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Graubünden gegen Olympische Winterspiele

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Aug 082016
 
Zuletzt geändert am 13.04.2017 @ 11:59

8.8.2016, aktualisiert 13.4.2017

„Rio 2016 und Doping“ schließt nahtlos an Russland in Rio 2016: Ja oder Nein? und an die Berichte über  das staatliche russische Doping-System an. (Anmerkung: Cas = Internationaler Sportgerichtshof in Lausanne; Schreibweise Witalij Mutko wurde vereinheitlicht). Vergleiche auch im Kritischen Olympischen Lexikon: Hickey, Pat

Doper mit Rio-2016-Medaillen (ohne Dunkelziffer und Anspruch auf Vollständigkeit):
Nijat Rachimow
, Kasachstan, Gewichtheben: Goldmedaille (zweijährige Dopingsperre; Ausschluss der kasachischen Gewichtheber sportjuristisch nicht vor den Spielen abgeschlossen – bei 27 Dopingfällen seit 2012); Sukanya Srisurat, Thailand, Gewichtheben, Goldmedaille 2016 (zweijährige Dopingsperre); Majlinda Kelmeni, Kosovo, Judo: Goldmedaille (Verweigerung von Dopingtest im Juni 2016 bei Olympiavorbereitung); Olga Zabelinskaja, Russland, Radfahren: Silbermedaille (Dopingsperre, aufgehoben durch IOC-Beschluss vom Juli 2016); Julia Jefimowa, Schwimmen, Russland: Silbermedaille (Herbst 2013 Positivtest auf  Steroid Dehydroepiandrosteron; Frühjahr 2016 Meldonium); Sun Yang, China, Schwimmen: Goldmedaille, Silbermedaille (Mai 2014 Positivtest auf Octapamin) (Quelle: Zahlreiche Dopingsünder starten in Rio, in spiegelonline 11.8.2016; Ahrens, Peter, Wer einmal lügt, in spiegelonline 11.8.2016). Justin Gatlin, USA, Sprinter, noch ohne Medaille (2001 Positivtest auf Amphetamine, 4/2006 Positivprobe auf Testosteron/Wikipedia).

Doper in Rio 2016 – ohne Dunkelziffer!
1. Dopingfall:
„Wie das Nationale Olympische Komitee Italiens (Coni) bestätigte, wurde die Beachvolleyballerin Viktoria Orsi Toth bei einem Turnier am 19. Juli in Rom positiv auf das anabole Steroid Clostebol getestet. Orsi Toth wurde von der italienischen Anti-Doping-Agentur TNA suspendiert und vom Coni aus der Teilnehmerliste für Rio gestrichen“ (SID, Erster Dopingfall, in SZ 3.8.2016).
2. Dopingfall: „Laut einem Bericht des Irish Examiner wurde der irische Boxer Michael O’Reilly positiv auf eine verbotene Substanz getestet“ (SID, Zweiter Dopingfall, in SZ 5.8.2016).
3. und 4. Dopingfall: „Kurz vor der Abreise nach Rio de Janeiro sind die ungarischen Rennsport-Kanuten Bence Horvath und Mate Szomolanyi aus dem Aufgebot gestrichen worden. (…) Horvath und Szomolanyi sollen nach Informationen der ungarischen Anti-Doping-Agentur verbotene Substanzen genommen haben“ (SID, Verbotene Substanz, in SZ 5.8.2016).
5., 6. und 7. Dopingfall: N.N., Griechenland, Schwimmerin, gesperrt am Tag vor der Eröffnungszeremonie; N.N., Mitglied des griechischen Paralympischen Teams. Antonis Martasidis, Zypern, Gewichtheber (Zikakou, Ioanna, 2 Greek Athletes Banned from the Olympic Games for Doping, in greece.greekreporter.com 5.8.2016).  
8. Dopingfall:
„Nach einer positiven Doping-Probe wird der polnische Gewichtheber-Europameister Tomasz Zielinski aus dem Olympia-Team ausgeschlossen. Der 26-Jährige wurde in der A-Probe positiv auf das anabole Steroid Nandrolon getestet. (…) Die Gewichtheber hatten vor den Olympischen Spielen bereits die dopingbelasteten Verbände von Bulgarien und Russland ausgeschlossen“ (SID, B-Probe positiv, in SZ 10.8.2016).
9. Dopingfall: „Taiwans ehemalige Weltrekordhalterin im Gewichtheben, Lin Tzu-chi, wurde wegen eines positiven Doping-Tests von den Spielen ausgeschlossen. (…) Lin hatte bereits 2012 die Spiele in London verpasst, weil sie 2010 wegen eines positiven Tests zwei Jahre gesperrt worden war“ (SID, Gewichtheberin gedopt, in SZ 11.8.2016).
10. und 11. Dopingfall: Chen Xinyi, China, Schwimmerin; Silvia Danekova, Bulgarien, Hindernisläuferin, positiver Test auf Epo (Schwimmerin Chen Xinyi positiv getestet, in spiegelonline 12.8.2016; Chinese swimmer and Bulgarian athlete fail doping tests at Rio 2016 Olympics, in theguardian.com 12.8.2016).
12. Dopingfall: Kenianischer Trainer pinkelt für Läufer (siehe unter 12.8.2016)
13. Dopingfall: Adrian Zielinski, Polen, Gewichtheber (Olympa-Sieger London 2012, positiver Dopingtest auf anaboles Steroid Nandrolon in Rio in SID, Gewichtheben: Auch zweiter Zielinski-Bruder nach positiver Dopingprobe ausgeschlossen, in zeit.de 12.8.2016).
14. Dopingfall: Kleber da Silva Ramos, Radsportler, Brasilien, positive Probe auf EPO-Präparat Cera (SID, Radsport: Brasilianer da Silva positiv getestet, in zeit.de 12.8.2016).
15. Dopingfall: Luciano Dos Santos Pereira, Brasilien, Diskuswerfer, Paralympics, Mai 2016 positiv getestet auf anabole Steroide Stanozol und Oxandrolon (SID, IPC sperrt Kanat, in SZ 17.8.2016).
16. Dopingfall: Izzettin Kanat, Türkei, Gewichtheber, Paralympics, zwei Jahre Dopingsperre wegen Medonium (SID, IPC sperrt Kanat, in SZ 17.8.2016).
17. Dopingfall: Issat Artykow, Kirgisien, Gewichtheber, positiver Befund auf Stimulans Strychnin (SID, Rattengift, in SZ 19.8.2016).
18. Dopingfall: Sergei Tarnowtschi, Moldau, Rennkanute (SID, Medaille aberkannt, in SZ 19.8.2016).
19. Dopingfall: Narsingh Yadav, Indien, Ringer, vom Cas für vier Jahre wegen Doping gesperrt (SID, Indischer Ringer gesperrt, in SZ 20.8.2016).
20. Dopingfall: Usukhbayar, Chagnaadorj, Mongolei, Gewichtheber, getestet auf Testosteron (Cas Anti-Doping Division, Media release, 21.8.2016).
21. Dopingfall: Chadovich, Stanislav, Weißrussland, Gewichtheber, verwendete Ersatzurin beim Dopingtest (AP, Weightlifter Stanislav Chadovich suspended over sample tampering, in espn.com 27.8.2016).

2.8.2016
– Russische Sportler klagen systematisch (I)

„Vier Tage vor dem Start der Olympischen Spiele in Rio wird das Nominierungs-Chaos immer größer. Nach den Schwimmern ziehen auch die russischen Gewichtheber vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas – die Ruderer kündigten den Schritt an. ‚Unsere Anwälte haben mit den Athleten eine Klage vereinbart, die wegen fehlender internationaler Dopingtests gesperrt wurden“, sagte der russische Ruder-Präsident Wenijamin But und erklärte: ‚Es ist eine Kollektiv-Klage von 17 Personen’“ (SID, Russische Klagewelle, in SZ 2.8.2016).

– Russische Sportler klagen systematisch (II)
„Russische Sportler aus mehreren Disziplinen wollen ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro gerichtlich durchsetzen. Drei Tage vor der Eröffnungsfeier ziehen nach den Schwimmern auch die russischen Gewichtheber vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas. (…) Der Ruder-Weltverband Fisa hatte zuvor hart durchgegriffen und nur sechs der insgesamt 28 russischen Ruderer das Startrecht für die Rio-Spiele erteilt. Der Cas bestätigte den Eingang der Klage noch nicht. Nach Bekanntwerden des McLaren-Berichts der Welt-Antidoping-Agentur Wada hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) angeordnet, dass alle Weltverbände ihre russischen Athleten erneut auf Verstöße gegen die Doping-Richtlinien überprüfen sollten“  (Russische Klagewelle rollt auf Olympia zu, in spiegelonline 2.8.2016). Auch die russischen Gewichtheber klagen. „Der Weltverband (IWF) hatte im Rahmen seiner Prüfung keinem der acht nominierten russischen Athletinnen und Athleten, drei Frauen und fünf Männern, eine Startberechtigung für Rio erteilt. Am Wochenende hatten sich mit Wladimir Morozow, Nikita Lobinzew sowie Julia Jefimowa drei russische Schwimmer juristisch gegen ihren Olympia-Ausschluss gewehrt. Russlands Sportminister Witalij Mutko hatte die Klagewelle am Wochenende bereits angekündigt. ‚Wir sollten versuchen, unsere Athleten zu schützen‘, sagte Mutko, der auch alle ausgeschlossenen russischen Athleten aufforderte, vor Zivilgerichte zu ziehen und um ihr Recht zu kämpfen. (…) Ursprünglich hatten sich 387 russische Athleten für die ersten Sommerspiele in Südamerika qualifiziert. Nach der Streichung von 117 Sportlern zählt das russische Team derzeit 270 Athleten“ (Ebenda; Hervorhebung WZ).

– Pressekonferenz des IOC: Bach fechtet
Thomas Bach auf die Frage nach dem russischen Staatsdoping und ob er von Russland beeinflusst worden war: „‚No‘, rief Bach in den Saal, um einen forschen Tonfall bemüht. Dazu breitete der deutsche Spitzenfunktionär seine Sicht auf die Problematik aus, die schwer auf den Spielen lastet. Niemals, sagt am Sonntag der Alterspräsident des IOC, Richard Pound, habe er den Ringe-Zirkel in größerer Erklärungsnot erlebt zu dem Thema schlechthin: Integrität. (…) Bach war Fechter. Er hat stets hinter der Maske gekämpft; täuschen, fintieren, jäh zustechen gehört hier zum Repertoire. Aber selbst der Wirtschaftsadvokat, dessen Spezialität es ist, entschlossen für eine Sache zu sein und zugleich strikt dagegen, verheddert sich nun in den eigenen Argumentationssträngen. Am Ende klingen seine Ausflüchte zur Behandlung der Staatsdoping-Causa Russland wie ein wirrer Aufruf pro Staatsdoping. ‚Sobald die Fackel brennt, ist alles gut. Dann regieren nur die bunten Bilder‘, sagt einer, der die Abläufe seit Dekaden kennt. Bis dahin muss das Thema Staatsdoping ausgeblendet werden. Es beherrscht die Welt – in Rio steht es nicht mal auf der Agenda der IOC-Session, die ab Dienstag tagt. (…) Immer mehr Probleme erinnern an die untergehende Samaranch-Ära. Distanzierung wird spürbar in Teilen der Bewegung. Es rumort in den Athletenvertretungen des IOC und der Wada, die Frage ist, ob sie vor der Eröffnung noch eine Positionierung wagen. Auch in Hinblick auf die Whistleblowerin Julia Stepanowa, die echten olympischen Heldengeist bewiesen hatte, als sie über das russische Doping auspackte und dafür ihre Heimat verlassen musste. Und die jetzt nicht starten darf, weil ihr nach Einschätzung des Bach-Gremiums die ‚ethische‘ Eignung fehlt“ (Kistner, Thomas, Hinter der Maske, in SZ 2.8.2016).

3.8.2016
– Jens Weinreich zur Bach-Taktik

„Irgendwann an diesem Tag wollte Thomas Bach Einigkeit sehen, und natürlich bekam der IOC-Präsident, was er wollte. Bei der Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees in Barra da Tijuca in Rio hoben von den 84 anwesenden Mitgliedern die allerallermeisten ihre Hände, als Bach um Zustimmung zu den IOC-Entscheidungen in Bezug auf das russische Dopingsystem ersuchte. Nur einer widersprach: der Brite Adam Pengilly. (…) Die Abstimmung war ein ganz klassisches Vorgehen des Thomas Bach. Erst hatte er erneut die Verantwortung des IOC zurückgewiesen und den schwarzen Peter einmal mehr der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada zugeschoben. Dann bekam das dienstälteste IOC-Mitglied, Richard Pound aus Kanada, wie so oft eine verbale Breitseite ab. Pound hatte vor wenigen Wochen den Ausschluss des gesamten russischen Olympiateams als ’nukleare Option‘ bezeichnet. Bach nannte Pounds Vergleich wiederum ‚unangemessen‘. (…) Im Verlauf der knapp zweistündigen Diskussion zur Dopingthematik hatten einige Mitglieder in selten erlebter Schärfe die Wada attackiert. Allesamt gehören sie dem Lager des IOC-Präsidenten an, darunter waren zum Beispiel Gerardo Werthein (Argentinien) oder Alex Gilady (Israel). Alexander Schukow erneuerte indes seine unbelegte Behauptung, Russland sei Opfer einer internationalen politischen Kampagne. Der 60-jährige Präsident des Nationalen Russischen Komitees ist Chef der Koordinierungskommission für die Winterspiele 2022 in Peking. Er wurde von Bach ernannt. (…) Die IOC-Führung hat die Fachverbände, von denen einige unter russischem Einfluss stehen, mit einem offensichtlichen Zeitspiel in noch größere Nöte manövriert. Dazu zählt letztlich auch der intransparente Umgang mit mehreren Wellen von Nachtests olympischer Dopingproben aus Peking (2008) und London (2012). Einige Verbände kritisierten das vehement. IOC-Sprecher Mark Adams musste sich am Dienstag entsprechenden Fragen stellen – und konnte die Vorwürfe nicht entkräften“ (Weinreich, Jens, Wada was? in spiegelonline 3.8.2016).

– Der frühere Wada-Präsident Richard Pound im Interview mit Thomas Kistner
Pound zum russischen Staatsdoping: „Wir haben ja damals nur in die Leichtathletik geschaut und dort ein organisiertes, staatlich unterstütztes System-Doping gefunden. Wir wussten auch, dass Mitarbeiter des FSB (russischer Geheimdienst; d. Red.) in den Kontroll-Laboren in Moskau und Sotschi zugegen waren. Wir wussten aber natürlich zu der Zeit noch nicht, was die dort genau gemacht haben, was das zu bedeuten hatte. (…) In diesem staatlich gesteuerten Betrug war doch alles drin. Ein Vize-Sportminister, der persönlich durch die Liste der positiv getesteten Sportler geht und entscheidet, der hier und der da muss ‚gesichert‘ werden – und dann verschwinden diese Dopingfälle einfach. Das hat ganz perfekt funktioniert, für viele nationale Athleten, bei Trainings- und bei Wettkampfkontrollen. Es konnte aber so nicht mehr in Sotschi (bei den Winterspielen 2014; d. Red.) gemacht werden, weil dort zusätzliche Spezialisten aus aller Welt zugegen waren. Die hätten es bemerkt, wenn dieses Prinzip des Verschwindenlassens von positiven Tests einfach so fortgesetzt worden wäre. Also mussten sie etwas Neues erfinden. Und das war dann der komplette Austausch von Urin. Dass Probenfläschchen geöffnet wurde.“ – Pound auf die Frage Kistners, warum IOC-Präsident Thomas Bach wie der verlängerte Arm von Wladimir Putin wirkt: „Ich habe keine Ahnung, und ich will nicht spekulieren. Aber das ist ja das Frustrierende. Bach kam erst mit der Nulltoleranz. Nach dem McLaren-Report hat er gesagt, da brauche es ganz extreme Sanktionen. Aber jetzt sieht es so aus, als sei alles schon vor der Exekutivsitzung aufgestellt worden. Die fing Sonntagmorgen gegen 10 Uhr an und endete gegen 13 Uhr. Und wenig später wurden bereits sehr präzise, juristisch saubere 13 Seiten dazu vorgelegt.“ – Pound zum Umgang mit der Whistleblowerin Julia Stepanowa: „Ich finde das beunruhigend. Der Umgang mit Stepanowa verstärkt noch den Riesendruck. Nach dem Wada-Code darf sie starten, und der Leichtathletik-Weltverband IAAF hat sie ja in Amsterdam bereits laufen lassen.“ (Alle Zitate: Kistner, Thomas, „Es sieht so aus, als sei alles vorab aufgestellt gewesen“, in SZ 3.8.2016).

IOC: Wada ist schuld
Wada-Präsident Craig Reedie hat die Forderungen von IOC-Chef Thomas Bach nach einer weitreichenden Neugestaltung des weltweiten Anti-Doping-Kampfes und der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) akzeptiert. Ein wichtiger Schritt dafür soll eine außerordentliche Wada-Konferenz im kommenden Jahr sein, auf der die Reformen diskutiert werden. (…) Der Wada-Vorsitzende hatte sich auf der IOC-Vollversammlung viel Kritik anhören müssen. Vor allem bemängelten die IOC-Mitglieder, dass die Agentur Hinweisen auf Staatsdoping in Russland durch das Whistleblower-Ehepaar Stepanow zu spät nachgegangen sei. Nämlich erst, als es bei der ARD auspackte. „Wir müssen den Prozess mit den Whistleblowern verbessern“, sagte Reedie. Auch dafür habe man den deutschen Chefermittler Günter Younger zum 3. Oktober eingestellt“ (Wada-Chef Reedie kündigt Verbesserungen an, in spiegelonline 3.8.2016).

4.8.2016
– Thomas Kistner über die IOC-Session in Rio:

„Es sind raue Zeiten im Olymp, der konsequent servile Umgang mit staatlich organisiertem Doping im Sportreich Wladimir Putins hat das IOC in den Brennpunkt internationaler Kritik gerückt. Zwei Ermittler-Stäbe im Auftrag der Wada hatten ein ministeriell gelenktes Betrugssystem aufgedeckt. Der jüngste Report des kanadischen Juristen Richard McLaren, vorgelegt Mitte Juli, zeichnet ‚jenseits allen Zweifels‘ nach, wie der Staat als Schaltzentrale des Betrugs fungierte. Der (beurlaubte) Vize-Sportminister Juri Nagornik pickte demnach persönlich die Sportler heraus, die es zu schützen galt; positive Proben wurden vernichtet. Insgesamt, schält sich bei den anhaltenden Ermittlungen heraus, dürften bis zu 9000 Proben zerstört worden sein. (…) Die diabolische Meisterleistung brachte nach Aktenlage Dutzende ausländischer Athleten um ihre Medaillen und zerstörte die Integrität des höchsten olympischen Gutes, des fairen Wettkampfs. Das IOC honorierte sie mit einer Geste für Putin: Russlands Helden werden nicht kollektiv ausgeladen. Nur die Leichtathleten waren nicht mehr zu retten, der Weltverband IAAF hatte sie schon im Juni komplett für Rio gesperrt – der Sportgerichtshof Cas hatte das Verdikt abgesegnet. So formierte sich zum Sessionsauftakt Bachs olympische Wagenburg. Erst wetterte der russische IOC-Mann Alexander Shukow gegen die Wada, am Ende lobte Bach ‚eine sehr gute Debatte‘ – dazwischen besang ein gemischter Chor aus Mitgliedern von Monaco bis Nordkorea die Weisheit des Präsidenten und seiner Exekutive. (…) Als Bach den Beschluss seiner Exekutive für einen Start der russischen Sportler nach einer Einzelfallprüfung absegnen ließ, die gar nicht seriös zu leisten ist, votierte nur der englische Athletenvertreter Adam Pingally dagegen. Die Bühne der IOC-Session gehörte den Russen. NOK-Chef Shukow ratterte vom Papier eine Brandrede runter, die Arme verschränkt auf den Tisch gepresst wie ein Sturkopf, der seine Suppe nicht essen will. Der Vortrag folgte streng der olympischen Null-Toleranz-Rhetorik zum Pharmabetrug: Erst hielt er fest, dass Doping etwas Entsetzliches sei und dringend bekämpft gehöre, Russland wolle voll mitziehen und Sünder ‚hart bestrafen‘. Dann der Umkehrschwung: Systemdoping? Die russische Anti-Doping-Agentur Rusada, die ihr langjähriger Leiter Grigori Rodschenko als Kronzeuge des McLaren-Reports als Schummel-Zentrale auffliegen ließ, kann es ja nicht gewesen sein, insinuierte der Russe listig. Denn: ‚Die Arbeit der Rusada wurde ständig international überwacht. Die Wada lobte sie für Sotschi sogar als beispielhaft!’“ (Kistner, Thomas, Diese Suppe ess‘ ich nicht, in SZ 4.4.2016; Hervorhebung WZ).

Daniel Gehrmann in nzz.ch: „Der Wille zu einem kompromisslosen Kampf gegen das Doping ist sehr gering. (…) Wie halbherzig der Kampf gegen Doping ist, verdeutlicht die Summe, die das IOK der Wada zur Verfügung stellt. 2014 waren es 13,3 Millionen Dollar. Das entspricht gerade einmal 0,17 Prozent der über 8 Milliarden Dollar Einnahmen, die das IOK im vergangenen Vierjahreszyklus mit den Spielen eingenommen hat“  (Gehrmann, Daniel, Thomas Bach in Erklärungsnot, in nzz.ch 4.8.2016).

5.8.2016
– Statt 389 nun 271 Russen

„Russlands Olympiamannschaft kann 271 Sportler bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro an den Start schicken. Kurz vor der Eröffnungsfeier gab das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Liste der für sauber erklärten Sportler bekannt. In einer Erklärung des IOC heißt es: ‚271 der ursprünglich 389 Athleten auf der Liste des Russischen Nationalen Olympischen Komitees werden die Mannschaft bilden.‘ Das russische IOC-Mitglied Alexander Schukow – auch Präsident des Nationalen Olympischen Komitees – hatte die Zahl schon zuvor publik gemacht. (…) Klar war zumindest, dass der Cas den Ausschluss von früher gedopten russischen Athleten von den Spielen als ’nicht durchsetzbar‘ ablehnt, wie es in einer Mitteilung heißt. Damit gab das Gericht der russischen Schwimm-Weltmeisterin Julia Jefimowa und den beiden Ruderern Anastasia Karabelschikowa und Iwan Podschiwalow teilweise recht. Sie hatten Einspruch gegen diese Doppelbestrafung eingelegt: Die drei Athleten waren in der Vergangenheit wegen Dopings gesperrt worden, haben diese Strafen aber bereits verbüßt. Nun dürfen sie auf eine Olympiateilnahme hoffen. Wer darüber letztlich entscheidet, blieb nach der Cas-Mitteilung aber zunächst offen“ (Russland darf mit 271 Athleten in Rio antreten, in spiegelonline 5.8.2016). Spätere Erhöhung durch den Cas auf 279 russische Teilnehmer.

Russen rein, Stepanowa raus – oder rein
„Die Whistleblowerin Julia Stepanowa kann wieder auf einen Start bei den Olympischen Spielen hoffen. Der Internationale Sportgerichtshof Cas hat den Ausschluss von früher gedopten russischen Athleten von dem Wettbewerb in Rio als ’nicht durchsetzbar‘ abgelehnt. Das teilte der Cas mit. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte im russischen Dopingskandal nicht nur entschieden, dass die internationalen Sportfachverbände jeden nominierten Sportler aus Russland überprüfen sollen. Vielmehr hatte das IOC auch verfügt, dass ehemals gedopten Russen ein Start bei den Sommerspielen verweigert wird. Mit dieser Begründung hatte das IOC auch einen Start der russischen Doping-Kronzeugin und 800-Meter-Läuferin Stepanowa in Rio verweigert. Allerdings müsste die 30 Jahre alte Leichtathletin ebenfalls vor dem Ad-hoc-Gericht des Cas in Rio de Janeiro Klage einreichen. Stepanowa hatte ein systematisches Doping in Russland aufgedeckt. Daraufhin schloss der Weltverband IAAF die Leichtathleten Russlands komplett von den Spielen in Rio aus. Die IAAF hatte aber das IOC gebeten, Stepanowa wegen ihrer Verdienste im Kampf gegen Doping in Rio starten zu lassen. (…) Experten hatten eine entsprechende Entscheidung des Cas erwartet. Der Sportgerichtshof hatte nämlich schon die sogenannte Osaka-Regel des IOC 2011 für nicht rechtmäßig erklärt. Die Regel sah vor, dass Doping-Sünder automatisch von den nächsten Olympischen Spielen ausgeschlossen werden und damit doppelt bestraft werden“ (Whistleblowerin Stepanowa mit Olympia-Startchance, in spiegelonline 5.8.2016).

– Richard McLaren gegen IOC
„Doping-Ermittler Richard McLaren kritisierte das Vorgehen und warf dem IOC eine Verfälschung der Ergebnisse seines Berichts über organisierten Sportbetrug in Russland vor. ‚Die Leute haben missverstanden, was in dem Report war, besonders das IOC und die internationalen Verbände‘, sagte er der britischen Zeitung Guardian. Sein Bericht habe nicht zum Ziel gehabt, die Dopingvergehen einzelner Athleten nachzuweisen“ (DPA, Russland mit 271 Sportlern, in SZ 5.8.2016).

– Der Ringe-Clan klatscht
„Nun treten Russlands Athleten unter den Nationalfarben an, obwohl Drahtzieher aus dem Kreml Beamte und Geheimagenten, Wissenschaftler und Funktionäre für ein ’nie dagewesenes Ausmaß an Betrug‘ eingespannt hatten – so hat IOC-Chef Bach im ersten Schock die Beweislage kommentiert, die ein Report der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada im Juli ans Licht brachte. Aber Wladimir Putin sieht das anders, und Bach jetzt auch. Er hat sein Entsetzen über ein beispielloses Kriminalstück problemlos runtergefahren. (…) Der Kongress springt auf und tanzt, wenn die Funktionäre aus Sportfreund Putins Reich in die Hände klatschen. Wie naiv ist es da zu glauben, dass ein Staat, der mit geheimdienstlicher Akribie 2014 in Sotschi ein Olympiafest fälschte, nicht auch über die wesentlichen politischen Vorgänge in der Sportwelt informiert ist? Hier liegt wohl die Erklärung für die servile Haltung des IOC zum Russland-Doping. (…) Während die Spitzenkräfte des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), die einst ja von Bach selbst dorthin befördert wurden, besinnungslos in der Spur des Patrons laufen, gehen Athleten, Politiker, die Öffentlichkeit und sogar Teile des organisierten Sports auf Distanz. Die Deutsche Olympische Gesellschaft (DOG) wirft Bach vor, er habe die Vorbildfunktion des Sports beschädigt, die Auswirkung sei gar nicht abzusehen. In Hans-Wilhelm Gäb gab einer der renommiertesten Funktionäre des Landes den olympischen Orden zurück. Eine deutsche Initiative pro Stepanowa überschritt die Grenze von 250 000 Stimmen am Tag, bevor das Feuer brannte“ (Kistner, Thomas, Gegen den Ringe-Clan, in SZ 5.8.2016).

– Holger Gertz zur Eröffnung von Rio 2018 – mit russischer Mannschaft
„Es gibt eine Debatte um Verantwortlichkeiten und Eckpunkte im Regelwerk, die von Fachleuten mit großer Sorgfalt seziert wird. Beim oberflächlicher zuschauenden Publikum, jedenfalls im freien Teil der Welt, vollendet sich das Bild eines Leistungssports, dessen mächtigste Funktionäre endgültig auf die dunkle Seite gewechselt sind. Die großen Turniere sind getötet worden, es riecht nach Verwesung und schlechten Menschen. (…) Die Opening Ceremonies berichten vom Zustand der Welt. Wenn keiner boykottiert, ist das ein gutes Zeichen. In diesem Fall wäre das Fehlen von Russland ein starkes Zeichen gewesen, ein Symbol dafür, dass das IOC bereit gewesen wäre, es sich mit Putin zu verscherzen und für die eigenen Werte geradezustehen“ (Gertz, Holger, Die Bildermacher, in SZ 5.8.2016).

6.8.2016
– Neue Schweizer Doping-Verpackung

„Bei den Dopingkontrollen während der Olympischen Spiele in Rio kommen neue Proben-Behälter zum Einsatz. Die Flaschen eines Schweizer Herstellers sollen mit zusätzlichen Sicherheitsmerkmalen Manipulationen und Fälschungen verhindern. So soll beispielsweise das illegale Öffnen der Urin-Proben mit ‚hundertprozentiger Sicherheit‘ nachgewiesen werden können, heißt es“ (SID, Neue Dopingproben-Behälter, in SZ 6.8.2016).

– Chef des russischen Olympiakomitees: „Russische Sportler voll akzeptiert“
„Der Schaden für Russlands Sport-Armada bleibt überschaubar. Im ersten Schritt hatte das IOC ja die Zulassungsprüfung an die jeweiligen Sportverbände abgeschoben, und dass bei den vielen Federationen, die unter russischem Einfluss stehen, kurzer Prozess gemacht würde, bestätigte sich dramatisch. ‚Die Mehrheit der Verbände hat unsere Athleten voll akzeptiert‘, verkündete Alexander Schukow, Chef des russischen Olympiakomitees ROC und selbst IOC-Mitglied. Etwa im Boxen, Badminton, Turnen, Volleyball oder Judo – der letztgenannte Weltverband hat einen Ehrenpräsidenten namens Wladimir Putin. Nur Leichtathleten und Gewichtheber wurden komplett verbannt, kräftig ausgesiebt wurde bei Ruderern und Kanuten. ‚Wir halten die IOC-Entscheidung nach wie vor für das falsche Signal an einen sauberen und fairen Sport‘, brachte Lars Mortsiefer, Chef der deutschen Anti-Doping-Agentur Nada, die allgemeine Empörung auf den Punkt. Wie sich der IOC-Kurs auf das Innenleben der Spiele, auch im Olympiadorf, auswirkt, ist in den nächsten zwei Wochen zu besichtigen“ (Kistner, Thomas, Durchs Sieb geschlüpft, in SZ 6.8.2016).

– Julia Jefimowa darf starten
„Die russische Schwimmerin Julia Jefimowa kann offenbar an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teilnehmen. ‚Ich starte bei Olympia‘, jubelte die Weltmeisterin und Olympia-Dritte von 2012 bei Instagram. (…) Der Fall Jefimowa hat besondere Brisanz. Die Weltmeisterin war vom Weltverband Fina wegen eines früheren Doping-Falles ausgeschlossen worden. (…) Wie Kasikow weiter erklärte, würden insgesamt acht weitere russische Athleten eine Startgenehmigung für die Spiele erhalten. Insgesamt würde dadurch das russische Team in Rio von 271 auf 279 anwachsen. Eigentlich würde das auch die Tür für die Whistleblowerin Julia Stepanowa öffnen. Ihr wurde ja von IOC-Präsident Thomas Bach die ‚ethische Eignung‘ abgesprochen, in Rio teilzunehmen, weil sie selbst auch jahrelang Teil des russischen Staatsdoping gewesen sei. Doch Stepanowa wird in Rio nicht starten dürfen, das IOC hat unter starkem russischem Einfluss andere Gründe gefunden, warum die Geheimnis-Verräterin ausgeschlossen bleibt. Die 30-Jährige hat ihren Kampf um eine Teilnahme nun aufgegeben. (…) ‚Wir erkennen, dass das IOC das Ermessen hat, zu den Spielen einzuladen, wen es will. Die Entscheidung, Julia einen Platz im Wettbewerb zu verwehren, sendet die Botschaft, dass der Code der Welt-Anti-Doping-Agentur und die olympischen Werte nicht mehr als bloße Worte auf einem Stück Papier sind‘, schrieben die Stepanows. Statt der Heldin des Anti-Doping-Kampfs sollen nun neben Jefimowa auch Natalia Lowtsowa, Daria Ustinowa, Michail Dowganjuk und Anastasia Krapiwina Grünes Licht vom IOC erhalten haben. Auch die Radrennsportler Olga Zabelinskaja, Sergej Schilow und Ilnur Sakarin seien startberechtigt, sagte Juri Kuscherjawi, Generalsekretär des russischen Radsport-Verbandes“ (SID, Jefimowa freut sich auf Olympia-Start, in SZ 6.8.2016).

– Jefimowas Gegnerin Ruta Meilutyte
„Wer am Sonntag tatsächlich in die Vorläufe über 100 Meter Brust starten wird? Das bleibt wohl bis zum Einlauf der Schwimmerinnen ein Rätsel. Ruta Meilutyte ist ganz sicher dabei, sie ist die Olympiasiegerin von London. Damals war die Litauerin gerade 15 Jahre alt und kam aus dem Nichts auf die große Bühne, ohne je an einer EM oder WM teilgenommen zu haben. Über die Jahre hat sie eine besondere Rivalität zu einer Kontrahentin entwickelt: Die Russin Julia Jefimowa und sie werden keine Freunde mehr. 2012 erreichte Jefimowa in London Rang sieben, bei der WM in Kasan 2015 startete sie nach gerade erst abgesessener Dopingsperre, die sie mit dem Bekommen eines Knöllchens im Straßenverkehr verglich. (…) In Rio galt die Russin als gesperrt, bis der internationale Sportgerichtshof Cas das Urteil des IOC kippte“ (Das ist Chinas Bad Boy, in SZ 6.8.2016).

– Chinas Schwimmer-Doper Sun Yang
„Dass Sun Yang Anfang 2014 positiv auf das Stimulans Trimetazidin getestet wurde, vertuschte der Verband lange. Und verhängte dann rückwirkend nur drei Monate Sperre“ (Das ist Chinas Bad Boy, in SZ 6.8.2016). – Der australische Schwimmer Mack Horton gewann über 400 Meter Freistil gegen den Chinesen Sun Yang: Er nannte diesen am Tag des Wettkampfs einen „Doping-Betrüger“. „Im Mai 2014 war Sun Yang bei den chinesischen Meisterschaften mit dem verbotenen Stimulansmittel Trimetazidin erwischt worden. Dafür erhielt er vom chinesischen Schwimmverband eine Sperre von – Achtung, kein Witz! – drei Monaten. Seitdem die vorbei sind, schwimmt Sun Yang wieder mit wie ein Fisch in einem klaren Gebirgsbach. (…) Im Training in dieser Woche hatte Sun Yang, 24, die Nähe des Rivalen gesucht. Zur Begrüßung hatte er Horton freundlich nass gespritzt. Der aber ignorierte das Geplänkel. „Weil ich weder Zeit noch Respekt für Doping-Betrüger habe“ – das war der Satz, der anschließend hohe Wellen schlug. Ob er sich wünsche, dass auch andere Schwimmer in Rio ein solches Zeichen setzen, wurde Mack Horton noch gefragt, bevor er in die Nacht entschwand. Seine Antwort: ‚Ja. Heute ist ja erst der erste Tag. Hoffentlich melden sich noch einige zu Wort’“ (Hofmann, René, „Doping-Betrüger“, in SZ 8.8.2016).

– Keine russischen Sporter bei den Paralympics
Zur Vorgeschichte: „Zwischen 2012 und 2015 sind 643 positive Proben verschwunden, um russische Athleten zu schützen, darunter waren 35 Proben aus dem Paralympischen Sport. Um welche Sportarten es sich handelt, wollte das Internationale Paralympische Komitee nicht mitteilen. Das IPC übermittelte 19 weitere Proben zur Untersuchung an die Ermittler. Sie wurden bei den Paralympics 2014 entnommen, die kurz nach Olympia in Sotschi stattfanden. Und das könnte erst der Anfang sein. (…) Das Nationale Paralympische Komitee Russlands wurde erst 1995 gegründet. Dessen Präsident ist seit bald 20 Jahren Wladimir Lukin, ein Vertrauter Putins und bis 2014 Menschenrechtsbeauftragter im Kreml. Lukin, der im IPC nicht sonderlich gut vernetzt ist, sollte den Behindertensport professionalisieren. (…) Etliche Athleten hatten ihre Behinderung als Soldaten im Tschetschenien-Krieg davongetragen, andere durch Unfälle und Krankheiten. Wurden diese Sportler gegen ihr Wissen gedopt, um die Medaillendominanz der Russen möglich zu machen? Schon während der Spiele 2014 waren Gerüchte im Umlauf. Einige Verbände wunderten sich, warum die russischen Paralympier einen gesonderten Raum für die Abnahme der Dopingproben zur Verfügung hatten. Das Unbehagen verschwand, denn das dominierende Thema war die Annektierung der Krim. Überdies waren weit weniger Journalisten und Beobachter in Sotschi im Einsatz“ (Blaschke, Ronny, 35 verschwundene positive Proben, in SZ 3.8.2016).
„Nach den massiven Doping-Vorwürfen im Report des unabhängigen Wada-Ermittlers Richard McLaren hat das Internationale Paralympics Komitee (IPC) am Sonntag die Konsequenzen gezogen. Wie der britische ‚Guardian‘ schon am Samstag berichtet hatte, werden alle russischen Sportler von den Paralympischen Spielen ausgeschlossen. Die Weltspiele der Behindertensportler finden vom 7. bis 18. September in Rio statt. Die russische Nachrichtenagentur Tass zitierte Sportminister Witalij Mutko: Russland werde gegen die Entscheidung vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas vorgehen. ‚Das russische Anti-Doping-System ist kaputt und korrupt. Es entspricht nicht dem Welt-Anti-Doping-Code und nicht dem Anti-Doping-Code des Internationalen Paralympischen Komitees‘, sagte IPC-Präsident Philip Craven: ‚Es werden keine russischen Athleten bei den Paralympics in Rio starten.‘ (…) Am 22. Juli hatte das IPC das Suspendierungsverfahren gegen das russische NPC eingeleitet. Grundlage dafür ist der McLaren-Bericht. Das IPC hatte von McLaren die Namen von 35 Sportlern erhalten, die in Verbindung mit verschwundenen positiven Dopingproben aus dem Moskauer Kontrolllabor stehen sollen. ‚Der Report hat einen unvorstellbaren Umfang an institutionellem Doping im russischen Sport aufgedeckt, das auf dem höchsten Level gesteuert wurde‘, sagte Craven. ‚McLarens Erkenntnisse sind eine ernsthafte Besorgnis für alle, die sich einem sauberen und ehrlichen Sport verpflichtet fühlen'“ (Alle russischen Athleten von Paralympics ausgeschlossen, in spiegelonline 7.8.2016). – „Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), reagierte zustimmend: ‚Das ist eine klare, unmissverständliche, aber auch mutige Entscheidung. Sie findet die ausdrückliche Zustimmung des DBS. Null-Toleranz-Politik lässt keine Ausflüchte zu. Flächendeckendes Doping erlaubt keine Unschuldsvermutung.‘ (…) Am 22. Juli hatte das IPC das Suspendierungsverfahren gegen das russische NPC eingeleitet. Es hatte von McLaren die Namen von 35 Sportlern erhalten, die in Verbindung mit verschwundenen positiven Dopingproben aus dem Moskauer Kontrolllabor stehen sollen. Zudem hat der Dachverband 19 Dopingproben von den Winter-Paralympics 2014 in Sotschi zur Nachkontrolle geschickt, die im Verdacht stehen, ausgetauscht worden zu sein. ‚Der Report hat einen unvorstellbaren Umfang an institutionellem Doping im russischen Sport aufgedeckt, das auf dem höchsten Level gesteuert wurde‘, stellte IPC-Chef Craven fest“ (DPA, SID, Russland ist raus, in SZ 8.8.2016).
Der russische Sportminister Witalij Mutko: „Wir werden Klage beim Internationalen Sportgerichtshof Cas einreichen. Wir werden für unsere Athleten kämpfen“ (spiegelonline 7.8.2016).
Russische Logik: Erst werden die russischen Behindertensportler vom Staat zwangsgedopt, und dann kämpft dieser Staat für „seine“ Sportler vor Gericht gegen die Sperre, die wegen dieses Staatsdopings verhängt wurde.

Dazu aus einem Kommentar von Jens Weinreich in spiegelonline: „Einen Auftritt wie den von Sir Philip Craven hat die olympische Welt noch nicht gesehen. Der Brite, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), lieferte am Sonntag in Barra da Tijuca ein kleines Meisterstück an Transparenz und Konsequenz, das die olympische Welt erschüttert. Das IPC suspendierte das Russische Paralympische Komitee (RPC), somit können die Russen nach jetzigem Stand nicht an den Paralympischen Spielen im September in Rio de Janeiro teilnehmen. (…) Für das bestens dokumentierte russische Staatsdopingsystem und den organisierten Betrug an paralympischen Sportlern anderer Nationen empfinde er ’nichts als Ekel‘, sagte Sir Philip Craven: ‚Fairplay ist das Fundament des Sports. Wenn wir damit nachlassen, sind wir erledigt‘. Die Entscheidung des IPC-Verwaltungsrats, die am Samstag bereits durchgesickert war, da aber noch dementiert wurde, ist auch ein Schlag ins Gesicht des deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach“ (Weinreich, Jens, Ein Entschluss, der die olympische Welt erschüttert, in spiegelonline 7.8.2016). Weinreich listete die unterschiedliche Beurteilung von IPC und IOC auf:
„- Das IPC suspendiert das RPC als Bestandteil des Staatsdopingsystems sofort, während Bachs IOC das russische NOK für angebliche Aufklärungsarbeit und Kooperationsbereitschaft mehrfach lobte. – Das IPC zieht Konsequenzen daraus, dass Russland schon im November 2015 als non compliant zum Welt-Antidoping-Code der Wada eingestuft wurde, während Bachs IOC daraus keine Schlussfolgerungen zieht.
– Das IPC hält sich an sein Regelwerk, während das IOC die juristisch unangreifbaren Optionen der Olympischen Charta negiert hat.
– Das IPC hat sofort mit dem Wada-Sonderermittler Richard McLaren kooperiert, sich beraten und ergänzende Auskünfte eingeholt, während Bach den MacLaren-Bericht demonstrativ nur noch als „vorläufig“ bezeichnet und davon spricht, nach weiteren Ermittlungen und nach Vorlage eines abschließenden Berichts neu entscheiden zu wollen. Er spielt auf Zeit.
– Das IPC stellt den Betrug der Russen am Rest der Welt bei den Sotschi-Paralympics in den Vordergrund – das IOC konzentrierte sich auf russische Sportler, denen man Schlupflöcher bot. (…) Bei den Paralympics organisierten die russischen Gastgeber, so muss man es bezeichnen, insgesamt 80 Medaillen (30 Gold, 28 Silber, 22 Bronze). Deutschland kam in der Nationenwertung auf Rang zwei (15 Medaillen, davon neun Gold) vor Kanada (16 Plaketten, sieben Gold). Diese Ergebnislisten werden komplett umgeschrieben. (…) Paralympische Sportler haben sich in den vergangenen Wochen mehrheitlich deutlich zu einer Sperre der Russen bekannt. Der Deutsche Behindertensportverband DBS unterstützte die IPC-Entscheidung am Sonntag auch sofort und unmissverständlich auf ganzer Linie. Dagegen hatte die Führung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Präsident Alfons Hörmann und der Vorstandsvorsitzende Michael Vesper, alles unternommen, um die Linie des einstigen DOSB-Primus Thomas Bach durchzusetzen. Deutsche Sportler wie Olympiasieger Robert Harting wurden verbal gemaßregelt. In Rio behauptete Vesper nun, es gelte Meinungsfreiheit im deutschen Team“ (Ebenda).
Craven kommentierte die Reaktion auf den McLaren-Bericht so: „Der Report hat einen unvorstellbaren Umfang an institutionellem Doping im russischen Sport aufgedeckt, das auf dem höchsten Level gesteuert wurde… McLarens Erkenntnisse sind eine ernsthafte Besorgnis für alle, die sich einem sauberen und ehrlichen Sport verpflichtet fühlen“ (Ebenda).

Und Boris Herrmann in der SZ: „Diese Spiele sind heute aber so groß und widersprüchlich, dass es für sie keine idealen Orte mehr gibt. Coubertins Idee eines Treffens der Jugend der Welt zum fairen sportlichen Wettkampf existiert allenfalls noch als Werbefassade. Wobei die Altherren-Clique des Internationalen Olympischen Komitees zunehmend Schwierigkeiten hat, sie aufrechtzuerhalten. Wenn der russische Sport des Staatsdopings überführt wird und trotzdem 271 Athleten nach Rio schicken darf, und wenn der Herr der Ringe, IOC-Präsident Thomas Bach, dazu erklärt, er habe ein ‚reines Gewissen‘, dann ist der Olympiageist endgültig auf der Intensivstation angelangt. (…) Ein noch viel größeres Symbol wäre es, wenn die Leichtathletin Julia Stepanowa doch noch eine Starterlaubnis für Rio bekäme. Sie hatte als Kronzeugin den russischen Dopingskandal aufgedeckt. Mit der Begründung, dass sie auch selbst gedopt war, wurde sie vom IOC gesperrt. Ein Urteil des Internationalen Sportgerichtshof Cas bringt dieses weltweit kritisierte Argument auch rechtlich ins Wanken. Es wäre jetzt so einfach, diese Spiele mit einer großen Geste zu beginnen – mit der Entscheidung, dass Olympia nicht nur den Vertuschern gehört, sondern auch den Mutigen“ (Herrmann, Boris, Fünf Ringe und eine Hoffnung, in SZ 6.8.2016).

7.8.2016
– Gastgeber Brasilien nicht mehr getestet

„Kurz bevor im Maracana die Eröffnungsfeier begann, wurde auch der nächste Doping-Aufreger bekannt: Die brasilianische Anti-Doping-Agentur hatte die Medaillenkandidaten des Gastgeberlandes in jüngster Zeit einfach gar nicht mehr getestet. Womöglich auf Druck von staatlichen Stellen. Was vor nicht allzu langer Zeit noch ein veritabler Skandal mit weltweit heftigsten Schlagzeilen gewesen wäre – in der immer noch wallenden Empörung über das Staatsdoping der Russen und dem Umgang des IOC mit diesem ging er erst einmal ein wenig unter“ (Hofmann, René, Es wackelt gewaltig, in SZ 7.2016). – „Die Wada spricht von ‚inakzeptablen‘ Zuständen, der deutsche Doping-Experte Fritz Sörgel hält Staatsdoping wie in Russland für möglich. ‚Das ist ein Skandal. Es ist natürlich wieder mal kennzeichnend. Es zeigt, wie getrickst wird‘, sagte Sörgel: ‚Nach den schlechten Erfahrungen mit Russland muss man fragen: Gibt es in Brasilien auch Staatsdoping? Oder es war eine Chance, sich über etwas längere Zeit zu entdopen, um einen Skandal vor Olympia zu vermeiden‘. (…) Die WADA will am 1. Juli von Luis Horta, einem leitenden Angestellten der brasilianischen Anti-Doping-Agentur, davon unterrichtet worden sein, dass das Sportministerium des Landes bei einigen Top-Athleten unangemeldete Kontrollen gestoppt habe. Auch das nationale Olympische Komitee Brasiliens habe dahingehend Druck ausgeübt, berichtete Horta. Das Ministerium gab zu, dass zwischen dem 1. und 24. Juli keine Tests vorgenommen worden seien, leugnete jedoch jegliches Fehlverhalten und Einflussnahme von politischer Seite. (…) Horta sprach von einem Zeitraum von 45 Tagen vor den Spielen ohne Tests. Ziel seien so viele Medaillen wie möglich gewesen – ‚egal, ob sauber oder nicht‘. (…) Professor Horta arbeitete einst als Chef der nationalen portugiesischen Anti-Doping-Agentur. Im Vorfeld der Rio-Spiele sollte er brasilianische Dopingjäger mit finanzieller Hilfe der UNESCO in ihrem Kampf unterstützen. Er sollte dort Trainingskontrollen bei 287 Top-Athleten organisieren, gab sein Amt aufgrund der genannten Vorfälle jedoch kürzlich auf. Insgesamt schickt Brasilien 465 Sportler in seine Heimspiele. Laut Horta kam es bereits im Juni zu ersten Problemen. ‚Das Sportministerium und das Olympische Komitee setzten uns unter Druck und meinten, dass wir zu viele Kontrollen vornehmen und die Athleten so in ihrem Training stören würden‘, sagte er“ (SID, „Egal, ob sauer oder nicht“, in SZ 7.8.2016).

IOC-Mitglied Alexander Popow droht IOC-Mitglied Sebastian Coe
Das russische IOC-Mitglied raunte in Richtung des Briten Sebastian Coe, der in seiner Funktion als Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes allen russischen Sportlern aus der Disziplin wegen des gigantischen Betrugs in dem Land geschlossen das Startrecht in Rio verwehrt hat: ‚Wir sehen es überhaupt nicht gerne, wenn Leute ihre Nasen in unsere Angelegenheiten stecken.‘ Popov, ein viermaliger Olympiasieger, weiter: ‚Ich hoffe, er wird seine Entscheidung eines Tages nicht bereuen.‘ Ein IOC-Mitglied, das dem Träger des Olympischen Ordens im Stile eines Mafia-Paten droht“ (Hofmann, René, Es wackelt gewaltig, in SZ 7.2016).

8.8.2016
Thomas Kistner
über die Eröffnungsfeier Rio 2016 in der SZ:
„Es erforderte – nach den jüngsten Vorgängen – eine stabile Selbstgewissheit, einerseits die Russland-Frage auszublenden, andererseits aber das Frömmste aus dem Baukasten der Sportkonzern-Rhetorik hervorzukramen. Immerhin hat das IOC mit seiner Russlandpolitik einen neuen, unverrückbaren Standard gesetzt: Alles geht! Nach dem Staatscoup gegen die Integrität der Spiele in Sotschi 2014 dürfen bei der Folgeveranstaltung in Rio mehr als 270 Russen an den Start. Ausgenommen die Athletin, die die Verschwörung aufzudecken half: Julia Stepanowa. Das IOC sperrte die Russin wegen ethischer Defizite aus, mit der Whistleblowerin wurde das größte Gefahrenmoment für die Bewegung eliminiert: Aufklärung von innen. Auszupacken traut sich jetzt niemand mehr, und niemand kann einem Athleten guten Gewissens dazu raten. (…) In Rio haben drei Männer die Spiele eröffnet. Nuzman, ein klassischer, von Skandalen umwitterter Sportfunktionär. Temer, ein Interims-Staatschef, in dessen Umgebung Ermittlungen laufen und den das Publikum für einen Satz auspfiff. Und Bach, heute der umstrittenste Sportfunktionär der Welt, dessen Popularitätswerte mit denen von Sepp Blatter wohl nicht einmal mehr konkurrieren: Der Patron der Fifa hat seine Geschäftspolitik wenigstens nicht über die Athleten ausgetragen. Wenn drei solche Männer an die Jugend der Welt appellieren, darf man ihnen in dem Punkt recht geben: Sie schicken eine starke Botschaft in die Welt. Man muss gedopt sein, um an die Spiele zu glauben“ (Kistner, Thomas, Pfiffe wie beim siebten Tor, in SZ 8.8.2016).

– Jefimowa wird ausgebuht
„Das Publikum im Aquatics Stadium von Rio de Janeiro brauchte gar nicht zu hören, wer sich da an die Startblöcke stellte. Die Soundanlage funktionierte mal wieder nicht, die Vorstellung der Halbfinalistinnen über 100 Meter Brust ging in aller Stille über die Bühne. Doch als die für Bahn vier vorgesehene Athletin ihren Auftritt hatte, wurde es laut. Schrille Pfiffe und lautstarke Buhrufe empfingen Julija Jefimowa. (…) Der Fall Jefimowa steht für die großen Probleme im Weltschwimmverband (Fina), der wegen seiner nachlässigen Anti-Doping-Politik immer wieder in die Kritik geraten war. Ein ärztliches Attest hier, eine fragwürdige Erklärung dort – zuletzt hatten Schwimmstars, gerade solche mit Titeln und Rekorden, wenig zu befürchten, wenn sie gegen Dopingregeln verstießen. Häufig ging der Weltverband auf Tauchstation, statt um die Glaubwürdigkeit einer Sportart zu kämpfen, die ohnehin unter Dauer-Dopingverdacht steht“ (Knoll, Sabrina, Stolz, routiniert, ausgepfiffen, in spiegelonline 8.8.2016). Im Herbst 2013 wurde bei Jefimowa das Steroid Dehydroepiandrosteron getestet. Sie wurde nur 16 Monate gesperrt und konnte bei der Heim-WM in Kasan Gold über 100 Meter und Bronze über 50 Meter Brust gewinnen. Dann wurde sie mehrfach positiv auf das Herzmittel Meldonium getestet und von der Fina im März 2016 suspendiert. Da die russische Sportpolitik die angebliche Frist zum Abbauen von Meldonium  anzweifelte, wurde die Sperre im Mai 2016 aufgehoben und Jefimowa im vergangenen Monat freigesprochen. „Und so wird es wohl wieder laut werden im Schwimmstadion, wenn das Finale über 100 Meter Brust aufgerufen wird, für das sich Jefimowa mit der zweitschnellsten Halbfinal-Zeit hinter der US-Amerikanerin Lilly King qualifizierte. Titelverteidigerin Ruta Meilutyte schlug als Gesamt-Viertschnellste im selben Lauf auf der Bahn neben jener Schwimmerin an, die ihr in Kasan bereits den WM-Titel verwehrte. Über das erneute Duell gegen eine bereits des Dopings überführte Konkurrentin wollte die Litauerin nicht sprechen“ (Ebenda; SID, Jefimowa ausgepfiffen, in SZ 8.8.2016).

– Jefimowa als „Siegerin“ ausgebuht
„Auf den letzten Metern kippte die Stimmung im Aquatics Centre in Rio. Ruta Meilutyte lag vorne in diesem Halbfinale über 100 Meter Brust, die 14 000 Zuschauer jubelten und schrien fast so energisch, als wäre da gerade eine Brasilianerin im Becken. Auch nach der Wende führte die Litauerin, doch Julia Jefimowa kam auf der Nebenbahn immer näher, ab der Hälfte war sie gleichauf. Aus dem Jubeln und Schreien wurde ein Pfeifen und Buhen, als die Russin tatsächlich noch als Erste anschlug. (…) Am Sonntagabend bei den Halbfinalläufen spürte Jefimowa deutlich, dass sie in der Schwimmwelt gerade nicht willkommen ist. Als ihr Name auf der Leinwand erschien, fingen die Buhrufe schon an, Jefimowa lief rein, winkte wie vorgesehen und versuchte ihr Standard-Lächeln zu zeigen. Doch das geriet unter dem Eindruck der lautstarken Abneigung ziemlich säuerlich. (…) Jefimowa verbesserte sich über die Jahre, aber mit unerlaubter Hilfe: Im Oktober 2013 wurde sie auf das anabole Steroid Dehydroepiandrosteron (DHEA) positiv getestet. Normalerweise hätte das bedeutet: Sie verpasst die WM in Kasan 2015. Statt zwei Jahren verhängte die Fina bei Jefimowa nur eine 16-Monate-Sperre, sie nahm ihr ab, dass sie aus Versehen ein unerlaubtes Nahrungsergänzungsmittel genommen hatte. Im Frühjahr 2015 kam die Athletin gleich mit einer Bestzeit zurück: Dabei hätte sie innerhalb der gesperrten Monate gar nicht professionell trainieren dürfen. Und dann in Kasan im August 2015: Jefimowa schwimmt wieder, im Finale besiegt sie Meilutyte und wird Weltmeisterin. Ruta Meilutyte sagt: ‚Ich habe sie immer respektiert, aber jetzt sehe ich sie nicht mehr als aufrichtige Konkurrentin an.‘ Es gibt etwas, das tatsächlich noch schwerer wiegt als Jefimowas Dopingvergehen. Redet sie darüber, wird es richtig hart für Sympathisanten des sauberen Sports. Bei der WM sagte sie zu ihrer Dopingsperre: ‚Ich vergleiche das immer mit dem Autofahren. Wenn Sie einen Führerschein haben, fahren Sie irgendwann auch mal zu schnell, dann bekommen Sie ein Knöllchen'“ (Aleythe, Saskia, Jefimowas Rückkehr mit Buhrufen und Pfiffen, in SZ 8.8.2016).

Dazu René Hofmann in der SZ:
„Der Sieger über 200 Meter Freistil heißt Sun Yang, ist 24 Jahre alt und kommt aus China. Die erste Frage, die ihm nach dem Erfolg gestellt wurde, lautete: ‚Spornt es Sie noch mehr an, dass Sie ein ‚Doping-Betrüger‘ genannt werden?‘ Die Siegerin über 100 Meter Brust heißt Lilly King. Einer der ersten Sätze der 19 Jahre alten Amerikanerin, nachdem sie sich aus dem Pool gezogen hatte, war: Sie hoffe, dass ihr Sieg ein Signal sende, ‚dass wir sauber antreten und trotzdem gewinnen können‘. Der Satz zielte direkt auf die Zweitplatzierte. Die Zweitplatzierte über 100 Meter Brust heißt Julia Jefimowa. Sie kommt aus Russland. Und sie darf bei diesen Spielen starten, obwohl sie im Oktober 2013 mit dem Steroid Dehydroepiandrosteron erwischt worden war, danach mit dem seit Anfang 2016 verbotenem Mittel Meldonium auffällig wurde und obwohl sie mit dem russischen Staatsdoping-Programm in Verbindung gebracht wird. (…) Bereits nach dem Halbfinale hatte es gekracht. Als Jefimowa im Ziel freudig den Zeigefinger in die Luft gereckt hatte, lief King gerade an einem TV-Monitor vorbei. Als sie die Geste ihrer Rivalin sah, reckte sie ihren Zeigefinger ebenfalls in die Luft und sagte: ‚Du hebst den Finger für die Nummer eins, dabei bist du mit Doping erwischt worden. Ich bin kein Fan von dir.‘ Viele Fans hat Jefimowa in Rio offenbar eh nicht. Bei ihren Auftritten gibt es zuverlässig Pfiffe. Aber äußerlich ficht das Jefimowa kaum an. „Ich bin glücklich, hier zu sein. Ich denke nur von Rennen zu Rennen.“ Mit dieser Einstellung zog sie ins Finale ein. Als sie das als Zweite beendet hatte und ihr Dutzende kritische Fragen gestellt wurden, kamen ihr dann doch die Tränen. Trotzdem sagte sie: ‚Ich bin einfach nur glücklich, hier zu sein. Vor einer Woche wusste ich noch nicht, ob ich antrete. Weil ich Russin bin.‘ Es klang wie eine Klage gegen eine ungerechte Diskriminierung. Eine recht eigenwillige Deutung. Lilly Kings Freude über den Sieg in ihrem ersten großen Finale war offensichtlich. Im Ziel würdigte sie Jefimowa, die direkt neben ihr geschwommen war, keines Blickes. Stattdessen wandte King sich der Bronze-Gewinnerin zu, ihrer Landsfrau Catherine Meili. Die beiden herzten sich ausgiebig und innig. So ausgiebig und innig, dass es wie eine absichtliche Geste aussah: Wir halten zusammen! Und Michael Phelps, der Dominator der Sportart, sagte an Jefimowa gerichtet: ‚Das ist gegen alle Werte des Sports und das kotzt mich an'“ (Hofmann, René, Die Risse in der Schwimmwelt werden immer größer, in sueddeutsche.de 9.8.2016).

– Wenn der Zweifel schwimmen lernt
„Die Medaillenerfolge der überführten Dopingsünder Julija Jefimowa aus Russland und des Chinesen Sun Yang haben die Doping-Empörung bei den Olympischen Sommerspielen auf eine neue Stufe gehievt. Von den Zuschauerrängen müssen die beiden Schwimmer lautstarke Buhrufe und Pfiffe ertragen. Die Konkurrenz gibt sich ebenso wenig zimperlich und prangert die vorbelasteten Sportler mit harschen Worten an. Misstrauen gegenüber Dopingverdächtigen wurde noch nie so offen zur Schau gestellt. Insbesondere die Szenen nach dem Frauen-Finale über 100 Meter Brust erregten die Gemüter. Die US-Amerikanerin Lilly King hatte soeben ihre Goldmedaille gewonnen. Doch anstatt die Siegerehrung in vollen Zügen zu genießen, war die 19-Jährige mehr damit beschäftigt, die Zweitplatzierte Jefimowa mit demonstrativer Nichtbeachtung zu strafen. Glückwünsche wollte sie von der Russin ebenso wenig annehmen – weil Jefimowa im März bereits zum zweiten Mal binnen drei Jahren wegen Dopingvergehen gesperrt worden war. Ihre Landsfrau Katie Meili, die Dritte geworden war, tat es King gleich und würdigte Jefimowa im und außerhalb des Beckens keines Blickes. (…) Fast wortgleich hatte der Australier Mack Horton zuvor seinen Sieg über 400 Meter Freistil vor dem Chinesen Sun Yang kommentiert. Auch hier landete ein überführter Dopingsünder auf dem zweiten Rang. Auch er muss sich nun massiver Kritik erwehren. Sun war 2014 bei den chinesischen Meisterschaften positiv auf das Stimulans Trimetazidin getestet und für drei Monate von allen Wettbewerben ausgeschlossen worden. Horton nimmt das zum Anlass, seinen Rivalen aus Fernost nicht beim Namen zu nennen, sondern ihn wahlweise als der ‚Typ, der positiv getestet wurde‘ oder als ‚Dopingbetrüger‘ zu bezeichnen. Der chinesische Schwimmverband ließ diesen Affront allerdings nicht unkommentiert stehen. Stattdessen forderte er in Person von Trainer Xu Qi sogar eine öffentliche Entschuldigung des Australiers“ (Der Zweifel schwimmt mit, in spiegelonline 9.8.2016).

Aus einem Kommentar von René Hofmann in der SZ: „Die Causa Staatsdoping in Russland hat das IOC miserabel gemanagt. Welcher russische Ex-Doper nun vielleicht doch noch starten darf, ist völlig unübersichtlich. Das könne sich stündlich ändern, lässt das IOC wissen. Fast täglich gibt es zudem neue Enthüllungen. Brasilien steht unter Staatsdoping-Verdacht. Der Delegationschef der kenianischen Leichtathleten wurde nach Hause geschickt. Ihm wird vorgeworfen, Sportler gegen Geld vor Dopingkontrollen gewarnt zu haben. Wie bei einem sinkenden Schiff tun sich ständig neue Lecks auf, die den Niedergang beschleunigen. (…) Die Sieger sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Der Empfang für den chinesischen Schwimmer Sun Yang, der nach einem positiven Doping-Test eine lächerlich kurze Sperre zugesprochen bekommen hatte und am Samstag Silber gewann, war frostig. Über das Judo-Gold für Beslan Mudranow, der im Januar noch medienträchtig mit Russlands Präsident Wladimir Putin trainiert hatte, haben sich auch viele nicht gefreut“ (Hofmann, René, Bedrohliche Schieflage, in SZ 8.8.2016).

– Doping im Volleyball
„Die deutschen Olympia-Mitfavoritinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst sind entsetzt über die anhaltende Doping-Praxis auch in ihrer Sportart – und die Reaktion des Volleyball-Weltverbandes. Die FIVB hatte nach einem positiven Dopingtest bei der Italienerin Viktoria Orsi Toth nicht auf einen Olympia-Ausschluss entschieden, sondern gestattete für das Beachvolleyball-Turnier den Einsatz der Ersatzspielerin Laura Giombini neben Marta Menegatti. (…) Jedes für Rio qualifizierte Duo konnte einen Ersatz nominieren, der im Fall einer Verletzung bis einen Tag vor dem ersten Spiel einspringen könnte. Die FIVB räumte Italien nun genau diese Möglichkeit ein, nachdem Orsi Toth positiv auf das Steroid Clostebol getestet und gesperrt worden war. ‚Ich finde das traurig‘, sagte Walkenhorst. (…) Früher habe sie noch gedacht, Doping sei im Beachvolleyball kein Thema, sagte Walkenhorst.  Doch auch beim McLaren-Bericht für die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada über Staatsdoping in Russland waren zwei russische Beachvolleyballer neben acht Hallenvolleyballern genannt worden, die in das Dopingsystem ihres Landes integriert waren“ (DPA, „Ganz schön krasse Nummer“, in SZ 8.8.2016).

– Doping in Kenia
„Kenias Delegationschef musste die Spiele derweil schon verlassen. Recherchen der englischen Zeitung Sunday Times und der ARD ergaben, dass Michael Rotich seine Leichtathleten vor anstehenden Dopingtests gewarnt haben soll. Vor versteckter Kamera bot er an, den Zeitpunkt von Kontrollen zu benennen, dafür forderte er rund 15 000 Euro. Offenbar hat sich das zum Geschäftsmodell entwickelt. Der Sohn des langjährigen Weltverbandschefs Lamine Diack, der in Frankreich festsitzt, trieb bei überführten Spitzenathleten hohe Beträge ein, um deren Positivbefunde zu vernichten. Nun fliegt diese Vorwarnungs-Variante auf. Der Fall zeigt, wie unsinnig der Beschluss des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im Juni war: Demnach durfte jeder Athlet Kenias und Russlands nach individueller Prüfung durch den Fachverband für die Spiele zugelassen werden. Das angeblich scharfe Schwert könnte zum lukrativen Erwerbsquell für Funktionäre geworden sein – indem sie das Wissen über bevorstehende Tests an ihre Athleten verkaufen. (…) AK-Sprecher Evans Bosire erzählte zwar der Times: ‚Wir haben sofort reagiert und den Teammanager zurückgezogen, damit wir seine Rolle untersuchen können.‘ Wie ernst das gemeint ist, offenbarte eine Botschaft, die AK über den verbandsoffiziellen Twitterkanal an den beteiligten ARD-Mitarbeiter schickte: Er sei nur ‚eifersüchtig‘ auf Kenias Erfolge. Der Tweet wurde flott gelöscht, zeigt aber, wie kaltblütig es hinter Olympias Kulissen zugeht“ (Kistner, Thomas, Neue Vorwürfe gegen Kenia und Brasilien, in SZ 8.8.2016).

– Immer mehr russische Athleten
„Deren Spiele-Armada schwillt in Rio, dank weiterer Freisprüche des internationalen Sportgerichtshofs Cas, auf bis zu 280 Athleten an, und der russische IOC-Mann Alexander Schukow genoss die erste Goldmedaille durch Judoka Beslan Mudranow: ‚Das ist unsere Antwort an alle Missgünstigen.‘ Die Problemländer Russland und Kenia eint offenkundig auch eine Art Neid-Rhetorik“ (Ebenda).

– Und noch mehr russische Athleten?
„Stabhochsprung-Star Jelena Issinbajewa und 110-Meter-Hürden-Weltmeister Sergej Schubenkow lassen offenbar nichts unversucht, um doch noch bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro starten zu dürfen. Das russische Leichtathletik-Duo hat beim Internationalen Sportgerichtshof (Cas) Einspruch gegen ihren Ausschluss von den Sommerspielen eingelegt. Dies bestätigte ein Cas-Sprecher der russischen Nachrichtenagentur Tass. Die Erfolgsaussichten werden aber selbst von russischer Seite als überaus gering eingeschätzt. ‚Die Fristen für die Einreichung und die Zeit der Prüfung sind recht lang. Ich glaube nicht, dass sie rechtzeitig erfolgen werden‘, sagte Dimitrij Schljachtin, Vorsitzender des russischen Leichtathletik-Verbandes Araf“ (Issinbajewa und Schubenkow gehen in Berufung, in spiegelonline 8.9.2016).
Mal schauen, was sich der Präsident so einfallen lässt.

9.8.2016
– Russische Sportler nicht nach Pyeongchang?

„Die Nationalen Anti-Doping-Agenturen von Deutschland und Österreich fordern einen Komplett-Ausschluss Russlands von den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang/Südkorea. ‚Wir haben das schon für Rio gefordert, unsere Meinung hat sich nicht geändert‘, sagte Andrea Gotzmann, die Vorstandschefin der deutschen Nada am Montag in Rio am Rande einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der Nada Austria der SZ. Richard McLaren, der im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada zum Staatsdoping in Russland ermittelte, hatte unter anderem nachgewiesen, dass im Kontrolllabor bei den Winterspielen 2014 in Sotschi positive Dopingproben von russischen Sportlern gegen negative ausgetauscht wurden. Michael Cepic, Geschäftsführer der Nada Austria, sagte: ‚Die Strukturen lassen sich nicht von heute auf morgen verändern. Deshalb fordern wir den Komplett-Ausschluss von 2018’“ (Kistner, Thomas, Winter-Forderung, in SZ 9.8.2016).

10.8.2016
– Schwimmer leisten Doping-Widerstand

„Bisher war es ja so: Doper konnten sich darauf verlassen, dass irgendwann über ihr Vergehen nicht mehr gesprochen wurde. The show must go on: Das galt auch für sie. Das Publikum sah, zumindest zu großen Teilen, gerne großzügig über dunkle Flecken in der Biografie hinweg. Irgendwann ebbten die Fragen nach dem Thema ab. Auch, weil Konkurrenten die Schandtaten nicht mehr groß zur Sprache brachten. Mit all dem ist es nun vorbei. Julia Jefimowa wird in Rio von den Zuschauern zuverlässig ausgepfiffen. Als Begrüßungsgruß schmetterte ihr der deutsche Bundestrainer Henning Lambertz entgegen: Ihr Start sei ‚ein Schlag ins Gesicht für alle Sportler, die sauber arbeiten‘. Und dann war da noch Lilly King. Über Lilly King muss man wissen, dass sie am 10. Februar 1997 in Evansville in Indiana geboren wurde. Sie ist also noch eine sehr junge Athletin. Die Spiele in Rio sind die erste Großveranstaltung, an der die 19-Jährige teilnimmt. Das Finale, in dem sie in der Nacht zum Dienstag auf Julia Jefimowa traf, war das erste wirklich große Rennen ihrer Karriere. Und als sei das allein noch nicht genug Druck, lud sich dieses Schwimm-Küken ganz bewusst noch eine mächtige Last auf: Sie machte ihre Abscheu gegen Jefimowa öffentlich. Am Tag zuvor, als Jefimowa ihr Halbfinalrennen gewonnen hatte und den Finaleinzug mit einem in die Luft gereckten Zeigefinger feierte, ahmte King die Geste nach und höhnte: ‚Du hebst den Finger, weil du dich als Nummer eins fühlst. Dabei bist du beim Dopen erwischt worden. Ich bin kein Fan von dir.‘ Die US-Medien griffen das Statement schnell auf. Es kann nicht lange gedauert haben, bis Jefimowa von ihm wusste“ (Hofmann, René, Die Anklagen der neuen Generation, in SZ 10.8.2016). Am 9.8. war der Endlauf: Lilly King auf Bahn vier, Jefimowa auf Bahn fünf. King gewann und sagte, ihr Sieg bedeute ihr viel, „weil er zeigt dass wir sauber gewinnen können. (…) Jefimowa rang um Fassung und mit den Tränen, als sie fortfuhr: Die Sportler und die Fans sollten nicht glauben, was die Medien erzählten. Das sei alles von der Politik gesteuert. Es klang wie eine Rede aus einer längst vergangenen Zeit. Kalter Krieg, Ost gegen West. Aber dem nahm Lilly King mit einer Klarstellung jede Basis: Sie sei generell der Meinung, dass Betrüger bei Olympia nichts zu suchen haben. Egal, wo sie herkommen. Für einen Schritt, wie sie ihn tat, braucht es Mut. Vorbilder helfen da. Lilly King verriet, wer ihr unmittelbares Vorbild gewesen war: Mack Horton. Der Australier hatte den Chinesen Sun Yang am Samstag, bevor er ihn über 400 Meter Freistil auf den Silber-Rang verwiesen hatte, einen ‚Doping-Betrüger‘ genannt. Sun Yang war im Mai 2014 mit dem Stimulanzmittel Trimetazidin erwischt worden“ (Ebenda). – Doper Sun Yang gewann am 9.8.2016 die 200 Meter Freistil.

IOC-Sprecher nicht erfreut
„Das IOC sieht derart klare Worte, wie sie Lilly King wählte, hierbei offenbar nicht als Hilfe an. ‚So etwas ist aus unserer Sicht nicht wünschenswert#, sagte IOC-Sprecher Mark Adams zu der Kritik an Jefimowa, ‚wir wünschen uns, dass auch die Sportler den Fairplay-Gedanken achten, aber wir können ihnen letztendlich auch nicht das Sprechen verbieten.‘ Es klang ziemlich deutlich durch, dass so ein Verbot den Funktionären wahrscheinlich am liebsten wäre. Sie leben ja ziemlich gut im Status quo – einem Zustand, in dem Kritik an dopenden Sportlern also gegen den Fairplay-Gedanken verstößt“ (Ebenda; Hervorhebung WZ).
IOC-Sprecher Adams sollte sich mal überlegen, wo der „Fairplay-Gedanke beim russischen Staatsdoping blieb – und wie verarscht  sich nichtdopende Sportler vorkommen müssen!

– Gesperrte Russin reist an
„Stabhochsprung-Weltrekordlerin Jelena Issinbajewa, 34, will trotz des Startverbots für Russlands Leichtathleten, ihrer Niederlage vor dem Schweizer Bundesgericht und unabhängig von der Entscheidung über ihre Klage vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas nach Rio reisen. (…) Die Qualifikation zum Stabhochsprung findet am 16. August statt“ (SID, „Jedes Recht dazu“, in SZ 10.8.2016). – „Die Stabhochsprung-Olympiasiegerin Jelena Issinbajewa ist zur Reizfigur geworden. Dass die Russin trotz des Olympia-Ausschlusses der Leichtathleten ihres Landes am Sonntag nach Rio kommen will, um für einen Platz in der Athletenkommission des Internationalen Olympischen Komitees zu kämpfen, trifft auf Unverständnis. (…) Das IOC gewährt ihr trotz der Sperre eine Akkreditierung, mit der sie auch im Olympischen Dorf für sich werben kann“ (DPA, Kritik an Jelena Issinbajewa, in SZ 11.8.2016).
Vielleicht wird sie durch den Cas ja doch noch zugelassen…

– Deutsche Nada-Chefin sauer
Im Gespräch mit Thomas Kistner von der SZ äußerte die Vorstandsvorsitzende der Nada, Andrea Gotzmann, ihr Unverständnis über die IOC-Entscheidung, die russischen Sportler zu sanktionieren. Frau Gotzmann kann die Öffnung der Spiele für Russland fachlich nicht nachvollziehen und geht davon aus, dass das IOC eine politische Entscheidung getroffen hat. Dazu kommen die kurzen Entscheidungsfristen. Die olympischen Fachverbände hätten nicht die Kompetenz, so kurzfristig über so massive Dopingfragen zu entscheiden. Kistner: „Hat der IOC-Beschluss pro Russland, also gegen das Votum der Anti-Doping-Bewegung, gezeigt, dass das IOC die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada nur als Fassade benutzt? Als Sichtblende fürs Publikum, das ja auf keinen Fall bemerken darf, dass Doping im Spitzensport längst aus dem Ruder gelaufen ist?“ – Gotzmann: „Es erweckt zumindest den Eindruck. Auf der anderen Seite gibt uns jetzt die große Empörung, die sich überall regt und die nicht nachlässt, viel Hoffnung. Wir werden gemeinsam mit unseren Partnern weiter für die sauberen Athleten arbeiten, und ich denke auch, wir stehen mit beiden Beinen in der Realität – sonst hätten wir nicht Leute wie Travis Tygart (brachte US-Radsport-Legende Lance Armstrong zu Fall; d. Red.) von der amerikanischen Usada dabei. Wir haben in Deutschland, gegen den Widerstand des Sports, ein Anti-Doping-Gesetz gemacht; wir haben jetzt die Staatsanwaltschaft an der Seite. Nadas aus anderen Ländern fragen unseren Gesetzestext an“ (Kistner, Thomas, „Wir wollen, dass nichts mehr unter den Teppich gekehrt wird“, in SZ 10.8.2016). Und zum Ausschluss der Whistleblowerin Julia Stepanowa äußerte Gotzmann: „Katastrophe. Katastrophe! Stepanowa hat entscheidend zur Aufklärung in Russland beigetragen, und dann wird sie so behandelt. Ich finde es auch zynisch zu sagen: ‚Komm, wir laden die Stepanowa jetzt hierher nach Rio ein.‘ Auf die Ehrentribüne. Wie weit ist das weg von den Athleten?“ (Ebenda). Zur Frage, ob das IOC das russische Team komplett für die Winterspiele 2018 in Pyeongchang sperren sollte, antwortete Gotzmann: „Ja. Das IOC hat ja nur eine Entscheidung für Rio getroffen. Und im McLaren-Report (der unabhängige Wada-Ermittler Richard McLaren enthüllte staatlich gelenktes Systemdoping und dessen Vertuschung bei den Winterspielen 2014 in Sotschi; d. Red.) wird klar dargelegt, was die Russen speziell im Wintersport getrieben haben. Unsere Meinung dazu hat sich nicht geändert, wir haben sie gemeinsam mit der Wada und 14 Nadas inklusive Skandinavien, den USA und Kanada vorgetragen. England und Australien werden bald dazustoßen“ (Ebenda). Kistner zu den fehlenden Dopingkontrollen brasilianischer Sportler: „Setzt Olympia in Rio das Thema Staatsdoping endgültig auf die Agenda?“ – Gotzmann: „Ja. Aber es ist auch die Empörung da. Und Widerstand. Wir wollen dafür sorgen, dass nichts mehr unter den Teppich gekehrt wird. Das war vielleicht vor einigen Jahren möglich, heute ist es nicht mehr so“ (Ebenda).

11.8.2016
Aus einem Beitrag von Thomas Kistner in der SZ: „Das Ende der Käfighaltung“
„Unter den Schwimmern sind verbale Schlachten entbrannt, Anschuldigungen werden erhoben, Handschläge verweigert, abfällige Gesten geübt. Amerikaner, Australier und andere attackieren die Russen; ein Franzose sagt über Chinas Olympiasieger Sun Yang: ‚Der pinkelt lila. Wenn ich das 200-Meter-Freistil-Podium sehe, will ich kotzen.‘ (…) Die reale Welt aber kann der Milliardenkonzern IOC überhaupt nicht brauchen. Denn die torpediert das Werbebild, das es einem gläubigen Publikum seit Dekaden vorgaukelt. Dieses Bild zeichnet den Athleten aus der olympischen Käfighaltung, frohgelaunt, fair und fleißig in der Medaillenlegebatterie. Wenn nun erkennbar wird, dass auch Sportler nur ganz normale Individuen sind und die Welt, in der sie agieren, durchzogen ist von Brüchen, Widersprüchen und Gier – dann ist das Geschäftsmodell gefährdet. Das IOC erntet gerade den Sturm, den es gesät hat mit seiner Russland-Politik, deren Botschaft ja letztlich war: Selbst das dreisteste Staatsdoping-Komplott ist nicht schlimm genug für eine harte Sanktion. Seit Beginn der Spiele haben die Verhaltensregeln des IOC nun dieselbe Bedeutung wie die Verkehrsregeln auf Rios Straßen: Man ignoriert sie. (…) Das IOC schluckt das alles und schweigt. Es weiß, es herrscht Meuterei. Es muss erkennen: Der Riss ist da. Das ist nur möglich, weil der Ringe-Clan um Thomas Bach förmlich dazu eingeladen hat. Er hat in Rekordzeit alle Glaubwürdigkeit und jede moralische Kraft verloren. Das Modell Olympia wird vielleicht nicht mehr allzu lange tragen. An der Idee liegt es nicht. Olympia ist in die falschen Hände geraten. In die Hände einer Sportfamilie, die der wahre Adressat vieler zorniger Gesten von Rio ist“ (Kistner in SZ 11.8.2016; Hervorhebung WZ).

– Staatsdoping Brasilien
Der Anti-Doping-Experte und Unesco-Berater Luis Horta verließ erst seine zweite Heimat Brasilien und packte in Lissabon aus. „Er sagt, die Topleute der brasilianischen Anti-Doping-Behörde ABCD hätten seit Juni Druck gemacht, keine Tests mehr durchzuführen. Er und der bald darauf geschasste ABCD-Chef Marco Aurelio Klein seien bedrängt worden. …) Horta beklagt, Spitzenvertreter des brasilianischen Sports wollten ‚Medaillen um jeden Preis‘. Er legt dar, wie trickreich die ans Sportministerium angebundene ABCD vorgegangen sei. Das Kontrollprozedere sei so geändert worden, dass die ‚Vertraulichkeit der Tests‘ gebrochen wurde, seit im Juni ein Wechsel im ABCD-Kommandostand erfolgte. Flugtickets für Kontrolleure seien nur unter der Bedingung ausgestellt worden, dass die Identität der zu testenden Athleten und die Art des Tests – Blut oder Urin – offengelegt werden. ‚Das hat mich verstört, gerade Überraschungs-Kontrollen müssen ohne jede Vorankündigung erfolgen.‘ Die Anzahl der Flugtickets sei dann rasch zurückgegangen.  (…) Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada teilt der SZ mit, das vorolympische Prozedere in Brasilien sei ‚inakzeptabel‘. Sie habe am 6. Juli den Sportminister angeschrieben und nie eine Antwort erhalten. Erst am 20. Juli hätte ABDC das Test-Defizit mit dem Wechsel an der Spitze begründet. Die Wada stellte dann fest, dass im Juli nur noch 110 Tests gemacht worden seien, was ‚völlig inakzeptabel‘ sei. Der neue ABCD-Chef habe dann darauf verwiesen, er hätte die Kontrolleure nicht bezahlen können – eine weitere mysteriöse Wendung. Die Wada gab den Vorgang nun an ihre Task Force sowie an das Compliance-Komitte weiter“ (Kistner, Thomas, „Flugtickets für Kontrolleure nur gegen Sportlernamen“, in SZ 11.8.2016).

– Neue Enthüllungen zum Doping in Rio 2016
„Während in Rio die Schwimmer mit einer Fülle an bemerkenswerten Zeiten die allgemeine Ungewissheit schüren, droht die nächste Affäre. Trevor Graham hat sie via Facebook angekündigt, der lebenslang gesperrte Coach gedopter Sprinthelden von Justin Gatlin bis Marion Jones. Graham hat einst die Betrugsaffäre um das US-Dopinglabor Balco enthüllt, nun will er erneut ‚mein Schweigen brechen‘. Detailliert listet er Präparate auf, die rege in Umlauf seien. Etwa das Wasserstoffperoxid H20-2, beliebt in Bodybuilder-Kreisen, Gonadorelin für die Testosteron-Produktion und Geref für Wachstumshormon-Schübe. Er nennt Namen von Dealern, Herkunftsländer wie China und Italien und kündigt an: ‚Ich habe viel mehr, inklusive Verschreibungen leistungssteigernder Mittel durch einen Trainer. Alle Personen sind bei den Spielen.‘ Er spart sich das für die Zeit auf, wenn die Leichtathletik die Spiele beherrscht“ (Ebenda).

12.8.2016
– Trainer pinkelt für Läufer
Der frühere Sprinter und heutige Coach, John Anzrah, „‚ist zur Doping-Kontrollstation gegangen und hat sich als Ferguson Rotich ausgegeben, die Probe abgegeben und unterschrieben‘, erklärte Kenias Chef de Mission Stephan Arap Soi. ‚Er war im Besitz der Akkreditierung des Athleten, der auf der Liste für die Trainingskontrollen der Welt-Anti-Doping-Agentur stand'“ (Kenianischer Leichtathletiktrainer pinkelt für Läufer, in spiegelonline 12.8.2016). Kenia sandte den Trainer nach Hause. – „IOC-Mitglied Richard Pound forderte zuletzt eine ähnliche Untersuchung in Kenia, wie er sie in der russischen Leichtathletik angestellt hatte“ (Trainer aus Kenia gibt sich bei Urinprobe für Läufer aus, in sueddeutsche.de 12.8.2016).

15.8.2016
– Darja Klischina darf in Rio starten
Die russische Weitspringerin Darja Klischina lebt und trainiert in Florida, fernab vom russischen Staatsdoping-System. Der Internationale Leichtathletikverband IAAF hatte sie zunächst als „neutrale Athletin“ akzeptiert (IAAF erteilt Russin Klischina Starterlaubnis, in spiegelonline 10.7.2016). Nach Auswertung des McLaren-Reports erteilte die IAAF doch ein Startverbot (Auch Klischina von Olympia ausgeschlossen, in spiegelonline 13.8.2016). „Die ARD hatte am Sonntag berichtet, dass Dopingproben von Klischina in Russland entdeckt worden sein sollen, die mutmaßlich illegal geöffnet wurden“ (Klischina darf in Rio starten, in spiegelonline 15.8.2016). Klischina klagte dagegen vor dem Cas, der ihrem Einspruch statt gab (Ebenda). – „Die neue Wendung im Fall Klischina verdankt sich den anhaltenden Ermittlungen des unabhängigen Wada-Inspektors Richard McLaren. Der Kanadier hatte Enthüllungen des ebenfalls in die USA geflohenen Leiters der Anti-Doping-Labore in Moskau und Sotschi gegengecheckt und einen Bericht erstellt, der ein staatlich orchestriertes Systemdoping in Russland ‚jenseits allen Zweifels‘ darlegt. Dabei wurde mit Experten auch eine von Rodschenko dargelegte Praxis überprüft, wie versiegelte Dopingproben russischer Sportler geöffnet, mit neutralem Urin befüllt und wieder verschlossen wurden. Das Prozedere, das der russische Geheimdienst erfunden haben soll, konnte über Kratzspuren in den Glasbehältern nachgewiesen werden. Seitdem werden kontinuierlich eingelagerte Proben russischer Athleten überprüft; dabei fielen auch zwei Proben Klischinas auf. Ein DNA-Abgleich soll überdies ergeben haben, dass der eingefüllte Urin in einer Probe von zwei Personen stammen soll“ (Kistner, Thomas, Hacker im Account, falscher Urin im Glas, in SZ 16.8.2016).

– Der brasilianische Verdacht
Die brasilianischen Sportler wurden vor Rio 2016 nicht mehr getestet. Dazu Holger Gertz in der SZ: „Ein Beispiel, die Geschichte von Rafaela Silva, brasilianische Judoka, aufgewachsen in der Favela City of God, seit ein paar Tagen erste Goldmedaillengewinnerin ihres Landes. Klassischer Heldenstoff, per aspera ad astra. Als sie später bei TV Globo war, küsste ihr der Moderator Sérgio Maurício die Hand, es war lustig und rührend zugleich, ein Rendezvous zwischen Establishment und Unterschicht. Man könnte das, was man sieht, alles glauben und wäre glücklich damit. Wenn man nicht gehört hätte, dass Brasilien im vergangenen Monat seine führenden Athleten nicht mehr auf Doping getestet hat. Wenn man nicht wüsste, dass das IOC dringend Bilder von brasilianischen Triumphen braucht, damit wenigstens beim Gastgeber eine Stimmung aufkommt, die in Teilen der Welt nicht mehr aufkommen will. Und wenn man nicht aus der Vergangenheit gelernt hätte, dass bei den Nachtests nach den Spielen – siehe Sotschi – die Reagenzgläser beschlagen“ (Gertz, Holger, Zerreißt euch, in SZ 13.8.2016).

– Rio 2016 und Gendoping
„Nach den Spielen könnte eine neue Welle der Enthüllungen folgen. Denn die Welt-Antidoping-Agentur WADA hat bereits angekündigt, die Proben der Athleten im Nachhinein auch auf Gendoping hin zu prüfen. Das könnte vor allem Doping-Versuche mit dem Gen für Erythropoetin (EPO) aufdecken. (…) Dabei wird den Athleten nicht die verbotene Substanz gespritzt, beispielsweise EPO, sondern man schleust Gene in ihr Erbgut ein, die die Zellen dazu bringen, von selbst zusätzliches EPO zu produzieren. (…) Bisher bestand das Problem der Dopingfahnder darin, dass sie keine Möglichkeit hatten, solche natürlichen Veränderungen von künstlichen, per Gendoping erzielten zu unterschieden. Doch das hat sich nun geändert, wie die WADA kurz vor den Spielen bekanntgab. Forscher am National Measurement Institute in Sydney haben im Auftrag der WADA einen Test entwickelt, der eingeschleuste EPO-DNA erkennen kann. (…) Noch ist nicht klar, ob bei den diesjährigen Olympischen Spielen Sportler am Start sind, die bereits Gendoping für sich genutzt haben. Experten halten es aber keineswegs für ausgeschlossen. Denn das Know-How und die technischen Möglichkeiten sind vorhanden. ‚Die Techniken, die in der Gentherapie erprobt und verwendet werden, werden auch Einzug im Sport halten‘, sagte Theodore Friedmann, Leiter des Gendoping-Gremiums der Weltdopingagentur WADA schon vor einigen Jahren“ (Podbregar, Nadja, Gendoping-Tests für Olympia-Athleten, in wissenschaft.de 15.8.2016).

16.8.2016
– Stepanowa in Gefahr

„Am Donnerstag teilte die Wada Stepanowa mit, dass Hacker in das Adams-Meldesystem (Anti-Doping Administration and Management System) der Weltagentur eingedrungen seien – um nur einen Account zu öffnen: den der Whistleblowerin. Kurz zuvor hatten die Stepanows bemerkt, dass auch ihre persönliche E-Mail gehackt worden war. Im Adams-System sind ihre Aufenthaltsdaten und Bewegungsmuster gespeichert, damit sie stets für Dopingtests erreichbar ist. Adams sei ein Weg, um sie aufzuspüren, sagte Stepanowa Montagabend in einem Videogespräch. Sie hätten ‚Angst, gerade um unseren kleinen Sohn. Falls uns etwas zustößt, sollte jeder wissen, dass es kein Unfall war‘. Sie hätten Vorsorge getroffen, das Kind käme bei Freunden unter. Stepanowa klagt an, das IOC habe ’sich nie für unsere Situation und Beweggründe interessiert‘. Witali Stepanow sieht ‚das IOC auf Seiten der korrupten russischen Funktionäre, wir haben wenigstens Wada und IAAF‘. Die Flucht geht also weiter, die Stepanows haben ihren Aufenthaltsort verlassen. In ihrem Umfeld heißt es, ein persönlicher Begleitschutz sei für die kleine Familie veranlasst worden. Rund um die Uhr bewacht wird in Rio übrigens auch der ARD- Reporter Hajo Seppelt, der Stepanowas Beichte 2014 publik gemacht hatte.“ (Kistner, Thomas, Hacker im Account, falscher Urin im Glas, in SZ 16.8.2016). – „‚Wenn uns etwas passiert, sollten alle wissen, dass es kein Unfall war‘: Die russische Whistleblowerin Julia Stepanowa hat nach ihren Enthüllungen im russischen Dopingskandal Angst um ihr Leben. In einer Videopressekonferenz meldete sie sich zu Wort und sprach offen über ihre Befürchtungen. Ihre Angst sei so groß wie nie, und ihr sei klar geworden, dass es ‚keinen Schutz gibt‘, sagte Stepanowa und ergänzte, dass ‚jederzeit etwas passieren‘ könne. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Witali attackierte sie die russische Sportführung und das Internationale Olympische Komitee scharf. ‚Das Signal ist: Wenn du deinen Mund aufmachst, wirst Du nie ein Olympia-Athlet sein‘, sagte Julia Stepanowa. Ihr Mann Witali meinte: ‚Wir hätten nie damit gerechnet, dass sich das IOC an die Seite der korrupten russischen Funktionäre stellt. Hätte sie weiter gelogen, wäre sie jetzt wahrscheinlich bei Olympia'“ (Whistleblowerin Stepanowa fürchtet um ihr Leben, in spiegelonline 15.8.2016).

– Stepanowa darf  nicht starten, Doper schon
„Ethisch weitaus geeigneter als die Whistleblowerin sind nun allerlei Dopingsünder, die in Rio das Publikum beglücken und nie Aufklärung betrieben haben; vorbestrafte Russen und Chinesen, aber auch Leute wie Kasachstans Gewichtheber-Coach, der es allein auf rund 20 gedopte Athleten bringt. Zuletzt wurden vier Hebern des Landes die Goldplaketten von London 2012 aberkannt; bei Nachtests wurden sie entlarvt. In Rio legte der Supertrainer jetzt mit dem nächsten Senkrechtstarter, Nijat Rachimow, einen Freudentanz auf die Matte. Der 22-Jährige verbesserte den 15 Jahre alten Weltrekord im Stoßen. Für die deutsche Equipe um Bundestrainer Oliver Caruso ist Rio längst zur Farce geworden“ (Kistner, Thomas, Hacker im Account, falscher Urin im Glas, in SZ 16.8.2016).

17.8.2016
– Russland-Helfer Patrick Hickey verhaftet

Hickey ist IOC-Mitglied, einer der engsten Vertrauten des IOC-Präsidenten Thomas Bach und Präsident des Europäischen Olympischen Komitees (EOC): In dieser Funktion hat er die European Games 2015 in die Diktatur von Aserbaidschan vermittelt. Er war an vorderster Front an der äußerst umstrittenen IOC-Entscheidung beteiligt, die russischen Sportler aufgrund des Staatsdoping-Systems nicht zu sanktionieren, sondern für Rio 2016 zuzulassen. Nun wurde er am 17.8.2016 in Rio festgenommen unter dem Verdacht, einen Schwarzhandel mit Eintrittskarten betrieben zu haben. „Den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro droht ein echter Skandal: Der ranghohe IOC-Funktionär Patrick Hickey ist Medienberichten zufolge am Rande der Spiele verhaftet worden. Grund ist der Verdacht auf Schwarzhandel mit Eintrittskarten. Der Zugriff sei um kurz nach sechs Uhr morgens in einem Hotel erfolgt. Hickey, Präsident des Europäischen Olympischen Komitees (EOC), gehört zum engsten Machtzirkel des deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach“ (Ranghoher IOC-Funktionär in Rio festgenommen, in spiegelonline 17.8.2016). Bei den Ticketschiebereien geht es um die Größenordnung von drei Millionen Dollar. – „Am Ende dieser zwei Wochen von Rio de Janeiro malte Thomas Bach das Bild von Olympischen Spielen, die ‚wichtige, ikonische Spiele‘ gewesen seien. Die Spiele würden ‚ein großartiges Erbe‘ hinterlassen, sagte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in seiner Abschlussbewertung. Diese Ansicht hatte er relativ exklusiv. Die Wahrheit ist: Das Wasser steht dem Chef des Olympiakonzerns bis zum Hals. Einer seiner wichtigsten Unterstützer, der Ire Patrick Hickey, dem Schwarzmarkthandel und die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen werden, wurde inzwischen in ein brasiliansiches Hochsicherheitsgefängnis gebracht. Dort sitzen eigentlich Schwerstkriminelle ein, denen das IOC-Exekutivmitglied Hickey, Irlands NOK-Präsident und Boss aller europäischen Olympiakomitees, nun Gesellschaft leistet“ (Weinreich, Jens, Bachs Blütenträume, in spiegelonline 21.8.2016; Hervorhebung WZ).
Mehr im Kritischen Olympischen Lexikon unter Hickey

18.8.2016
– 4 x russisches Gold aberkannt

Russlands 4×100-Meter-Staffel der Frauen wurde nachträglich die Goldmedaille von Peking 2008 aberkannt. Julia Tschermoschanskaja war positiv auf Anabolika getestet worden. Der russische Sportminister Witalij Mutko Äußerte dazu: „Ich verstehe nicht, warum ausgerechnet jetzt während der Spiele die Namen russischer Sportler veröffentlicht werden. Da läuft eine sehr ernsthafte Informationsattacke“ (DPA, Staffelsieg aberkannt, in SZ 8.8.2016).

20.8.2016
– Coe mit Tod bedroht

„Leichtathletik-Boss Sebastian Coe hat nach dem Olympia-Ausschluss der russischen Leichtathleten Morddrohungen erhalten. Entsprechende Medienberichte bestätigte der 59 Jahre alte Brite in einem Interview der ‚New York Times‘. Allerdings wollte sich der Präsident des Weltverbandes IAAF nicht näher dazu äußern. Die Morddrohungen seien in russischer Sprache gekommen, schrieb die NYT“ (Coe wurde mit dem Tod bedroht, in spiegelonline 20.8.2016).

Cas  will am 23.8. über Paralympics entscheiden
Am 23.8.2018 will der Cas über den Ausschluss russischer Sportler von den Paralympics 2016 in Rio entscheiden. Das Internationale Paralympische Komitee hatte den Komplettausschluss beschlossen. (SID, Cas verschiebt Entscheidung, in SZ 20.8.2016).

– Noch ein Sitz für Russland im IOC
„Dass ausgerechnet die gesperrte Jelena Issinbajewa in die Athletenkommission einrückt, passt ins Bild: Das IOC protegiert Russland, wo es nur geht. Es gibt doch einen großen Olympiasieg für Russlands Leichtathletik, er weist markant in die Zukunft. Jelena Issinbajewa rückt am Sonntag als Athletenvertreterin ins Internationale Olympische Komitee (IOC), die Stabhochspringerin, die in Rio unter die Kollektiv-Verbannung wegen des Staatsdopings in ihrer Heimat gefallen war. Trotzdem durfte sie während der Woche im Olympiadorf sitzen und Wahlkampf treiben; sie wurde in einen Viererkreis berufen, der erstaunlich genau die Ausrichtung der Bewegung wiedergibt. (…) Die Sportwelt ist heillos zerstritten seit Rio – und Bach alles andere als der geeignete Krisenmanager: Auf seine Nähe zu Moskau sprachen ihn schon russische Journalisten an. In Issinbajewa nimmt das IOC nun eine weitere Kraft aus Wladimir Putins Sportreich auf. Neben der Stabhochspringerin, die ihren speziellen Kampf für die angeblich saubere Heimat fortsetzen dürfte, sind da Alexander Schukow, Boss des russischen Olympiakomitees, das nie etwas vom Staatsdoping mitgekriegt hatte, und Schamil Tarpischew. (…) Dass Issinbajewa nun auf dem Athleten-Ticket ins IOC rutscht, verdankt sie übrigens einer Sondergenehmigung des Ringe-Konzerns. Denn die Anmeldefrist im Herbst 2015 hatte sie um einen Monat verpasst. Aber das IOC hilft seinen Athleten, wo es kann“ (Kistner, Thomas, Doch noch ein Olympiasieg für Issinbajewa, in SZ 20.8.2016; Hervorhebung WZ).

– Das „Herz der Spiele“
„Jetzt ist auch noch das Herz betroffen. Die Athleten stünden ‚im Herz der Olympischen Spiele‘, hat IOC-Chef Thomas Bach zur Wahl der neuen Athletenvertreter ins Internationale Olympische Komitee gesagt, darunter Russlands für Rio gesperrtes Sprungwunder Jelena Issinbajewa. So viel dazu, was im Olymp aus der Staatsdoping-Affäre gelernt wurde, es führt aber generell auf ein bröckelndes Terrain. In Rio ist so vieles aus den Fugen geraten, dass auch das Herz nicht mehr in dem Takt schlagen mag, den ein gestrenges Regelkorsett bisher vorgab“ (Kistner, Thomas, Ab zum Kardiologen, in SZ 20.8.20166).

– Deutscher Gewichtheber-Trainer „Maßlos enttäuscht“
Bundestrainer Oliver Caruso wurde in Rio „maßlos enttäuscht“, dass sich in seiner Sportart nichts geändert hat – trotz der vielen Nachtests zu Peking 2008 und London 2012. „Bevor ich nach Rio aufbrach, war ich der festen Überzeugung: Das schreckt ab. Ich habe geglaubt, dass die Leute jetzt vernünftig werden, dass sie verstanden haben, um was es geht, und sich verändern. Aber da wurde ich eines Anderen belehrt. (…) Ich hatte schon vier Wochen vor Beginn der Spiele bewusst die Öffentlichkeit gesucht und darauf hingewiesen, dass hier Nationen am Start sind, denen drei Dopingfälle und mehr nachgewiesen wurden, die vom Gewichtheber-Weltverband IWF gesperrt wurden, die das Internationale Olympische Komitee aber starten lässt, weil die Verfahren formal noch nicht abgeschlossen sind: Kasachstan und Weißrussland“ (Hofmann, René, „Die  machen einfach immer weiter“, in SZ 20.8.2016). Caruso forderte den Ausschluss von Kasachstan, Weißrussland, Usbekistan, Armenien, Moldawien, Rumänien und der Ukraine: „Wir reden hier von Nationen, die sich einfach nicht an die Regeln halten. Unser Weltverband und das IOC müssten mit denen knallhart ins Gericht gehen und mehr Härte zeigen. Sie müssen den ehrlichen Nationen helfen, mit sauberen Leistungen Medaillen gewinnen zu können“ (Ebenda). Und  Christian Baumgartner, der Präsident des Bundesverbands Deutscher Gewichtheber, warnt: „Wir stehen vor dem Super-GAU… Wenn sich alle nur noch fragen: Was ist ehrliche Leistung, und was ist Doping?, dann wird unser Sport bedeutungslos“ (Blasberg, Marian, Eberle, Lukas, Zweifelnde Blicke, in Der Spiegel 34/20.8.2016).

21.8.2016
– Das „olympische  Erbe“ von Rio 2016: Doping-Aufarbeitung

„Die Sommerspiele von Rio werden daher mit dem Verlöschen der olympischen Flamme in der Nacht längst nicht beendet sein. Sie werden sogar acht oder gar zwölf Jahre dauern. Allein das Dopingthema wird die Spiele überdauern. Noch in einem Jahrzehnt dürften Ergebnislisten von Rio umgeschrieben, Medaillen wegen nachträglich erwiesenen Dopings aberkannt und neue Olympiasieger benannt werden. So läuft das immer. So wurden, Beispiel, erst kurz vor den Olympischen Spielen 2012 in London mit den letzten Sportrechtsprozessen die Spiele 2000 von Sydney beendet. Auch das gehört zu dem ‚großartigen Erbe‘ dieser Spiele“ (Weinreich, Jens, Bachs Blütenträume, in spiegelonline 21.8.2016; Hervorhebung WZ).

22.8.2016
– Bach und sein russischer Schmusekurs

„Nicht wenige Athleten sind zornig darüber, wie Thomas Bach als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees den Skandal um das Staatsdoping in Russland behandelt hat, auf welchen Schmusekurs er zu den Gastgebern der letzten Winterspiele ging und wie offen diese in Rio schon wieder ihre Muskeln spielen ließen. Die von den Wettbewerben verbannte Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa wurde in die Athletenkommission und damit ins IOC gewählt. Sie fand 1365 Unterstützer, was eindrucksvoll zeigt, wie tief der Riss ist, der die Hauptdarsteller spaltet. Die Entwicklung kann Bach nicht gefallen. Seine ersten Sommerspiele als Präsident waren die ersten Spiele in Südamerika überhaupt: Der gewagte Schritt glückte leidlich. Aber schon in zwei Jahren steht in Pyeongchang das nächste Wagnis an; Südkorea ist in vielen Wintersportarten ungeübt. Im Sommer 2020 geht die Asientour in Japan weiter, 2022 sollen die Chinesen in Peking Wintersport kennenlernen. Der olympische Wanderzirkus rumpelt auf schwierigen Pfaden weiter. Jetzt auch noch mit entzweiten Artisten“ (Hofmann, René, Im trüben Wasser, in SZ 22.8.2016).

– Bach: Kein Reformer
Thomas Kistner zur skandalösen Stellungnahme von IOC-Präsident Thomas Bach zu den gehackten Emails von Julia Stepanowa: „Was zu Thomas Bach noch zu sagen ist, der vor drei Jahren als IOC-Chef mit einer Reform-Agenda 2020 antrat, hat Thomas Bach am Samstag in seiner Spiele-Bilanz selbst gesagt. Zur Whistleblowerin Julia Stepanowa, die das Staatsdoping in Russland enthüllen half, in Rio aber nicht starten durfte und nun um ihr Leben fürchten muss, nachdem ihre E-Mails gehackt wurden, erklärte Bach: ‚Wir sind nicht verantwortlich für die Gefahren, denen Frau Stepanowa ausgesetzt sein mag.‘ Sogar im Vatikan hat es ein Reformer an die Spitze geschafft. Im IOC ist das unvorstellbar“ (Kistner, Thomas, Der Ball rollt davon, in SZ 22.8.2016).

23.8.2016
– Bach wiederholt sich
: Eröffnungsfeier Sotschi 2014 gleich Eröffnungsfeier Rio 2016
„Was Bach sonst zu sagen hatte, ähnelte dem, was er bei den Winterspielen in Sotschi gesagt hatte. Damals wandte er sich an die Athleten mit der Erkenntnis: ‚Durch euer Zusammenleben unter einem Dach im olympischen Dorf habt ihr eine kraftvolle Botschaft an die Welt gerichtet: Die Botschaft einer Gesellschaft aus Frieden, Toleranz und Respekt.‘ Diesmal sagte er: ‚Durch euer Zusammenleben in Harmonie unter einem Dach im olympischen Dorf sendet ihr eine kraftvolle Botschaft des Friedens an die ganze Welt.‘ Es ist also egal, wo die Spiele stattfinden, ob ein Dissident im Lager landet oder die Russen trotz Dopingskandals mitmachen dürfen oder ein IOC-Mitglied festgenommen wird – am Ende ist eh alles dufte. Sagt Bach. Was Sotschi angeht: Wenige Tage später standen russische Soldaten auf der Krim, die Botschaft des Friedens aus dem olympischen Dorf hatte nicht lange gewirkt. Was Rio angeht: Die Debatten um die Finanzierung der Paralympics zeigen, welch finanzieller Kraftakt die Party war. Die Abrechnung kommt später. Aber dann ist der Zirkus ja schon weitergezogen, auf dem Weg nach Tokio 2020. (…) Von Bach – seine Rede machte das deutlich – ist wenig zu erwarten. Als schließlich Sonntagnacht die Flamme der Sommerspiele von Rio de Janeiro 2016 ausging, war das ein passendes Bild im Reich der symbolverliebten Oberolympier. Das olympische Feuer ist erloschen, in vielerlei Hinsicht“ (Gertz, Holger, Ist sowieso alles dufte, in SZ 23.8.2016)..

24.8.2016
Warum Thomas Bach bei Rio 2016 die Paralympics nicht erwähnte – aus einem Fazit von René Hofmann in der SZ: „Seit September 2013 hat das Internationale Olympische Komitee einen neuen Präsidenten: den einstigen Fechter Thomas Bach. Die Spiele in Rio de Janeiro waren die erste Sommerausgabe, bei der er die Schlussformeln sprach. Bach bedankte sich bei den Gastgebern. Bach erklärte die Spiele für beendet. Bach rief die Jugend der Welt auf, sich in vier Jahren wieder zum sportlichen Wettstreit zu versammeln – dann in Tokio. Vieles war wie so oft. Eines aber fehlte: Mit keiner Silbe erwähnte der 62-Jährige, dass da demnächst doch noch ein großes Sportfest stattfindet in derselben Stadt. Am 7. September sollen die Paralympischen Spiele beginnen, für die elf Wettkampftage geplant sind. Auch in der – außerordentlich ausführlichen – Rede von Carlos Nuzman, dem Chef des Organisationskomitees von Rio 2016, fehlte der Hinweis. Ob das Zufall war? Wohl kaum. Die Paralympics bergen für beide Sprengstoff“ (Hofmann, René, Mutiger als Bach, in SZ 24.8.2016).

Cas bestätigt: Russland bei Paralympics ausgeschlossen
„Auf einer Seite hat der Court of Arbitration for Sport (Cas), die höchste Sportgerichtsbarkeit mit Sitz in Lausanne, an diesem Dienstag zusammengefasst, warum das russische Team von den Paralympischen Spielen in Rio ausgeschlossen werden darf, die am 7. September beginnen. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) hatte den Kollektiv-Bann am 7. August verkündet. Das Paralympische Komitee Russlands (RPC) hatte dagegen am 15. August beim Cas Beschwerde eingereicht. Eine ausführliche Anhörung beider Seiten hatte am 22. August, einen Tag nach dem Ende der Olympischen Spiele, in Rio de Janeiro stattgefunden. Am Tag darauf konstatierten die Sportrichter im Kern drei Dinge: Erstens, der Ausschluss wurde formal tadellos durchgeführt. Zweitens, er ist den Verfehlungen angemessen (‚proportionate in the circumstances‘). Drittens, die russische Seite habe keinerlei Belege vorgelegt, welche die Vorwürfe entkräftet hätten (‚the RPC did not file any evidence contradicting the facts on which the IPC decision was based‘)“ (Hofmann, René, Russland bleibt draußen, in SZ 24.8.2016). Der russische Sportminister Witalij Mutko wird im McLaren-Bericht über ein Dutzendmal erwähnt; dort steht auch, dass mindestens 35 Dopingproben von russischen Paralympics-Sportlern im Moskauer Anti-Doping-Labor verschwanden. “ IPC-Präsident Philip Craven begrüßte den Cas-Spruch: ‚Die heutige Entscheidung unterstreicht unsere Überzeugung, dass für Doping im paralympischen Sport absolut kein Platz ist. Durch sie haben wir einen weiteren Schritt zu fairen Wettkämpfen und gleichen Bedingungen für alle Para-Athleten der Welt getätigt.‘ Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, erklärte: ‚Das ist eine gute Nachricht für die Fairness im Sport. Dieses Urteil ist ein Zeichen für konsequente Null-Toleranz-Politik in Sachen Doping, die dem Sport ein Stück Glaubwürdigkeit zurückgibt‘. (…) In Russland fielen die Reaktionen auf den Cas-Spruch erwartungsgemäß ablehnend aus. Sportminister Witalij Mutko reagierte mit Unverständnis, ‚diese Entscheidung ist eher politisch als legal‘, sagte er der Nachrichtenagentur Tass. Die Aussage folgt dem Argumentationsmuster, das mehrere russische Athleten während der Olympischen Spiele vorgetragen hatten. Die mehrmals mit Doping in Verbindung gebrachte Schwimmerin Julia Jefimowa hatte nach öffentlichen Anfeindungen durch ihre US-Kollegin Lilly King die Athleten in aller Welt aufgerufen, nicht auf über Medien verbreitete Politik hereinzufallen. Auch die neu ins IOC gewählte Athletenvertreterin Jelena Issinbajewa hatte davor gewarnt, mit dem McLaren-Report werde Politik betrieben. Der Frage, ob sie selbst den Bericht vollständig gelesen habe, war die einstige Stabhochspringerin daraufhin allerdings ausgewichen“ (Ebenda; früher äußerte sie, den Bericht – trotz ihrer daran geäußerten Kritik – nicht zu kennen; WZ).

– Russland zieht vor das Schweizer Bundesgericht
„Mit einer Berufung vor dem Schweizer Bundesgericht will das Russische Paralympische Komitee (RPC) den Ausschluss seiner Sportler von den kommenden Paralympischen Spielen in Rio de Janeiro anfechten. RPC-Anwalt Alexei Karpenko bestätigte Pläne für einen Einspruch gegen die vom Internationalen Sportgerichtshof (Cas) aufrechterhaltene Sperre wegen Staatsdopings für alle russischen Aktiven durch das Internationale Paralympische Komitee (IPC). Allerdings strebt das RPC demnach weniger eine Aufhebung des Startverbots als vielmehr eine Grundsatzentscheidung an. ‚Der Prozess wird zwischen ein und zwei Jahren dauern. Deshalb werden die russischen Athleten nicht an den Spielen in diesem Jahr teilnehmen‘, sagte Karpenko“ (Russland will Paralympics-Ausschluss nicht hinnehmen, in spiegelonline 24.8.2016).

– Spätfolgen von Peking 2008
„Bei drei chinesischen Olympiasiegerinnen im Gewichtheben aus dem Jahr 2008 sind bei nachträglichen Dopingtests verbotene Substanzen gefunden worden. Ihnen droht die Aberkennung der Titel und Medaillen. (…) Zudem seien bei acht weiteren Medaillengewinnern von Peking in Nachtests verbotene Mittel gefunden worden. (…) Die anderen Gewichtheber stammen aus Russland, Kasachstan, Aserbaidschan, der Ukraine und Weißrussland. Der IWF hat die Athleten vorläufig suspendiert. Zusammen sind bei den Nachtests der Spiele von Peking 2008 und London 2012 nunmehr 46 Gewichtheber erwischt worden. Darunter sind Athleten, die sowohl in Peking als auch in London gedopt waren. (…) Hätte das IOC die Nachtests früher abgeschlossen, wären nach Festlegung des Weltverbandes IWF Nationen wie Kasachstan, Weißrussland, Armenien, China, Moldau, Türkei und Ukraine für Olympia in Rio de Janeiro gesperrt worden. Ausgeschlossen in Rio waren lediglich Russland, Aserbaidschan und Bulgarien. Die Sperren für die anderen Nationen werden nunmehr später wirksam und sollen ein Jahr gelten“ (Weitere 15 Gewichtheber positiv getestet, in spiegelonline 24.8.2016; Hervorhebung WZ).
Deshalb hat sich das IOC bis nach Rio 2016 Zeit gelassen mit dem Erwischen der Doper – wer sollte denn sonst in Rio noch antreten?

25.8.2016
– Gewichtheber: „Ein Sport schafft sich ab“

So titelte Joachim Mölter in der SZ und schrieb: „Die neuesten Nachrichten aus der weiten Welt der Gewichtheber: Bei den jüngsten Nachtests von eingelagerten Dopingproben der Olympischen Spiele 2008 in Peking sind bei 15 Athleten Spuren von unerlaubten, leistungssteigernden Substanzen gefunden worden, darunter sind drei Olympiasiegerinnen aus China und acht weitere Medaillengewinner. Schon bei vorangegangenen Nachtests von Proben der Spiele 2008 und 2012 sind 31 Betrugsfälle festgestellt worden, macht zusammen 46 gedopte Gewichtheber. Einigen wurde gleich zweimal Missbrauch nachgewiesen, 2008 in Peking und 2012 in London. Eine der jetzt überführten Siegerinnen von Peking hatte schon 2004 in Athen Gold gewonnen. Insgesamt haben nur zwei der nun positiv getesteten Athleten keine Medaille bei Olympia gewonnen. (…) Hätte das Internationale Olympische Komitee (IOC) die neuerlichen Überprüfungen früher abgeschlossen, hätten sieben weitere Länder keinen Gewichtheber entsenden dürfen: China, Kasachstan, Armenien, Weißrussland, Moldau, die Türkei und die Ukraine. Athleten aus diesen Ländern nahmen dann 17 der insgesamt 45 Medaillen aus Rio mit nach Hause. (…) Wenn man nicht gleich nach einem Wettkampf weiß, wer ihn gewonnen hat, wenn man erst nach Jahren ein endgültiges Ergebnis vorliegen hat, wenn man nicht mehr zwischen gedopten und sauberen Sportlern unterscheidet, sondern zwischen überführten und nicht-überführten, ist das tödlich für einen Sport: Dann verliert das Publikum sein Interesse. Insofern ist das Gewichtheben gerade dabei, sich als Ernst zu nehmender Sport abzuschaffen. Und wenn das IOC nicht aufpasst, schafft es in absehbarer Zeit seine ganzen, schönen Spiele ab“ (Mölter, Joachim, Ein Sport schafft sich ab, in SZ 25.8.2016).

29.8.2016
– Mitwisser Bach?

„Im berüchtigten Hochsicherheitsgefängnis Bangu bei Rio de Janeiro durfte sich Pat Hickey bisher der Rückendeckung der Sportfamilie gewiss sein. Vor zwei Wochen hatte Brasiliens Polizei den irischen Multifunktionär, unter anderem Chef des heimischen olympischen Komitees (OCI) und Vorstand im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), während der Sommerspiele festgenommen. Die Behörden verdächtigen ihn, illegalen Tickethandel für die Rio-Spiele betrieben und eine kriminelle Vereinigung gebildet, womöglich gar angeführt zu haben. Um die 1000 Karten aus dem OCI-Kontingent soll er nebst anderen Billetts zu überteuerten Preisen weiterverkauft haben. Aber das IOC unter Führung des Deutschen Thomas Bach, zu dessen sportpolitischen Vertrauten Hickey zählt, gab sich gnädig. Es erfolgten keine Sanktionen. Stattdessen verwies es auf die Unschuldsvermutung“ (Aumüller, Kistner 29.2016). Nun haben die brasilianischen Ermittler am 17.8.2016 auch Hickeys Computer und Smartphone beschlagnahmt und fanden mehrere Korrespondenzen zwischen Bach und Hickey bezüglich Tickets. Am 12.7.2015 fragte Hickey bei Bach wegen der „Ticket ATR Situation“ an. Im Sommer 2015 monierte Hickey beim IOC-Präsidenten die Ticketzuteilung für Rio 2016: „Wir bitten um mehr Karten, schreibt er wiederholt, und meint mit ‚wir‘ offenkundig sein irisches olympisches Komitee, aus dessen Kontingent er, so die Verdachtslage, Karten für seine verbotenen Deals abgezwackt haben soll. Für die Eröffnungsfeier, so Hickey, hätten sie gerne 188 statt der bisher zugeteilten 38 Tickets; bei der Schlussfeier 128 statt 28; im Fußball-Finale der Männer 500 statt 0; im 100-Meter-Finale 242 statt 42; und beim Basketball-Finale der Männer 30 statt 0. Macht fast 1000 Tickets mehr für einige Höhepunkte der Spiele. Das sind happige Forderungen für ein einzelnes nationales Komitee. (…) Eine solche Forderung offenbart offenkundig das Selbstverständnis Hickeys, der in den jüngsten sportpolitischen Debatten stets treu an Bachs Seite stand. Nicht zuletzt, als das IOC trotz dokumentierten Staatsdopingsystems und heftiger internationaler Kritik Russland nicht komplett von den Spielen ausschloss“ (Ebenda).

30.8.2016
– Hickey kommt raus

„Patrick Hickey ist vorläufig aus dem Gefängnis in Rio de Janeiro entlassen worden. Ein brasilianisches Gericht begründete den Schritt mit dem ‚kritischen Gesundheitsszustand‘ des IOC-Funktionärs. Die Richter entsprachen damit einem Antrag von Hickeys Anwälten. Allerdings dürfe der 71-jährige Ire vorerst das Land nicht verlassen und musste seinen Reisepass abgeben. (…) Laut Behörden kann ihm – sollte sich der Verdacht erhärten – eine mehrjährige Haftstrafe in Brasilien drohen“ (IOC-Funktionär Hickey aus Gefängnis entlassen, in spiegelonline 30.8.2016).

31.8.2016
– Hickey und das IOC-Ressort „Autonomie and Good Governance“

„Hickey darf das Land nicht verlassen, er musste seinen Reisepass abgeben. Seine Ämter lässt er ebenfalls ruhen, fürs Erste. Das trifft sich ein wenig ungünstig für den irischen Multifunktionär, der in diesen Tagen allerlei zu tun hätte. Hickey übersieht im IOC ja unter anderem auch das Ressort ‚Autonomie und Good Governance‘, er soll sicherstellen, dass die nationalen Olympiakomitees frei sind von politischem Lenkern oder Einflüsterern“ (Knuth, Johannes, Im Zweifel unschuldig, in SZ 31.8.2016).
Hickey und „Good Governance“: Das heißt, den Bock zum Gärtner machen…

2.9.2016
– IPC lehnt Teilnahme russischer Behindertensportler ab
„Bei den Paralympics in Rio (7. bis  18. September) werden keine russischen Einzelstarter unter neutraler Flagge teilnehmen. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) mit Sitz in Bonn lehnte am Donnerstag entsprechende Gesuche von fast 200 russischen Sportlern ab“ (SID, Russische Gesuche abgelehnt, in SZ 2.9.2016).

5.9.2016
– Schwimmverband  Fina und Doping

Der Schwimm-Weltcup des Weltverbands Fina machte am Wochenende Station in: Moskau. Nicht der schlechteste Zeitpunkt für drei Mitglieder des „Doping Control Review Boards“ der Fina, darunter der Vorsitzende Prof. Andrew Pipe aus Kanada, um ihre Ämter niederzulegen – aus Empörung über die lasche Anti- Doping-Politik des eigenen Weltverbands, insbesondere beim Umgang mit der russischen Staatsdoping-Causa. In einem Brief an den Fina-Präsidenten, den 80-jährigen Uruguayer Julio Maglione, beschweren sich die Anti-Doping-Beauftragten, ihre Vorschläge, wie über die Zulassung russischer Schwimmer für die Sommerspiele in Rio befunden werden sollte, seien von den Funktionären schlicht ‚ignoriert‘ worden. (…) Laut RTE hatten Pipe und seine Kollegen vorgeschlagen, für die Zulassung der Russen ähnlich strenge Kriterien anzuwenden wie etwa der Welt-Ruderverband: Der ließ nur Athleten nach Rio, die wenigstens einen negativen Test bei einer ‚glaubwürdigen‘ Instanz außerhalb Russlands vorweisen konnten. Die Fina entschied hingegen, nur Athleten abzuweisen, die entweder im McLaren-Report erwähnt wurden oder die früher schon mal gesperrt waren“ (Catuogno, Claudio, Verband ignorant, in SZ 5.9.2016).
Und Konsequenzen aus dem russischen Staatsdoping scheint es nicht zu geben: „So kürte die Internationale Biathlon-Union IBU am Sonntag das westsibirische Erdöl-Zentrum Tjumen zum Ausrichter der WM 2021, obwohl das IOC den Wintersport-Fachverbänden empfohlen hatte, vorerst keine Großereignisse nach Russland zu vergeben“ (Ebenda).

7.9.2016
– Das andere „Doping“ bei den Paralympics

„Anders als das Olympische hat das Paralympische Komitee (IPC) Russland wegen Staatsdopings ausgeschlossen. (…) Doch wie bei Olympia wird auch bei den Paralympics betrogen. Im Vorfeld sind ein australischer Radfahrer, ein brasilianischer Diskuswerfer und ein türkischer Gewichtheber ausgeschlossen worden. Und der paralympische Sport hat seine eigenen Betrugsszenarien: Sportler schummeln bei der Klassifizierung ihrer Behinderung, um gegen Konkurrenten mit größerem Handicap antreten zu können – anonym haben das Athleten im Gespräch mit dem Guardian erklärt. Bei so manchem Sprinter sind die Prothesen so lang, dass es an der Grenze zum Absurden kratzt. Mit dem Wachstum der Branche, so hat es Karl Quade gesagt, Chef de Mission des deutschen Teams, wachsen auch Verdienstchancen und Verlockungen zum Betrug“ (Fischer, Sebastian, Der Wert der Nische, in SZ 7.9.2016).

13.9.2016
– Später Ruhm: Doping-Nachwirkungen von Peking 2008

„Die frühere Speerwurf-Weltmeisterin Christina Obergföll darf sich mit achtjähriger Verspätung über die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Peking freuen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) disqualifizierte die Russin Maria Abakumowa wegen Dopings und wies den Leichtathletik-Weltverband Iaaf an, die Sportlerin zu bestrafen und die Ergebnislisten entsprechend umzuschreiben. ‚Es ist zu spät. Es hat jetzt für mich keinen großen Mehrwert, sondern mehr einen symbolischen Wert. Es ist jetzt Silber statt Bronze‘, sagte Obergföll… Ihr tue vielmehr die viertplatzierte Britin Goldie Sayers leid, der dieser Moment genommen wurde und die möglicherweise deshalb weniger Sponsoren bekommen habe“ (Obergföll bekommt Silber zugesprochen, in spiegelonline 13.9.2016).

14.9.2016
– Deutscher Nada-Aufsichtsratsvorsitzender kritisiert Bach

„Die Kritik an Thomas Bach reißt nicht ab. Als nächster hochrangiger Funktionär attackierte Aufsichtsrats-Chef Hans-Georg Näder von der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) den deutschen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) scharf für dessen Amtsführung in den vergangenen Monaten. ‚Bach blamiert Deutschland und beschädigt durch sein Verhalten massiv die olympische Bewegung, weil er nicht klar Position bezieht zu Korruption im IOC und zum Doping – eine Problematik, die nicht nur auf Russland beschränkt ist‘, sagte Näder dem Tagesspiegel. (…) Anders als das IOC bei Olympia in Rio hatte das IPC im Skandal um Russlands Staatsdoping die russischen Athleten von den derzeit laufenden Paralympics in Brasilien ausgeschlossen. ‚In einer Welt, die sowieso aus dem Gleichgewicht geraten ist, wo alle klugen politischen Köpfe und alle Global Citizens mit Einfluss versuchen, ruhig Kopf zu bewahren, hat Thomas Bach die olympische Idee, die gerade in dieser Zeit eine wichtige Vorbildfunktion haben könnte, durch sein Misleadership schwer beschädigt‘, sagte Näder. (…) Näder ärgert sich allerdings auch darüber, dass Bach ‚es nicht mal geschafft‘ habe, die Paralympics bei seiner Rede auf der Schlussfeier der Olympischen Spielen in Rio ‚auch nur zu erwähnen‘. Das wäre üblich, sagte der Topmanager weiter. Bach ist der erste IOC-Präsident seit Langem, der den paralympischen Feiern und Wettbewerben fernbleibt“ (SID, „Bach blamiert“, in SZ 14.9.2016). – Und die zwölfmalige Goldmedaillengewinnerin bei Winter-Paralympics, Verena Bentele: „In meinen Augen wäre Thomas Bach nicht auf dem richtigen Weg, wenn er die Entscheidung des IPCs, die russische Mannschaft zu sperren, mit seiner Abwesenheit kommentieren würde“ (Herrmann, Boris, „Das IOC kann sicher von uns lernen“, in SZ 20.9.2016).

– Russische Hackergruppe „Fancy Bears“ knackt Wada-Datenbank
Die russische Hacker-Gruppe „Fancy Bears“ hat die Wada-Datenbank geknackt. „Die Wada selbst hat den Cyberangriff mittlerweile bestätigt. Dabei wurden Daten prominenter US-amerikanischer Sportler gestohlen und anschließend im Internet veröffentlicht. Darunter sind die Turnkönigin von Rio de Janeiro, Simone Biles, die Tennis-Schwestern Serena und Venus Williams, sowie die US-Basketballerin Elena Delle Donne. (…) Bis auf den Umstand, dass sie in Russland ansässig ist, weiß man wenig über sie. Die ‚New York Times‘ vermutet lediglich, dass die Gruppe mit dem militärischen Geheimdienst GRU zusammenarbeitet und auch für den E-Mail-Hack bei der demokratischen Partei von Hillary Clinton verantwortlich sei. Auch mit der Cyberattacke auf den deutschen Bundestag im Vorjahr wird sie in Verbindung gebracht. Der Kreml hat jede Verwicklung in die aktuelle Hacker-Aktion allerdings deutlich zurückgewiesen. (…) Die ‚Fancy Bears‚ hatten bereits vor Kurzem den Wada-Account der Kronzeugin für das russische Doping, Julia Stepanowa, gehackt. Stepanowa lebt an einem geheimen Ort, der Hack sollte möglicherweise auch dazu dienen, ihren Aufenthaltsort zu erfahren. Die Athletin hatte sich in die USA abgesetzt und dort ausführlich über das Staatsdoping in Russland ausgesagt. (…) Wada und IOC haben ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die genannten Athleten nicht unter Dopingverdacht stehen. Alle Ausnahmegenehmigungen seien geprüft und von den betreffenden Stellen anschließend anerkannt worden“ (Ahrens, Peter, War es ein russischer Racheakt? in spiegelonline 14.9.2016). – Wada-Generalsekretär Olivier Niggli: „Die Wada verurteilt die laufenden Cyberattacken, die die Organisation und das weltweite Anti-Doping-System untergraben sollen“ („Das ist nichts, wofür man sich schämen muss“, in spiegelonline 14.9.2016).

15.9.2016
„Fancy Bear“ gab bekannt, „man sei eine internationale Vereinigung von Hackern. (…) Diese Kompetenzen habe man genutzt, um die Datenbank der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) mal etwas genauer zu ’studieren‘. Dabei sei man auf ’sensationelle Belege‘ für die ‚dreckigen Methoden‘ der USA gestoßen, der erfolgreichsten Nation bei den Sommerspielen von Rio de Janeiro. Am Dienstag stellte die digitale Piratenbande die beworbenen Dokumente dann im Internet aus. Recht bald wurde klar: Die Papiere waren echt; die Wada bestätigte, dass man beraubt worden sei, die Spur führe zu russischen Hackern“ (Angriff in der Grauzone, in SZ 15.9.2016). Dagegen behauptete Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am 14.9.2016: „Wir können ohne Zögern eine Beteiligung der russischen Regierung oder eines russischen Geheimdienstes ausschließen“ (Ebenda).
„Unter den Athleten sind nach Wada-Angaben auch fünf Deutsche, unter anderem Diskusstar Robert Harting und Speerwerferin Christina Obergföll. Insgesamt seien vertrauliche Informationen von 25 Sportlern aus acht Nationen durch die Hacker publik gemacht worden, erklärte die Wada. Zu den prominenten Namen, die ‚Fancy Bears‘ veröffentlicht, zählen neben Harting und Obergföll auch die britischen Tour-de-France-Sieger Bradley Wiggins und Christopher Froome. Aus Deutschland sind zudem die drei Schwimmer Christian vom Lehn, Franziska Hentke und Christian Reichert genannt. Alle aufgeführten Athleten hatten Ausnahmegenehmigungen für Medikamente beantragt, die eigentlich auf der Dopingliste stehen – in allen Fällen wurde dies genehmigt“ (Daten von Harting und Obergföll gehackt, in spiegelonline 15.9.2016).

– Erlaubte Dopingmittel
„Turnerin Simone Biles, Diskuswerfer Robert Harting, die Tennisspielerinnen Venus und Serena Williams: Sie und weitere Sportler stehen im Zentrum eines Hackerangriffs. Die Athleten nehmen Medikamente, die auf der Dopingliste stehen oder haben diese eingenommen. Unrechtmäßig gedopt haben sie dennoch nicht: Sie haben eine Ausnahmegenehmigung, TUE genannt (‚Therapeutic Use Exemption‘). Ärzte haben ihnen also bescheinigt, dass sie die Wirkstoffe aus medizinischen Gründen benötigen. (…) Dennoch sagt etwa der Sportwissenschaftler Ross Tucker dem britischen ‚Guardian‘, er würde erwägen, die TUE komplett zu streichen. Klar, das sei hart. ‚Aber was ist der Nachteil, wenn Asthmatiker nicht an Wettbewerben teilnehmen können?‘, fragt er. Unglücklicherweise hätten die Bemühungen, Sportler mit medizinischen Problemen miteinzubeziehen, ein Schlupfloch für Doper geschaffen“ (Weber, Nina, Warum Dopingmittel manchmal erlaubt sind, in spiegelonline 15.9.2016). TUE sind in vier Fällen erlaubt: um aktuelle oder chronische Krankheiten zu behandeln, wenn sie keine Leistungssteigerung bewirken, wenn es keine alternativen Behandlungsalternativen gibt und wenn sie nicht zur Therapie eines Doping-Schadens eingesetzt werden (Ebenda).
„TUEs gelten seit Langem als Grauzone, als Bypass für Athleten, die über angebliche Krankheiten Zugang zu leistungsfördernden Mitteln erhalten. Mittlerweile sind diverse Fälle aktenkündig, bei denen sich Athleten TUEs mithilfe gefälschter Atteste erschlichen. Fakt ist, dass immer mehr Sportler Ausnahmen erstehen. 2013 waren 636 TUEs bei der Wada registriert, 2014 schon 897, 2015 bereits 1330, wie die Agentur zuletzt mitteilte. Werden Spitzensportler immer kränker? ‚Wenn ein Hochleistungsathlet liest, was er alles nehmen darf, wenn er einen Arzt findet, der ihm die Ausnahmegenehmigung erteilt – dann ist es für mich logisch und konsequent, dass er das auch versucht‘, sagte Anti-Doping-Experte Perikles Simon dem Tagesspiegel. ‚Es darf im Elitesport überhaupt keine Ausnahmegenehmigungen geben, weil sie den Wettbewerb verzerren. Wenn einer krank ist, dann kann er eben nicht im Hochleistungssport starten’“ (Angriff in der Grauzone, in SZ 15.9.2016). – Die Bewilligung der TUEs differiert stark nach Ländern – und die Anträge werden entweder bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur oder bei den Internationalen Sport-Fachverbänden gestellt. 2015 waren es in Spanien 179 Anträge, in den USA 116, in Großbritannien 100, in Deutschland 51, in Russland 17 (Aumüller, J., Cáceres, J., Spanischer Spitzenwert, in SZ 22.9.2016).

– Doping und Paralympic‘
Erstaunlich sind die britischen Erfolge bei den Paralympics in Rio 2016, die offiziell auf der hohen finanziellen Förderung beruhen. Nicht alle sehen das so. „Abgerechnet wird in Medaillenrendite. Wer mehr gewinnt, bekommt auch mehr Geld. Das Budget von Sportarten, die ihre Vorgaben verfehlen, wird dagegen radikal gekürzt. UK Sport fördert auch kaum Mannschaftsportarten, weil dort ja nur eine oder zwei Medaillen vergeben werden. Das Prinzip ist so brutal wie effektiv. Auf der Insel ist auch vom ‚financial doping‘ die Rede. Es gibt aber den nicht ganz unbegründeten Verdacht, dass dort nicht nur mit Fördergeldern gedopt wird. Der deutsche Sportmediziner Perikles Simon bezeichnete die Großveranstaltungen von Rio vor wenigen Wochen im SZ-Interview als ‚die gedoptesten Spiele aller Zeiten‘. Auch die Tatsache, dass die russischen Staatsdoper bei den Paralympics komplett ausgeschlossen sind, ändert daran vermutlich nichts. ‚Russland ist überall‘, sagte Simon. Explizit nannte er Großbritannien. Im Rahmen einer ARD-Enthüllung, in der es um Epo-Doping in einem kenianischen Höhentrainingslager ging, war neulich auch von britischen Kunden die Rede. (…) Das Internationale Paralympische Komitee hat soeben in bemerkenswerter Offenheit den Kollaps seines Kontrollsystems von Rio bekanntgegeben. Aus Geld- und Personalmangel gibt es demnach während der gesamten Veranstaltung lediglich 1500 Stichprobentest für 4300 Athleten. Nicht einmal alle Medaillengewinner können kontrolliert werden. Neben den Briten lassen bislang vor allem die Athleten aus China und der Ukraine die Rekorde purzeln – zwei Länder, die oft genug bewiesen haben, dass ihre Höchstleistungen nicht nur auf Trainingsfleiß zurückzuführen sind“ (Herrmann, Boris, Brutal effektiv, in SZ 15.9.2016).

17.9.2016
– Russische Hacker stellen sich vor

Kurz bevor die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada am Dienstag bestätigte, dass Hacker vertrauliche Unterlagen abgreifen würden, twitterte ein Account bereits erste Dokumente. ‚Grüße. Wir sind das #FancyBears Hack-Team‘, beginnt der Tweet. Hinter dem Angriff sollen russische Hacker stecken, behauptet die Wada; die Information stamme von Ermittlungsbehörden. Der Name der Angreifer wird ebenfalls genannt: Tsar Team, auch bekannt als APT28 oder eben: Fancy Bear. (…) John Hultquist von der IT-Sicherheitsfirma Fire Eye analysiert die Gruppe seit Jahren. Im August habe Fire Eye beobachten können, dass der russischen Läuferin Julia Stepanowa gezielt Phishing-Mails geschickt wurden. Solche Mails lenken ihre Empfänger auch auf Webseiten, die die Angreifer kontrollieren. (…) Die Initiative Wirtschaftsschutz, der auch Bundesnachrichtendienst und Bundesamt für Verfassungsschutz angehören, verschickte Ende August eine Warnung, in der es hieß: ‚Bei APT28 bestehen Indizien für eine Steuerung durch staatliche Stellen in Russland.‘ Hultquist zufolge habe Fire Eye weitere Indizien finden können, die es als wahrscheinlich erscheinen lassen, dass es sich bei den Angreifern um die APT28-Gruppe handelt: „Die Infrastruktur war übereinstimmend mit russischen Aktivitäten in der Vergangenheit“ (Tanriverdi, Hakan, IT-Experten zur Wada-Attacke: „Propaganda“, in SZ 17.9.2016).

-Obergföll sieht Zusammenhang zum Ausschluss russischer Leichtathleten
„Für die 35-Jährige ist die Motivlage für die Veröffentlichung offenkundig: Sie wertet die Hacker-Aktion als ‚eine ganz klare Retourkutsche‘ für den Ausschluss russischer Leichtathleten von den Spielen in Rio, der auf die Enthüllung über das jahrelange Staatsdoping in Russland gefolgt war, welches in einem Wada-Bericht detailreich dokumentiert wurde. (…) Das IOC verurteilte die Attacke. Olivier Niggli, der Generalsekretär der Wada, sprach in einem Statement von einem ‚kriminellen Akt‘, der den weltweiten Bemühungen, wieder Vertrauen in Russlands Anti-Doping-Kampf zu fassen, „schwer schade“. Mit anderen Worten: Ein Akt, der dazu beitragen könnte, den Ausschluss des Landes von wichtigen Wettkämpfen sogar noch auszudehnen. Was für ein Lagerkampf aktuell tobt, zeigt auch die Äußerung von Travis Tygart, dem Leiter der US-Anti-Doping-Behörde. Er spricht von ‚Cyber-Mobbing’“ (Hofmann, René, Beute der Bären, in SZ 17.9.2016).

– Russische Retourkutsche
Die russische Botschaft in London „veröffentlichte am Dienstag auf Twitter eine Karikatur, wenige Stunden, nachdem Hacker vertrauliche Daten über vermeintlich dopende US-Sportler ins Internet getragen hatten. Auf der Karikatur zieht eine Olympia-Delegation ins Stadion, die Taschen vollgestopft mit Dollars. Vor ihnen trottet ein Fahnenträger der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) her, statt einer Flagge präsentiert er verseuchte Dopingproben. Wada-Ermittler hatten zuletzt im russischen Sportreich ein gigantisches Betrugsnest ausgehoben, vielen Athleten wurden die Reisepapiere für Olympia verweigert. Und die gleiche Strafverfolgungsbehörde des Sports, das war nun die Botschaft der russischen Diplomaten, paktiere mit dopenden Westsportlern. Pfui!“ (Knuth, Johannes, Hinter der Schweigemauer, in SZ 17.9.2016).

– Holger Gertz zur aktuellen Lage des Sports in der SZ:
„Rio 2016: Trotz Staatsdoping machten Athleten aus Russland mit. Die Whistleblowerin Stepanowa dagegen musste draußen bleiben. Die Spiele fanden in einem Land statt, in dem in Krankenhäusern die Klimaanlagen nicht funktionieren. Und in dem die Favela-Bewohner von Weitem auf das Feuerwerk im Maracanã schauten und auf ein Weltfest, das ihnen nichts gab und von dem sie nichts hatten. Bach sprach zu den Athleten, Pathos ist das Elixier der Zeremonien: ‚Durch euer Zusammenleben in Harmonie unter einem Dach im olympischen Dorf sendet ihr eine kraftvolle Botschaft des Friedens an die ganze Welt.‘ Die Paralympics erwähnte er nicht. Bach verschwieg die Wettkämpfe der Sportler mit Handicap, traditionell ausgetragen nach den Olympischen Spielen, bei denen zahlreiche Russen trotz des Dopingskandals angetreten waren. Das Paralympische Komitee hatte die Russen komplett ausgeschlossen. Das ist der Widerspruch des Weltsports: Die Geschichten, die er erzählt, passen nicht zu den Realitäten. Und genau an dieser Stelle verbindet sich der Heldensturz des charismatischen Beckenbauer mit der Politik des charismafreien Bach. Der eine sagt, dass er alles ehrenamtlich macht, kassiert aber auf Umwegen. Der andere steht auf dem olympischen Podium und predigt von der Gleichheit der Menschen, nachdem bei Olympia soeben die Ungleichheit der Menschen herausgestellt worden ist“ (Gertz, Holger, Zum Abschied, in SZ 17.9.2016).

– Werner Franke: Doping schon in der Schule
Der Heidelberger Dopingexperte Prof. Werner Franke zu „Fancy Bears“: „Eigentlich sind das gar keine Enthüllungen. In den USA etwa beginnt das Dopen junger Mädchen beim Geräteturnen schon in der Schule. (…) Wenn jemand ganz hibbelig ist, dann muss man ihn ruhig stellen, vor allem auf dem Schwebebalken. Da hilft Ritalin. Deshalb ist es im Turnen ein weitverbreitetes Dopingmittel. Auch wenn man das nicht wahrhaben will“ („Ruhigstellen auf dem Schwebebalken“, in Der Spiegel 38/17.9.2016).

19.9.2016
– 4. Lieferung von „Fancy Bears“

„Die Hackergruppe ‚Fancy Bears‘ hat zum vierten Mal medizinische Daten von Sportlern veröffentlicht. Auf seiner Website verlinkte das anonyme Hackerkollektiv Ausnahmegenehmigungen von 26 Sportlern aus zehn Ländern. Darunter sind Stars wie der Tennisspieler Rafael Nadal, der Schwimmer László Cseh, der mehrfache Lauf-Olympiasieger Mohamed Farah und der Golfer Justin Rose. Damit hat die Gruppe inzwischen 66 Datensätze ins Netz gestellt. Die veröffentlichten Dokumente dürften bei einem Angriff auf die Athletendatenbank der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada erbeutet worden sein. Sie zeigen die Ausnahmegenehmigungen, die es Athleten erlauben, Mittel einzunehmen, die eigentlich auf der Dopingliste stehen“ (Hacker machen weitere Athletendaten öffentlich, in spiegelonline 19.9.2016).

– APT 28 und „Fancy Bears“
Deutsche Politiker wurden Mitte September 2016 von der Gruppe APT 28 ausgespäht. „Konkret im Verdacht steht eine Hackergruppe namens ‚APT 28‘, auch ‚Sofacy‘ genannt. Das bestätigte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), das den Angriff analysiert hat, auf Anfrage. Die Vermutung stützt sich auf die Vorgehensweise der Angreifer: ‚Die dem BSI bekannten technischen Parameter und Vorgehensweisen decken sich mit denen der Sofacy-Gruppe‘, sagte ein Sprecher. (…) Die Sicherheitsfirma Kaspersky beobachtet die Aktivitäten der Gruppe, die in IT-Kreisen auch unter Namen wie ‚Fancy Bear‘, ‚Sednit‘ oder ‚Strontium‘ geführt wird, schon seit Jahren. Dort geht man davon aus, dass ‚APT 28‘ mindestens seit 2008 Daten von Regierungen, Nato-Ländern und Militärunternehmen abfischt – und immer aggressiver vorgeht: ‚2015 hat sich die Aktivität der Gruppe um das Zehnfache gesteigert‘, heißt es bei Kaspersky. Sie sei ‚einer der erfolgreichsten und agilsten Akteure‘, wenn es um weltweite IT-Bedrohungen gehe. Die Abkürzung ‚APT‘ steht für ‚Advanced Persistent Threat‘, also eine langfristige und ausgefeilte Bedrohung. Der zweite Name, ‚Sofacy‘, geht auf den Namen eines Angriffsprogramms der Gruppe zurück. Dafür, dass die Gruppe aus Russland kommt, sprechen Hinweise, die Sicherheitsexperten bei der Analyse von Attacken gefunden haben. ‚APT 28‘ verwendet zum Beispiel Schadsoftware, die auf Rechnern programmiert wurde, die russische Spracheinstellungen haben, sagt Christopher Porter, Analyst bei den IT-Experten von FireEye“ (Gruber, Angela, Gebauer, Matthias, Die Spur führt nach Russland, in spiegelonline 21.9.2016).

21.9.2016
– Fritz Sörgel: „Hochleistungssport als Zirkus“

Der Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel auf die Frage der SZ, warum seit 2013 die Zahl der Therapeutic Use Exemptions (TUE) um 50 Prozent gestiegen ist: „Das Problem ist, dass wir nur die Zahl der TUEs kennen, nicht die vorwiegend gefundenen Substanzen. Aus den Listen der Fancy-Bear-Hacker ist das auch nur bedingt ersichtlich. Das erschwert die Analyse natürlich. (…) Wenn ein Sportler seinen Sport nur noch ausüben kann, wenn er Schmerzmittel nimmt, muss man die Frage stellen, ob man das nicht im Bereich des Dopings ansiedelt“ (Knuth, Johannes, „Dann hätten wir DDR-Verhältnisse“, in SZ 21.9.2016). Zur Frage der Grenze zwischen Schmerzmittel und Doping: „Wir müssen da unterscheiden zwischen Kortisonpräparaten, die entzündungshemmend und dadurch schmerzlindernd wirken, und den üblichen Schmerzmitteln wie Ibuprofen und Diclofenac, besser bekannt als Voltaren. In den Listen der Fancy-Bear-Hacker tauchen zu 90 Prozent Kortisonpräparate auf, entweder als Schmerzmittel oder für die Asthmatherapie“ (Ebenda). Und zur Frage der Freigabe der Mittel im Rahmen der TUE: „Man kann über das generelle Freigeben schon nachdenken. Aber solange beispielsweise der Leichtathletikverband vom Kinder- über den Hochleistungssport bis zum sportelnden Greis alles organisiert, ist das keine Lösung. Dann hätten wir wieder DDR-Verhältnisse. Wir hätten massenhaft kranke, junge Sportler, der volkswirtschaftliche Schaden durch Langzeitschäden wäre verheerend. Und am Ende wären wir wieder da, wo wir jetzt schon sind. Dann sind es die Spitzensportler, die eine optimale Versorgung mit Leistungssteigerern haben. Und von den Spitzensportlern nehmen die aus armen Ländern immer noch das Antik-Anabolikum Stanozolol, während die Topathleten Zugang zu schwer nachweisbaren Substanzen und Beratung haben“ (Ebenda).

22.9.2016
Wada vom IOC angegriffen

IOC-Präsident Thomas Bach orchestriert angesichts der desaströsen Presseberichterstattung zu seiner Sanktionierung russischer Athleten bei Rio 2016 und seiner Absenz bei den Paralympics 2016 eine Vorwärtsverteidigung – wie üblich über Stellvertreter. „Anfang der Woche hatte Gerardo Werthein, argentinisches IOC-Mitglied und Vertrauter des deutschen Olympia-Bosses Thomas Bach, die Wada scharf angegriffen und deren Existenz in Frage gestellt. Werthein wiederholt dabei auch den Vorwurf, die Agentur hätte zu spät  auf die Hinweise auf massive Dopingverfehlungen in Russland reagiert – was die Agentur zurückweist. (…) IOC-Boss Bach forciert eine Debatte über die Rollenverteilung im Anti-Doping-Kampf. Am 8. Oktober ist das Thema auch auf der Tagesordnung des IOC-Gipfels“ (SID, SZ, Wada wehrt sich, in SZ 22.9.2016).

24.9.2016
– DLV-Präsident hält Verbindung Wada und IOC für problematisch

Der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Clemens Prokop: „Wichtig ist, dass es bei der Dopingbekämpfung eine internationale Organisation gibt, die unabhängig von Sport und Staat ist. Das IOC erscheint mir in diesem Zusammenhang als problematischer Akteur“ (Knuth, Johannes, Kistner, Thomas, „Wir erleben eine Zeitenwende“, in SZ 24.9.2016). IAAF und  IPC konnten den Ausschluss russischer Sportler bei Rio 2016 durchsetzen. „Das IOC hat sich anders entschieden, und die Glaubwürdigkeit des Sports hat darunter gelitten“ (Ebenda). Craig Reedie, der Präsident der Wada, ist auch Vizepräsident des IOC: „Es erscheint skurril – wenn die Berichte stimmen -, dass der Wada-Präsident auf der einen Seite Russlands Ausschluss befürwortet, als IOC-Mitglied aber die Gegenposition einnimmt“ (Ebenda).

– Fazit zur Sportwelt im Spiegel
„Die Sportwelt hat 2016 einen Kollaps erlitten. nie zeigte sich die  Verkommenheit der Sportorganisationen so drastisch, so vielfältig wie in diesem Jahr. Die Skandale um die Fifa. Das korrupte System des ehemaligen Präsidenten des internationalen Leichtathletikverbandes, der offenbar für Geld Dopingproben verschwinden ließ. Russlands Dopingkomplott bei den Olympischen Spielen in Sotschi. Die  Feigheit des IOC-Präsidenten Thomas Bach, der sich nicht traute, die Russen für ihren systematischen Betrug von den Spielen in Rio de Janeiro auszuschließen. Die Ermittlungen gegen Funktionäre wegen Ticketschiebereien. Der DFB-Sommermärchen-Skandal. Die Gier des Franz Beckenbauer“ (Pfeil, Gerhard, Wulzinger, Michael, Tofu in der Höhle des Löwen, in Der Spiegel 39/24.9.2016).

28.9.2016
– Rad-Olympiasieger mit Ausnahmegenehmigung

Bradley Wiggins hat fünf Olympiasiege und acht WM-Titel plus einen Tour-de-France-Gewinn. Er verbrachte sechs Jahre beim Team Sky, von 2010 bis 2015. Dessen Teamdoktor Steven Peters hat vor drei Jahren der Sunday Times gesagt, dass man Fahrer, die akut an Asthma leiden, lieber aus dem Rennen nehme, anstatt ihnen eine Ausnahmegenehmigung zu verschaffen. Wiggins’ Daten zeigen nun, dass er drei TUEs für das starke Kortikoid Triamcinolon erhielt: vor der Tour de France 2012, die er gewann, dazu vor der Tour 2011 und dem Giro d’Italia 2013. Der Grund: Asthma. ‚Es ging nicht darum, einen unfairen Vorteil zu erlangen. Ich leide mein Leben lang unter Asthma‘, verteidigt sich Wiggins nun. In seiner 2012 erschienenen Autobiografie ist von Asthma aber nirgendwo die Rede; 2012 habe er nur ‚ein oder zwei Mal kleine Erkältungen gehabt‘, steht dort“ (Knuth, Johannes, Formal vor Moral, in SZ 28.9.2016). Auch Tour-de-France-Sieger Christopher Froome erhielt zweimal Ausnahmegenehmigungen: Der Kapitän des Sky-Teams bezeichnete sie als „therapeutische Maßnahmen“ (Froome wehrt sich gegen Dopingvorwürfe, in spiegelonline 27.9.2016).

29.9.2016
– Drei weitere russische Leichtathleten gesperrt

Top-Sprinter Michail Idrissow und zwei weitere russische Leichtathleten sind wegen Dopings für jeweils vier Jahre gesperrt worden. Das teilte die nationale Anti-Doping-Agentur (Rusada) am Mittwoch mit. Idrissow wurde rückwirkend vom 19. Juni 2015 an suspendiert, Jewgeni Chochlow ist seit dem 22. Juni 2015 gesperrt, Tamara Schtschemerowa vom 30. Juni dieses Jahres an. Den drei Athleten wurde ein ‚Verstoß gegen Anti-Doping-Regeln‘ vorgeworfen“ (DPA, Drei weitere Doping-Sperren, in SZ 29.9.2016).

5.10.2016
– „IOC die korrupteste Organisation“

So urteilt der ehemalige Radprofi Floyd Landis, der mithalf, seinen Radsportkollegen Lance Armstrong zu überführen. Er zog „zehn Jahre nach seinem Dopingfall von 2006 eine verheerende Bilanz seines späteren Wirkens als Doping-Kronzeuge gezogen. Den Anti-Doping-Kampf insgesamt hält er für gescheitert. (…) ‚Entweder du tust es ebenfalls. Oder du steigst aus. Du hast nicht die Mittel, es aufzudecken. Und falls doch, das sieht man an den Whistleblowern, darfst du nicht zu den Olympischen Spielen.‘ Der Vorwurf bezieht sich auf den Umgang des Internationalen Olympischen Komitees mit der russischen Läuferin Julia Stepanowa, die den Skandal um staatliches Doping in Russland mit aufgedeckt hatte, von den Spielen in Rio allerdings ausgesperrt blieb“ („Heuchelei vom IOC“, in SZ 5.10.2016). Landis weiter: „Das Versagen und die Heuchelei kommen direkt vom IOC… Die Wada ist das IOC. Und die Usada auch“ (Ebenda).  Landis habe keine Zweifel, dass „das IOC die korrupteste Organisation im gesamten Sport ist. Daneben sieht die Fifa ziemlich gut aus“ (Ebenda).

7.10.2016
Wada: Daten von „Fancy  Bears“ manipuliert

„Die Hacker von Fancy Bears, die vertrauliche medizinische Daten von mehr als 100 Sportlern illegal veröffentlicht haben, könnten mehrere Datensätze manipuliert haben. Das geht aus einer Stellungnahme der Welt-Anti-Doping-Agentur hervor. ‚Im Laufe der Untersuchung hat die  Wada festgestellt, dass nicht alle veröffentlichten Daten korrekt sind'“ (SID, Daten unkorrekt, in SZ 7.10.2016).

– Bronzemedaille abgegeben
„Die russische Hochspringerin Anna  Tschitscherowa muss wegen eines positiven Doping-Nachtests ihre Bronze-Medaille der Olympischen Spiele 2008 in Peking abgeben“ (DPA, Bronze von 2008 aberkannt, in SZ 7.10.2016).

8.10.2016
Wada an die IOC-Leine

“ Die unausgesprochene Frage von Russlands Staatschef richtet sich an seinen Vertrauten Thomas Bach, Boss des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), und sie lautet: Warum hast du deinen Laden nicht im Griff? Wer die aktuellen Diskussionen über die Wada verstehen will, muss noch mal einige Zeit zurückgehen. Weltsport und Russland, Bach und Putin bilden seit Langem eine enge Symbiose. Doch vor ein paar Monaten kam die Wada angesichts von Russlands Dopingsumpf ausnahmsweise mal ihrer Aufgabe nach: kompromisslos gegen Doping vorzugehen. (…) Das missfiel so aber a) Putin und Russland und b) IOC-Chef Bach. Dieser sorgte mit Beschlüssen dafür, dass doch 300 russische Athleten unter russischer Fahne starten konnten. Und so gibt es seit Rio einen offensichtlichen Riss in der globalen Sportpolitik. Hier das IOC, das Dopingbekämpfung nur als Floskel kennt. Dort neben der Wada noch der Leichtathletik-Weltverband IAAF und das Internationale Paralympische Komitee IPC, die auch jahrelang untätig waren, aber in der aktuellen Glaubwürdigkeitskrise erkannt zu haben scheinen, dass es so nicht weitergehen kann. (…) Alle drei Organisationen bekamen die Folgen ihrer Haltung zu spüren. Das IPC wurde durch Thomas Bach brüskiert, indem dieser die Paralympics in seiner Abschlussrede in Rio nicht erwähnte und nicht zur Eröffnungsfeier der Behindertenspiele reiste. Der aktuelle Welt-Leichtathletik-Chef Sebastian Coe darf sich ob seines Kurses ziemlich sicher sein, dass er seinen großen Traum von einer IOC-Mitgliedschaft begraben kann. Und die Wada muss viele Angriffe ertragen, die vor allem ein Ziel haben: ihren Einfluss reduzieren. Damit sie Putin und Bach nicht mehr so in die Quere kommen kann“ (Aumüller, Johannes, Entmachtung einer Machtlosen, in SZ 8.10.2016).

– Kreml nicht mehr bei Rusada?
„Russlands Sportministerium wird in Zukunft nicht mehr in der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada vertreten sein. So wolle man die Unabhängigkeit und Transparenz der Agentur stärken, hieß es nach Angaben der Nachrichtenagentur Tass in einer Mitteilung des Ministeriums. (…) Der Start für die Änderung fiel genau auf den Tag, an dem sich die olympische Bewegung in Lausanne traf, um über die Neureglung des weltweiten Anti-Doping-Kampfes zu beraten. (…) Die Rusada wurde im vergangenen November für ’non-compliant‘ (nicht regelkonform) erklärt, nachdem eine unabhängige Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada systematisches Doping im russischen Sport aufgedeckt hatte. Monate später bestätigte der Bericht des Ermittlers Richard McLaren ein vom russischen Staat gelenktes Dopingsystem bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014“ (Sportministerium zieht sich aus Anti-Doping-Behörde zurück, in spiegelonline 8.10.2016).

13.10.2016
– Nächste Russin muss Medaille zurückgeben

Die  russische Hammerwerferin Tatjana Lyssenko war bereits wegen Dopings von 2007 bis 2009 gesperrt. Nun muss sie ihre Goldmedaille von London 2012 zurückgeben: Sie  war mit dem anabolen Steroid Turinabol gedopt (DPA, „Sprachlos“, in SZ 13.10.2016).

– Cozy Bear = APT 28, Fancy Bear = APT 29
„In einer gemeinsamen Stellungnahme sprachen das Ministerium für innere Sicherheit und der Nationale Geheimdienstdirektor James Clapper aus, was US-Medien bisher nur unter Verweis auf anonyme Quellen in den Sicherheitsbehörden berichtet hatten: Russland versuche mit einer Reihe von Hacker-Attacken und gezielt platzierten Veröffentlichungen der Daten, Einfluss auf die Wahlen im November zu nehmen. (…) Laut dem Sicherheitsunternehmen CrowdStrike führen die Spuren zu zwei Gruppen, die mit russischen Diensten in Verbindung stehen: Mitte 2015 drangen Hacker einer als „Cozy Bear“ (Kürzel APT 28) bekannten Gruppe in die Systeme ein. Der Angriff fiel allerdings erst auf, nachdem sich im April dieses Jahres eine zweite Gruppe mit Namen Fancy Bear (APT 29) zu-tritt verschaffte. Hinter APT 29 soll den Sicherheitsexperten zufolge der russische Militärgeheimdienst GRU stecken, hinter APT 28 der Inlandsgeheimdienst FSB oder der Auslandsgeheimdienst SWR. (…) Nachdem die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada einen Ausschluss russischer Doping-Sünder bewirkt hatte, wurde auch sie Ziel eines Hacks von Fancy Bear“ (Hans, Julian, Gehacktes als Wahlkampf-Waffe, in SZ  13.10.2016).

14.10.2016
– Putin regiert den Sport
„Russlands Sport befindet sich in einer schwierigen Situation. Das globale Image ist aufgrund des aufgedeckten Staatsdopingsystems verheerend, weitere Enthüllungen sind noch zu erwarten. Die Fußball-WM 2018 mit zahlreichen erwartbaren Schwierigkeiten und Diskussionen steht vor der Tür. Und so richtig zufrieden sind sie mit der Performance ihrer Athleten nicht. Also macht sich Putin daran, Russlands Sport neu zu ordnen. So kündigte er inhaltliche Veränderungen an, beispielsweise will er die zuständigen Häuser für Sport, Jugend und Tourismus zusammenlegen und von einem noch zu benennenden Vize-Premier beaufsichtigen lassen. Auch hielt er Staatsfirmen und Regionen zu erhöhtem finanziellen Engagement an. (…) Bislang hatten zwei Männer in Russlands Sport maßgeblich das Sagen. Nummer eins: Alexander Schukow, 60, Präsident des Russischen Olympischen Komitees (ROK) und Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), unter anderem als einflussreicher Vorsitzender der Koordinierungskommission für die Winterspiele 2022 in Peking. Und Nummer zwei: Witalij Mutko, 57, Sportminister, Präsident des nationalen Fußballverbandes und Mitglied im Vorstand des Fußball-Weltverbandes (Fifa). Beide sind alte Bekannte des Präsidenten. Aber sie wissen aus Erfahrung, dass das irgendwann auch nicht mehr reicht zur Postensicherung“ (Aumüller, Johannes, Putin baut um, in SZ 14.10.2016).

21.10.1026
– Der unaufhaltsame Aufstieg des Witalij Mutko
Pawel Kolobkow, 47, ist am Donnerstag zum russischen Sportminister ernannt worden. Er folgt auf Witalij Mutko, der zum Vize-Premierminister mit Zuständigkeiten für Sport, Jugend und Tourismus aufstieg. (…) Bisher war er stellvertretender Sportminister. Mutko war wegen seines Verhaltens während des Dopingskandals sowohl international als auch im Land in die Kritik geraten. Neben seinem Regierungsamt hat er auch verschiedene Posten im Fußball inne. Er ist Präsident des nationalen Verbandes RFS, Chef des Organisationskomitees für die WM 2018 und Mitglied im Vorstand des Weltverbandes Fifa. Wegen seiner Doppelrolle in Politik und Sport läuft eine Beschwerde bei der Ethikkommission der Fifa“ (Kolobkow statt Mutko, in SZ 21.10.2016).
Dazu aus einem Kommentar von Johannes Aumüller in der SZ: Mutko ist „nicht mehr als Sportminister, sondern als Vize-Premier mit den Zuständigkeiten für Sport, Tourismus und Jugend Teil der Regierung. Es ist das nächste erstaunliche Kapitel in der langen Auseinandersetzung zum weitreichenden russischen Dopingsystem. Mutko war in den vergangenen Monaten und Jahren mindestens der politisch Verantwortliche für die aufgedeckte Manipulation. Mit seinem Verhalten während des Skandals entwickelte er sich zur internationalen Reizfigur. Zudem heißt es im Report der von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) eingesetzten unabhängigen Expertenkommission, dass er teilweise sogar konkrete Kenntnis von vertuschten Positivproben hatte, was Mutko bestreitet. Und was ist die Folge? Nicht die Absetzung nach acht Jahren als Sportminister – sondern eine formale Beförderung. (…) Offenkundig ist die Überlegung der russischen Politführung, dass Mutko nach seinem Verhalten während des Dopingskandals nicht mehr das Gesicht des Sportsystems sein soll, weil sein Gesicht in der Welt als Synonym für Manipulation steht. Aber andererseits behält Mutko in seiner neuen Funktion weiter die Kontrolle. Und dass Wladimir Putin ihn überhaupt noch mit einem Regierungsamt mit Sportbezug betraut und noch dazu formal befördert, das lässt sich auch als Signal verstehen“ (Aumüller, Johannes, Mutkos Aufstieg, Putins Signal, in SZ 21.10.2016).

25.10.2016
– Stipendium von Bach
Thomas Bach will der russischen Whistleblowerin Julia Stepanowa ein Stipendium gewähren und ihrem Mann Witali Stepanow ein Amt als Anti-Doping-Berater einräumen. Das IOC bestätigte am Montag den Sachverhalt, über den der Branchendienstes insidethegames.biz berichtet hatte. Die Stepanows zeigten sich erleichtert über die Ergebnisse des Treffens. ‚Wir sind sehr froh, dass wir jetzt in der Lage sind, Doping weiter zu bekämpfen und unsere Erfahrungen in Russland und als Whistleblower mit einzubringen’“, sagte Stepanow insidethegames.biz“ (SID, Stipendium für Stepanowa, in SZ 25.10.2016).
Dazu Johannes Knuth in der SZ: „Das IOC doziert gerne über Ethik, Fairness, Erziehung. In Wahrheit ist es längst derart weit von diesen Werten abgerückt, dass es sie nicht mal mehr mit dem Fernglas erspähen kann. Jetzt weht also die Kunde herein, dass Bach Stepanowa und ihren Ehemann Witali unterstützen will. Ein Stipendium für die 800-Meter-Läuferin, ein Beraterjob im Anti-Doping-Ressort des IOC für Witali, der sich in Russlands Anti-Doping-Behörde einst gegen die Korruption stemmte. Klingt gut. Kommt leider ungefähr zwei Jahre zu spät. Damals hatten die Stepanows in der ARD erstmals Beweise für den Systemschwindel vorgelegt. Die Welt-Anti-Doping-Agentur und der Leichtathletik-Weltverband IAAF gaben sich entsetzt, die Stepanows aber wurden ignoriert. (…) Und das IOC? Schlug sich auf die Seite des Kremls; Russland sieht in Stepanowa eine Verräterin, bis heute. (…) Dass Bach sich erst jetzt diskret mit den Stepanows trifft, da seine Umfragewerte im Keller und die Scheinwerfer des olympischen Theaters ausgeknipst sind – dafür hat sich das IOC nachträglich auch eine Medaille verdient: Gold in der Disziplin Heuchelei“ (Knuth, Johannes, Gold im Heucheln, in SZ 25.10.2016).

28.10.2016
– 17 NOKs fordern unabhängige Wada

„Nationale Anti-Doping-Agenturen aus 17 Ländern fordern eine klare Gewaltenteilung im globalen Dopingkampf. Nach einem Treffen in Bonn plädierten die Nada-Vertreter dafür, dass ‚kein Entscheidungsträger innerhalb einer Anti-Doping-Organisation ein Amt oder eine Funktion innerhalb einer Sport- oder Sportevent-Organisation innehaben sollte‘. (…) IOC-Mitglied Craig Reedie ist nebenbei Wada-Chef. ‚Wir können nicht den Fuchs den Hühnerstall bewachen lassen‘, rügte Travis Tygart, Chef der US-Anti-Doping-Agentur (Usada) am Donnerstag: ‚Die Entscheidungsträger müssen absolut unabhängig vom Sport sein.‘ (…) Zu Reedies Doppelrolle befand Tygart: ‚Wenn das Reedie einschließt, muss er seinen Platz in allen Entscheidungsebenen räumen’“ (SID, Im Hühnerstall, in SZ 28.10.2016).

Wada stellt bei Rio 2016 schwere Fehler fest
„Bei den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro ist es bei der Anti-Doping-Arbeit offenbar zu ’schwerwiegenden logistischen Verfehlungen‘ gekommen. Das geht aus dem Independent Observers Report hervor, den die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) veröffentlichte. Darin ist unter anderem von einem erheblichen Mangel an geschultem Anti-Doping-Personal die Rede. Dabei geht es auch um die Personen, welche die Athleten zur Entnahme der Probe begleiten (Chaperons). Die Zielmarke von Tests im Olympischen Dorf sowie in den Wettkampfstätten sei deshalb deutlich verfehlt worden. ‚Oft wurden nur 50 Prozent oder weniger der geplanten Tests durchgeführt‘, hieß es in dem Bericht. Die unabhängigen Beobachter, die durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) nach Rio eingeladen worden waren, schilderten zahlreiche Fälle, in denen der zu testende Athlet ‚einfach nicht gefunden werden konnte‘. Auch soll den Chaperons in vielen Arenen der Zugang zu bestimmten Zonen verweigert worden sein“ (Wada stellt schwere Verfehlungen in Anti-Doping-Arbeit fest, in spiegelonline 28.10.2016).

29.10.2016
Thomas Kistner zum Wada-Report Rio 2016 in der SZ: „Die Dopingtests bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro sind ‚erfolgreich gemanagt‘ worden. Behauptet das Internationale Olympische Komitee. Das ist unzutreffend, aber auch sehr hilfreich: Es entlarvt die absurde Reinheits-Metaphorik des IOC. Tatsächlich war das Management der Betrugsfahndung ein einziges filmreifes Desaster, dies enthüllt nun der Expertenbericht eines unabhängigen Beobachterstabs (IO), den die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada publizierte. Demnach sorgten Kosteneinsparungen überall für ’schwerwiegende logistische Verfehlungen‘; es fehlte an Knowhow und technischer Ausrüstung. Oft wurden laut Bericht ’nur 50 Prozent oder weniger der geplanten Tests durchgeführt‘. Auch deren Validität erscheint arg fragwürdig, zieht man die neue Mängelliste zu Rate. Die Wada-Beobachter rügen ‚generelle Ausbildungsdefizite‘ beim in Rio tätigen Dopingkontroll-Personal, viele Offizielle seien nicht mal mit der Ausrüstung vertraut gewesen und hätten Aufträge falsch ausgeführt. (…) Klingt da leiser Widerspruch zu IOC-Boss Thomas Bachs Lieblingsfloskeln an? Denenzufolge wird ja die Betrugsfahndung bei den Spielen mit ‚Nulltoleranz‘ bzw. ‚oberster Priorität‘ betrieben. (…) Nun stellt die Wada dem Moralapostel-Clan des deutschen Wirtschaftsanwalts ein verheerendes Zeugnis aus. (…) Nicht nur in Rio herrschte Chaos. Laut Wada-Report waren 4125 Athleten ohne einen Dopingtest im Olympiajahr 2016 zu den Spielen gereist; 1913 dieser ungetesteten Teilnehmer gehörten den zehn als Risiko-Sportarten betrachteten Disziplinen an. Australiens früherer Anti-Doping-Chef Richard Ings stellt die Kernfrage: ‚Wie kann es jährlich bis zu 300 000 Tests für eine halbe Dollarmilliarde geben, wenn 4000 Olympioniken vor Rio keine Tests hatten?‘ Abgerundet wird das Ganze von knapp 100 Proben, die wegen Dateneingabe-Fehlern keinem Athleten zugeordnet werden konnten“ (Kistner, Thomas, „Schwerwiegende Verfehlungen“, in SZ 29.10.2016).

2.11.2016
Fancy Bear gegen Microsoft
„Microsoft hat eingeräumt, dass eine Hackergruppe eine bisher unbekannte Schwachstelle in seinem Betriebssystem Windows ausgenutzt hat. Sie solle mit einem Update am 8. November gestopft werden, schrieb Windows-Chef Terry Myerson in einem Blogeintrag in der Nacht zum Mittwoch. Bei dem Angriff auf Windows wurde laut Microsoft eine bisher unbekannte Sicherheitslücke in der Multimedia-Software Flash von Adobe ausgenutzt. (…) Microsoft macht für die Angriffe eine Gruppe namens Strontium verantwortlich, auch bekannt unter den Namen APT 28 oder Fancy Bear. Die Vorgehensweise von ‚Strontium‘ sei, sich mithilfe präparierter Links in authentisch aussehenden E-Mails Zugang zu Computern und dem Netzwerk dahinter zu verschaffen, schrieb Microsoft. Die Hackergruppe werde von einem Staat unterstützt, allerdings werden in dem Blogbeitrag keine Namen genannt. Cybersicherheitsexperten sehen bei der Gruppe Verbindungen nach Russland“ (Microsoft warnt vor Windows-Sicherheitslücken, in spiegelonline 2.11.2016).

17.11.2016
– Al-Sabah greift Reedie an
Craig Reedie droht als Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur zum Buhmann rund um den russischen Doping-Skandal zu werden. Kurz vor dessen möglicher Wiederwahl an diesem Sonntag hat der einflussreiche Scheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah, Präsident der Vereinigung Nationaler Olympischer Komitees (Anoc), Reedies Eignung massiv in Frage gestellt. Der Scheich forderte am Mittwoch bei der Anoc-Generalversammlung in Doha, der nächste Wada-Vorsitzende müsse eine neutrale, nicht von anderen Interessen geleitete Person sein. Reedie ist seit 2014 Wada-Chef und zugleich Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees. Reedie strebt nun eine zweite Amtszeit über weitere drei Jahre an. Bis zum Sommer war Reedie gar IOC-Vize unter Thomas Bach. Al-Sabah führt die Interessenvertretung der 206 Nationalen Olympischen Komitees an. Er kritisierte die Verquickung der Ämter von Reedie. Eine Reform der Wada sei schwierig, ‚wenn wir nicht einen neutralen Vorsitzenden für die nächsten drei Jahre haben‘. Die Wada steht weiter in der Kritik, zu spät auf den Doping-Skandal in Russland reagiert zu haben“ (DPA, Druck auf Wada-Chef, in SZ 17.11.2016).

21.11.2016
– McLaren-Report II
„Der zweite Teil des McLaren-Reports über staatlich gedecktes Doping in Russland soll am 9. Dezember veröffentlicht werden. Das gab der Stiftungsrat der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) am Sonntag bei einer Sitzung in Glasgow bekannt, bei der auch Craig Reedie, 75, für weitere drei Jahre zum Präsidenten gewählt wurde“ (DPA, McLaren-Report, zweiter Teil, in SZ 21.11.2016).

22.11.2016
Nicht neu: russische Doper ohne Strafen
Russlands Staatspräsident Wladimir Putin hat das neue Anti-Doping-Gesetz seines Landes unterschrieben. Darin sind Haftstrafen bis zu einem Jahr für Trainer und Ärzte vorgesehen, die Athleten zu der Einnahme von verbotenen Substanzen verleiten oder zwingen. (…) Parlament und Senat in Moskau hatten dem Gesetz bereits zugestimmt. Strafen gegen dopende Athleten sind in dem Gesetz bislang nicht vorgesehen, sollen aber auf politischer Ebene geprüft werden“ (Putin unterschreibt neues Anti-Doping-Gesetz, in spiegelonline 22.11.2016; Hervorhebung WZ).

Nachtrag 1: Gekaufte Vergabe bei Rio 2016?
„Unter Korruptionsverdacht ist nun auch die Spiele-Vergabe an Rio; einen Bericht der französischen Zeitung Le Monde bestätigten Ermittler in Paris am Freitag gegenüber der SZ. Die Finanzstaatsanwaltschaft untersucht die damaligen Vorgänge: Drei Tage vor Rios Kür bei der IOC-Session am 2. Oktober 2009 in Kopenhagen sollen rund 1,5 Millionen Dollar eines (seit kurzem inhaftierten) brasilianischen Milliardärs via Karibik an eine einschlägig bekannte Agentur namens Pamodzi geflossen sein. Die gehörte damals Papa Massata Diack, Sohn des langjährigen Chefs im Leichtathletik-Weltverband IAAF und IOC-Mitglied Lamine Diack. (…) Nun zeigt die Rio-Affäre ein vertrautes Muster. Kurz vor der Kür ging eine Millionensumme aus dem Land des Wahlsiegers an Diack Junior. Dasselbe geschah im Herbst 2013: Zeitnah zur Kür des Sommerspielveranstalters 2020, Tokio, flossen 1,8 Millionen Euro aus Japan auf ein Konto des Diack-Sohnes. Hierzu ermitteln die Franzosen seit 2015, es geht um den Verdacht auf Bestechung und Geldwäsche. Im Fall Rio rückt nun ein Olympier in den Fokus: Frankie Fredericks, IOC-Mitglied seit 2012. Zuvor gehörte der Ex-Sprinter aus Namibia acht Jahre der IOC-Athletenkommission an. Bei Rios Kür 2009 agierte Fredericks als Wahlprüfer. Danach gehörte er der Evaluierungskommission für die (Tokio-)Spiele 2020 ebenso an wie dem Prüferstab für die Spiele 2024 – dessen Chef er heute ist. Nun fand Le Monde via den Panama Papers heraus, dass just an Rios Jubeltag in Kopenhagen 299 300 Dollar von Diack an die Offshore-Firma Yemi Limited auf den Seychellen flossen. Die gehört Fredericks“ (Kistner, Thomas, Spur auf die Seychellen, in SZ 6.3.2017). Fredericks war auch Wahlprüfer 2015 in Kuala Lumpur Dort bekam Peking die Winterspiele 2022 holte. „Damals geschah Seltsames: Plötzlich funktionierte die elektronische Abstimmung nicht. Die Kür musste handschriftlich erfolgen. Und dass Fredericks als langjähriger Markenbotschafter für eine japanische Sportfirma dem Prüfstab der Tokio-Bewerbung angehörte? Stellte aus IOC-Sicht offenbar kein Interessenskonflikt dar. Er habe, sagte Fredericks Le Monde, die Geschäftsbeziehung bei der IOC-Ethikkommission offengelegt. Der hauseigene Stab war vor den Spielen 2016 in die Schlagzeilen geraten: Als er der russischen Doping-Whistleblowerin Julia Stepanowa die ethische Eignung absprach, in Rio zu starten“ (Ebenda).

Nachtrag 2: Kenia-Gold und Epo
„Als Jemima Sumgong am 15. August 2016 als erste Kenianerin Olympiagold im Marathon gewann, feierte ein ganzes Land den historischen Erfolg. Doch nun erhält die ohnehin schwer beschädigte Glaubwürdigkeit der Läufernation Kenia erneut einen Schlag: Sumgong wurde bei einer Kontrolle positiv auf das Blutdopingmittel Epo getestet. Der Leichtathletik droht der nächste prominente Dopingfall. (…) ‚Ich bin sauber‘, hatte Sumgong nach ihrem Olympiasieg noch erklärt – und wird ihre Goldmedaille von Rio wohl auch behalten dürfen, da der Test Monate nach ihrem Sieg durchgeführt wurde. Nur wenn ihr bei den anstehenden Ermittlungen systematisches Doping auch in der Zeit davor nachgewiesen wird, könnte sie nachträglich die Medaille verlieren.   Sollte auch Sumgongs B-Probe positiv sein, stünde sie in einer Reihe mit Dutzenden überführten kenianischen Leichtathleten“ (SID, Positivtest bei Olympiasiegerin, in SZ 8.4.2017).

Nachtrag 3: Held von Rio 2016 unter Korruptionsverdacht
„Schwere Vorwürfe gegen Olympiamacher Eduardo Paes: Der ehemalige Bürgermeister von Rio de Janeiro soll für Projekte im Zusammenhang mit den Sommerspielen 2016 rund 15 Millionen Real (4,5 Millionen Euro) Schmiergelder vom Baugiganten Odebrecht erhalten haben. …) Die Vorwürfe gegen Paes – aktive Bestechung und Bestechlichkeit, Geldwäsche und Kapitalflucht – basieren auf Geständnissen dreier Führungskräfte von Odebrecht. Demnach lief der 47-Jährige, zwischen 2009 und 2016 Stadtoberhaupt Rios, in den Zahlungslisten unter dem Decknamen ‚Nervosinho‘ (Nervösling) und verhalf Odebrecht zu Aufträgen bei den Olympiabauten. (…) Schon im Dezember hatte der olympische Golfplatz Paes Ärger mit der Justiz eingebracht. Weil auf seinem Geheiß die Betreiberfirma Umweltsteuern nicht entrichtet haben soll, wurde ein Teil seines Vermögens als Finanzgarantie eingefroren“ (SID, Korruptionsvorwürfe, in SZ 13.4.2017).

 

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