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Aug 212015
 
Zuletzt geändert am 22.02.2017 @ 11:45

21.8.2015, aktualisiert am 27.1.2016

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF strich 2001 das Wort Amateur aus dem Kürzel IAAF: Aus der International Amateur Athletics Federation wurde die International Association of Athletics Federations (Weinreich 18.8.2015). Die Abschaffung des Amateurstatus förderte Kommerzsport, Exzesse mit Preisgeldern – und Dopingskandale.
Vom 22. bis 30.8.2015 findet in Peking die Leichtathletik-WM 2015 statt. Interessant ist, was im Vorfeld der WM (Stichwort Doping-Enthüllungen), bei der IAAF-Präsidentschaftswahl und bei den Wettbewerben stattfand – und natürlich das politische Umfeld in der Diktatur China.

Peking 2022: Nachrichten aus der China-Diktatur.
Kai Strittmatter
in der SZ zu Peking 2008 und der Leichtathletik-WM im August 2015 in Peking:Und all die großen Versprechen auf mehr Offenheit? ‘Komplette Pressefreiheit’ für ausländische Medien, hatten KP-Funktionäre einst angekündigt. Ein unzensiertes Internet. Saubere Luft. Und natürlich ‘die Verbesserung der Menschenrechte’. Und auch das IOC sang das Lied Pekings. China gebe sich ‘große Mühe’ bei den Menschenrechten, sagte Jacques Rogge vor Beginn der Spiele 2008. Mittlerweile muss man sagen: Bei jedem einzelnen dieser Punkte steht China heute schlechter da als damals. Selbst der Smog ist heute schlimmer. Hier immerhin hat die Regierung Abhilfe versprochen. Bei den Bürgerrechten ist mit Besserung erst mal nicht zu rechnen, im Gegenteil. 2008 stand China auf dem wenig ruhmreichen Platz 167 auf dem ‘Index der Pressefreiheit’ von ‘Reporter ohne Grenzen’. Im letzten Jahr war es auf Platz 175 abgerutscht. Die Zensur ist noch repressiver, Internet und soziale Medien sind unter KP-Chef Xi Jinping noch unfreier. Jene zarten Keime von Zivilgesellschaft, die damals zu sprießen begannen, werden von den Sicherheitsbehörden im Moment systematisch zertreten. In den letzten vier Wochen erst verhörten, verschleppten und verhafteten sie mehr als 260 Rechtsanwälte. Die wachsende Zensur in Netz und Medien, die Re-Ideologisierung an Universitäten und Think-Tanks hat dazu geführt, dass kritische Stimmen in China inzwischen noch seltener zu hören sind” (Strittmatter 14.8.2015).

Im Vorfeld der WM: Dopingenthüllungen
– Datenstick aus dem IAAF zeigt weltweites Doping. Ende 2014 brachte Hajo Seppelt im WDR seine Dokumentation “Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht”. (Zum Film: hier) Danach erreichte ihn ein Brief ohne Absender. “Darin: Ein Datenstick. Ein Ordner mit dem Namen IAAF. Und mehrere Dateien. (…) Die Daten kommen offenbar aus dem Innersten des Weltleichtathletikverbandes IAAF. Mehr als 12.000 offizielle Bluttests, rund 5.000 Athleten aus allen Disziplinen. (…) Die ‘Geheimsache Doping’ ist bei weitem nicht nur ein russisches Problem. (…) Bei rund jedem siebten Athleten in den Listen finden sich Werte, die in den allermeisten Fällen nicht natürlich zu erklären sind” (Seppelt, Spinrat 1.8.2015). Die WDR-Dokumentation heißt: “Geheimsache Doping, im Schattenreich der Leichtathletik“, 1.8.2015, 17.05 (55 Minuten). – Textprobe der Athletin Anastasia Bazdirewa, russische 800-Meter-Läuferin: “Von Anabolika kriege ich harte Muskeln, aber ich kann damit laufen. Das ist schwer, aber es geht” (zitiert nach: Kistner, Knuth 1.8.2015).
“Über jeder dritten Medaille, die zwischen 2001 und 2012 bei Olympia oder einer WM in Ausdauerdisziplinen verteilt wurde, schwebt eine Wolke des Zweifels” (Knuth 3.8.2015). – „146 Medaillengewinner bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften sollen darunter sein“ (Eberle, Hacke 8.2015).
Der Doping-Experte Michael Ashenden: “Die Werte in der Datenbank lassen aus meiner Sicht keinen Zweifel zu, dass die Ausdauerdisziplinen von Blutdoping durchsetzt waren. Es tut mir sehr leid für die sauberen Athleten, die um ihre Medaillen betrogen wurden” (Ebenda). Das WDR-Team um Seppelt recherchierte auch in Kenia: “In der Marathonweltbestenliste stehen 230 Kenianer vor dem ersten Deutschen. Ist das alles nur die Höhenluft? (…) Bei unseren Recherchen vor Ort treffen wir Athletenbetreuer, die eidesstattlich versichern, dass man sich nach einer positiven Dopingprobe freikaufen könne. Die Hälfte der 20.000 Dollar Preisgeld gebe man dann ab – ‘und niemand wird vom Doping erfahren’. Der kenianische Verband will sich dazu nicht äußern. Ist das alles nur Zufall?“ (Ebenda). Nach Recherchen von ARD und Sunday Times soll jede vierte Medaille bei den großen Stadtmarathons von London, Boston, New York, Chikago und Berlin von Läufern mit dopingverdächtigen Werten gewonnen worden sein (SID 10.8.2015).
Vorläufige Bilanz: “800 Athleten von 2001 bis 2012 in den Ausdauerdisziplinen der Leichtathletik hätten irgendeinmal gedopt” (Friebe 1.8.2015). Für Seppelt ist die kommende Leichtathletik-WM in Peking nur noch eine “Freakshow”: “Dem Verband gehe es nur noch darum, Geld zu machen und die Sponsoren zu befriedigen” (Ebenda). Dazu passten die Äußerungen von Sebastian Coe, designierter Nachfolger von IAAF-Präsident Lamine Diack: Coe schimpfte über “selbsternannte Experten” und sprach von einer “Kriegserklärung an meinen Sport (Knuth 6.8.2015). Einer dieser Experten, Robin Parisotto, analysierte übrigens im Auftrag der IAAF bis vor kurzem die Blutprofile russischer Athleten (Ebenda).
Dazu aus einem Kommentar von Michael Reinsch in der FAZ: “Die Leichtathletik scheint vor die Hunde zu gehen, und diejenigen, die Verantwortung übernommen haben für diesen faszinierenden Sport, schießen sich auf die ein, die Alarm schlagen. (…) Doper sind es, die der Leichtathletik den Krieg erklärt haben” (Reinsch 5.8.2015).
– Die wahren Schuldigen am IAAF-Dopingskandal: die Whistleblower. Der Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur und IOC-Vizepräsident, Craig Reedie, sagte, man sei “sehr überrascht” über die Enthüllungen, “die wohl von einer undichten Stelle im Leichtathletik-Weltverband IAAF kommen” (Kistner 4.8.2015). Reedie: “Ich bin mir sicher, dass man dort ganz genau nachforschen wird, um die Quelle herauszufinden” (Knuth 4.8.2015). Thomas Kistner in der SZ: “Die Quelle: Um die geht es! Geschlossene Systeme müssen sich nur vor Verrätern fürchten” (Ebenda).
– „Transparenz“ à la IAAF. Die IAAF blockiert eine Studie zum Doping in der Leichtathletik, welche die Wada in Auftrag gegeben hatte. “Forscher der Uni Tübingen leiteten das Projekt. Wissenschaftler interviewten bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft 2011 im südkoreanischen Daegu Hunderte Athleten. Etwa ein Drittel der Befragen gab an, verbotene Techniken zur Leistungssteigerung anzuwenden. Aus den Ergebnissen der Umfrage schlossen die Forscher, dass 29 bis 34 Prozent der 1800 Athleten in den zwölf Monaten vor den Wettkämpfen gegen Anti-Doping-Regeln verstoßen hatten. (…) Solch ein Befund hat Sprengkraft – die ohnehin schon lädierte Glaubwürdigkeit des Sports könnte weiter leiden. Das kann der IAAF eine Woche vor dem Start der Leichtathletik-WM in Peking (22. bis 30. August) gar nicht gebrauchen. Die Autoren der Studie wurden laut ‘Sunday Times’ angewiesen, eine Vertraulichkeitserklärung zu unterschreiben; sie kritisieren den IAAF dafür, die Publikation zu verhindern. (…) Der Studien-Hauptautor Rolf Ulrich sagte, seinen Kollegen und ihm sei es sogar untersagt worden, über die Arbeit auch nur zu reden” (16.8.2015). Die IAAF hat eigentlich mit dem Forschungsprojekt gar nichts zu tun: Sie hat sich aber Vetorechte zusichern lassen (Ebenda).
IAAF: Olympiasiegerin von London 2012 gesperrt. Die Goldmedaillengewinnerin über 1.500 Meter, Asli Cakir Alptekin (30) aus der Türkei, wurde zum zweiten Mal nach 2004 beim Dopen erwischt. Der türkische Leichtathletik-Verband wollte sie nicht sperren; der internationale Sportgerichtshof CAS sperrte Alptekin für acht Jahre und strich ihr zwischen 2010 und 2012 alle Titel und Preisgelder (spiegelonline 17.8.2015).
– Doper starten bei der IAAF-WM 2015 in Peking. Eine Auswahl: Die Sprinter Justin Gatlin (zweimal wegen Doping gesperrt), Asafa Powell, Tyson Gay, LaShawn Merritt, Veronica Campbell-Brown, der weißrussische Hammerwerfer Iwan Tichon… (Ahrens 18.8.2015).

IAAF-Präsident Lamine Diack
Diack (*1933) ist sozusagen der Sepp Blatter der Leichtathletik. Er ist seit 1982 Mitglied im IOC und wurde 1999 als Nachfolger des skandalösen Primo Nebiolo Präsident des IAAF. Michael Gernandt beschrieb in der SZ den Niedergang der IAAF unter Präsident Diack: “Der Senegalese wurde Präsident, als die Jahre extremer Doping- und Kommerzexzesse sich erst abzuzeichnen begannen und nicht zu erkennen war, dass sich Diack nicht wirklich gegen sie stemmen würde” (Gernandt 12.8.2015). – „Ein Patriarch, der seinen Sohn als Marketingberater des Verbandes installierte und dort beließ, bis der Junior über einen Korruptionsskandal stolperte. Als einst die Sprintstars Merlene Ottey und Linford Christie mit Doping aufflogen, sagte Diack: ‚Nur weil sie positiv sind, denke ich nicht, dass sie betrügen'“ (Eberle, Hacke 8.2015).
Das Interesse an der Leichtathletik sank, weshalb u. a. die Vereinigung der olympischen Sommerverbände Asoif der IAAF das Privileg strich, die höchsten IOC-Zuwendungen über TV und Marketing zu erhalten. “Gleichwohl weiß Diack seine Geldmaschinerie zu schmieren. Er verführt den Markt mit Rekorden, die den Partnern die Exzellenz der IAAF verdeutlichen sollen, und die Athleten mit fetten sechsstelligen Prämien, auf dass sie sich zu Höchstleistungen aufschwingen, Verherrlichung garantiert, siehe Usain Bolt, Diacks Halbgott. Ein zynisches Spiel: den Betrugsanreiz, der in dieser Geschichte steckt, hat er nie erkennen wollen. Das ist Diacks System” (Ebenda).
Kleiner Exkurs zu Usain Bolt, der Sprinter aus Jamaika, der finanziell ein Selbstläufer ist: „Schon mit 15 galt er als künftiger Champion und bekam von Puma einen Vertrag. Es hat geklappt, mit welchen Mitteln auch immer. An der Attraktion Bolt verdient die gesamte Leichtathletik-Industrie, und Bolt selbst natürlich auch. 2014 betrug sein Einkommen laut Forbes-Magazin 21 Millionen US-Dollar“ (Hahn 22.8.2015).
– Diacks System fördert geradezu Doping. Diacks System der hohen Prämien ruft das nun offen gelegte Doping geradezu hervor. Dazu kommt der schamlose Verkauf der IAAF-Weltmeisterschaften: “Die WM 2019 wurde dem unverschämt heißen Doha anvertraut, nachdem die Kataris 30 Millionen Euro ‘Entscheidungshilfe’ geleistet hatten. Für 2021 erhielt Eugene (USA) den Zuschlag, einen Bewerbungsprozess ließ Diack nicht zu. Derlei hat den Argwohn gegenüber einem System gesteigert, dem Intransparenz, Korruption und Verschleierung nicht fremd sind” (Ebenda). Für den langjährigen IAAF-Funktionär Luciano Barra ist das Problem “Diacks Philosophie von ‘Records and Riches’, von Rekorden und Stars. Damit habe der greise Senegalese den Sport noch stärker in die Dopingfalle getrieben” (Knuth 18.8.2015).
Vergleiche im Kritischen Olympischen Lexikon: Die verkauften Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Und vergleiche auch Die gedopten Europameister der EM München 2002, daraus das “Fazit: Das ergibt 18 von 46 Europameistern und Europameisterinnen, die vor, während oder nach den Europameisterschaften von München 2002 des Dopings überführt wurden. Das entspricht 39 %! Die Dunkelziffer dürfte noch weitaus höher sein. “Auf Vorschlag von IOC-Mitglied Walther Tröger hat der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Dr. Jacques Rogge, den Zuschauern der Leichtathletik-Europameisterschaften 2002 den Olympischen Pokal als offiziellen Ehrenpreis für faires und positives Verhalten verliehen” (dosb.de 3.4.2003; Hervorhebung von uns). Die Zuschauer waren fair, aber hatten die Sieger den Jubel verdient?”
Peter Ahrens schrieb vor der Wahl in spiegelonline: “Ein echter Wille zur Aufklärung war bei Diack nie zu spüren. Ob die beiden Anwärter auf seine Nachfolge, Sebastian Coe und Sergej Bubka, damit beginnen werden, aufzuräumen, ist mindestens so undurchsichtig wie der Abgasdunst, in den sich Peking auch dieser Tage wieder hüllt” (Ahrens 18.8.2015).
Sportlerinnen und Sportler um den Diskus-Olympiasieger Robert Harting protestierten Anfang August 2015 in einem Film auf Youtube gegen die IAAF: hier
Falls die IAAF den Dopingsumpf austrocknen würde, wäre ihre Geschäftsgrundlage unterminiert – siehe das olympische Motto: schneller, höher, stärker.

Die IAAF-Sitzung vor der WM in Peking
IAAF: fast nichts Neues. Die IAAF hat nicht für grundsätzliche Veränderungen gesorgt, im Gegenteil, wie man an den Sitzungen vor der WM im August 2015 in Peking sah: “So nahm Walentin Balachnitschew, der zurückgetretene Präsident des russischen Leichtathletik-Verbandes, nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Sonntag in Peking an der Sitzung des 27 Personen umfassenden IAAF-Councils teil – obwohl er sein Amt als Schatzmeister des Weltverbandes ruhen lässt, seitdem im vergangenen Dezember bekannt wurde, dass Balachnitschew daran beteiligt war, der russischen Marathonläuferin Lilija Schobukowa einen Teil der 450.000 Dollar zurückzuerstatten, die sie zur Vermeidung einer Doping-Sperre in bar beim russischen Verband in Moskau abgeliefert hatte“ (Becker 16.8.2015). „Diack hat sogar Walentin Balachnitschew den Finanzbericht vortragen lassen, der Schatzmeister wollte seinen Posten im Zuge von Korruptionsvorwürfen eigentlich ruhen lassen“ (Knuth 20.8.2015). – „Auch Habib Cissé hat an den Beratungen in Peking teilgenommen, obwohl er nach den Berichten der ARD über Korruption und verschleierte Doping-Fälle in der Leichtathletik im vergangenen Dezember als Rechtsberater des Weltverbandes ebenfalls zurückgetreten war” (Becker 16.8.2015).
Laut Angaben der ARD hat die IAAF den russischen Leichtathletikverband aber informiert, dass die Olympiasiegerin von London 2012 über 800 Meter, Marija Sawinowa, die Dritte Jekaterina Poistogowa und zwei weitere 800-Meter-Läuferinnen für vier Jahre und Chefmediziner Sergej Portugalow, Verbandstrainer Alexej Melnikow, 800-Meter-Trainer Wladimir Kasarin und Trainer Wladimir Mochnew lebenslang gesperrt werden sollten, sofern die Doping-Vorwürfe nicht zu widerlegen seien (Ebenda). – “Zugleich seien sechs weitere russische Geher positiv auf das Blutdoping-Mittel Epo getestet worden” (Ebenda; Bouhs, Seppelt 16.8.2015).
Johannes Knuth schrieb anlässlich der nahenden Leichtathletik-WM in der SZ: “Und dann stößt man auf ein Plakat, das dem Pekinger Berufsverkehr plötzlich diese Botschaft entgegenruft: ‘Athletics for a better world!’ – Leichtathletik für eine bessere Welt. Man kennt diese Parolen doch irgendwoher  . . . ach ja, vom Fußball-Weltverband. Handschlag für den Frieden und so. Tatsächlich ist die Schnittmenge zwischen der Fifa und dem Leichtathletik-Weltverband IAAF, der gerade in Peking Hof hält, derzeit recht groß” (Knuth 18.8.2015). Und Peter Ahrens in spiegelonline: “Die Macher der WM in Peking werben derweil in der Stadt mit den Stars der Branche. Auf einem Plakat ist auch die US-Olympiasiegerin Florence Griffith-Joyner zu sehen. Jene Athletin, die schon mit 38 Jahren verstorben ist. Dopinggerüchte um sie und um ihre Todesursache sind nie verstummt. Von daher ist sie wahrscheinlich die passende Werbeträgerin für diese WM” (Ahrens 18.8.2015).
Vergleiche auch: Doping Russland

Präsident Sebastian Coe
IAAF-Wahlkampf: Millionär gegen Millionär. Der frühere Stabhochsprung-Olympiasieger Sergej Bubka hat laut Wikipedia ein Vermögen von rund 350 Millionen Dollar angehäuft. Der frühere Mittelstrecken-Läufer und 1500-Meter-Olympiasieger von Moskau 1980 und Los Angeles 1984, Sebastian Coe, ist ebenfalls zigfacher Millionär (siehe unten). Er lässt sich von der PR-Agentur Vero Communications helfen: Vero-Chef Mike Lee verhalf der Bewerbung London 2012 zum Sieg – mit Coe als Bewerbungschef.
– Was ist von Coe zu erwarten? Dass er möglichst keine Probleme benennt, schon gar nicht die Dopingskandale. „Die tief wurzelnde Korruption im russischen Verband? In Kenia? Keine Auskunft. Stattdessen hakte Coe, Direktor einer der größten PR-Agenturen Großbritanniens, brav die Checkliste der Krisen-PR ab: Bezweifle nicht die Beweise, bezweifle die Methode, mit der sie erhoben wurden. Schimpfe auf die Boten, die die Nachricht überbringen. ‚Eine Kriegserklärung gegen meinen Sport‘, diese Worte Coes gegen ARD und Sunday Times hallen bis heute nach. (…) Auch sonst pflegt der Lord ein interessantes Geflecht an Beziehungen. Er berät Nike, Sponsor der US-Leichtathletik, der die IAAF zuletzt die WM 2021 in Eugene/Oregon zuschob, ohne Bewerbungsverfahren. Coe steht auch der BOA vor, der British Olympic Association; als der Despot Ilham Alijew und Aserbaidschan zum Ausrichter der umstrittenen Europaspiele gekürt wurden, stimmte die BOA für das Land. Eine PR-Agentur, die an Aserbaidschans Bewerbung prächtig verdiente, war CSM. Coes Unternehmen“ (Knuth 19.8.2015).
„Chime Sports Marketing (CSM), ein Tochterunternehmen des börsennotierten PR-Unternehmens Chime plc, erhielt nach Berichten britischer Zeitungen jener Zeit Olympia-Aufträge im Wert von rund dreißig Millionen Pfund und steigerte damit seinen Umsatz um fast fünfzig Prozent“ (Reinsch 19.8.2015b). – Die von Coe geführte Firma CSM kaufte dann im Oktober 2012, zwei Monate nach den Olympischen Sommerspielen, 93 Prozent von Coes Complete Leisure. „Coe selbst erhielt 1,5 Millionen Pfund in bar; weitere gut zehn Millionen Pfund sollten, unter bestimmten Bedingungen, in den nächsten vier Jahren folgen“ (Reinsch 19.8.2015b). „Seit dem vergangenen Jahr gehört Coe dem ‚board‘, dem Aufsichtsrat der Muttergesellschaft Chime, an. Er dürfte also alle Erwartungen erfüllt haben“ (Ebenda). CSM machte 2014 rund 280 Millionen Euro Umsatz (Ebenda).
Offensichtliche Interessenskonflikte des IAAF-Präsidenten Coe und des Sport-Geschäftsmannes Coe sieht dieser selbst nicht bzw. leugnet sie. „In der einen Rolle, als Verbandspräsident und IOC-Mitglied, vergibt er Weltmeisterschaften und Olympische Spiele. In der anderen Rolle bietet er sich dafür an, dieselben Weltmeisterschaften und Olympischen Spiele für Honorar zu akquirieren. Nächste große Aufgabe im Geschäft von CSM-Aufsichtsrat und -Teilhaber Coe ist die Vorbereitung der Asien-Spiele der Hallensportarten sowie der Kampfsport-Spiele 2017 in Turkmenistan. Alleinherrscher Gurbanguly Berdimuhamedow lässt dafür in Aschgabat ein Olympia-Gelände für mindestens vier Milliarden Dollar bauen“ (Reinsch 19.8.2015b).
Das ist aber noch nicht das Ende der Fahnenstange: „Und Coe scheint vor einem der größten Zahltage seines Lebens zu stehen. Die größte Anzeigen-Agentur der Welt, WPP, deren Gründer Martin Sorrell soeben dem IOC in Kuala Lumpur die Chancen der Digitalisierung erläuterte, bietet gemeinsam mit dem amerikanischen Beteiligungsunternehmen Providence rund 520 Millionen Euro für die Übernahme von Chime. Ließe sich Coe, Teilhaber des Unternehmens, auszahlen, wäre er vollkommen unabhängig“ (Ebenda).
– Sebastian Coe-Diack gewählt
. Dem greisen IAAF-Langzeit-Präsidenten Lamine Diack folgt der am 19.8.2015 gewählte Sebastian Coe (mit 115 : 92 Stimmen gegen Bubka). Angesichts der massiven russischen Einflüsse auf die Leichtathletik-Funktionäre – und dem immer noch aufzuklärenden russischen Doping-Skandalen -, war klar, dass es Coes Konkurrent, Sergej Bubka aus der Ukraine nicht schaffen würde. Coe versprach vor dem Wahlgang jedem der 214 Mitgliedsverbände (zunächst) 100.000 Dollar mehr aus der IAAF-Kasse (Ebenda). Daraufhin versprach Bubka 120.000 Dollar. Coe redete nach Bubka: und schraubte das Abgebot auf 200.000 Dollar hoch. „Alter Trick aus der Zauberschule der Sportfunktionäre, hex,hex. Die Delegierten applaudierten kräftig“ (Knuth 20.8.2015).
Alles von Fifa-Blatter vorexerziert. Wie soll man dieses System nennen – wenn nicht Bestechung?!
Coe sagte als Erstes nach der Wahl: „Lamine wird sicherlich mein spiritueller Präsident bleiben“ (Ebenda). Der Präsident des DLV, Clemens Prokop, wurde nicht als Nachfolger von Helmut Digel in das IAAF-Exekutivkomitee gewählt. Dafür sitzen dort Vertreter der Bahamas und der Norfolkinseln. Und die vier Vizepräsidenten kommen aus der Ukraine (Bubka), aus Katar, Kamerun und Kuba (Bahamas und die Nordfolkinseln, in SZ 20.8.2015).
Wie gut sich Coes IAAF-Präsidentschaft mit Coes Aktivitäten im Sportbusiness gegenseitig befördern, lässt sich gut vorstellen.

Stimmen zur IAAF
Peter Ahrens in spiegelonline: „Die Leichtathletik ist die Königin der Olympischen Spiele. (…) Aber Glanz verbreitet die Sportart dieser Tage nicht mehr, nur noch Zwielicht. Die Leichtathletik muss aufpassen, dass es ihr nicht so geht wie dem Radsport. Eine Sportart gerät unter Generalverdacht. (…) Die Leichtathletik und der IAAF haben sich über Jahrzehnte darin gesonnt, dass die Sportart mit ihren lukrativen Meetings stets Geld abgeworfen hat. Dass es damit zu Ende gehen kann, wenn sich die Sponsoren aufgrund der negativen Presse zurückziehen, das hat Diack nie ins Kalkül gezogen“ (Ahrens 18.8.2015).
Michael Reinsch in faz.net: „Die Regel ‚ein Verband, eine Stimme‘ führt zu einem dramatischen Bedeutungszuwachs der Vertreter von Sportorganisationen aus Kleinstaaten und abgelegenen Inselreichen, unabhängig von sportlichem Erfolg, gesellschaftlicher Bedeutung und wirtschaftlicher Potenz. Umgekehrt hat es die Marginalisierung der Weltmächte des Sports zur Folge. Was das bedeutet, ließ sich im Tagungshotel in Peking beobachten. (…) Deutschland ist nun nicht mehr in der Führung der Welt-Leichtathletik vertreten. Nicht das Ansehen der einst so großen Sportart spielte eine Rolle in der Diskussion, nicht das Fehlen regelmäßiger Fernsehübertragungen auf diesem bedeutenden Markt. Wer etwas erreichen will, stellt Entwicklung in den Mittelpunkt, was nichts anderes ist als Überweisungen auch noch an den kleinsten Verband in der Hoffnung auf dessen Stimme – was so mancher Präsident als persönliche Zuwendung nimmt. Das Prinzip hat der wohl am schlechtesten beleumdete Präsident eines Weltverbandes auf die Spitze getrieben, der des Fußball-Weltverbandes Fifa. Dafür steckt er nun bis zum Hals in einer Korruptions-Krise“ (Reinsch 19.8.2015a).
Julian Reus, deutscher Sprinter, chancenlos in Peking: „Wenn manche Sportler nach vier Jahren Sperre angeblich sauber schneller laufen als vorher ohne Stoff (so wie Justin Gatlin, der Weltjahresbeste über 100 Meter; Anm.), – da muss jeder selber entscheiden, was er glauben kann und was nicht. Gleichzeitig werden sauberen Sportlern Startgelder, Startplätze und die Möglichkeit genommen, bei großen Meetings Erfahrungen zu sammeln“ (Knuth 21.8.2015).

Die WM beginnt
„Von Samstag an, versprach Lamine Diack, der scheidende Präsident der Leichtathletik-Welt, werde nur noch über Wettkämpfe gesprochen; nicht mehr über Doping, sondern über die Duelle der Champions“ (Reinsch 21.8.2015). – „Am Donnerstag beschließt die IAAF ihren Kongress, am Samstag übernehmen die Athleten. Sie werden im stickigen Peking die Kohlekraftwerke abschalten, der Bürgermeister hat auch versprochen, den Verkehr einzudämmen. Wenn es am Samstag losgeht, soll der Himmel blau sein. Es soll so aussehen, als sei alles in Ordnung“ (Knuth 20.8.2015).
Da kann Peking gleich für die Olympischen Winterspiele 2022 üben!

– 100-Meter-Lauf WM 2015. Gewinner am 23.8.2015 war Usain Bolt aus Jamaika (dort gibt es kein Dopinglabor) mit 9,79 Sekunden. Zweiter wurde Justin Gatlin mit 9.80 Sekunden – er war nur eine Hundertstel Sekunde langsamer. „Justin Gatlin ist 33, ein Alter, in dem andere Sprinter ihre Karriere beenden. Er jedoch stellt eine Bestzeit nach der anderen auf, im Mai lief er die 100 Meter in 9,74 Sekunden. (…) Er ist schneller als früher, schneller als jener Gatlin, der nachweislich gedopt war“ (Eberle, Lukas, Böser Junge, in Der Spiegel 34/14.8.2015). Gatlin wurde 2001 mit Amphetaminen erwischt (Ausrede: „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“). Die IAAF reduzierte die Sperre von zwei Jahren auf ein Jahr. 2006 wurde Gatlin auf Testosteron getestet. Die lebenslange Sperre konnte er durch seine Kronzeugen-Rolle gegen seinen Trainer Trevor Graham auf acht Jahre Sperre reduzieren, die durch ein Sport-Schiedsgericht auf vier Jahre reduziert wurde. Seit August 2010 startet Gatlin wieder (Wikipedia). „Von den zehn schnellsten 100-Meter-Sprintern in dieser Saison hat die Hälfte eine Dopingvergangenheit“ (Eberle 14.8.2015).
Und von den anderen – siehe Bolt – ist sie nicht bekannt.

– Coe vertritt Nike, Nike sponsert Gatlin. Nach der Dopingsperre hat Nike seinen Vertrag mit Justin Gatlin gekündigt, erneuerte ihn aber dann wieder. Coe „berät nach wie vor Nike, jene US-Firma, die Gatlin zuletzt mit einem lukrativen Zwei-Jahres-Vertrag ausstattete; jene Firma, die das dopingumwehte Oregon Project unterstützt. Sebastian Coe bekräftigte jetzt, dass er seinen mutmaßlich sechsstellig dotierten Beratervertrag nicht kündigen werde“ (Knuth 24.8.2015). Das „Oregon Project“ von Nike wurde 2001 für Spitzenathleten gegründet. Spezielle Filter in einem Trainingsgebäude entzogen den Sauerstoff aus der Luft, um Trainingsbedingungen in Höhenlagen zu simulieren. Dadurch geriet das Nike Oregon Project 2002 in den Fokus der US Anti-Doping Agentur – Vorwurf „Blutdoping“. 2006 bestätigte die Welt-Anti-Doping Agentur (Wada), dass es sich um ein dem Blutdoping äquivalentes Verfahren handeln könnte (Wikipedia.org).

– Der nächste Dopingskandal. „Kenias Leichtathleten droht bei der WM in Peking der nächste Dopingskandal. Kenianischen Medienberichten zufolge wurden 400-Meter-Läuferin Joyce Zakary und Hürdenspezialistin Koki Manunga nach ihren Vorläufen positiv getestet. Es wären die ersten Dopingfälle bei den Titelkämpfen in China. Wie das Nachrichtenportal ‚Sport News Arena’ berichtet, soll bei beiden Läuferinnen ein maskierendes Mittel für eine unbekannte Dopingsubstanz festgestellt worden sein“ (Kenias Athletinnen unter Dopingverdacht, in spiegelonline 26.8.2015). Joyce Zakary nach dem 400-Meter-Rennen im Vorlauf: „Ich wusste gar nicht, dass ich so schnell laufen kann“ (Knuth, Johannes, Ein Weltmeister und zwei Dopingfälle, in SZ 27.8.2015). Beim Finale fehlte Zakary dann, da ihr Dopingtest positiv ausgefallen war.
Medaillenspiegel der Leichtathletik-WM in Peking am 26.7.2015 nach 23 von 47 Entscheidungen:
1. Platz: Kenia/6 x Gold, 3 x Silber, 2 x Bronze
3. Platz: Jamaika/ 2 x Gold, 1 x Bronze (Kenia Welten voraus, in SZ 27.8.2015).
Aus einem Kommentar von Peter Ahrens in spiegelonline: „Vor dem abschließenden Wochenende der WM hat Kenia sechs Mal Gold gewonnen, drei Mal Silber und zwei Mal Bronze. Weder die US-Amerikaner noch die Briten und die Deutschen, erst recht nicht die Russen konnten und können da mithalten. Und es folgen noch die Entscheidungen über die 5000 Meter bei Männern und Frauen, da wird es weitere Medaillen für die Afrikaner geben. (…) Im Land selbst werden Dopingkontrollen weitgehend willkürlich durchgeführt oder unterlassen. Seit Jahren wird angekündigt, dass ein Kontrolllabor in Nairobi gegründet werde. Es ist bisher bei der Ankündigung geblieben. Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada lässt die Dinge weitgehend laufen. Deren Direktor Craig Reedle wurde in der Vorwoche in der ARD mit dem Satz zitiert, dies sei Angelegenheit der Kenianer, dort werde man sich nicht einmischen. ‚Die kenianischen Behörden wissen doch, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen'“ (Ahrens, Peter, Kenias Athleten unter Verdacht, in spiegelonline 29.8.2015).

IAAF-„Kontrollen“ mangelhaft. „Die Lücken im Dopingkontrollsystem des Weltverbandes IAAF sind laut ARD und ‚Sunday Times‘ noch größer als angenommen. Die Blutdoping-Experten Michael Ashenden und Robin Parisotto übten nach einer Analyse von IAAF-Blutwerten harsche Kritik. Parisotto sagte mit Blick auf die Datenbank und die Anti-Doping-Arbeit der IAAF nach Einführung des Blutpass-Programms im Jahr 2009: ‚In den Folgejahren führte die IAAF nur etwa 25 Prozent aller Kontrollen außerhalb von Wettkämpfen im Training durch. Es ist unredlich, wenn ein Sport behauptet, ein wirksames Blutpass-Programm zu haben, ohne die bestmöglichen Werkzeuge gegen Doping einzusetzen, die er effektiv hat‘, sagte Perisotto. (…) Ashenden bemängelte auch die laut Datenbank geringe Häufigkeit von Bluttests der IAAF bei jungen kenianischen Läufern: ‚Kenianer hatten bei der Junioren-WM 2010 30 Medaillen gewonnen – doch nur 7 der 215 Bluttests wurden bei Kenianern gemacht. Da frage ich mich, wie ernsthaft die IAAF diese Athleten wirklich kontrollieren wollte'“ (Exerten nennen IAAF-Kontrollsystem mangelhaft, in spiegelonline 29.8.2015).

– Wettermacher Xi Jinping. „Das Wetter? Der Smog? Die Besucher sind zufrieden, die Chinesen völlig perplex, was wohl daran liegt, dass Peking die saubersten Tage seit Jahrzehnten erlebt. Die Feinstaubbelastung sank zuletzt auf rund 45 Mikrogramm pro Kubikmeter, pro Tag. Die Schwelle der Welt-Gesundheitsorganisation liegt bei 25 Mikrogramm. In Peking, das an den meisten Tagen unter einem Smogdeckel liegt, ermitteln die Messstationen im Durchschnitt Werte um 150 Mikrogramm. Vor der WM hatten sie im Schwerindustriegürtel rund um die Hauptstadt 10 000 Stahl-, Zement- und Glasfabriken heruntergefahren, allerdings nicht, weil die Leichtathletik zu Gast ist. Am 3. September rollt eine Militärparade durchs Stadtzentrum, Staatspräsident Xi Jinping hat aufgerufen, das 70. Jubiläum zum Ende des Zweiten Weltkriegs zu feiern. (…). Da müssen die Bilder natürlich perfekt sein. ‚Xi-Jinping-Blau‘, so nennen viele Pekinger den bereinigten Himmel… (). Die Leichtathletik profitiert also auch davon, dass Xi Jinping sich in diesen Tagen als mächtiger Herrscher inszeniert, die Macht immer fester umklammert“ (Knuth, Johannes, Unter bereinigtem Himmel in SZ 29.8.2015).

WM 2015 kostet 120 Millionen Dollar. Die chinesischen Veranstalter „haben 120 Millionen Dollar für den Etat zusammengebracht, mehr hat noch kein Gastgeber für eine Leichtathletik-WM ausgegeben“ (Ebenda).
Abwarten bis 2019: Dann gastiert die Leichtathletik-WM in Katar. Vergleiche: Die verkauften Leichtathletik-Weltmeisterschaften

– Noch größere Lücken bei IAAF-Dopingkontrollen. „Die Lücken im Dopingkontrollsystem des Weltverbandes IAAF sind offenbar viel größer als angenommen. Das haben neue Recherchen von ARD und Sunday Times ergeben. Die Blutdoping-Experten Michael Ashenden und Robin Parisotto haben neue alarmierende Analysen der IAAF-Blutwerte vorgelegt. Parisotto kritisierte mit Blick auf die Datenbank auch die Anti-Doping-Arbeit der IAAF nach Einführung des Blutpass-Programms im Jahr 2009: ‚In den Folgejahren führte die IAAF nur etwa 25 Prozent aller Kontrollen außerhalb von Wettkämpfen im Training durch. Es ist unredlich, wenn ein Sport behauptet, ein wirksames Blutpass-Programm zu haben, ohne die bestmöglichen Werkzeuge gegen Doping einzusetzen, die er effektiv hat.‘ (…) Ashenden, der wie Parisotto zu den Erfindern der Nachweismethode für das Blutdopingmittel EPO zählt, hält es für besorgniserregend, wie stark Doping der Blutdaten zufolge bei jungen insbesondere russischen Leichtathleten ausgeprägt war. (…) Ashenden bemängelte auch die laut Datenbank geringe Häufigkeit von Bluttests der IAAF bei jungen kenianischen Läufern: ‚Kenianer hatten bei der Junioren-WM 2010 30 Medaillen gewonnen – doch nur sieben der 215 Bluttests wurden bei Kenianern gemacht. Da frage ich mich, wie ernsthaft die IAAF diese Athleten wirklich kontrollieren wollte'“ (Seppelt, Hajo, Doping: Offenbar viel größere Lücken bei IAAF-Kontrollen, in sportschau.de 29.8.2015).
Zum Artikel in der Sportschau und zum TV-Bericht: hier

Nächster Angeklagter: Lamine Diack. Der seit 1999 und bis August 2015 amtierende Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, Lamine Diack, ist von den französischen Justizbehörden wegen Korruption angeklagt worden. (Der IAAF residiert in Monaco.) Diack wird Bestechlichkeit und Geldwäsche vorgeworfen. Sein Anwalt Habib Cissé wurde ebenfalls angeklagt: Beide wurden festgenommen und  auf Kaution freigelassen. Auslöser war zunächst die Enthüllung des russischen Dopingsystems im Herbst 2014 durch WDR und Sunday Times. „Im August 2015 war die IAAF erneut in die Negativschlagzeilen geraten. Laut Medienberichten habe der Verband die Veröffentlichung einer vor der WM 2011 durchgeführten anonymen Athletenbefragung aktiv blockiert. In der Studie hatten knapp ein Drittel der Teilnehmer angegeben, in den zwölf Monaten vor der WM in Daegu gedopt zu haben“ (Diack wird wegen Korruption angeklagt, in spiegelonline 4.11.2015). – „ARD und die britische Zeitung Sunday Times hatten auch recherchiert, dass seit 2001 ein Drittel aller Medaillengewinner auf den Mittel- und Langstrecken verdächtige Blutproben abgeben hatten, ohne dass die IAAF reagiert hätte. Vor der Leichtathletik-WM in Peking im August 2015 wurden dann 28 Athleten rückwirkend gesperrt, weil nachträglich festgestellt wurde, dass in ihren bei den Titelkämpfen 2005 und 2007 abgegebenen Proben verbotene Mittel enthalten waren“ (Knuth, Johannes, Mölter, Jürgen, Diack unter Anklage, in SZ 5.11.2015). Der Nachfolger Diacks als IAAF-Präsident, der Brite Sebastian Coe, hatte sich über die ARD-Recherchen in Peking noch lustig gemacht.
Diack wird der Korruption und Geldwäsche beschuldigt: Er soll über eine Million Dollar vom russischen Leichtathletikverband angenommen haben, um mindestens sechs russischen Athleten einen Start bei den Olympischen Sommerspielen 2012 in London zu erlauben, die wegen Dopings gesperrt werden sollten. Diack wurde gegen Zahlung einer Kaution in Höhe von 500.000 Euro freigelassen; er musste seinen Pass abgeben und darf Frankreich nicht verlassen. Die IAAF wurde in Anwesenheit ihres Präsidenten Sebastian Coe durchsucht und Unterlagen sichergestellt.
Der russische Sportminister Vitali Mutko spielte die Bedeutung der französischen Untersuchung herunter und sagte der Tass, dass das alte Management ausgetauscht wurde. – „Das IOC hält fest, dass die Gründe für diese Untersuchung sich auf Handlungen beziehen, die in der Vergangenheit liegen“ (Leicester, John, Former IAAF head investigated in Russia doping probe, in AP 4.11.2015).

Nachtrag 1: Hat Katar die Leichtathletik-WM 2019 gekauft?
“Neue Korruptionsvorwürfe belasten den Leichtathletik-Weltverband IAAF. Das Emirat Katar soll sich die Ausrichtung der WM 2019 erkauft haben. Das will der Chef des Weltverbands von anderen Funktionären erfahren haben. Dem krisengeschüttelten Leichtathletik-Weltverband IAAF droht offenbar weiterer Ärger. Die Ethikkammer könnte in Kürze die Vergaben der Weltmeisterschaften 2017 an London und 2019 an Doha untersuchen. Das deutete Ed Warner, Präsident des britischen Verbandes UK Athletics, bei einer Sitzung des Ausschusses für Kultur, Medien und Sport im britischen Parlament an. (…) Warner berichtete nun, dass ihm im November 2011 in Monaco am Rande der WM-Vergabe für 2017 berichtet wurde, dass Vertreter aus Katar ‘braune Umschläge voller Bargeld’ verteilt hätten. Namen wollte der Engländer in diesem Zusammenhang nicht nennen” (“Braune Umschläge voller Bargeld”, in spiegelonline 26.1.2016).

Quellen:
Ahrens, Peter
– Peking? Doping? Kein Ding, in spiegelonline 18.8.2015
– Wer ist in diesem Sport noch sauber? in spiegelonline 20.8.2015
Bahamas und die Nordfolkinseln, in SZ 20.8.2015
Becker, Christoph, Die Leichtathletik versinkt im Chaos, in faz.net 16.8.2015
Bouhs, Daniel, Seppelt, Hajo, Athleten, Trainer und Ärzten droht Dopingsperre, in www.tagesschau.de 16.8.2015
dosb.de, Münchner Leichtathletik-Publikum der EMK 2002 vom IOC ausgezeichnet, 3.4.2003
Eberle, Lukas, Hacke, Detlef, Die halbe Wahrheit, in Der Spiegel 33/8.2015
Friebe, Matthias, “Dopingsumpf ungeahnten Ausmaßes”, in deutschlandfunk.de 1.8.2015
Gernandt, Michael
– Diacks System, in SZ 12.8.2015
– Verstoßene Reformer, in SZ 20.8.2015
Hahn, Thomas, Hoffnungslauf, in SZ 22.8.2015
Kistner, Thomas, Verräter im System, in SZ 4.8.2015
Kistner, Thomas, Knuth, Johannes, Jede dritte Medaille unter Verdacht, in sueddeutsche.de 1.8.2015
Knuth, Johannes
– Manipulationen, Korruption, Vertuschung, in SZ 3.8.2015
– Parolen und Peinlichkeiten, in SZ 4.8.2015
– “Eine Kriegserklärung”, in SZ 6.8.2015
– Die Geschassten sind zurück im Geschäft, in SZ 18.8.2015
– Das große Reparieren, in SZ 19.8.2015
– Der Zauber wirkt, in SZ 20.8.2015a
– Prokop scheitert bei Vorstandswahlen, in SZ 20.8.2015
– „Ich glaube, in Peking ist nicht jeder clean“, in  SZ 21.8.2015
– Nur eine Hundertstel zwischen Gut und Böse, in SZ 24.8.2015
Olympiasiegerin wegen Dopings für acht Jahre gesperrt, in spiegelonline 17.8.2015
Reinsch, Michael
– Die Blatterisierung der Leichtathletik, in faz.net 19.8.2015a
– Jetzt ist Zahltag in der Leichtathletik, in faz.net 19.8.2015b
– Bis zu den Knien im Unrat, in faz.net 21.8.2015
Sebastian Coe ist neuer Präsident des Leichtathetik-Weltverbandes, in spiegelonline 19.8.2015
Seppelt, Hajo
– Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht, ARD, 3.12.2014
– Geheimsache Doping, im Schattenreich der Leichtathletik, in www.tagesschau.de 1.8.2015
Seppelt, Hajo, Spinrat, Andreas, WDR, Im Schattenreich der Leichtathletik, sportschau.de 1.8.2015
SID, Dubiose Werte, in SZ 10.8.2015
Springer oder Läufer, in SZ 19.8.2015
Streit um hochbrisante Doping-Studie, in spiegelonline 16.8.2015
Strittmatter, Kai, Mehr Stolz als Recht, in SZ 14.8.2015
Weinreich, Jens
– „Shakespeare“ will nach oben, in spiegelonline 18.8.2015
– Lehrstunde für Oberlehrer, in spiegelonline 20.8.2015

 

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