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Okt 202015
 
Zuletzt geändert am 02.07.2017 @ 14:54

21.10.2015, aktualisiert 2.7.2017

Gliederung:
Intro * 1. Fifa-Exekutivmitglieder * 2. Die deutschen Beteiligten * 2.1. Das deutsche Organisationskomitee * 2.2. Weitere deutsche Beteiligte * 2.3. Die deutsche Industrie * 3. Die Wahl * 3.1. Die Bestechungs-Historie * 3.2. Robert Louis-Dreyfus * 4. Fazit * 5. Der DFB und die Freshfields-Ermittlungen

Intro
Über die Vergabe der Fußball-WM 2006, die – offenbar unter dubiosen Umständen – nach Deutschland ging (das Märchen vom „Sommermärchen“), stimmten die Fifa-Exekutivmitglieder am 6.7.2000 in Zürich ab. Die meisten Mitglieder dieses Fifa-Exekutivkomitees sind inzwischen unter Korruptionsverdacht oder von der Fifa selbst gesperrt worden. Ihr (sicher nicht vollständiger) Werdegang findet sich unter 1. Die Verbindungen zu deutschen Sportfunktionären, zu ungewöhnlichen Fußballbegegnungen und zur deutschen Industrie stehen unter 2. Die Wahl am 6.7.2000 steht unter 3., ebenso die Rolle von Robert Louis-Dreyfus und ein Fazit unter 4.

1. Fifa-Exekutivkomitee-Mitglieder

Sepp Blatter, Präsident, Schweiz
Seit 1975 ist Blatter auf Initiative von Horst Dassler (Adidas) in hohen Ämtern in der Fifa, ab 1998 als Präsident. Im Oktober 2015 wurde er für 90 Tage von der Fifa gesperrt, im Dezember 2015 für acht Jahre gesperrt, im Februar 2016  wurde die Sperre auf sechs Jahre reduziert.

Europa
Michel d’Hooghe, Belgien
Seit 1988 Mitglied der Fifa-Exekutive. Die Fifa-Ethikkommission ermittelt gegen den belgischen Fifa-Chefmediziner, weil dessen Söhne Laurant und Pieter für Firmen in Katar arbeiten (Weinreich 21.9.2015). Vorwürfe wegen WM-Vergaben 2018 und 2022 (Hofmann u. a. 23.12.2015).
Senes Erzik, Türkei: „Vertreter des problembelasteten türkischen Fußballs, gilt in den Fifa-Affären als unbescholten“ (Hofmann u. a. 23.12.2015).
Lennart Johannson, Schweden
Antonio Matarrese, Italien

War gerade als Uefa-Vize abgewählt, bekam vor der WM-Wahl 2000 einen Beraterposten (Kistner 15.7.2000).
Joseph Mifsud, Malta
Inszenierte am 12.1.2001 ein Fußballspiel von FC Bayern gegen Malta (3:1). TV-Vertrag mit Leo Kirch, Zahlung auf Treuhandkonto, eine Summe von 250.000 Dollar wird erwähnt (Jakobs, Kistner, Ott 22.4.2003; Dahlkamp u. a. 17.10.2015).
Peer Ravn Omdal, Norwegen
Ángel María Villar Llona, Spanien

seit Jahrzehnten in hohen Fifa- und Uefa-Ämtern. Der Präsident der spanischen Profiliga, Javier Tebas: „Die Mehrheit des Fifa-Exekutivkomitees ist im Gefängnis oder suspendiert. Villar muss entweder sehr klug oder sehr dumm sein, um nichts bemerkt zu haben“ (sports.yahoo.com 16.10.2015). – „Zum anderen ist der Sesselkleber Villar umstritten und schon lange auf dem Radar der Ethikkommission“ (Birrer 18.120.2015). Die Fifa-Ethikkommission ermittelt gegen Villar, da er nicht mit dem Fifa-Chefermittler Michael Garcia kooperiert hat. „Neben der Causa Beckenbauer ist sein Fall der Einzige, den die Untersuchungskammer abgeschlossen und der rechtssprechenden Kammer vorgelegt hat“ (Aumüller, Kistner 22.10.2015). Im November 2015 im Zusammenhang mit den WM-Vergaben 2018 und 2022 verwarnt und zu 23.000 Euro Geldstrafe verurteilt (Hofmann u. a. 23.12.2015).
David Will, Schottland

Afrika
Ismael Bhamjee, Botswana

Bhamjee musste 2006 im Gefolge eines Ticketskandals bei der WM 2006 in Deutschland von allen Fußballämtern zurücktreten (BBC.co.uk 20.8.2006). „Während der WM 2006 in Deutschland wurde er als hoher FIFA-Vertreter seines Amtes enthoben und musste Deutschland verlassen. In einem Frankfurter Lokal hatte er einem Reporter überteuerte Tickets, insgesamt rund zwölf Stück, angeboten. Sie waren um rund zweihundert Dollar teurer als der Festpreis“ (Wikipedia). Von der Fifa-Ethikkommission 2010 für vier Jahre gesperrt (fifa.com 18.11.2010).
Amadou Diakite, Mali
Von der Fifa-Ethikkommission 2010 für drei Jahre wegen der Vergabe der Fußball-WM 2018 an Russland und 2022 Katar gesperrt (fifa.com 18.11.2010). Diakite soll der Sunday Times gesagt haben, dass ihm und Amos Adamu aus Nigeria 1 bis 1,2 Millionen Dollar für ihre Stimmen zugunsten von Katar angeboten wurde (bbc.com 18.10.2011).
Issa Hayatou, Kamerun
seit Jahrzehnten hochbelastet; siehe hier. Vom IOC wegen Bestechlichkeit abgemahnt. „Weist Vorwürfe zurück, für seine Stimme bei der WM-Vergabe nach Katar Schmiergeld erhalten zu haben“ (Hofmann u. a. 23.12.2015). Interims-Fifa-Präsident nach Blatters Rücktritt im Juni 2015. – „Von April bis Dezember 2000 stellten der DFB und sein Hauptsponsor Mercedes-Benz dem Afrika-Verband über den Verleiher Avis zwei Mercedes-Limousinen der E-Klasse vor die Tür. Auf der Rechnung, knapp 30.000 Euro pro Wagen, stand in Handschrift ganz schlicht – und aus heutiger Sicht ganz schlecht – der Verwendungszweck: ‚WM 2006′“ (Buschmann u. a. 3.5.2016).
Slim Aloulou, Tunesien
FC Bayern spielte am 17.1.2001 in Tunesien (2:0). TV-Vertrag mit Leo Kirch. In den wahrscheinlichen Stimmenkauf für Russland 2018 und Katar 2022 verwickelt. (AP 15.1.2015). Von der Fifa-Ethikkommission 2010 für zwei Jahre gesperrt (fifa.com 18.11.2010).

Asien
Chung Moon-jong, Südkorea
Gerade von der Fifa auf sechs Jahre gesperrt mit einer Geldstrafe von 100.000 Schweizer Franken (Aumüller, Kistner 22.10.2015). Chung ist sechster Sohn des Gründers vom Autokonzern Hyundai. DaimlerChrysler stieg im Juni 2000 mit 428 Millionen Dollar bei Hyundai ein (Kistner 15.7.2000; Dahlkamp u. a. 17.10.2015). Die Bayer AG erwarb den südkoreanischen Kunststoffplatten-Hersteller Sewon Enterprises und stellte Großinvestitionen in Aussicht. BASF kündigte vor der Wahl am 6.7.2000 Investitionen in Südkorea in Höhe von 800 Millionen Mark an (Ebenda). Hyundai war 2006 offizieller Fifa-Sponsor bei der WM in Deutschland. Wurde im Oktober 2015 von der Fifa-Ethikkommission für sechs Jahre gesperrt.
Abdullah Khalid Al Dabal, Saudi-Arabien
Der Bundessicherheitsrat beschloss am 28.9.2000 die Lieferung von 1200 Panzerfäusten nach Saudi-Arabien (Kistner 15.7.2000).
Mohamed Bin Hammam, Katar
Soll maßgeblich an der Vergabe der Fußball-WM 2022 an Katar beteiligt gewesen sein. Wollte im Mai 2011 gegen Fifa-Präsident Blatter kandidieren, wurde der Korruption angeklagt. Die FIFA sperrte ihn zunächst am 23. Juli 2011. „Am 17. Dezember 2012 wurde beschlossen, ihn lebenslang zu sperren. Daraufhin trat bin Hammam von allen seinen Ämtern zurück“ (Wikipedia).
Worawi Makudi, Thailand
Siemens kündigte Investitionen in Thailand in Höhe von 2,5 Milliarden Mark bei der Wafer-Produktion an (Kistner 15.7.2000). Makudi hatte gut dotierte Freundschaftsspiele seines Thai-Teams gegen den FC Bayern (3.6.2000) und die deutsche Nationalmannschaft. „Die Zahlung an den Thailänder kam damals angeblich von einer Firma des verstorbenen Medienmächtigen Leo Kirch“ (spiegelonline 4.6.2015). „Seine Frau verkaufte plötzlich in Thailand Autos des DFB-Hauptsponsors Mercedes-Benz“ (Buschmann u. a., 5.3.2016). – „Mehr Fragen warf seinerzeit der Umstand auf, dass er zu Hause in Bangkok plötzlich Mercedes-Autos vertrieb. (…) Makudi soll WM-Fernsehverträge für seine Region zu Dumpingpreisen erhalten haben“ (Kistner 13.10.2015). Hat Privatgrund in seiner Heimatregion für 860.000 Dollar über das Fifa-Entwicklungshilfe-Projekt Goal verkauft (Ebenda). Die Fifa-Ethikkommission ermittelte gegen Makudi, da Thailand kurz vor dem WM-Votum 2022 ein Gasgeschäft mit Katar abgeschlossen hat. „Makudi, der stets alle Vorwürfe zurückwies, gilt als Jack Warner Südostasiens“ (Hofmann u. a. 23.12.2015). Im Oktober 2015 wurde er für zunächst 90 Tage von der Fifa gesperrt. „Die Fifa-Disziplinarkommission befand, dass Worawi Makudi in dieser Zeit weiter für den FAT tätig war (…) und sperrte ihn deshalb für drei Monate für sämtliche nationalen und internationalen Fußballtätigkeiten“ (fifa.com 22.2.2016; FAT: Football Association of Thailand; WZ).
Nachtrag Oktober 2016: Makudi wurde von der Fifa-Ethikkommission für fünf Jahre gesperrt und zu 10.000 Franken Geldstrafe verurteilt; er hatte Statuten in seinem Landesverband eigenmächtig geändert (Fifa  sperrt Funktionär Makudi für fünf Jahre, in spiegelonline 18.10.2016).

Nord- und Zentralamerika/Karibik
Chuck Blazer, USA
„Im Juni 2015 wurde bekannt, dass Blazer gegenüber US-Ermittlungsbehörden die Annahme von Schmiergeldern zugegeben hat. Im Juli 2015 sperrte die FIFA-Ethikkommission Blazer lebenslang. Blazer hatte mit dem in viele Skandale verwickelten karibischen Fußballfunktionär Jack Austin Warner über zwei Jahrzehnte die Nord- und Zentralamerikanische und karibische Fußballkonföderation CONCACAF geführt und dabei Millionen Dollar für sich abgezweigt. Zu dieser Zeit erhielt er den Beinamen ‚Mister 10 Prozent’, was dem Anteil entsprach, den er für sich privat abschöpfte. Als 2011 das Federal Bureau of Investigation und der Internal Revenue Service wegen Veruntreuung hoher Beträge gegen ihn ermittelten, erklärte er sich bereit, seine Kollegen, Kunden und Geschäftspartner auszuspionieren“ (Wikipedia). Im Juli 2015 lebenslang von der Fifa gesperrt.
David Isaac Sasso-Sasso, Costa-Rica
Jack Warner, Trinidad & Tobago

Bekam TV-Rechte von Sepp Blatter zu Spottpreisen, sicherte ihm im Gegenzug die Stimmen. Ende Mai 2011 mussten sich Warner und Mohamed bin Hammam wegen Bestechungsvorwürfen vor der Ethik-Kommission des Weltverbandes verantworten. Warner stand im Verdacht, den Ethik-Code der FIFA verletzt zu haben; er und bin Hammam wurden vorläufig suspendiert. Sie sollen gegen den Ethikcode der FIFA verstoßen haben, indem sie beim Treffen der Karibischen Fußball-Union versucht haben sollen, für die Wahl bin Hammams zum FIFA-Präsidenten Stimmen zu kaufen. Im Juni 2011 ist Warner von seinen Ämtern im Weltverband zurückgetreten. (…) Ernst & Young schätzen, dass er und seine Familie wenigstens 1 Million US-Dollar Profit aus dem Wiederverkauf von Tickets für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 gemacht haben, welche Warner geordert hat“ (Wikipedia). Jack Warner wurde mit Wirkung vom 25. September 2015 von der FIFA auf der Grundlage einer Untersuchung der Ethikkommission zur Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 lebenslang gesperrt.

Südamerika
Julio Grondona, Argentinien

Seit Blatters Wahl zum Fifa-Präsidenten 1998 wurde Grondona vom neu gewählten Fifa-Präsidenten Blatter zum Vorsitzenden der Finanz- und TV-Marketingkommission gemacht. „Seit 2011 wird gegen ihn in Argentinien wegen des Verdachts auf Korruption, Geldwäsche und Steuerhinterziehung in einem hohen zweistelligen Millionenbereich ermittelt“ (Wikipedia). – „Die Strafsache 228078/2011 hat es in sich. Es geht um – bislang – mehr als 72 Millionen Dollar, die der Erste FIFA-Vizepräsident Julio Grondona mit seinen Verbündeten und Kindern auf einem Dutzend Auslandskonten gehortet hat. Grondona ist FIFA-Finanzchef und zeichnungsberechtigt für den Milliardenkonzern FIFA“ (Weinreich 12.11.2011). – „‘Don Julio’, wie der mächtige Argentinier respektvoll genannt wurde, war bis zu seinem Tod im Juli 2014 die Nummer zwei in der Fifa hinter Sepp Blatter. Er war der Chef der Finanzkommission und stand im Fokus des Bundesanwalts von Buenos Aires. Über die Jahre war rund um Grondonas Familie ein Firmengeflecht gewuchert, dessen Konten einen dreistelligen Millionenbetrag aufwiesen” (Aumüller, Kistner 10.6.2015). Grondona starb kurz nach der WM 2014.
Nicolas Leoz, Paraguay
„Während der Untersuchungen im Zusammenhang mit dem Konkurs des Sportmarketingunternehmens International Sport and Leisure wurde bekannt, dass Leoz in seiner Position als hochrangiger FIFA-Funktionär Schmiergeldzahlungen der ISL zwischen 1997 bis 2000 angenommen hatte. Am 3. Juni 2015 nannte Interpol ihn zusammen mit einem weiteren FIFA-Funktionär und vier hochrangigen Mitarbeitern der FIFA in einer Red Notice, um die Behörden auf einen anstehenden Auslieferungsantrag der USA im Zusammenhang mit der Untersuchung von Korruptionsvorwürfen aufmerksam zu machen und um entsprechende Mithilfe zu ersuchen. Leoz wurde daraufhin unter Hausarrest gestellt“ (Wikipedia), der Auslieferungsantrag an die USA läuft.
Ricardo Teixeira, Brasilien
Von 1989 bis 2012 Präsident des brasilianischen Fußballverbandes CBF. Vor Korruptionsvorwürfen flüchtete Teixeira nach Florida – und wieder zurück nach Brasilien aus Furcht, an die USA ausgeliefert zu werden. „Im Laufe seiner Karriere wurde er mehrfach mit dem Vorwurf der Korruption, Steuerhinterziehung und Geldwäsche konfrontiert und zog sich schließlich aufgrund erwiesener Schmiergeldannahmen aus dem Führungskreis der FIFA zurück. (…) Die Laufbahn Teixeiras als Verbandsobmann war von Skandalen wie Vetternwirtschaft, Spesenreiterei, unverzollten Einfuhren und dergleichen gepflastert. Im Zuge des Korruptionsskandals um die 2001 in Insolvenz gegangene Sportvermarktungsagentur International Sport and Leisure stellte die Staatsanwaltschaft des Kantons Zug am 11. Mai 2010 mittels Einstellungsverfügung fest, dass er und sein damaliger Schwiegervater João Havelange jahrelang Schmiergelder in Höhe von 21,9 Millionen Schweizer Franken erhalten hatten“ (Wikipedia). Seit 1989 „durchgehend mit Vorwürfen wie Korruption, Steuerhinterziehung, Geldwäsche konfrontiert“ (Hofmann u. a. 23.12.2015).

Ozeanien
Charles Dempsey, Neuseeland
Reiste überraschend kurz vor der WM-Abstimmung am 6.7.2000 aus Zürich ab – damit erhielt Deutschland die WM 2006.

Resumee
Die Aufstellung über diese ehrenwerte Fifa-Gesellschaft kann notgedrungen nur unvollständig sein. Die von der Fifa gesperrten Fifa-Funktionäre wurden nicht etwa gesperrt, weil die Fifa sich demokratisch entwickelt hätte: Das wäre eine Contradictio in adjecto. Sie wurden gesperrt, weil sie einfach nicht mehr zu halten waren.

Ergänzung: Fifa-Exekutive 2007 – ganze zwei unbescholten
Die SZ stellte das Fifa-Exekutivkomitee 2007 vor. Von 25 Mitgliedern sind derzeit gerade einmal zwei unbescholten: Junji Ogura, Japan und Geoff Thompson, England. Zehn Mitglieder werden unlauterer Geschäfte verdächtigt oder sind gesperrt, 13 Mitglieder sind in Strafverfahren verwickelt (Hofmann, R., Kistner, T., Flohr, A., Familienaufstellung, in SZ 23.12.2015).

2 Die deutschen Beteiligten an der Fußball-WM 2006

2.1 Das deutsche WM-Organisationskomitee (OK)
Franz Beckenbauer (OK-Präsident, offizieller Adidas-Repräsentant, Präsident FC Bayern), Wolfgang Niersbach (DFB-Mediendirektor), Fedor Radmann (OK-Vizepräsident bis 2003, inoffizieller Adidas-Repräsentant), Horst R. Schmidt (DFB-Generalsekretär), Theo Zwanziger (DFB-Vorstand) (Quelle: SZ 17.10.2015). Beckenbauer wurde am 13.6.2014 von der Fifa mit einer 90-Tage-Sperre belegt; er verweigerte dennoch die Zusammenarbeit mit den internen Ermittlern (Hofmann u. a. 23.12.2015). Ein Verfahren vor der Fifa-Ethikkommission läuft, siehe weiter unten.

2.1. Der WM-Aufsichtsrat
Thomas Bach, DSB-Präsident, Werner Hackmann (DFB-Vizepräsident), Gerhard Müller-Vorfelder (DFB-Präsident), Manfred Maus (AR-Vorsitzender OBI AG), Engelbert Nelle (DFB-Vizepräsident), Günter Netzer (Infront Sports & Media AG), Wolfgang Schäuble (Bundesinnenminister), Otto Schily (SPD, Bundesinnenminister), Heinrich Schmidhuber (BFV-Präsident), Wilfried Straub (Quelle: SZ 17.10.2015, 19.10.2015).

2.2. Weitere deutsche Beteiligte
„Es war kein Zufall, dass Spielgeschäfte mit drei Nationalverbänden abgeschlossen wurden, die Fifa-Vorstandsmitglieder stellten“ (Hecker, Ashelm 16.10.2015).
Leo Kirch, Medienmogul, hielt bis vor seiner Pleite die Medienrechte an den Fußball-Weltmeisterschaften bis 2006. Er erwartete sich von einer WM 2006 in Deutschland wesentlich mehr Geschäft als von einer in Südafrika. Kirch „wollte die WM 2006 unbedingt in Deutschland sehen – nach seinen Berechnungen würde ihm das 250 Millionen Franken mehr einbringen als eine WM in Afrika“ (Dahlkamp u. a., 17.10.2015; Hervorhebung WZ). Er „kauft zu völlig überhöhten Preisen Lizenzen an Freundschaftsspielen Bayern Münchens“ (Fritsch 16.10.2015).

Günter Netzer vermittelte mit seiner Medienagentur CWI die Fußballspiele des FC Bayern in Zusammenhang mit der WM 2006; er rechnete mit Leo Kirchs Firma Taurus ab. Netzer kaufte später mit Finanzinvestoren die WM-TV-Rechte von Kirch (Jakobs, Ott 19.4.2003) und wurde Infront-Gesellschafter (Dahlkamp u. a. 17.10.2015). – „Ein hoher DFB-Funktionär soll Günter Netzer gefragt haben, was mit den 6,7 Millionen damals eigentlich passiert sei. Netzer, der als WM-Botschafter für das Bewerbungskomitee gearbeitet hatte, antwortete angeblich verblüffend offen: ‚Damit haben wir die vier Asiaten bezahlt’“ (Dahlkamp u. a. 17.10.2015).

Fedor Radmann beriet Kirch und Adidas (Jakobs, Ott 19.4.2003). Radmann und CWI-Gründer Cesar W. Lüthi waren Teilhaber bei der S+K Marketing GmbH. Die CWL war ein Sportrechtevermarkter, den Leo Kirch 1999 gekauft hatte. Im Verwaltungsrat saß Günter Netzer. „Radmann ist im April 2002 aus der CWL ausgestiegen, offenbar eine Voraussetzung, damit S+K vom WM-Organisationskomitee (Vizechef: Radmann) mit einem Marketing-Auftrag bedacht werden konnte“ (Ebenda).

2.3 Die deutsche Industrie
„Deutsche Unternehmen machten große Geschäfte in und mit Ländern, in denen wichtige Mitglieder der Fifa-Exekutive zu Hause waren“ (Leyendecker, Ott 17.10.2015).
Daimler, Volkswagen und Bayer investierten just vor der WM-Vergabe in solchen Gegenden, aus denen dann die Stimmen für Deutschland kamen“ (Fritsch 16.10.2015). Siehe oben: Thailand etc.

3. Die Wahl
Zur Vorgeschichte: Sepp Blatter hat 1998 den afrikanischen Exekutivkomitee-Delegierten die WM 2006 in Südafrika versprochen. „Blatter war den Afrikanern seit 1998 noch etwas schuldig, für ihre Unterstützung bei seiner Wahl zum Präsidenten gegen den Europa-Verbandschef Lennart Johansson“ (Dahlkamp u. a. 17.10.2015).
Wahlgang 1: Deutschland 10, Südafrika 6, England 5, Marokko 3.
Wahlgang 2: Deutschland 11, Südafrika 11, England 2.
Wahlgang 3: Deutschland 12, Südafrika 11. Charles Dempsey reiste ab. Bei 12:12 hätte Blatters Präsidentenstimme doppelt gezählt.
Blatter erwähnte bereits 2012: „Gekaufte WM… Da erinnere ich mich an die Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ“ (focus.de 15.7.2012).
Die Südafrikaner mussten zugunsten der Deutschen warten: Erst 2010 kam die WM nach nach Südafrika – und kostete das Land über vier Milliarden Dollar.

3.1. Die Bestechungs-Historie
10,3 Millionen Franken (umgerechnet 13 Millionen DM) kamen vom früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus. „Eingesetzt wurde das Darlehen offenbar, um die vier Stimmen der asiatischen Vertreter im 24-köpfigen Fifa-Exekutivkomitee zu sichern. Die vier Asiaten hatten zusammen mit den Europäern bei der Wahl im Juli 2000 für Deutschland gestimmt. Weil außerdem der Neuseeländer Charles Dempsey beim letzten Wahlgang überraschend nicht abstimmte, siegte Deutschland mit 12:11 Stimmen. (…) Von den drei noch lebenden Asiaten, die im Jahr 2000 im Exekutivkomitee für Deutschland gestimmt hatten, ließen zwei die Anfragen des SPIEGEL unbeantwortet. Der dritte, der Südkoreaner Chung Mong-Joon, ließ ausrichten, die Fragen seien es nicht wert, beantwortet zu werden“ (spiegelonline 16.10.2015; Chung entstammt der südkoreanischen Autobauerdynastie Hyundai).
Louis-Dreyfus wollte 2005 das Geld zurück. Daraufhin überwies der DFB für eine „Eröffnungsgala“ der WM 2006 im Berliner Olympiastadion 6,7 Millionen an die Fifa. Fedor Radmann war damals im Komitee als Berater für Kultur zuständig (Dahlkamp u. a. 17.10.2015). Niersbach schrieb in einer Randnotiz: „Honorar für RLD“, Beckenbauer höchstpersönlich hatte den Schuldschein unterzeichnet (Ebenda). „Wofür aber brauchte das Komitee so viel Geld, so kurzfristig, so heimlich? Und welche Rolle spielte die Fifa, die anscheinend eingeweiht war? Das Geld zahlte das deutsche Organisationskomitee 2005 nämlich nicht etwa direkt an Louis-Dreyfus zurück. Es lief über ein diskretes Fifa-Konto. So diskret, dass die Fifa-Macher es nicht bei ihrer Hausbank eingerichtet hatten, sondern bei einem anderen Schweizer Geldhaus“ (Ebenda). Die Fifa überwies die Summe weiter auf ein Konto von Louis-Dreyfus in Zürich (spiegelonline 16.10.2015).
Dann ließ man die Gala platzen. „Der seinerzeitige Fifa-Generalsekretär Urs Linsi schrieb im Januar 2006 an Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, man müsse ‚schweren Herzens’ auf die Gala verzichten, wegen der ‚ungelösten Rasenprobleme’ im Berliner Olympiastadion“ (Aumüller, Kistner 17.10.2015). Die interessante Frage: „Warum ist das Geld, das offenkundig für ein Kulturereignis deklariert war, das nicht stattfand, später vom DFB nicht zurückgefordert worden? Warum blieb ein solcher Vorgang in den Büchern all die Jahre verborgen?“ (Aumüller, Leyendecker, Ott 19.10.2015). – „Warum forderte dann das OK das Geld nicht im Jahr 2006 zurück, nachdem die Fifa, völlig überraschend für die Bundesregierung und das OK, die Berliner Gala abgesagt hatte?“ (Leyendecker, Ott 20.10.2015).

3.2. Robert Louis-Dreyfus (*1946; †2009)
Bereits 1993 kaufte Dreyfus 15 Prozent von Adidas (Dahlkamp u. a. 17.10.2015). Zur Erinnerung: Im Jahr 2000 war Robert Louis-Dreyfus der damalige Chef von Adidas, der die Adidas-Anteile von Bernard Tapie gekauft hatte. Tapie, der im französischen Präsidentschaftswahlkampf 2007 Nicolas Sarkozy unterstützte, erhielt 2008 vom französischen Staat die phänomenale Entschädigungszahlung von 403 Millionen Euro, da er angeblich beim Verkauf der Adidas-Anteile durch die frühere Staatsbank Crédit Lyonnais übervorteilt worden war (SZ 11.7.2013). Von den 403 Millionen Euro waren 45 Millionen Euro “Schmerzensgeld”, 73 Millionen Zinsen. Die ehemalige Finanzministerin von Sarkozy und jetzige Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, wurde deswegen im Mai 2013 vor dem Gerichthof in Paris vernommen: “Im verschwörungsverliebten Frankreich sehen trotzdem viele Sarkozy, den Wahlsieger von 2007, als heimlichen Drahtzieher hinter der üppigen Entschädigung” (Kläsgen 27.5.2013).
„Sowohl Beckenbauer als auch Radmann hatten Verträge mit Adidas“ (Aleythe 17.10.2015). – „2002 organisierte er (Louis-Dreyfus; WZ) den Übergang der Sportrechte aus dem insolventen Kirch-Imperium an die Schweizer Infront-Gruppe um Günter Netzer, ein weiterer Schritt, das Netzwerk im Fußball noch enger zu knüpfen. Heutiger Chef von Infront ist Philippe Blatter, der Neffe des Fifa-Präsidenten. Man kennt sich eben“ (Ahrens 17.10.2015).

3.3. Robert Louis-Dreyfus und Uli Hoeneß
Es war Louis-Dreyfus, der Bayern-Manager Uli Hoeneß im Jahr 20000 heimlich 20 Millionen Mark zur Verfügung gestellt hatte, angeblich rein privat, angeblich zum Verzocken an der Börse“ (Dahlkamp u. a., 17.10.2015). Louis-Dreyfus richtete das inzwischen bekannte Konto bei Vontobel ein und stellte Hoeneß 20 Millionen Mark für Spekulationsgeschäfte zur Verfügung: Fünf Millionen Mark auf ein Konto und 15 Millionen Mark über eine Bürgschaft. Angeblich soll der Bayern-Manager nach kurzer Zeit die fünf Millionen und den Kredit zurückgezahlt haben (Ebenda). „Auch im späteren Steuerfall Uli Hoeneß war Dreyfus früh mit Geld behilflich“ (Leyendecker, Ott 17.10.2015).
Nur: Warum stellte der Adidas-Chef dieses Millionen-Spielgeld Hoeneß zur Verfügung? “Diese Geschäfte zwischen Hoeneß und dem 2009 verstorbenen Louis-Dreyfus fallen genau in die Zeit, in der der FC Bayern München mit Adidas über einen Einstieg des Sportartikelherstellers in die künftige FC Bayern AG verhandelte. Im September 2001 verkündete Hoeneß, dass sich der Konzern aus Herzogenaurach mit zehn Prozent am Klub beteilige und dafür 75 Millionen Euro in Aktien bezahle. Außerdem verlängerte der FC Bayern den Ausrüstervertrag mit Adidas um sieben Jahre, bis 2010. Diese Partnerschaft besteht bis heute fort. (…) Louis-Dreyfus war bis März 2001 Vorstandschef von Adidas. Sein Nachfolger wurde Herbert Hainer, der den Sportartikelkonzern bis heute führt und auch im Aufsichtsrat des FC Bayern sitzt” (Leyendecker, Ott 13.4.2013). – „Adidas und der FC Bayern bekräftigten 2001, ein Jahr nach dem privaten Dreyfus-Kredit an Hoeneß, ihre gemeinsame Sponsoren-Partnerschaft, obwohl der Konkurrent Nike erheblich mehr Geld geboten haben soll. Dass es dort einen Zusammenhang gegeben haben soll, hat Hoeneß allerdings vehement bestritten“ (Ahrens 17.10.2015). 2002 kauft Adidas einen Anteil von 10 Prozent am FC Bayern. „Als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) 2007 einen über zehn Jahre laufenden Ausrüstervertrag mit Adidas abschloss, war die Aufregung groß. Schließlich hatte der US-Sportkonzern Nike dem DFNB mehr als 60 Millionen Euro pro Jahr geboten, Adidas hingegen nur rund 25 Millionen Euro“ (Diekmann 20.10.2015).

4. Fazit
Die Fußball-Weltmeisterschaften Frankreich (1998), Deutschland (2006), Russland (2018) und Katar (2024) stehen unter Korruptionsverdacht. Südafrika ist undefiniert. Einzig Brasilien 2014 ist – unbeabsichtigt – sauber: Da verfolgte die Fifa die Idee, einen Kontinent das Austragungsland auswählen zu lassen. Einzig Brasilien bewarb sich. Bestechungen sind da nicht notwendig. Daraufhin änderte die Fifa sofort wieder den Wahlmodus.
Zur WM 2006 aus dem Beitrag des Spiegel: „15 Jahre hat es gedauert, bis die Logik und die Tatsachen nun offenbar zusammengefunden haben: Warum sollte die deutsche WM die einzig saubere gewesen sein? Sie war nicht sauber“ (Dahlkamp u. a. 17.10.2015).
Und Oliver Fritsch in zeitonline: „Dass die deutsche Bewerbung nicht ganz sauber lief, war lange bekannt. Aber dieser Fall hat neue Dimensionen. Er wird die Debatten verändern. Seit Jahren stöhnt die Fußballwelt aufgebracht über Katar und Russland sowie über die Fifa, das Syndikat des Schweigens und Schmierens. Doch der Fall, sollten die Anschuldigungen stimmen, zeigt: Korruption ist nicht nur die Sache von Diktatoren, Scheichs und Bananenrepubliken. Der Schlamm fließt mitten durch Deutschland. Deutschland wäre Teil der Fußballmafia“ (Fritsch 16.10.2015).

5. Der DFB und die Freshfields-Ermittlungen

– Niersbach nur „Medienfuzzi“
Die Kanzlei Freshfields, welche im Auftrag des DFB die WM-Vergabe 2006 aufklären soll, hat die Zahl ihrer Ermittler auf 30 Anwälte erhöht. Am 5.7.2000, einen Tag vor der WM-Vergabe, erhielt unter dem Code „E16“ eine Person 250.000 Dollar. Freshfields wollte von Niersbach wissen, ob sich dahinter der Neuseeländer Charles Dempsey verberge. Niersbach verwies darauf, dass er bei der WM 2006 nur der „Medienfuzzi“ gewesen sei – und außerdem: „Er habe noch nie mit Zahlen umgehen können“ (Leyendecker, Hans, Mascolo, Georg, Ott, Klaus, Sechshundert Suchbegriffe, in SZ 28.1.2016).
Was Niersbach natürlich als DFB-Präsident besonders qualifiziert…

– Theo Zwanziger belastet
„Zwanziger sei schwer belastet, heißt es aus Verbandskreisen und bei Insidern, die wissen, was so alles gefunden wurde. Unter anderem ein Vermerk mit Zwanzigers Handschrift, der dokumentiert, wie genau im WM-Organisationskomitee (OK) ein Zahlungsvorgang manipuliert worden sein soll – bis exakt jene 6,7 Millionen Euro herauskamen, die als Kulturzuschuss für die WM getarnt wurden und die im Frühling 2005 über den Weltverband Fifa an den früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus flossen. Als Ausgleich für ein Jahre zuvor heimlich von Louis-Dreyfus gewährtes Darlehen, das wohl dubiosen Fifa-Zwecken diente.
Nach Recherchen von SZ, NDR und WDR spielt der Vermerk vom 18. April 2005 mit Zwanzigers Handschrift mittlerweile eine zentrale Rolle bei der Aufklärung der Millionen-Schieberei. Zwanziger gehörte damals dem Präsidium des WM-OK an. Das hatte seinerzeit dem eigenen Aufsichtsrat mitgeteilt, man wolle eine Fifa-Gala zum WM-Auftakt mit sieben Millionen Euro unterstützen. Anschließend wurden aber im OK 300. 000 Euro herausgerechnet, die für die eigene Personalkosten einzubehalten seien. So kam genau jener Betrag zustande, den man Dreyfus schuldete und für den man eine ‚Buchungsstelle‘ brauchte“ (Zwanzigers Handschrift, in SZ 30.1.2016).

– Fedor Radmann soll zahlen
„In der WM-Affäre fordert der Deutsche Fußball-Bund der ‚Bild‘-Zeitung zufolge von Fedor Radmann, dem früheren Vizepräsidenten des WM-Organisationskomitees, die Zahlung von 6,7 Millionen Euro. Der Vertraute des einstigen OK-Chefs Franz Beckenbauer soll die Summe demnach innerhalb von 20 Tagen an den Verband überweisen. Der Betrag entspricht der Summe, die der DFB vor der Weltmeisterschaft 2006 auf ein Konto des Weltverbands Fifa geleitet hatte. (…) Mit dem Vorgehen gegen Radmann würde der DFB einen weiteren Schritt unternehmen, um einen möglichen finanziellen Schaden vom Verband fernzuhalten. (…) Zuvor hatte der DFB Güteanträge bei der Öffentlichen Rechtsauskunft- und Vergleichsstelle in Hamburg eingereicht, um den Anspruch auf möglichen Schadensersatz in Millionenhöhe zu wahren. Die Ansprüche richten sich neben Beckenbauer und Radmann auch gegen die ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach, Ex-DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt, den Testamentsvollstrecker von Robert Louis-Dreyfus sowie die Fifa“ (DFB fordert von Beckenbauer-Freund Radmann 6,7 Millionen Euro, in spiegelonline 9.2.2016).

– Russland 2018 und Katar 2022 und die Geldwäsche
„Das Strafverfahren wegen möglicher Korruption im Fußball-Weltverband Fifa im Zusammenhang mit der WM-Vergabe an Russland und Katar macht Fortschritte. Neun Monate nach Eröffnung bestehe bei inzwischen 152 Finanztransaktionen der Verdacht der Geldwäsche, teilte die Schweizer Bundesanwaltschaft in Zürich mit. Dabei handele es sich um Verdachtsmeldungen über Bankkonten, die jeweils mehrere Geschäftsbeziehungen betreffen können. ‚Die Meldestelle für Geldwäscherei leistet sehr gute Analysearbeit, was die Führung der Strafverfahren der Bundesanwaltschaft wesentlich unterstützt‘, sagte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft“ (152 verdächtige Transaktionen, in spiegelonline 23.2.2016).

– Vergabe WM 2006, auf ein Neues
Der Libanese Elias Zaccour hatte bereits früh gewusst, dass von den vier Stimmen des asiatischen Fußballverbandes AFC die Stimme des Südkoreaners Chung in ein anderes Lager gehen würde. 2003 wurde bekannt, “dass der Medienunternehmer Leo Kirch einen Vertrag aufsetzen ließ, der dem Rennpferde-Liebhaber Zaccour 250.000 Dollar im Jahr bescheren sollte, insgesamt eine Million. Kirch wollte unbedingt die WM ins eigene Land holen, um seine Fernsehrechte teurer vermarkten zu können. Er hatte auch das Geld für so einen Vertrag. der eigentliche Kopf dahinter aber war Fedor Radmann, der engste Vertraute von WM-Bewerbungschef Franz Beckenbauer. Radmann hatte kurz vor dem Vergabetermin Druck gemacht, dass Kirchs Leute den Zaccour-Vertrag schleunigst unter Dach und Fach bringen sollten” (Buschmann, Rafael, Dahlkamp, Jürgen, Latsch, Gunther, Schmitt, Jörg, Der vierte Mann, in Der Spiegel 8/22.2.2016).

– Dresdner-Bank-Mitarbeiterin wird DFB-Personalchefin
Luana K. war früher Firmenkundenberaterin der Dresdner Bank in Frankfurt und „dort zuständig für den Geldverkehr des DFB, kannte seine Konten und zahlreiche Transfers, darunter wohl auch jene 6,7 Millionen Euro, die der DFB im Jahr 2005 über den Umweg an Robert Louis-Dreyfus leitete. Vor einigen Jahren schied Luana K. bei der Bank aus; bald danach hatte sie einen neuen Arbeitgeber: den DFB. Das Merkwürdige: Der Verband machte sie zur Personalleiterin, ein Amt, das sie heute noch hat. (…) Ihre Stelle verdankt sie dem DFB-Vize-Generalsekretär Stefan Hans, den sie aus seiner Zeit als Finanzexperte des WM-Komitees kannte. Bevor er kürzlich wegen seiner Rolle in der Sommermärchen-Affäre seine Stelle verlor“ (Ebenda).

– 4.3.2016: Präsentation des Freshfields-Report
Die Kanzlei Freshfields Bruckhaus Derringer sichtete mit zeitweilig 35 Juristen 128.000 elektronische Dokumente und 740 Aktenordner. Die Freshfields-Juristen können einen Stimmenverkauf vor der Vergabe der WM 2006 nicht beweisen, aber auch nicht ausschließen. Die Drei Freshfields-Kernthesen: 1) Kein Beweis für Stimmenkauf bei WM 2006, aber auch kein Gegenbeweis; 2) Die 10 Millionen Franken wurden im direkten Umfeld von Franz Beckenbauer nach Katar lanciert. 3) Der frühere DFB-Präsident Wolfgang Niersbach wusste früher, als er zugab, von der Affäre.
Einige Ergebnisse des 380 starken Freshfields-Berichtes in Kurzform:
– Ab Ende Mai 2002 flossen sechs Millionen Franken in mehreren Tranchen von einem Konto, das auf Robert Schwan oder Franz Beckenbauer lief, auf ein Konto der Kanzlei Gabriel & Müller im Schweizer Ort Sarnen, Kanton Obwalden.
– Beckenbauers früherer Berater Hans Hess hatte eine Kanzlei, in der Rechtsanwalt Othmar Gabriel gearbeitet hat. Gabriel stand auch mit Beckenbauer-Manager Robert Schwan im Handelsregister der Fa. SKK-Rofa, die im Jahr 2010 von Gabriel liquidiert wurde. Beckenbauer hatte 1977 seinen Wohnsitz aus steuerlichen Gründen nach Sarnen verlegt. Hess saß seit 1978 für die FDP im Ständerat und war seit 1981 Justizdirektor im Kanton Sarnen, wo er sich für eine Tiefsteuerpolitik einsetzte. Beckenbauer verdiente bei Cosmos New York von 1977 bis 1980 sieben Millionen DM – und zahlte dank Hess knapp 20.000 Franken Steuern pro Jahr in Sarnen (Buschmann, Raphael u. a., Schmutz in der Schweiz, in Der Spiegel 10/5.3.2016). Hess war wiederum über die Fa. Heka GmbH mit den Werbeeinnahmen Beckenbauers der Jahre 1970 bis 1975 befasst: Heka war das Kürzel für Hess und Kaiser.  – „Als Hess die Firma Heka liquidierte, versuchte er, wie die Richter später feststellten, gut 1,2 Millionen Franken an der Steuer vorbeizuschleusen“ (Dahlkamp u. a., Beckenbauer bediente sich eines alten Schweizer Netzwerks, in spiegelonline 5.3.2016). Beckenbauer musste seine Steuerschulden nachzahlen. Hess wurde wegen der Steueraffäre Beckenbauer in erster Instanz verurteilt und zog bis vor das Schweizer Bundesgericht. Er wurde im Sommer 1989 zu 124.000 Franken Geldbuße verurteilt und trat als Regierungsrat zurück (Haniman, Carlos, Der Briefkastenkönig, in woz.ch 21.1.2010).

– Der Geld-Terminplan der WM 2006
* 29.5. – 8.7.2002: Beckenbauer/Robert Schwan überwiesen in vier Tranchen 6 Millionen Schweizer Franken für „Asienspiele 2006“ an Advokaturbüro und Notariat Gabriel & Müller in Sarnen.
* 6 Millionen Franken gingen von dort kurz danach an Kemco Scaffolding Co. in Katar; einziger Anteilseigner seit 1985: Mohamed bin Hammam, Fifa-Exekutivmitglied bis 2011, von der Fifa lebenslang wegen Bestechung gesperrt.
* Am 16.8.2002 werden von Robert Louis-Dreyfus 10 Millionen Franken an Gabriel & Müller überwiesen.
Wo diese landeten, ist bislang unklar. Jack Warner? Chung Jong-Moon? Sepp Blatter – der bei der Fifa-Präsidentenwahl im Mai 2002 vom afrikanischen Fußball-Chef Issa Hayatou herausgefordert wurde? Genaueres wird man wohl bei den Ermittlungen der Schweizer und der US-Behörden erwarten können.
* 6 Millionen Franken gingen am 3.9.2002 von Gabriel & Müller an Beckenbauer/Schwan zurück. „Damit erhielt Beckenbauer die Summe zurück, die er Bin Hammam zuvor hatte zukommen lassen“ (Dahlkamp, Jürgen u.a., Beckenbauer Schlüsselfigur bei ominöser Millionenzahlung, in spiegelonline 4.3.2016). 4 Millionen Franken gingen am 5.9.2002 an die Kemco von Hammam. Hammam hatte also insgesamt 10 Millionen Franken erhalten. Verwendungszweck: „Asien Games 2006 Schlusszahlung“.
* Der DFB überwies am 27.4.2005 6,7 Millionen Euro = 10 Millionen Franken an die Fifa, Titel: „Kulturprogramm WM-Eröffnung“.
* Die Fifa sandte dann umgehend die 6,7 Millionen Euro an Robert Louis-Dreyfus.
(Quellen: WM-Affäre: Der Weg des Geldes, in SZ 5.3.2016; Kemco – Dienstleister im Fifa-Sumpf, in SZ 5.3.2016; Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Spur nach Kitzbühel, in SZ 5.3.2016; Buschmann, Raphael u. a., Schmutz in der Schweiz, in Der Spiegel 10/5.3.2016).

– Damalige DFB-Spitze überweist auf Fifa-Konto
Freshfields-Anwalt Christian Duve erklärte, die damaligen OK-Mitglieder Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger hätten im April 2005 die Rückzahlung der fiktiven Überweisung auf ein Fifa-Konto vorgenommen. Offizielle Deklaration: Zuschuss für WM-Gala 2006 (DFV verschleierte Millionenzahlung, in spiegelonline 4.3.2016). Von dem Fifa-Konto floss die Summe dann an Robert Louis-Dreyfus zurück. „Als die Gala dann im Januar 2006 abgesagt wurde, habe es vom DFB keine Rückforderung gegeben“ (Ebenda).
Der frühere DFB-Präsident Wolfgang Niersbach wusste bereits im Sommer 2015 von der fragwürdigen Millionenüberweisung – und lehnte eine Information der DFB-Spitze ab (DFB-Spitze weicht Fragen nach Niersbach aus, in spiegelonline 4.3.2016).

Aus einem Kommentar von Peter Ahrens in spiegelonline: „Allen durchaus glaubwürdig klingenden Beteuerungen in Sachen Transparenz zum Trotz, die am Freitag vor allem vom kommissarischen Verbandschef Rainer Koch zu hören waren – beim DFB wäre man sicherlich heilfroh, wenn nach den turbulenten Monaten der Vergangenheit wieder Ruhe einkehren könnte. Zumal der designierte DFB-Präsident Reinhard Grindel jahrelang im Vorstand des Verbands eng an der Seite Niersbachs saß und die Fragen, was und wann er exakt von all dem erfahren hat, auch noch auf ihn zukommen werden. Die Sache aus DFB-Sicht jetzt als erledigt zu betrachten, wäre allerdings der Schritt in die falsche Richtung. Wer glaubwürdig einen Neuanfang machen will, der muss auch billigend in Kauf nehmen, dass noch für den Verband Unangenehmes an die Öffentlichkeit kommen kann. Dazu gehört auch die unweigerliche Debatte, ob Wolfgang Niersbach den deutschen Fußball tatsächlich in den internationalen Gremien weiter vertreten sollte“ (Ahrens, Peter, Erst ein Anfang, in spiegelonline 4.3.2016).

– Niersbach laut Niersbach unschuldig
„Durch den am Freitag veröffentlichten Bericht der Wirtschaftskanzlei Freshfields sieht sich der 65-Jährige, der im vergangenen November von seinem Posten als DFB-Chef zurückgetreten war, keineswegs belastet. Dass der Weltverband Fifa 6,7 Millionen Euro quasi als ‚Provision‘ für einen Zuschuss zur Weltmeisterschaft 2006 gefordert habe, habe er erst im Sommer 2015 erfahren, sagte Niersbach. Das habe der Report auch ‚zweifelsfrei bestätigt‘. (…) Dass eine Mitarbeiterin von Niersbach einen Aktenordner mit der Aufschrift ‚Fifa 2000‘ aus dem DFB-Archiv entliehen hat, der seitdem verschwunden ist, habe er nicht angeordnet. ‚Ich habe weder angewiesen, dass ein Ordner aus dem Archiv geholt wird, noch habe ich einen verschwinden lassen. Dieser Vorwurf macht mir persönlich am meisten zu schaffen. Ich bin seit 43 Jahren in der Sportlandschaft unterwegs, davon 27 Jahre beim DFB, und ich denke, dass ich mir in dieser Zeit einen seriösen und glaubwürdigen Ruf erworben habe. Dass da an meiner Reputation gezweifelt wird, tut unglaublich weh.‘ Seine Ämter in den Exekutivkomitees der Uefa und der Fifa möchte er behalten: „Das habe ich vor, ja“ (Niersbach gibt sich unschuldig, in spiegelonline 6.3.2016).

Fifa-Ethikkommission prüft Niersbach
„Wolfgang Niersbach droht weiterer Ärger: Die Fifa-Ethikkommission prüft Konsequenzen aus dem Untersuchungsbericht der Kanzlei Freshfields zur DFB-Affäre. Darin wird der ehemalige DFB-Boss massiv belastet. (…) Niersbach könnte durch die Fifa-Ethikhüter gesperrt werden und damit seine Ämter bei der Fifa und der Uefa verlieren. Die Interimsspitze des Deutschen Fußball-Bundes hatte sich zuletzt von Niersbach distanziert. Bei der Präsentation des Freshfields-Berichts am Freitag hatte DFB-Interimschef Rainer Koch das Verhalten Niersbachs bei der Skandalaufarbeitung im Vorjahr als ‚inakzeptables Vorgehen‘ bezeichnet“ (Fifa prüft Konsequenzen aus Freshfields-Bericht, in spiegelonline 5.3.2016).

– Freshfields-Kanzlei  gehandicapt

Der Freshfields-Kanzlei fehlten Befugnisse wie sie die Frankfurter Staatsanwaltschaft und die mit der Causa Fifa beschäftigten Schweizer und US-Stellen haben: Freshfields konnte dennoch Vertuschung und Verklärung feststellen. „Bei der Sicht der DFB-Unterlagen stellte Freshfields fest, dass elektronische Datenbestände mittlerweile gelöscht wurden und dass ganze Dokumentenstapel nicht mehr auffindbar waren. Einer der verschwundenen Ordner trug den Namen: ‚Fifa 2000‘. Das Jahr 2000 war das Jahr der WM-Vergabe“ (Buschmann, Rafael u. a., Ein Konto in Sarnen, in spiegelonline 4.3.2016).
– Die nach wie vor unbeantwortete Frage: Was geschah mit den zehn Millionen Franken? Ging das Geld an Jack Warner, weil der Südkoreaner Chung Jong-Moon Deutschland nicht wählte? Freshfields betonte den prophylaktischen Status des Vertrags mit Warner: Das Thema Stimmenkauf umgeht Freshfields mehr oder weniger elegant: „Freshfields hakt das Thema flott ab“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Das Zehn-Millionen-Rätsel, in SZ 8.3.2016). Im Mai 2001 wurde der Vertrag des DFB mit Jack Warner (über zehn Millionen DM, nicht Schweizer Franken) vom Juli 2000 im DFB unter „Budgetfragen“ diskutiert (Ebenda). Allein 1000 WM-Premium-Tickets gingen an Warner: „Ernst & Young beschrieb, wie sein Familienbetrieb bis zu 840.000 Euro Gewinn abschöpfte“ (Ebenda; siehe auch oben).

– Franz Beckenbauer Schlüsselfigur
Aus einem Kommentar von Jürgen Dahlkamp in spiegelonline: „Beckenbauer hatte geglaubt, davonzukommen, als Idol, Ikone, zur Not als Idiot. Als der SPIEGEL die ominöse Zahlung von 6,7 Millionen Euro des früheren Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus aufdeckte und danach noch eine Menge anrüchiger Dinge rund um die Vergabe der deutschen WM 2006 ans Licht kamen, hatte Beckenbauer zunächst versucht, sich mit seiner angeblichen Naivität herauszureden. (…) Franz Beckenbauer war die Schlüsselfigur bei der Zahlung von 10 Millionen Schweizer Franken an den zwielichtigen Fifa-Funktionär Mohamed Bin Hammam aus Katar. Keiner kann, und schlimmer, keiner will ihm mehr glauben, dass er keine Ahnung hatte, wohin das Geld am Ende ging. Und wofür. Denn er selbst war zunächst mit sechs Millionen Franken in Vorleistung getreten, und er selbst bekam von den zehn Millionen des Franzosen deshalb sechs Millionen zurück. (…) Es war sein dunkles Geheimnis, es sollte sein dunkles Geheimnis bleiben: Was musste er für seinen Sieg tun, die WM nach Deutschland zu holen? Oder was für den Triumph, ihr finanzielles Gelingen mit einem hart umkämpften Fifa-Zuschuss zu sichern – obwohl nicht nur die WM, sondern auch dieser Zuschuss längst sicher waren, als Beckenbauer und dann Louis-Dreyfus das Geldkarussell in Gang setzten? Was also war so wichtig, dass Beckenbauer so eisern schwieg bis heute (…) Der Kaiser ist Geschichte. Das ist tragisch, das ist traurig, bei all seinen Verdiensten. Aber auch verdient. Für all seine Fehler“ (Dahlkamp, Jürgen, Dank ab, Kaiser! in spiegelonline 5.3.2016).

Aus einem Kommentar von Claudio Catuogno in sueddeutsche.de: „Über seine Rolle in der Sommermärchen-Affäre hat Franz Beckenbauer wörtlich gesagt, er sei ein ‚Trottel‘ gewesen. Trottel, das klingt irgendwie niedlich. Das klingt gutmütig und arglos, und genauso wollte Beckenbauer diese Selbstbezichtigung auch verstanden wissen. Da habe er es im Jahr 2002 doch tatsächlich in Erwägung gezogen, zehn Millionen Franken aus seinem Privatvermögen an die Fifa zu überweisen, um im Gegenzug 250 Millionen Franken Finanzzuschuss für die Organisation der Fußball-WM 2006 zu bekommen. (…) Außerdem legt der Bericht offen, wie im DFB sämtliche Kontrollmechanismen versagten, als es 2005 an die diskrete Rückzahlung des Louis-Dreyfus-Darlehens ging, und wie der inzwischen zurückgetretene Präsident Wolfgang Niersbach 2015 einen letzten verzweifelten Versuch unternahm, die Dinge nach alter Fußballer-Tradition still unter Kameraden zu lösen. (…) Franz Beckenbauer hingegen verkriecht sich weiter in seiner Märchenwelt. Ob er nicht reinen Tisch machen könne, fragen sich viele. Die Zeiten waren eben andere damals, das Sommermärchen bleibt unvergessen – und ihm, der Lichtgestalt, würde das Land doch quasi alles verzeihen. Die neuen Erkenntnisse geben einen Anhaltspunkt, warum Beckenbauer das eben nicht kann. Weil sich auf dem Tisch über die Jahre zu viel Unrat angesammelt hat“ (Catuogno, Claudio, DFB-Affäre: Beckenbauers Märchen, in sueddeutsche.de 4.3.2016).

Beckenbauer weiß von nichts
„‚Ich habe erst vergangenen Mittwoch erfahren, dass das Geld nach Katar gegangen ist‘, sagte der ehemalige Chef des Organisationskomitees der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 der Bild am Sonntag. Die Ermittlungen der Kanzlei Freshfields beim Deutschen Fußball-Bund hatten zuvor ergeben, dass im Juli 2002 sechs Millionen Schweizer Franken von einem Konto von Beckenbauer und seinem noch im gleichen Monat gestorbenen Manager Robert Schwan zunächst in die Schweiz und von dort nach Katar an eine Firma des dubiosen FIFA-Spitzenfunktionärs Mohammed bin Hammam geflossen waren. (…) Beckenbauer betonte erneut, es habe sich um eine Sicherheit gehandelt, um vom Weltverband Fifa einen Finanzzuschuss für die WM zu bekommen. (…) Die Freshfields-Anwälte beurteilten die Aussagen so: ‚Es ist für uns kaum vorstellbar, dass man derartige Geldbewegungen auf eigenen Konten nicht mitbekommt.‘ Beckenbauers Unkenntnis sei ‚befremdlich‘. (…) Die Freshfields-Anwälte kamen deshalb nur zu dem Schluss, dass es für die Vorgänge rund um Beckenbauer, Louis-Dreyfus und bin Hammam keine ‚plausible Erklärung‘ gebe“ (Beckenbauer will von Millionenzahlung nach Katar nichts gewusst haben, in sueddeutsche.de 5.3.2016).

Fifa verklagt Fifa-Funktionäre
Die Fifa informierte am 16.3.2016 die US-Behörden auf 22 Seiten, dass sie Dutzende von Millionen Dollar von früheren korrupten Funktionären wie Jack Warner und Chuck Blazer zurückfordert. Im Einzelnen fordert die Fifa von folgenden ehemaligen Fifa-Funktionären folgende Beträge: Chuck Blazer (USA) 5 374 148 Dollar; Rafael Salguero (Guatemala) 5 134 980 Dollar; Jack Warner (Trinidad) 4 462 263 Dollar; Ricardo Teixeira (Brasilien) 3 514 025 Dollar; Nicolás Leoz (Paraguay) 3 254 886 Dollar; Jeffrey Webb (Cayman) 2 016 205 Dollar; Marco Polo Del Nero (Brasilien) 1 673 171 Dollar; Eugenio Figueredo (Uruguay) 1 011 018 Dollar (Spitzenreiter Blazer, in SZ 17.3.2016).
Das liest sich wie ein (ehemaliges) „Who-is-Who“ der Fifa-Nomenklatur. Sepp Blatter fehlt – noch.
„Nach Einschätzung der US-Justiz flossen in den Korruptionsfällen mindestens 190 Millionen Dollar Schmiergeld, mehr als die Hälfte haben die Behörden schon eingefroren“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Klage gegen die Korrupten in SZ 17.3.2016).

– Blatters Gehalt ungenau bekannt
Blatter bemühte sich bis zum Schluss, die Höhe seines Gehaltes geheim zu halten: Der Einzige, der wohl darüber Bescheid wusste, war sein ehemaliger Vize Julio Grondona. Im Fifa-Finanzbericht für das Jahr 2015 steht nun für den Fifa-Paten ein Gehalt von 3,32 Millionen Euro. (Das Gehalt für Blatter betrifft aber ein „Rumpf-Geschäftsjahr“, denn Anfang Juni 2015 trat er zurück, seit Oktober 2015 war er suspendiert und durfte sein Büro nicht mehr betreten.) Der entlassene Generalsekretär Jerôme Valcke erhielt 1,94 Millionen Euro, die Mitglieder des Exekutivkomitees 270.000 Euro. Im Jahresreport von 2014 wurden für die „leitenden Organe“ 35 Millionen Euro aufgelistet. „Setzt man die 24 Exekutivmitglieder mit 270.000 Euro pro Kopf an und jeden der zehn Direktoren großzügig mit einer halben Million Euro, blieben immer noch zirka 20 Millionen Euro übrig. Und auf der Empfängerseite nur noch zwei Personen: der Generalsekretär und der Präsident“ (Kistner, Thomas, 3,3 Millionen für Blatter, in SZ 18.3.2016).

– DFB verklagt Organisationskomitee der WM 2006
„Der frühere OK-Chef Beckenbauer und seine damaligen Vizes sollen bei der Öffentlichen Rechtsauskunft- und Vergleichsstelle (ÖRA) der Hansestadt Hamburg erklären, ob sie gedenken, 7,7 Millionen Euro an den Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu zahlen. Als Schadenersatz in der Affäre um die WM 2006. Es geht um die 6,7 Millionen Euro, die das von Beckenbauer geleitete OK vor der Weltmeisterschaft verschoben hatte, plus eine Million Euro Zinsen. Mindestens. Weitere Forderungen könnten noch folgen. Der DFB hat die 7,7 Millionen Euro Ende 2015 geltend gemacht; in einem bei der ÖRA eingereichten ‚Antrag auf Einleitung eines Güteverfahrens’“ (Leyendecker, Hans, Ott, Klaus, „Erheblichen Schaden zugefügt“, in SZ 22.3.2016).

Fifa geht gegen Niersbach und Beckenbauer vor
„Die Fifa-Ethikkommission hat ein Verfahren wegen der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 an Deutschland eröffnet. Die Untersuchungen richten sich unter anderem gegen den früheren DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach und den damaligen Organisationskomitee-Chef Franz Beckenbauer, teilte der Weltverband Fifa mit. Auch gegen Niersbachs Vorgänger Theo Zwanziger, die Ex-Generalsekretäre Helmut Sandrock und Horst R. Schmidt sowie Ex-DFB-Mitarbeiter Stefan Hans werde ermittelt. Alle sechs waren Mitglieder des Organisationskomitees für die WM. Sie werden jeweils verdächtigt, den Fifa-Ethikcode verletzt zu haben“ (Fifa leitet Verfahren gegen Niersbach und Beckenbauer ein, in spiegelonline 22.3.2016). – Niersbach „muss damit rechnen, bald auch seine Vorstandsämter im Weltverband sowie im Europaverband Uefa zu verlieren. (…) Niersbach hat als Einziger aus dem Sextett (des OK der WM 2006; WZ) noch hohe, lukrative Ämter in den Vorständen von Fifa und Uefa inne“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Fifa gegen Sommermärchen, in SZ 23.3.2016). Auch gegen den früheren DFB-Präsidenten Theo Zwanziger ermittelt die Fifa. Zwanziger gab sich im Interview empört, „wie Niersbach offenbar mit Samthandschuhen behandelt werden soll. (…) Während die Ethikkommission bei Blatter und Platini sofortige Sperren ausgesprochen hat, bleibt Niersbach, der monatelang die Verbandsführung getäuscht hat, im Amt. Sehr erstaunlich“ (Teevs, Christian, Zwanziger attackiert Fifa-Ermittler, in spiegelonline 22.3.2016).

– Reinhard Grindel neuer DFB-Präsident
Am 15.4.2016 wurde der CDU-Bundestagsabgeordnete und vormalige DFB-Schatzmeister zum DFB-Präsidenten als Nachfolger von Wolfgang Niersbach gewählt. Im SZ-Interview sagte er davor: „Vor allem wurden die Fragen um die WM-Vergabe im Jahr 2000 und die Zahlungsflüsse der 6,7 Millionen Euro in den Jahren danach unabhängig und soweit es für uns möglich war, transparent aufgeklärt“ (Kistner, Thomas, „Die Seele des Fußballs ist unantastbar“, in SZ 15.4.2016).
Mit Betonung auf: „Soweit als möglich…“ Nach wie vor sind die Geldflüsse und Adressaten unklar.
Aus einem Kommentar von Christian Teevs in spiegelonline: „Laut einem Bericht der ‚Bild‘-Zeitung hat Grindel in seiner Funktion als DFB-Schatzmeister versäumt, das Finanzamt rechtzeitig über die dubiose 6,7-Millionen-Euro-Zahlung zu informieren, die im Zentrum der WM-Affäre steht. (…) Doch für einen glaubwürdigen Neuanfang, den der DFB angesichts der zahllosen ungeklärten Fragen in der WM-Affäre braucht, steht Grindel nicht. Er war seit Oktober 2013 Schatzmeister des Verbands, arbeitete still an der Seite von Niersbach und steht nun fast zwangsläufig von Beginn an unter Druck. Dazu kommt: Auch den Posten des Generalsekretärs übernimmt mit Friedrich Curtius jemand, der dafür steht, dass beim DFB alles so weiter gehen soll wie bisher. Curtius war bis zu seiner Wahl Büroleiter von Niersbach, seit 2006 arbeitet er für den Verband“ (Teevs, Christian, Typisch DFB, in spiegelonline 15.4.2016).
Aus einem Beitrag von Johannes Aumüller in der SZ: „Rein formal läuft das Ganze am Ende wieder so, wie solche Tage in Sportverbänden nun mal ablaufen. Eine Tagung im Saal ‚Harmonie‘, nur ein Kandidat fürs verwaiste Präsidentenamt, eine offene Abstimmung und nahezu nordkoreanische Verhältnisse beim Wahlergebnis: 98,4 Prozent für den Bewerber – also ist an diesem Freitag um 13.04 Uhr der CDU-Bundestagsabgeordnete Reinhard Grindel, 54, zum zwölften Präsidenten in der Geschichte des Fußball-Bundes (DFB) gewählt. (…) Es gibt viele in der Szene, die zweifeln, ob Reinhard Grindel tatsächlich geeignet ist, einen ’neuen DFB‘ zu errichten. Und so mancher Skeptiker fühlt sich vom Ablauf des Wahltages in seiner Meinung durchaus bestätigt“ (Aumüller, Johannes, Schwärmen von Seeler, in SZ 16.4.2016. Laut HeuteJournal des ZDF vom 15.4.2016 wurden die Journalisten während des Wahlvorgangs vom DFB des Saales verwiesen.) Aumüller weiter: „Aber neben dem Disput zwischen Profis und Amateuren gab es ja noch dieses Thema, das den außerordentlichen Bundestag und die Präsidenten-Neuwahl überhaupt erst ausgelöst hat: die WM-Affäre. Grindel spricht viel davon, dass es jetzt um Vertrauen und Integrität gehe. Aber Anmerkungen über pikante Zutaten des Skandals wie etwa die anrüchigen 6,7 Millionen Euro fehlen in seiner Rede, ebenso Vorwürfe in Richtung der damals Verantwortlichen wie etwa Franz Beckenbauer“ (Ebenda). – „Der Neue beim DFB, Reinhard Grindel, brachte es fertig, das Publikum nur zwei Tage nach seiner Wahl vor gut einer Woche zu enttäuschen. Es gebe ’nichts‘, was für eine gekaufte WM 2006 in Deutschland spreche, sagte er der ‚Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung‘. So als habe er den Freshfields-Untersuchungsbericht des DFB zu einer dubiosen Zahlung von 6,7 Millionen Euro, in dem es von Hinweisen nur so wimmelt, nicht gelesen“ (Buschmann, Rafael, Dahlkamp, Jürgen, Latsch, Gunther, Schmitt, Jörg, VIP-Service, Tor 13, in Der Spiegel 17/23.4.2016).

– Niersbach bleibt privilegierter Fußball-Funktionär
Am Tag des Rücktritts von Niersbach boten Reinhard Grindel, Reinhard Rauball und Rainer Koch diesem einen Vertrag an, der ihn neben dem VIP-Service am Frankfurter Flughafen und einer Sekretärin als Vertreter des DFB in der Fifa (bis 2019, 264.000 Euro pro Jahr plus Tagespauschale) und der Uefa (bis 2017, mindestens 50.000 Euro) bestätigte. „Ein absurder Vorgang. Denn das DFB-Präsidium kann Niersbach in diesen Gremien weder bestätigen noch abberufen“ (Ebenda).

– Netzer und Zwanziger einigen sich
Günter Netzer und der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger haben sich vor einem Gerichtstermin geeinigt. Zwanziger hatte behauptet, Netzer habe ihm im Herbst 2012 am Züricher Flughafen berichtet, dass die vier asiatischen Stimmen bei der WM-Wahl 2006 von Deutschland gekauft worden seien. Zwanziger erklärte nun, es gebe für ihn „nach Vorlage des Freshfields-Berichtes keinen Grund mehr, die Aussage zu wiederholen“ (SID, Streit beigelegt, in SZ 25.4.2016).
Dazu aus einem Kommentar von Thomas Kistner in der SZ: „Günter Netzer wollte Zwanziger die Aussage verbieten, er habe diesem gegenüber in Hinblick auf ungeklärte Geldzahlungen im Organisationskomitee (OK) für die WM 2006 erklärt, damit seien die Voten von vier asiatischen Wahlleuten gekauft worden. (…) Netzer zog gleich eine außergerichtliche Einigung vor. Leider. (…) Denn hier sind relevante Fragen offen. Es wäre sehr erkenntnisfördernd gewesen, den Mann vor Gericht zu hören, der rund um die Affäre nach Aktenlage eine viel weiterreichende Rolle ausgeübt haben dürfte, als im Untersuchungsreport der vom DFB eingesetzten Kanzlei Freshfields zum Ausdruck kommt. (…) Netzer vs. Zwanziger: Das hätte spannend werden können. (…) Netzers Rückzug passt in die Defensivhaltung der damaligen Akteure. Dass Zwanziger hier gefühlt der Sieger ist, legt auch die gemeinsame Erklärung nahe. Darin erklärt Netzer, er habe keine Aussage getroffen, die als Stimmkauf interpretiert werden könne. Das nimmt Zwanziger nur zur Kenntnis; ist über das Thema also doch gesprochen worden? Zwanziger erklärt, er werde den Stimmkauf-Vorwurf nicht wiederholen. Und verweist locker auf den Freshfields-Bericht; der attestiere ja nun von kompetenter Seite, dass die Millionen nach Asien gingen. Wofür, bleibt leider weiter offen“ (Kistner, Thomas, Was nicht ans Licht darf, in SZ 26.4.2016).

– Zwei weitere Fifa-Funktionäre lebenslang gesperrt
Die Ethik-Kommission der Fifa sperrte das frühere Mitglied der Fifa-Exekutive, den Kolumbianer Luis Bedoya und den Chilenen Sergio Jadue lebenslang. „Beide dürfen im Fußball künftig weder auf nationaler noch internationaler Ebene aktiv werden oder Funktionen ausüben“ (DPA, Zweimal lebenslänglich, in SZ 7.5.2016).

Fifa will Niersbach sperren
Der frühere DFB-Präsident Wolfgang Niersbach soll nach Forderungen der Fifa-Ethikkommission für zwei Jahre von allen Aktivitäten rund um den Fußball ausgeschlossen werden. „Der 66-jährige Niersbach war wegen des Skandals im November 2015 von seinem Amt beim DFB zurückgetreten. Er sitzt aber immer noch in den Exekutivkomitees von Fifa und Uefa. Die Fifa hatte bereits im März ein Verfahren gegen Niersbach eröffnet. Fifa-Chefermittler Cornel Borbély hatte seinen Abschlussbericht am 22. April weitergeleitet, genau einen Monat nach Beginn des Ermittlungsverfahrens. Er fordert wegen Verstößen gegen vier Paragrafen des Fifa-Ethikcodes zudem eine Geldstrafe in Höhe von 30.000 Schweizer Franken (umgerechnet 27.000 Euro). Niersbach bekommt nun die Gelegenheit, vor der rechtsprechenden Kammer auszusagen“ (Fifa fordert zwei Jahre Sperre für Niersbach, in spiegelonline 20.5.2016). Dazu aus einem Kommentar von Jürgen Dahlkamp in spiegelonline: „Zwei Jahre Sperre fordert die Fifa-Ethik-Kommission für Wolfgang Niersbach. Sie haben ihn also doch nicht vergessen, den früheren DFB-Chef, der zwar zurückgetreten war, aber nur ein bisschen. Nicht aus dem Fifa-, nicht aus dem Uefa-Exekutivkomitee. (…) seit ein paar Wochen ist der Deutsche Fußball-Bund in einer ‚Jetzt lass mal gut sein‘-Stimmung, und gemeint war: Jetzt muss aber alles wieder gut sein im deutschen Fußball. (…) Oder was sonst soll man davon halten, wenn Grindel vor ein paar Tagen behauptete, für ihn gebe es keinen Hinweis auf ein gekauftes Sommermärchen? Dabei hatte es im Bericht der Kanzlei  Freshfields, den der DFB selbst in Auftrag gegeben hatte, nur so von Hinweisen gewimmelt. (…) Tatsächlich hatte der Verband nicht vor, ihn (Niersbach; WZ) mit seinen speziellen Erfahrungen aus dem deutschen Rennen um die Euro 2024 zurückzuziehen. Das Spiel muss weitergehen, der Ball rollen, für Funktionäre, Sponsoren, die Liga, die Fans. Sie alle wollen schönen Sport. Und sonst eben die Illusion von schönem Sport“ (Dahlkamp, Jürgen, Niersbach gehört nicht mehr dazu, in spiegelonline 20.5.2016). Dazu aus einem Beitrag von Thomas Kistner in der SZ: „Bis zuletzt ging Wolfgang Niersbach seinen fürstlich dotierten Vorstandsämtern im Weltfußballverband Fifa und der Europa-Filiale Uefa nach; mal lobte er die bizarren Rückschritte in der Fifa-Führung, dann verteidigte er die chronische Führungslosigkeit an der Uefa-Spitze. Seit Freitag darf sich Niersbach nun ganz dem Ausklang der eigenen Funktionärskarriere widmen. (…) Schon am 9. Juni hatte sich Niersbach im Kreis damaliger OK-Akteure um Franz Beckenbauer und dessen umwitterten Intimus Fedor Radmann zum Krisengespräch getroffen. Nur einen Tag später verschickte er einen offenen Brief an die 26 000 Vereine des größten Sportfachverbandes der Welt. Darin rügte der DFB-Chef, dass ‚Gier und fehlende Moral einiger weniger den gesamten Fußball unter einen Generalverdacht stellen, bis hin zu unserem wunderbaren Sommermärchen, für das sich so viele Menschen mit Idealismus eingesetzt haben‘. Und er beteuerte: ‚Wir haben bei unserer Bewerbung nicht mit unlauteren Methoden agiert, vielmehr bekam Deutschland nach acht Jahren akribischer Arbeit in einem sauberen Verfahren den Zuschlag.‘ Dass er da längst von höchst verdächtigen Millionenflüssen wusste, räumte er erst unter schwerem Erklärungsdruck ein. Das war Mitte Oktober – und Presseveröffentlichungen zur mysteriösen Millionenzahlung standen schon unmittelbar bevor“ (Kistner, Thomas, Zwei Jahre Sperre gefordert, in SZ 21.5.2016).

– Letzter der sieben verhafteten Fifa-Funktionäre an USA ausgeliefert
Der frühere Präsident des Fußball-Verbandes von Nicaragua, Julio Rocha, ist als Letzter der beim Fifa-Kongress im Mai 2015 im Hotel Baur au Lac in Zürich verhafteten Fußball-Funktionäre an die USA ausgeliefert worden. „Rocha wird vorgeworfen, beim Verkauf von Vermarktungsrechten Bestechungsgelder angenommen zu haben“ (SID, Rocha hält sich für unschuldig, in SZ 20.5.2016).

– Niersbach von Fifa gesperrt
Am 25.7.2016 wurde der frühere DFB-Präsident Wolfgang Niersbach von der Ethikkommission der Fifa für alle nationalen und internationalen Fußballaktivitäten zunächst für ein Jahr gesperrt. Grund waren mehrere Verstöße gegen den Ethik-Code inbezug auf die Vergabe der WM 2006. „Verurteilt wurde Niersbach, weil er die Affäre erst intern regeln wollte. (…) Niersbach verliert durch die Sanktion seine Ämter im Exekutivkomitee der  Europäischen Fußball-Union (Uefa), in dem er seit 2013 saß, und im Fifa-Council (seit März 2015)“ (Ex-DFB-Präsident Niersbach für ein Jahr gesperrt, in spiegelonline 25.7.2016). – „Jedoch droht dem 65-Jährigen noch größeres Ungemach: Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn und andere im Kontext dubioser Geldflüsse, durch die umgerechnet 6,7 Millionen Euro vom deutschen WM-Organisationskomitee an die Firma des damaligen Fifa-Vorstandes und WM-Wahlmannes Mohamed Bin Hammam nach Katar geflossen sind. (…) Niersbachs Verstrickung in die Sommermärchen-Affäre ließ den Ethikern keine Wahl. Er hatte sich bereits am 9. Juni 2015 im Kreis damaliger OK-Akteure um Beckenbauer und dessen umwitterten Intimus Fedor Radmann zu einem konkreten Krisengespräch getroffen. Tags darauf schickte er einen offenen Brief an die 26 000 deutschen Vereine im DFB. Darin rügte der Präsident, dass ‚Gier und fehlende Moral einiger weniger den gesamten Fußball unter einen Generalverdacht stellen, bis hin zu unserem wunderbaren Sommermärchen (. . .). Wir haben bei unserer Bewerbung nicht mit unlauteren Methoden agiert, vielmehr bekam Deutschland nach acht Jahren akribischer Arbeit in einem sauberen Verfahren den Zuschlag‘. Dass er da bereits von den Millionenflüssen wusste, räumte er erst unter Erklärungsdruck ein: Mitte Oktober, als Presseveröffentlichungen zur mysteriösen Zahlung des WM-OK bevorstanden“ (Kistner, Thomas, Fußballverbot für Niersbach, in SZ 26.7.2016).
Niersbach will dagegen Berufung einlegen (Niersbach legt Berufung gegen Fifa-Sperre ein, in spiegelonline 27.7.2016). „Damit beschert Niersbach dem deutschen Fußball eine Hängepartie in der Frage um seine internationalen Ämter als Mitglied des Uefa-Exekutivkomitees und des Fifa-Councils – diese Posten verliert er durch eine Sperre, und bei einer Neuvergabe fallen die Ämter nicht automatisch dem deutschen Fußball zu. Vergangene Fälle zeigen, dass Niersbach auf eine Reduzierung der Sperre hoffen darf. Danach könnte er noch vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas ziehen“ (DPA, Niersbach legt Berufung ein, in SZ 28.7.2016).

– Beckenbauer in der  Schweiz angeklagt
„Nach Informationen des SPIEGEL hat die Bundesanwaltschaft der Schweiz ein Ermittlungsverfahren gegen Beckenbauer wegen des Verdachts auf Untreue und Geldwäsche eingeleitet. Neben dem ehemaligen Chef der deutschen WM-Bewerbung werden in dem Verfahren auch weitere Beschuldigte geführt.(…) Nach einem im Auftrag des DFB durch die Anwaltskanzlei Freshfields erstellten Bericht trug sich damals folgendes zu: Zwischen Mai und Juli 2002 wurden in vier Tranchen sechs Millionen Schweizer Franken von einem gemeinsamen Konto Beckenbauers und seines damaligen Managers Robert Schwan an eine Anwaltskanzlei in Sarnen in der Schweiz überwiesen. Das Geld landete bei der KEMCO Scaffholding in Katar, die dem ehemaligen Fifa-Skandalfunktionär Mohammed Bin Hammam zugerechnet wird. (…) Bislang ermittelte nur die Staatsanwaltschaft Frankfurt in dem Komplex – gegen die damals Verantwortlichen beim DFB wegen Steuerhinterziehung. Das Schweizer Verfahren gibt dem ganzen Fall eine neue Dimension. Die ‚ungetreue Geschäftsbesorgung‘ wird im Schweizer Recht mit Geldstrafe oder Gefängnis bis zu drei Jahren geahndet, in besonderen Fällen drohen bis zu fünf Jahre Haft. Die Zuständigkeit der Schweizer Bundesanwaltschaft leitet sich daraus ab, dass die Transaktionen über die Schweiz liefen“ (Schmid, Fidelius, Ermittlungen gegen Beckenbauer wegen Geldwäsche und Untreue, in spiegelonline 1.9.2016).
Die Schweizer Bundesanwaltschaft  hat die Durchsuchungen „in enger Kooperation und Zusammenarbeit“ mit den Behörden in der Schweiz und Österreich durchgeführt. Ermittelt wird gegen Franz Beckenbauer, Horst R. Schmidt, Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach. (Hausdurchsuchungen  in Österreich und der Schweiz, in spiegelonline 1.9.2016), aber auch gegen Beckenbauer-Intimus Fedor Radmann, dessen Schweizer Anwesen in Teufen von Polizisten aufgesucht wurde (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Schweiz ermittelt gegen Beckenbauer, in SZ 2.9.2016; Dahlkamp, Jürgen,  Latsch, Gunther, Schmid, Fidelius, Schmitt, Jörg, Finale in Bern, in Der Spiegel 36/3.9.2016).
Dabei wäre Beckenbauer fast das Comeback gelungen. „Seitdem ist Beckenbauer kaum mehr öffentlich in Erscheinung getreten, trotz EM, trotz Trainerwechsel bei seinem FC Bayern. Vor knapp einer Woche durfte er mal wieder baden in warmen Worten. Den Bildern nach schien er Beckenbauer gefehlt zu haben, dieser Zuspruch von seinesgleichen. Gerhard Schröder, Edmund Stoiber, Otto Schily, Karl Hopfner, Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge: Ein Altkanzler, ein Fast-Altkanzler, eine ehemaliger Innenminister und die Bayern-Spezln. Und alle lobten Beckenbauer, Kritik kam nur pflichtschuldig am Rande vor. (…) Schröder und Beckenbauer fielen sich in die Arme. Sind es die Erinnerungen an die WM, die beide verbindet? Oder doch der Arbeitgeber Gazprom, für den Schröder als Vorstandsvorsitzender und Beckenbauer als ‚Sportbotschafter‘ fungiert? Schröder schwärmte jedenfalls von seinem Freund. (…) ‚Er war ein hervorragender Fußballer, Organisator der WM und – das sage ich mit Stolz – Mensch, der sich für sein Land verdient gemacht hat'“ (Rilke, Lukas, Des Kaisers neues Schweigen, in spiegelonline 1.9.2016).
Schröder und Beckenbauer: Gazpromis unter sich…

– Immer noch alles unklar
„Es fällt auf, dass die Schweizer die WM-Gala und die Zahlung von April 2005 im Fokus führen. Just dieser Sachverhalt in der bis heute mysteriösen Affäre schien eindeutig geklärt zu sein. Die windigen Geldbewegungen rund um die WM begannen laut Report der Kanzlei Freshfields, die im Herbst 2015 nach Ruchbarwerden der Affäre vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) eingesetzt wurde und im März 2016 einen Abschlussbericht präsentierte, im Frühjahr 2002. Zwischen dem 12. Mai und dem 8. Juli 2002 flossen demnach von einem gemeinsamen Konto Beckenbauers und seines damaligen Managers Robert Schwan in vier Tranchen sechs Millionen Franken auf ein Anwaltskonto in Sarnen in der Schweiz. Von dort ging das Geld weiter an die Firma Kemco in Katar, hinter der der frühere, in allerlei Affären verwickelte Fifa-Spitzenfunktionär Mohammed Bin Hammam stand. Im August 2002 überwies Louis-Dreyfus zehn Millionen Franken an die Kanzlei: sechs davon gingen an Beckenbauer zurück (Manager Schwan war verstorben), die restlichen vier auch an Bin Hammams Kemco. Angeblich gab es dafür einen Schuldschein von Beckenbauer. Nicht geklärt wird im Report, was in Katar mit dem Geld geschah. 8…) Nach Lage der Dinge gibt es nur zwei Erklärungsmodelle. Entweder diente das Geld dazu, im Nachhinein Fifa-Vorstandsmitglieder für ihr Votum bei der knappen Vergabe der WM 2006 nach Deutschland (12:11 im letzten Wahlgang gegen Südafrika) zu bezahlen. Oder die Zahlung ist im Kontext mit einer schwarzen Kasse für die im Mai 2002 erfolgte Wiederwahl des damaligen Fifa-Präsidenten Sepp Blatter zu sehen. Der Geldwäsche-Verdacht der Schweizer deutet nun darauf hin, dass sie, anders als die gleichfalls tätigen deutschen Steuer-Ermittler, auch wissen wollen, wo genau die Millionen landeten, die an die Baufirma in Katar überwiesen worden waren“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Acht Razzien, fünf Beschuldigte, in SZ 2.9.2016; Hervorhebung WZ).

– Warum Bern ermittelt
„Die Berner Staatsanwälte haben sich in die Ermittlungen eingeschaltet, weil ein Teil des undurchsichtigen deutschen Geschäfts über ein Konto bei der Obwaldner Kantonalbank in Sarnen abgewickelt wurde. Der ‚mutmaßliche Bereicherungsort‘ sei in der Schweiz gewesen, erklärt die Bundesanwaltschaft. Das ist das Besondere an diesem Fall. Denn, dass die Schweiz immer mal wieder zum ‚Bereicherungsort‘ wurde, das ist nicht neu. Neu ist, dass die Strafverfolger in der Schweiz dies nun auch so sehen. Das Verfahren wird vor allem wegen Franz Beckenbauer auf viel Beachtung stoßen und intensiv von den Medien begleitet werden. Wie es ausgehen wird, weiß im Moment noch niemand. Es gilt die Unschuldsvermutung. Die Beteiligten, so viel darf man aber schon einmal sagen, haben bei ihren WM-Mauscheleien gegen das elfte Gebot verstoßen: Du sollst dich nicht erwischen lassen. Nicht einmal mehr in der Schweiz“ (Leyendecker, Hans, Der neue Schweizer Weg, in SZ 2.9.2016).

Warum die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt
„Nicht nur in der Schweiz, auch in der Frankfurter Staatsanwaltschaft sind manche verstimmt. Dort wird wegen der falschen Deklaration der 6,7-Millionen-Überweisung und der daraus resultierenden falschen Steuererklärung wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung gegen Niersbach, Schmidt und Zwanziger ermittelt. Dem Verband selbst droht in der Folge dieses Verfahrens ein Schaden von mehr als 20 Millionen Euro. Der Grund für den behördlichen Unmut hier: Der DFB hatte stets betont, umfänglich zu kooperieren – doch das, so wird nun immer deutlicher, scheint nur bedingt der Fall zu sein. Freshfields sprach bei seiner Arbeit mit allen damals Beteiligten, von Beckenbauer über Radmann bis Niersbach. Die Kanzlei erstellte Protokolle, aber die Aussagen flossen nur teils in den veröffentlichen Report ein. Das Gros der Aussagen bleibt intern – und geht auch nicht an die Ermittlungsbehörden. Freshfields erklärt, die Protokolle ‚waren von vornherein nicht dazu gedacht, an Dritte weitergegeben zu werden‘, sondern seien nur als interne Arbeitsprodukte angefertigt worden. Die Staatsanwaltschaft teilt mit, die Protokolle ‚wären u.U. (unter Umständen) für die weiteren Ermittlungen hilfreich gewesen‘. Das passt so nicht zur Haltung des DFB, der stets Kooperation proklamierte“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Die WM-Affäre geht erst richtig los, in SZ 3.9.2016).

Fifa-Ethikkommission ermittelt gegen DFB
„Der frühere Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Helmut Sandrock, soll gemäß Antrag der ermittelnden Kammer zu Sozialarbeit sowie einer Geldstrafe in Höhe von 50 000 Schweizer Franken verurteilt werden. Die rechtsprechende Kammer des Gremiums muss diesen Antrag nun prüfen. (…) Die Ethiker werfen Sandrock Verstöße gegen mehrere Artikel des Fifa-Codes vor, es geht unter anderem um mangelnde Loyalität und die Nicht-Weitergabe von Information. Gemäß der Erkenntnisse der Kanzlei Freshfields wusste Sandrock ebenso wie sein Stellvertreter Stefan Hans bereits Anfang Juni 2015 von Merkwürdigkeiten rund ums einstige Sommermärchen und eine ominöse Zahlung über 6,7 Millionen Euro. Monate lang verschleierten Niersbach, Sandrock und Hans die Ungereimtheiten und informierten das DFB-Präsidium darüber nicht, ehe die Affäre im Herbst 2015 durch eine Veröffentlichung des Spiegel publik wurde. (…) Unabhängig von der Arbeit des Fifa-Gremiums laufen zudem in der Schweiz strafrechtliche Ermittlungen gegen Beckenbauer, Niersbach, Schmidt und Zwanziger wegen der Umstände der 6,7-Millionen-Zahlung sowie in einem anderen Verfahren des umfangreichen Fußballkomplexes gegen Beckenbauers langjährigen Vertrauten Fedor Radmann“ (Sandrock droht Geldstrafe, in SZ 9.9.2016).

– Beckenbauers „Ehrenamt“ (1)
Franz Beckenbauer war Chef des Organisationskomitees der Fußball-WM 2006 in Deutschland und hat stets – zusammen mit dem DFB – angegeben, diese Tätigkeit als „Ehrenamt“ auszuüben. Tatsächlich hat er dafür 5,5 Millionen Euro erhalten, die in fünf Raten vom Februar 2005 bis Oktober 2006 vom DFB an Beckenbauer ausgezahlt wurden. Grundlage waren zwei Verträge vom DFB mit Beckenbauer vom Oktober 2004 und Oktober 2006. „Erste Hinweise auf den Deal finden sich in einem Report, den die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG 2008 im Auftrag der Fifa erstellt hat. Gegenstand der Prüfung war der Ausrichtervertrag zwischen Fifa und DFB für die WM 2006 in Deutschland. In den Anlagen des Berichts findet sich auch der vom DFB 2004 mit dem staatlichen Sportwettenanbieter Oddset geschlossene Sponsorenvertrag. Oddset wurde damit einer von sechs nationalen Förderern für die Fußballweltmeisterschaft 2006. Insidern zufolge zahlte damals jeder nationale Förderer mehr als zwölf Millionen Euro in die Kasse des WM-OK. Im Falle Oddset gab es aber, laut KPMG-Bericht, noch einen sogenannten Sideletter zugunsten von Franz Beckenbauer. Dieser sah vor, dass Beckenbauer von den dem WM-OK zugedachten Millionen einen erheblichen Teil abbekommen sollte. (…) Erst als das Finanzamt Frankfurt bei einer Steuerprüfung im DFB auf den Vorgang stieß, zahlte der Verband im Dezember 2010 ‚1.160.500 Euro an Abzugsteuer‘. Im März 2011 habe Beckenbauer, so der DFB, das Geld erstattet“ (Beckenbauer hat  5,5 Millionen Euro Honorar erhalten, in spiegelonline 13.9.2016). Da Beckenbauer tatsächlich für Oddset geworben hat, erhebt sich die Frage, warum er nicht direkt einen Vertrag mit Oddset abgeschlossen hat.
Dazu aus einem Kommentar von Jürgen Dahlkamp in spiegelonline: „Ob er die WM mit sauberen Mitteln nach Deutschland geholt hat, ist seit der ungeklärten 6,7-Millionen-Überweisung an einen der korruptesten Fifa-Funktionäre in Katar mehr als fraglich. Und jetzt kommen noch diese 5,5-Millionen Euro vom staatlichen Wettanbieter Oddset hinzu: Geld, das Beckenbauer sich aus dem Sponsorentopf der Sommermärchen-WM gesichert hat, obwohl er immer beteuert hatte, ehrenamtlich für den Traum von der Heim-WM gearbeitet zu haben. (…) Beckenbauer war ein Schönmaler, ein Schlawiner, ein Scheinheiliger, zumindest jenseits des Rasens. Er hat schon immer die Hand aufgehalten, wo es ging; die Höhe seiner Werbeverträge war legendär, sein Umzug in das Steuerparadies Schweiz in den Siebzigern Nachweis eines ausgeprägten und ausgelebten Erwerbstriebs. Damit war Beckenbauer schon früh so, wie heute das ganze Fußballgeschäft ist: vollgestopft mit Geld, aufgepumpt von Gier“ (Dahlkamp, Jürgen, Hätte er doch aufgehört, in spiegelonline 14.9.2016).

– DFB weiß von nichts
„DFB-Chef Reinhard Grindel hat die versteckte Millionenzahlung an Franz Beckenbauer aus dem Budget der Fußball-WM 2006 scharf kritisiert, will von ihr bis vor kurzem aber nichts gewusst haben. ‚Es war bekannt, dass Franz Beckenbauer im Umfeld der WM 2006 als Werbeträger für Oddset tätig war. Es war uns bis Montagnachmittag nicht bekannt, dass er dafür die beachtliche Summe von 5,5 Millionen aus dem Topf für die Organisation der WM 2006 erhalten hat‘, sagte Grindel am Rande des Uefa-Kongresses am Mittwoch in Athen: ‚Man kann vor diesem Hintergrund sicher nicht davon sprechen, dass seine Tätigkeit im OK ehrenamtlich war.‘ Beckenbauer hatte stets betont, ehrenamtlich als WM-Cheforganisator zu arbeiten“ (Grindel kritisiert Beckenbauer scharf, in spiegelonline 14.9.2016).

– „Faule Ausreden des DFB
Dazu aus einem Kommentar in spiegelonline: „Eigentlich ist der Sachverhalt ganz einfach. Franz Beckenbauer war geldgierig und die DFB-Funktionäre waren feige und willfährig. Wie sonst hätten sie zulassen können, dass von den rund 12 Millionen Euro, die Oddset als einer von sechs Hauptsponsoren für die WM 2006 an den DFB überwiesen hat, fast die Hälfte in die Privatschatulle der vermeintlichen Lichtgestalt des deutschen Fußballs wanderte? Doch dieses Eingeständnis scheut der DFB allem Anschein nach wie der Teufel das sprichwörtliche Weihwasser“ (Dahlkamp, Jürgen, Latsch, Gunther, Schmitt, Jörg, Weinreich, Jens, Die faulen Ausreden des DFB, in spiegelonline 14.9.2016). Der Spiegel hat 15 Fragen an den DFB gestellt – DFB-Mediendirektor Ralf Köttker „schickte ein weitschweifiges Statement, das mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet“ (Ebenda). Addset sei im August 2004 als fünfter von sechs Hauptsponsoren geworben worden; da Oddset mit Beckenbauer angeblich einen Werbevertrag hatte, hätte der DFB mit Beckenbauer diese Verträge geschlossen – auf Grundlage eines Beschlusses „im Präsidialausschuss des OK-Aufsichtsrats im Juli 2003“ (Ebenda). Die spiegelonline-Autoren: „Eine erstaunliche Erklärung, denn im Juli 2003 war Oddset noch nicht einmal ansatzweise als nationaler Förderer im Gespräch“ (Ebenda). Zunächst sollte nämlich Müller-Milch Hauptsponsor werden, wogegen sich Coca-Cola sträubte. So wurde Oddset ein später Notnagel (Ebenda). Und der Freshfields-Report, am 4. März 2016 vom DFB präsentiert, hat diesen Teil der DFB-Buchhaltung gar nicht geprüft. „Zugleich erklärte der Verband jedoch, die Kanzlei Freshfields habe im Zuge ihrer durch eine Spiegel-Story im Herbst 2015 ausgelösten verbandsinternen Nachforschungen den Vorgang überprüft und nicht beanstandet. In ‚Grundzügen‘ sei die Sache dem DFB bekannt gewesen. Laut Freshfields-Anwalt Christian Duve, der die Nachforschungen koordinierte, ist die DFB-Spitze während der Untersuchung, also bereits zu Jahresbeginn, darüber informiert worden, dass es Zahlungen an Beckenbauer und Verträge mit Oddset gab. ‚Nähere Informationen zu Verträgen und Konten‘ habe es aber erst am Montag gegeben. Umso erstaunlicher, dass die Zahlung nicht im Schlussreport auftaucht. Duve argumentiert, diese Zahlung sei nicht Teil des Untersuchungsauftrags gewesen. Dem Vernehmen nach soll den Freshfields-Prüfern der Steueraspekt des Beckenbauer-Honorars gar nicht bekannt gewesen sein“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Des Kaisers Ehrenamt, in SZ 15.9.20126).
Dazu die Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestages, Dagmar Freitag (SPD): „Es hätte wohl niemanden verwundert, wenn eine Dotierung des OK-Chefs Beckenbauer von Anfang an kommuniziert worden wäre. So ist die eigentliche Frage, warum es auf keinen Fall bekannt werden sollte“ (Politiker fordern Aufklärung vom DFB, in spiegelonline 15.9.2016).
Und Lothar Müller in der SZ: „Ein Ehrenamt, das er nicht hatte, bringt den Kaiser zu Fall. Das passt ebenso gut zu der Symbolfigur, die Franz Beckenbauer im Lauf der Jahrzehnte geworden war, wie der zufällige Umstand, dass der Name der Sportwette Oddset, die in der Affäre eine Schlüsselrolle spielt, auf Dänisch ‚Schicksal‘ bedeutet. Das ist ein großes, pathetisches Wort. Bei einer Sportwette ist Geld das Schicksal. (…) Natürlich war Beckenbauer als Trainer der deutschen Nationalmannschaft vom DFB angemessen entlohnt worden. Und es wäre nicht ehrenrührig gewesen, wenn er auch als Chef des Organisationskomitees für die WM 2006 ganz offiziell ein Honorar dafür erhalten hätte, dass er die deutsche Bewerbung repräsentierte, die WM nach Deutschland holte und das ‚Sommermärchen‘ als Luftgeist begleitete, der mit dem Hubschrauber von Stadion zu Stadion schwebte. Man kann nur vermuten, warum Beckenbauer, statt eine solche Honorarvereinbarung zu schließen, die Fiktion aufbaute, er übe seine Tätigkeit als Chef des Organisationskomitees ehrenamtlich aus. (…) Der Zusammenbruch dieser überflüssigen Fiktion setzt nun den Schlusspunkt unter die rückwirkende Demontage des Sommermärchens von 2006 durch die immer neue Wendungen nehmenden Enthüllungen über den DFB und die Fifa“ (Müller, Lothar, Der Luftgeist, in SZ 15.9.2016).

Beckenbauers „Ehrenamt“ (2)
Johannes Aumüller und Thomas Kistner recherchierten in der SZ den verschlungenen Vertragsverhältnissen hinterher. „Beckenbauers Anwälte erklärten, die Behauptung, dass ihr Mandant das Geld für die WM 2006 oder ein Ehrenamt erhalten habe, sei falsch. Beckenbauer habe diese Einnahmen aus seinen Werbeaktivitäten auch ‚unverzüglich an seinem Wohnsitz in Österreich ordnungsgemäß versteuert‘. Ähnlich äußerten sich damalige OK-Spitzen wie Horst R. Schmidt oder Theo Zwanziger: Die 5,5 Millionen seien kein Honorar fürs Ehrenamt gewesen, die verspätete Steuerzahlung nur ein administrativer Irrtum. Der frühere Innenminister Otto Schily, damals OK-Mitglied, sagte, nach seiner Erinnerung habe das Kontrollgremium keine Beschlüsse über Zahlungen an Beckenbauer gefasst. Und Oddset erklärte, es habe ‚keine vertragliche Beziehungen (…) zu Beckenbauer‘ gegeben und dementsprechend auch ‚keine Honorarzahlung‘. Inhalt des Vertrages als Nationaler Förderer sei das übliche Sponsorenpaket gewesen. Beckenbauers Werbetätigkeit hingegen bringt die Firma mit dem Staatsvertrag von 2002 in Zusammenhang, mit dem der DFB Mittel erhalten sollte. (…) Der DFB teilt auf Nachfrage mit, dass er noch nicht wisse, wie die Überweisung in den Büchern verbucht worden sei. Seine Experten würden dem noch nachgehen. (…) Beckenbauers Millionen-Salär taucht auch in Dokumenten der Fifa auf. Verbandsnahen Kreisen zufolge gibt es bei einem Prüfbericht der Firma KMPG zur WM 2006 aus dem Jahr 2008 einen sogenannten Sideletter, in dem es um die 5,5 Millionen Euro ging. Schon vor Monaten hatte die Fifa der SZ bestätigt, dass sie bei den WM-Turnieren seit 2010 exklusiv die Vertragsgestaltung mit den nationalen Förderern betreibe; auch schon zuvor habe sie dies häufig getan“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Des Kaisers Ehrenamt, in SZ 15.9.20126).
„Tatsächlich trat zum 1. Januar 2002 ein Staatsvertrag in Kraft. Danach erhielt der DFB zwölf Prozent aus dem Oddset-Gewinn der Bundesländer“ (Dahlkamp, Jürgen, Kramer, Jörg, Latsch, Gunther, Schmitt, Jörg, Weinreich, Jens, Wulzinger, Michael, Simsalabim, in der Spiegel 38/17.9.2016). Dann wurde Oddset nationaler Förderer der WM 2006: „Man zahlte angeblich gut zwölf Millionen Euro, so wie die anderen Sponsoren auch. Das ist das Geld, von dem 5,5 Millionen an Beckenbauer gingen, sorgsam verborgen vor der  Öffentlichkeit. Nur in einem Sideletter waren die Konditionen festgeschrieben. Angeblich bekam Beckenbauer das Geld für entgangene Marketingrechte. Was aber war ihm entgangen? Bei anderen Werbepartnern war Beckenbauer damals schließlich bestens im Geschäft, auch bei den nationalen WM-Sponsoren Postbank und EnBW, denen er angeblich für je 2 bis 3 Millionen Euro sein Gesicht auslieh. Schon vor dem Präsidialbeschluss hatte die Beckenbauer-Seite dem DFB eine Zahl genannt, was sich das Idol angeblich als OK-Chef finanziell so vorstellte: nach SPIEGEL-Informationen rund 7 Millionen Euro“ (Ebenda). Der DFB könnte ein Problem mit Veruntreuung bekommen, da die Millionen für Beckenbauer nichts mit dem Oddset-Sponsorenbetrag von 2004 zu tun hatten,  sondern mit dem 2002 geschlossenen Staatsvertrag (Ebenda).

– Freshfields bestätigt DFB-Version
„Die neue Führung des DFB, so die Kanzlei, habe erst am vergangenen Montag Kenntnis der Vertragsdokumentation bekommen: ‚Wir haben die aktuelle DFB-Führung auch erst am Montag über die genauen Zahlungsbeträge und -flüsse zwischen dem DFB und Franz Beckenbauer informiert‘, heißt es in der Erklärung. ‚Daher ließ sich der gesamte Vorgang für die DFB-Spitze erst an diesem Tag vollständig einordnen und bewerten.‘ Bei den Untersuchungen zuvor habe man den DFB zwar über die Zahlungen an Beckenbauer im Zusammenhang mit dem Oddset-Vertrag unterrichtet, nicht jedoch im Detail, sagte die Kanzlei, die ihre Untersuchung im Auftrag des DFB ausgeführt hatte“ (Darstellung  des DFB von Anwälten bestätigt, in spiegelonline 16.9.2016).

– DFB hätte es wissen müssen
Aus einem Beitrag von Johannes Aumüller und Thomas Kistner in der SZ: „Die Darstellungen von Verband und Kanzlei sind dabei an einer zentralen Stelle widersprüchlich. Es geht im Kern darum, was auf einer Sitzung des DFB-Vorstandes am 4. März (kurz vor der öffentlichen Präsentation) genau dargelegt worden ist – und ob die DFB-Granden bereits damals hätten erkennen müssen, dass Beckenbauer direkt vom Verband seine vielen Millionen erhielt. Die DFB-Spitze erklärt, ihr sei das erst vor wenigen Tagen klar geworden. Freshfields hingegen teilt mit, der Sachverhalt sei schon damals vorgetragen worden. (…) Am Donnerstag dokumentierte nun der Kicker Auszüge aus dem Protokoll jener Zusammenkunft am 4. März. Darin heißt es: ‚Andreas Rettig erkundigte sich nach Honoraren durch den DFB. Prof. Duve (Freshfields-Koordinator der Untersuchung, Anm. d. Red.) erklärte, dass Franz Beckenbauer für die Bewerbungs- und Organisationsphase kein Gehalt bekommen habe. Ein anderer Vorgang betreffe seinen Werbevertrag mit Oddset. Hierfür seien Zahlungen in Höhe von 4,5 Millionen Euro geleistet worden. (…) Noch wichtiger als die Zahl ist aber eine andere Formulierung dieses Protokolls. Es ist der Satz, in dem es heißt, der andere Vorgang betreffe ’seinen Werbevertrag‘ mit Oddset und ‚hierfür‘ seien Zahlungen geleistet worden. Diese Aussagen stimmen so nicht. Es gab keinen Werbevertrag zwischen Beckenbauer und Oddset, wie heute alle Seiten bestätigen. Stattdessen gab es einen Vertrag zwischen DFB und Beckenbauer: Der damalige Chef des Organisationskomitees (OK) stellte sich als Werbegesicht für Oddset zur Verfügung und erhielt dafür Geld. Und auch diese Millionen kamen nicht direkt von der Sportwette, sondern vom Verband. Inhaltlich macht das einen enormen Unterschied“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Ein brisanter Satz am 4. März, in SZ 16.9.2016).

– Nichts davon im Freshfields-Abschlussreport
„Nun aber rückt die Frage in den Raum, als wie umfassend und lückenlos die bisherige Aufklärung überhaupt gelten darf. Denn im Kontext einer erst seit Dienstag bekannten Zahlung an Franz Beckenbauer über insgesamt 5,5 Millionen Euro offenbart sich, dass in den internen DFB-Untersuchungen durch die Kanzlei Freshfields keineswegs alle Bankkonten des Verbandes aus der damaligen Zeit geprüft wurden – sondern nur die des WM-Organisationskomitees (OK). Warum dies ein gewaltiges Problem ist, illustrieren die Details der Beckenbauer-Causa. Fünf Mal erhielt der damalige OK-Chef in den Jahren 2005 und 2006 vom DFB Geld. Es war die Vergütung für einen seltsamen Deal: Beckenbauer stellte sich der Sportwette Oddset als Werbegesicht zur Verfügung, im Gegenzug gab es Geld vom Verband. Zunächst war vorgesehen, das Honorar an die Umsatzentwicklung des Lotto-Blocks zu koppeln; als sich diese nicht so gut wie erwartet entwickelte, wurde laut DFB eine fixe Vergütung festgelegt. Vier Raten flossen von einem Konto des WM-OK an dessen Chef. Eine Tranche aber, und zwar die erste, kam von einem anderen Konto des DFB und belastete erst später das OK-Konto. Freshfields Ermittler konnten die Zahlung deshalb zunächst nicht richtig zuordnen. Und der Verband selbst fand sie erst Anfang dieser Woche, nach Medienanfragen zum Thema. Nun ist die Frage, warum sich die internen Ermittler nicht um die DFB-Konten gekümmert haben. Im Schlussreport von Freshfields vom 4. März heißt es, die Kanzlei habe lediglich Überweisungen von und auf Bankkonten des WM-OK sowie der DFB-Wirtschaftsdienste GmbH ausgewertet, insgesamt 92 Aktenordner. Es folgt ein bemerkenswerter Satz: ‚Die Bankkonten des DFB selbst haben wir hingegen auftragsgemäß nicht überprüft’“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Eine Million von einem anderen Konto, in SZ 17.9.

– DFB hat keine Zeit für Sportpolitiker
„Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat erhebliche Irritationen ausgelöst, weil er seine Teilnahme an der für Mitte Dezember angesetzten Sondersitzung des Sportausschusses des Bundestages abgesagt hat. Bei dieser Zusammenkunft will sich der Ausschuss erneut mit den dubiosen Vorgängen rund um die Vergabe der Fußball-WM 2006 beschäftigen. Ebenso soll es darum gehen, dass Franz Beckenbauer als damaliger Chef des Organisationskomitees vom DFB 5,5 Millionen Euro erhielt. Zu dieser Sitzung lud der Sportausschuss auch den DFB ein. In Berlin stört man sich vor allem an der Art und Weise der Absage. In einem von Generalsekretär Friedrich Curtius unterschriebenen Brief, über den zunächst die Rheinische Post berichtete, wurde auf ‚längerfristige terminliche Verpflichtungen‘ verwiesen. Zudem heißt es dort: ‚Anlässlich dieses Schreibens erlauben wir uns auch die Zuständigkeit des Deutschen Bundestags in dieser Angelegenheit kritisch zu hinterfragen‘“ (Verärgerte Politiker, in SZ 14.10.2016; Hervorhebung WZ).
Der DFB hat einfach keine Lust, den Sportpolitikern Rede und Antwort zu stehen. Kann man ja verstehen angesichts der DFB-Vergangenheit in Zusammenhang mit dem „Sommermärchen“… für das der deutsche Steuerzahler Milliarden bezahlen musste!

– Grindel lobt immer noch Sommermärchen – Ende Oktober 2016
„DFB-Präsident Reinhard Grindel legt dar, dass Deutschland für die Europameisterschaft 2024 auch ein großartiger Gastgeber wäre. ‚Wir haben alles das, was man für so eine Veranstaltung braucht: die Stadien, die Infrastruktur und auch die Stimmung der Fans für ein weiteres Sommermärchen, das wir uns alle wünschen.‘ Hätte man dem Mann aber auch sagen können, dass Sommermärchen aufgrund dubioser Finanzbewegungen rund um die WM 2006 derzeit eher eine ungünstige Wortwahl ist“ (Effern, Heiner, Leichtes Spiel, in SZ 28.10.2016).

– Merkel zeichnet „Sommermärchen“-Trainer Jürgen Klinsmann aus, Grindel lobt weiter
Am 3.11.2016 erschien Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem DFB-Bundestag in Erfurt und ernennt Klinsmann zum „Ehrenspielführer“ des DFB. DFB-Präsident Reinhard Grindel lobt das „Sommermärchen“ immer noch – als sei nichts geschehen: „Die WM 2006 bleibt ein Ereignis, über das wir uns bis heute freuen und auf das wir stolz sein können“ (Aumüller, Johannes, Das Sommermärchen wird zum Ehrenspielführer, in SZ 4.11.2016). Dazu Johannes  Aumüller: „Das ist ein recht erstaunlicher Satz, so ziemlich genau ein Jahr nach dem wichtigsten Ereignis der abgelaufenen DFB-Legislaturperiode: dem Aufkommen der WM-Affäre, bei der noch so viele merkwürdige Transaktionen und Vorgänge nicht aufgeklärt sind. Vor allem, weil es zur WM-Affäre nahezu keinen Satz eines DFB-Oberen gibt. (…) Der knappe mahnende Part obliegt allein dem für Sport zuständigen Innenminister Thomas de Maizière, der gleich den Fußball-Weltverband (Fifa) und dessen vielen Skandale mit einschließt. ‚Die vollständige Aufarbeitung der Vergabe-Entscheidung steht noch aus. Der DFB und die Fifa sind weiterhin gefordert bei der internen Aufarbeitung‘, sagt der CDU-Politiker. ‚Ich zähle darauf, dass die Aufklärungsarbeit vorangeht – mit gegenseitiger Unterstützung, wo es möglich ist, und mit Härte, wo es nötig ist.‘ Ein Festakt ist immer ein Abend, an dem viel Applaus ertönt. Nach diesem Satz erfolgt keiner“ (Ebenda).

– 100 Prozent für Grindel
„„Am Freitag (4.11.2016; WZ) wählen die 620 Delegierten aus Regional- und Landesverbänden sowie den Vertretern des Ligaverbandes den DFB-Präsidenten. Einziger Kandidat ist Amtsinhaber Reinhard Grindel“ (Der DFB-Bundestag im Livestream, in faz.net  3.11.2016). – „Reinhard Grindel bleibt Präsident de Deutschen Fußball-Bundes. Der 55-Jährige wurde beim Bundestag in Erfurt für drei weitere Jahre gewählt. Die Wahl fiel einstimmig aus“ (Grindel bleibt DFB-Präsident, in spiegelonline 4.11.2016; Hervorhebung WZ).

– DFB-Ethikkommission light
„Ethikkommission – das klingt in diesen Tagen immer gut. Beim Weltverband Fifa gibt es bereits seit 2013 ein solches Komitee, das zumindest im vergangenen Jahr recht umfangreich sanktioniert hat. Aber DFB-Boss Grindel räumt selbst ein, dass ein Vergleich mit dem Fifa-Ethikerstab nicht möglich sei. Fünf Mitglieder umfasst das DFB-Gremium, darunter als Vorsitzenden den früheren Außen- und Justizminister Klaus Kinkel (FDP). Der 79-Jährige und seine Mitstreiter sollen vor allem beratend, im Bedarfsfall auch ermittelnd tätig sein. Compliance-Experten monieren, dass Grindel selbst die Mitglieder requirierte, dabei sollten diese doch im Zweifel gegen den Präsidenten selbst ermitteln. Für die Urteile zu etwaigen Erkenntnissen der Kinkel-Kommission wiederum gibt es keine eigene rechtsprechende Ethikkammer wie bei der Fifa. Das übernehmen stattdessen die Vorsitzenden von Sportgericht und Bundesgericht des DFB, jeweils ergänzt um zwei Ethik-Beisitzer“ (Aumüller, Johannes, Attacke auf die Cappuccino-Eltern, in SZ 5.11.2016).

– DFB-Finanzen mau
„Künftig findet der Bundestag auch aus finanziellen Gründen immer in Frankfurt statt. Die Kosten für den WM-Prüfreport der Kanzlei Freshfields fallen offenkundig noch höher aus als die bisher bekannten 5,5 Millionen Euro. Im Hintergrund schwelt weiter die Drohung, dass dem Verband fürs WM-Jahr 2006 nachträglich die Gemeinnützigkeit entzogen wird und es entsprechende Strafen gibt. Und dass die budgetierten 109 Millionen Euro für den geplanten Neubau der Verbandszentrale nicht reichen, ist bereits klar. Die Kostenkalkulation schießt derart hoch, dass es 2017 auf einem außerordentlichen Bundestag einen Extra-Beschluss zur Akademie geben soll“ (Aumüller, Johannes, Attacke auf die Cappuccino-Eltern, in SZ 5.11.2016; Hervorhebung WZ).

– DFB-Sommermärchen 2016
„Nur deshalb, weil die DFB-Akteure auch bei der Sommermärchen-Akquise das taten, was die ehrenwerte Fifa-Familie begehrte, wurde nun das Erfurter Thronamt nötig. Damals flossen 6,7 Millionen Euro in korrupte Kanäle, das ganze Honoratiorenkollektiv musste die Bühne räumen. Größen wie Franz Beckenbauer, Theo Zwanziger und Horst R. Schmidt; auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach verstrickte sich so tief in der eigenen Ahnungslosigkeit, dass nur der Rückzug blieb. Die Fifa-Ethiker haben ihn suspendiert, Prozesse gegen die anderen laufen. Und weil der Ex-CDU-Abgeordnete (Reinhard Grindel; WZ) bereits seit März Regie führt, lässt sich schon sagen, dass er kein Erneuerer ist, sondern die logische Fortführung des alten DFB-Kurses. (…) Fürs Erste hat der DFB mit Grindel die Reihen wieder geschlossen. Schon zweifelt er die Zuständigkeit des Bundestags in der WM-Affäre an. Auch der Deal mit Infantino/Ceferin lief in der alten Fahrrinne: Bei Ceferins Kür zum Uefa-Chef ging es auch darum, den EM-Zuschlag 2024 festzuzurren. Das nächste Märchen. Der Fußball kriegt, was er verdient. Wer sagt denn, dass Grindel nicht der Richtige ist in einem Land voller Fußballmärchen, wo der DFB-Boss, anders als anderswo, die Bedeutung eines Nebenkanzlers besitzt? Und zeigt nicht die WM-Affäre, dass im Fußball multiples Organversagen kein Grund zur Beunruhigung ist?“ (Kistner, Thomas, Der Schwalbenkönig, in SZ 5.11.2016).

– Auch Radmann kassierte Millionen
Fedor Radmann war von 2001 bis  30.6.2003 Vizechef des WM-2006-Organisationskomitees. Ab September 2003 war Radmann als Berater tätig. „Laut eines Berichts der Bild-Zeitung soll Radmann für seinen Job als Vize-Chef des WM-Organisationskomitees und später als Berater drei Millionen Euro erhalten haben“ (SID, Drei Millionen für Radmann, in SZ 7.11.2016).
Dazu schreiben Johannes Aumüller und Thomas Kistner in der SZ: „Von Januar 2001 bis Juni 2003 erhielt Radmann demnach als Vize-Präsident des Organisationskomitees (OK) 60 000 Mark pro Monat sowie insgesamt 1,4 Millionen Mark an Provisionen für WM-Werbeverträge. Im November 2001 gab es eine Bonuszahlung von 500 000 Mark. Als Mitte 2003 die SZ aufdeckte, dass Radmann nicht wie behauptet dem OK all seine Geschäftsbeziehungen offengelegt hatte, verließ er das Gremium – und erhielt 250 000 Euro Abfindung. Aber schon im Herbst war er wieder dabei, nun als Berater des OK; dafür gab es fortan 320 000 Euro jährlich. Eine letzte Zahlung von 30 000 Euro erfolgte im November 2007, weit nach Ende der WM. (…) Daneben erhebt sich auch die Frage, wie der DFB und die von ihm mit der Sommermärchen-Untersuchung beauftragte Kanzlei mit dem Thema umgingen. Den Freshfields-Ermittlern waren Radmanns Verträge nach DFB-Angaben durchaus bekannt – nur tauchen sie im Bericht quasi nicht auf. Vermerkt ist lediglich, dass Radmann nach der Vergabe des Turniers 500 000 Mark als Bonus für den Zuschlag erhielt. Diese Verträge fehlten, ‚weil sie nach Prüfung und Einordnung durch die Kanzlei Freshfields in keiner Verbindung zu den im Kontext der WM 2006 geflossenen 6,7 Millionen Euro stehen‘, teilt der DFB mit“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Die geheimen Millionen für den Strippenzieher, in SZ 8.11.2016).
Und Andreas Rüttenauer in der taz: „Fedor Radmann hat also für das Organisationskomitee der WM 2006 gearbeitet, und zwar in unterschiedlichen Funktionen. Ohne den Strippenzieher des deutschen Sports geht es einfach nicht. Er hat schon bei den Olympischen Spielen in München 1972 mitgemischt. Doch er war mehr, bei Adidas war er für internationale Beziehungen zuständig. Auch für die Medienunternehmen der Kirch-Gruppe war er als Berater unterwegs. Dass er seine Beratertätigkeit weitergeführt hat, als er 2001 zum Vizepräsidenten des Organisationskomitees für die WM 2006 bestellt war, ist so unsauber gewesen, dass er seinen Posten aufgeben musste. Er bekam dann einen Beratervertrag. Der Mann lebt jetzt in der Schweiz. Dort ermittelt die Bundesanwaltschaft im Zusammenhang mit der Vergabe der Fußball-WM 2006 wegen Geldwäsche und Untreue gegen ihn. Auch das ist allgemein bekannt. (…) Was so ein Strippenzieher genau macht, man weiß es nicht so ganz genau. Hier geht es dem DFB auch nicht viel anders als all den ratlosen Beobachtern, die sich immer wieder die Augen reiben, wenn die immer selben Berater auftauchen, sobald es um die Vergabe eines großen Sportereignisses geht. (…) Warum einer, den man entfernen muss, weil er Mist gebaut hat, ein Abfindung erhält, das wüssten wir dann doch gern. Jedenfalls verdiente Radmann danach als Berater noch 320.000 Euro pro Jahr“ (Rüttenauer, Andreas, Ein schmutziges Sommermärchen, in taz.de 9.11.2016; Hervorhebung WZ).

– DFB gegen Ex-Vize-Generalsekretär
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und sein früherer Vize-Generalsekretär Stefan Hans trafen sich wieder einmal vor Gericht. „Wie am Dienstag bekannt wurde, hat der Verband gegen ein Teilurteil des Arbeitsgerichtes Frankfurt Berufung eingelegt. Dieses hatte die fristlose Entlassung des Funktionärs, die zu Beginn der WM-Affäre im vergangenen November erfolgte, als rechtswidrig eingestuft. Der DFB zieht nun vors Landesarbeitsgericht. (…) Der DFB wirft dem Ex-Funktionär vor allem vor, dass dieser im Sommer 2015 nicht über den Fund eines brisanten Dokumentes informiert habe. Dabei handelt es sich um den auf den 2. Juli 2000 und damit kurz vor die Vergabe der WM 2006 datierten Vertrag, den Franz Beckenbauer als Chef des deutschen WM-Komitees sowie der skandalumtoste Fifa-Wahlmann Jack Warner unterzeichneten und der Warner erhebliche Leistungen zusicherte“ (In die Berufung, in SZ 9.11.2016).

– Grindel betet gesund
DFB-Präsident Reinhard Grindel im SZ-Interview: „Der DFB hat als Sportverband alles getan, was die Umstände der damaligen Zahlung von 6,7 Millionen Euro anbelangt. Wir hatten eine millionenschwere unabhängige Untersuchung durch die Kanzlei Freshfields. Wir haben den gesamten Zahlungsfluss vom ehemaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus bis zum ehemaligen Fifa-Funktionär Mohammed bin Hammam im Jahr 2002 aufgeklärt, und den Rückfluss im Jahr 2005 vom WM-Organisationskomitee über die Fifa zu Louis-Dreyfus. Ich möchte von denen, die an den DFB offene Fragen haben, wissen, was wir hätten tun sollen. Wo unsere Unzulänglichkeiten sind. (…) Wir können doch Herrn bin Hammam nicht zwingen, uns zu sagen, wofür das Geld eingesetzt wurde. Wir haben mit Katars Verband gesprochen, mit dem Organisationskomitee der WM 2022 und mit dem Botschafter auch. Alle sagen, sie hätten keinen Einfluss auf bin Hammam. Und bin Hammam äußert sich nicht. (…) Franz Beckenbauer ist wegen seiner großen sportlichen Verdienste Ehrenspielführer geworden, diese Verdienste bleiben immer bestehen. (…) Einstweilen muss man bei jedem unterstellen, dass er bei Freshfields die Wahrheit gesagt hat“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, „Wir haben alles getan“, in SZ 12.11.2016). – Zur Frage des Honorars von drei Millionen Euro an Fedor Radmann sagte Grindel: „Ich habe davon im Zusammenhang mit den Presseveröffentlichungen erfahren“ (Ebenda). – Zur Frage, wann er vom millionenschweren Werbevertrag von Franz Beckenbauer mit Oddset wusste, sagte Grindel: „Erst seit Mitte September, als Presseanfragen eingingen“ (Ebenda). – Zur Frage, warum die Zahlungen nicht im Freshfields-Bericht auftauchten: „Im Freshfields-Bericht ging es um die 6,7 Millionen Euro. Alles andere sind Fragen, die allgemein auf das Geschäftsgebaren des WM-OK abzielen“ (Ebenda). – Zur Frage nach Unregelmäßigkeiten zur WM-Vergabe 2006: „ . . . wo ist da die Unregelmäßigkeit mit Blick auf die WM-Vergabe? … Im Nachhinein kann man sagen, dass es auch richtig gewesen wäre, uns darüber zu informieren. Es darf aber nicht der Eindruck erweckt werden, dass der DFB irgendetwas nicht offengelegt hätte, im Gegenteil. Wir haben alles transparent veröffentlicht. Man kann uns nicht vorwerfen, dass wir Dinge, die wir nicht kennen, nicht veröffentlichen“ (Ebenda).

– DFB-„Erdbeben“-Datei gefunden
„Bei Publikation des Abschlussreports am 4. März legte Freshfields dar, verschiedene Dateien seien mit Passwörtern geschützt und die Entschlüsselung bis zur Fertigstellung des Berichts nicht möglich gewesen. In einer Fußnote verwies die Kanzlei etwa auf eine Datei namens ‚Komplex Jack Warner‘, die der frühere, ob seines Verhaltens in der Affäre entlassene stellvertretende DFB-Generalsekretär Stefan Hans Mitte November angefertigt habe. Aber das soll keineswegs die Datei mit dem auffälligsten Namen gewesen sein. (…) Die Staatsanwaltschaft Frankfurt teilt der SZ mit, sie habe verschlüsselte Dateien im Kontext der WM-Affäre ‚lesbar‘ gemacht. Die Behörde ermittelt wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung im besonders schweren Fall, weil der Verwendungszweck für die Überweisung von 6,7 Millionen Euro des Organisationskomitees falsch angegeben war und diese als Betriebsausgabe geltend gemacht werden sollten“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Geheimnisvolle Dateien, in SZ 16.11.2016). – „Ein Unterordner in der Dateiablage des damaligen Vize-Generalsekretärs Stefan Hans trug gemäß heutiger Darstellung des DFB den Titel ‚Erdbeben‚. Eine der Dateien darin hieß sogar ‚Komplex Jack Warner‚ – war also nach dem Fifa-Skandalfunktionär benannt, der in der WM-Affäre eine zentrale Rolle spielt. Das klang nach bedeutenden Informationen. Nur: Die Datei war verschlüsselt. Und ist es bis heute. Erst am vergangenen Montag ging das Dokument mit den brisanten Begriffen überhaupt an die Staatsanwaltschaft Frankfurt, die im Sommermärchen-Komplex ermittelt. (…) Warner geriet auch in den Fokus des mutmaßlichen Verfassers des ‚Erdbeben‘-Ordners Stefan Hans. Der Vizegeneral des DFB war in der Skandalaufarbeitung die Kernfigur. Der Vertraute des damaligen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach suchte im Sommer und Herbst 2015 intern nach dubiosen Vorgängen. Dabei stieß er auf Dokumente zu den 6,7 Millionen Euro. Und er fand einen Vertrag, der auf den 2. Juli 2000 und damit vier Tage vor die knapp gewonnene WM-Vergabe 2006 datiert: Das Papier trägt die Signatur von Franz Beckenbauer und Warner; es sicherte dem Fifa-Wahlmann ein millionenschweres Leistungspaket zu. Hans und Niersbach informierten das übrige Präsidium nicht korrekt über den Fund. (…) Erst in der Vorwoche war Bewegung in den Fall gekommen. Da konfrontierte die SZ Grindel bei einem Interview mit offenen Fragen zum Freshfields-Report, auch zu der Datei. Daraufhin, stellt der DFB dar, habe Grindel intern nachgehakt, ob die ‚Erdbeben‘-Datei tatsächlich der Staatsanwaltschaft vorliege. Jörg Englisch, Leiter der Rechtsabteilung, habe die Behörde kontaktiert. Schließlich sei am Montag ein Steuerfahnder in der DFB-Zentrale aufgetaucht, um die Datei zu sichern. Löst das ‚Erdbeben‘ also ein Jahr nach seiner Erstellung jetzt neue Eruptionen rund um das Sommermärchen aus? Die These des DFB, es sei zur Aufklärung alles getan worden, hat es jedenfalls zerstört“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Spätes Erdbeben, in SZ 18.11.2016).

– Frankfurter Arbeitsgericht entscheidet gegen DFB
Kurzdarstellung nach dem Artikel von Gunther Latsch im Spiegel: Anfang November 2016 winkt der DFB-Bundestag in Erfurt den Antrag Nr. 16 durch, dass der Generalsekretär und die für Recht und Finanzen zuständigen Direktoren „in Fällen sportpolitischer Bedeutung“ den DFB-Präsidialausschuss informieren“ (Latsch, Gunther, Klatsche, in Der Spiegel 47/19.11.2016). Das hat einen „Sommermärchen“-Hintergrund. Beckenbauer-Intimus Fedor Radmann hatte den damaligen stellvertretenden DFB-Generalsekretär Stefan Hans Anfang Juni 2015 informiert, dass es „Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit der WM 2006“ gäbe. Hans wollte mit dem damaligen Generalsekretär Helmut Sandrock Dr. Koch und weitere Mitglieder des Präsidiums informieren. Der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach habe dies abgelehnt. Hans wurde im November 2015 fristlos entlassen, „weil er brisante Informationen im Zusammenhang mit der WM 2006 nur an Präsident Wolfgang Niersbach und Generalsekretär Helmut Sandrock weitergeleitet hatte. Nicht aber an den für Rechtsangelegenheiten zuständigen Vizepräsidenten Koch“ (Ebenda). Das Gericht: Niersbach selbst wurde vom DFB nie sanktioniert. Schlussfolgerung: „Wer Niersbach davonkommen lässt, darf Hans nicht entlassen“ (Ebenda). Der neue DFB-Präsident Reinhard Grindel sieht dies unproblematisch: „Wie Grindel angesichts solch unstreitiger Fakten zu der Aussage kommt, es gebe ‚keinerlei Anzeichen dafür, dass die WM gekauft‘ worden sei, ist nicht nachvollziehbar“ (Ebenda).

– Thomas Kistner: „Die Affäre in der Sommermärchen-Affäre“
„Jetzt gibt es die Affäre in der Sommermärchen-Affäre. Die neue DFB-Spitze unter Reinhard Grindel, die anlässlich der Aufklärungsversuche zu einer falsch deklarierten und offenbar korruptionsbedingten 6,7-Millionen-Euro-Zahlung des Organisationskomitees für die WM 2006 ihre Altvorderen abservieren musste, wird selbst zum Ziel delikater Fragen. Grindel und Co. haben einen angeblich tief empfundenen Aufklärungseifer bisher wie einen Anstrich aus Leuchtfarbe getragen. Nun finden sich Dateiträger, die Aufschlussreiches zu der Frage bergen könnten, wie die WM tatsächlich nach Deutschland kam – und die dessen ungeachtet ein Jahr lang im Hause DFB ruhten. Oder vielleicht gerade deshalb? (…) Aus heutiger Sicht wirkt es wie eine feine List, dass die Warner-Datei zwar im Affären-Abschlussbericht vom 4. März in einer Fußnote en passant genannt wird, das Thema ‚Erdbeben‘ samt aller komplizierten Sichtungsbemühungen aber nirgendwo Erwähnung fand. Und das, obwohl der Schlussreport der Kanzlei Freshfields sonst immer wieder resigniert auf Schüsselakten zur WM verweist, die aus dem DFB-Archiv verschwunden sind. (…) Daneben steht eines außer Frage: Dass der organisierte Fußball und sein kommerzialisierter Ligabetrieb nichts weniger brauchen als einen WM-Skandal. Ob jemals ein Wunsch, den Ball hier flach zu halten, an die DFB-Aufklärer signalisiert wurde oder ob diesbezüglich sowieso keine Differenz zwischen Verbandspitze und Gesamtbetrieb herrscht, kann dahingestellt bleiben. Allein die Tatsache, wie Grindel und Liga-Vertreter bisher stets betonen, die hauseigene Untersuchung habe gezeigt, dass die WM 2006 nicht gekauft wurde, muss Argwohn schüren“ (Kistner, Thomas, Einladung zum Argwohn, in SZ 21.11.2016).

– Schweizer Bundesanwaltschaft will DFB-Datei
Ein Sprecher teilte der SZ mit: „Diese Informationen sind durchaus von Interesse für die Bundesanwaltschaft“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Schweizer wollen DFB-Datei, in SZ 24.11.2016). – „Von Problemen mit der Öffnung, wie vom DFB dargestellt, habe man ’noch nie gehört‘, heißt es dazu“ (Ebenda).

– Neue Razzien
„Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat neue Hausdurchsuchungen in der Affäre um eine Millionenzahlung des Deutschen Fußball-Bunds DFB im Rahmen der WM-Vergabe 2006 durchgeführt. Die Ermittlungen wurden nun auch auf den ehemaligen Fifa-Generalsekretär Urs Linsi ausgeweitet. Das gaben die Behörden bekannt. Demnach seien die Hausdurchsuchungen in der vergangenen Woche durchgeführt worden und stehen mit Linsi im Zusammenhang. Im vergangenen Jahr hatte die Bundesanwaltschaft gegen Franz Beckenbauer, Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach und Horst R. Schmidt ein Verfahren wegen des Verdachts des Betrugs, der ungetreuen Geschäftsbesorgung, der Geldwäsche sowie Veruntreuung eingeleitet“ (Neue Razzien in der Schweiz, in spiegelonline 30.11.2016). – Linsi war „über Jahre oberster Fifa-Hauptamtlicher und einer der engsten Vertrauten von Sepp Blatter. (…) Wirklich Auskunft über den Wahren Verwendungszweck könnten nur wenige Eingeweihte geben – Linsi zählt zum zentralen Mitwisserkreis. Er war 2007, nach einer bizarr hohen Millionen-Abfindung bei der Fifa, in die Schweizer Finanzwelt zurückgekehrt“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Razzia bei Blatters Strippenzieher, in SZ 1.12.2016).

– Neues von der „Erdbeben“-Datei (I): Staatsanwaltschaft öffnet Datei in 24 Tagen
Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hat der SZ Mitte Dezember 2016 mitgeteilt, dass die vom Vize-Generalsekretär Stefan Hans verschlüsselte Datei „Erdbeben“ am 12.12.2016 geöffnet werden konnte – und das bei geringstem Personalaufwand. „Im Herbst 2015 hatten Verband und Freshfields-Ermittler die ‚Warner‘-Datei gefunden, abgelegt in einem Ordner mit dem vielsagenden Titel ‚Erdbeben‘. Angefertigt wurde sie nach Aktenlage neun Tage nach einer Razzia der Staatsanwaltschaft in der DFB-Zentrale. Autor war offenkundig der kurz darauf gefeuerte Vize-Generalsekretär Stefan Hans; der war Monate zuvor von der alten Verbandsspitze mit der internen Spurensuche zur Affäre beauftragt worden. Nicht mal mit den von Hans gelieferten Passwörtern sei die Datei zu öffnen gewesen, trug die neue DFB-Spitze bisher vor. Drei Monate sei daran herumgedoktert und dabei auch der Rat externer Computer-Experten eingeholt worden. Das Resultat war, auf weitere Öffnungsversuche zu verzichten. Der Kanzlei Freshfields zufolge, so ließ der DFB wissen, sei ’selbst bei einem hohen finanziellen und zeitlichen Aufwand (neun bis zwölf Monate) nicht zu garantieren, dass die Datei überhaupt zu öffnen ist’“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Ermittler knacken Erdbeben-Datei, in SZ 15.12.2016). Der DFB hatte diese Datei der Staatsanwaltschaft von sich nicht aus übergeben. „Weder auf ihrer Präsentation noch in zahllosen Mediengesprächen danach lenkten die DFB-Bosse das Thema auf die Datei. Das taten sie dann in einem Rahmen, der für Öffentlichkeit und Behörden abgeschottet war: in einer nicht-öffentlichen Sitzung des Bundestag-Sportausschusses. Dort verriet Vize Rainer Koch am 13. April, dass es eine Datei gebe, die der DFB gern öffnen würde, ohne sie konkret zu benennen. Entgegen stünden aber die hohen Kosten und der zeitliche Aufwand“ (Ebenda).
Klar ist: Mit der selbst gerühmten radikalen Aufklärungsbereitschaft war es unter dem  Interimspräsidium Rainer Koch und Reinhard Rauball genauso wenig weit her wie unter dem jetzigen DSFB-Präsidenten Reinhard Grindel. Und das wird wohl auch so bleiben.

– Kritik aus der Politik
„Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat eine womöglich heikle Datei in der WM-2006-Affäre entschlüsselt, das bringt die neue Spitze des Deutschen Fußball-Bund (DFB) wegen ihres Umganges mit diesem Dokument immer stärker in die Kritik. ‚Ich kann wirklich nur noch mit dem Kopf schütteln. Der DFB hat nicht nur nicht alles dafür getan, um den Skandal aufzuklären – sondern der Verdacht liegt leider nahe, dass versucht wird, weiterhin zu vertuschen‘, sagt Özcan Mutlu, Sportpolitiker der Grünen im Bundestag. (…) Für André Hahn (Die Linke) zeigt der Vorgang, ‚dass sich der Aufklärungswille des DFB sehr in Grenzen gehalten hat‘. Die Parlamentarier wollen den Umgang mit der Datei bei einer Sportausschuss-Sitzung im Januar thematisieren, bei der auch ein DFB-Vertreter erscheinen soll“ („Schade und sonderbar“, in SZ 16.12.2016).

– Neues von der „Erdbeben-Datei“ (II): keine neuen Erkenntnisse
Die Frankfurter Staatsanwaltschaft gab Mitte Dezember 2016 bekannt, dass die Jack-Warner-Datei des ehemaligen stellvertretenden DFB-Vize-Generalsekretärs Stefan Hans „keine neuen Erkenntnisse“ gebracht hätte (Aufatmen ja, Entwarnung nein. in SZ 17.12.2016). Dies gilt allerdings eventuell nur für das Verfahren der Staatsanwaltschaft bezüglich des Verdachts einer Steuerhinterziehung des DFB.

– Niersbach ist endgültig out
„Die Berufungskommission des Fußball-Weltverbands Fifa hat die einjährige Sperre gegen Wolfgang Niersbach bestätigt. (…) Niersbach habe mit seinem Verhalten gegen mehrere Artikel des Fifa-Ethikcodes verstoßen“ (Fifa bestätigt Niersbach-Sperre, in spiegelonline 16.12.2016). Damit bleibt der ehemalige DFB-Präsident bis 25.7.2016 für alle Ämter im nationalen und internationalen Fußball gesperrt. Er könnte noch vor den Cas ziehen. – „Seine Funktionärskarriere ist damit beendet, er selbst gab am Freitag als ‚persönliche Konsequenz‘ bekannt, dass er seine Vorstandsämter in den internationalen Gremien Fifa und Uefa aufgeben werde. Der neue DFB-Chef Reinhard Grindel will Niersbach nun auch auf diesen Posten beerben“ (SID, Niersbach-Aus, in SZ 17.12.2016).
Vom Sportjournalisten Niersbach zum Sportjournalisten Grindel… Was pflegt Thomas Kistner immer zu sagen: Ein Sportjournalist ist ein Fan, der es hinter die Absperrbänder geschafft hat.

– Neues „sauberes“ Sommermärchen?
„Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) bewirbt sich um die Austragung der Europameisterschaft 2024. Das hat das Präsidium des Verbands einstimmig beschlossen, wie der DFB mitteilte. (…) Zuletzt hatte die Europameisterschaft 1988 in der Bundesrepublik stattgefunden. 2006 fand die WM in Deutschland statt. Das Bewerbungsverfahren überschattet seitdem ein Korruptionsverdacht, wie der SPIEGEL 2015 aufdeckte. (…) Der DFB wird sich mit zehn Stadien beziehungsweise Spielorten bewerben. (…) DFB-Präsident Reinhard Grindel sagte: ‚Wir werden eine erstklassige Bewerbung einreichen und dabei sehr genau darauf achten, dass wir in einem transparenten, nachvollziehbaren Prozess die möglichen zehn Spielorte auswählen'“ (Deutschland  bewirbt sich um die  Euro, in spiegelonline 20.1.2017). Bis 27.4.2018 müssen Bewerber die Unterlagen für die EM 2024 bei der Uefa einreichen.

– Gazpromi Gerhard Schröder: Sommermärchen bleibt Sommermärchen
„’Das Sommermärchen bleibt ein Sommermärchen‘, sagt Schröder – egal, auf welche Weise Deutschland den Zuschlag für die WM 2006 bekommen habe. Und die Diskussion um die WM in Russland sei ‚eine unsinnige Debatte‘. Er werde jedenfalls hinfahren“ (Marwedel, Jörg, Freund kontrolliert Freund, in SZ 24.1.2017 – genialer Titel!). – „‚Das Sommermärchen bleibt ein Sommermärchen und zwar mit außerordentlichen positiven Auswirkungen für das Image Deutschlands in der Welt‘, sagte Schröder in Hannover. Der ehemalige Bundeskanzler wurde dort als neuer Aufsichtsratsvorsitzender von Hannover 96 vorgestellt“ („Sommermärchen bleibt Sommermärchen“, in spiegelonline 23.1.2017).
Muss er wohl – schon wegen seinem russischen Arbeitgeber!

– Kein Interesse am Warner-Vertrag
„Nach SZ-Recherchen blieb diese Kooperation zunächst ausgerechnet bei einem zentralen Dokument der Affäre aus: einem Vertrag der deutschen WM-Werber um Franz Beckenbauer mit einem der korruptesten Skandalfunktionäre des Weltverbands FifaJack Warner. Dabei ist es dieser Vertrag, der die These, wonach Deutschland den Zuschlag für die WM 2006 ohne Bestechung und Stimmenkauf erhielt, am massivsten erschüttert. (…) Aber es gerät auch die Zurückhaltung in den Fokus, welche die neue DFB-Spitze unter Reinhard Grindel pflegt, wenn es um den Umgang mit der Causa Jack Warner geht. Der Vertrag? Obwohl er im Herbst 2015 von der heutigen Führung in einer ersten Reaktion noch als klares Indiz für mögliche Bestechung gewertet wurde, spielt er heute in der Betrachtung der WM-Affäre nahezu keine Rolle mehr. Das Dokument wurde am 2. Juli 2000 vom damaligen Bewerberchef Beckenbauer unterschrieben. Es sicherte Warner und dessen Nord- und Mittelamerika-Verband Concacaf Leistungen im Wert von etwa zehn Millionen Mark zu; unter anderem Ticketkontingente der Topkategorie für das Turnier. Vier Tage nach der Unterzeichnung holte Deutschland die WM, mit 12:11 Voten gegen Südafrika. Die Person Warner, der Zeitpunkt, die exorbitante Summe. Um Stimmenkauf soll es dabei nicht gegangen sein? In ihrer Befragung durch Freshfields gaben Beckenbauer und seine Mitstreiter an, man habe Warner mit dem Papier nur ruhig stellen wollen: Der Mann aus Trinidad, der in der Fifa bekanntlich viel Einfluss hatte, sollte nicht andere Fifa-Wahlmänner gegen Deutschland beeinflussen. Zudem wurde immer wieder betont, der Vertrag sei ja auf deutscher Seite weder im DFB-Präsidium abgesegnet noch vollzogen worden. (…) Bis heute fällt auf, wie diskret der Warner-Vertrag von allen Beteiligten behandelt wurde, von Freshfields wie vom neuen, der Transparenz verpflichteten DFB, der doch erkennbar diese Botschaft ins Land tragen will: dass es rund um den WM-Zuschlag zwar allerlei Merkwürdigkeiten gab. Aber keinen Stimmen-Kauf. Und in diesem Kontext ist eben auch die Chronologie der DFB-internen Ereignisse relevant“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Ein Papier, das einfach nicht wichtig sein darf, in SZ 4.2.2017).

– Drei Ermittlungen rund ums DFB-Geld
Die Schweizer Behörden interessieren sich in Zusammenhang mit dem „Sommermärchen“ für Überweisungen in Zusammenhang mit der WM 2010 in Südafrika: „Der neue Sachverhalt soll vor allem auf Aussagen des langjährigen Fifa-Finanzchefs Markus Kattner beruhen, der im Frühjahr 2016 (da bereits im Range des Generalsekretärs) geschasst worden war. Beckenbauer sowie seine langjährigen Vertrauten Fedor Radmann und Andreas Abold sollen demnach insgesamt 1,7 Millionen Euro erhalten haben; Grund: Beratungsleistungen für die WM-Bewerbung Südafrikas. Das Land am Kap war bei der WM-Vergabe 2006 knapp an Deutschland gescheitert. Warum – das ist bis heute ebenfalls Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Nachforschungen. Vier Jahre später, 2004, sicherte sich Südafrika den WM- Zuschlag für 2010. (…) Solche Aufwendungen hätte die Fifa nicht bezahlen dürfen. Dennoch seien auf Anweisung des damaligen Fifa-Generalsekretärs Urs Linsi von einem Konto des Weltverbands die Zahlungen an das deutsche Trio gelaufen. Dabei sei Beckenbauers Anteil auf das Konto einer Firma in Gibraltar überwiesen worden, die angeblich mit der Südafrika-Beratung betraut gewesen sein soll. Nach SZ-Informationen soll es sich dabei um eine Firma namens Romnex handeln. (…) Ins Bild eines diskreten Geschäftsnetzes scheint auch die nun in der Steueroase Gibraltar aufgetauchte Romnex zu passen. Spuren von einer Firma Romnex in Gibraltar führen nach Österreich. Dort ist Franz Beckenbauer seit vielen Jahren wohnhaft. Der nun bekannte Vorgang um die Südafrika-Beratung und das Gibraltar-Konto ist im Rahmen der Schweizer Ermittlungen bereits der dritte Komplex, der Beckenbauer tangiert. Im Herbst 2016 erklärte die Bundesanwaltschaft, dass sie gegen Beckenbauer sowie andere damalige OK-Mitglieder – Wolfgang Niersbach, Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger – unter anderem wegen des Verdachts auf Betrug, Geldwäsche und untreue Geschäftsbesorgung ermittle. Im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen die Vorgänge um die Überweisung von 6,7 Millionen Euro im April 2005, die vom DFB an die Fifa ging. Eine Publikation des Spiegel über diesen Vorgang hatte im Herbst 2015 die WM-Affäre ausgelöst. Die Überweisung war deklariert als Beitrag zu einer Eröffnungsgala, die nie stattfand. Tatsächlich diente sie der Rückzahlung eines drei Jahre zuvor gewährten Darlehens des früheren Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus, das nach Katar floss und dessen Verwendungszweck bis heute unklar ist. Als Drittes beschäftigt sich die Staatsanwaltschaft mit einem Vorgang, der Beckenbauers Zeit als Mitglied der Fifa-Exekutive betrifft. Von 2008 bis 2011 sollen insgesamt 5,4 Millionen Franken von der Fifa geflossen sein, deklariert als Löhne und Zulagen. Bei den Transaktionen soll Radmann zwischengeschaltet gewesen sein. Er habe dann Teilbeträge auf ein österreichisches Konto von Beckenbauer weitergeleitet“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Geld nach Gibraltar, in SZ 21.2.2017).

– DFB-„Luftnummer“
Der DFB stellte sich am 4.3.2016 vor die Presse und präsentierte triumphierend den Freshfields-Report. Dazu aus einem Beitrag von Johannes Aumüller und Thomas Kistner in der SZ: „Nie zuvor habe die Sportwelt eine solche Affären-Aufarbeitung erlebt. Ein Jahr danach lässt sich eine gewisse Einmaligkeit attestieren: Nie zuvor gab es im deutschen Sport eine so kostspielige Selbstuntersuchung – die sich dann als Luftnummer erwies. (…) Der Report trug viel zur Beruhigung des Publikums bei, aber kaum zur Aufklärung. Zugleich lässt er sich gut zur Blockade weiterer Klärungsbemühen nutzen; fast so, als sei die Arbeit der Kanzlei als eine Art Bad Bank gedacht, in die all das giftige Wissen ausgelagert wurde, das der neue DFB lieber nicht kennen will. (…) So ergab sich eine kommode Konstruktion: Der DFB konnte in heiklen Fragen auf die Freshfields-Ermittler verweisen – die gern von ihrem Schweigerecht Gebrauch machten. Nicht nur bei Medienfragen. Auch die Staatsanwaltschaft Frankfurt erlebte das. Sie ermittelt wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung, weil die 6,7 Millionen Euro zu Unrecht als Betriebsausgabe abgezogen worden seien. Als sie die Protokolle der Freshfields-Befragungen von Beckenbauer & Co. erbat, klassifizierte die Kanzlei diese als Arbeitsprodukte und verweigerte die Herausgabe. Auch ihr vorliegende Kontoauszüge über die Millionen-Transaktionen nach Katar rückte sie nicht heraus, wie sie gegenüber der SZ einräumt: Der Kontoinhaber habe seine Zustimmung nicht gegeben. So konnte der DFB viel von Transparenz erzählen – und sein Privatermittler mauerte. (…) Der Report blendet auch aus, wie die neue DFB-Spitze um Grindel mit dem Warner-Vertrag umging, als dieser überraschend auftauchte. Schon am 28. Oktober 2015 hatte sie Kenntnis; aber weder informierte sie die Öffentlichkeit noch übergab sie das Papier bei der Razzia am 3. November den Staatsanwälten. Sechs weitere Tage vergingen, bis das geschah. Erst durch SZ-Recherchen kam der Ablauf ans Licht, der Report sagt nichts über den frühen Fund. (…) Ein Jahr danach wird der Freshfields-Report immer mehr zum Märchen von der Sommermärchen-Aufklärung“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Teure Luftnummer, in SZ 4.3.2017).

– Das wird teuer für den DFB!
Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hat bereits am 18.11.2015 mit dem DFB verhandelt. „Bereits einen Monat später, nach einer Razzia beim DFB, befand der Fiskus: Hier liege eine Steuerhinterziehung vor, dies sei ’nicht diskutierbar‘. Der Sachverhalt sei eindeutig, und auf Debatten lasse man sich nicht ein. Die bislang ermittelten Steuernachzahlungen, die der DFB leisten müsse, beliefen sich auf insgesamt 15,3 Millionen Euro. So steht es im Protokoll des Treffens vom 18. November 2015. (…) Und dass die Sache vor Gericht kommt, zeichnet sich immer deutlicher ab. Vor allem, nachdem nun die Steuerfahndungsstelle des Finanzamtes Frankfurt I in einem Zwischenbericht vom 24. Januar 2017 zu der ‚abschließenden rechtlichen Würdigung‘ gekommen ist, der DFB habe die 6,7 Millionen Euro fälschlich als Betriebsausgaben beim Fiskus geltend gemacht und so Steuern hinterzogen. (…) Der Verband soll sogar Jahre später, also lange nach der WM, weiterhin alles verschleiert haben. Im April und Oktober 2010 hatte der Fiskus im Rahmen einer größeren Prüfung der DFB-Finanzen gezielt nach den 6,7 Millionen Euro gefragt. Der Verband habe diese Anfragen zunächst unvollständig und dann ausweichend beantwortet und den tatsächlichen Sachverhalt auch weiterhin nicht offengelegt, rügt das Finanzamt Frankfurt I. Das Finanzamt gelangt zu dem Ergebnis, dass der DFB Körperschafts- und Gewerbesteuern in Höhe von 2,7 Millionen Euro hinterzogen habe. Doch das ist längst nicht alles, was der Fiskus gerne hätte. Die Gemeinnützigkeit des Verbandes soll nachträglich aberkannt werden. Aber nur für 2006. Die Steuervorteile des DFB in diesem Jahr fielen dann rückwirkend weg. Außerdem habe der Verband, indem er Beckenbauers Privatdarlehen beglichen habe, seinem einstigen Nationalspieler, Teamchef und WM-Organisator entweder Geld geschenkt – oder ihn honoriert. Also müsse der DFB noch Schenkungs- oder Einkommenssteuer für die 6,7 Millionen Euro zahlen. Das hat der Fiskus dem DFB-Anwalt Jan Olaf Leisner bereits an jenem 18. November 2015 vorgerechnet und kam so auf die insgesamt 15,3 Millionen Euro Steuernachzahlung“ (Mascolo, Georg, Ott, Klaus, Kein Schmiergeld, sondern Schenkung, in SZ 10.3.2017).
„Der DFB muss Insidern zufolge mit Steuerforderungen rechnen, die sich inklusive Zinsen und nachträglicher Aberkennung der Gemeinnützigkeit für das Jahr 2006 auf 20 bis 25 Millionen Euro summieren könnten. Bis Mitte des Jahres sei ein entsprechender Bescheid zu erwarten. Bereits zu Beginn des Verfahrens im Herbst 2015 hatte der Fiskus seine Forderungen auf mindestens 15 Millionen Euro geschätzt, was sich aber noch erhöhen könne“ (Mascolo, Georg, Ott, Klaus, Fiskus will Millionenbetrag vom DFB, in SZ 10.3.2017).
Schön wäre, wenn sich der DFB durch das „Sommermärchen“ die DFB-Akademie nicht mehr leisten könnte und die Frankfurter Galopprennbahn erhalten bliebe!

– Grindel weiß von nichts
„In die Ermittlungen um die dubiosen Vorgänge beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) im Vorfeld der WM 2006 ist neue Bewegung geraten. Steuerfahnder werten laut Bild eine Aussage von DFB-Präsident Reinhard Grindel im Sportausschuss des Bundestages als belastend für drei frühere Top-Funktionäre – und auch für den DFB. Das Blatt beruft sich auf Aktenvermerke in den Ermittlungsunterlagen. Der DFB bezweifelt die Stichhaltigkeit der Informationen. Die Fahnder sollen sich laut dem Bericht bei ihren Hinterziehungsvorwürfen auch auf Grindels im Sportausschuss dargelegte Unkenntnis stützen – bei der Frage nach dem Zweck für die ungeklärte Zahlung von 6,7 Millionen Euro an den Weltverband Fifa im Jahr 2005. Zu beklagen sei, hatte Grindel im Januar gesagt, dass man durch die Arbeit der Agentur Freshfields diese Zahlungsflüsse kenne, ‚aber nicht den Grund, weshalb die 6,7 Millionen Euro verlangt wurden und wofür sie am Ende eingesetzt worden sind‘. (…) In der WM-Affäre läuft ein Ermittlungsverfahren gegen die früheren DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger sowie den ehemaligen Generalsekretär Horst R. Schmidt wegen der Verdachts der Steuerhinterziehung in einem schweren Fall. Dem DFB drohen dabei nach Informationen von SZ, WDR, NDR und Bild Nach-Strafzahlungen von bis zu 25 Millionen Euro“ (SID, Grindels Unkenntnis, in SZ 13.3.2017).

– Pressekonferenz mit Löschaktion
Zwei Steuerfahnder des Finanzamtes Frankfurt stießen auf eine bemerkenswerte zeitliche Koinzidenz, die sie in einem Vermerk notierten: „‚Am 22. 10. 2015 fand in der Zeit von 13 Uhr bis 13:45 Uhr die Pressekonferenz von Herrn Wolfgang Niersbach zu der Berichterstattung des Nachrichtenmagazins Spiegel statt.‘ Es war jene Pressekonferenz (PK), die bei vielen Beobachtern Fassungslosigkeit hinterließ. Niersbach machte einen verheerenden Eindruck. Kurz darauf hat ihn dann die im Zusammenhang mit der WM 2006 aufgeflogene Millionenschieberei sein Amt gekostet. Exakt mit Schluss der PK, also Punkt 13.45 Uhr, hat jemand beim DFB begonnen, sieben Dateien zu verändern. Von 15.27 Uhr bis 16.36 Uhr, schreiben die Fahnder, seien diese veränderten Dateien dann gelöscht worden. Dabei hatte doch der Chef selbst, Niersbach, eben erst versprochen, die Schieberei in ‚aller Offenheit und Ehrlichkeit‘ erklären zu wollen. (…) War das nun beim DFB der Versuch einer vorsätzlichen und zielstrebig betriebenen Vertuschung? Oder eher eine verzweifelte Aktion, um das Ausmaß der Affäre zu verdecken? Übertriebene Loyalität vielleicht in der Verbandszentrale mit Präsident Niersbach? An Zufall wollen die Fahnder angesichts der verblüffenden Zeitabfolge nicht glauben. (…) Durch den Vermerk der Steuerfahnder wird jetzt klar, um was es bei dem Großreinemachen genau ging. Die seinerzeit gelöschten Unterlagen sind beigefügt. Ein EDV-Experte der Oberfinanzdirektion Frankfurt, eine Art IT-Forensiker, hat die Dokumente rekonstruieren können. Die damals gelöschten Dateien enthielten teilweise neue Hinweise zur WM-Affäre. Darunter eine äußerst spannende Spur. Die führte zu Jack Warner, einem der einflussreichsten und korruptesten Funktionäre des Weltverbandes Fifa. Warner war einer der wichtigen Wahlmänner gewesen, als Deutschland von der Fifa-Exekutive den Zuschlag für die WM 2006 erhielt“ (Leyendecker, Hans, Mascolo, Georg, Ott, Klaus, Löschaktion in der Verbandszentrale, in SZ 18.3.2017).

– Ermittlungen gegen Linsi
Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt nun auch gegen den früheren Fifa-Generalsekretär Urs Linsi. Dieser gab sein Fifa-Amt 2007 auf und genehmigte sich acht Millionen Franken Abfindung. Laut der Kanzlei Freshfields ist offensichtlich, dass Linsi über den Empfänger der 6,7 Millionen Euro des deutschen Organisationskomitees der Fußball-WM 2006 Bescheid wusste (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Briefträger im Visier, in SZ 22.3.2017).

– Falscher Zwanziger
„Die Sommermärchen-Affäre vor Gericht, das wird es wahrscheinlich noch häufig geben. Am Mittwoch ging es fürs Erste darum, dass Zwanziger gerne 25  000 Euro Schmerzensgeld vom Land Hessen hätte. (…) Zwanziger formales Argument ging nun so: Er sei bei der Abgabe der Steuererklärung im Jahr 2007 zwar Präsident des DFB gewesen, allerdings habe er nicht die Verantwortung dafür getragen. Gemäß Satzung gab es beim Verband ein sogenanntes Ressortprinzip, die Abgabe der Erklärung war damals die Aufgabe von Schatzmeister und Generalsekretär – also die von Zwanzigers Mit-Beschuldigten Schmidt und Niersbach. Entsprechend, so Zwanziger, habe es gar keine Rechtsgrundlage für die Einleitung des Verfahrens gegen ihn und die Durchsuchung bei ihm gegeben. Richter Hefter wies dieses Argument zurück. Entscheidend seien nach seiner Auffassung in diesem Fall nicht die konkreten Formulierungen in der Satzung. ‚Der Kläger war nicht irgendeine kleine Leuchte, die nichts zu sagen hatte‘, sagte er, ’sondern der Präsident. Er war an den Zahlungen beteiligt.‘ Verfahren und Durchsuchung seien vertretbar und verhältnismäßig gewesen; es gebe einen nachvollziehbaren Verdacht, dass Zwanziger an der Steuerhinterziehung beteiligt gewesen sei“ (Aumüller, Johannes, Niederlage für Zwanziger, in SZ 23.3.2017).

– Beckenbauer sagt in Bern aus
Franz Beckenbauer hat am Donnerstag in der Schweiz vor der Bundesanwaltschaft im Rahmen der Ermittlungen wegen eines möglichen Steuervergehens ausgesagt. Dies teilte der 71-Jährige in einer Stellungnahme mit. ‚Heute habe ich mich zu einem seit längerem vereinbarten Gespräch bei der Schweizer Bundesanwaltschaft (BA) eingefunden und deren sämtliche Fragen beantwortet‘, hieß es in der Mitteilung: ‚Aus Respekt vor der überaus korrekten BA werde ich mich in dieser Sache derzeit öffentlich nicht weiter äußern.‘ Die Schweizer Anwaltschaft bestätigte der Agentur AP, dass sie den ehemaligen Funktionär in Bern am Donnerstag vernommen hatte. Beckenbauer sei ‚kooperativ‘ gewesen“ (SID, SZ, Gespräch in Bern, in SZ 24.3.2017).

– Neues von Radmann & Co.
„Ein bislang unbekannter Beratervertrag aus dem Jahr 2000 stützt den Verdacht, dass Stimmen für die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 nach Deutschland gekauft wurden. (…) Das Dokument stammt aus dem versunkenen Reich des 2011 verstorbenen Medientycoons Leo Kirch. Es zeigt, was von den Aufklärungsbemühungen der neuen DFB-Spitze zu halten ist – nicht viel. (…) Das jetzt aufgetauchte Papier unterstreicht, wie explosiv der ganze Vorgang tatsächlich war – und dass damals offenbar noch weit mehr Geld in dunkle Kanäle floss als bisher bekannt. Am 23. Juni 2000, nur 13 Tage vor der WM-Entscheidung des Fifa-Exekutivkomitees für Deutschland, setzte der Münchner Konzern KirchMedia einen Vertrag mit dem Libanesen Elias Zaccour über Beratungsleistungen im Geschäftsbereich Filmrechte auf. Honorar: zwei Millionen Dollar. Die erste Million sei, wie es im Entwurf der Vereinbarung heißt, bereits gezahlt worden – auf ein Zaccour-Konto in Luxemburg. Die zweite Million sollte auf Anforderung von Zaccour fließen; frühestens am 7. Juli 2000, dem Tag nach der WM-Entscheidung“ (Latsch, Gunther, Neue Hinweise auf Stimmenkauf, in spiegelonline 24.3.2017; zu Zaccour siehe oben). Zaccour hatte nie etwas mit Filmrechten zu tun, war aber ein enger Freund von Jack Warner und Mohamad Bin Hammam. „Auch der Mann, der den Deal zwischen Kirch und Zaccour eingefädelt hatte, war im Filmgeschäft ein Unbekannter: Fedor Radmann, rechte Hand von Franz Beckenbauer, dem Chef der deutschen WM-Bewerbung. Der Beckenbauer-Intimus konnte – diesen Verdacht legen die Vertragsunterlagen nahe – Kirch-Mitarbeitern offenbar Weisungen erteilen und nahm auch auf Details der Vertragsgestaltung Einfluss“ (Ebenda). Kirch Media hatte zwei Wochen vor dem Vertrag vom 23.6.2000 einen ersten Vertrag mit Zaccour über eine Million Dollar abgeschlossen. In zwei Wochen hatte sich Zaccours „Honorar“ also verdoppelt. Eile war geboten: Für Deutschland als WM-Bewerber 2006 stimmten nur drei Asiaten: Bin Hammam (Katar), Abdullah Al-Dabal (Saudi-Arabien) und Worawi Makudi (Thailand – der Mann, der die Mercedes-Vertretung bekam, siehe oben). Chung Mong-Joon (Südkorea) wollte gegen Deutschland votieren. Eine Stimme fehlte also. „Zaccour sagt 2013: ‚Für Chung ist Jack Warner eingesprungen. Er hat Deutschland gewählt.‘ Das wisse er sicher. Auch sei Warner einer seiner besten Freunde. Von Korruption sprach er nicht, beteuerte aber, dies sei nicht Spekulation, sondern die Wahrheit. Dazu passen alle bekannten Puzzleteile der Affäre; vorneweg ein mutmaßlicher Korruptionsvertrag, den der deutsche Chefbewerber Beckenbauer vier Tage vor der WM-Kür mit Warner besiegelt hatte. Darin wurden dem Karibik-Funktionär, einem der korruptesten Fifa-Männer überhaupt, Leistungen im Wert von zehn Millionen D-Mark zugesichert. Ob Zaccour damals seine zweite Dollarmillion erhielt, bleibt unklar“ (Kistner, Thomas, Aumüller, Johannes, Die Dienste des Herrn Zaccour, in SZ 25.3.2017). Aumüller und Kistner folgern in der SZ: „Immer deutlicher wird dafür zweierlei: Dass das Sommermärchen auf dieselbe Art nach Deutschland gekommen sein dürfte wie die anderen WM-Turniere seit mindestens 1998 in ihre Veranstalterländer; hierzu ermitteln das FBI und die Schweizer Bundesanwaltschaft. Und: Dass der DFB und die von ihm zur Untersuchung eingesetzte Kanzlei Freshfields keineswegs die kompromisslose Aufklärung betrieben, die sie seit Vorlage des Schlussreports behaupten. Zu den vielen Themen, die darin gar keine Erwähnung fanden, zählt der Fall Zaccour“ (Ebenda).
„Aus heutiger Sicht nützte der Freshfields-Report wohl mehr der neuen DFB-Spitze als der Aufklärung. Sogar bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt ist man auf den Verband schlecht zu sprechen. Schon Anfang 2016 habe er ’seine Kooperationsbereitschaft stark eingeschränkt‘, klagt die Behörde – in einer offiziellen Erklärung. Das Gleiche gelte für Freshfields. Es gibt Staatsanwälte, die glauben, dass der Bericht ihre Arbeit torpediert habe. Der sei eine schöne ‚Fortbildung für die Beschuldigten‘ in der WM-Affäre gewesen. Daraus hätten sie früh erfahren, welche Fragen auf sie zukämen. Der Bericht habe ’sehr viel kaputt gemacht'“ (Buschmann, Raphael, Dahlkamp, Jürgen, Latsch, Gunther, Schmitt, Jörg, Söldner der Wahrheit, in Der Spiegel 13/25.3.2017). Der Chefermittler von Freshfields im „Sommermärchen“, Christian Duve, saß mit dem Leiter des DFB-Präsidialbüros im selben Rotary-Club. Der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger hat sich geweigert, mit Freshfields zu kooperieren. „Der Grund: ein altes Mandat von Freshfields in Katar“ (Ebenda).

– Radmann war nur dankbar
„Etwas lautstark ging es teilweise zu, als kürzlich bei der Bundesanwaltschaft in Bern neue Erkenntnisse zur Affäre um die Fußball-WM 2006 in Deutschland auf den Tisch kamen. Erkenntnisse über Millionen-Transfers, die alles nur noch mysteriöser machen. Die Schweizer Ermittler hatten Fedor Radmann geladen, Intimus von Franz Beckenbauer und dessen wohl wichtigster Helfer bei der erfolgreichen Bewerbung für die Weltmeisterschaft. Radmann war Beckenbauers Netzwerker gewesen. Ein Tausendsassa im internationalen Sportgeschäft, der die richtigen Kontakte zu den richtigen Leuten beim Weltverband Fifa herstellte und so entscheidend dazu beitrug, dass Deutschland den Zuschlag erhielt. Angeblich war alles, so sagen das Beckenbauer und Radmann immer wieder, ganz sauber. Doch nun präsentierte die Bundesanwaltschaft nach Informationen von SZ, NDR und WDR Belege für weitere, bislang unbekannte Zahlungen vor und nach der WM. Was zu einigen heftigen Disputen führte. Im Jahr 2007 hatte Radmann von einer Firma des früheren Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus einen Scheck über 5,4 Millionen Euro erhalten. Die Hälfte des Betrages, 2,7 Millionen Euro, reichte Radmann an Beckenbauer weiter. (…)   Das Dreyfus-Geld war damals, im Jahr 2002, über Umwege bei einer Firma in Katar aus dem Imperium eines einflussreichen Fifa-Funktionärs gelandet. Und von dort, aus Katar, hatte Radmann bereits in diesem Jahr, also 2002, einen Scheck über 1,7 Millionen Euro erhalten und eingelöst. Auch das haben die Schweizer Behörden herausgefunden. Da fließt also erst heimlich Geld von Dreyfus für das WM-OK und landet in Katar. Dann wird dieses Geld später genauso heimlich und unter einem erfundenen Verwendungszweck vom WM-OK an Dreyfus zurückgezahlt und im Deutschen Fußball-Bund (DFB) falsch verbucht, um alles zu verschleiern. Und nun stellte sich heraus: Aus Katar und von Dreyfus flossen insgesamt 7,1 Millionen Euro erst an Radmann und dann teilweise auch an Beckenbauer. Aber wofür? (…) Bei der Vernehmung in Bern betonten Radmann und sein Anwalt, auch die 5,4 Millionen Euro im Jahr 2007, die per Scheck von Dreyfus kamen, seien in Ordnung gewesen. Es sei ebenfalls um Rechtevermarktung gegangen, und um den Aufbau von Gesellschaften. Radmann soll gesagt haben, die Hälfte des Betrages habe er „aus Dankbarkeit“ an Beckenbauer weitergereicht. Schön, wenn man solche Freunde hat“ (Mascolo, Georg, Ott, Klaus, Dankbarer Tausendsassa, in SZ 1.4.2017).

– Grindel am Ziel
Am 5.4.2017 wurde DFB-Präsident Reinhard Grindel in das Exekutivkomitee der Uefa gewählt und wird auch einen Sitz im Council der Fifa im Mai 2017 beim Fifa-Kongress in Bahrain erhalten. Er folgt dem über das „Sommermärchen“ gestürzten Wolfgang Niersbach nach. Grindel hat erfolgreich die kleinen Fußballnationen umworben. „Grindel dagegen hat in der Politik als  CDU-Bundestagsangeordneter gelernt, wie man Macht organisiert. (…) Grindel ist ein Netzwerker, im Hinterzimmer entfaltet er seine Qualitäten. Und dafür gibt es wenig bessere Orte als die Uefa“ (Ahrens, Peter, Der Mann fürs Hinterzimmer, in spiegelonline 5.4.2017).

– Zwanziger: Freshfields-Bericht „sehr fragwürdig“
Der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger erhob in der Bild am Sonntag den Vorwurf der Manipulation gegen das Bewerbungskomitee WM 2006 mit Franz Beckenbauer. „Jüngste Erkenntnisse im seit 18 Monaten schwelenden Skandal um das WM-Turnier 2006 in Deutschland ‚zerstörten meinen Glauben an eine saubere Bewerbung‘, sagte Zwanziger Bild am Sonntag: ‚Da kann es nach den heutigen Erkenntnissen keine zwei Meinungen mehr geben'“ (SID, SZ, Wieder Katar, in SZ 10.4.2017). Die deutschen Bewerber hätten versucht, einer Firma des Katarers Mohamed Bin Hammam die TV-Rechte der EM 2004 in Portugal zu beschaffen. Zwanziger: „Der Weg (…) führt wieder einmal nach Katar zu Bin Hammam. Der hat für uns gestimmt und weitere Stimmen besorgt. Dafür hat er Gegenleistungen gefordert, die mit den TV-Rechten für 2004 in Aussicht gestellt wurden. Das war unzulässig. Das korrupte Fifa-System hat auch vor Deutschland nicht Halt gemacht“ (Ebenda). Den Freshfields-Report erachtet Zwanziger für bedeutungslos. „Der Bericht ist in seinen Schlussfolgerungen sehr fragwürdig. Im Grunde ist er sein Geld nicht wert… Man könnte meinen, er diente wohl von Anfang dem Zweck, die Führungspersonen des sogenannten neuen DFB aus der Verantwortung zu nehmen. Der Bericht ist in vielen Punkten angreifbar, sein Zustandekommen intransparent, es gab erkennbar keine Ausschreibung, zwischen DFB und Freshfields bestehen personelle Verquickungen, das Verhalten von Personen des Auftraggebers wird beschönigt“ (Ebenda).

– Nächster Fifa-Gast von Baur au Lac 2015 gesperrt
„Der frühere Vorsitzende des costa-ricanischen Fußballverbands, Eduardo Li, ist vom Fußballweltverband auf Lebenszeit gesperrt worden. Er war am Fifa-Skandal beteiligt. Der ehemalige Fifa-Funktionär Eduardo Li ist lebenslang gesperrt worden. Dies teilte der Fußball-Weltverband mit. Der frühere Vorsitzende des costa-ricanischen Fußballverbands hatte seine Beteiligung an Korruption gestanden. Li hatte zugegeben, dass er sechsstellige Dollarsummen als Bestechungsgeld von Sportmarketing-Funktionären und anderen Personen angenommen habe. Der 58-Jährige gehörte zu den sieben Ende Mai 2015 in Zürich verhafteten Personen, die als Schlüsselfiguren im sogenannten Fifa-Skandal gelten“ (Fifa sperrt Ex-Funktionär Eduardo Li lebenslang, in spiegelonline 21.4.2017).

– Neues von einem alten Bekannten von Baur au Lac
„Der südamerikanische Fußballverband Conmebol beklagt Millionenverluste durch Korruption. Ehemalige Funktionäre hätten dem Verband in den vergangenen Jahren um insgesamt 117 Millionen Euro gebracht, sagte Präsident Alejandro Domínguez. (…) Weiter hieß es, 25 Millionen Euro seien auf zwei Konten des früheren Conmebol-Präsident Nicolás Leoz (siehe oben; WZ) gelandet. Weitere Millionen seien an bisher Unbekannte überwiesen worden. Ex-Präsident Leoz steht bereits in Paraguay unter Hausarrest. Mehr als zwei Millionen Dokumente aus den Jahren 2000 bis 2015 waren im Zuge des Korruptionsskandals beim Weltverband Fifa im Auftrag der Conmebol geprüft worden. Nach Ermittlungen der US-Justiz zum Fifa-Skandal waren mehrere ehemalige Fußballfunktionäre verhaftet worden, weil sie für die Vergabe von Fernsehrechten Schmiergelder angenommen haben sollen“ (Südamerikanischer Verband angeblich um 117 Millionen Euro betrogen, in spiegelonline 27.4.2017).

– Die Beckenbauer-Radmann-Connection
Der frühere Fifa-Ermittler Michael  Garcia versuchte im Mai 2014, Franz Beckenbauer zur WM-Vergabe 2006 zu befragen: vergeblich. Einen Bericht veröffentlichte die Fifa jetzt im Juni 2017, nachdem erste Teile in der Bild-Zeitung standen. Garcia hielt die enge Verbindung von Beckenbauers Intimus Fedor Radmann (dieser beriet Australien für die WM 2006) und Beckenbauer (als Chef des deutschen WM-OK 2006) als eine „Gefahr für den Bewerbungsprozess“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Immer im Duo, in SZ 29.6.2017). Beckenbauer, Radmann und Andreas Abold hatten 2013 gemeinsam die Firma „Romnex“ gegründet (siehe oben). „Zweck unter anderem: ‚Beratung, Vermittlung des Marketing und Sponsoring im Bereich Sport'“ (Ebenda).

Quellen:
Ahrens, Peter
– Das Sommermärchen-Märchen, in spiegelonline 16.10.2015
– Die Affäre Dreyfus, in spiegelonline 17.10.2015a
Aleythe, Saskia, Was über die Bestechungs-Vorwürfe bekannt ist, in SZ 17.10.2015
AP, Ex-FIFA committee member, one-time banned official, Slim Aloulou, dies, in www.espnfc.com
Aumüller, Johannes, Der dreizehnte Mann, in SZ 16.7.2012
Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas
– Hilfsgelder, die nie ankommen, in SZ 10.6.2015
– Geplatzte Gala, in SZ 17.10.2015a
– So soll der Schmiergeld-Trick gelaufen sein, in sueddeutsche.de 17.10.2015
– Alte Rechnungen, in SZ 19.10.2015
– Kaiser im Visier, in SZ 22.10.2015
Aumüller, Johannes, Leyendecker, Hans, Ott, Klaus, Zwischen Gewissheit und Märchen, in SZ 19.10.2015
Best of Ungereimtheiten, in spiegelonline 4.6.2015
Bhamjee quits Fifa, in bbc.co 20.8.2006
Birrer, Peter B.
– Die Fußball-Krise erreicht Europa, in nzz.ch 16.10.2015
– Europa kann die Krise nicht mehr fernhalten, in nzz.ch 18.10.2015
Buschmann, Raphael, Dahlkamp, Jürgen, Latsch, Gunther, Schmitt, Jörg, Schmutz in der Schweiz, in Der Spiegel 10/5.3.2016
Dahlkamp, Jürgen, Die Ehre des Präsidenten, in spiegelonline 18.10.2015
Dahlkamp, Jürgen, Latsch, Gunther, Ludwig, Udo, Schmitt, Jörg, Weinreich, Jens, Sommer, Sonne, Schwarzgeld, in Der Spiegel 43/17.10.20165
Das sind die Wahlmänner, in spiegelonline 6.7.2000
DFB dementiert Unregelmäßigkeiten, in spiegelonline 16.10.2015
DFB-Präsident Wolfgang Niersbach: „Die WM 2006 war nicht gekauft“, in dfb.de 17.10.2015
Diekmann, Florian, Gute Freunde kann niemand trennen, in spiegelonline 20.10.2015
Ermittlungen gegen Beckenbauer, in faz.net 27.11.2014
Ethikkommission suspendiert sechs Offizielle, in fifa.com 18.11.2010
Fifa, Untersuchungskammer der unabhängigen Ethikkommission bestätigt ordentliches Verfahren gegen Blatter, Platini und Valcke, in fifa.com 21.10.2015
Fifa-Skandal: Schattenmann Villar im Kreuzfeuer der Kritik, in sports.yahoo.com 16.10.2015
Fritsch, Oliver, So haben wir das nicht gewollt, in zeitonline 16.10.2015).
Fußball-Weltmeisterschaft 2006: Diese 24 Männer stimmten über die WM-Vergabe ab, in spiegelonline 16.10.2015
„Gekaufte WM? Da erinnere ich mich an 2006“, in focus.de 15.7.2012
Hecker, Anno, Ashelm, Michael, Korruption bei Vergabe der Fußball-WM 2006? In faz.net 16.10.2015
Hofmann, R., Kistner, T., Flohr, A., Familienaufstellung, in SZ 23.12.2015
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– Der Mann, den alle Don Julio nannten, in sueddeutsche.de 31.7.2014
– Auf der Suche nach dem Stimmenbeschaffer, in SZ 28.11.2014
– Heikel für Blatter, in SZ 13.10.2015
– Das Fußballgeschäft . eine bizarre Parallelwelt, in sueddeutsche.de 16.10.2015
– Endspiel-Tickets für Juristen, in SZ 19.10.2015
Kläsgen, Michael, Lächeln vor Gericht, in SZ 27.5.2013
Leyendecker, Hans, Ott, Klaus
– Adidas-Chef gab Hoeneß 20 Millionen Mark, in SZ 13.4.2013
– Das Märchen vom Sommermärchen, in SZ 17.10.2015
Mali’s Amadou Diakite to contest Fifa ban, in bbc.com 18.10.2011
Millionen – schockgefroren, in SZ 11.7.2013
Radmann bestreitet Korruption, in spiegelonline 17.10.2015d
Schwarze Kasse – Fußball-WM 2006 mutmaßlich gekauft, in spiegelonline 16.10.2015
Schweizer Richter und Staatsanwälte bekamen Final-Tickets, in spiegelonline 17.10.2015e
Simeoni, Evi, Jetzt ist Niersbach dran, in faz.net 16.10.2015
Skandal um deutsche Bewerbung, in spiegelonline 16.10.2015
So wurde Deutschland Gastgeber der WM 2006 – offiziell, in spiegelonline 17.10.2015f
Staatsanwaltschaft prüft Anfangsverdacht für Ermittlungen, in spiegelonline 17.10.2015g
„Was für ein Beben in Deutschland!“, in spiegelonline 17.10.2015h
Weinreich, Jens
– Und wieder ein FIFA-Funktionär… in deutschlandfunk.de 12.11.2011
– Blatters Angriff aus der Ecke, in spiegelonline 16.7.2012
– Zwanziger kontert Klage aus Katar, in spiegelonline 21.9.2015
Weinreich, Jens, Weinzierl, Alfred, „Geschlossen zurücktreten“, in Der Spiegel 43/17.10.2015
Wer steht im Zentrum der Affäre? In spiegelonline 17.10.2015h
Wikipedia
Worawi Makudi von der Fifa-Disziplinarkommission für drei Monate gesperrt, in de.fifa.com 22.2.2016
Zwölf zu elf: So lief die WM-Wahl, in SZ 17.10.2015

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