei der Gruppe von Viktor Tschegin (ehemaliger Trainer der Geher) wurde Equipment für Bluttransfusionen gefunden, das steht auch im Bericht. (…) Die Betrugskultur zu entwurzeln, wird Jahrzehnte dauern. (…) wenn ich lese, dass die Wada mit 26 Millionen Dollar pro Jahr auskommen muss, während das IOC Milliarden einstreicht – da hoffe ich, dass die Agentur aufgerüstet wird. Und dann müssen sie als Erstes nach Kenia laufen, ganz schnell. (…) Uns war wichtig, dass Personen wie Diack von der Justiz belangt und nicht nur von irgendeiner Ethikkommission für 80 Tage gesperrt werden. Die eine Nacht, die der im Gefängnis  verbracht hat, wird Eindruck hinterlassen haben. Was ich schlimm finde, ist, dass der Betrug bis zu den Athleten in den Wettkampf hineinreichte, dass Doper sich freikaufen konnten. Da habe ich kein Verständnis mehr“ (Alle Zitate: Knuth, Johannes, „Man kann viele Skandale einfach aussitzen“, in SZ 25.11.2015).

– „Putins schmutzige Sportarmee“ (1): „Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs. Aber sie ist riesig. Der Chefmediziner des russischen Leichtathletikverbandes hat für ungezählte Sportler Pläne für effizientes Doping erstellt, er war als Dealer von verbotenen Substanzen tätig, und er setzte gern auch mal selbst eine Spritze. Die Trainer arbeiteten mit ihm Hand in Hand und entschieden darüber, wer mit Doping an die Spitze vorstossen durfte. Korrupte Dopingkontrolleure halfen bei der Vertuschung, und notfalls wurde im Antidoping-Labor Urin ausgetauscht, manipuliert oder einfach weggeschüttet. Und es gab ein zweites, klandestines Labor, in dem vor grossen Wettkämpfen Sportler darauf überprüft wurden, ob von ihnen verwendete Substanzen auch wirklich nicht mehr nachweisbar waren. Wenn all das nur die Spitze des Eisbergs bildet – wie gross muss dann der Eisberg sein? Unvorstellbar“ (Geisser, Remo, Gertsch, Christof, Donath, Klaus-Helge, Putins schmutzige Sportarmee, in nzz.ch 16.11.2015).

– „Putins schmutzige Sportarmee“ (2): Der Sportminister Witali Mutko soll selbst die Vertuschung von Dopingfällen angeordnet haben, die vom Staat finanzierte Antidoping-Behörde Rusada half kräftig mit. (…) Dass dem russischen Regime zur Erreichung seiner Ziele alle Mittel recht sind, gilt nicht nur für den Sport. Aber auch für den Sport. Denn der Sport ist als propagandistisches Mittel Teil einer Kriegsführung. Jeder Spitzensportler ist zurzeit ein Putin-Soldat. Er verteidigt Russlands Interessen gegen einen eingebildeten Feind an einer imaginierten Front. (…). Sportminister Witali Mutko, der im Zusammenhang mit der Untersuchung zum Doping in der Leichtathletik beschuldigt wird, selbst die Vertuschung von Fällen angeordnet zu haben, sitzt in den Exekutiven der beiden Fussballverbände Fifa und Uefa, er war OK-Präsident der Leichtathletik-WM 2013 in Moskau, und er leitet nun die Organisation der Fussball-WM 2018. Von Interessenkonflikten redet niemand mehr, seit Putin wieder alle Macht in seinen Händen hat“ (Geisser, Remo, Gertsch, Christof, Donath, Klaus-Helge, Putins schmutzige Sportarmee, in nzz.ch 16.11.2015).

– Bachs „Plan A“: Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), empfing am Samstag (14.11.2015; WZ) in Lausanne den Chef-Aufräumer des russischen Sports, Alexander Schukow, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees. Beide gaben sich optimistisch, dass bis August 2016, bis zu den Sommerspielen an der Copacabana, die Vorwürfe, welche die russische Leichtathletik und damit auch die Olympischen Spiele belasten, ausgeräumt sein und der Verband rehabilitiert sein sollte. (…) Weniger als 24 Stunden vor dem Treffen von Bach und Schukow war der russische Verband am Freitagabend von der IAAF vorläufig ausgeschlossen worden; er darf keine Athleten mehr zu internationalen Veranstaltungen melden. Nie zuvor ist ein Leichtathletikverband so schwer bestraft worden“ (Reinsch, Michael, Bis Rio rehabilitiert, in faz.net 16.11.2015).

– Mutkos „Plan B“: „Gleichzeitig stellte der russische Sportminister Witalij Mutko Plan B vor. Saubere russische Athleten könnten demnach, wenn sich das Großreinemachen als zeitraubender als erwartet erweisen sollte, statt unter der russischen unter der Fahne Olympias in Rio antreten“ (Reinsch, Michael, Bis Rio rehabilitiert, in faz.net 16.11.2015).

– Verharmloser Reedie. Thomas Kistner in der SZ: „Die klarste Reaktion aber steuert Leichtathletik-Chef Wadim Selitschenok bei, der die böse Welt-Anti-Doping-Agentur Wada gern zurückstutzen würde: ‚Niemand bestreitet, dass sie sehr wichtig ist. Aber mir scheint, dass sie zu viele Vollmachten bekommen hat.‘ Das sind die Leute, die für Russlands Neuanfang stehen. (…) Wer einen IOC-Vize wie den Doping-Verharmloser Craig Reedie an der Wada-Spitze und einen weiteren Abkömmling der alten Funktionärsschule, Sebastian Coe, an der Spitze der globalen Leichtathletik weiß, braucht nicht zu befürchten, dass die Milliardenindustrie mit der (naturgemäß weithin manipulierten) Körperleistung auf Dauer Schaden nimmt durch die Russen-Affäre. Zur Sicherheit hat Bach erklärt, dass sein IOC nicht die Autorität hätte, Russland von den Spielen auszusperren. Warum auch? Das IOC ist nur Besitzer der Spiele“ (Kistner, Thomas, Immer weiter so! in SZ 20.11.2015).

– Der kanadische Anwalt Richard H. McLaren, Mitglied der Pound-Untersuchungskommission, im Interview zum russischen Staats-Doping: „Ich dachte also, dass ich die dunkle Seite des Sports kenne und mich nichts mehr schockieren würde. Das kann ich seit der Untersuchung gegen die russischen Sportverbände nicht mehr sagen. Der Umfang des Betruges ist gigantisch, viel schlimmer, als wir erwartet haben. Weil alle mitgemacht haben. Trainer, Sportler, Funktionäre und sogar Mediziner, die einen Eid geschworen haben, zu heilen. (…) So setzten zum Beispiel Mitglieder des russischen Geheimdienstes Mitarbeiter eines Labors unter Druck, damit die positive Dopingtests von Topathleten vertuschten. Ein Labor zerstörte absichtlich über 1400 Dopingproben. Aber am schlimmsten war die Korruption“ (Kraft, Alexandra, „Die Olympischen Spiele 2012 waren komplett verseucht“, in stern.de 27.11.2015). . (…) Und auf die Frage nach dem Ausmaß des Doping-Betruges in London sagte McLaren: „Die Spiele waren komplett vergiftet. Betrügerische Athleten konnten starten und haben Medaillen gewonnen. Andere die fair und hart trainiert hatten, bekamen nichts. Für mich ist dieses Vorgehen ein schmerzhafter Angriff auf den Kern des Sports. Doping zerstört jeden Wettkampf. (…) Die Show der Russen war perfekt. Vieles passiert ja im Land selbst. Sie behaupteten, so viele Tests wie sonst niemand auf der Welt zu machen. Im Hintergrund investierten sie viel Geld in Vortests oder Bestechung und Manipulation in Labors. Aus der Ferne, konnte man glauben, Russland verhalte sich vorbildlich. Als wir nun die Chance bekamen, genauer hinzuschauen, sagen wir, dass alles ein gigantischer Betrug ist“ (Ebenda).

– Gesamte Rusada-Führung abgetreten. „Nach dem aufsehenerregenden Skandal in der russischen Leichtathletik ist die Spitze der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada geschlossen zurückgetreten. ‚Alle vier Top-Funktionäre, inklusive des geschäftsführenden Direktors Nikita Kamajew, haben ihre Ämter aufgegeben‘, sagte eine Rusada-Sprecherin der französischen Nachrichtenagentur AFP. Dazu gehört auch der Generaldirektor Ramil Chabrijew, der bereits in der vergangenen Woche seinen Rücktritt erklärt hatte. Der Rückzug der übrigen Rusada-Führung soll bereits zuvor erfolgt sein. Zur Nachfolgerin Chabrijews war Anna Anzeliowitsch ernannt worden“ (Gesamte Rusada-Führung tritt zurück, in spiegelonline 17.12.2015).
Zum plötzlichen Tod von Nikita Kamajew siehe Nachtrag 10!

IAAF-Skandal: Bestechungsgeld kam laut Diack von Putin direkt. „Lamine Diack, der aus dem Senegal stammende ehemalige Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, hat französischen Ermittlern gegenüber zugegeben, während seiner Amtszeit ‚die Augen zugedrückt zu haben beim Doping von russischen Leichtathleten‘ und dafür finanzielle Gegenleistungen bekommen zu haben. (…) Das Brisante an den von Le Monde zitierten Aussagen des langjährigen IAAF-Präsidenten ist, dass er behauptet, das Schmiergeld für die Vertuschung von zahlreichen Dopingfällen russischer Leichtathleten in den Jahren 2011 und später sei mehr oder weniger direkt von Russlands Regierung gekommen, also nicht vom dortigen Leichtathletikverband oder Athleten selbst, wie bislang vermutet wurde. Russlands Verbandschef Walentin Balachnitschew, der gleichzeitig IAAF-Schatzmeister war, sei quasi nur ein Mittelsmann seines Staatspräsidenten Wladimir Putin gewesen. (…) Als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees sei er bei der Bewerbung Sotschis für die Olympischen Winterspiele 2014 kontaktiert worden, schreibt Le Monde; das Ereignis war ja Putins Prestigeobjekt. Vor Olympia 2012 in London, aber vor allem vor der Leichtathletik-WM 2013 in Moskau habe Russland zudem darauf hingewirkt, dass die Ergebnisse von positiven Dopingproben nicht bekannt wurden. Die IAAF sei für ihr Stillhalten auch mit Sponsorenverträgen und dem Kauf von TV-Rechten kompensiert worde“ (Pakt mit Putin, in SZ 19.12.2015). – „Die Frage ist, wie weit das  alles geht. Hat Diack Bestechungsgeld aus Russland angenommen, weil er im Auftrag Putins die Präsidentenwahl im Senegal beeinflussen sollte? Das hat er offenbar bei seinen Vernehmungen behauptet“ Bidder, Benjamin, Hacke, Detlef, In der Unterwelt, in Der Spiegel 3/16.1.2016).
Dazu Thomas Kistner in sueddeutsche.de: „Lamine Diack, bis August 16 Jahre lang Boss des Weltverbandes IAAF, soll im November bei polizeilichen Vernehmungen die Annahme von Schmiergeld eingeräumt und neben Russlands Verband die Politik im Kreml und im Senegal schwer belastet haben. (…) Übereinstimmend berichten in Frankreich die Tageszeitung Le Monde und die Nachrichtenagentur AFP, dass laut Diack 1,5 Millionen Euro aus Russland in den Präsidentschaftswahlkampf Senegals 2012 geflossen seien. (…) Diacks Beitrag in dem angeblich Ende 2011 ausgeheckten Deal soll darin bestanden haben, dass er positive Dopingtests russischer Athleten vertuschen ließ. Der langjährige IAAF-Antidopingchef Gabriel Dollé hat Mauscheleien nach dem Prinzip Geld gegen Betrugsvertuschung schon gestanden. Bezeichnend für die Sportwelt: Dollé, der 190 000 Euro kassiert haben soll, galt im Weltsport bis vor kurzem noch als hochrenommierter, führender Kopf der Dopingbekämpfung. Nun soll er ‚Spielsucht‘ eingeräumt haben. (…) Als Drahtzieher des Komplotts wird der ehemalige russische Verbandschef Walentin Balachnitschew benannt, der damals auch IAAF-Schatzmeister war. Er habe ‚alles organisiert‘, wird Diack zitiert – was Balachnitschew sogleich zurückwies. (…) Sollte Diack im Polizeiverhör tatsächlich eine Spur in den Kreml gelegt haben, wo er so hoch dekoriert worden war, würde das ein noch trüberes Licht auf andere chronische Doping-Problemfelder des globalen Spitzensports werfen“ (Kistner, Thomas, Spur in den Kreml, in sueddeutsche.de 20.12.2015). –  „Aus einer E-Mail an Diack gehe hervor, dass weitere Beschäftigte der IAAF eingeweiht waren und bis zu 50.000 Euro einsteckten“ (Reinsch, Michael, Geld für Wahlkampf im Senegal?, in faz.net 18.12.2015).

– Coes Büroleiter belastet. Nick Davies war 2013 stellvertretender Generalsekretär der IAAF und ist seit der Wahl Sebastian Coes 2015 sein Büroleiter. „Wie die französische Zeitung ‚Le Monde‘ berichtet, soll Nick Davies, damals stellvertretender Generalsekretär sowie Kommunikationsdirektor und mittlerweile Büroleiter des neuen Präsidenten Sebastian Coe, 2013 in einer E-Mail die verspätete Veröffentlichung von russischen Dopingfällen gefordert haben. ‚Le Monde‘ veröffentlichte Auszüge der E-Mail, dessen Inhalt Davies dort selbst als ’sehr geheim‘ bezeichnet. Wenige Wochen vor der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Moskau (10. bis 18. August 2013) soll Davies an den Marketing-Berater Papa Massata Diack, Sohn des unter Korruptionsverdacht stehenden ehemaligen IAAF-Präsidenten Lamine Diack, geschrieben haben, dass die WM in Moskau ein Erfolg werden müsse. ‚Wenn die Schuldigen nicht starten, dann können wir auch warten, bis die Wettbewerbe zu Ende sind und sie dann veröffentlichen'“ (Neue Vorwürfe gegen Coes Büroleiter, in spiegelonline 22.12.2015).

– „Provisorischer Rücktritt“. Am 22.12.2015 legte Nick Davies sein Amt „provisorisch“ nieder – was immer das heißen mag (Büroleiter des Leichtathletik-Weltverbandes lässt Amt ruhen, in spiegelonline 22.12.2015). Seine Email vom 19.8.2013 – zwei Wochen vor Beginn der Leichtathletik-WM in Moskau -, von Le Monde zitiert, ist aufschlussreich: „Lieber Papa, ich glaube, wir sollten Folgendes tun. Das alles muss strikt geheim bleiben“ (Knuth, Johannes, Sebastian Coe rutscht in den Doping-Sumpf,  in SZ 23.12.2015).
Mit dem in der Email genannten „Papa“ ist Papa Massata Diack gemeint, der Sohn des damaligen IAAF-Präsidenten Lamine Diack. „Mittlerweile wird er verdächtigt, im Auftrag seines Vaters beim russischen Verband Geld eingetrieben zu haben. Im Gegenzug soll das Anti-Doping-Ressort der IAAF Dopingfälle verschleppt haben“ (Ebenda). – „Die E-Mail vom 19. August 2013, veröffentlicht von der französischen Zeitung Le Monde und dem britischen Sender BBC, malt die Konturen des Betrugs innerhalb der IAAF so deutlich aus wie selten zuvor. Nick Davies hat die E-Mail verschickt; sie legt nahe, dass er seit mindestens 2013 von Missständen in der IAAF wusste und überlegte, wie man sie verschleiern könnte. Davies war damals Pressechef der IAAF; als Coe nun zum Präsidenten gewählt wurde, machte er Davies zu seinem Büroleiter“ (Ebenda). Die IAAF hätte also längst vor der WM in Moskau die Doper sperren können bzw. müssen. Gegen Geldzahlungen konnte Putin-Russland dies bei der korrupten IAAF-Führung vermeiden.

ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt zum Fall Sebastian Coe/Nick Davies: „Die IAAF sagt grundsätzlich, dass sie einer der Weltverbände ist, die am aktivsten gegen Doping kämpfen. Das ist eine Mär. Sebastian Coe war damals Vize-Präsident, ist heute Präsident. Er sollte damals herangezogen werden über seine Promotionsfirma CSM. Sie sollte helfen, eine Kampagne zu entwerfen gegen britische Medien, die über die russischen Dopingfälle berichtet hatten. (…) Generell ist der Anti-Doping-Kampf von Sebastian Coe nicht glaubwürdig, wofür es mehrere Gründe gibt. Er hat beispielsweise die Berichterstattung der ARD und der Sunday Times zur Blutdatenbank der IAAF mit vielen verdächtigen Blutwerten als Kriegserklärung an seinen Sport bezeichnet“ (Seppelt: „Coes Anti-Doping-Kampf ist nicht glaubwürdig“, in sportschau.de 23.12.2015). Und zu Coes Umgang mit dem russischen Whistleblower-Ehepaar Vitaliy und Yuliya Stepanow äußerte Seppelt: „Die beiden leben nun aus Furcht vor Repressalien versteckt, haben keine Perspektive, keine Jobs und kein Geld. Coe hat es noch nicht einmal für nötig befunden, sich bei ihnen zu bedanken oder sonst mit ihnen zu sprechen. (…) Dass Coe die Whistleblower im Regen steht lässt, ist ein Skandal“ (Ebenda).

Aus einem Kommentar von Michael Reinsch zum IAAF-Präsidenten Sebastian Coe: „Willful blindness ist eine böse Diagnose. (…) Diese absichtliche Blindheit attestierte Paul Farrelly, Member of Parliament, vor drei Wochen Sebastian Coe. Da hatte dieser behauptet, niemals auch nur gerüchteweise von den Manipulationen in der Anti-Doping-Abteilung des Verbandes gehört zu haben, dessen Vizepräsident er acht Jahre war. Coe will niemals geahnt zu haben, dass Lamine Diack, sein Vorgänger als Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes (IAAF), durch und durch korrupt war. Nun stellt sich heraus, dass ausgerechnet der Mann seit Jahren eingeweiht war, den Coe zu seinem engsten Mitarbeiter gemacht hat. (…) Coes Haltung ist nicht nur ein sträflicher Mangel an Neugier, sondern kaum mehr als ein Haarbreit von Lüge und Betrug entfernt. Sie macht einen Neubeginn unmöglich. Zumal die Leichtathletik im Gegensatz zum Fußball selbst in der Krise steckt. Die Fifa mag von Korruption beherrscht sein; sie wirkt lediglich wie ein Parasit, den das schöne Spiel mühelos ernährt. Die Leichtathletik aber, auf dem Weg vom Kern der Olympischen Spiele zu einer Randsportart, ist im Kern verraten und missbraucht worden“ (Reinsch, Michael, Doctor Jekyll und Lord Coe, in faz.net 23.12.2015).
Aus einem Kommentar von Johannes Knuth in der SZ: „Ein Fifa stand für die maximalmögliche Menge an Schweinereien. An der Fifa wurden alle anderen Sportverbände gemessen: fast so schlimm wie die Fifa, noch nicht ganz so schlimm, in Zügen so schlimm. Oder jüngst, im Fall des Welt-Leichtathletikverbands: mindestens so schlimm, womöglich noch schlimmer. (…) Jene IAAF, der Bericht vom Donnerstag lässt keinen anderen Schluss zu, muss sich selbst einer ähnlichen Therapie unterziehen. Sie kann – wie der russische Patient – ihre Probleme nicht länger verneinen, sie muss ihre Strukturen überholen und dafür die Führung austauschen. Und diese Behandlung muss beim englischen Patienten ansetzen, bei Sebastian Coe“ (Knuth, Johannes, Englischer Patient, in SZ 15.1.2016).

Nachtrag 1: „IAAF schlimmer als bei Fifa
Richard Pound stellte Anfang Januar 2016 fest, dass die Betrugs- und Korruptionsaffäre bei der IAAF „noch schlimmer“ als im Fußball-Weltverband Fifa sind. Er kündigte die Fortsetzung der Untersuchung seiner Kommission zum Skandal in der Führungsriege der IAAF am 14.1.2016 in München an und warf Sebastian Coe vor, zu wenig gegen Korruption und Doping zu tun (SID, „Drecksäcke“, in SZ 9.1.2016). Die Ethikkommission der IAAF hatte am 7.1.2016 drei IAAF-Funktionäre lebenslang gesperrt: den ehemaligen russischen Verbandspräsidenten und IAAF-Schatzmeister Walentin Balachnitschew, den Cheftrainer der russischen Athleten, Alexej Melnikow und Papa Diack, den Sohn desa langjährigen IAAF-Präsidenten Lamine Diack und langjährigen IAAF-Marketingberater (Drei Mal lebenslang gesperrt, in SZ 8.1.2016). – „Dollé, Lamine Diack, Vater von Papa und Vorgänger Coes, sowie Habib Cissé, Diacks Anwalt, wurden zudem im November von französischen Behörden verhaftet. Pikant ist nun jedenfalls, was russische Funktionäre dem Ethik-Gremium steckten. Demnach hatte die IAAF den Betrug in ihrem Anti-Doping-Ressort seit 2011 institutionalisiert. Diacks Anwalt soll Blutpässe russischer Athleten federführend überwacht haben. Schlug das System aus, soll Cissé in mindestens sechs Fällen Geld von betroffenen Athleten erpresst haben. Angeblich waren auch Sportler aus der Türkei und Marokko betroffen“ (Ebenda). Diacks Anwalt Gabriel Dollé erhielt fünf Jahre Sperre (Gernandt, Michael, Der Abgrund des Eisbergs, in SZ 13.1.2016).

Nachtrag 2: Pound rudert zurück – oder wird zurückgerudert?
Aber Pound war am 14.1.2016 in München kräftig zurückgerudert – oder zurückgerudert worden. Nur die Wahl von Tokio 2020 geriet ins Zwielicht. Aus einem Beitrag von Thomas Kistner in der SZ: „Und Pound, Gründungspräsident der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, geriet selbst unter Druck. Neues zum Pharmabetrug präsentierte er kaum, die Kernteile des Berichts waren bereits vorab publik geworden; die einzige wirklich heiße Spur führt zur Olympia-Vergabe 2020 nach Tokio. Dafür wirkten Pounds Versuche bizarr, sich schützend vor den englischen Funktionärskollegen Sebastian Coe an der IAAF-Spitze zu werfen. (…) Denn befürchtet wird auch, dass hohe IAAF-Vertreter von Beschlüssen profitierten, Weltmeisterschaften an bestimmte Städte zu vergeben. Auch Olympia habe diese Korruption betroffen: Aus Mitschriften gehe hervor, dass die Türkei Diacks diskrete Hilfe im Bewerbungsprozess um die Spiele 2020 verloren habe, nachdem sie sich weigerte, einen Sponsorbetrag ‚von vier bis fünf Millionen Dollar‘ für die Diamond League oder die IAAF durchzureichen. Das Geld habe laut Gesprächsprotokollen dann Japan gezahlt. Tokio erhielt den Zuschlag für die Sommerspiele 2020“ (Kistner, Thomas, Auch die Olympia-Wahl beeinflusst, in SZ 15.1.2016). – „In Chicago konstatiert der führende Sportkommentator Phil Hersh ‚eine surreale Kehrtwende‘, die New York Times fragt: ‚Was hat die Wada mit Pound gemacht?‘ Die Wada? Oder das IOC, dessen Alterspräsident Pound ja ist? Der Kommissionschef hatte sogar von ‚Drecksäcken‘ im Kontext der Russland-Affäre gesprochen. Zu IAAF-Präsident Sebastian Coe hatte er befunden, der habe ‚lange Gelegenheit gehabt, das Problem anzugehen‘. Und im Report äußert sein Stab Unverständnis, dass das IAAF-Council vom Treiben der Diack- Clique ’nichts mitgekriegt‘ haben will. (…) So wirkt der Umgang mit der Russland-Affäre wie eine verdeckte Rettungsaktion für das olympische Milliardengeschäft in Rio. Wozu passt, dass Pound auch den gesperrten Russen, die bisher keine Einsicht zeigen, die Tür weit offenhält; er hält die Zeit bis Sommer für ausreichend, um ein staatlich gepuschtes Dopingsystem in Putins Reich zu säubern. So lautete die Münchener Botschaft der Aufklärer: Coe bleibt IAAF-Boss, und Russland ist in Rio dabei“ (Kistner, Thomas, Alte Freunde, in SZ 16.1.2016).

Nachtrag 3: IAAF wusste längst davon
„Diack, so der Vorwurf, hat über Jahre positive Blutdopingtests vor allem russischer Athleten verschwinden lassen und die überführten Sportler trotzdem an den Großveranstaltungen wie den Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften teilnehmen lassen. Im Gegenzug dafür ließ er sich sein Verschweigen bezahlen. Schon 2009 soll die IAAF Kenntnis vom Doping in der russischen Leichtathletik gehabt haben. Das will die Nachrichtenagentur AP erfahren haben und beruft sich auf internen Mail- und Briefverkehr im Weltverband. Unternommen wurde nichts. Im Gegenteil: Funktionäre sollen eng mit den russischen Verantwortlichen kooperiert haben, um alles zu tun, damit die Dopingsünder an den Sommerspielen in London 2012 teilnehmen konnten“ (Ahrens, Peter, Das Regime der Drecksäcke“, in spiegelonline 13.1.2016). – „Die Kommission attestierte der IAAF einen ‚kompletten Zusammenbruch‘ ihrer Führungsstrukturen. Für die dubiosen Vorgänge rund um den ehemaligen Präsidenten Lamine Diack könne ‚keine kleine Zahl von Tätern verantwortlich gemacht werden'“ (Korruption gehört jetzt offiziell zur Leichtathletik, in spiegelonline 14.1.2016).

Nachtrag 3: Die Rolle von Putin-Russland
„In dem Bericht wird offenbar auch die Rolle von Russlands Präsident Wladimir Putin beleuchtet, dessen Freundschaft mit Ex-IAAF-Präsident Lamine Diack bei ‚Deals‘ hinsichtlich der Dopingvorwürfe förderlich gewesen sein soll. Diack soll zudem einen befreundeten Anwalt mit der Abwicklung sämtlicher Dopingfälle, die russische Athleten betreffen, beauftragt haben – obwohl dieser nur wenig Erfahrung mit Dopingangelegenheiten hatte. In dem Report wird laut AP darauf hingewiesen, dass der Preis der TV-Rechte für die Leichtathletik-WM 2013 für den russischen Markt plötzlich von 6 auf 25 Millionen Dollar angewachsen sein soll. Das Geld wurde demnach von einer russischen Bank zur Verfügung gestellt. Der Deal soll von Papa Massata Diack, dem Sohn von Lamine Diack, und dem ehemaligen Chef des russischen Leichtathletik-Verbands, Walentin Balachnitschew, ausgehandelt worden sein“ (Leichtathletik-Chef soll von Dopingfällen gewusst haben, in spiegelonline 14.1.2016).

Nachtrag 4: Adidas zieht sich zurück
„Der Sportartikelhersteller Adidas beendet einem Bericht der BBC zufolge seine Zusammenarbeit mit dem Leichtathletik-Weltverband. Wie die BBC berichtete, habe das Unternehmen die IAAF darüber informiert, vorzeitig aus dem noch vier Jahre laufenden Sponsoringvertrag aussteigen zu wollen. Damit ziehe Adidas die Konsequenzen aus dem die Leichtathletik derzeit erschütternden Doping- und Korruptionsskandal, wie die BBC schreibt. (…) Adidas ist einer der wichtigsten Sponsoren des Leichtathletik-Weltverbandes. Laut BBC wurde der Sponsorenvertrag im November 2008 auf elf Jahre geschlossen und hat ein Volumen von umgerechnet 7,4 Millionen Euro jährlich“ (Adidas zieht sich offenbar als Sponsor aus Leichtathletik zurück, in spiegelonline 25.1.2016).
Dazu aus einem Kommentar von Christian Teevs in spiegelonline: „Ab dieser Saison überweist der Konzern Manchester United jeweils 94 Millionen Euro in den kommenden zehn Spielzeiten. Der FC Bayern bekommt immerhin 60 Millionen Euro im Jahr. Auch der Vertrag mit dem DFB dürfte deutlich teurer werden als 25 Millionen Euro, die Adidas dem Vernehmen nach bislang jährlich zahlt. Angesichts dieser Summen und der Ausrichtung des Konzerns scheinen die IAAF-Skandale eine willkommene Gelegenheit zu sein, sich aus der Leichtathletik zurückzuziehen. Knapp 30 Millionen Euro könnte Adidas so bis 2019 sparen“ (Teevs, Christian, Ein richtig verlogener Schritt, in spiegelonline 25.1.2016).

Nachtrag 5: Hat Katar die WM 2019 gekauft?
„Neue Korruptionsvorwürfe belasten den Leichtathletik-Weltverband IAAF. Das Emirat Katar soll sich die Ausrichtung der WM 2019 erkauft haben. Das will der Chef des Weltverbands von anderen Funktionären erfahren haben. Dem krisengeschüttelten Leichtathletik-Weltverband IAAF droht offenbar weiterer Ärger. Die Ethikkammer könnte in Kürze die Vergaben der Weltmeisterschaften 2017 an London und 2019 an Doha untersuchen. Das deutete Ed Warner, Präsident des britischen Verbandes UK Athletics, bei einer Sitzung des Ausschusses für Kultur, Medien und Sport im britischen Parlament an. (…) Warner berichtete nun, dass ihm im November 2011 in Monaco am Rande der WM-Vergabe für 2017 berichtet wurde, dass Vertreter aus Katar ‚braune Umschläge voller Bargeld‘ verteilt hätten. Namen wollte der Engländer in diesem Zusammenhang nicht nennen“ („Braune Umschläge voller Bargeld“, in spiegelonline 26.1.2016).

Nachtrag 6: Wie Coe gefördert wurde
„In Paris ermittelt die Staatsanwaltschaft, Coes Amtsvorgänger Lamine Diack darf das Land nicht verlassen. Interpol jagt Diacks Sohn, der jahrelang das Marketinggeschäft der IAAF betreute. Die Mitwisserschaft der Funktionäre ist also klar ausformuliert. Nur Coe will der olympische Sport ein notorisches Nichtwissen bescheinigen; samt der Kompetenz, den jahrelang mitverwalteten Augias-Stall auszumisten. (…) Im Sommer 2015 gewann Coe mit 115:92 Voten. Zuvor waren die britischen Botschaften gebeten worden, pro Coe auf IAAF-Mitglieder einzuwirken. In einem Telegramm von Außenminister Philip Hammond am 21. Mai 2015 heißt es: ‚Wir bitten alle Stellen, für Lord Coe zu werben.‘ Dies sei ‚eine wichtige Berufung für das Vereinigte Königreich, und er hat die persönliche Unterstützung des Premierministers'“ (Kistner, Thomas, Ritzer, Uwe, „Die Art Dinge, die man besser privat regelt“, in SZ 26.1.2016).

Nachtrag 7: Was wusste Coe wirklich?
„Sebastian Coe ist als Präsident des Skandal-geplagten Leichtathletik-Weltverbandes IAAF im Zuge der Vergabe der WM 2017 weiter unter Druck geraten. Wie die englische Zeitung ‚Daily Mail‘ berichtet, soll Coe kurz vor der Abstimmung im November 2011 in Monaco den britischen Verband UK Athletics gewarnt haben, dass Mitbewerber Katar ‚braune Geldumschläge‘ verteilt habe. Coe, der damals IAAF-Vize war, hat stets bestritten, von Korruption innerhalb des Verbandes gewusst zu haben. Wie das Blatt berichtet, gebe es zwei Zeugen der Unterredung Coes mit den britischen Verantwortlichen im Fairmont Hotel in Monaco“ (Coe soll von Bestechungsversuchen gewusst haben, in spiegelonline 29.1.2016).

Nachtrag 8: Drei IAAF-Funktionäre klagen vor dem Cas
Der frühere Präsident des russischen Leichtathletikverbandes (und IAAF-Schatzmeister) Valentin Balachnitschew, der frühere russische Cheftrainer Alexej Melnikow und der Sohn von Lamine Diack, Papa Massata Diack, wurden am 7.1.2016 vom IAAF-Ethikkommission suspendiert. Sie klagen nun dagegen (DPA, SID, Sperren angefochten, in SZ 2.2.2016).

Vergleiche auch: Doping Russland

Nachtrag 9: Leichtathletik-WM 2006 und Stuttgart
Im Dezember 2004 verhandelte die Stadt Stuttgart mit Papa Massata Diack um den „IAAF World Cup 2006“: „Die Wunschliste des Verhandlungspartners war lang: 16 800 Dollar für ein Trainingszentrum in Jamaika. 84 900 Dollar für ein noch zu bauendes Geschäftsquartier des afrikanischen Leichtathletikverbands. 35 000 Dollar für eine karibische Trainervereinigung. 40 000 Dollar für ‚VIP-Geschenkpakete‘, darunter ‚wertvolle Uhren‘ der Marken Ebel, Rolex und Mont Blanc. 25 000 Dollar für Stipendien für Athleten an US-Universitäten. Und jeweils 78 000 Dollar an ‚Unterstützungen‘ für Wettkämpfe und ‚Reisehilfen‘.(…) Der Mann mit der Wunschliste war laut einem Bericht des englischen Senders Sky News der langjährige IAAF-Marketingberater Papa Massata Diack, seine Verhandlungspartner waren Vertreter der Stadt Stuttgart. Und Helmut Digel, damals Vizepräsident der IAAF. (…) Papa Diack traf demnach Digel und Vertreter Stuttgarts im Dezember 2004 im Mövenpick-Hotel am Stuttgarter Flughafen. Kurz darauf übermittelte Diack seine Wunschliste: Gaben im Wert von 365 439 Euro. Sollten die Stuttgarter damit ihre Bewerbung anreichern, könnte das die Counci-Mitglieder wohlstimmen, die über den Ausrichter abstimmen würden, so Diack. Er schlug auch einen Ort vor, wo die Deutschen vor der Wahl Lobbyarbeit betreiben könnten (‚Presence in Doha, Qatar for 12 nights, total budget 25 000 Dollar‘). Ach ja, ließ Diack wissen, und sein Honorar belaufe sich auf 600 000 Dollar. Stuttgart verzichtete, verlor die Abstimmung (gegen Athen) – und richtete stattdessen das weniger prestigeträchtige Saisonfinale aus“ (Kistner, Thomas, Knuth, Johannes, Stuttgarter Schulterzucken, in SZ 12.2.2016).

Nachtrag 10: Herzprobleme bei zwei Zeugen – mysteriöse (?) Todesfälle
„Zwei Monate nach seinem Rücktritt im Zuge des großen Dopingskandals ist der frühere Geschäftsführer der russischen Anti-Doping-Agentur (Rusada), Nikita Kamajew, im Alter von nur 52 Jahren verstorben. Todesursache sei vermutlich ein Herzinfarkt, teilte sein ehemaliger Arbeitgeber mit. Kamajew war im Dezember zusammen mit anderen Verantwortlichen der Rusada zurückgetreten, nachdem ein Report der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) schwere Verfehlungen in der Leichtathletik und Verstöße gegen die Vorschriften festgestellt hatte. (…) Dem Vernehmen nach soll Kamajew erwogen haben, ein Buch über die Historie des Dopings in Russland zu schreiben, und sich diesbezüglich schon an westliche Journalisten gewandt haben. Aus dem Umfeld des Verstorbenen ist zu vernehmen, dass es zuletzt sogar Drohungen gegen ihn gegeben haben soll. Kamajews Tod kam überraschend. Noch am Samstag sei er wohlauf gewesen, berichten Personen, die mit ihm zu tun hatten. (…) Bei Kamajew handelt es sich bereits um den zweiten Todesfall eines früheren Rusada-Funktionärs binnen weniger Wochen. Anfang Februar war Wjatscheslaw Sinew, der die Organisation von ihrer Gründung 2008 bis 2010 geleitet hatte, gestorben. Die Todesursache wurde nicht genannt. Aus Moskau hieß es, Sinew habe bekanntermaßen mit Herzproblemen zu kämpfen gehabt“ (Tod mit 52, in SZ 16.2.2016). – „Nikita Kamajew, als Chef der russischen Anti-Doping-Behörde Rusada lange eine Schlüsselfigur in dem falschen Spiel, wollte ein paar Geschichten aus dem Maschinenraum der Medaillenproduktion erzählen. Jetzt ist er tot, mit 52. Angeblich Herzversagen. Junge, durchtrainierte Athleten werfen massenweise ein Herzmedikament (Meldonium; WZ) ein, weil sie sich davon die entscheidenden Hundertstelsekunden versprechen – und derjenige, der über den Wahnsinn mal reden wollte, als Kronzeuge, dessen Herz hört plötzlich zu schlagen auf. Griffiger kann man den Zustand des Sports kaum zusammenfassen. Der Sport ist herzkrank“ (Catuogno, Claudio, Wer’s glaubt, in SZ 19.3.2016).

Nachtrag 11: Kenia nicht zu Rio 2016?
„Kenia, die stolze Laufnation, könnte demnächst von den olympischen Leichtathletik-Wettbewerben im Sommer in Rio de Janeiro ausgeschlossen werden. Seit längerem sprudeln schlechte Nachrichten aus dem Land, 40 positive Dopingfälle seit 2012 zum Beispiel, und in diesen Tagen hat der schmutzige Sog nochmals an Kraft gewonnen. Zuletzt häuften sich Berichte über Korruption im Verband, über Geld, das an Funktionäre floss statt an Athleten. Am Dienstag sperrte die Ethik-Kommission des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF Isaac Mwangi, Geschäftsführer von AK, für ein halbes Jahr. Mwangi soll von den Athleten Joy Sakari und Koki Manunga jeweils rund 21 000 Euro gefordert haben, um drohende Sperren zu reduzieren; beide waren bei der WM in Peking erwischt worden. (…) Die IAAF-Ethiker empfingen zuletzt ein halbes Dutzend anonyme Hinweise, dass Kenias Verband Geld von überführten Dopingtätern erpresse. Ein Insider erzählt auf Anfrage von Listen mit kenianischen Dopingtätern, die im Dickicht der Korruption verschwanden; manch prominenter Athleten sei noch aktiv. Der kanadische Läufer Reid Coolseat, der sich in Kenia zuletzt für den Olympia-Sommer vorbereitete, berichtete auf Twitter von einem abenteuerlichen Dopingtest, abgesegnet von der IAAF. Er sei am Vorabend von den Testern benachrichtigt worden, sich am nächsten Morgen in Eldoret einzufinden. Als er dort eintraf, nach einstündiger Fahrt, traf er ‚viele olympische Medaillengewinner‘, die auch benachrichtigt worden waren; sie alle hätten Zeit gehabt, um illegale Substanzen im Körper zu verschleiern“ (Knuth, Johannes, Anruf vom Kontrolleur, in SZ 24.2.2016).

Nachtrag 12: Deutsche 1500-Meter-Läuferin Diana Sujew erhält vier Jahre später Bronzemedaille
„Über den Nachrichtendienst Twitter erfuhr die 25-Jährige, dass sie nachträglich die Bronzemedaille gewonnen hat bei der Europameisterschaften in Helsinki – die war vor vier Jahren. Weil drei Athletinnen nachträglich wegen Dopings gesperrt wurden. (…) Die Siegerin Asli Cakir Alptekin, die später Gold bei den Olympischen Spielen in London gewann, wurde 2015 wegen Unregelmäßigkeiten im Biologischen Pass gesperrt. Genauso wie die vierplatzierte Russin Jekaterina Ischowa. Sujew war in den Ergebnislisten deswegen schon bis auf den vierten Platz vorgerückt – bis am Donnerstag auch noch der Ukrainerin Anna Mishchenko ihre Medaille von 2012 wegen Dopings aberkannt wurde“ (Mühlbach, Alexander, Vier Jahre Verspätung, in SZ 26.2.2016).

Nachtrag 13: Olympia-Vergabe 2016 und 2020 unter Verdacht
„Im Korruptionsskandal um den ehemaligen Präsidenten des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, Lamine Diack, sind nun offenbar auch die Vergaben der Olympischen Spiele 2016 und 2020 ins Visier der französischen Ermittlungsbehörden geraten. Dies berichtete die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Quellen aus der Justiz, die damit einen entsprechenden Bericht der englischen Tageszeitung ‚The Guardian‘ bestätigten. Untersucht werden soll dabei die Rolle von Diack, der von 1999 bis 2013 Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) war. Bereits in den vergangenen Monaten hatte es Hinweise darauf gegeben, dass sich ein mögliches Fehlverhalten Diacks nicht nur auf die Leichtathletik beschränkt haben könnte. (…) Unter anderem hatte es im Bericht der unabhängigen Wada-Untersuchungskommission geheißen, dass Istanbul, Bewerberstadt für Olympia 2020, die Unterstützung Diacks verlor, weil die Türkei keinen Sponsorendeal in Millionenhöhe abschloss. Grundlage ist das Transkript eines Gesprächs zwischen türkischen Vertretern und einem Sohn von Diack. Letztendlich bekam Tokio den Zuschlag. Bereits im Januar hatte der ‚Guardian‘ aus einer E-Mail von Diacks Sohn Papa Massata zitiert, die im Verlauf des Bewerbungsprozess für 2016 insgesamt sechs damalige IOC-Mitglieder mit ’speziellen Geschenkpaketen‘ in Verbindung bringen könnte“ (Ermittlungen gegen Olympia-Vergaben 2016 und 2020, in spiegelonline 1.3.2016).

Nachtrag 14: Nun Äthiopien-Doping
„Der Leichtathletik droht im Olympia-Jahr der nächste Dopingskandal. Gleich neun äthiopische Sportler stehen einem Bericht der Nachrichtenagentur AP zufolge unter dem Verdacht, ihre Leistungen mit verbotenen Substanzen manipuliert zu haben. Darunter sollen fünf ‚Top-Athleten‘ sein, wie der Generalsekretär der nationalen Anti-Doping-Agentur, Solomon Meaza, mitteilte. Deren Namen sowie weitere Details wollte er nicht preisgeben. Aus Äthiopien kamen in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Weltklasse-Langstrecken- und Marathonläufer. (…) Äthiopien wäre nach Russland und Kenia das nächste Land, das von einem offenbar sehr weitreichenden Dopingskandal in der olympischen Kernsportart erschüttert wird“ (Neun Athleten aus Äthiopien unter Verdacht, in spiegelonline 1.3.2016).

Nachtrag 15: 1500-Meter-Nachrückerin bei London 2012 auch gedopt
Gamze Bulut ist als eine weitere türkische Weltklasseläuferin unter Dopingverdacht geraten. Die Olympia-Zweite über 1500 Meter von London 2012 sei durch Unregelmäßigkeiten im biologischen Pass aufgefallen, bestätigte der türkische Leichtathletikverband am Montag. (…) Die 23-jährige Bulut war Trainingspartnerin von Asli Cakir Alptekin. Diese wiederum war im vergangenen Jahr als Wiederholungstäterin für acht Jahre gesperrt worden. Außerdem wurden ihr die Goldmedaillen von London und von der EM 2012 aberkannt. Daraufhin war Bulut bei der EM in Helsinki nachträglich auf den ersten Platz gerückt“ (Olympia-Zweite unter Dopingverdacht, in spiegelonline 7.3.2016).

Nachtrag 16: Russischer „Geruch der Verwesung“
„An diesem Donnerstag will sich das Council der IAAF einer der wichtigsten Fragen des olympischen Jahres annehmen. Es wird erörtern, wie es um den Patienten steht, kurz vor den Sommerspielen im August in Rio. Eine Task Force der IAAF war zuletzt für eine Anamnese durch das Land gereist; von neuen Leuten sprachen die Russen, einer erneuerten Leichtathletik. (…) ‚Russlands Täuschungsmanöver‘, die neue Dokumentation des ARD-Journalisten Hajo Seppelt, malt nun ein völlig konträres Bild: Sie zeigt einen Patienten, der einen schweren Rückfall erlitten hat, wenn er überhaupt je auf dem Weg der Besserung war. Russische Kronzeugen berichten in geheimen Video- und Tonaufnahmen, wie suspendierte Trainer in der Provinz weiterarbeiten. (…) Die neuen Befunde zeigen, dass wohl kaum der Wind des Wechsels durch Russlands Leichtathletik weht, eher der Geruch der Verwesung. Und er lenkt den Blick erneut auf die Dopingproblematik im Weltsport. (…) Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wünscht ja, dass Russlands Leichtathleten in Rio teilnehmen, jenes IOC, in das Russlands Staatschef Putin zahlreiche Vertraute eingeschleust hat. IOC-Präsident Thomas Bach pflegt seit langem gute Beziehungen zum Kreml. Russlands vermeintlichen Wandel pries er zuletzt als ’starkes Signal’“ (Knuth, Johannes, Geruch der Verwesung, in SZ.7.3.2016).

Nachtrag 17: Meldonium-Doping in Russland
Ein neuer Film von Hajo Seppelt im WDR am 6.3.2016 zeigte, „dass sich an den russischen Dopingpraktiken trotz aller Reformankündigungen nicht viel geändert hat. Auch dem Dopingmittel Meldonium wurde in der WDR-Reportage viel Platz eingeräumt. Ein Wirkstoff, der in einigen Ländern unter dem Markennamen Mildronat bei Herzpatienten verwendet wird und der sich in Russland und anderen osteuropäischen Staaten als leistungssteigernde Substanz großer Beliebtheit erfreut. (…) Nur einen Tag nach der Ausstrahlung der WDR-Reportage. Denn wenige Stunden, bevor Marija Scharapowa auf ihrer Pressekonferenz in Los Angeles ihre positive Dopingprobe offenbarte, kam heraus, dass auch die russische Eiskunstläuferin Jekaterina Bobrowa bei den im Januar stattgefundenen Europameisterschaften in Bratislava positiv auf Meldonium getestet wurde. (…) 2005 war Scharapowa Weltranglistenerste. Auch ihre Erfolge außerhalb des Tennisfelds trugen zu ihrer großen Popularität in Russland bei. Nicht ohne Stolz wurde in den russischen Medien etwa über ihre Modeltätigkeit berichtet. Bobrowa wiederum betreibt mit dem Eiskunstlauf eine Sportart, die in Russland seit Sowjetzeiten quasi einen Heiligenstatus verleiht, in der aber auch dementsprechend Erfolge erwartet werden. Alles andere als Goldmedaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften wird in Russland nicht selten nur als Niederlage wahrgenommen. Doch Bobrowa konnte die hohen Erwartungen erfüllen – und dies auch noch vor den Augen der ganzen Nation. 2014 bei der Winterolympiade in Sotschi holte die gebürtige Moskauerin mit ihrem Partner Dimitrij Solowjow Gold“ (Dudek, Thomas, Aufgeputscht, in spiegelonline 8.3.2016).
Reaktionen auf den WDR-Bericht: „Einen Tag nach dem nächsten Tiefschlag für die Leichtathletik trudelten am Montag die üblichen Reaktionen ein: Empörung von westlichen Funktionären, Marginalisierung im betroffenen Verband, der das Lied der Selbstheilung sang. Das ist einigermaßen absurd, angesichts Beweislage und sportpolitischem Klima: Russlands Verband ist ja suspendiert, seine Athleten sind von Wettkämpfen ausgesperrt. Die Funktionäre werben wortreich darum, wieder in die Leichtathletikfamilie eingegliedert zu werden, Olympia rückt näher. Und im Hintergrund lässt der russische Verband laut ARD gesperrte Trainer weiterarbeiten. Andere nehmen per Anruf Dopingbestellungen entgegen. Und Russlands neue Anti-Doping-Chefin verabredete früher Tests mit Athleten, am Telefon. Was Mutko als ‚Regelverstöße‘ von ‚Einzelpersonen‘ herunterspielt. Rückblende: Mutko tauchte zuletzt prominent im Bericht einer Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada auf, die systemischen Betrug in Russlands Leichtathletik diagnostiziert hatte. Gesät wurde dieser Betrug laut Bericht auch von Mutko, der anordnete, ‚Dopingproben zu manipulieren‘. Der Minister bestreitet das. (…) Am Donnerstag kommt das Council des Weltverbands zusammen, es berät über Russlands Resozialisierung“ (Knuth, Johannes, Das Lied der Selbstheilung, in SZ 8.3.2016). Der russische Leichtathletik-Verband lässt laut WDR-Bericht gesperrte Trainer in der Provinz weiterarbeiten; Dopingmittel wie Testosteron, Oxandrolon und Primobolan können per Telefon bestellt werden, und die neue Leiterin der russischen Anti-Doping-Agentur, Anna Anzeliowitsch, ist durch Dopingorganisation vorbelastet (Knuth, Johannes, Geruch der Verwesung, in SZ 7.3.2016).
Es wäre doch äußerst verwunderlich und unwahrscheinlich, wenn angesichts bester Beziehungen zwischen dem Präsidenten des IOC und dem Präsidenten der Russischen Föderation die russischen Athleten bei Rio 2016 nicht antreten dürfen: sind ja immerhin noch knappe fünf Monate Resozialisierungszeit…

Nachtrag 19: Kann nichts dafür
„Zu Scharapowas Team gehört der Anwalt John Haggerty, er sagt, was er wohl sagen muss: ‚Maria hatte keine Ahnung, dass dieses Mittel auch das Potenzial zur Leistungssteigerung hat.‘ Haggerty hofft auf Milde: ‚Wir werden nun dem Tennisverband erklären, warum entweder eine kleine Strafe oder überhaupt keine Sanktionen nötig sind.‘ Gewöhnlich werden Sportler, die zum ersten Mal erwischt werden, mit einer Sperre von zwei Jahren belegt – möglich sind auch vier Jahre. Haggerty spricht dennoch von einem möglichen Freispruch: ‚Angesichts der Tatsache, dass sie das Mittel schon so lange genommen hat.‘ Freispruch, weil jemand ein Mittel besonders lange eingenommen hat? Das wäre zumindest eine neue Logik beim Sanktionieren von Dopingsündern. (…) Die ersten Sponsoren haben sich schon verabschiedet: Porsche und Nike lassen die Verträge mit ihr vorerst ruhen, der Uhrenhersteller TAG Heuer erklärte, der ohnehin ausgelaufene Vertrag werde nicht verlängert. Ein Millionenschaden, schon das. In Russland, wo sich Scharapowa de facto kaum aufhielt, hatte man sie eigentlich als Medaillenkandidatin für die Olympischen Sommerspiele im August in Rio de Janeiro eingeplant – und will diese Hoffnung auch noch nicht aufgeben. ‚Ich denke, dass Scharapowa bei Olympia spielt‘, sagte der russische Verbandspräsident Schamil Tarpischtschew. Der Positiv-Befund? ‚Das ist alles Blödsinn‘, findet Tarpischtschew“ (Schmieder, Jürgen, Der Fehler der Perfektionistin, in SZ 9.3.2016; Hervorhebung WZ).
Aus einem Kommentar von Kaus Hoeltzenbein in der SZ: „Scharapowa erklärte, dass sie dieses Präparat bereits seit 2006 genommen habe. Sie tat es angeblich auf ärztliche Anordnung. Dennoch hat sie sich nun nicht auf die Dr. Mabuses dieser Welt herausgeredet, sondern übernahm selbst die Verantwortung für das, was sich in ihrem Körper fand. Dies war der eine Teil ihrer Inszenierung in Los Angeles, der andere Teil war jener für die Tränendrüse. Scharapowa erklärte, der jahrelange Konsum von Meldonium sei notwendig gewesen, weil es in ihrer Familie einige Diabetes-Fälle gebe, hinzu käme ihre eigene chronische Grippe-Anfälligkeit. Damit rundet sich auch hier das Bild so vieler Sport-Karrieren nach dem Sündenfall: Es ist immer wieder erstaunlich, wie krank diese Leute eigentlich sind, sobald es an die Beichte geht“ (Die nächste Beichte, in SZ 9.3.2016).

Nachtrag 20: Der Kreml wiegelt – natürlich – ab
„Trotz der Reihe von Doping-Enthüllungen im russischen Sport spricht der Kreml weiter von Einzelfällen. ‚Es geht um einzelne Sportler, um einzelne Fälle‘, sagte der Sprecher von Präsident Wladimir Putin, Dmitri Peskow, am Mittwoch in Moskau. ‚Uns tut das natürlich leid. Aber man darf die Situation nicht auf den gesamten russischen Sport übertragen‘, sagte Peskow nach Angaben der Agentur Interfax. (…) Scharapowa ist nach ihrem positiven Dopingtest scharf vom Wada-Gründungspräsidenten Dick Pound kritisiert worden. Ihr Verhalten sei ‚beispiellos an Unverantwortlichkeit‘, sagte der einstige Leiter der Welt-Anti-Doping-Agentur der BBC: ‚Ihr Millionen-Geschäft beruht darauf, in der Lage zu sein, Tennis zu spielen. Und dann nimmt sie etwas, das auf der Liste steht. Das ist ein Riesenfehler, sie hätte einfach informiert sein müssen.‘ (…) In den vergangenen Tagen sind mit Markin nun sieben russische Sportler bekanntgeworden, die mit dem Mittel Meldonium gedopt haben sollen. Es sind Marija Scharapowa (Tennis), Jekaterina Bobrowa (Eistanz), Pawel Kulischnikow (Eisschnelllauf), Semjon Jelistratow (Shorttrack), Alexander Markin (Volleyball), Alexej Lowtschew (Gewichtheben) und Eduard Borganow (Radfahren)“ (Aber Putin beschwichtigt, in spiegelonline 9.3.2016). – „Der russische Sportminister Witali Mutko versicherte, das Medikament werde nicht an die Mannschaft ausgeteilt. Und Staatspräsident Wladimir Putin selbst ließ über seinen Sprecher erklären: ‚Es geht um einzelne Sportler, um einzelne Fälle’“ (Aumüller, Johannes, Hunderte Funde, in SZ 10.3.2016).
Auch der russische Außenminister mischte sich ein: „In die Dopingaffäre um das seit Jahresbeginn verbotene Präparat Meldonium hat sich nun auch Russlands Außenminister Sergej Lawrow eingeschaltet. Er erwarte von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada eine Erklärung, warum Sportler das Präparat nicht mehr nehmen dürfen, sagte er dem Moskauer Fernsehsender Ren-TV. ‚Nach einigen Jahrzehnten, in denen das Präparat sowohl von Sportlern als auch von Menschen mit Herzproblemen eingenommen werden durfte, wurde es plötzlich zu Doping erklärt. Das wirft Fragen auf‘, sagte Lawrow“ (Russlands Außenminister erwartet Erklärung der Wada, in spiegelonline 10.3.2016).
Lawrow will sich damit in die Deutungshoheit der Wada einmischen. Aber natürlich ist der Sport ist unpolitisch…
Dazu ein Kommetar von Claudio Catuogno in der SZ: „Lawrow wundert sich vielmehr darüber, wie man etwas verbieten kann, wenn das doch alle nehmen. ‚Nach Jahrzehnten, in denen das Präparat sowohl von Sportlern als auch von Menschen mit Herzproblemen genommen werden durfte, wurde es plötzlich zu Doping erklärt‘ – dafür verlangt Lawrow von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada jetzt eine Erklärung.
Dabei liegt die Erklärung ja gerade in der massenhaften Einnahme. Warum sollten junge Menschen ohne Herzprobleme ein Herzmedikament schlucken – und zwar über Jahre, wie es die Tennisspielerin Maria Scharapowa erzählt hat –, wenn sie sich davon nicht einen leistungssteigernden Effekt versprechen? Eher ist die Frage, warum das erst 2016 unterbunden wurde – wo es Hinweise auf den Missbrauch schon vor über zehn Jahren gab. In Russland klingt die Empörung hingegen eher so, als habe man den Leuten grundlos ein Grundnahrungsmittel weggenommen“ (Catuogno, Claudio, Herzpatient Spitzensport, in SZ 11.3.2016; Hervorhebung WZ).

Nachtrag 21: Meldonium bei den European Games 2016 in Baku
„Klaus Steinbach von der Medizin- und Anti-Doping-Kommission des Europäischen Olympischen Komitees untersuchte gemeinsam mit Kollegen, welche Medikamente Sportler bei den Europaspielen in Baku 2015 laut Dopingtests eingenommen hatten. Diese Informationen verglichen sie mit den Angaben der Sportler zu Medikamenteneinnahmen. (…) 23 von den 662 getesteten Sportlern (3,5 Prozent) gaben bei den Dopingtests während der Europaspiele von sich aus an, Meldonium einzunehmen, darunter 13 Wettkampfgewinner. Gleichzeitig wurde das Mittel aber in 66 von 762 Urinproben, die während und im Anschluss an die Spiele genommen wurden, nachgewiesen. Das entspricht einem Anteil von knapp neun Prozent. Hochgerechnet auf alle Teilnehmer des Wettbewerbs, müssten demnach 490 Meldonium genommen haben. ‚Diese Zahl ist wahrscheinlich zu hoch gegriffen‘, schreiben die Forscher. Sie liefere aber eine grobe Vorstellung davon, wie verbreitet das Mittel vor seinem Verbot war – und das in einem Großteil der Sportarten. So konnten die Labore Meldonium bei Sportlern aus 15 der 21 Disziplinen nachweisen. Es zeigte sich auch, dass die Medikamenteneinnahme häufig vonseiten der Nationalen Komitees nicht offen kommuniziert wurde, obwohl sie noch legal war. So gaben etwa lediglich zwei Nationale Komitees an, Meldonium nach Aserbaidschan eingeführt zu haben, gleichzeitig erklärten aber Sportler aus sechs Staaten, das Mittel einzunehmen“ (Merlot, Julia, Hunderte Athleten könnten Meldonium eingenommen haben, in spiegelonline 9.3.2016). – „Laut einer am Mittwoch veröffentlichten Untersuchung des britischen Journals Sports Medicine gab es bei den Europa-Spielen in Baku im vergangenen Sommer 490 Meldonium-Verdachtsfälle, davon 13 bei Medaillengewinnern. In 15 von 21 Sportarten sei das Mittel aufgetaucht. (…) Auch die deutsche Nada mit ihrem Vorstand Lars Mortsiefer hält weitere Meldonium-Funde für möglich: „Die Nada glaubt: Spätestens die aktuelle Diskussion dürfte die Athleten sensibilisieren. Aber wenn Meldonium jetzt verschwinde, ‚wird das nächste Mittel gesucht, das noch nicht auf der Liste steht‘, fürchtet Mortsiefer“ (Aumüller, Johannes, Hunderte Funde, in SZ 10.3.2016).

Nachtrag 22: Zulassung der russischen Leichtathleten im Mai?!
„Der russische Leichtathletikverband kann angesichts der neuen Meldonium-Dopingfälle derzeit nicht mit einer Aufhebung seiner Sperre rechnen. Das Land habe noch nicht genug für die Reformierung seines Anti-Doping-Programms getan, sagte IAAF-Präsident Sebastian Coe zum Abschluss der Councilsitzung in Monte Carlo. ‚Derzeit sollte Russland nicht wieder zugelassen werden‘, bekräftigte der Chef des Weltverbands. Im Mai will das 27-köpfige Council eine endgültige Entscheidung treffen. (…) Eine Hintertür für die Olympia-Teilnahme in Rio de Janeiro gibt es noch, weil die RUSAF neue Strukturen und Reformen angekündigt hat. Der angekündigte Reformprozess wird von einer Taskforce der IAAF überwacht“ (IAAF droht Russland mit Olympia-Verbot, in spiegelonline 11.3.2016).
Wetten dass? … Russland nach der IAAF-Sitzung im Mai bei Rio mitmachen darf? Putin wird es schon richten – und sein Adlatus Mutko.

Nachtrag 23: Scharapowa will nur „fahrlässig“ gewesen sein
Die Verteidigungsstrategie Scharapowas ist leicht zu durchschauen: „Doch in einem Punkt wehrt sie sich vehement: Dass sie tatsächlich davon gewusst hat, dass die Einnahme von Meldonium verboten ist. Von vorsätzlicher Täuschung könne nicht die Rede sein. (…)Das Ziel der Verteidigungsstrategie ist ziemlich leicht zu durchschauen, wenn man die Regularien kennt, nach denen der Internationale Tennisverband Dopingvergehen bestraft. Täter, die wissentlich betrogen haben, müssen mit bis zu vier Jahren rechnen. Erkennt das Sportgericht jedoch einen Fall von Fahrlässigkeit, könnte die Sperre zwei Jahre betragen, die wiederum unter bestimmten Bedingungen – aufrichtige Reue und Hilfe bei der Aufklärung zum Beispiel – auf ein Jahr oder weniger reduziert werden könnte. Wenn es ideal für Scharapowa läuft, könnte sie also schon bei den nächsten Australian Open wieder auf dem Platz stehen“ (Kröger, Michael, Scharapowa bastelt an ihrer Verteidigung, in spiegelonline 1.3.2016).
Oder noch früher – angesichts der vielen Millionen Scharapowas für Startgeld und Werbeauftritte…

Nachtrag 24: IAAF zwischen Putin und Bach
„Nicht allen gelingt es in diesen Tagen, die Auswüchse des Spitzensportgewerbes gewinnbringend zu nutzen. Im Fall der gesperrten russischen Leichtathletik zum Beispiel, den der Leichtathletik-Weltverband IAAF am Freitag in Monaco verhandelte. Man muss der IAAF lassen, dass sie über die Jahre eine Expertise darin aufgebaut hat, unbequeme Debatten klein zu halten. Dopingfälle in Jamaikas Sprintbiotop zum Beispiel. (…) Im Fall der Russen, denen eine Kommission der Wada zuletzt eine ‚tiefwurzelnde Kultur des Betrugs‘ bescheinigte, abgeschirmt von der Regierung, bietet sich dieses Narrativ freilich nicht so recht an. Er sehe ‚Fortschritte‘, sagte IAAF-Präsident Sebastian Coe am Freitag, Russland müsse aber ‚erheblich mehr Arbeit‘ investieren. Das war ein nettes, in blumige Worte gekleidetes Fazit. Ed Warner, Präsident des britischen Verbandes, hatte zuletzt befunden, man würde ‚zum Spott einladen‘, sollte man Russland vor Rio begnadigen, vor den Sommerspielen. Die IAAF will darüber im Mai richten. Russlands Leichtathleten bleiben fürs Erste also von allen internationalen Wettkämpfen ausgesperrt. Ob und wie sie resozialisiert werden, dürfte die diplomatischen Beziehungen im Weltsport nachhaltig beeinträchtigen. (…) Die Kommission der IAAF, die Russlands Umbau überwacht und am Freitag Bericht erstattete, ist dem Vernehmen nach ernsthaft gewillt, Russland aus Rio fernzuhalten, wenn nötig. IOC-Präsident Thomas Bach ist ernsthaft gewillt, das zu verhindern, Bach ist bestens mit Russlands Staatschef Putin vernetzt (Knuth, J., Schneider, M., Mit blumigen Worten, in SZ 12.3.2016; Hervorhebung WZ).

Nachtrag 25: Russisches Schwimmer-Doping
Die englische Zeitung „The Times titelte „Die Doping-Schande des russischen Schwimmsports“ und erhob darin neue Vorwürfe gegen den russischen Leistungssport. „Die ‚Times‘ will Beweise für eine ‚organisierte Drogenkultur‘ im russischen Schwimmsport der vergangenen zehn Jahre gefunden haben. Demnach habe Sergej Portugalow, Chefmediziner der seit vier Monaten suspendierten russischen Leichtathleten, auch den Schwimmern leistungssteigernde Mittel verabreicht“ (Doping: Neue Vorwürfe gegen russische Schwimmer, in spiegelonline 23.3.2016). Der Vizepräsident des russischen Schwimmverbandes, Viktor Awdinenko, „behauptet, ihm sei der Inhalt der Recherchen nicht bekannt. Der russischen Nachrichtenagentur Tass sagte er: ‚Den Schwimmverband bedrohen sie nicht, weil wir mit dem Arzt Sergej Portugalow nicht zusammenarbeiten‘. Portugalow sei zu Zeiten der Sowjetunion zwar Teil des Stabs gewesen, habe jedoch nie in der Nationalmannschaft gearbeitet. Die ‚Times‘ berichtet zudem, dass Russland mit mehr als 40 positiven Tests im vergangenen Jahrzehnt weltweit das Land mit den meisten Dopingsündern im Schwimmen gewesen sein soll. Zuletzt war die russische Schwimmweltmeisterin Julija Jefimowa ins Visier der Doping-Fahnder geraten: Ihr wird die Einnahme von Meldonium vorgeworfen“ (Ebenda).

Nachtrag 26: Russischer Geher verlieren Gold- und Silbermedaille London 2012
„Die russischen Geher Sergej Kirdjapkin und Olga Kaniskina müssen wegen Doping ihr Olympia-Gold beziehungsweise -Silber von London zurückgeben. Der Internationale Sportgerichtshof Cas gab dem Einspruch des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF statt und sperrte beide vom August 2009 bis zum 15. Oktober 2012“ (Doping: Russischer Geher verliert London-Goldmedaille, in spiegelonline 24.3.2016). Interessant daran: Wegen Unregelmäßigketen im biologischen Pass hatte die Disziplinarkommission der Rusada die Athleten „im Januar 2015 zwar rückwirkend für drei Jahre und zwei Monate gesperrt, allerdings erst vom 15. Oktober 2012 an. Bei insgesamt sechs Athleten kam der Cas dem Einspruch der IAAF nach“ (Ebenda).
Die russische Anti-Doping-Agentur Rusada hätte also die russischen Medaillengewinner so gesperrt, dass sie ihre olympischen Medaillen behalten hätten können!

Nachtrag 28: Sponsoren des russischen Sports
Nike hat die Tennisspielerin Marija Schaparowa 2010 für acht Jahre unter Vertrag genommen – für vermutlich 70 Millionen Dollar. Nike ist – immer noch – Sponsor des russischen Leichtathletikverbandes. Adidas und Volkswagen sind ebenfalls Sponsoren des russischen Sports. Adidas hat fast 1000 Läden in Russland (Dudek, Thomas, Warum deutsche Konzerne am russischen Sport hängen, in spiegelonline 26.3.2016).

Nachtrag 29: Die Zeugen 
„Ihr altes Leben holt Julia und Witali Stepanow immer mal wieder ein. Etwa neulich, als Wjatscheslaw Sinew starb, der ehemalige Generaldirektor der russischen Anti- Doping-Agentur Rusada. Und kurz darauf Nikita Kamajew, dessen Nachfolger an der Spitze der Organisation. Zwei Herztode binnen elf Tagen, obwohl beide nie von Herzproblemen berichtet hatten. Witali Stepanow kannte Sinew, sie arbeiteten früher zusammen bei der Rusada. ‚Ich hätte nie gedacht, dass es auch Leute im Sport erwischt‘, sagt Stepanow. Mord? Er umfährt dieses Wort, nur so viel: ‚Es sieht sehr, sehr verdächtig aus.‘ Die Toten wussten viel, Kamaew wollte ein Buch schreiben, auspacken. So wie die Stepanows. Deshalb muss jetzt, in ihrem neuen Leben, vieles geheim bleiben: wo sie wohnen, was sie tun, wer ihnen hilft. Man kann sie anrufen, per Videotelefonie, sie berichten dann, dass sie gerade zum achten Mal umgezogen sind, ins achte Versteck. Weil sie damals in einer ARD-Dokumentation erzählten, was Russlands Leichtathletik antrieb: Doping nach System“ (Knuth, Johannes, Die Ausgestoßene, in SZ 26.3.2016).

Nachtrag 30: Russische Leichtathleten für Doping-Trainer Viktor Tschegin
„Russische Leichtathleten haben sich in einem Brief an Staatspräsident Wladimir Putin für den lebenslang wegen Dopings gesperrten Geher-Trainer Viktor Tschegin eingesetzt. Der Kremlchef solle helfen, den ‚guten Namen und das sportliche Erbe‘ des Coachs zu bewahren, heißt es in dem am Dienstag in Moskau veröffentlichten Schreiben. (…) Tschegin war lange Jahre Cheftrainer des nationalen Geher-Zentrums in Saransk. Vergangene Woche war er von der Rusada lebenslang gesperrt worden. Grund waren immer wieder neue Dopingverstöße von Athleten, die er betreut hatte. Die Autoren des Briefes an Putin würdigten Tschegin hingegen als ‚großen Trainer und echten Patrioten‘. Die Rusada habe unter ‚riesigem internationalem Druck‘ eine ‚politische und außerordentlich subjektive‘ Entscheidung getroffen“ (DPA, SID, Doper schreiben an Putin, in SZ 30.3.2016). Zu den Unterzeichnern gehören u. a. die russischen Geher Sergej Kirdjapkin (Gold über 50 Kilometer in London 2012) und Olga Kaniskina (Silber über 20 Kilometer): Beide sind wegen Dopings gesperrt.

Nachtrag 31: 1500-Meter-Lauf London 2012: Dreckigstes Rennen der IAAF-Geschichte
Am 10.8.2012 fand das 1500-Meter-Rennen der Frauen statt. „Es war, nach allem, was heute aktenkundig ist, das schmutzigste Rennen der Leichtathletik-Geschichte: Es ist ein Rennen, das noch immer auseinander bricht, fast jedes Jahr werden neue Betrüger enttarnt. Es ist ein Rennen, das für den Zerfall der olympischen Kernsportart steht, wenn man es noch einmal vorüberziehen lässt. Und es ist ein Rennen, das jetzt, da die Olympiasaison 2016 anbricht, auch von der Chance auf einen Neubeginn erzählt, die in jedem Zerfall liegt“ (Knuth, Johannes, Totes Rennen, in SZ 6.4.2016). Unter den Teilnehmern des Finales: Jekaterina Kostezkaja wurde 2014 für zwei Jahre wegen verdächtiger Blutwerte gesperrt, die Türkin Asli Cakir Alptekin, Olympiasiegerin 2012, wurde 2015 für acht Jahre gesperrt (weil sie sich nicht bei den Diacks freikaufen konnte oder wollte), die Türkin Gamze Bulut steht aktuell unter Dopingverdacht, die Russin Tatjansa Tomaschowa war von 2008 bis 2010 gesperrt, die Äthioperin Abeba Aregawi wurde 2016 positiv getestet, die Weißrussin Natallja Karejwa wurde 2014 zwei Jahre gesperrt (Ein halbes Dutzend ist voll, in SZ 6.4.2016). – „Seit vergangenem November sind alle russischen Leichtathleten von internationalen Wettkämpfen verbannt. Ob sie bei den Spielen in Rio antreten dürfen, ist ungewiss. Eine Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada hatte dem russischen Verband eine ‚tiefwurzelnde Kultur des Betrugs‘ attestiert. Eine Sammlung der schönsten Schweinereien: Athleten legten sich falsche Identitäten zu, um Tester zu täuschen. Funktionäre schufen ein Schattenlabor, das Dopingproben vortestete. Der Kreml ’störte und beeinflusste‘ den Anti-Doping-Kampf, so steht es im Wada-Bericht. Der Kreml streitet alles ab“ (Knuth, Johannes, Totes Rennen, in SZ 6.4.2016). Der heutige IAAF-Präsident Sebastian Coe „hat damals die Spiele von London organisiert, ein Jahr vor den Wettkämpfen versprach er: ‚London wird das beste Anti-Doping-Programm in der Geschichte haben.‘ Ähnliches wird man demnächst vor Rio hören. Wie wenig Substanz in diesen Botschaften steckt, zeigt die Ergebnisliste der 1500 Meter. Sechs Athletinnen, die am 10. August 2012 das Rennen gestalteten, sind verdächtigt oder wurden überführt; dazu kommen zwei überführte Ukrainerinnen, die im Vorlauf ausschieden. Die 1500 Meter dürften damit den 100-Meter-Endlauf von Seoul 1988 als dreckigstes Rennen Olympias abgelöst haben, in dem sechs früher oder später befleckte Athleten mitwirkten, allen voran Sieger Ben Johnson“ (Ebenda).

Nachtrag 32: Bach interveniert für Russland
„Der Leichtathletik-Weltverband IAAF wird den Bann schon rechtzeitig heben, das hört man in diesen Tagen immer wieder aus Russland. Das deckt sich, so ein Zufall, auffallend gut mit jenen Nachrichten, die gerade aus dem Maschinenraum der Sportpolitik dringen. Thomas Bach und Sebastian Coe sollen sich vor Kurzem zum informellen Austausch getroffen haben. Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, soll nach Informationen der ARD gesagt haben, es sei ‚politisch unabdingbar‘, Russlands Leichtathleten für Rio zuzulassen. Coe, Präsident der IAAF, wird mit seinem Council Mitte Juni über eine Begnadigung richten. Davor, das soll Bach seinem Freund aufgetragen haben, möge Coe sein Council bitteschön in die gewünschte Richtung lenken. (…) So entfaltet sich nun zumindest der Verdacht, dass die Arbeit diverser Gremien und Experten, die derzeit Russlands Reformen inspizieren, vor allem eines ist: Show. Dass Bach auf Russlands Resozialisierung drängt, überrascht kaum. Der Kreml hat Funktionäre und Sponsoren in diversen Sportverbänden verankert, da hält die Familie lieber zusammen, selbst wenn im Hinterhof des Partners ein tief wurzelndes Dopingnetzwerk ausgehoben wird. (…) Die IAAF blockiert auch weiterhin eine pikante Studie über Doping bei der WM 2011. Und Russlands Leichtathletik? Too big to fail, offenbar zu mächtig, um zu scheitern“ (Knuth, Johannes, Alte Schule, in SZ 27.4.2016; Hervorhebung WZ).

Nachtrag 33: Dopingproben – Russland liegt vorn
„Jede 100. Probe war im Jahr 2014 laut einer Statistik der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada positiv. (…) Die meisten sanktionierten Fälle wurden aus Russland gemeldet (148), in Deutschland gab es 20 Verstöße. (…) An der Spitze stand bei den Nationen Russland mit 148 Fällen, bei den Sportarten die Leichtathletik (248)“ (Jede 100. Dopingprobe ist positiv, in spiegelonline 28.4.2016).

Nachtrag 34: Neuer russischer Leichtathletik-Präsident
Dimitrij Schljachtin hofft auf die Teilnahme-Erlaubnis der IAAF für die russische Mannschaft bei Rio 2016: „Es dopen ja auch nicht alle“ („Absolut kristallrein“, in Der Spiegel 19/7.5.2016). Zum russischen Staatsdoping äußerte Schljachtin nur, dass die IAAF-Auflagen erfüllt werden. Und die russischen Trainer, welche ihre Athleten eigenhändig mit Doping-Mitteln versorgt hätten, „blieben vom Denken her in der Sowjetzeit stecken“ (Ebenda).
Die Putin-Zeit scheint sich da – 30 Jahre nach dem Zerfall der UDSSR – von der Sowjet-Zeit nicht groß zu unterscheiden.

Nachtrag 35: Neue russische Doper
„In fieberhafter Eile und unter Nutzung aller kameradschaftlichen Drähte werkeln die Instanzen des Weltsports daran, Russlands Spitzenathleten für die Olympischen Spielen im August in Rio de Janeiro freizupauken – trotz der offenkundig systemisch angelegten Pharma-Probleme im russischen Sport. (…) Drei Monate vor Rio rückt der russische Sport nun erneut in den Fokus massiver Dopinganschuldigungen. Der US-Fernsehsender CBS kündigte für Sonntagabend (Ortszeit) Enthüllungen an, die sich auf angeblich vier gedopte Olympiasieger aus Russlands Team bei den Winterspielen 2014 im heimischen Sotschi beziehen. Als Kronzeuge agiert Witali Stepanow, der einst für die (heute suspendierte) russische Anti-Doping-Agentur Rusada arbeitete. (…) Nun, im CBS-Interview, stützt sich Stepanow bei den Vorwürfen über Dopingsünder in Sotschi auf Informationen, die er von Grigor Rodtschenkow erhalten habe. Der vormalige Chef des Moskauer Anti- Doping-Labors war wie die Stepanows in die USA geflohen, aus Angst vor Repressalien in der Heimat. (…) Demnach habe Rodtschenkow nicht nur über vier russische Olympiasieger ausgepackt – er soll auch über eine ‚Sotschi-Liste‘ verfügen, auf der die Namen von Russen vermerkt seien, die angeblich mit Steroiden bei den Winterspielen am Start waren; darunter das Sieger-Quartett. (…) Laut Stepanow habe Rodtschenkow auch erklärt, dass Geheimdienstler des russischen FSB ‚versucht haben, jeden Schritt der Anti-Doping-Prozesse in Sotschi zu kontrollieren‘. (…) Und gerade für das IOC wird die Lage nun immer heikler. Die neuen Vorwürfe beziehen sich auf seine zentralen Zuständigkeitsbereiche. Abzuwarten bleibt, ob eine unabhängige Untersuchung erfolgt. Dies erscheint unumgänglich, zumal nach SZ-Informationen in den nächsten Wochen weitere massive Betrugsenthüllungen anstehen. Nicht nur in der Leichtathletik“ (Kistner, Thomas, Doping-Vorwürfe gegen vier Olympiasieger von Sotschi, in SZ 9.5.2016).

Nachtrag 36: IAAF-Präsident und Fifa-Präsident nicht im IOC
„Die Weltverbandschefs Gianni Infantino (Fußball) und Sebastian Coe (Leichtathletik) sind nicht für die Aufnahme ins Internationale Olympische Komitee (IOC) vorgeschlagen worden. (…) Bis dato waren die Weltverbände im Fußball (Fifa) und in der Leichtathletik (IAAF) stets durch ihre Präsidenten vertreten. Infantino und  Coe stehen jedoch wegen der jüngsten Skandale in ihren Verbänden in der Kritik“ (SID, IOC ohne Infantino und Coe, in SZ 4.6.2016).

Nachtrag 37: Drei IAAF-Funktionäre gesperrt
„Ein halbes Jahr nach Ausbruch des größten Skandals in der Leichtathletik hat der Weltverband ein weiteres Zeichen gesetzt und gleich drei Funktionäre für 180 Tage gesperrt. Dem Trio wird Bestechlichkeit vorgeworfen. Prominenteste Personalie ist Nick Davies, Ex-Pressechef und langjähriger enger Vertrauter des höchst umstrittenen IAAF-Präsidenten Lamine Diack. Dies teilte die Ethik-Kommission der IAAF am Freitag in einer dreiseitigen Erklärung mit. Neben Davies wurden Jane Boulter-Davies aus der IAAF-Zentrale und Pierre-Yves Garnier, Manager im Medizinischen Stab, für sechs Monate gesperrt. Die Suspendierung steht in Verbindung mit einer E-Mail vom Juli 2013, die der damalige IAAF-Präsident Diack von seinem Sohn erhielt. Papa Massata Diack war damals Marketing-Berater der IAAF. (…) Die Ethikkommission behauptet, dass der Engländer Nick Davies 2013 ‚eine nicht genannte Barzahlung‘ von Diacks Sohn erhalten und IAAF-Ermittler in Bezug auf diese Zahlung in die Irre geführt haben soll. Auch Boulter-Davies und Garnier sollen illegale Zahlungen erhalten oder davon Kenntnis gehabt haben.  Eine E-Mail von Davies an Papa Diack legte nahe, dass vor der WM 2013 in Moskau die Veröffentlichung der Namen russischer Dopingsünder verzögert werden sollte. Durch eine „inoffizielle PR-Kampagne“ wollte Davies „einen internationalen Medienskandal vermeiden“. (…) Am 7. Januar sperrte die IAAF-Ethikkommission auch Diacks Sohn, den ehemaligen IAAF-Schatzmeister Walentin Balachnitschjow und Russlands Ex-Cheftrainer Alexej Melnikow lebenslang.Interne Dokumente aus der IAAF-Zentrale, die der Nachrichtenagentur AP zugespielt wurden, belegen, dass der Weltverband seit 2009 vom massiven Doping in Russland gewusst haben soll. Die Welt-Anti-Doping-Agenturwirft Russland systematisches Doping vor. Moskau darf bis auf weiteres keine Sportler zu internationalen Veranstaltungen schicken. Das IAAF-Council entscheidet am 17. Juni über einen Ausschluss der russischen Leichtathleten von den Olympischen Spielen in Rio.  Der Deutsche Leichtathletik-Verband appellierte in einem Offenen Brief an IOC-Präsident Thomas Bach, den DLV-Chef Clemens Prokop auf Bitten von Athleten verfasst hat, nach den Skandalen entschlossen zu handeln. Nicht nur Sportler seien betrogen, sondern auch die olympische Idee hintergangen worden. ‚Ich bitte Sie daher, die Sorge der Athleten ernst zu nehmen und alle Möglichkeiten für chancengleiche Wettkämpfe in Rio auszuschöpfen‘, schreibt Prokop“ (DPA, Drei Sperren für ein halbes Jahr, in SZ 11.6.2016; Hervorhebung WZ). – „Davies, der sein Amt als Büroleiter von Präsident Sebastian Coe im Zuge der Ermittlungen ruhen lässt, soll im Jahr 2013 geheime Zahlungen von Papa Massata Diack, Sohn des unter Korruptionsverdacht stehenden ehemaligen IAAF-Präsidenten Lamine Diack, angenommen haben. (…) In den vier Monaten nach der WM 2013 gab die IAAF Sanktionen gegen 16 russische Athleten bekannt. Russland belegte im Medaillenspiegel den ersten Rang, bereits im Vorfeld war der Gastgeber wegen massiver Dopingvorwürfe in Frage gestellt worden. Papa Diack war zu dieser Zeit Marketingberater des Verbands. Er steht wie sein Vater im Verdacht, an der Vertuschung von positiven Dopingproben russischer Athleten beteiligt gewesen zu sein. In der E-Mail schlug Davies zudem eine „inoffizielle PR-Kampagne“ vor, um unliebsame Presseberichte, vor allem der englischen Medien, zu vermeiden“ (IAAF suspendiert ehemaligen Pressechef Davies, in spiegelonline 10.6.2016).

Nachtrag 38: Dopen mit Jama Aden
„Die Athleten kamen gerade von ihrer Vormittagseinheit zurück, als die katalanische Polizei anrückte. Vier Wochen lang hatten Ermittler die prominent besetzte Trainingsgruppe des Somaliers Jama Aden in der spanischen Industriestadt Sabadell ausgespäht (Deckname: Operación Rial), rund um die Uhr, darunter auch Genzebe Dibaba, Weltrekordhalterin über 1500 Meter aus Äthiopien. Dann griffen die Polizisten dann zu. Sie durchsuchten mehrere Räume des Vier-Sterne-Hotels, in dem Adens Gruppe logierte, sie fanden gebrauchsfertige Spritzen mit dem Blutdopingmittel Epo, dazu anabole Steroide und weitere 60 Spritzen, die untersucht werden müssen. Den Trainer Aden, weinrotes Hemd, weiße Mütze, führten sie gleich ab, kurz darauf einen Betreuer aus Marokko. Anti-Doping-Fahnder des Leichtathletik-Weltverbandes testeten unterdessen rund zwei Dutzend Athleten, darunter offenbar auch Dibaba. Auf die krisengeschüttelte Leichtathletik rollt die nächste Welle zu. (…) Ein anderer Aden-Schüler, der Marokkaner Hamza Driouch, berichtet, er wurde seit 2011 von Aden mit Injektionen versorgt, fünf Milliliter, drei Mal die Woche. Als Driouch stutzig wurde, antwortete Aden: ‚Das hilft dir bei der Erholung. Frag mich nicht noch einmal, wenn du ein guter Champion werden willst.‘ Driouch brummt mittlerweile eine zweijährige Dopingsperre ab. Apropos Driouch. Der wurde im vergangenen März – er war da bereits gesperrt – mit dem Olympiasieger Mo Farah beim Training gesichtet; Farah brachte das heftige Kritik ein. Kurz darauf wurde gegen Farahs Trainer Alberto Salazar ermittelt. (…) Apropos Äthiopien: Der Leichtathletik-Weltverband hatte zuletzt seine Kontrolleure vermehrt in das erfolgreiche Läuferland geschickt. Die nationale Anti-Doping-Agentur hatte es 2015 offenbar geschafft, genau null Trainingskontrollen zu organisieren. Es qualmt und stinkt an allen Ecken im Weltsport. Besonders dichter Rauch zieht aus Spanien herüber, wo Adens mutmaßliche Zelle enttarnt wurde. Die könnte es durchaus mit dem ehemaligen Balco-Dopingnest des Kaliforniers Victor Conte aufnehmen. Im März etikettierte die Welt-Anti-Doping-Agentur bereits die spanische Agentur als ’nicht regelkonform‘, Anfang Juni verlor das Madrider Labor seine Akkreditierung. Vor zwei Wochen verhafteten kolumbische Behörden den spanischen Sportmediziner Alberto Beltran, die Spanier hatten ihn per Interpol suchen lassen. Es war seine dritte Verhaftung, nach 2001 und 2012. Beltran war mit den Betreuern von Doping-Tätern aus Radsport und Leichtathletik vernetzt, unter anderem mit Cesar Perez, dem Trainer der Hindernisläuferin Marta Domínguez“ (Knuth, Johannes, „Das hilft dir bei der Erholung“, in SZ 22.6.2016).

Nachtrag 39: Helmut Digel auf der Gehaltsliste von Papa Diack?
„Die Aufregung um stille Zahlungen, die auch der langjährige deutsche Topfunktionär Helmut Digel erhielt, ist groß im Weltverband – der unter Diacks Nachfolger Sebastian Coe gerade eine große Reform des Compliance- Bereichs vorbereitet. (…) Der SZ liegt eine Erklärung von Jean Gracia vor, bis vor Kurzem IAAF-Generalsekretär. Darin bestätigt er, dass der langjährige IAAF-Marketing-Kommissionschef Digel ‚wie manch andere Kommissionsvorsitzende eine zusätzliche Kompensation erhielt für weitere Zeit und Dienste, die er der IAAF zur Verfügung stellte‘. Doch so eine Entlohnung ist von keinem Statut im Regelwerk gedeckt. Wiederholte Fragen nach der rechtlichen Basis für diese Zahlungen ließ die IAAF unbeantwortet. Digel selbst schweigt eisern, trotz vieler Anfragen zu dem Thema. Das allerdings über die Tatsache hinaus brisant ist, dass in der IAAF jahrelang Sonderzahlungen flossen, die nur Diack und Co. kannten. …) Digel äußert sich auch nicht dazu, wie intensiv seine mehr als eine Dekade währende Kooperation mit Marketing-Agent Diack junior war. Dabei betreute der Tübinger Sportwissenschaftler bis 2015 die Marketing- und TV-Kommission und hatte zumindest einmal einen Korruptionsvorstoß Diacks miterlebt. Ende 2004 präsentierte der Präsidentensohn in Stuttgart den Bewerbern um das Leichtathletik-Weltfinale eine Wunschliste mit Gefälligkeiten: Geschenkpakete, Luxusuhren, Gesamtwert 365 439 Euro“ (Kistner, Thomas, Knuth Johannes, Günstlingszirkel um den Präsidenten, in SZ 6.10.2016).

Nachtrag 40: IAAF-Ethikkommission ermittelt
Sebastian Coe ist schwer beschäftigt in diesen Tagen. Der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF wirbt gerade in der Szene für sein Reformpaket, er möchte das Compliance-Ressort des schwer verbeulten Verbandes umbauen. Der Arbeitstitel für diesen Umbau ist branchenüblich bescheiden gehalten: ‚Eine neue Ära.‘ Viele der Vorhaben klingen tatsächlich gut, die Macht des Präsidenten soll eingedämmt, seine Dienstzeit auf drei Legislaturperioden beschränkt werden. Am 1. Januar 2017, hat Coe vor kurzem ausgerufen, soll es losgehen mit dieser blütenweißen Ära. Unbequeme Fragen stören da nur, zu Coes von Merkwürdigkeiten umrankter Präsidentenkür im vergangenen Jahr etwa, oder zur tief verseuchten Vergangenheit der IAAF. (…) Es geht um diskrete Zahlungen, die Coes Vorgänger Lamine Diack freihändig an Leichtathletik-Funktionäre verteilte – über Jahre hinweg, neben den offiziellen Vergütungen. Einer dieser Geldströme floss zum langjährigen deutschen Topfunktionär Helmut Digel… Digel selbst schweigt eisern, trotz vieler Anfragen. (…) Die Ethikkammer der IAAF prüft in diesen Tagen nun jedenfalls auch die Zahlungen an Digel“ (Kistner, Thomas, Knuth, Johannes, Im Giftschrank, in SZ 19.10.2016).

Nachtrag 41: – McLaren-Report II
„Der zweite Teil des McLaren-Reports über staatlich gedecktes Doping in Russland soll am 9. Dezember veröffentlicht werden. Das gab der Stiftungsrat der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) am Sonntag bei einer Sitzung in Glasgow bekannt, bei der auch Craig Reedie, 75, für weitere drei Jahre zum Präsidenten gewählt wurde“ (DPA, McLaren-Report, zweiter Teil, in SZ 21.11.2016).

Nachtrag  42: Neue IAAF-News aus Frankreich
„Der Verfasser des Schreibens wusste um die Brisanz seiner Zeilen. Und um sein giftiges Wissen. ‚Dieses Spiel, das weit außerhalb aller Gesetze gespielt wird‘, schrieb er an seine Mitwisser, könne ’nicht einfach in die Grenzen des Rechts zurückkehren, ohne große Verluste zu schaffen, menschliche und finanzielle.‘ Daher werde dieses dreckige Spiel irgendwann nicht nur seine russische Leichtathletik ruinieren. Der Weltverband IAAF, Anti-Doping-Spitzenfunktionäre, sie alle würden einen ‚riesigen schwarzen Fleck‘ abbekommen. (…) Walentin Balachnitschew hat die Zeilen vor zweieinhalb Jahren gedichtet. Er war damals Präsident des russischen Verbands ARAF und Schatzmeister der IAAF. Und damit Teil einer Räuberbande. Entsprechend gut konnte er das Beben vorhersagen, das ein halbes Jahr später Leichtathletik und Weltsport erschütterte. Auch wenn es nicht er war, der das dreckige ‚Spiel‘ verpfiff. Es waren Journalisten und Kronzeugen, die Ende 2014 über flächendeckendes Doping in Russland berichteten, und wie sich überführte Täter bei der Leichtathletik-Spitze freikaufen konnten, mit Balachnitschews Geleitschutz“ (Kistner, Thomas, Knuth, Johannes, Schutzgeld für den Präsidenten, in SZ 26.11.2016). Die französische Finanzstaatsanwaltschaft lieferte nun neue Erkenntnisse aus dem Hause Diack: „Die Ermittlungen malen, wie Balachnitschews Mail, ein noch düsteres Bild von der Zeit unter der Verbandsführung um Lamine Diack, dessen Sohn Papa Massata, Diacks Anwalt Habib Cissé und Mitwissern. Sie legen Fährten zur Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, zu anderen Nationalverbänden. Und sie erinnern die neue IAAF-Führung, die nächste Woche in eine neue, porentief reine Ära aufbrechen wollte, an die Probleme im Jetzt: diesen Sumpf aus Doping, Erpressung, Korruption. In den Fokus rückt erneut das Zahlsystem, mit dem sich überführte oder verdächtige Athleten in der IAAF freikaufen konnten. Diack junior erschlich sich mindestens seit 2011 über Gabriel Dollé, Chef des Anti-Doping-Ressort der IAAF, Zugang zu den Datenbanken des Verbands. Er informierte betroffene Nationalverbände über positive Proben, forderte Schutzgeld, im Falle Russlands also bei Balachnitschew. Der informierte wiederum die Athleten, die sich dann bei der IAAF freikauften. Bekannt war, dass sich die russische Marathonläuferin Lilija Schobuchowa auf diese Art auslösen wollte, letztlich erfolglos. Neu sind die Namen der russischen Geher Waleri Borchin, Olga Kaniskina, Wladimir Kanaikin, Sergei Kirdyapkin und der Hindernisläuferin Julija Saripowa. Sie sollen zwischen 300 000 und 700 000 Euro überwiesen haben, um starten zu können; viele von ihnen gewannen bei den Weltmeisterschaften 2011 und 2013 (in Moskau) sowie bei Olympia 2012 Medaillen“ (Ebenda). Lamine Diack, bis Sommer 2015 Präsident der IAAF, soll mit dem Geld aus Russland 1,5 Millionen Euro eingenommen haben. Und die Wada blieb untätig: „Vor allem die Wada gerät durch die neuen Enthüllungen massiv unter Druck. Balachnitschew behauptet in seinem Brief ja, Diack tausche sich über seine Deals mit ‚mächtigen Anti-Doping-Personen‘ aus. Die Wada hat dann im Herbst 2014 die IAAF-Ethiker informiert, dass russische Dopingsünder offenbar gegen Schutzgeld starten konnten. Selber blieb sie untätig. Wada-Präsident Craig Reedie behauptet laut ARD, nie etwas davon gehört zu haben“ (Ebenda). Interessant ist auch eine Stellungnahme des Anwalts Habib Cissé gegenüber der Zeitung Le Monde: : Wegen ihm „sei Diack jr. überhaupt noch am Leben, nachdem er von den erpressten Millionen weniger als die Hälfte zurückgezahlt habe. ‚Die Russen hätten ihn vor langer Zeit umgebracht, man hätte seine Leiche nie gefunden’“ (Ebenda). – „Für das IOC unter Putin-Freund Bach könnten die Enthüllungen besonders heikel werden: Sie legen auch dar, dass Marathon-Favoritin Schobuchowa bei den Spielen in London 2012 gemäß Funktionärs- Absprache hätte starten, aber keine Medaillen holen dürfen. Tatsächlich beendete sie das Rennen nicht. Solche Betrügereien schätzt das Publikum am wenigsten“ (Kistner, Thomas, Die große Stille, in sueddeutsche.de 28.11.2016).

Nachtrag 43: „Total Protection“
„Laut Balachnitschew vereinbarten die IAAF und die Russen eine Art Vollkasko-Versicherung mit dem Namen ‚Total Protection‘. Sie galt insbesondere für eine Handvoll Geher, unter ihnen Olympiasiegerin Olga Kaniskina, Doppel-Weltmeister Waleri Borchin (je 600.000 Euro), Olympiasieger Sergej Kirdjapkin (700.000) sowie Hürdenläuferin Julija Saripowa. Als die IAAF offenbar Sanktionen durchsetzen will, droht Balachnitschew damit, die Manipulationen auffliegen zu lassen. ‚Wir werden nicht ruhig bleiben. Wir haben dieses Spiel nicht begonnen. Es war das IAAF-Projekt, und die IAAF wird das entscheidende Opfer des kommenden Skandals sein. Wir haben genug Beweise, um die kriminellen Akte der IAAF-Leute zu belegen‘, schreibt er. ‚Unsere Erklärungen werden eine Menge von Beschäftigten der IAAF schädigen einschließlich dem Anti-Doping-Verantwortlichen und seinen Kollegen, die in diese Sache direkt oder indirekt einbezogen waren. Sie erwähnten immer verschiedene Wada-Beschäftigte und andere ,mächtige‘ Anti-Doping-Personen, mit denen Sie all die Zeit in Verbindung standen. All ihre Namen werden veröffentlicht werden’“ (Drohungen, Erpressungen: Ein unglaublicher Krimi, in FAZ 26.11.2016).

Nachtrag 44: Adidas nicht mehr IAAF-Sponsor
„Der deutsche Sportartikelhersteller Adidas und der Leichtathletik-Weltverband IAAF werden ihre Partnerschaft ‚in beiderseitigem Einvernehmen‘ vorzeitig zum Jahresende 2016 beenden. Dies teilte das Unternehmen einen Tag vor dem Sonderkongress der IAAF in Monte Carlo mit. Der Vertrag hatte ursprünglich noch eine Laufzeit bis 2019. (…) Das deutsche Unternehmen galt lange Zeit als einer der wichtigsten Werbepartner des Leichtathletik-Weltverbands. Laut BBC wurde der ursprüngliche Sponsorenvertrag im November 2008 auf elf Jahre geschlossen und umfasste ein Volumen von umgerechnet 7,4 Millionen Euro jährlich“ (Adidas und Weltverband beenden vorzeitig Partnerschaft, in spiegelonline 2.12.2016).
Auch dies ist als Vergeltungsmaßnahme und Rache des IOC zu sehen, das mit Sicherheit an Adidas herangetreten ist, um die Kooperation mit der IAAF zu beenden: Immerhin hat die IAAF die russischen Leichtathleten bei Rio 2016 ausgeschlossen und bemüht sich um Aufarbeitung der mehr als skandalösen Diack-Ära.

Nachtrag 45: Coe bringt Reform-Paket durch
„Der Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF hat am Samstag auf dem Sonderkongress in Monaco ein umfangreiches Reformpaket durchgebracht. Ein Jahr nach Aufdeckung der Korruptionsaffäre seines Vorgängers Lamine Diack hat Coe eine Satzung konzipiert, die seine eigene Macht beschränkt und mehr Transparenz schaffen soll. (…) Hinter den Kulissen gab es zunächst Bemühungen, die Reform zu Fall zu bringen – bei der offenen Abstimmung fehlte dann der Mut zum Nein. Man sei eben in eine ‚Ära der Transparenz‘ übergegangen“, sagte Coe. Diack, gegen den die französische Justiz ermittelt, soll unter anderem für die Vertuschung von Doping-Proben bis zu 700 000 Euro pro Fall kassiert haben. (…) Ein neues unabhängiges ‚Integrity Unit Board‘ soll nun von April 2017 an nun den Kampf gegen Doping führen, das Budget wird auf 7,5 Millionen Euro verdoppelt“ (DPA, „Historischer Tag“, in SZ 5.12.2016).

Nachtrag 46: DOH verleiht Preis an Julia Stepanowa
Die Doping-Opfer-Hilfe e.V. verlieh am 6.12.2016 ihren Anti-Doping-Preis an die Whistleblowerin Julia Stepanowa. „‚Sie haben ihr Leben riskiert, um aus einem Irrtum auszusteigen‘, sagt Ines Geipel, die Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe (DOH). (…) Der Sport habe Stepanowa zu danken, sagte Hans-Wilhelm Gäb, einst Chef der deutschen Sporthilfe, der am Dienstag die Laudatio hielt. Und der Sport, der gerne Fair Play und null Toleranz gegen Doping predigt? Als Stepanowa sich im Sommer um ein Olympiastartrecht bewarb, sprach ihr das Internationale Olympische Komitee mit seinem deutschen Chef Thomas Bach die ethische Eignung ab. Obwohl sie ihre Sperre abgesessen hatte. Russlands Sportler liefen in Rio zu Hunderten ein, auch ehemalige Doper, trotz erdrückender Indizien des Betrugs. Gäb gab deshalb seinen olympischen Orden zurück; Bach habe sich einer bloßgestellten Sportmacht unterworfen, sagte er. ‚Die Nulltoleranz-Rufer vom IOC‘, bekräftigte Gäb am Dienstag, ‚haben ihre moralische Verantwortung verwirkt’“ (Knuth, Johannes, Reise ins Ungewisse, in SZ 7.12.2016). Das IOC bot Julia Stepanowa ein Stipendium an, ihrem Mann Witalij einen Beraterjob. „Man solle das nicht schlechtreden, so Gäb, aber das IOC könne sich die Hilfe ja leisten, nachdem Russland in Rio besänftigt worden war. ‚Das Verbrechen ist schon geschehen‘, sagte Gäb. Deutlicher wurden die Stepanows am Dienstag, als sie nach dem Mentalitätswandel im russischen Sport gefragt wurden. Alle Aussagen aus Russland, die Reformen versprächen, würden von den ‚Urvätern des staatlichen Dopingsystems stammen. Das sind Lügen‘, sagte Witalij. Julija assistierte: ‚Die Trainer, die damals gedopt haben, trainieren weiter. Sie sind die Personen, die das System am Leben halten’“ (Ebenda).

Nachtrag 47: Was wusste Coe von Lamine Diacks Machenschaften?
IAAF-Präsident Sebastian Coe wird erneut vor den Sportausschuss des britischen Parlaments geladen. Am Dienstag hatte eine Befragung des ehemaligen 10 000-m-Weltrekordlers David Bedford Hinweise auf Ungereimtheiten in Coes Aussagen vor dem Ausschuss im vergangenen Dezember gegeben. Laut Bedford hätte Coe im November 2014 Kenntnis haben müssen vom Ausmaß des Doping- und Korruptionsskandals unter seinem Vorgänger Lamine Diack – früher als von Coe bislang angegeben. (…) ‚Sebastian Coes Aussage hat an Glaubwürdigkeit verloren‘, sagte der Ausschuss-Vorsitzende Damian Collins am Dienstag“ (SID, Wieder Zweifel an Sebastian Coe, in SZ 11.1.2017).

Nachtrag 48: Diacks Sohn kassiert und zahlt (1)
„Die französische Zeitung ‚Le Monde‘ hatte über eine Zahlung von 1,5 Millionen Dollar berichtet, mit der die Wahl von Rio de Janeiro zum Austragungsort der Olympischen Spiele 2016 beeinflusst worden sein soll. Wie das Blatt schrieb, habe ein brasilianischer Geschäftsmann an den Sohn des früheren Präsidenten des Leichtathletik-Weltverbands und ehemaligen Mitglieds des IOC, Lamine Diack, diese Summe gezahlt. (…) Am 2. Oktober 2009 hatte Rio als erste südamerikanische Stadt in Kopenhagen den Zuschlag für die Austragung der Olympischen Sommerspiele erhalten und dabei die Mitbewerber Madrid, Tokio und Chicago ausgestochen. Drei Tage zuvor war bei der Firma Pamodzi Consulting von Papa Massata Diack die Zahlung eingegangen“ (Dubiose Zahlungen an Sohn von Diack, in spiegelonline 3.3.2017). – „Kurz vor der Kür am 2. Oktober 2009 waren 1,5  Millionen Dollar von einem (seit Januar inhaftierten) Geschäftsmann in Brasilien an die obskure Firma des Senegalesen Papa Massata Diack geflossen. Dieser wird seit 2016 von Interpol gesucht: Der Sohn des in Frankreich unter Hausarrest stehenden, langjährigen IOC-Mitglieds Lamine Diack soll mittels Strohfirmen und Schmiergeldern wiederholt Beschlüsse des IOC und des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF beeinflusst haben. (…) Die Fahnder vermuten, Diack habe Afrikas Delegierte bei Wahlen blockweise auf bestimmte Kandidaten eingeschworen. Rios Kür ist in den Pariser Ermittlungen der zweite Verdachtsfall, auch die 2013 erfolgte Vergabe der Sommerspiele 2020 an Tokio ist im Visier: Zur Zeit der Wahl flossen 1,8 Millionen Euro aus Japan auf ein dubioses Konto in Singapur. Es wird unter anderem wegen Verdachts auf Bestechung und Geldwäsche ermittelt. Die Verdachtslage zu Rio ist ähnlich. Eine Firma des Brasilianers Arthur Cesar de Menezes Soares Filho soll via Karibik 1,5 Millionen Dollar an Papa Massata Diacks Agentur Pamodzi plus 500 000 Dollar auf dessen Bankkonto in Russland geschickt haben“ (Kistner, Thomas, Zahlung an Diack, in SZ 4.3.017).

NAchtrag 49: Diacks Sohn kassiert und zahlt (II)
„Das unter Korruptionsverdacht stehende IOC-Mitglied Frankie Fredericks ist von seinem Amt als Vorsitzender der Evaluierungskommission für die Olympischen Spiele 2024 zurückgetreten. Das teilte der 49-Jährige in einer Erklärung am Dienstag mit. Zudem kündigte er an, nicht an der Abstimmung im September teilzunehmen, wenn in Lima der Olympia-Ausrichter ermittelt wird. (…) Die französische Tageszeitung Le Monde hatte am vergangenen Freitag berichtet, Fredericks sei möglicherweise in eine Bestechung rund um die Olympiavergabe an Rio de Janeiro verwickelt. Im Mittelpunkt steht die Familie des ehemaligen IAAF-Präsidenten Lamine Diack; Fredericks soll dabei rund 283 000 Euro von Diacks Sohn Papa Massata erhalten haben. Die französische Justiz sowie die Ethikkommission des Internationalen Olympischen Komitees ermitteln“ (SID, Nächster Rücktritt, in SZ 8.3.2017; Hervorhebung WZ).
Wohlgemerkt: Fredericks trat nicht als IOC-Mitglied zurück!
Dazu Johannes Aumüller in einem Kommentar in der SZ: „Die jüngsten Vorgänge rund um die Ringe-Organisation nähren durchaus den Verdacht, dass es beim IOC nicht viel anders abläuft als in der Fifa. Dabei geht es nicht nur um sportpolitische Volten wie den laxen Umgang der Olympier mit Doping-Russland – und den gleichzeitigen Ausschluss der verdienten Doping-Kronzeugin Julia Stepanowa von den Rio-Spielen wegen ‚ethischer‘ Defizite. (…) Am Dienstag rückte Frankie Fredericks in den Fokus, einst hochdekorierter 100- und 200-Meter-Sprinter aus Namibia. Obwohl er jedes Fehlverhalten bestreitet, trat er als Chef der IOC-Prüfkommission für die Spiele 2024 zurück, um die sich derzeit nur noch Los Angeles und Paris bewerben. Hintergrund: eine merkwürdige Überweisung an eine Firma Fredericks’ am Tag der Vergabe der Rio-Spiele, die kürzlich publik geworden war. Der Verdacht: Schmiergeld. Mit solchen Vorwürfen befindet sich Fredericks in seiner olympischen Familie in guter Gesellschaft. Gegen den Senegalesen Lamine Diack, bis 2015 Chef des Leichtathletik-Weltverbandes und IOC-Ehrenmitglied, läuft in Paris ein Verfahren wegen Verdachts auf Korruption und Geldwäsche: Es geht unter anderem um mögliche Manipulation der Spiele-Vergabe an Tokio 2020. Diack senior, unlängst noch der Doyen unter Afrikas IOC-Mitgliedern, steht unter Hausarrest, seinen Sohn sucht Interpol per Haftbefehl. Ein anderes Beispiel ist der Ire Pat Hickey. Verdacht: Der Ex-IOC-Vizepräsident könnte sich über ein Firmennetz per Schwarzmarkthandel mit Olympiatickets um Millionen bereichert haben. Bei den Rio-Spielen setzte ihn die Polizei fest; aus Gesundheitsgründen durfte der 71-Jährige Monate später gegen Kaution in die Heimat zurück. Seine IOC-Mitgliedschaft ist nicht beendet, sie ruht“ (Aumüller, Johannes, Wie bei der Fifa, in SZ 8.3.2017).

 

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