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Graubünden gegen Olympische Winterspiele

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Jun 202016
 
Zuletzt geändert am 20.09.2017 @ 17:35

20.6.2016, aktualisiert 20.9.2017
Folgt ab 8.8.2018 unter: Rio 2016 und Doping

Vergleiche auch: Laborchef von Sotschi 2014 packt aus; Die Wada-Untersuchung; Hickey, Pat

Wetten dass … die russischen Sportler in Rio 2016 dabei sein werden? schrieb ich Mitte Juni 2016. Schon sind sie seit 24.7.2016 dabei. Leider hat niemand gegen mich gewettet…
Es ist doch interessant, was den Sport-Spezln Wladimir Putin und Witalij Mutko, Thomas Bach und Sebastian Coe alles eingefallen ist – und noch einfallen wird, um die russischen Sportler KOMPLETT in Rio 2016 antreten zu lassen. IOC-Präsident Thomas Bach hatte seinen privaten „Olympic Summit“ am 21.6.2106 tagen lassen: alles Sport-Kumpels. Und schon waren die russischen Sportler in Rio 2016 (wieder) dabei.

Es bleibt in der olympischen Familie
Wenn der Sport „wieder Vertrauen in seine Bilder schaffen will, muss er die Doping-Kontrollen aus den nationalen Agenturen lösen. Und einer unabhängigen Welt-Anti-Doping-Agentur übertragen, die nicht nur observiert, sondern kontrolliert, mit eigener Ermittlungseinheit. Ohne Personal, das auch in Sportverbänden wirkt. Craig Reedie, der seit 2013 die Wada leitet, ist gleichzeitig Vizepräsident des IOC, also Teil jenes Geschäfts, das er mit seiner Agentur durchleuchten soll. Da hält die olympische Familie im Zweifel lieber zusammen“ (Knuth 17.6.2016).
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Intro (I): Whistleblowerin gesperrt

„Im Dezember 2012 erhielt die Welt-Anti-Doping-Agentur eine  Email einer olympischen Sportlerin aus Russland. Sie ersuchte um Hilfe. Die Sportlerin, eine Diskuswerferin namens Darya Pishchalnikova, hatte vier Monate vorher eine Silbermedaille bei  den Olympischen Sommerspielen in London gewonnen. Sie  teilte mit, dass sie auf Weisung der russischen Sport- und Anti-Doping-Verantwortlichen verbotene Drogen genommen und dass sie Informationen über systematisches Doping in ihrem Land hat. Bitte untersuchen Sie dies, flehte sie die Wada im Email an, das in Englisch abgefasst war. ‚Ich möchte mit der Wada kooperieren‘, stand in der Email. Aber die Wada, die globale Instanz für Doping im olympischen Sport, begann keine Untersuchung… Es sandte die Email von Frau Pishchalnikova an russische Sportfunktionäre… In ihrer  Email aus dem Jahr 2012 nannte Frau Pishchalnikova Dr. Rodschenkow, den Direktor des Anti-Doping-Labors, dessen Einrichtung erst kürzlich von der Wada wegen verdächtiger Testergebnisse ausgemustert wurde. Sie sagte, er würde den von Steroiden versuchten Urin von Athleten durch sauberen Urin ersetzen. (…) Vier Monate, nachdem Frau Pishchalnikova der Wada gemailt   hat, wurde sie vom russischen Leichtathletikverband für zehn Jahre gesperrt. Sie hat sich von Wettbewerben und aus dem Leben in Russland zurückgezogen. Versuche, sie zu erreichen, waren erfolglos“ (Ruiz u. a., 15.6.2016; Übersetzung WZ).

Intro (II): Goldmedaillengewinner bei London 2012 gedopt
„Vier Goldgewinner im Gewichtheben von London 2012 sind bei Doping-Nachtests des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) positiv getestet worden. (…) Die Kasachen Ilja Iljin (94 Kilogramm), Sülfija Tschinschanlo (53 kg), Maja Manesa (63 kg) und Swetlana Podobedowa (75 kg) drohen nun Sperren. (…) Neben den vier kasachischen Olympiasiegern betrifft die mögliche Aberkennung ihrer Medaillen auch den Olympia-Zweiten Apti Auchadow aus Russland sowie die Bronzemedaillen-Gewinnerinnen Julja Kalina (Ukraine) und Marina Schkermankowa (Weißrussland)“ (DPA SZ 17.6.2016).

– Russische Leichtathleten werden gesperrt
„Bereits im November 2015 suspendierte der Leichtathletik-Weltverband IAAF den russischen Leichtathletikverband WFLA. Es war eine Reaktion auf einen mehr als 300 Seiten umfassenden Bericht der Welt-Doping-Agentur Wada, in dem ausführlich die systematischen und zum Teil auch vom Staat getragenen Dopingmethoden beschrieben wurden. Eine Sperre, die im März verlängert wurde und an der sich auch in der nächsten Zeit nichts ändert“ (Dudek 17.6.2016).

– Russische Methoden ändern sich nicht
Der Sport preist gerne seinen Anti-Doping-Kampf, aber dieser angebliche Kampf ist und war meist ein Anti-Doping-Management. (…) In diesem prekären Klima wird der Chor derer lauter, die fordern, Russlands Athleten aus Rio zu verbannen. Zum einen, weil sich in den Skandalen vieles bündelt, was von einem der größten Raubüberfälle auf die Werte des Sports erzählt. Zum anderen, weil vieles darauf hindeutet, dass der Betrug bis zuletzt anhielt – während in den Hinterzimmern an einem Kompromiss gearbeitet wurde, um Russland, das viele Funktionäre und viel Geld bewegt, nicht zu sehr zu brüskieren. Das Council wird die Sperre am Freitag dem Vernehmen nach nicht aufheben, aber es könnte Einzelnen eine Hintertür öffnen. (…) ‚Das sind keine vergleichbaren Bedingungen für Nationen mit funktionierenden Kontrollsystemen‘, sagt Clemens Prokop, der Präsident des deutschen Verbands. Am Mittwoch berichtete die Wada, dass zwischen Februar und Mai 736 externe Kontrollen in Russland scheiterten, weil Tester von Athleten und Geheimdienstarbeitern massiv behindert wurden. Eine Läuferin flüchtete offenbar während ihres Rennens aus dem Stadion, weil sie die Kontrolleure erspäht hatte. Eine andere Leichtathletin habe spontan versucht, den Kontrolleur zu bestechen. (…) Wenn die IAAF nun über Russland richtet, sagt DLV-Chef Prokop, ‚stellt sich auch die Glaubwürdigkeitsfrage für die Zukunft‘. Aber im Grunde kann die Leichtathletik auch mit einer Verbannung kaum Glaubwürdigkeit zurückerlangen, schon gar nicht der gesamte Sport“ (Knuth 17.6.2016).

– 17.6.2016, 16:49: Russische Leichtathleten gesperrt
„Der Leichtathletik-Weltverband IAAF hat die Sperre der russischen Leichtathleten auf unbestimmte Zeit verlängert. Das bestätigte IAAF-Präsident Sebastian Coe. Damit ist eine Teilnahme der Sportler an den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro ausgeschlossen“ (spiegelonline 17.6.2016).

– Russland ist unschuldig
Russlands Sportminister Witalij Mutko äußerte dazu: ‚Wir sind verärgert. Unschuldige Menschen wurden wegen schuldiger bestraft‘, sagte er demnach“ (Ebenda).
Das ist bedingt richtig: Schuldig sind die russischen Sportfunktionäre, die diesen systematischen Betrug organisiert und zu verantworten haben, der Kreml, der dies sehr wahrscheinlich direkt angeordnet hat und die Helfer aus Medizin, Presse und Propaganda.
Ähnlich äußerte sich Wladimir Putin: „Es kann keine Kollektivverantwortung aller Athleten geben. Das ganze Team kann nicht verantwortlich gemacht werden für einen Einzelnen, der gegen die Regeln verstoßen hat“ (Ebenda).
Der Einzelne – das soll einzelne (schuldige) Sportler suggerieren und nicht das von ganz oben angeordnete Staatsdoping.
Putin bestritt jedes systematische und vom russischen Staat organisierte Doping: ‚Es gibt keine Unterstützung der Regierung für Regelverletzungen im Sport, besonders nicht in der Frage des Dopings, und es kann auch keine geben“ (Ebenda).
Das ist schlicht unwahr – siehe dazu die Aussagen von Rodschenkow und die Rolle des russischen Geheimdienstes FSB.
„Laut der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada gab es in der russischen Leichtathletik flächendeckendes, systematisches Doping. Positive Kontrollen wurden vertuscht, zudem konnten sich Leichtathleten von Verdachtsfällen freikaufen. Funktionäre und Trainer haben demnach den Betrug gefördert. Neben den Sportlern waren im vergangenen Jahr auch Russlands Anti-Doping-Labor sowie die russische Anti-Doping-Agentur Rusada suspendiert worden, Russlands Leichtathletik-Präsident Walentin Balachnitschew musste zurücktreten“ (Knaack 17.6.2016).

– Doch keine Fortschritte in Russland
„Zuletzt hatte Präsident Coe von ‚Fortschritten‘ gesprochen, die Wada kam jedoch in ihrem jüngsten Bericht zu einem anderen Schluss. Demnach seien von Februar bis Mai dieses Jahres insgesamt 736 geplante Dopingproben aus unterschiedlichen Gründen nicht durchgeführt worden. Zudem berichtete die Wada von eklatanten Versäumnissen vieler Athleten bei der Angabe des Aufenthaltsorts“ (Ebenda). – „Trotz der von Sportminister Wladimir Mutko angekündigten Reformen berichtete die Wada jüngst von mangelhaften Fortschritten. Hunderte von Dopingkontrollen konnten demnach aus den unterschiedlichsten Gründen nicht durchgeführt werden, Kontrolleure sollen zudem von Beamten des russischen Geheimdiensts FSB eingeschüchtert worden sein. Laut ARD-Recherchen sollen zudem bekannte Strippenzieher des russischen Dopingsystems weiter im Einsatz sein – Mutko bestreitet das“ (Knaack 17.6.2016).

– Die Statuten
In Regel 45 des Ethik-Codes des Leichtathletik-Weltverbands steht: „Das IAAF-Council kann Strafen gegen ein Mitglied des Weltverbands verhängen, wenn es gegen die Anti-Doping-Regeln verstößt“ (Knaack 17.6.2016). Folgende Strafen sind für Mitglieder möglich: Suspendierung, Geldstrafen, Streichen von Zuschüssen oder Subventionen, Ausschuss von einem oder mehreren internationalen Wettbewerben, Verweigerung von Akkreditierungen“ (Ebenda).

– Entscheidung nicht unbedingt endgültig
„Jein. Formal hat das Internationale Olympische Komitee Hausrecht bei den Olympischen Spielen, kann also das Urteil des Leichtathletik-Weltverbands überstimmen. Für kommenden Dienstag ist eine Sitzung der IOC-Spitze mit Vertretern der Spitzenverbände angesetzt, auf der über die Kollektivstrafe beraten wird. Doch IOC-Präsident Thomas Bach hatte bereits vor der IAAF-Entscheidung angekündigt, dem Urteil des Leichtathletik-Weltverbands zu folgen. Er sprach von einer ‚Null-Toleranz-Politik‘ gegenüber Dopingsündern. Alles andere wäre laut Experteneinschätzung ein offener Angriff des IOC auf die IAAF“ (Ebenda).

– Stabhochspringerin Issinbajewa uninformiert
„Die Tür für Ausnahmen ist nur einen winzigen Spalt breit geöffnet, hat der Norweger Rune Andersen in Wien gesagt, der Chef der IAAF-Taskforce, die einen überzeugenden Bericht vorgelegt hat. Stars wie Jelena Issinbajewa, die Putin-treue Olympiasiegerin im Stabhochspringen, werden kaum durch diesen Spalt schlüpfen können. Issinbajewa, die vor drei Jahren nicht nur die unerträglichen Anti-Homosexuellen-Gesetze in Russland verteidigte, sondern die faktenbasierten Berichte der Weltantidopingagentur Wada und zahlreiche investigative Medienberichte als „politisch motiviert“ bezeichnete, wird im Papier der Taskforce auch erwähnt – und als Propagandistin enttarnt. Denn in Gesprächen mit der Taskforce stellte sich heraus, dass Issinbajewa die Wada-Berichte nie gelesen hatte“ (Weinreich 17.6.2016).

– Doch russisches Staatsdoping
Aus einem Kommentar von Jens Weinreich in spiegelonline: „Der 15 Seiten umfassende Bericht der Taskforce ergänzt die vielen hundert Seiten der beiden Wada-Berichte und die zahlreichen Enthüllungen – wie zuletzt in der BBC, in der ‚New York Times‘ und in der ARD – perfekt. Nie zuvor in der Geschichte des olympischen Sports konnte ein staatlich organisiertes Dopingsystem zeitnah so gut beschrieben werden. (…) Das russische System, dessen Wurzeln in der Sowjetunion liegen, wird vom Sportministerium bis heute geschützt – auch dafür liefert das Papier der IAAF weitere Belege. Wer die Augen vor all diesen Beweisen, Aussagen und Indizien verschließt – wie Issinbajewa, wie russische Staatsmedien und Putin-Trolle im Internet – der kann in der Diskussion nicht ernst genommen werden. Am 15. Juli wird der nächste umfassende Bericht der Wada vorgelegt. Hat die Beibehaltung der Sanktionen gegen den russischen Verband die Lage an der Dopingfront nachhaltig verbessert? Natürlich nicht. Das kriminelle System in der IAAF muss strafrechtlich aufgearbeitet werden. Die Doppelpässe hoher Funktionäre des IOC und der Wada mit Russland müssen eingestellt und sportjuristisch sanktioniert werden – Ethikregeln geben da einiges her. Das internationale System der Dopingfahndung steht weiterhin vor dem Kollaps. Viele ehrliche Sportler, die jahrelang von den Russen (und anderen) betrogen wurden, werden nie den Lohn ihrer Arbeit bekommen. Sie bleiben bis ans Lebensende betrogen“ (Ebenda; Hervorhebung WZ).
Jelena Issinbajewa stritt Tage später im Spiegel jegliches russische Staatsdoping ab: „Wenn  jemand in unserem Sport zu verbotenen Substanzen greift, ist  das immer seine ganz individuelle Entscheidung. (…) In Russland gibt es kein Dopingsystem. Das sage ich Ihnen“ (Eberle, Schirokow 25.6.2016).

– Russland macht weiter
„‘Der russische Leichtathletikverband WFLA bleibt weiterhin auf unbestimmte Zeit suspendiert‘, erklärte IAAF-Präsident Sebastian Coe am Freitagabend in Wien, wo das Council des IAAF über die Fortschritte der Russen im Anti-Dopingkampf beriet. Damit bleiben die russischen Leichtathleten weiterhin von allen internationalen Wettbewerben ausgeschlossen, was auch die Teilnahme an den im August beginnenden Olympischen Spielen in Rio unmöglich macht. ‚An der Kultur des Dopings und daran, dass es toleriert wird, hat sich bis heute nichts geändert‘, sagte Rune Andersen, Vorsitzender der IAAF-Taskorce, auf der Pressekonferenz zur Begründung. Dabei haben russische Sportfunktionäre in den vergangenen Tagen noch das Gegenteil behauptet. ‚Wir haben alle 44 Reformforderungen des IAAF erfüllt‘, sagte noch am Montag Gennadi Aljeschin, Präsidiumsmitglied des russischen NOK. Dass Mutkos Beteuerungen zum Teil nur hohle Phrasen sind, zeigt der jüngste Bericht der Wada. (…) Von Dopingkontrolleuren, die bei ihrer Arbeit sowohl von Sportlern als auch von Mitarbeitern des Inlandsgeheimdienstes FSB behindert wurden, ist in dem am vergangenen Mittwoch publik gewordenen Bericht die Rede. Ebenso von Sportlern, die ihren Aufenthaltsort verheimlichen oder von Versuchen, Dopingproben zu manipulieren. Bei diesen Erkenntnissen blieb dem IAAF quasi keine andere Wahl, als die Suspendierung des WFLA aufrechtzuerhalten. (…) Tatjana Lebendewa, ehemalige Vize-Präsidentin des russischen Leichtathletikverbandes und Weitsprung-Olympiasiegerin von 2004, sagte: ‚Die Politik siegte über den Sport‘“ (Dudek 17.6.2016; Hervorhebung WZ).
Stimmt. Das russische staatliche Systemdoping hat über den ehrlichen Sport gesiegt.

– Aus einem Kommentar von Sara Peschke in nzz.ch: „Russland gelobte Besserung und versicherte, sich an die Auflagen der Wada zu halten. Nun, ein gutes halbes Jahr später, ist klar: Viel ist nicht passiert, im Gegenteil. Weitere Recherchen der ARD zeigten, dass noch immer jene Trainer aktiv waren, die offiziell eigentlich nicht mehr arbeiten durften, sie trafen und trainierten die Athleten einfach im Geheimen. Anfang Mai berichtete der frühere Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors, Gregori Rodschenkow, in der ‚New York Times‘ von systematischem Doping während der Olympischen Winterspiele in Sotschi, unter anderem mithilfe des Geheimdienstes FSB. Und vor wenigen Tagen erst, also kurz vor der Entscheidung des IAAF-Councils über den Bann der russischen Athleten, gab die Wada bekannt, dass 736 in Russland geplante Dopingkontrollen zwischen dem 15. Februar und dem 29. Mai nicht durchgeführt worden seien. Kontrolleure seien von Athleten und Geheimdienstmitarbeitern massiv behindert worden. Kurz: Der russische Sport hat das grosse Frachtschiff Weltsport mit voller Wucht gegen seinen versteckten Eisberg prallen lassen – und gehofft, dass es irgendwie keiner merkt. (…) Denn die Enthüllungen der vergangenen Monate haben nicht nur gezeigt, dass das Anti-Doping-System in Russland krankt beziehungsweise weitgehend inexistent ist. Sie haben auch dargelegt, dass internationalen Kontrollinstanzen wert- und nutzlos sind. Was bringt ein von der Wada überwachtes russisches Anti-Doping-Labor in Sotschi, wenn es sämtliche Überwachung umgehen kann? Richtig: nichts. Genau dort müsste das IOK ansetzen, um effektiven Anti-Doping-Kampf zu leisten“ (Peschke 17.6.2016).

18.6.2016

IAAF-Bericht zu russischem Staatsdoping
„Zwar hätte der Verband ’signifikante Fortschritte‘ gemacht, sagte Rune Andersen, der jene Kommission geleitet hatte, die die Reformen in Russland inspizierte. Allerdings sei er noch immer auf eine tiefwurzelnde Toleranz für Doping und Betrug gestoßen, bis hin zu Cheftrainer Juri Borsakowski. Den hatten Russlands Funktionäre im vergangenen Jahr als Gesicht der neuen, angeblich porentief reinen russischen Leichtathletik vorgestellt. Laut Andersens Bericht bestritt Borsakowski, dass Russlands Leichtathletik überhaupt ein Dopingproblem habe. Nach den bulgarischen Gewichthebern sind die russischen Leichtathleten nun jedenfalls der zweite Fachverband, der wegen massiven Dopingproblemen von den Olympischen Spielen ausgeschlossen wird. Der Bann sei ’nicht verhandelbar‘, sagte Coe, ehe Andersen erklärte, dass es doch Spielraum für Verhandlungen gebe: Athleten, die sich zuletzt einem ‚effektiven Anti-Doping-Programm‘ außerhalb des russischen Systems bzw. im Ausland unterzogen hätten und dies bis Rio weiter tun, dürfen bei der IAAF eine Zulassung beantragen, unter neutraler Flagge. (…) Die finale Entscheidung über mögliche Schlupflöcher trifft am kommenden Dienstag das Internationale Olympische Komitee (IOC). Letztlich gab Andersen zu, einen zentralen Konflikt nicht lösen zu können: ab wann ein Anti-Doping-System als effektiv und glaubwürdig gilt. ‚Fünf, zehn oder hundert negative Tests bedeuten nicht, dass ein Athlet sauber ist, das hat uns die Geschichte gelehrt‘, sagte er. Frei übersetzt: Der aktuelle Anti-Doping-Kampf des Sports ist mittlerweile derart in seiner Glaubwürdigkeit zertrümmert, dass man so oder so keinem mehr trauen kann. (…) Russlands Sportministerium gab sich derweil wenig einsichtig. Man sei ‚extrem enttäuscht‘, man habe doch alles getan, um das Vertrauen der internationalen Sportgemeinde zu gewinnen, hieß es von dort. Das war eine mutige Interpretation. Sie ignorierte den Hinweis der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), wonach zuletzt 736 Tests in Russland scheiterten, weil externe Kontrolleure massiv behindert wurden. Das konnte Sportminister Witali Mutko natürlich nicht unkommentiert lassen: ‚Die Kontrolleure müssen uns nur informieren – aber wartet damit nicht bis zur letzten Minute!‘ Das Prinzip der unangekündigten Tests scheint noch nicht ganz bis ins höchste Sportgremium Russlands vorgedrungen zu sein (Knuth 18.6.2016; Hervorhebung WZ).

– Dazu aus einem Kommentar von Thomas Kistner in der SZ: „Und Pounds Münchner Kehrtwende? Wird durch seine Vita erklärt. Der Kanadier ist Wada-Gründungspräsident und IOC-Alterspräsident. Der jetzige Wada-Chef Craig Reedie sitzt im IOC-Vorstand, ist Brite und wie Coe in der Dopingaffäre mit entlarvender Nähe zu Moskaus Potentaten aufgefallen. Natürlich ist auch Coe eng mit Thomas Bach, als dessen Nachfolger an der IOC-Spitze er sogar galt: Shakespeare und Goethe, werden sie geneckt. Familie halt. So nennt sich das Netzwerk selber, das den Sport beherrscht. Nun fliegt auf, dass Coe vor der Russen-Affäre Hinweise auf Doping und Korruption erhalten habe, aber die brisante Mail nicht gelesen haben will. Auch soll ihm der von Interpol gesuchte Diack für die Thronwahl Voten aus Afrika besorgt haben. Prompt spielt Coe wieder routiniert den ahnungslosen Lord. Man sollte seine Ausflüchte schlicht ignorieren – so wie er, wenn er Betrugshinweise erhält. Die Causa Coe zeigt: In IAAF, Wada und dem Dachgremium IOC läuft alles genauso krumm ab wie im Bruderverband Fifa. Der Spitzensport hat kein Problem mit Doping oder Korruption, mit sinistren Sportlern oder Agenten, auch nicht mit gierigen Sponsoren oder den Figuren, die auf russischer Staatsseite offenbar die Manipulation steuern. Der Sport hat nur eine echte Wundstelle, an der sich alle Probleme entzünden: Sein Führungspersonal. Funktionäre, die all das ermöglichen, die Korruption zur Geschäftsbasis und den Dopingkampf zur Propaganda gemacht haben. Dieses Geschäftsmodell ist nur geschützt, wenn der Betrug abgesichert wird. Daher sind es stets nur Medien oder staatliche Fahnder, die etwas im Sumpf aufdecken; nie der Sport selber. Vergesst die neue Sanktion gegen Russland – sie wird vor Rio garantiert noch aufgeweicht; es werden Russen dabei sein. Vergesst dopende Sportler. Schaut nur auf die Funktionäre: Auf die Familie“ (Kistner 18.6.2016).

– Russland lenkt ab
„Einen Tag nach der Olympia-Sperre für Russlands Leichtathleten hat die russische Justiz Ermittlungen gegen Whistleblower Grigorij Rodtschenkow eingeleitet. Ihm werde Machtmissbrauch vorgeworfen, sagte Wladimir Markin, Sprecher der russischen Ermittlungsbehörde. Das staatliche Untersuchungskomitee bestätigte die Eröffnung eines Verfahrens gegen den in die USA geflüchteten Ex-Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors. Rodtschenkow hatte im Mai schwere Vorwürfe gegen die verantwortlichen Stellen seines Heimatlandes wegen der Manipulation von Dopingkontrollen bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi erhoben. Demnach sollen die Gastgeber die Dopingkontrollen mehrerer Dutzend russischer Athleten, darunter 15 Medaillengewinner, gegen negative Urinproben vertauscht haben. Die Ermittlungsbehörden sehen jedoch ein Fehlverhalten bei dem ehemaligen Chef des Moskauer Doping-Kontrolllabors und späteren Whistleblower. (…) ‚Rodtschenkow versucht, durch seine Behauptungen eigene Versäumnisse und persönliches Fehlverhalten zu vertuschen. Sein Verhalten hat den gesetzlich geschützten Interessen des russischen Staates großen Schaden zugefügt und die russische Anti-Doping-Politik diskreditiert‘, heißt es in einer offiziellen Mitteilung“ (spiegelonline 18.6.2016).

– Alle russischen Sportler draußen?
„Es wäre die nächste historische Entscheidung: Nach dem Ausschluss der russischen Leichtathleten von den Olympischen Sommerspielen in Rio könnte es noch weitere russische Sportverbände oder gar das gesamte russischen NOK treffen. Bei einer Telefonkonferenz hat das Exekutivkomitee des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) am Sonnabend den Beschluss des Councils des Weltverbandes der Leichtathleten (IAAF) vollumfänglich begrüßt, die Sperre des dopingverseuchten russischen Verbandes aufrecht zu erhalten“ (Weinreich 18.6.2016).

– Putin redet mit
Für den 21. Juni hat IOC-Präsident Thomas Bach zum so genannten Olympic Summit nach Lausanne geladen. Teilnehmer dieses Meetings erklärten SPIEGEL ONLINE, im Mittelpunkt des Olympiagipfels werde, so ihre Erwartung, die Frage stehen, ob das russische NOK komplett oder zumindest weitere Sportarten auszuschließen seien. Die Agenda legt allerdings der IOC-Präsident fest, der sich, davon gehen die hohen Sportfunktionäre aus, zuvor mit Russlands Präsident Wladimir Putin beraten wird. Bach und Putin sind sich geradezu freundschaftlich verbunden. Putin hat 2013 die Inthronisierung Bachs im IOC unterstützt und am Freitag den IAAF-Bann Russlands scharf kritisiert“ (Ebenda).

– Kanadischer Ermittler Richard McLaren
„McLaren ermittelt im Auftrag der Wada, die selbst schwer unter Druck geraten ist, und will seinen Bericht am 15. Juli vorlegen. (…) Russland hat seit 2010, seit dem Amtsantritt des NOK-Präsidenten Schukow nicht nur die Winterspiele, die Paralympics und die Weltstudentenspiele (Universiade) ausgetragen, sondern 18 Weltmeisterschaften in vierzehn olympischen Sportarten, darunter Schwimmen und Leichtathletik. Alles steht unter akutem Manipulationsverdacht. Wada-Sonderermittler McLaren wird auf diese Sportarten und die Rolle der nationalen und internationalen Verbände eingehen müssen. IOC-Präsident Bach weiß um die Gefahren des McLaren-Berichts. Der Kanadier legt sein Papier zunächst dem schwer in Erklärungsnot geratenen Wada-Präsidenten und IOC-Vize Craig Reedie vor. Ob der Brite, der gemäß eines enthüllten Email-Austausches mit dem russischen Sportministerium kollaborierte, es wagt, in dieser einzigartigen Situation den McLaren-Report zu schönen? Ob McLaren eine Manipulation hinnehmen würde?“ (Ebenda).

20.6.2016

– Wer ist in Russland am empörtesten?
„Es hat übers Wochenende offenkundig eine Art innerrussischer Überbietungswettkampf eingesetzt, welcher Politiker, Funktionär oder Athlet nach dem Ausschluss der nationalen Leichtathleten für die Sommerspiele in Rio de Janeiro die harscheste Wortwahl findet. Staatspräsident Wladimir Putin bezeichnete die Sanktion als ‚unfair‘, die Stabhochsprung-Olympiasiegerin Jelena Issinbajewa empörte sich über eine ‚Menschenrechtsverletzung‘, und Sportminister Witalij Mutko drohte, dass die Disqualifikation noch Konsequenzen haben werde.  Aber womöglich müssen sich Putin & Co. noch ein bisschen Steigerungspotenzial für ihre verbalen Beschwerden lassen. Denn nachdem am Freitagabend der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) die weitere Suspendierung des russischen Verbandes und damit das faktische Aus für die Sommerspiele beschloss, intensiviert sich nun auch noch eine andere Debatte: Warum trifft es eigentlich nur die Leichtathleten und nicht mehr Verbände des offenkundig dopingverseuchten Riesenreiches? ‚Das IOC ist gut beraten, über einen Gesamtausschluss Russlands nachzudenken‘, sagte etwa der deutsche Leichtathletik-Chef Clemens Prokop. (…) ‚An der Kultur des Dopings und daran, dass es toleriert wird, hat sich bis heute nichts geändert‘, sagte Rune Andersen, Leiter der IAAF-Untersuchungsgruppe. Das offenkundigste Argument ist die Tatsache, dass in den vergangenen Monaten gleich 736 unabhängige Dopingproben nicht wie geplant durchgeführt werden konnten.  (…) Russland will sich gegen die Sanktionierung der Leichtathleten nun wehren. Dem Argument, die Kollektivstrafe sei gegenüber einzelnen unschuldigen Sportlern unfair, widersprach schon IAAF-Mann Andersen energisch. Das sei nichts im Vergleich zur Ungerechtigkeit gegenüber den nichtrussischen Athleten, die aufgrund des Dopingmissbrauchs russischer Mitbewerber in den vergangenen Jahren um Medaillen und Preisgelder gebracht worden seien. (…) Der IOC-Vorstand stellte sich am Samstag zwar hinter die Entscheidung des Leichtathletik-Weltverbandes und am Dienstag gibt es in der Ringe-Zentrale ein weiteres Beratungsgespräch über Nationen, die gegen den Wada-Code verstoßen. Aber das Verhältnis zwischen IOC-Chef Bach und Russlands Staatspräsident Putin ist traditionell gut“ (Aumüller, Johannes, Radikale Lösung auf dem Tisch, in SZ 20.6.2016).

Dazu aus  einem Kommentar von Claudio Catuogno in der  SZ: „Im Report der internationalen Kontrolleure, die Russlands Athleten seit November überwachten, steht jede Menge Entlarvendes. Sportler wurden sogar in militärische Sperrgebiete verfrachtet, Inspektoren bekamen keinen Zutritt. Geheimdienstler schüchterten Besucher ein, 736 Dopingtests scheiterten. Sportminister Witali Mutko meinte dazu: ‚Die Kontrolleure müssen uns nur informieren. Aber nicht in letzter Minute.‘ Auch solche Einlassungen offenbaren, wie die Verhältnisse sind. Russland will vorab von den Kontrollen informiert werden. Die Untersuchungskommission will sogar beweisen können, dass Vertuschungsaufträge aus dem Sportministerium ergangen seien. Bei der WM 2013 in Moskau soll das Labor unter staatlicher Regie Dopingfälle ebenso vertuscht haben wie 2014 bei den Winterspielen in Sotschi. Auch der in die USA geflohene Laborchef bestätigt das. (…) Wladimir Putin hat Freund Thomas Bach signalisiert, er erwarte ‚eine Reaktion des IOC'“ (Catuogno 20.6.2016).

21.6.2016

– Wie viele russische Sportler werden ausgeschlossen?
„Über allem aber steht der Betrug bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi, als gemäß Aussagen des langjährigen russischen Dopinglaborchefs Grigori Rodschenkow Hunderte Dopingproben ausgetauscht wurden, darunter von mindestens fünfzehn russischen Medaillengewinnern. Die Ergebnislisten der Sotschi-Spiele werden mit großer Sicherheit umgeschrieben. Das Dopingkontrollsystem bei mehr als einem Dutzend olympischer Weltmeisterschaften in den vergangenen Jahren in Russland wird überprüft. An der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) scheint sich die Überzeugung durchzusetzen, dass die Nichtzulassung des Nationalen Olympischen Komitees Russlands (ROC) für die Olympischen Sommerspiele im August in Rio de Janeiro die angemessene Antwort auf den staatlich organisierten Sotschi-Skandal wäre. Verantwortlich für den gigantischen Olympiabetrug sind gemäß bisherigen Erkenntnissen das russische Sportministerium, das ROC, die sogenannte Anti-Doping-Agentur Rusada und der Geheimdienst FSB. Sogar der schwer in die Kritik geratene IOC-Vizepräsident Craig Reedie, zugleich Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, hat am Montag in London auf einem Symposium für Medienvertreter ‚beispielgebende Entscheidungen‘ angekündigt“ (Weinreich 21.6.2016).

– Athletensprecher fordern energische Sanktionen
„Die Athletensprecher des IOC haben sich schon vor einigen Wochen schriftlich an die Präsidenten von IOC und Wada gewandt und im Namen von tausenden Sportlern eine lückenlose Aufklärung und energische Sanktionen gefordert. Dieser Brief hat im olympischen Binnenklima Wirkung hinterlassen. Die Sportler hätten das Vertrauen in die Führung von IOC und Wada verloren, schrieben Scott und Bokel. Vor dem Olympic Summit in Lausanne wurden die gewählten Athletenvertreter von IOC-Boss Bach nicht in dessen Überlegungen eingeweiht“ (Ebenda).

– Russische Athleten wollen vor dem Cas klagen
„Russlands Leichtathleten wollen gegen ihren Ausschluss von den Olympischen Spielen juristisch vorgehen und Einspruch beim Internationalen Sportgerichtshof einlegen. Das gab der Chef des russischen Olympia-Komitees, Alexander Schukow, am Dienstag bekannt. Der Einspruch werde im Namen aller Athleten eingereicht, die noch nie gegen die Anti-Doping-Regeln verstoßen hätten, sagte Schukow. Der russische Leichtathletikverband werde die Interessen und Rechte aller Athleten schützen, die unschuldig seien und keine verbotenen Substanzen eingenommen hätten. Schukow hoffe, dass das Sportgericht eine objektive, faire und gerechte Entscheidung treffe“ (spiegelonline 21.6.2016).

– Bachs Trick mit dem „Olympic Summit“
„Für den 21. Juni hat IOC-Präsident Thomas Bach zum so genannten Olympic Summit nach Lausanne geladen. (…) Die Agenda legt allerdings der IOC-Präsident fest, der sich, davon gehen die hohen Sportfunktionäre aus, zuvor mit Russlands Präsident Wladimir Putin beraten wird. Bach und Putin sind sich geradezu freundschaftlich verbunden. Putin hat 2013 die Inthronisierung Bachs im IOC unterstützt und am Freitag den IAAF-Bann Russlands scharf kritisiert.  Der Olympic Summit in Lausanne hat keinerlei Beschlussrecht und wird im IOC-Grundgesetz, der Olympischen Charta, nicht einmal erwähnt. Bach hat diese Treffen im Herbst 2013 nach seiner Amtsübernahme eingeführt und legt die bislang wechselnde Teilnehmerschaft selbst fest. Neben einigen Top-Vertretern des IOC, etwa die vier Vizepräsidenten sowie die Athletensprecherin Claudia Bokel (Deutschland), sind stets auch die Präsidenten der Vereinigungen aller Nationalen Olympischen Komitees (NOK) und der Dachorganisationen der olympischen Sportverbände dabei, also beispielsweise Bachs Wahlhelfer Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah aus Kuwait. Stammgäste sind zudem die NOK-Präsidenten aus den USA (Larry Probst) und aus Russland (Alexander Schukow). (…) Schukow ist Präsidiumsmitglied in Putins Partei Vereinigtes Russland und stellvertretender Vorsitzender der Duma. Er wurde 2010 nach dem desaströsen Abschneiden Russlands bei den Winterspielen in Vancouver installiert – vier Jahre später belegte Russland Rang eins der Nationenwertung bei den Heimspielen in Sotschi“ (Weinreich 18.6.2016; Hervorhebung WZ).
Dazu Jens Weinreich in spiegelonline: „Die Zusammensetzung dieses Olympic Summits, der in der Olympischen Charta nicht auftaucht und folglich keinerlei Beschlussrecht hat, wurde vom IOC zuvor nicht bekanntgegeben. Aus guten Gründen: Denn mit Ausnahme der IOC-Athletensprecherin Claudia Bokel, die zuletzt mehrfach fundamentale Kritik am Dopingkontrollprogramm sowie der Führung von IOC und Wada geübt hatte, hatte Bach ausnahmslos seine Gefolgsleute geladen. Dazu zählten beispielsweise der Ire Patrick Hickey, der kurz zuvor die europäische Athletenkommission auf Linie gebracht hatte, oder die Präsidenten der Weltverbände der Leichtathletik (IAAF) und des Schwimmens (Fina), Sebastian Coe (Großbritannien) und Julio Maglione (Uruguay). IAAF und Fina haben nachweislich mit den Russen gedealt und nicht nur rund um die Weltmeisterschaften 2013 in Moskau (Leichtathletik) und 2015 in Kazan (Schwimmen) das Dopingkontrollsystem untergraben. (…) Diese handverlesene Runde von 18 Personen (Maglione war telefonisch zugeschaltet) beriet nun also die Frage der Zulassung für die Olympischen Spiele 2016 – und entschied angeblich einstimmig, obwohl der Summit keinerlei Beschlussrecht hat. Bach verkündete anschließend eine sogenannte Deklaration von fünf Punkten. Russland wird demnach in Rio ein Team stellen“ (Weinreich 21.6.2016b). Dazu kam noch der Ire Patrick Hickey, der die European Games 2015 in der Aserbaidschan-Diktatur durchführen ließ, dazu der angeschlagene Leichtathletik-Präsident Sebastian Coe und der zugeschaltete, übel beleumdete Präsident des Welt-Schwimmverbandes, Julio Maglione sowie zwei Vertreter des Staats-Dopinglandes China (Weinreich 21.6.2016b). „Die Zusammensetzung dieses Olympic Summits, der in der Olympischen Charta nicht auftaucht und folglich keinerlei Beschlussrecht hat, wurde vom IOC zuvor nicht bekanntgegeben. Aus guten Gründen: Denn mit Ausnahme der IOC-Athletensprecherin Claudia Bokel, die zuletzt mehrfach fundamentale Kritik am Dopingkontrollprogramm sowie der Führung von IOC und Wada geübt hatte, hatte Bach ausnahmslos seine Gefolgsleute geladen“ (Ebenda).

– Der „Olympic Summit“ beschließt, was er gar nicht darf
Das russische Staats-Dopingsystem mit Hilfe vom Geheimdienst FSB und dem Kreml ist längst Allgemeinwissen. Aber auf seinem selbst gestrickten „Olympic Summit“ lobt IOC-Präsident Thomas Bach die Rolle des russischen Nationalen Olympischen Komitees bei der vermeintlichen Aufklärung.
Dazu aus einer Analyse von Jens Weinreich in spiegelonline: „ROC-Präsident Alexander Schukow, unter dessen Regie Russland in der Medaillenwertung der Winterspiele 2014 in Sotschi einen märchenhaften Sprung auf Rang eins gemacht hatte, saß am Dienstag beim sogenannten Olympic Summit in Lausanne mit Bach im Konferenzraum des Palace Hotels. Und Schukow, offenbar mitverantwortlich für die Manipulation olympischer Dopingproben im Kontrolllabor in Sotschi, klärte nicht etwa auf, sondern attackierte seine Kritiker. (…) Diese handverlesene Runde von 18 Personen (Maglione war telefonisch zugeschaltet) beriet nun also die Frage der Zulassung für die Olympischen Spiele 2016 – und entschied angeblich einstimmig, obwohl der Summit keinerlei Beschlussrecht hat. Bach verkündete anschließend eine sogenannte Deklaration von fünf Punkten. Russland wird demnach in Rio ein Team stellen. Die Sperre des russischen Leichtathletikverbands, ausgesprochen vom Weltverband IAAF, bleibt bestehen. Alle überführten Doper, ihre Trainer, Betreuer und Ärzte, sollen umgehend gesperrt werden. IOC-Präsident Thomas Bach verlor aber kein Wort über die mitverantwortlichen Sportpolitiker wie Sportminister Witali Mutko oder seinen IOC-Kollegen Alexander Schukow. Bach behauptete, er habe in den vergangenen Tagen keinen Kontakt zu Wladimir Putin gehabt. Den Bericht des kanadischen Sonderermittlers Richard McLaren, der sich auf den Betrug des olympischen Kontrollsystems in Sotschi konzentriert, wartet Bach nicht ab. Damit werde man sich später befassen. Irgendwann nach Rio. Am 8. Oktober werde auf dem nächsten Olympic Summit über eine Neustrukturierung des weltweiten Dopingkontrollsystems beraten, 2017 soll die nächste Weltantidopingkonferenz stattfinden.(…) Noch einmal: Dieser Olympic Summit hat gemäß olympischer Charta keinerlei Beschlussrecht. Mit der Deklaration von Lausanne wies die Bach-Gefolgschaft nun aber den Ausweg für Rio. Während die IAAF am Freitag noch erklärte, russische Leichtathleten könnten, wenn sie überzeugend ihre Sauberkeit nachweisen und einer weiteren Überprüfung standhalten, nur unter neutraler Fahne in Rio teilnehmen, sagte Bach am Dienstag: Für Olympia zugelassene Russen starten selbstverständlich unter der Flagge ihres Landes und ihres NOK. Im Grunde wird damit die Olympiateilnahme der Whistleblowerin Julia Stepanowa verhindert“ (Weinreich 21.6.2016b; Hervorhebung WZ).

22.6.2016

– Über Schlupflöcher und juristische Hintertüren
Johannes Aumüller in einem Beitrag in der SZ: „Aus dem Auditorium kam die Frage, ob er in den vergangenen Tagen in einem persönlichen oder telefonischen Kontakt mit Russlands Präsident Wladimir Putin gestanden habe. Bach sagte also: ‚Nein, und diese Spekulation erzeugt eh ein Lachen in meinem Gesicht.‘ (…) Nun bekundete Bach zwar, er respektiere die Entscheidung der IAAF, aber es sei das gute Recht eines jeden, vor den Internationalen Sportgerichtshof (Cas) zu ziehen. Prompt kündigte Alexander Schukow, Chef des russischen olympischen Komitees (NOK), diesen Schritt an, noch während Bach seine Pressekonferenz abhielt. ‚Russische Athleten, die niemals gegen Anti-Doping-Regeln verstoßen haben, werden sich wie der Leichtathletikverband an den Cas wenden, um die eigenen Interessen zu schützen und die Interessen von anderen sauberen Athleten‘, sagte Schukow. Das russische NOK werde diese Klagen unterstützen, ‚um russische Athleten vor einer Diskriminierung zu schützen’“ (Aumüller 22.6.2016).
Wer redet eigentlich von der Diskriminierung sauberer Sportler durch die doping-verseuchten russischen Athleten und Athletinnen?
„Zwar gab es erst kürzlich einen ähnlichen Fall, als der Cas einen kollektiven Olympia-Ausschluss aller bulgarischen Gewichtheber durch deren Weltverband bestätigte. Aber nun bleibt abzuwarten, wie der umstrittene Gerichtshof in Russlands Fall urteilt. Russischen Leichtathleten, die sich außerhalb des eigenen Landes auf Doping testen ließen, will das IOC ohnehin den Olympiastart erlauben. Und wie viele russische Sportler es am Ende dieser sportpolitischen Ränkespiele auch sein mögen – sie dürfen in jedem Fall unter russischer Flagge starten. (…) Bemerkenswert war zudem, dass Bach mehrfach das russische NOK für dessen Hilfe und bedeutende Rolle bei den Untersuchungen der IAAF lobte. Dessen Präsident Schukow ist ein Vertrauter von Staatschef Putin, diente ihm früher als Vize-Premier, und in seiner Funktion als NOK-Boss war er Teilnehmer des ‚Olympic Summit‘. Bachs Interpretation der NOK-Rolle dürfte die Autoren des Leichtathletik-Reports, vorsichtig formuliert, erstaunt haben“ (Ebenda).
Der „Olympic Summit“ – ein Kunstprodukt des Juristen Thomas Bach, das  es laut Olympischer Charta gar nicht gibt und von daher nichts zu entscheiden hat. Immerhin – auf diese aberwitzige Konstruktion muss man erst einmal kommen: Eine juristische Vorbildung ist hier natürlich hilfreich.

Und aus einem Kommentar von Thomas Kistner in der SZ: „Unterm Strich durfte nichts anderes erwartet werden vom Internationalen Olympischen Komitee, dem Dachgremium des modernen Pharmasports. Verblüfft hat nur das Tempo und die Ungeniertheit, in der IOC-Chef Thomas Bach Wochen vor Veröffentlichung eines brisanten Untersuchungsreports des Kanadiers Richard McLaren zu staatlich orchestriertem Doping in Russland die Causa auf Hausmacherart regelte: Schluss! Unter den Teppich damit! (…) Am Dienstag hat der Boss des Olymps den Instrumentenkoffer geöffnet, ein sehr erhellender Sportmoment: Bach legte in seltener Deutlichkeit dar, wie glatt seine Hinterzimmerpolitik funktioniert. (…) ‚Nachweislich saubere‘ Leichtathleten dürfen doch in Rio starten. Nachweislich sauber? Das ist ein Witz, nur zwei Gründe dafür seien kurz genannt: Intensiv gedopt wird ja Monate vor den Spielen, in der heißen Wettkampfvorbereitung. Wer es jetzt noch nicht getan hat, braucht nicht mehr damit anzufangen. (…) Zweitens weiß jeder Betroffene, dass ihm Tests in den Wochen bis Rio blühen. (…). Russische Topathleten werden dabei sein, und das ist nur das eine. Denn was taugte Putins Sportlern selbst eine olympische Generalamnestie plus Dopingfreigabe, wenn ihnen doch das Schlimmste drohte: dass sie unter neutraler, olympischer Flagge starten müssten? Was brächte da das tollste Staatsdoping?  Ruhig Blut. Bachs sportpolitischer Besteckkoffer hat auch hier das Passende: Da ist ja noch Russlands Nationales Olympisches Komitee. Das hat niemals was mitgekriegt und sich all die Zeit so vehement an der Aufklärung beteiligt, dass es nicht gesperrt wurde! (…) Aber klar: Auf den Dreh mit dem russischen NOK war niemand gefasst. Nun lässt sich die Regellage so darstellen, dass ein intaktes NOK seine Sportler unter der Landesflagge starten lassen darf. Bachs armes IOC ist da übrigens machtlos(Kistner 22.6.2016).

23.6.2016

– Russen starten für Russland, basta
„Am Dienstagmittag hatte IOC-Boss Bach nach einem Treffen mit ausgewählten Funktionären der olympischen Welt mal wieder beschworen, wie ernst es mit dem Anti-Doping-Kampf sei. Doch das, was er vortrug, waren eher Belege fürs Gegenteil. Er kam den Interessen des chronisch verseuchten russischen Systems entgegen. Er ignorierte weitgehend, dass Mitte Juli eine von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) beauftragte Expertengruppe um den Kanadier Richard McLaren einen weiteren Bericht vorlegt, der das Bild des Dopingsumpfes noch deutlich schärfer zeichnen dürfte. Und er schaffte es, den Starthoffnungen der Kronzeugin Stepanowa einen weiteren Schlag zu versetzen. Gemäß Entscheid des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) sollen Stepanowa sowie andere russische Athleten, die sich zuletzt außerhalb von Russlands marodem Testsystem bewegten, trotz der Suspendierung des nationalen Verbandes in Rio starten dürfen – unter olympischer, also neutraler Flagge. Das Ansinnen korrigierte Bachs Gremium. Russlands Olympisches Komitee (ROK) sei nicht suspendiert, also gebe es für alle Startberechtigten einen Start unter russischem Banner. (…) Gemäß Entscheid des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) sollen Stepanowa sowie andere russische Athleten, die sich zuletzt außerhalb von Russlands marodem Testsystem bewegten, trotz der Suspendierung des nationalen Verbandes in Rio starten dürfen – unter olympischer, also neutraler Flagge. Das Ansinnen korrigierte Bachs Gremium. Russlands Olympisches Komitee (ROK) sei nicht suspendiert, also gebe es für alle Startberechtigten einen Start unter russischem Banner. Das ist aus Stepanowas Sicht doppelt bedauerlich. Zum einen müsste sie so just im Namen des Landes und des Sportsystems laufen, dessen Dopingpraktik sie aufdeckte – und das sie immer noch als Verräterin sieht. Zudem bräuchte sie eine Nominierung durchs ROK. Und dessen Chef Alexander Schukow, ein alter Vertrauter von Staatschef Wladimir Putin und ausstaffiert mit einem wichtigen Posten in Bachs IOC, stellte klar, dass es die nicht gebe. “ (Aumüller, Kistner 23.5.2016).

– Hajo Seppelt zum Verhältnis IOC und Wada
Der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt hat mit seinen TV-Dokumentationen das russische Staatsdoping aufdecken helfen. Zum Interessenskonflikt in der Sportwelt sagte er: „… was in der Politik mittlerweile als No-Go gilt, ist im Sport immer noch üblich, die totale Vermengung der Interessen: Der Vizepräsident des IOC ist gleichzeitig Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Das ist so, als würde der Chef eines Zigarettenkonzerns gleichzeitig dem Nichtraucherbund vorstehen“ (Dörries, Bernd, Erntezeit, in SZ 23.6.2016).

24.6.2016

– Gewichtheber aus Russland, Weißrussland und Kasachstan gesperrt
„Zumindest einige internationale Fachverbände geben sich in diesen Tagen als Vorreiter im Anti-Doping-Kampf, die es mit dem breitflächigen russischen Manipulationssystem aufnehmen. Zunächst schloss der Leichtathletik-Weltverband Russland von den Sommerspielen in Rio de Janeiro aus. Und nun will dem auch der Vorstand der Internationalen Gewichtheber-Föderation (IWF) folgen. Sie kündigte eine einjährige Sperre für Russland sowie Kasachstan und Weißrussland an – ein Olympia-Start von Athleten aus diesen drei Ländern wäre nicht mehr möglich. (…) Die Gewichtheber versuchen seit einiger Zeit, in ihrer traditionell chronisch verseuchten Sportart aufzuräumen. Schon im vergangenen Jahr schlossen sie den bulgarischen Verband wegen zu vieler Dopingfälle für Rio aus und erhielten das Plazet für diese Sperre durch ein Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes (Cas). Aufgrund von Dopingfällen in der olympischen Qualifikationsphase entzog die IWF zudem verschiedenen Verbänden Quoten-Startplätze für die Sommerspiele“ (Aumüller 24.6.2016). Der Ausschluss der Gewichtheber aus Russland, Weißrussland und Kasachstan erfolgte aufgrund von Nachproben Peking 2008 und London 2012.  „… 54 davon fielen positiv aus. Besonders häufig waren Gewichtheber betroffen. Daher entschied sich nun die IWF, alle Nationen mit drei oder mehr Befunden in diesen Nachtests zu sanktionieren – und darunter fielen Kasachstan, Russland und Weißrussland. Die Verantwortlichen in Moskau reagierten erbost über das Urteil gegen ihre ‚Stangisty‘, wie die Heber auf Russisch so schön heißen. Sportminister Witalij Mutko sagte, es gebe hier eine ‚Psychose‘ und eine Anordnung, die sich außerhalb der Rechts-Prinzipien und -Normen bewege. (…) Eine andere Möglichkeit ist, dass sich in den Disziplinarverfahren beim IOC (oder eventuell danach beim Cas) auch noch die Zahl der Sünder von damals reduziert. Sollten aus Russland, Kasachstan oder Weißrussland dann weniger als drei Athleten übrig bleiben, würde der jeweilige Verband der Kollektiv-Strafe entgehen“ (Ebenda).

25.6.2016

In der SZ listen Johannes Aumüller und Thomas Kistner (Der Sumpf und seine Untiefen, SZ 25.6.2016) die wichtigsten Fragen auf, in Auszügen u. a.:
Wie viele Russen gehen bei den Spielen in Rio (5. – 21. August) an den Start? – Das ist unklar. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter Regie von Thomas Bach verzichtete trotz des Dopingsumpfs darauf, die komplette Mannschaft auszuschließen. Russlands Zuständige nominieren ihren endgültigen Kader erst am 21./22. Juli.“
Wer könnte fehlen? – Aufgrund nachgewiesener Dopingvergehen sind aus den olympischen Sportarten derzeit knapp 100 Russinnen und Russen gesperrt. Der Leichtathletik-Weltverband beschloss den quasi kollektiven Ausschluss der Russen. (…) Eingedenk der russischen Einflüsse in vielen Föderationen und der sportpolitischen Realität ist kaum anzunehmen, dass viele Ausschlüsse erfolgen.“
Wie steht es um den Kollektiv-Ausschluss der russischen Leichtathleten? – Die Sanktion ist aktuelle Beschlusslage des Leichtathletik-Weltverbands IAAF. Es gibt aber zwei dicke Fragezeichen. Zum einen wendet sich Russland an den obersten Sportgerichtshof (Cas). (…) Zweitens lässt die IAAF eine Ausnahme zu: Russische Athleten, die sich zuletzt außerhalb des nationalen Testsystems bewegten und weitere Kriterien erfüllen, dürfen starten. Am Donnerstag veröffentlichte die IAAF ihre Vorgaben: Einige sind schwammig formuliert.“
Unter welcher Fahne starten die zugelassenen russischen Leichtathleten in Rio? – Definitiv unter russischer. Die IAAF verfügte zunächst einen Start unter neutraler Flagge. Das IOC korrigierte das – über den Dreh, dass zwar Russlands Leichtathletik-Verband, aber nicht Russlands nationales Olympisches Komitee (ROK) gesperrt sei. Für Russlands Führung um Staatschef Wladimir Putin dürfte das ein zentraler Punkt sein: Russische Athleten, die unter neutraler Flagge Medaillen abräumen, wirken nach innen kontraproduktiv.“
Wäre ein Kollektiv-Ausschluss der Athleten gerechtfertigt? – Ja. Das sagte sogar der Cas jüngst in einem ähnlich gelagerten Fall. Der Weltverband der Gewichtheber disqualifizierte Bulgariens Verband, der Sportgerichtshof bestätigte das. Auch verweisen viele Leichtathleten aus anderen Ländern darauf, wie ungerecht es über all die Jahre war bzw. die Vorstellung fortan sei, gegen Athleten eines offenkundig chronisch dopingverseuchten Landes antreten zu müssen. Überdies ist nicht gerecht, dass nur Athleten die Opfer sind – und die beteiligten Funktionäre davonkommen.“ Aumüller und Kistner benennen die Rolle des russischen Sportminister Witalij Mutko, dessen Ministerium aktiv an der Dopingvertuschung beteiligt war. IAAF-Boss Sebastian Coe hat eine Mail mit Hinweisen auf das russische Staats-Doping direkt an Russland weitergeleitet. Und Craig Reedie, der Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, ist gleichzeitig Vize-Präsident des IOC – und ein Garant, dass die Wada ständig versagt.
Zur Rolle des IOC schreiben Aumüller und Kistner: „Realistisch aber gibt es bei den Spielen keine wichtige sportpolitische Entscheidung gegen den Willen des IOC. Schließlich ist es Besitzer der Spiele. (…) Durch die aktuellen Entscheidungen zieht sich ein roter Faden: Das IOC kommt Moskaus Interessen entgegen. Bei der Ablehnung eines Komplett-Ausschlusses des russischen Teams. In der Frage, unter welcher Flagge Russlands Leichtathleten starten. Oder im Fall Julia Stepanowa, für die das IOC noch keine klare Startzusage gibt. Nicht unwahrscheinlich ist folgendes Szenario: Russland bringt das Ausschlussverdikt des Sports über den Cas zu Fall; schon jetzt deuten sich Schwachstellen an. Und Stepanowas Start wird an Regeln scheitern, die sich finden lassen. Ihr Start würde die Spiele für die Öffentlichkeit ohnehin zu ‚Stepanowa-Spielen‘ machen – solche Themen schätzt das IOC gar nicht.“

27.6.2016

– Russische Tricksereien
In der SZ stellte Thomas Kistner „sportpolitische Krisenarbeit hinter den Kulissen“ fest: „In offenkundig guter informeller Abstimmung orchestrieren russische und olympische Sportfunktionären die ersten Schritte Richtung Rio. Am Sonntag bereits wollten 67 Leichtathleten ‚individuell‘ ihre Teilnahmegesuche für Olympia bei der IAAF einreichen, das hat Witalij Mutko im russischen Fernsehen angekündigt“ (Kistner, Thomas, Diskrete Deals am Nadelöhr, in SZ 27.6.2016). Das IAAF-Kriterium für zuzulassende Sportler – außerhalb Russlands dopingverseuchtem Sportsystem und innerhalb einer Dopingkontrolle – trifft für Kistner nur für zwei Sportler zu: für die Weitspringerin Darja Klischina und die Whistleblowerin Julia Stepanowa. Letztere wird, da sie das russische Staatsdoping aufgedeckt hat, aufgrund des Drucks aus Russland sicher nicht zum Start zugelassen (Ebenda).
Russlands Sportminister Witalij Mutko hat seinen Rückzug angeboten für den Fall, dass es zu einem kompletten Ausschluss seiner Mannschaft in Rio käme. „Allerdings reichen die vorliegenden Sachverhalte längst aus, um Mutko und seinen behördlichen Mitstreitern ein zumindest massives Mitwissen zu bescheinigen. Und am 15. Juli wird überdies ein unabhängiger Ermittlungsreport veröffentlicht, den die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada bei dem kanadischen Sportrechtler Richard McLaren in Auftrag gab – und der explizit über ein staatliches Mittun in der russischen Doping-Malaise Auskunft geben soll. (…) Das IOC hatte am Dienstag in größter Hast – rechtzeitig vor der Publikation des brisanten McLaren-Reports – Einzelfallprüfungen für andere belastete Sportarten verfügt. Auch dort wollen Russen starten, und bekannt sind schon systemische Probleme quer durch die Disziplinen, vom Schwimmen bis zum Gewichtheben. Das dürfte erneut sehr unangenehm werden. Aber mit der frommen Einzelfallprüfung ist ein Komplettausschluss vom Tisch; Mutko muss das Büro nicht räumen. Alles wirkt strategisch raffiniert eingespielt; offen bleibt wohl nur die Frage, ob auch Mutkos Leichtathleten die Kurve nach Rio noch kriegen. Sobald die IAAF die russische Antragsflut abgewiesen hat, wird diese zum obersten Sportgerichtshof Cas umgeleitet. Auf den konnte sich die olympische Funktionärswelt bisher eigentlich stets verlassen“ (Ebenda).

28.6.2016

– Praktisch: Russen im Cas-Icas
„Russlands kollektiv gesperrte Leichtathleten suchen einen Umweg zu den Olympischen Spielen – und wollen ihn am Internationalen Sportgerichtshof (Cas) finden. Und wer die aktuellen Winkelzüge der Sportpolitik beobachtet, kann zum Schluss kommen, dass die Chancen ordentlich stehen. Es darf nicht überraschen, dass Russlands Verantwortliche offenbar schon die passende Strategie haben, wie sie ihre Leute noch nach Rio lotsen können“ (Aumüller 28.6.2016). Nach der IAAF-Definition der „ausreichenden Zeit“ außerhalb des russischen Staats-Dopingsystems blieben wohl nur Weitspringerin Darja Klischina und Kronzeugin Julia Stepanowa übrig. „Die Russen wiederum konnten zuletzt das Gefühl gewinnen, dass sie in ihrem Kampf wichtige Mitstreiter haben, vorneweg die Spitze des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) um Thomas Bach“ (Ebenda). Im Fall des Weltverbandes der Gewichtheber hat der Cas die Athleten Bulgariens kollektiv sanktioniert. „Der Cas, der ohnehin mit dem Ruch der sportpolitischen Abhängigkeit ringt, könnte da kaum eine andere Entscheidung treffen als zu Jahresbeginn. Es empfiehlt sich eine andere Prozess-Strategie. Und so wenden sich die Russen nicht gegen den Kollektiv-Bann, wie Alexandra Brilliantowa, Leiterin der juristischen Abteilung des Russischen Olympischen Komitees (ROK), dem Sport-Express mitteilte. Vielmehr wollen sie die Kriterien der IAAF für die individuelle Prüfung angreifen, die nun gleich 67 russische Athleten beantragen möchten. ‚In ihrer jetzigen Form fordern sie von unseren Athleten faktisch, das Land zu verlassen. Das verstößt gegen alle juristischen Prinzipien und Menschenrechte‘, sagt Brilliantowa. (…) Die Stichhaltigkeit von Brilliantowas Argumentation sei dahingestellt. Den Russen gelingt es damit jedenfalls, die Parallele zum bulgarischen Fall zu vermeiden. Das ist das Entscheidende: Der Zugang ist ein anderer und der Cas freier in der Urteilsfindung. Wie objektiv der oberste Sportgerichtshof urteilt, ist ohnehin eine viel diskutierte Frage. Zwei deutsche Gerichte – das Münchner Land- und Oberlandesgericht – erklärten in der Doping-Causa Claudia Pechstein, dass dies nicht der Fall sei, bevor der Bundesgerichtshof den Cas mit teils erstaunlichen Argumenten für hinreichend neutral und unabhängig erklärte. Der konkrete Fall könnte ein Härtetest für diese Auffassung werden. Hier offenbaren sich die Schwachstellen besonders. Brilliantowa hat nämlich in der olympischen Welt einen schönen Nebenjob: Die ROK-Juristin gehört selbst dem Icas an, dem wichtigsten Gremium der globalen Sportjustiz. In diese 20er-Runde entsenden vor allem das IOC und die Verbände Vertreter. Der Icas wählt den Cas-Präsidenten und die Kammer-Vorsitzenden (Ordinary und Appeal). …) Russlands Strategen haben noch ein zweites Eisen im Feuer. Falls das Lausanner Sportgericht die allgemeine Klage des ROK gegen die IAAF-Kriterien ablehnt, bleibt den Athleten immer noch der individuelle Zugang zum Sportrecht. Und zehn Tage vor Rio öffnen die sogenannte Ad-hoc-Schiedsgerichte. Da werden Urteile gern auch über Nacht gefällt – die meisten Athleten haben ja nur einmal im Leben die Chance, an den Spielen teilzunehmen“ (Ebenda).

1.7.2016

– Stepanowa darf – zunächst – teilnehmen
„Whistleblowerin Julia Stepanowa darf bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Amsterdam (6. bis 10. Juli) als neutrale Athletin an den Start gehen. Die Kronzeugin des russischen Dopingskandals erhielt vom Weltverband IAAF die Starterlaubnis und kann nun auch auf eine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro hoffen. (…) Insgesamt hätten mehr als 80 russische Athleten den Antrag gestellt, unter der Regel 22.1A(c), die auch für Stepanowa greift, an den Start gehen zu dürfen. Weitere Entscheidungen stehen aber noch aus“ (spiegelonline 1.7.2016).

2.7.2016

– Stepanowa schon bei EM in Amsterdam dabei
Am 1.7.2016 teilte die IAAF mit, dass die russische 800-Meter-Läuferin und Whistleblowerin Julia Stepanowa als  „neutrale Athletin“ bei der Europameisterschaft 2016 im Juli in Amsterdam starten darf – unter europäischer Flagge. „Stepanowa trainierte im Exil, gliederte sich wieder ins Anti-Doping-Testprogramm ein, nach monatelangem Gezerre verkündete die IAAF vor zwei Wochen schließlich: Russlands Verband bleibt gesperrt, auch für Rio, zu tief wurzele der Betrug. Ausnahmen werde man nur russischen Athleten gestatten, die zuletzt im Ausland gelebt haben. Und Kronzeugen wie Stepanowa. Ein Anti-Doping-Komitee der IAAF prüft seitdem, wer diese Hintertüren nutzen darf, Stepanowa war am Freitag die Erste, die hindurchgewunken wurde. Hinter ihr warten derzeit noch ‚mehr als 80 russische Athleten‘, um von den Ausnahmeregelungen zu profitieren, teilte die IAAF am Freitag mit. Die meisten dürften die strengen Auflagen nicht erfüllen“ (Knuth, Johannes, Neustart in Amsterdam, in SZ 2.7.2016). – Stepanowa „war ja von jenem russischen Kollektivbann belegt, den sie in ihren Berichten erwirkt hatte“ (Ebenda). IOC-Präsident Thomas Bach, eng liiert mit  dem russischen Staatssport, „verfügte zunächst, dass russische Athleten in Rio unter der Obhut des russischen olympischen Komitees (ROC) starten sollen, nicht unter neutralem Banner, wie von der IAAF erwirkt. Es war ein verstecktes Manöver gegen Stepanowa, das ROC würde sie ja niemals nominieren. Am Donnerstag verwies Bach dann noch einmal auf das komplizierte Regelwerk. Dabei hätte er sich als olympischer Hausherr längst für einen Start Stepanowas positionieren können, wie jetzt die Europäer. Die finale Entscheidung fällt Mitte Juli“ (Ebenda).

5.7.2016

Cas entscheidet spätestens am 21.7.2016
„Der Internationale Sportgerichtshof Cas hat am Montag offiziell sein Schiedsgerichtsverfahren zum Ausschluss aller russischen Leichtathleten von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro eröffnet. (…) Insgesamt 68 russische Leichtathleten sowie das Nationale Olympische Komitee des Landes hatten den Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne als letzte Instanz angerufen, um gegen die drakonische Strafe des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF vorzugehen und ihren Ausschluss von den Sommerspielen in Rio doch noch zu verhindern“ (DPA 5.7.2016a).

– Russland: Rodschenkow ist allein schuld
Der frühere Leiter des Moskauer Doping-Kontrolllabors, Grigori Rodschenkow, habe „am systematischen Doping russischer Athleten nicht nur mitgewirkt, sondern dieses auch maßgeblich vorangetrieben, sagte Wladimir Markin, Sprecher der russischen Ermittlungsbehörde, am Montag in Moskau. ‚Es besteht Grund zu der Annahme, dass Rodschenkow nicht nur Vollstrecker, sondern auch Autor und Organisator von einer ganzen Reihe solcher Abläufe war‘, teilte Markin mit“ (DPA 5.7.2016b).
Was gegen die Einzeltäter-Hypothese des Kreml spricht: Warum half dann der FSB auf Weisung des Kreml, die Urinproben auszutauschen?

8.7.2016

– Stepanowa startete bei Leichtathletik-EM in Amsterdam
Der europäische Leichtathletikverband EAA hatte Julia Stepanowa nach Amsterdam eingeladen: Sie kam ohne Ehemann und Kind, da sie vor dem Auftritt bedroht worden war. „Derzeit frisst sich das Klima eines kalten Sportkriegs in die Szene, hier manche Verbände, dort Russland, das sich als Opfer einer westlichen Verschwörung wähnt und keine Verantwortung übernimmt für sein (durch mehrere Untersuchungsberichte belegtes) Systemdoping. Und letztlich ist Russlands kontaminierte Leichtathletik nur ein Patient von vielen. Es gibt gute Ansätze im Sport, neue Ermittlungseinheiten, Plattformen für Kronzeugen, aber noch steht die Anti-Doping-Politik der Verbände wie ein halb fertiges Gebäude in der Landschaft, von dem man nicht weiß, ob es je fertig wird. Wie ernst der Sport die Betrugsbekämpfung nimmt, wird man schon sehr bald bezeugen können: Nach SZ-Informationen rollen noch während der EM neue Enthüllungen auf die Leichtathletik zu, nicht nur aus Russland“ (Knuth 8.7.2016).

14.7.2016

– US-Anti-Doping-Agentur Usada besteht auf Ausschluss Russlands
„Für den Chef der US-Anti-Doping-Agentur Usada, Travis Tygart, wäre der Ausschluss Russlands von den Olympischen Spielen in Rio die einzige logische Folge, sollte die Beweislage im neuen Wada-Report ebenso erdrückend sein wie vor der Komplett-Suspendierung der russischen Leichtathleten. ‚Sollte sich das alles bewahrheiten und es hat eine absichtliche Subversion des Systems durch die russische Regierung gegeben, kann die einzige Konsequenz nur sein, dass sie nicht unter ihrer Landesflagge an diesen Olympischen Spielen teilnehmen können‘ . (…) Grigori Rodschenkow, der Ex-Chef des russischen Doping-Kontrolllabors hatte behauptet, dass er 2014 in Sotschi positive Dopingproben russischer Athleten mit der Anti-Doping-Agentur Rusada sowie dem Geheimdienst auf Anordnung vom Staat vertuscht habe. 15 der russischen Medaillengewinner in Sotschi seien gedopt gewesen. Russland hatte die Vorwürfe zurückgewiesen. Würden die Ermittlungsergebnisse durch den Gesamtbericht von McLaren bestätigt, würde dies nach Überzeugung von Tygart ‚ein beispielloses Niveau der Kriminalität‘ bedeuten“ (DPA, Tygarts Forderungen, in SZ 14.7.2016).
Dazu aus  einem Kommentar von Thomas Kistner in der SZ: „Das IOC unter dem treuen Putin-Freund Thomas Bach hat sich sicherlich akribisch auf die Katastrophenlage vorbereitet, die entsteht, wenn der Report staatliche Dopingvertuschungen in Sotschi und anderswo nachzeichnet. Gregori Rodtschenkow, lange Jahre Chef des Moskauer Dopinglabors und auch jener Sotschi-Außenstelle, hat detailliert ein staatliches Szenario geschildert, das vom Geheimdienst begleitet worden sei. Positivproben seien im Olympia-Labor durch ein Wandloch ins Hinterzimmer zur Bereinigung durchgereicht worden. Dutzende Athleten, darunter 15 Medaillensieger, sollen gedopt gewesen sein. (…) Nahe Beobachter vom deutschen Sportminister Thomas de Maizière bis zum US-Doping-Cheffahnder Travis Tygart, der einst Lance Armstrong zur Strecke brachte, beziehen schon Stellung. Tendenz: Gab es in Sotschi 2014 staatlich gelenktes Doping, stünde nur ein Komplett-Ausschluss der Russen zur Debatte. (…) Hinterzimmer-Experte Bach tut bisher alles, um die Situation der Russen abzumildern. Er spricht von Individualschuld, wo Systematik klar erkennbar ist, und die Lösung der heiklen Frage schiebt er an die Fachverbände ab. (…) Bachs Wendungen illustrieren, dass er in die größte Krise seiner Amtszeit trudelt. Der Leichtathletik-Weltverband geht auf Distanz; die Welt-Anti-Doping-Agentur wird mutig, sie sperrt ein Labor nach dem anderen. An die Wada ergeht auch der McLaren-Bericht, nicht an das IOC. So wird die Russland-Frage zum Lackmus-Test für Bach. Hier geht es nicht mehr um Korruption, die neben der Fifa auch das IOC betrifft, wie im Fall des künftigen Sommerspieleveranstalters Tokio. In Russland geht es ans Eingemachte: um die Integrität des Sports“ (Kistner, Thomas, Lackmus-Test für Thomas Bach, in SZ 14.7.2016).

18.7.2016

– Der russische Sportminister Mutko verwechselt etwas
„Schauen Sie in die USA: Der siebenfache Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong hat gedopt, und niemand schuf eine Kommission, um das Land auszuschließen“ SZ 18.7.2016).
Soweit bekannt, hat im Fall Lance Armstrong auch nicht George W. Bush das Staatsdoping eingeführt und das FBI beim Vertuschen geholfen…

– Zangenangriff auf das IOC
„Allerdings ist es nicht Tygart allein, der die kollektive Verbannung fordert und damit eine massive Front gegen das Internationale Olympische Komitee (IOC) aufbaut – dessen Führung die Russen trickreich im Spiel zu halten versucht. Hinter dem Aufruf der Usada und ihrer kanadischen Schwesteragentur stehen rund zehn weitere nationale Anti-Doping-Agenturen, auch die deutsche Nada ist dabei. (…) Der Ringe-Konzern sieht sich einem Zangenangriff ausgesetzt. Im eigenen Lager, wo das IOC faktisch seit jeher im Stile eines Politbüros walten durfte, brechen die Divisionen weg. Etwas in der Sportwelt bisher Unvorstellbares ist am entstehen: Eine veritable Debattenkultur. Bachs jüngste Rochade passt ins Bild des Ex-Fechters, der gern hinter der Maske operiert: Am Wochenende stieg Patrick Hickey in die Bütt, Chef der europäischen NOKs (EOC), und lederte wider die angebliche Vorverurteilung. (…) Der Ire Hickey, Affären-erprobt im familiären Geschäftsumfeld mit dem Sport und linientreuer IOC-Vorstand, ist als Mahner auch deshalb ungeeignet, weil er hier selbst Interessenskonflikte hat: Just in Sotschi sollen die Europa-Spiele 2019 des EOC stattfinden; im Mai sprang Veranstalter Niederlande ab. Da wäre sehr unpassend, falls im Report ein geheimdienstlich orchestrierter Pharmabetrug bei den Sotschi-Winterspielen 2014 ausgebreitet werden sollten. (…) Klar ist: Die massive Ausschluss-Forderung einer anschwellenden globalen Anti-Doping-Allianz entspringt nicht dem Wunsch, die Russen so kurz vor Publikation des Berichts schon mal vorzuverurteilen – sondern einer überwältigenden Skepsis gegenüber dem IOC. Befürchtet wird, dass Putin-Freund Bach aus einem reichen Sortiment an Hinterzimmerstrategien noch etwas zutage fördert, mit dem sich ein russisches Rumpfteam nach Rio schleusen ließe“ (Kistner, Thomas, Überwältigende Skepsis,, in SZ 18.7.2016).
Zum Beispiel ein Urteil des Cas am 21.7.2016, das der Jurist (und früheres hohes Cas-Mitglied) Thomas Bach goutieren wird…

– Betrogene Sportler
Jens Weinreich in spiegelonline: „Beckie Scott wurde nicht nur einmal betrogen. Doch wenigstens einmal hatte sie großes Glück. Die Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City verließ die kanadische Langläuferin als Gewinnerin einer Bronzemedaille im Verfolgungsrennen. Zu diesem Zeitpunkt waren die vor ihr platzierten beiden Russinnen Olga Danilowa und Larissa Lasutina bereits als Blutdoperinnen enttarnt – und es waren Russlands Sportfunktionäre, die damals mit einem Olympia-Boykott gedroht hatten. (…) Die 41-jährige Scott spielt in der hitzigen Diskussion eine zentrale Rolle. Über Nacht wurde sie von den Russen und ihren Verbündeten zur Staatsfeindin Nummer eins auserkoren und sieht sich auf allen Ebenen wütenden Angriffen ausgesetzt. (…) Scott hat ein Mandat. Gemeinsam mit ihrer deutschen Kollegin Claudia Bokel, Chefin der IOC-Athletenkommission und Mitglied des IOC-Exekutivkomitees, hat Scott im Mai einen bemerkenswerten Brief an IOC-Präsident Thomas Bach und an Wada-Boss Craig Reedie geschickt. Darin schrieben Scott und Bokel, dass die Sportler das Vertrauen in die führenden Funktionäre verloren haben, dass die Sportler eine zeitnahe forensische und transparente Aufarbeitung des offensichtlich staatlich gelenkten Betrugs im Dopinglabor der Winterspiele 2014 in Sotschi erwarten. Man kann aus vielerlei Gründen behaupten, dass es in der Geschichte des olympischen Sports noch nie eine derartig breite und demokratische Meinungsbildung unter den Athleten gegeben hat – und vor allem nicht derartig klare Forderungen. Natürlich hat das Imperium zurückgeschlagen. Dem Iren Patrick Hickey, IOC-Vorstand und Präsident der Vereinigung europäischer Olympiakomitees (EOC), ist es kurz vor dem sogenannten Olympic Summit im Juni gelungen, die EOC-Athletenkommission zu einem Statement zu bringen, das dem Papier von Scott und Bokel kolossal widerspricht. (…)Nachdem Hickey noch am Samstag die erste große Attacke auf Scott und die Usada und das CCES startete, folgten am Sonntag Julio Maglione (Uruguay), Präsident des Schwimm-Weltverbandes Fina, und am Montagmorgen Nenad Lalovic, Präsident des Ringer-Weltverbands UWW, und behaupteten, der McLaren-Report sei durch angebliche Leaks entwertet worden. Maglione und Lalovic sind wie Hickey dem Lager der Russen und Bach zuzuordnen. Maglione kam gerade von einer Krisensitzung in Moskau, wo es auch um die Dopingtests der Schwimm-WM 2015 in Kazan ging. Der Serbe Lalovic wäre ohne Russlands Unterstützung weder UWW-Präsident noch IOC-Mitglied geworden“ (Weinreich, Jens, Das Imperium schlägt zurück, in spiegelonline 18.7.2016).

– Systematisches russisches Staats-Doping
Erste Ergebnisse des McLaren-Berichts: „Russland hat bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 ein Verschleierungssystem benutzt, um positive Dopingproben seiner Athleten verschwinden zu lassen. Das geht aus dem in Toronto veröffentlichten Bericht des Sonderermittlers der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), Richard McLaren, hervor. Das russische Sportministerium selbst sei für die Manipulation von Testergebnissen verantwortlich gewesen. McLaren stellte fest, dass das systematische Dopingprogramm „in allen Sportarten“ nach den Winterspielen 2010 in Vancouver installiert worden und bis mindestens 2015 fortgesetzt worden sei. Neben dem Sportministerium seien auch die russische Anti-Doping-Agentur Rusada sowie der Geheimdienst FSB in die Verschleierung involviert gewesen. Insgesamt ‚verschwanden‘ dem Bericht zufolge 643 positive Dopingproben russischer Athleten“ (Bericht stellt systematisches Doping fest, in spiegelonline 18.7.2016).
Aus  einem Kommentar von Peter Ahrens in spiegelonline: „Wenn es noch irgendwelcher Belege für flächendeckendes und vom Staat mindestens gebilligtes Doping in Russland bedurft hat, dann sind sie mit der Veröffentlichung des McLaren-Reports jetzt erbracht. Doping ist in Russland über Jahrzehnte intensiv und systematisch betrieben worden. Eindeutiger, als es der Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada sagt, geht es nicht. Man darf davon ausgehen, dass das IOC von diesen Ergebnissen nicht vollkommen überrascht worden ist. Warum sollten auch nur die russischen Leichtathleten gedopt sein und alle anderen Verbände im Lande unschuldig und dopingfrei den hehren Werten des Sports nacheifern? Das zu glauben, hätte schon ein gehöriges Maß an Weltferne gebraucht. (…) Russland steht zu Recht am Pranger. Und solange ein Funktionär wie Russlands Sportminister Witali Mutko noch bei IOC und Fifa maßgeblichen Einfluss besitzt, einer, der Hooligans bei der EM noch anfeuert und als Sportminister politisch verantwortlich für die Doping-Tricksereien in seinem Land ist – solange zeigt Russland, dass es ihm nicht ernst damit ist, konsequent gegen die Missstände vorzugehen. In drei Wochen beginnen die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro. Drei Wochen sind lange genug, um noch vor den Spielen Konsequenzen zu ziehen. Jetzt russische Sportler bei der Eröffnungsfeier am 5. August fröhlich mit Blumensträußen in der Hand winkend einlaufen zu lassen, wäre nach diesem Report ein Hohn“ (Ahrens, Peter, Rio ohne Russland! in spiegelonline 18.7.2016).

Wada ruft zum Ausschluss Russlands auf
„‚Die Wada ruft die Sportbewegung auf, den russischen Sportlern die Teilnahme an internationalen Sportereignissen inklusive Rio zu verwehren, bis sich ein Kulturwandel vollzogen hat‘, teilte Wada-Sprecher Ben Nichols auf Twitter mit. Die Wada hatte den Report des kanadischen Juristen Richard McLaren initiiert“ (Wada fordert Russlands Olympia-Aus, in spiegelonline 18.7.2016).

– Putins  symbolhaftes Handeln
„Russlands Präsident kündigte am Montag eine vorläufige Sperre der Offiziellen an, die in dem Report namentlich genannt wurden. Dies gab der Kreml bekannt, ohne allerdings Namen zu nennen. Putin beklagte aber mit Verweis auf den Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau, dass die aktuelle Situation ein gefährlicher Rückfall von politischer Einmischung in den Sport sei. Die Anschuldigungen gegen russische Athleten basierten aus seiner Sicht zudem auf Beweisen, die von einer Person mit einem miserablen Ruf stammten. Der Staatschef sagte weiter, dass Russland die Bedeutung der olympischen Bewegung verstehe und die olympischen Werte teile. Russland habe immer die Haltung vertreten, dass es keinen Platz für Doping im Sport gebe“ (Putin sperrt mehrere russische Offizielle, in spiegelonline 18.7.206).
Wer organisierte denn die Einmischung der Politik in den Sport bei Sotschi 2018? Interessant daran: Der Mann, der alles in Russland kontrolliert, sperrt Subalterne. Natürlich müsste sich Putin als Hauptverantwortlicher selbst sperren…

Dazu Elmar Wagner in nzz.ch: „Doping ist ein Spiel ohne Grenzen. Zwar werden die Nachweismethoden im Kampf gegen unerlaubte Substanzen immer raffinierter, doch die Athleten können munter weiterdopen. Wie das geht? Ganz einfach: indem der Staat beim Betrügen hilft. So lief es jedenfalls in Russland, wie im Report der Welt-Anti-Doping-Agentur nachzulesen ist, der am Montag vorgestellt wurde. (…) Staatsdoping? Man darf sich ruhig die Augen reiben ob der realen Existenz eines Konstrukts, das man längst beerdigt glaubte. Staatlich geförderte Dopingprogramme existierten einst vorab im Osten. Sie sollten sportliche Erfolge generieren und so die politische Potenz des Landes demonstrieren. Für die betroffenen Athleten waren die gesundheitlichen Folgen zum Teil verheerend. Die jüngsten Erkenntnisse aus dem russischen Spitzensport legen denn auch ein sehr archaisches Denken offen – eines, das zum Treiben der politischen Führung auf internationalem Parkett passt: Hauptsache, Terraingewinne, egal zu welchem Preis. Diese Dreistigkeit der Staatsdoper darf nicht folgenlos bleiben. Nachdem das Ausmaß des vertuschten Dopings in der russischen Leichtathletik bereits zum Ausschluss der Sportler von den Olympischen Spielen in Rio geführt hat, müsste nun der gesamte russische Sport im August zu Hause bleiben. Schließlich betrifft der Betrug nicht nur die Leichtathletik oder den Wintersport, sondern die ganze Palette an Leibesübungen“ (Wagner, Elmar, Ein Olympia-Ausschluss, bitte! in nzz.ch 18.7.2016).

19.7.2016

– Der McLarren-Report: Die Sport-Politik des Kremls
„Das russische Sportministerium soll weitestreichende Manipulationen während der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 und auch bei anderen Veranstaltungen mit Hilfe des Geheimdienstes FSB ‚gelenkt, kontrolliert und überwacht‘ haben. Erstaunlich ist aber die kriminelle Chuzpe, mit der dem Bericht zufolge vorgegangen worden sei. Stellenweise wirkte McLarens Präsentation wie eine Vorlesung für Krimi-Drehbuchautoren; insbesondere bei der Beschreibung eigener Experimente, mit denen die Ermittler einzelne Betrugsmethoden auf ihre Machbarkeit hin überprüften. (…) Nun legt McLaren detailliert dar, wie dieses ‚einzigartige Vertuschungsverfahren‘ von Sportministerium, dem russischen Geheimdienst FSB und dem Moskauer Labor für Sotschi ausgeheckt und durchgezogen worden sei. Demnach wurde eine sorgsam selektierte Auswahl einheimischer Athleten, die bei den Winterspielen starteten, durch das Vertauschen positiver in negative Urinproben abgeschützt. McLaren stellte klar, dass es keine Zeugen gebe abseits des Whistleblowers Rodschenkow, der dieses Prozedere genau beschrieben hat. Jedoch sei die Machbarkeit dann in präzisen eigenen Versuchen überprüft und nachgestellt worden: Es habe funktioniert. Auch seien an damaligen Probenfläschchen Manipulationen festgestellt geworden: Die Deckel waren entfernt und später wieder angebracht worden. Anhand nur unterm Mikroskop erkennbarer Kratzer habe man diese Spuren dann nachträglich auch bei elf (von elf ausgewählten) russischen Proben nachweisen können, die im Lausanner Labor eingelagert waren. Auch das wirft Fragen auf: Diese Probenbehälter sind seit den Sydney-Spielen 2000 in Gebrauch. Bisher galten sie als nicht manipulierbar. Zu den im Report benannten Offiziellen, die an der Verschwörung beteiligt gewesen seien, zählt neben dem stellvertretenden Sportminister Juri Nagorny auch Irina Rodionowa. Sie war unter anderem Mitarbeiterin des russischen Nationalen Olympischen Komitees. Das ist pikant, weil das Internationale Olympische Komitee den Russen bisher just über ihr NOK ein Hintertürchen für Rio offenhielt – das Gremium, betonte IOC-Chef Thomas Bach unlängst, sei ja nicht in die Machenschaften verwickelt. (…) Bachs IOC ist unter Druck wie nie, seit der Korruptionsaffäre um Salt Lake City vor fast 20 Jahren. (…) Die Befürchtung, dass der deutsche Machtpolitiker und Putin-Freund an der IOC-Spitze auch weiter nach Auswegen für den russischen Sport suchen könnte, hatte schon am Wochenende dazu geführt, dass sich die renommiertesten Anti-Doping-Agenturen der Welt, darunter die amerikanische, kanadische und die deutsche, sowie zwei Dutzend Athleten-Gruppierungen auf ein Forderungsschreiben an Bach verständigt hatten: Das IOC solle die Russen komplett von Rio ausschließen“ (Kistner, Thomas, „Gelenkt, kontrolliert und überwacht“, in SZ 19.7.2016).

– Mutkos Stellvertreter suspendiert
„Der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedew hat nach der Veröffentlichung des McLaren-Reports zu jahrelangem systematischem Doping in Russland die angekündigten Konsequenzen ergriffen. Er suspendierte den stellvertretenden Sportminister Juri Nagornich. Das teilte Regierungssprecherin Natalja Timakowa laut russischen Nachrichtenagenturen mit. (…) Sportminister Witalij Mutko, der im Report ebenfalls an vielen Stellen genannt wurde, blieb dagegen zunächst weiter im Amt. (…) Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) fordert zudem die Ethikkommission des Fußball-Weltverbands Fifa auf, ‚die Vorwürfe zu untersuchen, die den Fußball betreffen und auch die Rolle, die ein Mitglied des Exekutivkomitees, Minister Witalij Mutko, spielt‘, hieß es“ (Sportminister Mutko bleibt vorerst im Amt, in spiegelonline 19.7.2016).
Aus einem Kommentar von Jens Weinreich in spiegelonline: „Kaum jemand weiß die Klaviatur der olympischen Befindlichkeiten besser zu spielen als IOC-Präsident Thomas Bach. Nach der Veröffentlichung des McLaren-Reports fragen sich all jene Familienmitglieder, die einen Olympia-Ausschluss Russlands für die Sommerspiele im August in Rio de Janeiro befürworten, wie Bach das Ruder noch herumreißen will. Kann er das überhaupt, oder wird er sich der Last der Fakten beugen? Bach ist alles zuzutrauen. Dass er doch noch ein Schlupfloch für Russland oder wenigstens für große Teile des geplanten Olympiateams findet, würde ihm allerdings eher entsprechen, als dass er die Russen, die ihn entscheidend mit ins höchste Sport-Amt gehievt haben, kollektiv bestraft. Gut möglich, dass am Donnerstag der Welt-Sportgerichtshof Cas zugunsten der russischen Leichtathleten entscheidet, die sich schon vor Wochen gegen ihre Olympiasperre durch den Weltverband IAAF gewehrt haben. Das Gericht ist nicht wirklich unabhängig vom IOC, auch wenn es offiziell so gesagt wird. Wer wüsste das besser als Bach, er war selbst lange Zeit Cas-Vorstand. (…) Der Betrug bei den Dopingproben der Winterspiele 2014 in Sotschi beschädigt das Kerngeschäft des IOC-Konzerns. In der Wirtschaft, als CEO eines Multinationals, wäre er wahrscheinlich schon abgesetzt worden. (…) Putins Sport-Armada aus Berufspolitikern und Oligarchen, die über zahlreiche olympische Sportweltverbände gebieten, hat nach wie vor Einfluss auf zahlreiche IOC-Mitglieder“ (Weinreich, Jens, Gute Freunde kann niemand trennen, oder? in spiegelonline 19.7.2016).

Pressestimmen zum McLaren-Report:
GROSSBRITANNIEN –  The Guardian: „Russland in Rio auszuschließen, ist zwingend notwendig, um die Glaubwürdigkeit der Olympischen Spiele zu retten. Wenn russische Sportler unter ihrer Fahne in Rio antreten dürfen, wird die Glaubwürdigkeitslücke, die die Spiele und ihre Sportarten schon so lange begleitet, ins Unermessliche wachsen.“
The Times: „Es ist Zeit, Russland rauszuwerfen. Die jüngsten Enthüllungen über das enorme Ausmaß des russischen Dopings lassen keinen Raum für Ausflüchte oder Ausweichmanöver. Russland muss auf unbestimmte Zeit von der olympischen Bewegung ausgeschlossen werden.“
The Independent: „Nur wenn der Ausschluss bei Sportereignissen absolut ist, einschließlich Olympischer Spiele, Weltmeisterschaften, internationaler Turniere, werden Russland und Putin anfangen zu begreifen, dass die Sauberkeit des Sports nicht verhandelbar ist.“
ITALIEN – La Repubblica: „Der Verfall des militärischen Apparates und des Geheimdienstes KGB in der postsowjetischen Ära hat auch den russischen Sport und sicher die unterstützenden chemischen Labore geschwächt. Es war Putin, der den Niedergang der UdSSR die größte Tragödie der Geschichte genannt hatte, und der die Wiederkehr der sportlichen Größe zur Vorgabe gemacht hatte. (…) Die Olympischen Spiele in Sotschi waren die große Wiedergutmachung des Zars. (…) Wenn Russland nicht in Rio dabei ist, ist der Zar nackt. Aber genau deshalb ist er noch furchterregender.“
SCHWEIZ – Tages-Anzeiger: „Dass bei einem Ausschluss auch saubere russische Athleten bestraft würden, die es zweifellos gibt, wäre unvermeidbar. Angesichts der Dimension des Betrugs und des knappen Zeitrahmens bis Rio bleibt kein alternativer Fahrplan.“
ÖSTERREICH – Kronen Zeitung: „Es ist der vielleicht größte und umfangreichste Doping-Skandal seit den Zeiten der ehemaligen Sowjetstaaten!“
Die Presse: „Doping unter staatlicher Aufsicht. (…) Die dunkle Seite des Sports wurde am gestrigen Montag auf 97 Seiten zusammengefasst.“
NIEDERLANDE – De Telegraaf: „Russland hat den Sport als Vehikel seines Machtdenkens missbraucht und jedes Mittel war recht, um Medaillen zu holen. Das ist eine Strategie, die an die Hochzeiten der DDR erinnert. Wenn hier jetzt nicht Grenzen gesetzt werden, verlieren die Olympischen Spiele an Glaubwürdigkeit und jede russische Medaille stünde von vorneherein unter Verdacht.“
(Alle Zitate: „Jedes Mittel recht, um Medaillen zu holen“, in spiegelonline 19.7.2016)

René Hofmann in der SZ: „Der Report des kanadischen Juristen ist so eindeutig, wie es ein Bericht sein kann, der sich mit einem Programm befasst, bei dem der Geheimdienst einer Weltmacht offenbar eine Schlüsselrolle gespielt hat. Der Bericht arbeitet den harten Kern der Vorwürfe heraus, die gegen Russland erhoben werden: Ja, in dem Land gab es ein staatlich initiiertes und staatlich kontrolliertes System, das Sportlern dabei half, andere Sportler zu betrügen. Wer sich diesem System entzog, musste mit Sanktionen rechnen. Der Erfolg rechtfertigt fast alle nur denkbaren Mittel. In der Sprache des Sports ist das eines der denkbar gröbsten Fouls. Entsprechend hart muss nun auch die Sanktion ausfallen. Russische Athleten – egal aus welcher Sportart – haben bei den Sommerspielen, die in wenigen Tagen in Rio beginnen, nichts zu suchen. Bis auf die Kronzeugen, die halfen, das falsche Spiel zu enttarnen, sollten sie ausgeschlossen werden. Schon aus Gründen der Abschreckung sollte das Land vorübergehend aus der Olympischen Familie verstoßen werden. Es stimmt, dass der Bann womöglich auch Unschuldige treffen würde. Aber hat das russische Betrugssystem nicht auch vielen unschuldigen Athleten anderer Nationen ihr olympisches Erlebnis unwiederbringlich ruiniert? Das Argument, eine kollektive Bestrafung verbiete sich, ist angesichts des aufgedeckten Ausmaßes des organisierten Betruges schwach. Mindestens von 2010 bis 2015, so steht es im Report, gab es in Russland staatlich kontrollierte Manipulationen. Der stellvertretende Sportminister spielte dabei eine zentrale Rolle. Der Geheimdienst mischte mit. Die Anti-Doping-Labore waren involviert. Das Zentrum für den russischen Sport ebenso. Dass der Sportminister von all dem nichts mitbekam, erscheint, so die Ermittler, äußerst unwahrscheinlich. Das Netz war so klug gespannt und so engmaschig geknüpft – da ist es kaum noch relevant, welche Rolle das Nationale Olympische Komitee spielte, jene Instanz, die Thomas Bach zuletzt bemühte, um die Russen in seinen Spielen zu halten. Der deutsche Präsident des Internationalen Olympischen Komitees muss nun zum ersten Mal in seiner seit September 2013 währenden Amtszeit wirklich Farbe bekennen. Daran, ob russische Sportler unter der Flagge ihres Landes in Rio einlaufen, wird sich viel weisen“ (Hofmann, René, Russland muss draußen bleiben,, in SZ 19.7.2016).

spiegelonline, 19.7.2016:
„Das IOC hatte in einer ersten Stellungnahme ‚die härtestmöglichen Sanktionen gegen Einzelpersonen oder Organisationen‘ angekündigt. Nach einer Telefonkonferenz der 15-köpfigen IOC-Exekutive am Dienstag gab das Komitee aber bekannt, zunächst die Entscheidung des Cas abwarten zu wollen, die bis spätestens Donnerstag erwartet wird. In dieser geht es allerdings nur um die Leichtathletik, in der die Sperre durch den Weltverband IAAF bereits ausgesprochen wurde, und nicht um die Erkenntnisse des McLaren-Berichts. ‚In Hinblick auf die Beteiligung der russischen Athleten bei den Spielen 2016 in Rio wird das IOC sorgfältig den Wada-Bericht bewerten. Es wird die rechtlichen Möglichkeiten mit Blick auf ein kollektives Verbot aller russischen Athleten für die Olympischen Spiele 2016 gegenüber dem Recht auf individuelle Gerechtigkeit abwägen‘, hieß es in der Mitteilung“ (IOC vertagt Entscheidung über Ausschluss Russlands, in spiegelonline 19.7.2016). DOSB-Präsident Alfons Hörmann lobte im TV-Sportsender Sky das behutsame Vorgehen des IOC – und seinen Amtsvorgänger Thomas Bach: „Ich denke, es ist eine kluge Entscheidung, abzuwarten, wie die Dinge am Donnerstag vor dem Cas dargestellt werden“ (Ebenda). Russlands Sportminister Witali Mutko zum Wada-Bericht: „Es verwundert, dass die Wada solche Schlussfolgerungen über ein Land nach nur 57 Tagen Untersuchung zieht… Die Wada gibt Einschätzungen ab, fordert Ernennungen und Entlassungen. Das geht schon über den Sport hinaus. Jeder sollte in seiner Nische bleiben“ (Ebenda; Hervorhebung WZ).

Jens Weinreich in spiegelonline:
„Die mit Spannung erwartete Erklärung des Exekutivkomitees des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ist eine Enttäuschung. Das Papier ist geprägt von der Handschrift des IOC-Präsidenten Thomas Bach. (…) Der Hinweis, erst einen Schiedsspruch des Sport-Weltgerichtshofs Cas abzuwarten, der sich am Donnerstag zu den Einsprüchen russischer Leichtathleten äußern will, führt ins Leere. Denn selbst wenn der Cas, ein Konstrukt, an dessen Unabhängigkeit begründete Zweifel bestehen, vorläufig im Sinne des Leichtathletikverbandes IAAF entscheiden sollte, würde das IOC eines nicht tun: Russland komplett von den Spielen in Rio ausschließen. Nur wenige Punkte der IOC-Erklärung sind sinnvoll, fast alle sind Teil eines Zeitspiels. (…) Die Beweise für das Staatsdoping wiegen schwer. Der inzwischen mit forensischen Mitteln belegte großflächige Betrug der Dopinganalysen bei den Winterspielen 2014 in Sotschi hat historische Dimensionen. Das gilt auch für die Zahl von 643 vernichteten positiven Dopingproben russischer Sportler. Und dabei stehen die Ermittlungen erst am Anfang. Die zentrale Steuerung durch das Sportministerium unter Einbindung von Funktionären des russischen Olympiakomitees (ROK) und aller olympischen Sportverbände ist bestens belegt. Viele Führungspositionen in diesen Organisationen wurden wiederum von zwei Männern mit Politikern und Oligarchen besetzt, die seit dem Jahr 2000 als russische Präsidenten amtierten: Wladimir Putin und Dmitrij Medwedew. (…) Die härtesten Maßnahmen, die viele tausend Olympiasportler aus aller Welt fordern und die auch die Welt-Antidoping-Agentur Wada verlangt, wird es kaum geben. Nach wie vor ist das Russische OK vom IOC zugelassen, dabei sieht das Olympische Grundgesetz klare und eindeutige Sanktionen vor. (…) Rechtlich gesehen sind Olympische Spiele eine Einladungsveranstaltung. Das IOC verschickt traditionell ein Jahr vor der Eröffnung von Sommer- und Winterspielen Einladungen an die derzeit 206 anerkannten NOKs. Es kann solche Einladungen jederzeit wieder zurückziehen, denn es ist die höchste Instanz unter den olympischen Ringen. Aber Russland ist anders. Russland ist mächtig. Putin und seine Sportoligarchen kontrollieren nachweislich viele olympische Weltverbände. Ihr Einfluss reicht bis ins IOC-Exekutivkomitee“ (Weinreich, Jens, Da fließt noch viel Wasser den Bach runter, in spiegelonline 19.7.2016).

20.7.2016

– Zur russischen Sportpolitik
„Der McLaren-Report füllt 97 Seiten. Hier die zentralen Punkte, die Russland in ihm vorgeworfen werden. Am 4. Juli 2007 vergab das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Winterspiele des Jahres 2014 nach Sotschi in Russland. Die Bedeutung der Veranstaltung für das Gastgeberland war enorm. Als die russischen Athleten bei den Winterspielen 2010 in Vancouver nur 15 Medaillen gewannen und in der Länderwertung auf den elften Platz abrutschten, schrillten offenbar die Alarmglocken. Bei den Heimspielen, so der McLaren-Bericht, sollte sich eine derartige Blamage auf keinen Fall wiederholen. Russischer Sportminister ist seit der Ernennung durch den damaligen Präsident Dmitri Medwedew im Mai 2008 Witali Mutko. Der 57-Jährige ist eine im Weltsport gut vernetzte Figur: Er gehört dem Exekutivkomitee des Fußball-Weltverbandes Fifa an und steht dem Organisationskomitee der Fußball-WM vor, die 2018 in Russland ausgetragen werden soll. Zum stellvertretenden Sportminister wurde im Jahr 2010 auf Weisung des damaligen Premierministers Wladimir Putin Juri Nagornich ernannt. Er berichtet an Mutko und ist auch Mitglied des Nationalen Olympischen Komitees für Russland, des ROC. Eine Schlüsselrolle im russischen Sport spielt das ZSP, die zentrale Anlaufstelle für alle Profi-Sportler. Das ZSP ist eine Unterabteilung des Sportministeriums. Als seine stellvertretende Direktorin fungiert Irina Rodionowa. In Moskau gibt es ein Anti-Doping-Labor. Dessen Leiter war von 2006 bis 2015 Grigori Rodschenkow. Er ist inzwischen in die USA gezogen und tritt als Kronzeuge auf. Bis zum Jahr 2010 erhielten russische Athleten Doping-Anleitungen laut Rodschenkow vor allem von ihren Trainern. Als er zum Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors aufstieg, änderte er das. Die Qualität der verabreichten Mittel erschien ihm fraglich, und die Dosen, in denen sie gegeben wurden, hielt er für uneffektiv. Rodschenkow entwickelte eigene Steroid-Cocktails, auch unter dem Gesichtspunkt, wie diese möglichst schwer nachzuweisen seien. (…) Bei den Sommerspielen 2012 in London gingen die russischen Athleten derart präpariert an den Start. Damit gedopte russische Sportler bei Tests im Ausland nicht aufflogen, wurden ihre Körpersäfte vor der Ausreise analysiert, ohne dass dies der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada mitgeteilt wurde“ ( Hofmann, René, Mit Tafelsalz um Mitternacht hinter dem Mauseloch, in SZ 20.7.2016). – „Wessen Urin in Sotschi getauscht wurde, von wem positive A-Proben verschwanden – um diese Fragen zu ergründen, reichte die Zeit nicht, gibt Richard McLaren an. Er empfiehlt der Welt-Anti-Doping-Agentur aber, diesen Fragen nachzugehen. Positive Proben wurden seinen Recherchen nach in der Zeit von Ende 2011 bis August 2015 vertuscht – betroffen war die überwältigende Mehrheit der olympischen Sportarten. Nach Angaben des Kronzeugen Rodschenkow waren vier russische Goldmedaillengewinner bei den Sotschi-Spielen mit Steroiden gedopt. Dutzende russischer Athleten seien in das über Jahre aufgebaute Programm involviert gewesen, mindestens 15  von ihnen hätten Medaillen gewonnen. Der Plan, die Schmach von Vancouver zu tilgen, ging zunächst auf. Russland gewann in Sotschi 33 Medaillen – mehr als jede andere Nation. Offiziell gab es keine einzige positive Dopingprobe eines russischen Athleten“ (Ebenda).

– Neue Details
„Der stellvertretende Sportminister (Juri Nagornich; WZ) entschied dann angeblich, was mit dem Ergebnis zu geschehen habe. Von Ende 2011 bis August 2015 listet der Report 643 positive Proben auf, die nicht korrekt gemeldet worden sein sollen und für die falsche Ergebnisse im internationalen Meldesystem Adams eingetragen wurden. Betroffen waren Sportler aus allen 36 Disziplinen, von denen Urinproben angeliefert wurden. (…) Das System, auffällige Ergebnisse verschwinden zu lassen, funktionierte – mit Blick auf die Olympischen Winterspiele und die Paralympischen Spiele 2014 ergab sich aber ein Problem: In Sotschi würde in einem extra Labor unter internationaler Aufsicht getestet werden. Und das IOC behielt sich vor, auch Jahre später noch Nachtests in nichtrussischen Laboren anzustrengen. Der Inlandsgeheimdienst FSB entwickelte eine Methode, wie die standardisierten Behälter, in denen die A- und die B-Proben gesammelt werden, geöffnet und wiederverschlossen werden können, ohne dass dies mit bloßem Auge erkennbar ist. Im Februar 2013, so der Report, glückte das. In der Vorbereitung auf die Winterspiele in Sotschi gab es mindestens 37 Athleten, die als Medaillenhoffnungen geführt wurden und deren Formaufbau vom Staat komplett überwacht wurde, so McLaren. Unter anderem erhielten diese Athleten die von Grigori Rodschenkow entwickelten Doping-Cocktails. Damit das bei den Winterspielen und auch bei den Nachtests nicht auffliegen würde, wurde eine Sammlung mit sauberem Urin aufgebaut. Viele russische Athleten gaben unverdächtige Proben ab. Irina Rodionowa, die stellvertretende Direktorin des ZSP, ließ diese einsammeln und in einem Kühlschrank ihres Sportzentrums lagern. Von dort wurde der saubere Urin vom Geheimdienst FSB nach Sotschi gebracht. Jeder Athlet wurde zudem angewiesen, wie er nach der Abgabe einer Dopingprobe in Sotschi vorgehen sollte: Dann sollte er dem ZSP die Nummer der anonymisierten Probe per Handyfoto oder SMS übermitteln. Nach der Abgabe einer Dopingprobe teilten die Athleten die Nummer ihrer Teströhrchen Irina Rodionowa mit. Sie leitete diese Informationen an ihren Gewährsmann Grigori Rodschenkow im Anti-Doping-Labor in Sotschi weiter, der den Urin-Betrug nach eigenen Angaben orchestrierte. (…) Meist gegen Mitternacht habe dann der Urin-Austausch stattgefunden. Durch eine – ‚Mauseloch‘ genannte – Öffnung in der Laborwand schob Kurdjazew die A- und B-Probe, um die es ging, in einen Raum, in dem Grigori Rodschenkow wartete. (…) Dann machten sich Rodschenkow und sein Team ans Werk. Sie schütteten den kontaminierten Urin weg. Damit der Tausch nicht aufflog, mussten sie aber noch das spezifische Gewicht, das beim Nehmen jeder Dopingprobe vermerkt wird, anpassen: Dies geschah offenbar, indem beim sauberen Urin entsprechende Mengen Tafelsalz oder destilliertes Wasser hinzugefügt wurden. Nach der Manipulation wurden die Proben wieder durchs Mauseloch zurückgereicht und in den vorgesehenen Laborzyklus eingespeist, der die Analyse am nächsten Vormittag vorsah“ (Ebenda).

– Mutko direkt beteiligt
„Die Entscheidung, ob eine positive Probe vertuscht wurde, traf normalerweise der stellvertretende Sportminister. Mindestens ein Fall aber ist dokumentiert, in dem dies anders war. Die Probe eines ausländischen Fußballers, der in der russischen Liga spielte, wurde auf Geheiß des Sportministers Witali Mutko vertuscht. Eine E-Mail, aus der dies hervorgeht, trägt das Kürzel VL – die (kyrillischen) Initialen Mutkos. Mutko ist auch Präsident des russischen Fußball-Verbandes. Seit 2009 gehört er dem Exekutivkomitee des Fußball-Weltverbandes an. Bei den Sotschi-Spielen saß er im Aufsichtsrat des Organisationskomitees“ (Ebenda).

– Wie erwartet: Der Cas soll es richten
„Am Tag nach dem Dopingbeben um Russland tagte Thomas Bach mit seinem IOC-Vorstand per Telefon. Gegen 17 Uhr stand dann das Erwartbare fest: Das Internationale Olympische Komitee verhängt nach den Enthüllungen des McLaren-Reports keinen direkten Olympia-Ausschluss gegen Russland. Das IOC will die Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofes Cas bezüglich des Einspruches von 68 russischen Leichtathleten abwarten, die vom Leichtathletik-Weltverband IAAF nicht für die Rio-Spiele zugelassen worden waren. Die Cas-Entscheidung soll spätestens am Donnerstag fallen. Dazu setzt das IOC eine weitere Kommission ein. Fünf Leute sollen sich mit den russischen Verfehlungen befassen. (…) Die IOC-Beschlüsse wirken abgekartet. Zwar bleibt die größte Strafe, ein Olympia-Ausschluss, formal im Raum. Dass es nicht dazu kommen soll, zeigt aber schon das Wegducken des IOC hinter den Cas. Das IOC ist Herr der Spiele, und der Fall Russland hat rein politische Dimension – das ist nicht über Regelfragen des Sports zu klären. Doch wie wenig couragiert es in Sportkreisen zugeht, zu denen Bach enge Bezüge hat, wurde aber schon deutlich, als die IOC-Granden noch tagten. Bereits am Vormittag hatte sich die Athletenkommission im Deutschen Olympischen Sportbund positioniert: Gegen jene neue globale Anti-Doping-Allianz, der die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, führende nationale Agenturen und viele Athletengruppen angehören. Die DOSB-Athleten stellten sich an die Seite des Ringe-Konzern und ihres Ex-Präsidenten Bach. …) Bachs Ringe-Clan wird trotz des vernichtenden Reports – der zeigt laut Verfasser nur eine „dünne Scheibe“ der Affäre – alles daran setzen, vielen Russen den Weg nach Rio zu ebnen. Geübt lässt der Ex-Fechter die öffentliche Debatte von Gefolgsleuten führen. Als Scharfmacher geriert sich IOC-Vorstand Patrick Hickey; der Ire ist auch Chef der europäischen NOKs und versucht gerade, seine siechen Europa-Spiele in Sotschi anzudienen. (…) Es tobt die Schlammschlacht um Russland, sie wird manche spannende Personalie des IOC in den Fokus befördern. Der Ringe-Konzern, in unabhängigen Rankings gern unter den intransparenten Organisationen des Globus gelistet, ist faktisch auf Kommandostrukturen aufgebaut. Diese Welt aus Befehl und Gehorsam könnte ein Chaos erleben, falls in Rio der neuerdings aufmuckende Teil der Sportwelt und russische Vertreter aufeinanderprallen sollten. Die Schaukelpolitik des IOC am Dienstag festigte den Eindruck, dass es ihm mehr um den Schutz von Putins Sportlern als um den der globalen Athleten besorgt ist“ (Kistner, Thomas, Zögerlich am Telefon, in SZ 20.7.2016).
Zum Verhalten der deutschen Sportler schrieb Claudio Catuogno in der SZ: „Die Athletenkommission des Deutschen Olympischen Sportbunds hat an jenem Tag, an dem der Untersuchungsbericht der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada russisches Staatsdoping umfassend belegte, ein Statement herausgegeben (und später wieder zurückgezogen), das sich las, als habe es Bachs Pressestelle verfasst. ‚Nachweislich sauberen‘ russischen Sportlern müsse ein Start in Rio ermöglicht werden. Bloß: Nachweislich saubere Athleten gibt es leider nicht. Denn die einzige Möglichkeit, das zu beweisen, ist ja das hauseigene Anti- Doping-System, dessen Durchlässigkeit inzwischen so legendär ist wie seine Korrumpierbarkeit. Aber das können auch deutsche Sportler so natürlich nicht sagen! Sie würden ja das System infrage stellen, das sie ernährt! Womöglich gäbe es eine Ermahnung aus der Frankfurter Sportzentrale! Nur: Man wünschte, es würden mal ein paar aufstehen und es einfach sagen. Einige Aufrechte gibt es schon. Aber es bräuchte noch viel mehr“ (Catuogno, Claudio, Das Schweigen  der Athleten, in SZ 22.7.2016).
Die Vor-Formulierung für die DOSB-Athleten kam mit Sicherheit aus Frankfurt – vom Vorstandsvorsitzenden des DOSB!
– „Goldmedaille in der Disziplin Heuchelei“
Und Catuogno in einem Kommentar dazu: „Tatsächlich windet sich Bach durch die größte Vertrauenskrise des IOC hindurch. Anstatt Russland jetzt von den Sommerspielen in zwei Wochen in Rio de Janeiro auszuschließen, wartet er erst mal ab, wie der Sportgerichtshof Cas den Ausschluss der russischen Leichtathleten bewertet, den der Weltverband IAAF verfügt hat. Entscheidungen auf die Fachebene verweisen, sich selbst keine Feinde machen, den schönen Schein um jeden Preis am Leben erhalten – das ist Bachs Prinzip. Unterstützung bekommt er aus der alten Heimat: Die Athletenkommission des Dachverbands DOSB fordert, ’nachweislich saubere‘ Athleten aus Russland müssten in Rio starten dürfen. Dabei beweist der aktuelle Skandal ja gerade, dass es ’nachweislich saubere‘ Athleten nicht gibt. Bloß: Für das Geschäftsmodell Olympia ist es überlebensnotwendig, diesen Eindruck aufrechtzuerhalten. Deshalb ist es auch nur die halbe Wahrheit, dass die Russen das olympische Kerngeschäft beschädigt haben. Sie haben es auf die Spitze getrieben. Und sich dabei erwischen lassen. Betrug, Mauschelei und Korruption gehören längst zum olympischen Kerngeschäft. Das Anti- Doping-System ist ein Publikums-Beruhigungs-System, das nicht funktioniert. Und Fairplay und Weltfriede sind die Marketing-Lügen, die alles schön weichzeichnen. Kürzlich hat das IOC, ungerührt von den fortgeschrittenen Ermittlungen, eine neue Image-Kampagne gestartet: weiße Friedenstauben, dazu der Slogan ‚Together we can change the world‘. Dafür eine Goldmedaille in der Disziplin Heuchelei“ (Catuogno, Claudio, Betrug als Kerngeschäft, in SZ 20.7.2016).

21.7.2016

– Simon Perikles im SZ-Interview
SZ: „Sie sind Wissenschaftler, nicht Jurist. Aber müssen Sie ob der jetzigen Situation nicht auch festhalten: Wir können das Dopingsystem gar nicht wissenschaftlich knacken, sondern nur über den Eingriff staatlicher Stellen, über Ermittler, Anti-Doping-Gesetze und Kronzeugen.“
Perikles: „Für mich ist sogar die Erkenntnis, dass selbst der Sportjournalismus deutlich effektiver gegen Doping arbeitet als das Kontrollsystem. Kein Test dieser Welt, und wäre er noch so gut, enttarnt ja einen Hintermann. Das Testsystem sagt immer, es hätte durch seine bloße Existenz Doping schon verhindert. Aber diese Argumentation ist nie belegt worden und wird ja durch die Vorgänge in Russland schon ad absurdum geführt.“
SZ: „Und durch die berühmten 500 Tests, die Lance Armstrong dauer- und hochgedopt überstand, ohne aufzufallen.“
Perikles: „Genau. Wir wissen im Grunde, dass Russland überall ist, nur in anderer Form. Selbstverständlich nicht in dieser Art der Durchführung, sondern anders strukturiert. In Kenia bekommen wir mehr Einblicke, in Großbritannien scheinen wir langsam so weit zu kommen, zu verstehen, wie die Medaillenflut für London 2012 möglich war. In Deutschland können wir aktuell noch gar nicht richtig dahinterblicken. Aber wenn die Aufdeckungen in der Geschwindigkeit weitergehen, sind wir in Deutschland auch bald dran, was natürlich auch im Interesse der sauberen deutschen Athleten sein sollte. Und ich muss ganz ehrlich sagen: Auch jetzt fordert der Innenminister 30 Prozent mehr Medaillen, und solange es da kein plausibles Konzept gibt, wie diese Medaillen entstehen sollen, gehe ich wie etliche meiner Kollegen davon aus, dass wir so etwas eigentlich nur durch Doping erreichen können“ (Aumüller, Johannes, „Russland ist  überall“, in SZ 21.7.2016; Hervorhebung WZ).

– Russland meldet Sportler für Rio 2016 an
Das Russische Olympische Komitee (ROC) meldet 387 Sportler für Rio 2016 an, darunter 68 Leichtathleten (Hofmann, René, Lavieren statt Fühlen, in SZ 21.7.2016).

– Neue positive Proben
„Kurz vor seiner Entscheidung über einen Ausschluss aller russischen Sportler von den Sommerspielen in Rio de Janeiro meldete das Internationale Olympische Komitee (IOC) am Freitag weitere 45 positive Proben bei Nachtests von den Olympischen Spielen 2008 in Peking und 2012 in London. Unter den 30 überführten Dopingsündern von Peking befinden sich 23 Medaillengewinner.(…) Als wahrscheinlich gilt aber, dass erneut zahlreiche russische Sportler überführt worden sind. Bei der ersten Nachuntersuchung von Peking stammten von 30 erwischten Athleten alleine 14 aus Russland, darunter wohl zehn Medaillengewinner. Von den 23 positiven London-Proben im Mai stammten acht aus Russland. Weitere positive Fälle wären nun auch weitere Argumente für diejenigen, die nach der Veröffentlichung des McLaren-Reports über staatlich gestütztes Doping vehement einen Ausschluss Russlands fordern“ (SID, 45 positive Proben, in SZ 23.7.2016).

DOSB-Athletenkommission laviert herum
„Eine bemerkenswerte Kehrtwende vollzog dabei die Athletenkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes DOSB. Am Dienstag hatte sich diese noch gegen einen Komplettausschluss ausgesprochen. Am Mittwoch nun schrieb das siebenköpfige Gremium: ‚Die Athletenkommission ist auf Grund der erdrückenden Beweise für einen Ausschluss der russischen Mannschaft bei den Olympischen und Paralympischen Spielen in Rio de Janeiro.‘ Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, positionierte sich dagegen klar. Ein Start der Russen dürfte ‚allenfalls unter neutraler Flagge‘ erfolgen, fordert die SPD-Politikerin. Freitag betonte: ‚Wenn die russische Fahne in Rio de Janeiro zu sehen ist, wird das aufgrund der aktuellen Sachlage niemand verstehen können, der sich einem sauberen, integren Sport verpflichtet fühlt.‘ Das Lavieren von Thomas Bach, der seit September 2013 an der Spitze des IOC steht, sieht Freitag kritisch. ‚Er kann nicht auf Dauer darauf warten, was die Fachverbände tun, was das Cas macht‘, meinte Freitag: ‚Es gibt keine Blaupause für diese Situation. Umso mehr verlangt diese Gemengelage Führungsstärke des Präsidenten des IOC, und die sehe ich bislang nicht'“ (Ebenda).

Cas sperrt russische Leichtathleten für Rio 2016
„Der Internationale Sportgerichtshof Cas wies in Lausanne den Einspruch von 68 russischen Athleten gegen ihren Olympia-Ausschluss zurück. Damit bestätigte der Cas das Urteil des Weltverbands IAAF vom 17. Juni, nachdem die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada zuvor ein flächendeckendes, systematisches Doping in der russischen Leichtathletik belegt hatte. Doch die Entscheidung könnte auch Konsequenzen für das gesamte russische Olympia-Team haben. Das Urteil gilt als wegweisend für eine Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bezüglich einer Sperre aller russischen Sportler für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro (5. bis 21. August). (…) Das IOC will sich bis zum kommenden Dienstag äußern. In Russland stieß das Urteil auf Kritik“ (Russische Leichtathleten dürfen nicht nach Rio, in spiegelonline 21.7.2016).
Russlands Sportminister Witalij Mutko sprach von einer „Kollektivstrafe“ gegen die russischen Athleten und von einem politisch motivierten Urteil
Hallo, Herr Sportminister: War  das „Mausloch“, durch das die Doping-verunreinigten und bereinigten Behälter bei Sotschi 2014 hin- und hergeschoben wurden, auch politisch bedingt?
Putins Sprecher Dmitri Peskow: „Die Idee einer kollektiven Schuld ist aus unserer Sicht nur schwer zu akzeptieren“ (Ebenda). Die IAAF äußerte, der Cas habe „Chancengleichheit geschaffen“ (Ebenda).

22.7.2016

– Thomas Kistner in der SZ:
„Der Platz für sportpolitische Ausweichmanöver schwindet, die Schlinge zieht sich zu um IOC-Chef Thomas Bach und seinen olympischen Konzern. Am Donnerstag hat das internationale Sportgericht Cas Klagen und Einsprüche des Russischen Olympischen Komitees (ROC) sowie der 68 vom Weltverband IAAF gesperrten Leichtathleten abgelehnt. Die IAAF hatte den Kollektivausschluss der russischen Sportler von den Spielen in Rio wegen flächendeckenden Dopings verhängt. Der Cas-Spruch ist für das Internationale Olympische Komitee (IOC) in doppelter Hinsicht heikel. Zum einen überträgt das Verdikt die volle Entscheidungsgewalt über einen Rio-Ausschluss des gesamten russischen Teams an das IOC; garniert hat der Cas diese Maßnahme mit einem Grundsatzurteil: Eine kollektive Teamsperre für Olympia ist aus sportjuristischer Sicht durchaus statthaft. Darüber hinaus hielt das Richtergremium in einem bemerkenswerten Nebensatz fest, dass sein Urteil, so oder so, ohne Aussagekraft für den anstehenden Ausschlussentscheid des IOC gewesen wäre. (…) Am Donnerstag teilte das IOC nur mit, es habe das Cas-Urteil ‚zur Kenntnis genommen‘. Ansonsten kein Kommentar – man wolle nun die ‚Urteilsbegründung studieren und analysieren‘. Der Entscheid zu einem möglichen Rio-Ausschluss werde ‚innerhalb der kommenden Tage‘ gefällt. Spätestens am nächsten Dienstag. Gerade an solchen Maßnahmen bemisst sich nun ein Beschluss zur Russland-Frage. (…) Während die Russen mit Klagen und einer eigenen Spartakiade drohen, wie in Ostblock-Zeiten, kämpft das IOC in den nächsten Tagen um seine Glaubwürdigkeit. Dass der Cas angesichts der Schwere der russischen Vergehen eine Pauschalstrafe absegnete, erhöht den Druck. Zu vermuten ist trotzdem, dass der Ringe-Konzern einen Weg sucht, um nur einzelne Sportarten zu verbannen. Im Westen dürfte dies Fragen zur Rolle des deutschen IOC-Chefs aufwerfen. Im Osten würde es Bachs sportpolitischen Rückhalt stärken. Dort, wo alle Großevents bis mindestens 2022 stattfinden“ (Kistner, Thomas, Von jetzt an im Hinterzimmer, in SZ 22.7.2016).

– Claudio Catuogo in einem Kommentar in der SZ:
„Die Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa ist die bekannteste Russin, die nun nicht nach Rio darf. Olympiasiegerin von 2004 und 2008, Weltrekordlerin. Rio sollte nach einer Babypause der glanzvolle Abschluss ihrer Karriere werden. ‚Danke an alle für diese Beerdigung der Leichtathletik‘, ätzte sie, als sie vom Spruch des internationalen Sportgerichtshofs Cas erfuhr.   Ganz falsch liegt Issinbajewa mit dieser Einschätzung nicht. Allerdings spricht ja nichts gegen ein ordentliches Begräbnis, wenn derjenige, der unter die Erde gebracht wird, nun mal tot ist. Und tot war die Leichtathletik lange vor der Kollektivsperre der Russen – oder jedenfalls im Kern unheilbar krank. Zugrunde gerichtet von der Medaillengier der Politiker und vom Wegschauen der Funktionäre, das Eingeweihte immer schon als verklausulierte Einladung zum Dopen verstehen mussten. Aber auch zugrunde gerichtet von den vielen Sportlern, die den Betrug aktiv betreiben – oder sich ihm unterwerfen. Deshalb ist dieser Spruch des Cas so wichtig. Manche Systeme sind nicht mehr in der Lage, von innen heraus zu genesen. Aber so hat Issinbajewa das mit der Beerdigung natürlich nicht gemeint. Für sie ist der Cas-Beschluss eine ‚rein politische Entscheidung’“ (Catuogno, Claudio, Das Schweigen  der Athleten, in SZ 22.7.2016).

– Aus einem Kommentar von Frank Nienhuysen zum Sportpolitiker Wladimir Putin in der SZ:
„Kein anderer Politiker hat sich in den vergangenen Dekaden im globalen Sport derart mächtig ins Zeug gelegt, um sogenannte Mega-Events ins Land zu holen. Und kaum einer war so erfolgreich: Olympische Spiele in Sotschi, Eishockey-WM, Fußball-Weltmeisterschaft. Da kann mit Russland nur Brasilien noch mithalten. (…) Sport ist unter Putin zu einer Säule seiner politischen Macht geworden, zu einer Metapher für ein neues internationales Kräftemessen, auch und vielleicht sogar vor allem mit den Amerikanern. Patriotismus – dessen Stellenwert in Russland rasch zunimmt – lässt sich nicht nur durch Fernsehen und Bilder einer neuerdings wieder modernen Armee herauskitzeln, sondern auch durch glänzende Bilanzen im Medaillenspiegel. Doch diese Erfolgsgeschichte ist gerade arg gefährdet. Dass der Staat dabei geholfen hat, die Leistungsfähigkeit von Athleten zu frisieren, droht nun auch Putins Ambitionen zu bremsen, dem Land zur sportlichen Weltmacht zu verhelfen. (…) 2018 wird in Russland der Präsident gewählt. Für Putin ein Heimspiel. Es ist die Zeit, in der Wahlkampf und WM-Fieber kongenial zusammenfallen“ (Nienhuysen, Frank, Schneller, höher, Putin, in SZ 22.7.2016).

23.7.2016

Thomas Kistner in einem Kommentar in der SZ: „Putins Russen, Vasallen und Verbündete regieren weite Teile des Sports. Wie hat es der Kreml-Chef geschafft, so flott seine Pläne umzusetzen? Sotschi, die Fußball-WM 2018 – mit Bubencharme, Kinngrübchen und strahlenden Augen? Im Kalten Krieg, dessen Revival dem Sport nun droht, reichten die Tentakel der UdSSR überallhin. Dass sich im Reich des Ex-KGB-Agenten Putin daran wenig geändert hat, ist jetzt im Blick auf die kriminelle Energie zu vermuten, die in das 50 Milliarden Dollar teure, patriotische Prestigeprojekt Sotschi 2014 gesteckt wurde. Bachs IOC wird Freund Putins Athleten nicht kollektiv sperren. Das hätte es längst tun können. …) Am Ende einer Scheindebatte – Bachs „Null-Toleranz“ in Dopingfragen – dürfte das IOC viele Sportler Putins unter russischer Fahne starten lassen. Darum geht es ja. Hätte es die Integrität des Sports im Blick, müsste es dafür sorgen, dass keine russische Fahne in Rio weht. Das würde auch das Problem mildern, das Bach angeblich umtreibt: dass eventuell saubere Athleten unter einen Kollektivbann fallen. Man könnte ungeklärte Fälle starten lassen – aber nur unter neutraler Flagge. (…)  Aber mit Putin spielt man nicht. Bach weiß das sehr gut. Und deshalb dürfte der olympische Geist bald sehr genau zu lokalisieren sein: in einem Fläschchen Pipi, in einem Loch in der Wand. Durch ein solches Loch wurde im Dopinglabor von Sotschi der Betrug organisiert. So etwas hätte sich nicht mal Hollywood ausgedacht“ (Kistner, Thomas, Gestohlener Lorbeer, in SZ 23.7.2016).

24.7.2016

IOC begnadigt russische Sportler
„Das Internationale Olympische Komitee hat auf eine Sperre aller russischen Sportler bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro (5. bis 21. August) verzichtet. Das gab das IOC im Anschluss an eine Telefonkonferenz des 15-köpfigen Exekutivkomitees unter der Leitung des deutschen Präsidenten Thomas Bach bekannt. Sportler, die gegenüber ihren jeweiligen Weltverbänden den Nachweis erbringen können, nicht in das russische Staatsdopingsystem involviert gewesen zu sein, dürfen in Rio starten“ (Kein Komplett-Ausschluss für russisches Team bei Olympischen Spielen, in spiegelonline 24.7.2016). Thomas Bach: „Es gilt die Unschuldsvermutung. Deswegen haben wir strenge Kriterien entworfen, die jeder russische Sportler erfüllen muss, wenn er an den Olympischen Spielen teilnehmen will. (…) Russland zeigte sich zufrieden. ‚Das ist eine rechtmäßige Lösung‘, sagte der Chef des Sportausschusses im russischen Parlament, Dmitri Swischtschjow“ (Ebenda).
Zum Beitrag  des IOC: Decision Of The IOC Executive Board Concering The Particiption Of Russion Athletes In The Olympic Games Rio 2016: hier

Und zum Mantra „Null Toleranz gegenüber Doping“ von IOC-Präsident Thomas Bach: „Bigotterie (französisch bigoterie) oder Scheinheiligkeit ist die Bezeichnung für ein frömmelndes, dabei anderen Auffassungen gegenüber intolerantes, gehässiges und scheinbar ganz der Religion oder einer religiösen Autorität (Person oder Instanz) gewidmetes Wesen oder Verhalten, wobei der tatsächliche Lebensstil nicht eigentlich religiös oder streng sittlich gehalten wird. (…) Das dazugehörige Adjektiv ist ‚bigott‘ (Wikipedia).
Insofern kann man Bach mit seiner Tolerierung des russischen Staatsdopings mit Fug und Recht als bigott bezeichnen.

Dazu Jens Weinreich in spiegelonline: „In jedem Satz, bei jedem Wort war Thomas Bach eine gewaltige Nervosität anzumerken. Er kam häufig ins Stottern, suchte nach Worten und brachte dann oft nur bruchstückhafte Sätze über die Lippen, um zu erklären, was in aller Welt jetzt noch heftiger diskutiert wird, als in den Monaten zuvor – und was nun vor allem die Wettbewerbe der Olympischen Spielen in Rio de Janeiro überschatten wird, die bereits am 3. August mit den ersten Fußballspielen beginnen. Russlands Sportler dürfen zum großen Teil an den Olympischen Spielen teilnehmen. Das Exekutivkomitee des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat unter der Führung des deutschen Präsidenten, der als Sympathisant des russischen Präsidenten Wladimir Putin gilt, beschlossen, das russische NOK nicht zu suspendieren. Die Teilnahme des russischen olympischen Komitees (ROK) und die Sperre für Stepanowa sind eindeutige politische Botschaften, die das von Bach dominierte IOC-Exekutivkomitee gesendet hat. Das ROK darf allerdings keine Sportler nominieren, die nicht von den 28 olympischen Weltverbänden und anschließend vom IOC als teilnahmeberechtigt erklärt worden sind. Für diese sollen dann verstärkte Dopingkontrollmaßnahmen gelten. Das ist ebenfalls in mehrfacher Hinsicht problematisch, unter anderem weil Doping langfristig zu betrachten ist – wer vor Monaten noch ungestraft und bestens organisiert dopen konnte, wie im Falle Russland eindeutig bewiesen ist, hat in Rio weiter einen Wettbewerbsvorteil. Der internationale Tennisverband (ITF) hat bereits bekanntgegeben, dass die russischen Sportler starten dürfen. Einige weitere Weltverbände wie die Ringer (UWW) und Judoka (IJF) haben ebenfalls angekündigt, im Sinne der Russen entscheiden zu wollen. Deren Präsidenten Nenad Lalovic und Marius Vizer gehören nachweislich dem russischen Lager an. Vizer, ein in Budapest residierender Rumäne mit österreichischer Staatsbürgerschaft, hat Putin vor Jahren zunächst zum Ehrenpräsidenten der Europäischen Judo-Union und danach zum Ehrenpräsidenten der IJF gemacht. In anderen Verbänden sieht das ähnlich aus“ (Weinreich, Jens, Dabei sein ist alles, in spiegelonline 24.7.2016).
Wochen und Monate hat Thomas Bach das Problem des russischen Staatsdopings bewusst verzögert: bis zehn Tage vor Beginn der Spiele. Nun können sich die Sportverbände damit herumschlagen. Tricksen, täuschen, verzögern, irreführen, Unwahrheit verbreiten: Das sind die „Führungsqualitäten“ des deutschen IOC-Präsidenten.

Und Hajo Seppelt zum IOC-Beschluss in den Tagesthemen: „Null Toleranz bei Doping, sagt IOC-Präsident Thomas Bach stets. Aber er hat offenbar eine Menge Toleranz bei Staatsdoping – politisch gesteuerter Sportbetrug von ganz oben. Historisch fast beispiellos: Nur die DDR hat es einst ähnlich kriminell getrieben. Politiker und Funktionäre haben in Russland für zweifelhaften Weltruhm die elementaren Gesetze des Sports gebrochen und ihre Sportler mit gefährlichen Dopingmitteln großen Gesundheitsgefahren ausgesetzt. Die Botschaft des IOC heute aber ist: Seht her, ihr könnt noch so schlimm betrügen, ob mit Hormon-Cocktails oder Blut-Doping – trotzdem Willkommen bei Olympia“ (Seppelt, Hajo, Tagesthemen 24.7.2016, 22.45).

– Whistleblowerin Stepanowa vom IOC bestraft und „eingeladen“
„Die russische Leichtathletin Julia Stepanowa, die als Whistleblowerin die Aufdeckung des russischen Staatsdopingsystems mit ins Rollen gebracht hatte, darf nicht bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro (5. bis 21. August) starten. Das gab das Internationale Olympische Komitee im Zuge der Entscheidung bekannt, auf einen Komplettausschluss des russischen Teams zu verzichten. Zwar ‚begrüßt die Ethikkommission Stepanowas Beitrag zum Anti-Doping-Kampf‘, wie es in einem Statement des IOC heißt, da sie aber selbst mindestens fünf Jahre Teil des Systems gewesen sei, ‚erfüllt sie nicht die ethischen Anforderungen an einen olympischen Athleten'“ (SID, Ohne Stepanowa, in SZ 25.7.2016).
Richtiger formuliert: Die meisten anderen Mitglieder dieses Systems dürfen problemlos in Rio 2016 starten – sie waren ja auch keine Whistleblower.
Bach hakte dann auch unversöhnlich nach: „Sie war selbst zu lange Teil des Systems“ (SID, „Wir haben die Latte hochgelegt“, in SZ 25.7.2016).
Wiederum: und alle anderen russischen Sportler?
Das IOC gab sich bemüht, Stepanowas Einsatz zu würdigen. So heißt es weiter in dem Statement, das Komitee sei „dankbar für ihr Engagement, deshalb laden wir sie und ihren Ehemann ein, in Rio Gäste des IOC zu sein. Wir zeigen damit, dass wir bereit sind, sie zu unterstützen“ (Whistleblowerin Stepanowa darf nicht starten, in spiegelonline 24.7.2016).
Das ist der Gipfel an IOC-Zynismus: Sperren und einladen… Putins FSB lässt grüßen. Der Rachefeldzug ist erfolgt.
Zum Ausschluss von Julia Stepanowa Jens Weinreich in spiegelonline: „Eine Person hat das IOC-Exekutivkomitee aber bereits von den Wettkämpfen ausgeschlossen: Die Whistleblowerin Julia Stepanowa, die sehr wahrscheinlich ihr Leben riskiert hat, als sie heimlich Aufnahmen machte, um das staatlich organisierte Dopingsystem zu belegen, die Dokumente sicherstellte, die der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada schon vor Jahren Informationen zuspielte, die mit ihrem Mann Witali auf der Flucht ist, Russland verlassen musste – und die hoffte, nach ihrer sporthistorischen und weltweit gewürdigten Leistung als Dopingaufklärerin in Rio den 800 Meter Wettbewerb zu bestreiten. Doch im IOC-Kosmos gelten andere Regeln, oder besser: Jene Regeln, die für andere Sportler gelten, gelten nicht für Stepanowa. (…) Stepanowa war jahrelang im russischen Staatsdopingsystem verfangen, wurde bei einer Kontrolle erwischt und hatte – auch das ist absurd – nicht das Glück, wie mindestens 643 andere Russen, dass ihre positive Probe vernichtet wurde. Stepanowa wurde zwei Jahre gesperrt. Sie hat gebüßt. Vor allem aber hat sie gewaltige Risiken auf sich genommen und so umfassend ausgepackt, wie kaum jemand zuvor in der olympischen Geschichte. Gegen Ende seines nur halbstündigen Telefontermins am Sonntagnachmittag erklärte der IOC-Präsident Bach erneut stotternd, man dürfe Sportler nicht für ein staatliches Dopingsystem verantwortlich machen. Für Stepanowa gilt das offensichtlich nicht. (…) Diese politische Botschaft heißt übersetzt: Julia Stepanowa muss die Staatsbürgerschaft eines anderen Landes beantragen, um jemals an den Spielen teilnehmen zu können. In Russland ist das nie wieder möglich. Letztlich spitzt sich die Entscheidung des IOC-Exekutivkomitees auf die vielen Widersprüche im Fall Stepanowa zu. Darin wird ebenso deutlich, wessen politische Interessen die IOC-Führung offenbar vertritt“ (Ebenda; Hervorhebung WZ).
„Stepanowa selbst bezeichnete in einem Statement den Entschluss des IOC als ‚unfair‘. Die Entscheidung würde auf ‚falschen und unwahren Aussagen‘ basieren. Die IOC-Entscheidung würde andere Whistleblower in Zukunft davon abhalten, mit Enthüllungen an die Öffentlichkeit zu treten, betonte Stepanowa weiter. Zudem würde sie Entscheidungen des Internationalen Sportgerichtshofs Cas ad absurdum führen“ (SID, „Diabolisch“, in SZ 26.7.2016).

– Übel beleumundeter Uralt-Sportfunktionär Smirnow Putins erste  Wahl
„Russlands Präsident Putin hatte zuvor noch die Gründung einer angeblich unabhängigen Anti-Doping-Kommission angeregt, die von einem Funktionär geführt werden soll, der laut Putin im IOC einen ‚absolut einwandfreien Ruf‘ genießt: Witali Smirnow. Der 81-Jährige war als Nomenklaturkader nicht nur Cheforganisator der Olympischen Spiele 1980 in Moskau, sondern in zahlreichen Funktionen auch am Aufbau der sowjetischen und russischen Sportsysteme beteiligt, die bis zuletzt erwiesenermaßen Dopingsysteme waren. Smirnows angeblich tadellosen Ruf muss man wegen seiner Beteiligung an zahlreichen dubiosen und korruptionsverdächtigen Vorgängen stark in Frage stellen. Auch deshalb, weil er im Rahmen des Salt-Lake-City-Bestechungsskandals von seinen IOC-Kollegen eine ‚ernste Verwarnung‘ erhielt. Smirnow ist Recherchen russischer Historiker und Aussagen eines damaligen Führungsoffiziers im Sowjetreich zufolge auch KGB-Agent gewesen, wie einst Putin“ (Ebenda).

– Stimmen von deutschen Sportfunktionären
Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes: „Angesichts des Cas-Urteils hätte es durchaus eine Grundlage für einen Komplettausschluss Russlands gegeben. Ich halte die Entscheidung für problematisch, hier entsteht leicht der Eindruck, dass politische Rücksichtnahmen höher gewichtet worden sind als die Frage der Glaubwürdigkeit des Sports… Faktisch ist nun die Verantwortung an die Fachverbände delegiert worden, und angesichts des McLaren-Reports ist es für mich schwierig nachzuvollziehen, wie bei einer Art des Staatsdopings zwischen involvierten und nicht involvierten Athleten glaubwürdig differenziert werden kann… Für problematisch halte ich den zwingenden Ausschluss von Sportlern, auch nach Ablauf von Dopingsperren, selbst wenn ihnen ein Unschuldsnachweis gelingen sollte. Dies ist juristisch problematisch und verstößt gegen die Gleichbehandlung mit Sportlern aus anderen Ländern, da zum Beispiel amerikanische Sportler nach Ablauf der Dopingsperre in Rio starten dürfen“ (Deutsche Funktionäre reagieren enttäuscht, in spiegelonline 24.7.20ß16).
Dagegen Bachs Master’s Voice, Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes: „Damit hat das IOC nun eine zweifelsohne schwierige, harte und in mehrfacher Hinsicht konsequente Entscheidung getroffen: Der erstmalige generelle Ausschluss aller vom Staatsdoping betroffenen Athletinnen und Athleten eines nationalen Teams zeigt, dass die Nulltoleranzpolitik auch künftig weltweit gilt. Wer also systematisch gegen die Regeln verstößt, erhält die Rote Karte“ (Ebenda).
À propos: Was ist eigentlich beim Prozess Hörmann Holding gegen Alfons Hörmann dieser Tage herausgekommen?

25.7.2016

Wada besorgt – oder nur Aufgabenteilung zwischen IOC und ihr?!
„Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada hat die Entscheidung des IOC im Fall Russland ‚zur Kenntnis genommen‘ und sich ‚enttäuscht‘ darüber gezeigt, dass das IOC der Wada-Empfehlung eines kompletten Ausschlusses russischer Athleten auf Basis der Erkenntnisse aus dem McLaren-Report nicht gefolgt ist. (…) Die Wada respektiere natürlich ‚die Autorität des IOC, Entscheidungen auf Basis der Olympischen Charta zu treffen‘, sagte Wada-Generalsekretär Olivier Niggli. Die vom IOC genannten Argumente und Kriterien wiesen allerdings darauf hin, dass der saubere Athlet deutlich weniger geschützt sei“ (Welt-Anti-Doping-Agentur reagiert enttäuscht, in spiegelonline 25.7.2016).
Auf Basis der Olympischen Charta hätten die russische Delegation zu Hause bleiben müssen!

Eine Auswahl von Pressestimmen und Kommentaren:
GROSSBRITANNIEN
Daily Mail: „Bühne frei für die chaotischsten und verrufensten Olympischen Spiele der Geschichte. Trotz der enormen staatlich gestützten Doping-Betrügereien, mit denen Russland die Sportwelt jahrelang in Verruf gebracht hat, darf das Team von Russland in Rio starten.“
Guardian: „Die mutige Athletin Julia Stepanowa, die den Skandal erst öffentlich gemacht hat, darf nicht starten. Es hinterlässt das ungute Gefühl, dass die vielleicht wichtigste Whistleblowerin in der Geschichte des Sports geopfert wurde, um Wladimir Putin zu besänftigen.“
RUSSLAND
Kommersant: „Russland bleibt im Spiel. Dank des IOC bleibt dem einheimischen Sport die größte Katastrophe seiner Historie erspart.“
Moskowski Komsomolez: „Bach sagte: Auf geht’s. Die russische Fahne wird über den Olympischen Spielen in Brasilien wehen.“
FRANKREICH
Le Républicain Lorrain: „Nie zuvor war der Sport so sehr das Abbild der Gesellschaft, die er zu unterhalten vorgibt: formatiert, eingerahmt, unlauter und von finanziellen und politischen Erwägungen dominiert. Das Internationale Olympische Komitee, das eigentlich die obersten Werte des Sports schützen soll, beweist sein heimliches Einverständnis mit einer übelriechenden Geopolitik. Indem es sich weigert, die russischen Sportler von den Spielen von Rio auszuschließen – trotz eines belastenden unabhängigen Berichts, der ein „System des Staatsdopings“ aufgedeckt hat -, ist das IOC feige vor Wladimir Putin eingeknickt.“
SPANIEN
El Mundo: „Mit der Entscheidung gegen den Ausschluss Russlands wäscht das IOC seine Hände in einer Sache in Unschuld, bei der es um viel mehr als um Sport geht, wenn man die olympische Vorgeschichte des Giganten aus dem Osten sowie die Position Russlands auf dem geopolitischen Schachbrett bedenkt. Man kann sich vorstellen, welchem Druck das IOC ausgesetzt war, damit die russische Hymne bei den Spielen erklingt.“
Marca: „Das IOC hisst die Fahne Russlands. Alle Forderungen nach einer drastischen Position wurden überhört.“
ITALIEN
Tuttosport: „Es gewinnt Putin. Was für ein Rückschritt! Der Ausweg: Die Verbände entscheiden, ob die Russen nach Rio fahren.“
La Repubblica: „Putins Russland gewinnt. Das IOC von Bach zieht sich zurück, kein Verbot für die Spiele. Falls der Skandal um das russische Doping tatsächlich eine sportliche Miniaturausgabe des Kalten Krieges war, kann man nun sagen, dass ihn Wladimir Putin gewonnen hat.“
ÖSTERREICH
Kurier: „Ein Kniefall vor der Sportmacht.“
Kronen Zeitung: „Ein Kniefall vor Russland.“
SCHWEIZ
Neue Zürcher Zeitung: „Gnade für Russlands Athleten.“
Blick: „Einer der dunkelsten Tage der Sport-Geschichte!“
(Alle Zitate: „Bühne frei für die verrufensten Spiele der Geschichte“, in spiegelonline 25.7.2016).
Jörg Schild, Präsident Swiss Olympic: „Entscheidend an dem ganzen Fall ist, dass es sich in Russland nicht um Dopingvergehen einzelner Athletinnen und Athleten handelt. Es war eine konzentrierte und orchestrierte Aktion des Staates, sogar des Geheimdienstes und vor allem auch des Nationalen Olympischen Komitees. Nach dem jetzigen Entscheid des IOC bin ich erstaunt, enttäuscht und verärgert. Ich bin erstaunt, dass plötzlich nicht das IOC entscheiden will, sondern dass es die Entscheide den einzelnen Sportverbänden überlässt. (…) Und ich bin verärgert darüber, dass das IOC selber nichts unternimmt, wenn Russland die anderen Nationalen Olympischen Komitees weltweit betrügt. (…) Es ist eine Ohrfeige für alle Nationalen Olympischen Komitees und alle Sportlerinnen und Sportler“ (Wanderl, Markus, „Feige Lösung“, „Ohrfeige“, „gravierender Rückschlag“, in nzz.ch 25.7.2016).
New York Times: „Mit dieser Entscheidung schadet das Internationale Olympische Komitees seinem Ruf. (…) Die Unschuldsvermutung wird umgedreht. (…) Die Verantwortung wird nun auf die Sportverbände verschoben. Viele von ihnen sind schlecht ausgerüstet, um ein solches Verfahren umzusetzen, und einige haben enge Beziehungen zu Russland“ (Ebenda).
Frankfurter Allgemeine Zeitung: „ Mit der Entscheidung gegen einen kompletten Ausschluss der russischen Mannschaft von den Olympischen Spielen in Rio hat das IOC jedenfalls die Werte, für die es angeblich steht, verraten. Angesichts dessen muss die Frage erlaubt sein, wer eigentlich solche Olympischen Spiele noch braucht. Die ‚Ethik‘, über die Funktionäre so gerne reden, ist in der Praxis schwerlich mit dem zu vereinbaren, was gemeinhin ‚Anstand‘ genannt wird. Russland hat, das ist umfangreich dokumentiert, als Staat mit allen Mitteln und Institutionen ein flächendeckendes Dopingsystem geschaffen und unterhalten. Man fragt sich, was eigentlich noch passieren muss, bis sich die Hüter dessen, was einmal olympische Idee hieß, zu wirklich konsequenten Maßnahmen durchringen können“ (Sturm, Peter, Wozu noch Olympia? In faz.net 24.7.2016).
Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag: „Ich halte das für keine gute Entscheidung, weil jetzt mehr unklar als klar ist. Die Verantwortung wird wieder an Dritte abgeschoben, diesmal an die internationalen Fachverbände. Da ist zu befürchten, dass dort nach völlig uneinheitlichen Kriterien entschieden wird. Das kann nicht im Sinne des Sports und der Athletinnen und Athleten sein. Ob politischer Druck oder kommerzielle Interessen den letzten Ausschlag gegeben haben, kann ich nicht sagen, aber das IOC hat sich gegen eine eindeutige Empfehlung der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada ausgesprochen. In Sachen eines glaubwürdigen Anti-Doping-Kampfes ist das das schlechteste Zeichen überhaupt“ (SID/SZ, Dagmar Freitag: Schlechtes Zeichen, in SZ 25.7.2016).
Richard Pound, ehemaliger Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada: „Das IOC hatte eine riesige Chance gehabt, ein Statement abzugeben. Die wurde vergeudet. Das IOC predigt null Toleranz gegenüber Doping – außer es geht um Russland. Es ist unwahrscheinlich, dass die Weltverbände russische Athleten ausschließen werden“ (Ebenda).
Fritz Sörgel, Doping-Experte: „Ein widerliches, abgekartetes Spiel. Allein die Tatsache, dass die russischen Sportfunktionäre mit der Entscheidung zufrieden sind, ist doch ein starkes Zeichen dafür, dass gemauschelt wurde. Es glaubt doch wohl niemand, dass das IOC das nicht im Vorfeld mit den Verbänden abgesprochen hat. Das IOC hätte endlich ein Exempel statuieren können, aber das war doch nie ernsthaft vorgesehen. Das IOC, besonders Präsident Bach, hat komplett versagt“ (Ebenda).

„Täglich gab und gibt es Enthüllungen zum russischen Staatsdoping. Nach Veröffentlichung des McLaren-Reports am Montag vor einer Woche folgte am Freitag der nächste Schlag: Weitere 45 Dopingsünder flogen bei Nachtests zu den Spielen 2008 (Peking) und 2012 (London) auf. Zwei weitere Nachtest-Wellen stehen noch aus, ihre Resultate werden während bzw. nach den Spielen in Rio erwartet. Wie schon bei der ersten Welle, die insgesamt 53 Doper der Spiele von 2008/12 empor spülte, muss bei den aktuellen wie den kommenden Nachtests mit weiteren russischen Sündern gerechnet werden. Das allein reicht, um die zum sauberen Treff der Weltjugend stilisierten Muskelspiele als Pharma-Versuchslabor zu entlarven. Die Zahlen zeigen ja, wie ineffektiv Dopingtests sind: Aus offiziell in Peking vermeldeten fünf bzw. in London zwei Dopern werden am Ende Hundertschaften. Da wirken Bachs Reden (‚Die neuen Nachtests zeigen ein weiteres Mal das Engagement des IOC im Kampf gegen Doping‘) geradezu komisch – das Publikum begreift Olympia zunehmend als Blendwerk: Welchen Sinn macht es, Leistungen zu feiern, die später durch verbesserte Analysemethoden als Pharmabetrug entwertet werden? (…) Die Russland-Untersuchungen werden ‚absolut sicher‘ fortgesetzt, sagt McLaren. Am Wochenende bestätigte er die schlimmsten Befürchtungen. Der ARD sagte er, die bisher auf rund 1400 bezifferte Anzahl der in Russland zerstörten Proben sei ‚auf jeden Fall viel größer, es sind mehrere tausend, die genau Zahl ist schwierig zu bestimmen‘. Der Sender selbst berichtet von rund 9000 zerstörten Proben. Ähnliches gilt für die im McLaren-Report zunächst auf 643 bezifferte Menge von Proben, die mit speziellen staatlichen Betrugsmethoden von positiven in negative umgewandelt worden seien: Hier soll die Zahl laut ARD auf rund tausend Proben ansteigen. Passend dazu McLarens Analyse: ‚Da ist der stellvertretende Sportminister beteiligt, über dem es nur eine höhere Person gibt, den Minister. Wer will behaupten, es sei kein staatlich gestütztes System, wenn es auch die Unterstützung der geheimen Bundespolizei gibt, die das Einsammeln und den Transport organisiert?’“ (Kistner, Thomas, Russland in Rio, in SZ 25.7.32016; Hervorhebung WZ).

Aus einem Kommentar von Thomas Kistner in der SZ: „Die olympische Goldmedaille in der neuen Sparte Zynismus geht an Thomas Bach. Souverän sichert sich der deutsche Wirtschaftsadvokat an der Spitze des IOC die fragwürdige Auszeichnung: Die brutale Art, wie sein IOC die russische Whistleblowerin Julia Stepanowa jetzt von den Rio-Spielen verjagt hat, kommentiert der Boss mit angemessener Kälte. Stepanowa hatte den Dopingskandal mit beispiellosen Enthüllungen ausgelöst, seit Jahren ist sie deshalb mit Mann und Kind auf der Flucht. Ihr Lohn? Hohn. Am Sonntag erzählte Bach, er werde die Whistleblowerin samt Ehemann jetzt halt mal auf die IOC-Gästeliste in Rio setzen. (…) Der Gedanke, dass das beabsichtigt ist, wirkt mitnichten abwegig, sieht man die Chuzpe, mit der Bach und Mitstreiter die Interessen Wladimir Putins durchfechten. Alles wirkt geplant, wie aufgestellt von langer Hand. So, wie auch der Geheimdienst arbeitete. Der Kremlchef, das ist seit Sonntag keine Frage mehr, ist der wahre Herrscher des Olymps. Und müßig wäre es, noch weiter auf die Diskrepanz zwischen den IOC-Fensterreden auf die eigene ‚Nulltoleranz‘ und dem staatlich orchestrierten Großbetrug bei den Sotschi-Spielen 2014 und anderen Events hinzuweisen. Eine Volltoleranz für russische Spiele hat nur der Leichtathletik-Weltverband verhindert, der Putins Leichtathleten schon ausgeschlossen hatte; ein Verdikt, das der Sportgerichtshof Cas absegnete“ (Kistner Thomas, Der wahre Herrscher Putin, in SZ 25.7.2016).

– Viele Sportverbände schnell dabei
Der Tennis-Weltverband gab mit als  erster für die sieben russischen Tennisspieler grünes Licht: Da wird der russische Tennis-Präsident und Putin-Freund Schamil Tarpischtschew im Hintergrund gewirkt haben. Ganz schnell dabei auch die russischen Fechter, deren Positivproben im Zuge  des russischen Systemdopings vernichtet wurden (Weinstein, Jens, Die Stunde für Putins Freunde, in spiegelonline 25.7.2016).
Selbstverständlich waren auch die Judo-Sportler sofort dabei – mit Putin-Freund Marius Vizer: „Spektakulär absurd ist die schnell verbreitete Stellungnahme des Judo-Weltverbands IJF. In der IJF ist Wladimir Putin, Ehrenträger des 8. Dans und Meister des Sports, genauso Ehrenpräsident wie im nichtolympischen Sambo-Verband FIAS. Marius Vizer wurde nur von Putins Gnaden 2007 IJF-Präsident. Auch im Judo sind positive Proben von Russen vernichtet worden, zudem zählt die IJF zu den Doping-Sorgenkindern unter den 28 olympischen Sommersportverbänden. (…) Im russischen Verband bestimmen die Brüder Arkadi und Boris Rotenberg, wo es langgeht. Die Milliardäre sind Schulfreunde von Putin und haben durch die Olympischen Spiele in Sotschi und die Fußball-WM 2018 nachweislich milliardenschwere Aufträge erhalten. Arkady Rotenberg sitzt zugleich im IJF-Vorstand und ist für den weltweiten Judo-Fond zuständig“ (Ebenda). – „Am Montagmorgen verkündete der Judo-Weltverband IJF, dass alle russischen Athleten wie geplant in Rio teilnehmen dürfen. Dass gemäß Report der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) über systematisches Staatsdoping in Russland auch mindestens acht Positivproben russischer Judoka vertuscht worden sind, tangiert die IJF nicht. Sie hält ihre ‚globale Anti-Doping-Strategie‘ für ausreichend für eine geschlossene Zulassung. ‚Es wurde jede Gelegenheit genutzt, die Athleten zu kontrollieren‘ teilte der von Marius Vizer gelenkte Verband mit, ein alter Freund seines IJF-Ehrenpräsidenten: Russlands Staatschef Wladimir Putin“ (Aumüller, Johannes, Reihenweise nach Rio, in SZ 26.7.2016).
„Die Verquickung von Personen, Firmen, Aufträgen und Posten ist mannigfaltig. Auch im Ringer-Weltverband UWW mit dem Vizepräsident und Putin-Freund Michail Mamiaschwili, im Schwimm-Weltverband FINA, im Sportschützen-Weltverband ISSF, wo der Milliardär Wladimir Lisin aktiv ist, und anderen Organisationen“ (Weinstein 25.7.2016). – „In vielen internationalen Föderationen hat sich Russland in den vergangenen Jahren einen erheblichen Einfluss aufgebaut. Eine kleine Auswahl: Den Weltverband der Fechter (FIE) führt der umstrittene und Kreml-nahe Oligarch Alischer Usmanow. Bei den Judoka der IJF arbeitet als Development Manager der Geschäftsmann Arkadij Rotenberg, ein sehr enger Freund Putins aus Petersburg. Im Weltverband der Ringer (Fila) sitzen in Michael Mamiaschwili und Natalia Jariguina gleich zwei russische Funktionäre, in der internationalen Schwimm-Föderation (Fina) ist es Wladimir Salnikow. So ließe sich das für viele der 28 Sommersport-Verbände durchdeklinieren. Zudem mischt Russland hinter den Kulissen bei der Besetzung vieler Ämter mit. Ein nicht unerheblicher Anteil an Fachverbands-Präsidenten verdankt seine Posten den Deals des kuwaitischen Scheichs Ahmad al-Sabah, der sowohl mit Bach als auch mit Putin ganz eng ist. Und in auffallend vielen Verbänden tauchen durch den russischen Staat kontrollierte Großkonzerne wie Gazprom, Rosneft oder die VTB-Bank als wichtige Sponsoren auf“ (Aumüller 26.7.2016).
„Im Fall der russischen Becken-, Freiwasser- und Synchron-Schwimmer sowie Wasserballer und Kunst- und Turmspringer lautet das Ergebnis des Checks: 66 dürfen nach Rio, sieben müssen zu Hause bleiben. Sieben aus 73, damit liegt die Fina im Trend. Auch andere Verbände sperren jetzt einzelne Athleten – 250 bis 300 russische Sportler dürften allerdings durchgewunken werden. Wobei die Fina sogar nur gegen drei der sieben Aussortierten selbst einen Bann aussprechen musste: gegen Nikita Lobinzew, Wladimir Morozow sowie die Junioren-Weltrekordlerin Darja Ustinowa. Sie werden laut einer Meldung des Weltverbands im McLaren-Report ‚erwähnt‘. Der kanadische Ermittler Richard McLaren hatte im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada das umfassende Staatsdoping in Russland dokumentiert“ (Catuogno, Claudio, Sieben aus 73, in SZ 27.7.2016; Hervorhebung WZ).

26.7.2016

Ines Geipel von der Doping-Opfer-Hilfe zur IOC-Entscheidung: „Die Entscheidung, Russland nicht von den Spielen in Rio auszuschließen, liegt leider auf der Linie des Internationalen Olympischen Komitees. Es war klar, dass es eine diabolische Entscheidung geben würde, aber diese ist natürlich die Katastrophe. Das ist ein trauriger, ernüchternder, entsetzlicher Tag für den olympischen Sport… Wenn die wichtigste Whistleblowerin ausgeschlossen wird, sagt das viel darüber, dass das IOC den Sport nicht liebt, sondern zu einem reinen Macht- und Geldkartell verkommen ist. Es ist in hohem Grade alarmierend, welchen Kotau IOC-Chef Thomas Bach vor dem russischen Präsidenten Wladimir Putin hier macht“ (SID, „Diabolisch“, in SZ 26.7.2016).
.“Olympia werde durch die IOC-Entscheidung zum „Desaster, der Anti-Doping-Kampf wird zur Farce“.

– Robert Harting: Bach „Teil des  Doping-Systems“
„Diskuswerfer Robert Harting hat den deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach nach der Olympia-Zulassung für russische Sportler trotz des massiven Dopingbetrugs mit scharfen Worten attackiert. ‚Er ist für mich Teil des Doping-Systems, nicht des Anti-Doping-Systems. Ich schäme mich für Thomas Bach‘, sagte der Olympiasieger von London am Dienstag in Kienbaum. Bach habe kurz vor Beginn der Spiele in Rio de Janeiro (5. bis 21. August) ‚keinerlei Interesse, den Schmerz‘ der sauberen Athleten‘ zu fühlen. (…) Das IOC und Bach haben ‚eine neue Enttäuschungsdimension erreicht‘, sagte der 31 Jahre alte Berliner, die Entwicklungen der vergangenen Tage, ein russisches Team trotz der Beweise für ein systematisches und staatlich geschütztes Dopingsystem nach Rio zu lassen, sei ‚einfach peinlich‘. Er habe sich schon gefragt, ob Bach als IOC-Präsident ’noch tragbar‘ ist. Aber ich alleine werde da nichts verändern können'“ (Harting: „Bach ist Teil des Doping-Systems“, in SZ 26.7.2016; Hervorhebung WZ). Die Sperre von Whistleblowerin Julia Stepanowa bezeichnete Harting als „echt traurig“: „Allerdings wäre ein Start Stepanowas ein ‚Schlag ins Gesicht von Wladimir Putin gewesen‘, meinte Harting, der in einer Stiftung mithilft, Geld für die ins Ausland geflüchtete Kronzeugin zu sammeln. Russlands Präsident Putin gilt als Vertrauter Bachs. (Ebenda).
Thomas Bach zur Kritik von Harting: „Es ist eine nicht akzeptable Entgleisung, wenn man jemanden, der nicht der eigenen Meinung ist, in derartiger Art und Weise beleidigt… All diejenigen, die so argumentieren, sollten berücksichtigen, wie viele diesen Entscheidungen zugestimmt haben. Kontinentalverbände, Athletenkommissionen; in der IOC-Exekutive war die Entscheidung einstimmig bei einer Enthaltung… Es gibt hier unterschiedliche Meinungen. Das muss man akzeptieren, das muss man austragen. Aber es ist nicht hinnehmbar, jemanden so zu beleidigen'“ (Ebenda).
Bach hat in Einzelgesprächen mittels Telefonkonferenz alle diese Institutionen weichgeklopft: Vermutlich zuerst angefangen mit den sicheren Russlandfreunden, dann mit Verweis auf die „Mehrheitsentscheidung“ den Rest.
Der Gipfel an Unverfrorenheit: „Insgesamt sprach er (Bach; WZ) davon, dass in Bezug auf diese Thematik ‚im Sport eine große Einigkeit besteht'“ („Eine nicht akzeptable Entgleisung“, in spiegelonline 26.7.2016). Dann machte der ehemalige Fechter Bach noch eine Finte und attackierte die Wada, die letztlich schuld sei, weil sie schon 2010 Hinweise auf das Moskauer Anti-Doping-Labor gehabt hätte (Ebenda).

27.7.2016

– Claudia Pechstein legt nach
Die deutsche Eisschnellläuferin: „Bach hat sich politisch kaufen lassen. Er lügt die Welt an, wenn er öffentlich predigt, es gelte für jeden Sportler die Unschuldsvermutung. Wie viel kann man als IOC-Präsident denn noch lügen?“ („Thomas Bach lügt die Welt an“, in spiegelonline 27.7.2016).

– Julia Stepanowa legt Einspruch ein

Whistleblowerin Julija Stepanowa ist enttäuscht vom IOC. Dem TV-Sender Sky Sport News sagte sie: „Natürlich würde ich mir wünschen, dass sich das IOC auch für mich einsetzt und mich unterstützt. Aber es passiert das Gegenteil: Ich werde bestraft“ (Whistleblowerin Stepanowa wehrt sich gegen IOC, in spiegelonline 28.7.2016). „Stepanowa reagierte damit auf die IOC-Entscheidung, sie nicht an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teilnehmen zu lassen. Das Komitee hatte dies in einem Statement damit begründet, dass Stepanowa selbst mindestens fünf Jahre Teil des Systems gewesen sei. Damit erfülle sie ’nicht die ethischen Anforderungen an einen olympischen Athleten‘. Das will die Leichtathletin so nicht hinnehmen. Nach Angaben ihres Mannes legte die Russin Einspruch gegen die IOC-Entscheidung ein. ‚Das System hat sie nicht aufgrund der Sperre bestraft, sondern weil Julija die Wahrheit ans Licht gebracht hat‘, sagte Witalij Stepanow. Die Null-Toleranz-Politik des IOC sei nicht mehr als ‚ein Lippenbekenntnis für die Öffentlichkeit'“ (Ebenda).
Zur „Einladung“ von Thomas Bach an die Stepanowas und Bachs Sportpolitik schrieb Detlef Hacke im Spiegel: „Wenn man, wie die Stepanowas, aus der Heimat geflohen ist und sich in billigen Absteigen versteckt gehalten hat, wenn man seine Existenz drangegeben hat, um als Whistleblower ein staatliches Dopingsystem bloßzustellen, dann klingt so eine Einladung herabwürdigend. Sie sagten ab“ (Hacke, Detlef, Öliger Weg, in Der Spiegel 30.7.2016). – „Als nun bewiesen war, dass  Doping in Russland von staatlichen Stellen organisiert und gedeckt wird, positive Dopingtests verschwinden und der Geheimdienst bei den Winterspielen in Sotschi dreckige gegen saubere Proben austauschte, stand Bach vor der heiklen Entscheidung, Russlands Athleten vor den Sommerspielen auszuschließen. Es wäre ein Signal gewesen für einen sauberen Sport. Es hätte der ‚Entschlossenheit‘ und ‚Null-Toleranz-Politik‘ entsprochen, die Bach propagiert. Russland hatte eine rote Linie überschritten. (…) Doch als es um Konsequenzen ging, entschied er sich für ‚eine ausgewogene Lösung‘. Als Chef eines Verbandes, der Werte wie Fairness und Menschlichkeit wie eine Monstranz vor sich herträgt, wählte Bach den faulen Kompromiss. (…) Bachs Ideale, sofern er jemals welche besessen hat, sind auf der Strecke geblieben“ (Ebenda).

IOC „trickst und täuscht“
„Zwei Tage, nachdem das IOC über den Start russischer Athleten bei Olympia gerichtet hat, reißt der Strom der Kritik nicht ab. Zum einen zeichnet sich ab, dass Russlands Auswahl trotz Systemdopings wohl in großer Mannschaftsstärke starten darf; Leichtathleten ausgenommen. Zum anderen wird Stepanowa, die nach ihrer Dopingsperre den Betrug freigelegt hatte, von den Wettkämpfen ferngehalten. Weil auch sie Teil des Systems gewesen war, so die offizielle IOC-Begründung. Das war wohl ein olympischer Rekord, den der deutsche Präsident Thomas Bach aufgestellt hatte: Bestleistung in der Disziplin Hohn und Zynismus, garniert mit einer Botschaft an künftige Kronzeugen: Wer das System enttarnt, wird geächtet und bestraft. Wie sehr das IOC dabei trickste und täuschte, konnte man aus einer Erklärung herauslesen, die die Stepanows nun in die Welt schickten. Das Verdikt des IOC sei „unfair“, es basiere auf „falschen Aussagen“. (…)  Der Sportfunktionär Hans Wilhelm Gäb teilte der SZ mit, dass er seinen Olympischen Orden zurückgeben werde, den ihm Bach 2006 verliehen hatte. ‚Ich möchte nicht die Auszeichnung einer Organisation tragen, welche die Ideale des Sports verrät‘, sagte der frühere Chef des Deutschen Tischtennis-Bundes und der Stiftung Deutsche Sporthilfe. Dass man Stepanowa nicht in Rio starten lasse, empfinde er als ’schamlosen Akt und eine einzigartige Verbeugung vor der Machtpolitik eines bloßgestellten Staates’“ (Knuth, Johannes, Falsche Angaben, in SZ 27.7.2016; Hervorhebung WZ).

Claudio Catuogno zur Species „Deutscher Sportfunktionär“

Catuogno erwähnt die „Lichtgestalt“ Franz Beckenbauer, dazu den früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger; Helmut Digel, ahnungslos im Leichtathletik-Weltverband IAAF und Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds – und schließlich Wolfgang Niersbach. „Nur einer steht weiterhin unerschrocken im Wind. Der Herr des Olymps: IOC-Präsident Thomas Bach. Der Deutsche, der gerade der olympischen Bewegung das Grab schaufelt. Jedenfalls wird der Anwalt aus Tauberbischofsheim von vielen so wahrgenommen: als derjenige, der das Gerede vom „Olympischen Geist“ endgültig als hohle Marketinghülle entlarvt. Mal abgesehen von den jubelnden Russen natürlich, die jetzt trotz Staatsdopings nach Rio dürfen, sowie dem irrlichternden DOSB-Chef Hörmann (‚Bach hat das professionell gemanagt‘). Eine fast weltweite Allianz aus Anti-Doping-Kämpfern und Athletenvertretern hingegen ist fassungslos über die Chuzpe, mit der Bach seinen Freibrief für Wladimir Putins Sportarmee auch noch als Eintreten für den ’sauberen Athleten‘ verkauft“ (Catuogno, Claudio, Schattengestalten unter sich, in SZ 27.7.2016).

28.7.2016

– Rio 2016: Wer ist  draußen, wer ist drin? (1)
Der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber, Christian Baumgartner, hat die intransparente Anti-Doping-Politik des Internationalen Olympische Komitees kritisiert. ‚Die Informationspolitik vom IOC ist alles andere als zu begrüßen‘, sagte das Exekutivmitglied des Internationalen Verbandes IWF am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Weil das IOC bisher keine Namen genannt hat, welche Sportler der Spiele in Peking und London gedopt waren, befürchtet Baumgartner, dass der von der IWF ausgesprochene Ein-Jahres-Bann gegen Russland, Weißrussland und Kasachstan voraussichtlich erst nach den Spielen in Rio wirksam wird. ‚Es sieht so aus, als wenn die Sperre erst im Herbst ausgesprochen werden kann‘, sagte er. „Das ist übel für unsere Athleten’“ (DPA, „Das ist übel“, in SZ 28.7.2016).

Am Mittwoch hat die Washington Post das allgemeine Durcheinander um die Zulassung russischer Athleten zu den Olympischen Spielen von Rio um einen Vorschlag erweitert: Die Toiletten im Olympischen Dorf, bei denen, wenn jemand spült, in der darunter liegenden Wohnung das Wasser durch die Wand tropft – sie wären das perfekte neue Logo für das Internationale Olympische Komitee (IOC). „Man sieht das schäbige Innenleben und den abblätternden Putz dieser welken, korrupten Organisation.“ Das ist allerdings der Blick der westlichen Welt auf den von Thomas Bach gelenkten Olympia-Konzern, der selbst das perfideste Staatsdoping-System nicht so schlimm findet, als dass es einen Komplett-Ausschluss Russlands von den Spielen rechtfertigen würde.

– Rio 2016: Wer ist  draußen, wer ist drin? (2)
„In Russland sieht man die Affäre ganz anders. Dort verabschiedete am Mittwoch Präsident Wladimir Putin das russische Olympia-Team, es waren auch Athleten in den Kreml geladen, die von den internationalen Fachverbänden nun gesperrt wurden entsprechend der Vorgaben des IOC. ‚Ein Schlag für den Weltsport und die olympische Idee‘, nannte Putin diese einzelnen Sperren, sie basierten auf unbewiesenen Anschuldigungen und seien ‚unvereinbar mit dem Sport und mit elementaren Normen des Rechts'“ (Catuogno, Claudio, Gegen den gesunden Menschenverstand, in SZ 28.7.2016).
Interessant daran ist, dass der Hauptverantwortliche für das russische Staatsdoping, nämlich Sport-Präsident Wladimir Putin höchstpersönlich, vom „Schlag für den Weltsport und die olympische Idee“ spricht.
„Anstatt pauschal das russische Olympia-Komitee auszuladen, hat das IOC die 28 Fachverbände angewiesen, jeden einzelnen Olympia-Starter zu überprüfen. Nach Informationen des Guardian sollen sich die Verbände nun vor ‚riesigen Schadenersatzklagen‘ fürchten.(…) Der Ruder-Weltverband FISA etwa hat 20 Ruderer sowie zwei Steuermänner ausgeschlossen – sie alle seien gemäß der Vorgaben des IOC nicht ausreichend von vertrauenswürdigen Anti-Doping- Einrichtungen getestet worden. Nur sechs Ruderer erhielten grünes Licht. Der Fecht-Weltverband FIE hingegen hat allen 16 qualifizierten Russen sowie vier Ersatzleuten das Startrecht erteilt. FIE-Präsident ist der russische Oligarch Alischer Usmanow“ (Ebenda).

29.7.2016

– Das russische „Unrechtsbewusstsein“ – Stimmen zum Abflug
Am 28.7.2016 flogen die ersten 70 russischen Athleten nach Rio de Janeiro, weitere 200 folgen.
Alexander Schukow, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees Russlands: „Wir hatten niemals ein staatlich gestütztes Dopingprogramm. Wir haben Null Toleranz gegenüber Doping“ (Kistner, Thomas, Knuth, Johannes, Liebesgrüße aus Moskau, in SZ 29.7.2016).
Wladimir Smirnow (81), neuer Chef der neuen russischen Anti-Doping-Kommission: „In Russland gab es nie staatliche Unterstützung für Doping und die wird es nie geben“ (Ebenda).
(Zu Smirnow fügen Kistner und Knuth an: „Smirnow hat einen eindrucksvollen Lebenslauf, er war als linientreuer Funktionär Cheforganisator der Spiele 1980 in Moskau, zudem arbeitete er federführend am sowjetischen bzw. russischen Sportsystem mit. In der Affäre um gekaufte Stimmen vor den Winterspielen 2002 in Salt Lake City erhielt er (von den IOC-Kollegen) eine ‚ernste Verwarnung‘. Smirnow soll nach Darlegung russischer Historiker und Aussagen eines Ex- Führungsoffiziers für den KGB gewirkt haben“ Ebenda).
Wladimir Putin, Staatspräsident: „… eine zielgerichtete Kampagne gegen unsere Sportler“ (Ebenda).
Jelena Issinbajewa, Goldmedaille 2012 im Stabhochsprung, gesperrte russische Leichtathletin: „Sollen all die pseudo-sauberen ausländischen Sportler sehen, dass sie sich mit den Falschen angelegt haben!“ Ebenda).
Bemerkenswert – angesichts der zigfachen Berichte und Beweise des russischen Staatsdoping-Systems!

30.7.2016

– Alle russischen Gewichtheber für Rio 2016 gesperrt
„Der Gewichtheber-Weltverband IWF hat alle russischen Athleten von Olympia in Rio ausgeschlossen. Die IWF teilte am Freitag mit, dass sie keinem der acht nominierten russischen Athletinnen und Athleten – drei Frauen und fünf Männern – eine Startberechtigung erteilen werde. ‚Die Integrität des Gewichthebens ist zahlreiche Male und auf mehreren Ebenen von den Russen beschädigt worden. Aus diesem Grund wurde eine angemessene Sanktion ausgesprochen‘, hieß es in der IWF-Mitteilung“ (SID, Beschädigte Integrität, in SZ 30.7.2016). Der russische Sportminister  Witalij Mutko kündigte an, deshalb beim Cas Beschwerde einzulegen.

Claudio Catuogno in der SZ zu einer eventuellen Doping-Freigabe: „Das war schon ein bitterböser Satz, den der Diskus-Olympiasieger Robert Harting aus Berlin über den IOC-Präsidenten Thomas Bach gesagt hat: ‚Er ist für mich Teil des Doping-Systems, nicht des Anti-Doping-Systems.‘ Natürlich war Bach empört. Der Vorwurf stimmt ja auch nicht. Richtig ist: Bach ist Teil eines gigantischen Doping-Verharmlosungs- und Vertuschungs-Systems. Tatsächlich könnte man die Millionen sinnvoller ausgeben als für ein untaugliches Kontrollsystem – und Doping einfach freigeben. Oder nicht? Wer einmal einen Tag im Wohnzimmer eines staatlich anerkannten Dopingopfers verbracht hat, bekommt bei dieser gerne so dahingesagten Forderung einen Schauder. Dopingopfer trifft man oft in ihren Wohnzimmern an, sehr viel weiter tragen sie ihre kaputten Gelenke nicht mehr, oder sie sind dort ans Dialysegerät angeschlossen. Die Kollateralschäden des Medaillenwahns – alleine die DDR hat wohl mehrere Tausend hinterlassen. Wie vielen Sportlern wird der russische Medaillen-Staatsplan dereinst vorzeitig das Leben kosten? Das ist der viel zu wenig thematisierte Aspekt der gegenwärtigen olympischen Vertrauens-Krise, übrigens nicht nur in Russland. Wenn der instrumentalisierte Sport schon heute derart skrupellos seine Talente verheizt – wie ungezügelt würde gespritzt, wenn alle Grenzen fielen? Und wann ginge es los? Im Kindergarten? Nicht überall könnten Eltern sich dagegen wehren, dass Späher ihre Kinder als Goldhoffnungen ausmachen. Um es mal drastisch zu formulieren: Dopingfreigabe ist bloß ein anderes Wort für Beihilfe zu Mord und Massenverstümmelung“ (Catuogno, Claudio, Beihilfe zur Verstümmelung, in SZ 30.7.2016; Hervorhebung WZ).

1.8.2016
– Pechstein fordert Rücktritt von Bach

Die deutsche Eisschnellläuferin Claudia Pechstein kritisierte, dass die chinesische Geherin Liu Hong trotz eines positiven Tests am 7.5.2016 nur für einen Monat gesperrt wurde. „Auf ihrer Facebook-Seite kritisiert Pechstein, dass Liu Hong trotz eines positiven Dopingtests bei der Team-WM der Geher am 7. Mai in Rom für nur einen Monat gesperrt wurde und somit in Rio über 20 Kilometer starten darf. (…) Pechstein (.) forderte Bach auf: #Entweder Sie greifen durch und regeln das im Sinne der olympischen Idee und sperren die wirklichen Dopingsünder endlich weg, oder Sie übernehmen endlich mal Verantwortung und treten mit sofortiger Wirkung zurück.‘ Das von Bach verantwortete System habe ‚wieder komplett versagt und sorgt dafür, dass sich jeder normale Mensch abwendet‘, schrieb Pechstein“ (Pechstein fordert Bach zum Rücktritt auf, in spiegelonline 1.8.2016).

– Aus der Trickkiste des IOC: Stepanowas Sperre
Die olympische Farce um Julia Stepanowa geht in die Endrunde. Die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bleibt beim Verweigerungskurs ihres Präsidenten Thomas Bach, lässt die russische Whistleblowerin nicht für die Sommerspiele zu – und scheut, um dieses weltweit kritisierte Verdikt zu begründen, keine Peinlichkeit. Stepanowa hatte mit Angaben zum staatlich gesteuerten Dopingprogramm in Russland die Enthüllung der größten Leistungsbetrugsverschwörung seit dem Untergang der Ostblockstaaten ermöglicht, zum Dank schmetterte das IOC nun auch einen zweiten Startantrag der Läuferin ab. Darüber sei nicht mehr gesprochen worden, teilte ein IOC-Sprecher nach der ersten Vorstandssitzung am Samstag in Rio de Janeiro mit, die Sache sei ja schon am 24. Juli geregelt worden. (…) Das IOC unter dem deutschen Wirtschaftsanwalt Bach sprach der Athletin die „ethische“ Eignung für den Olympiastart ab. Schließlich habe Stepanowa einst selbst im russischen Systemdoping gesteckt. Applaus erhält Bach für die bizarre Linie vornehmlich von alten Gefolgsleuten wie Alfons Hörmann, dem Chef des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (DOSB). (…) Der jüngste Dreh des IOC zielt auf eine Art Formfehler ab: Die Athletin habe ja gar nicht nachgefragt, ob sie unter russischer Flagge starten dürfe. Warum dies notwendig wäre, wenn doch die Ethiker selbst ihr diese Frage stellten, und Stepanowa sie klar bejaht hat – das lässt das IOC im Dunkeln. Das legt den Schluss nahe, die Frage nach einem ROC-Start könne als Falle gestellt worden sein – in der Hoffnung, die Athletin werde hineintappen und auf einen neutralen Start pochen. Dies war dann auch der erste Anschein, der nach außen hin erweckt wurde – bis Stepanowa per Vorlage des Protokolls das Gegenteil darlegte.  (…) Der Fall Stepanowa ist ein reines Sport-Politikum. Kritiker rund um die Welt warnen vor dem verheerenden Signal, das das IOC mit der Bestrafung einer Whistleblowerin setzt, die mehr als jeder zuvor für die Aufdeckung von Pharmabetrug getan hat, und dafür seit Jahren ein Leben auf der Flucht führt. Während alle Zweifel daran schwinden, dass das IOC sein Verdikt durchziehen wird, rückt eine Frage dramatisch nach vorne: Warum tut es das, ohne jedes echte Argument, trotz des globalen Glaubwürdigkeitsverlustes – was zwingt den altgedienten Olympier Bach unter die Knute des Kreml?“ (Kistner, Thomas, Unter jeder Flagge unerwünscht, in SZ 1.8.2016; Hervorhebung WZ).

2.8.2016
– Russische Sportler klagen systematisch (I)

„Vier Tage vor dem Start der Olympischen Spiele in Rio wird das Nominierungs-Chaos immer größer. Nach den Schwimmern ziehen auch die russischen Gewichtheber vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas – die Ruderer kündigten den Schritt an. ‚Unsere Anwälte haben mit den Athleten eine Klage vereinbart, die wegen fehlender internationaler Dopingtests gesperrt wurden“, sagte der russische Ruder-Präsident Wenijamin But und erklärte: ‚Es ist eine Kollektiv-Klage von 17 Personen'“ (SID, Russische Klagewelle, in SZ 2.8.2016).

– Russische Sportler klagen systematisch (II)
„Russische Sportler aus mehreren Disziplinen wollen ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro gerichtlich durchsetzen. Drei Tage vor der Eröffnungsfeier ziehen nach den Schwimmern auch die russischen Gewichtheber vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas. (…) Der Ruder-Weltverband Fisa hatte zuvor hart durchgegriffen und nur sechs der insgesamt 28 russischen Ruderer das Startrecht für die Rio-Spiele erteilt. Der Cas bestätigte den Eingang der Klage noch nicht. Nach Bekanntwerden des McLaren-Berichts der Welt-Antidopingagentur Wada hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) angeordnet, dass alle Weltverbände ihre russischen Athleten erneut auf Verstöße gegen die Doping-Richtlinien überprüfen sollten“  (Russische Klagewelle rollt auf Olympia zu, in spiegelonline 2.8.2016). Auch die russischen Gewichtheber klagen. „Der Weltverband (IWF) hatte im Rahmen seiner Prüfung keinem der acht nominierten russischen Athletinnen und Athleten, drei Frauen und fünf Männern, eine Startberechtigung für Rio erteilt. Am Wochenende hatten sich mit Wladimir Morozow, Nikita Lobinzew sowie Julia Jefimowa drei russische Schwimmer juristisch gegen ihren Olympia-Ausschluss gewehrt. Russlands Sportminister Witali Mutko hatte die Klagewelle am Wochenende bereits angekündigt. ‚Wir sollten versuchen, unsere Athleten zu schützen‘, sagte Mutko, der auch alle ausgeschlossenen russischen Athleten aufforderte, vor Zivilgerichte zu ziehen und um ihr Recht zu kämpfen. (…) Ursprünglich hatten sich 387 russische Athleten für die ersten Sommerspiele in Südamerika qualifiziert. Nach der Streichung von 117 Sportlern zählt das russische Team derzeit 270 Athleten“ (Ebenda; Hervorhebung WZ).

– Pressekonferenz des IOC: Bach fechtet
Thomas Bach auf die Frage nach dem russischen Staatsdoping und ob er von Russland beeinflusst worden war: „‚No‘, rief Bach in den Saal, um einen forschen Tonfall bemüht. Dazu breitete der deutsche Spitzenfunktionär seine Sicht auf die Problematik aus, die schwer auf den Spielen lastet. Niemals, sagt am Sonntag der Alterspräsident des IOC, Richard Pound, habe er den Ringe-Zirkel in größerer Erklärungsnot erlebt zu dem Thema schlechthin: Integrität. (…) Bach war Fechter. Er hat stets hinter der Maske gekämpft; täuschen, fintieren, jäh zustechen gehört hier zum Repertoire. Aber selbst der Wirtschaftsadvokat, dessen Spezialität es ist, entschlossen für eine Sache zu sein und zugleich strikt dagegen, verheddert sich nun in den eigenen Argumentationssträngen. Am Ende klingen seine Ausflüchte zur Behandlung der Staatsdoping-Causa Russland wie ein wirrer Aufruf pro Staatsdoping. ‚Sobald die Fackel brennt, ist alles gut. Dann regieren nur die bunten Bilder‘, sagt einer, der die Abläufe seit Dekaden kennt. Bis dahin muss das Thema Staatsdoping ausgeblendet werden. Es beherrscht die Welt – in Rio steht es nicht mal auf der Agenda der IOC-Session, die ab Dienstag tagt. (…) Immer mehr Probleme erinnern an die untergehende Samaranch-Ära. Distanzierung wird spürbar in Teilen der Bewegung. Es rumort in den Athletenvertretungen des IOC und der Wada, die Frage ist, ob sie vor der Eröffnung noch eine Positionierung wagen. Auch in Hinblick auf die Whistleblowerin Julia Stepanowa, die echten olympischen Heldengeist bewiesen hatte, als sie über das russische Doping auspackte und dafür ihre Heimat verlassen musste. Und die jetzt nicht starten darf, weil ihr nach Einschätzung des Bach-Gremiums die ‚ethische‘ Eignung fehlt“ (Kistner, Thomas, Hinter der Maske, in SZ 2.8.2016).

3.8.2016
– Jens Weinreich zur Bach-Taktik

„Irgendwann an diesem Tag wollte Thomas Bach Einigkeit sehen, und natürlich bekam der IOC-Präsident, was er wollte. Bei der Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees in Barra da Tijuca in Rio hoben von den 84 anwesenden Mitgliedern die allerallermeisten ihre Hände, als Bach um Zustimmung zu den IOC-Entscheidungen in Bezug auf das russische Dopingsystem ersuchte. Nur einer widersprach: der Brite Adam Pengilly. (…) Die Abstimmung war ein ganz klassisches Vorgehen des Thomas Bach. Erst hatte er erneut die Verantwortung des IOC zurückgewiesen und den schwarzen Peter einmal mehr der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada zugeschoben. Dann bekam das dienstälteste IOC-Mitglied, Richard Pound aus Kanada, wie so oft eine verbale Breitseite ab. Pound hatte vor wenigen Wochen den Ausschluss des gesamten russischen Olympiateams als ’nukleare Option‘ bezeichnet. Bach nannte Pounds Vergleich wiederum ‚unangemessen‘. (…) Im Verlauf der knapp zweistündigen Diskussion zur Dopingthematik hatten einige Mitglieder in selten erlebter Schärfe die Wada attackiert. Allesamt gehören sie dem Lager des IOC-Präsidenten an, darunter waren zum Beispiel Gerardo Werthein (Argentinien) oder Alex Gilady (Israel). Alexander Schukow erneuerte indes seine unbelegte Behauptung, Russland sei Opfer einer internationalen politischen Kampagne. Der 60-jährige Präsident des Nationalen Russischen Komitees ist Chef der Koordinierungskommission für die Winterspiele 2022 in Peking. Er wurde von Bach ernannt. (…) Die IOC-Führung hat die Fachverbände, von denen einige unter russischem Einfluss stehen, mit einem offensichtlichen Zeitspiel in noch größere Nöte manövriert. Dazu zählt letztlich auch der intransparente Umgang mit mehreren Wellen von Nachtests olympischer Dopingproben aus Peking (2008) und London (2012). Einige Verbände kritisierten das vehement. IOC-Sprecher Mark Adams musste sich am Dienstag entsprechenden Fragen stellen – und konnte die Vorwürfe nicht entkräften“ (Weinreich, Jens, Wada was? in spiegelonline 3.8.2016).

– Der frühere Wada-Präsident Richard Pound im Interview mit Thomas Kistner
Pound zum russischen Staatsdoping: „Wir haben ja damals nur in die Leichtathletik geschaut und dort ein organisiertes, staatlich unterstütztes System-Doping gefunden. Wir wussten auch, dass Mitarbeiter des FSB (russischer Geheimdienst; d. Red.) in den Kontroll-Laboren in Moskau und Sotschi zugegen waren. Wir wussten aber natürlich zu der Zeit noch nicht, was die dort genau gemacht haben, was das zu bedeuten hatte. (…) In diesem staatlich gesteuerten Betrug war doch alles drin. Ein Vize-Sportminister, der persönlich durch die Liste der positiv getesteten Sportler geht und entscheidet, der hier und der da muss ‚gesichert‘ werden – und dann verschwinden diese Dopingfälle einfach. Das hat ganz perfekt funktioniert, für viele nationalen Athleten, bei Trainings- und bei Wettkampfkontrollen. Es konnte aber so nicht mehr in Sotschi (bei den Winterspielen 2014; d. Red.) gemacht werden, weil dort zusätzliche Spezialisten aus aller Welt zugegen waren. Die hätten es bemerkt, wenn dieses Prinzip des Verschwindenlassens von positiven Tests einfach so fortgesetzt worden wäre. Also mussten sie etwas Neues erfinden. Und das war dann der komplette Austausch von Urin. Dass Probenfläschchen geöffnet wurde.“ – Pound auf die Frage Kistners, warum IOC-Präsident Thomas Bach wie der verlängerte Arm von Wladimir Putin wirkt: „Ich habe keine Ahnung, und ich will nicht spekulieren. Aber das ist ja das Frustrierende. Bach kam erst mit der Nulltoleranz. Nach dem McLaren-Report hat er gesagt, da brauche es ganz extreme Sanktionen. Aber jetzt sieht es so aus, als sei alles schon vor der Exekutivsitzung aufgestellt worden. Die fing Sonntagmorgen gegen 10 Uhr an und endete gegen 13 Uhr. Und wenig später wurden bereits sehr präzise, juristisch saubere 13 Seiten dazu vorgelegt.“ – Pound zum Umgang mit der Whistleblowerin Julia Stepanowa: „Ich finde das beunruhigend. Der Umgang mit Stepanowa verstärkt noch den Riesendruck. Nach dem Wada-Code darf sie starten, und der Leichtathletik-Weltverband IAAF hat sie ja in Amsterdam bereits laufen lassen.“ (Alle Zitate: Kistner, Thomas, „Es sieht so aus, als sei alles vorab aufgestellt gewesen“, in SZ 3.8.2016).

IOC: Wada ist schuld
Wada-Präsident Craig Reedie hat die Forderungen von IOC-Chef Thomas Bach nach einer weitreichenden Neugestaltung des weltweiten Anti-Doping-Kampfes und der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) akzeptiert. Ein wichtiger Schritt dafür soll eine außerordentliche Wada-Konferenz im kommenden Jahr sein, auf der die Reformen diskutiert werden. (…) Der Wada-Vorsitzende hatte sich auf der IOC-Vollversammlung viel Kritik anhören müssen. Vor allem bemängelten die IOC-Mitglieder, dass die Agentur Hinweisen auf Staatsdoping in Russland durch das Whistleblower-Ehepaar Stepanow zu spät nachgegangen sei. Nämlich erst, als es bei der ARD auspackte. „Wir müssen den Prozess mit den Whistleblowern verbessern“, sagte Reedie. Auch dafür habe man den deutschen Chefermittler Günter Younger zum 3. Oktober eingestellt“ (Wada-Chef Reedie kündigt Verbesserungen an, in spiegelonline 3.8.2016).

4.8.2016
– Thomas Kistner über die IOC-Session in Rio:

„Es sind raue Zeiten im Olymp, der konsequent servile Umgang mit staatlich organisiertem Doping im Sportreich Wladimir Putins hat das IOC in den Brennpunkt internationaler Kritik gerückt. Zwei Ermittler- Stäbe im Auftrag der Wada hatten ein ministeriell gelenktes Betrugssystem aufgedeckt. Der jüngste Report des kanadischen Juristen Richard McLaren, vorgelegt Mitte Juli, zeichnet ‚jenseits allen Zweifels‘ nach, wie der Staat als Schaltzentrale des Betrugs fungierte. Der (beurlaubte) Vize-Sportminister Juri Nagornik pickte demnach persönlich die Sportler heraus, die es zu schützen galt; positive Proben wurden vernichtet. Insgesamt, schält sich bei den anhaltenden Ermittlungen heraus, dürften bis zu 9000 Proben zerstört worden sein. (…) Die diabolische Meisterleistung brachte nach Aktenlage Dutzende ausländischer Athleten um ihre Medaillen und zerstörte die Integrität des höchsten olympischen Gutes, des fairen Wettkampfs. Das IOC honorierte sie mit einer Geste für Putin: Russlands Helden werden nicht kollektiv ausgeladen. Nur die Leichtathleten waren nicht mehr zu retten, der Weltverband IAAF hatte sie schon im Juni komplett für Rio gesperrt – der Sportgerichtshof Cas hatte das Verdikt abgesegnet. So formierte sich zum Sessionsauftakt Bachs olympische Wagenburg. Erst wetterte der russische IOC-Mann Alexander Shukow gegen die Wada, am Ende lobte Bach ‚eine sehr gute Debatte‘ – dazwischen besang ein gemischter Chor aus Mitgliedern von Monaco bis Nordkorea die Weisheit des Präsidenten und seiner Exekutive. (…) Als Bach den Beschluss seiner Exekutive für einen Start der russischen Sportler nach einer Einzelfallprüfung absegnen ließ, die gar nicht seriös zu leisten ist, votierte nur der englische Athletenvertreter Adam Pingally dagegen. Die Bühne der IOC-Session gehörte den Russen. NOK-Chef Shukow ratterte vom Papier eine Brandrede runter, die Arme verschränkt auf den Tisch gepresst wie ein Sturkopf, der seine Suppe nicht essen will. Der Vortrag folgte streng der olympischen Null-Toleranz-Rhetorik zum Pharmabetrug: Erst hielt er fest, dass Doping etwas Entsetzliches sei und dringend bekämpft gehöre, Russland wolle voll mitziehen und Sünder ‚hart bestrafen‘. Dann der Umkehrschwung: Systemdoping? Die russische Anti-Doping-Agentur Rusada, die ihr langjähriger Leiter Grigori Rodschenko als Kronzeuge des McLaren-Reports als Schummel-Zentrale auffliegen ließ, kann es ja nicht gewesen sein, insinuierte der Russe listig. Denn: ‚Die Arbeit der Rusada wurde ständig international überwacht. Die Wada lobte sie für Sotschi sogar als beispielhaft!’“ (Kistner, Thomas, Diese Suppe ess‘ ich nicht, in SZ 4.4.2016; Hervorhebung WZ).

Daniel Gehrmann in nzz.ch: „Der Wille zu einem kompromisslosen Kampf gegen das Doping ist sehr gering. (…) Wie halbherzig der Kampf gegen Doping ist, verdeutlicht die Summe, die das IOK der Wada zur Verfügung stellt. 2014 waren es 13,3 Millionen Dollar. Das entspricht gerade einmal 0,17 Prozent der über 8 Milliarden Dollar Einnahmen, die das IOK im vergangenen Vierjahreszyklus mit den Spielen eingenommen hat“  (Gehrmann, Daniel, Thomas Bach in Erklärungsnot, in nzz.ch 4.8.2016).

5.8.2016
– Statt 389 nun 271 Russen

„Russlands Olympiamannschaft kann 271 Sportler bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro an den Start schicken. Kurz vor der Eröffnungsfeier gab das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Liste der für sauber erklärten Sportler bekannt. In einer Erklärung des IOC heißt es: ‚271 der ursprünglich 389 Athleten auf der Liste des Russischen Nationalen Olympischen Komitees werden die Mannschaft bilden.‘ Das russische IOC-Mitglied Alexander Schukow – auch Präsident des Nationalen Olympischen Komitees – hatte die Zahl schon zuvor publik gemacht. (…) Klar war zumindest, dass der Cas den Ausschluss von früher gedopten russischen Athleten von den Spielen als ’nicht durchsetzbar‘ ablehnt, wie es in einer Mitteilung heißt. Damit gab das Gericht der russischen Schwimm-Weltmeisterin Julia Jefimowa und den beiden Ruderern Anastasia Karabelschikowa und Iwan Podschiwalow teilweise recht. Sie hatten Einspruch gegen diese Doppelbestrafung eingelegt: Die drei Athleten waren in der Vergangenheit wegen Dopings gesperrt worden, haben diese Strafen aber bereits verbüßt. Nun dürfen sie auf eine Olympiateilnahme hoffen. Wer darüber letztlich entscheidet, blieb nach der Cas-Mitteilung aber zunächst offen“ (Russland darf mit 271 Athleten in Rio antreten, in spiegelonline 5.8.2016).

Russen rein, Stepanowa raus – oder rein
„Die Whistleblowerin Julia Stepanowa kann wieder auf einen Start bei den Olympischen Spielen hoffen. Der Internationale Sportgerichtshof Cas hat den Ausschluss von früher gedopten russischen Athleten von dem Wettbewerb in Rio als ’nicht durchsetzbar‘ abgelehnt. Das teilte der Cas mit. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte im russischen Dopingskandal nicht nur entschieden, dass die internationalen Sportfachverbände jeden nominierten Sportler aus Russland überprüfen sollen. Vielmehr hatte das IOC auch verfügt, dass ehemals gedopten Russen ein Start bei den Sommerspielen verweigert wird. Mit dieser Begründung hatte das IOC auch einen Start der russischen Doping-Kronzeugin und 800-Meter-Läuferin Stepanowa in Rio verweigert. Allerdings müsste die 30 Jahre alte Leichtathletin ebenfalls vor dem Ad-hoc-Gericht des Cas in Rio de Janeiro Klage einreichen. Stepanowa hatte ein systematisches Doping in Russland aufgedeckt. Daraufhin schloss der Weltverband IAAF die Leichtathleten Russlands komplett von den Spielen in Rio aus. Die IAAF hatte aber das IOC gebeten, Stepanowa wegen ihrer Verdienste im Kampf gegen Doping in Rio starten zu lassen. (…) Experten hatten eine entsprechende Entscheidung des Cas erwartet. Der Sportgerichtshof hatte nämlich schon die sogenannte Osaka-Regel des IOC 2011 für nicht rechtmäßig erklärt. Die Regel sah vor, dass Doping-Sünder automatisch von den nächsten Olympischen Spielen ausgeschlossen werden und damit doppelt bestraft werden“ (Whistleblowerin Stepanowa mit Olympia-Startchance, in spiegelonline 5.8.2016).

– Richard McLaren gegen IOC
„Doping-Ermittler Richard McLaren kritisierte das Vorgehen und warf dem IOC eine Verfälschung der Ergebnisse seines Berichts über organisierten Sportbetrug in Russland vor. ‚Die Leute haben missverstanden, was in dem Report war, besonders das IOC und die internationalen Verbände‘, sagte er der britischen Zeitung Guardian. Sein Bericht habe nicht zum Ziel gehabt, die Dopingvergehen einzelner Athleten nachzuweisen“ (DPA, Russland mit 271 Sportlern, in SZ 5.8.2016).

– Der Ringe-Clan klatscht
„Nun treten Russlands Athleten unter den Nationalfarben an, obwohl Drahtzieher aus dem Kreml Beamte und Geheimagenten, Wissenschaftler und Funktionäre für ein ’nie dagewesenes Ausmaß an Betrug‘ eingespannt hatten – so hat IOC-Chef Bach im ersten Schock die Beweislage kommentiert, die ein Report der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada im Juli ans Licht brachte. Aber Wladimir Putin sieht das anders, und Bach jetzt auch. Er hat sein Entsetzen über ein beispielloses Kriminalstück problemlos runtergefahren. (…) Der Kongress springt auf und tanzt, wenn die Funktionäre aus Sportfreund Putins Reich in die Hände klatschen. Wie naiv ist es da zu glauben, dass ein Staat, der mit geheimdienstlicher Akribie 2014 in Sotschi ein Olympiafest fälschte, nicht auch über die wesentlichen politischen Vorgänge in der Sportwelt informiert ist? Hier liegt wohl die Erklärung für die servile Haltung des IOC zum Russland-Doping. (…) Während die Spitzenkräfte des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), die einst ja von Bach selbst dorthin befördert wurden, besinnungslos in der Spur des Patrons laufen, gehen Athleten, Politiker, die Öffentlichkeit und sogar Teile des organisierten Sports auf Distanz. Die Deutsche Olympische Gesellschaft (DOG) wirft Bach vor, er habe die Vorbildfunktion des Sports beschädigt, die Auswirkung sei gar nicht abzusehen. In Hans-Wilhelm Gäb gab einer der renommiertesten Funktionäre des Landes den olympischen Orden zurück. Eine deutsche Initiative pro Stepanowa überschritt die Grenze von 250 000 Stimmen am Tag, bevor das Feuer brannte“ (Kistner, Thomas, Gegen den Ringe-Clan, in SZ 5.8.2016).

– Holger Gertz zur Eröffnung von Rio 2018 – mit russischer Mannschaft
„Es gibt eine Debatte um Verantwortlichkeiten und Eckpunkte im Regelwerk, die von Fachleuten mit großer Sorgfalt seziert wird. Beim oberflächlicher zuschauenden Publikum, jedenfalls im freien Teil der Welt, vollendet sich das Bild eines Leistungssports, dessen mächtigste Funktionäre endgültig auf die dunkle Seite gewechselt sind. Die großen Turniere sind getötet worden, es riecht nach Verwesung und schlechten Menschen. (…) Die Opening Ceremonies berichten vom Zustand der Welt. Wenn keiner boykottiert, ist das ein gutes Zeichen. In diesem Fall wäre das Fehlen von Russland ein starkes Zeichen gewesen, ein Symbol dafür, dass das IOC bereit gewesen wäre, es sich mit Putin zu verscherzen und für die eigenen Werte geradezustehen“ (Gertz, Holger, Die Bildermacher, in SZ 5.8.2016).

6.8.2016
– Neue Schweizer Doping-Verpackung

„Bei den Dopingkontrollen während der Olympischen Spiele in Rio kommen neue Proben-Behälter zum Einsatz. Die Flaschen eines Schweizer Herstellers sollen mit zusätzlichen Sicherheitsmerkmalen Manipulationen und Fälschungen verhindern. So soll beispielsweise das illegale Öffnen der Urin-Proben mit ‚hundertprozentiger Sicherheit‘ nachgewiesen werden können, heißt es“ (SID, Neue Dopingproben-Behälter, in SZ 6.8.2016).

20.8.2016
– Coe mit Tod bedroht

„Leichtathletik-Boss Sebastian Coe hat nach dem Olympia-Ausschluss der russischen Leichtathleten Morddrohungen erhalten. Entsprechende Medienberichte bestätigte der 59 Jahre alte Brite in einem Interview der ‚New York Times‘. Allerdings wollte sich der Präsident des Weltverbandes IAAF nicht näher dazu äußern. Die Morddrohungen seien in russischer Sprache gekommen, schrieb die NYT“ (Coe wurde mit dem Tod bedroht, in spiegelonline 20.8.2016).

17.9.2016
– Russische Retourkutsche

Die russische Botschaft in London „veröffentlichte am Dienstag auf Twitter eine Karikatur, wenige Stunden, nachdem Hacker vertrauliche Daten über vermeintlich dopende US-Sportler ins Internet getragen hatten. Auf der Karikatur zieht eine Olympia-Delegation ins Stadion, die Taschen vollgestopft mit Dollars. Vor ihnen trottet ein Fahnenträger der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) her, statt einer Flagge präsentiert er verseuchte Dopingproben. Wada-Ermittler hatten zuletzt im russischen Sportreich ein gigantisches Betrugsnest ausgehoben, vielen Athleten wurden die Reisepapiere für Olympia verweigert. Und die gleiche Strafverfolgungsbehörde des Sports, das war nun die Botschaft der russischen Diplomaten, paktiere mit dopenden Westsportlern. Pfui!“ (Knuth, Johannes, Hinter der Schweigemauer, in SZ 17.9.2016).

25.10.2016
– Stipendium von Bach
Thomas Bach will der russischen Whistleblowerin Julia Stepanowa ein Stipendium gewähren und ihrem Mann Witali Stepanow ein Amt als Anti-Doping-Berater einräumen. Das IOC bestätigte am Montag den Sachverhalt, über den der Branchendienstes insidethegames.biz berichtet hatte. Die Stepanows zeigten sich erleichtert über die Ergebnisse des Treffens. ‚Wir sind sehr froh, dass wir jetzt in der Lage sind, Doping weiter zu bekämpfen und unsere Erfahrungen in Russland und als Whistleblower mit einzubringen’“, sagte Stepanow insidethegames.biz“ (SID, Stipendium für Stepanowa, in SZ 25.10.2016).
Dazu Johannes Knuth in der SZ: „Das IOC doziert gerne über Ethik, Fairness, Erziehung. In Wahrheit ist es längst derart weit von diesen Werten abgerückt, dass es sie nicht mal mehr mit dem Fernglas erspähen kann. Jetzt weht also die Kunde herein, dass Bach Stepanowa und ihren Ehemann Witali unterstützen will. Ein Stipendium für die 800-Meter-Läuferin, ein Beraterjob im Anti-Doping-Ressort des IOC für Witali, der sich in Russlands Anti-Doping-Behörde einst gegen die Korruption stemmte. Klingt gut. Kommt leider ungefähr zwei Jahre zu spät. Damals hatten die Stepanows in der ARD erstmals Beweise für den Systemschwindel vorgelegt. Die Welt-Anti-Doping-Agentur und der Leichtathletik-Weltverband IAAF gaben sich entsetzt, die Stepanows aber wurden ignoriert. (…) Und das IOC? Schlug sich auf die Seite des Kremls; Russland sieht in Stepanowa eine Verräterin, bis heute. (…) Dass Bach sich erst jetzt diskret mit den Stepanows trifft, da seine Umfragewerte im Keller und die Scheinwerfer des olympischen Theaters ausgeknipst sind – dafür hat sich das IOC nachträglich auch eine Medaille verdient: Gold in der Disziplin Heuchelei“ (Knuth, Johannes, Gold im Heucheln, in SZ 25.10.2016).

– Russische Siebenkämpferin gesperrt
Der Cas hat die Sperre von drei Jahren und acht Monaten gegen Tatjana Tschernowa wegen Blutdoping am 18.7.2017 bestätigt. In einer Probe von Tschernowa wurde das Anabolikum Turinabol nachgewiesen (SID, Tschernowa gesperrt, in SZ 19.7.2017).

Ab jetzt: Rio 2016 und Doping

Quellen:
Aumüller, Johannes
– Radikale Lösung auf dem Tisch, in SZ 20.6.2016
– Schlupflöcher für Russland, in SZ 22.6.2016
– Eine Frage der Nachtests, in SZ 24.6.2016
Aumüller, Johannes
– Kistner, Thomas, Das Leiden der Kronzeugen in SZ 23.6.2016
– Der Sumpf und seine Untiefen, in SZ 25.6.2016
Catuogno, Claudio, Ein Scheunentor als Hintertür, in SZ 20.6.2016
DPA
Cas eröffnet Verfahren, in SZ 5.7.2016a
– Vorwürfe gegen Rodschenkow, in SZ 5.7.2016b
Dudek, Thomas, Russland gibt nicht auf, in spiegelonline 17.6.2016
Eberle, Lukas, Schirokow, Wladimir, „Tödlicher Schlag“, in Der Spiegel 26/25.6.2016
Kistner, Thomas, Im Schutz der Familie, in SZ 18.6.2016
Knuth, Johannes
– Lackieren genügt nicht, in SZ 17.6.2016
– Ein Schlupfloch für Rio, in SZ 18.6.2016
– Darauf einen Steroid-Mix, in SZ 22.6.2016
– Bedrohte Familie, in SZ 8.6.2016
Peschke, Sara, Bloss ein Anfang, in nzz.ch 17.6.2016
Ruiz, Rebecca, Macur, Juliet, Austen, Ian, Even Wth Confession of Cheating World’s Doping Watchdog Did Nothing, in nytimes.com 15.6.2016
Russische Leichtathleten wollen gegen Olympia-Sperre vorgehen, in spiegelonline 21.6.2016
Russland ermittelt gegen Whistleblower Rodtschenkow, in spiegelonline 18.6.2016
Vier Gold-Gewinner gedopt, in SZ 17.6.2016
Weinreich, Jens
– Ein Feiertag für den Sport, in spiegelonline 17.6.2016
– Gesamtes russisches Olympia-Team soll auf den Prüfstand, in spiegelonline 18.6.2016
– Russlands Sportler zittern, in spiegelonline 21.6.2016a
– Ein fauler Kompromiss, in spiegelonline 21.6.2016b
Weltverband lässt Stepanowa bei Leichtathletik-EM starten, in spiegelonline 1.7.2016
Weltverband sperrt russische Leichtathleten für Olympische Spiele, in spiegelonline 17.6.2016

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