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Jun 042016
 
Zuletzt geändert am 28.03.2017 @ 10:48

4.6.2016, aktualisiert 28.3.2017

Gianni Infantino wurde am 26.2.2016 als Fifa-Präsident und Blatters Nachfolger gewählt. In kürzester Zeit entpuppte sich der frühere Uefa-Generalsekretär von Michel Platini (inzwischen auf Jahre von der Fifa gesperrt) als „würdiger“ Nachfolger von Sepp Blatter.
Im Folgenden eine kleine Chronologie der Ereignisse.

– Auch Infantino schmeißt mit Geld um sich
„Die Fifa hat nicht nur Blatters letzten Lohn offengelegt, sondern auch die Bezüge der Mitglieder des Exekutivkomitees (festes Jahresgehalt von 300 000 Dollar); außerdem auch den Jahreslohn von Domenico Scala (200 000 Dollar) oder des Generalsekretärs Jérôme Valcke (2,1 Millionen Franken). Dieser ist seit September suspendiert. (…) Wichtiger als die transparenten Löhne ist für die Fifa, dass sie weiter 550 Millionen Dollar hinter den Zielen für die Geschäftsperiode 2015-2018 liegt. Präsident Infantino sagt dennoch: ‚Mit den jüngst verabschiedeten Reformen glaube ich, dass die Fifa gestärkt aus diesen Ereignissen hervorgehen wird.‘ Er hat angekündigt, das Budget für Fussballförderung von 900 Millionen Dollar um 517 Millionen zu erhöhen. Es ist ein bewährtes Rezept: Sinnkrisen mit Geld zu vertreiben“ (Clalüna, Flurin, Es regnet kein Geld mehr, in nzz.ch 17.3.2016).

– Der Blatter fällt nicht weit vom Blatter
Der chinesische Konzern Wanda des chinesischen Milliardärs Wang Jianglin wird Top-Sponsor der Fifa bis zur WM 2030. Wandas Topmanager ist „Philippe Blatter: der Neffe, enge Vertraute und auch langjährige Geschäftspartner des Skandalfunktionärs Sepp Blatter, in dessen Ägide sich der Weltverband in eine Sumpflandschaft verwandelt hat. Wanda hat jüngst für eine Milliarde Euro die Schweizer Sportagentur Infront erworben, der Blatters Neffe bis dahin vorstand. Für Insider zeichnete sich der Geschäftsdreh der Fifa Richtung Fernost schon ab, als Sepp Blatter bei seiner Wiederwahl im Mai 2015 Wanda-Boss Wang in Reihe eins des Kongresssaals platzierte, zur Rechten von Neffe Philippe“ (Kistner, Thomas, Blatter hilft Fifa, in SZ 19.3.2016). Also kein neuer Kurs – auch nicht unter dem neuen Fifa-Präsidenten Gianni Infantino: „Infantino sieht die intensive Verquickung mit Blatters Netzwerk aber so unproblematisch wie ein anderes Fußballengagement von Wanda… Und schließlich will China auch die WM 2026 ausrichten. Dafür werden offenbar schon erste Weichen gestellt“ (Ebenda).

– Von Sepp Blatter zu Philippe Blatter: und die Fußball-WM 2026 in China (?)
Zum neuen FifaTop-Sponsor Wanda, den Gianni Infantino nicht zufällig aus dem Hut gezaubert hat, schreibt Thomas Kistner in einem Beitrag in der SZ: „Die Fifa gibt sich ja nun gern den Anschein, als sei sie voll auf Reformkurs; fromme Compliance-Regeln hat sie sich verordnet. Was die wert sind, zeigt gleich der erste Sponsorendeal in der Ägide des Präsidenten Gianni Infantino: Wo nirgendwo mehr Blatter draufstehen darf, steckt so viel Blatter drin wie stets. Der chinesische Konzern Wanda wird Fifa-Topsponsor, das heißt: Die Muttergesellschaft eines wichtigen Fifa-Vermarkters wird zugleich Fifa-Geldgeber. Infantino findet, so ein Vertrag-Strickwerk genüge ‚höchsten Standards‘. Compliance nach Fifa-Art. Wenn sich die westliche Welt abkehrt, wendet sich die Fifa eben der östlichen zu. In Partnern wie Wanda oder Putins Energiekonzern Gazprom sieht sie die Zukunft. Solche Partner nerven auch nicht mit Anstandsappellen wie mancher verbliebene westliche Topsponsor: Coca-Cola, Visa, McDonald’s, Adidas. Unübersehbar sind die Zeichen der Zeit; Russland und Katar haben die WM bereits, China will die nächste. Das Turnier 2026 soll her, Staatschef Xi Jinping persönlich äußerte diesen Wunsch – auch an die Adresse des Herrn Wang. Der Milliardär arbeitet nun daran. Dass Wanda über Infront auch Anteile am Ticket- und Hospitality-Partner der Fifa hält, der Match Hospitality AG, rundet das Paket ab“ (Kistner, Thomas, Zurück in die Zukunft, in SZ 21.3.2016).

– Chefaufseher Domenico Scala tritt zurück
Auf dem Fifa-Kongress in Mexiko-Stadt ernannte Fifa-Präsident Gianni Infantino (im Alleingang) überraschend die senegalesische Diplomatin Fatma Samoura zur Fifa-Generalsekretärin (Senegalesin wird Fifa-General, in SZ 14.5.2016). Infantino ließ am 14.5.2016 den Fifa-Kongress auch beschließen, „dass das Council bis zum kommenden Jahr die Mitglieder der Audit- und Compliance-Kommission, der Ethikkommission, der Disziplinarkommission und der neuen Governance-Kommission selbst berufen und entlassen kann. Dieses Recht ist nach den Statuten eigentlich dem Kongress vorbehalten. Pikant ist die Entscheidung deshalb, weil die Kommissionen die Council-Mitglieder kontrollieren sollen, von denen sie nun berufen und entlassen werden können“ (Fifa-Macher wählen ihre Kontrolleure künftig selbst, in spiegelonline 14.5.2016). Chefaufseher Domenico Scala verließ aus Protest den Saal des Fifa-Kongresses – und trat zurück.
„Die Fifa und ihr neuer Präsident Gianni Infantino müssen einen empfindlichen Rückschlag in ihren Reformbemühungen hinnehmen. Chefaufseher Domenico Scala hat nach einer umstrittenen Entscheidung des Fußball-Weltverbands beim Kongress in Mexiko-Stadt seinen Rücktritt erklärt. Der Schweizer reagierte damit auf den Beschluss, dass der Fifa-Council für ein Jahr ermächtigt wurde, Mitglieder der eigenen Kontrollinstanzen zu benennen oder zu entlassen. Diese Aufgaben obliegen eigentlich dem Kongress, der Versammlung der 211 Fifa-Mitgliedsverbände. ‚Die Gremien werden damit faktisch ihrer Unabhängigkeit beraubt und drohen zu Erfüllungsgehilfen derjenigen zu werden, die sie eigentlich überwachen sollten‘, schrieb der Vorsitzende der Audit- und Compliance-Kommission in seiner Rücktrittserklärung. (…) ‚Ich bin über diesen Beschluss konsterniert, da damit eine zentrale Säule der Good Governance der Fifa untergraben und eine wesentliche Errungenschaft der Reformen zunichte gemacht wird’“ (Fifa-Chefaufseher Scala tritt zurück, in spiegelonline 14.5.2016).

Michael Ashelm veröffentlichte in faz.net Details zum Agieren von Infantino gegen Scala:
„In Ermangelung plausibler Gründe konstruierten die Funktionäre des Councils bei ihrem Treffen in Mexiko einen Fall, um den Chefkontrolleur Scala absetzen zu können – über den Kongress. Als einziger im abgeschirmten Sitzungssaal wendete sich Fifa-Vizepräsident David Gill aus England aktiv der Stimmung entgegen“ (Ashelm, Michael, Aussagen und Protokolle belasten Fifa-Präsident Infantino, in faz.net 27.5.2016). – „Grundlage der Berichterstattung über das Verhalten der Funktionäre sind Tonaufnahmen von den betreffenden Council-Sitzungen in Mexiko-Stadt hinter verschlossenen Türen. Sie bestätigen die im Bericht der F.A.Z. aufgeführten Gedächtnisprotokolle Daraus  geht hervor, dass  der Fifa-Chefkontrolleur Domenico Scala vor dem Fifa-Kongress auch auf Betreiben des neuen Präsidenten Infantino gezielt aus dem Amt getrieben werden sollte“ (Ashelm, Michael, Die nächste Fifa-Krise, in faz.net 29.5.2016). – „Infantino gerät drei Monate nach seiner Wahl weiter unter Druck. Es verdichten sich die Hinweise, dass gegen ihn schon eine offizielle Voruntersuchung der Ethikkammer eröffnet wurde. Vorausgegangen war eine Meldung aus der Audit- und Compliance-Kommission an die Fifa-Ermittler, bei der Fragen um Spesenabrechnungen Infantinos und um einen angeblich geplanten Hauskauf in Zürich über 25 Millionen Franken aufgeworfen wurden. Infantino brachte die Informationen bei der Sitzung am 10. Mai selbst ins Spiel und berichtete über einen Kontakt zum Ermittlungskammer-Vorsitzenden Cornel Borbély. (…) Aus Sicht des Strafrechtsprofessors Pieth hat Infantino bei seiner Aussage vor den Council-Mitgliedern zu der Einschätzung des Ermittlungskammerchefs Borbély ein heikles Feld betreten. ‚Es könnte sich hier der Eindruck der Befangenheit bei der Ethikkommission ergeben‘, sagt Pieth. Gemeint ist damit, dass die Fifa-Ermittler dem Präsidenten einen Informationsvorteil verschafft haben könnten, falls die Darstellung stimmt. Pieth fordert, dass Borbély trotzdem aktiv wird und sich erklärt“ (Ashelm, Michael, Die nächste Fifa-Krise, in faz.net 29.5.2016). – „Gianni Infantino, der Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa), hat die Anweisung zum Löschen von Tonaufnahmen gegeben, die ihn und Kollegen des Fifa-Führungsgremium belasten. Das geht aus einem E-Mail-Verkehr hervor, der FAZ.NET vorliegt. Die Aufzeichnungen belegen die Darstellung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass bei zwei Treffen des höchsten Fifa-Gremiums im Vorfeld vom Kongress in Mexiko-Stadt Mitte Mai hinter verschlossenen Türen auf Betreiben Infantinos eine Intrige zur Absetzung des Fifa-Chefkontrolleurs Domenico Scala diskutiert worden war. Außerdem äußert sich der Präsident zu seiner Bezahlung: Er wolle das von der Fifa-Vergütungskommission festgesetztes Gehalt nicht akzeptieren – angeblich zwei Millionen Franken im Jahr. Der vorgesehene Betrag sei für ihn ‚beleidigend‘, hatte Infantino gesagt“ (Ashelm, Michael, Fifa  verstrickt sich in neue Widersprüche, in faz.net 3.6.2016). – „Die auch FAZ.NET vorliegenden Tonaufzeichnungen und Dokumente zu den Fifa-Sitzungen vor knapp drei Wochen in Mexiko-Stadt, bei denen die Verbandsspitze unter Präsident Gianni Infantino hinter verschlossenen Türen tagte, ergeben eine übereinstimmende Quellenlage. Tatsächlich wurden von den Funktionären in den Meetings unter anderem folgende Aussagen (in englischer Originalsprache) zu den Diskussionspunkten getroffen. (…) 1. Fifa-Präsident Gianni Infantino äußert sich kritisch zu dem von der Fifa-Vergütungskommission im Februar festgesetzten Gehalt. Angeblich sollen es rund zwei Millionen Franken im Jahr sein. Danach sagt der Fifa-Chef höhnisch, dass ihm die Kollegen im Council womöglich Geld leihen müssten…2. Infantino informiert die anwesenden Council-Mitglieder über eine ‚Beschwerde‘ des Vorsitzenden der Audit- und Compliance-Kommission, Domenico Scala, an die Ermittlungskammer der Fifa-Ethikkommission und deren Chef Cornel Borbély. Es geht um Spesenabrechnungen und einen angeblichen Hauskauf über 25 Millionen Franken der Familie Infantino. (…) Wenn ein Rückzug im beiderseitigen Einvernehmen nicht gelänge, verweist er auf zwei Möglichkeiten, Scala aus der Fifa zu drängen: Entweder sollte im Kongress ein Nationalverband die Abwahl des Compliance-Chefs einbringen. Die andere Variante: Mit der neuen im Kongress geholten Vollmacht, das dem Fifa-Council für ein Jahr die Vollmacht gibt, können Mitglieder der Kontrollgremien fortan vom Council direkt entfernt werden. Dies ist ein Bruch der Gewaltenteilung. Infantino meint, Scala könne dann darüber in ein oder zwei Wochen entlassen werden“ (Ashelm, Michael, was Fifa-Chef Infantino hinter verschlossenen Türen wirklich sagte, in faz.net 30.5.2016).

Fifa „hoffnungsloser Fall“
Aus einem Kommentar von Peter Ahrens in spiegelonline: „Wahrscheinlich ist die Fifa einfach ein hoffnungsloser Fall. Neuanfang, Umbruch, Zeitenwende – all die großen Worte, die rund um den Amtsantritt von Gianni Infantino gefallen sind, sind gleich beim ersten Check als Luftnummern enttarnt worden. Der Beschluss des Kongresses von Mexiko-Stadt, sich die Kontrolleure des Reformprozesses selbst erwählen und auch wieder feuern zu können – das ist beste Politik im Sinne des skandalösen Amtsvorgängers Joseph Blatter. Der Rücktritt des düpierten Chefaufsehers Domenico Scala ist die einzig logische und integre Reaktion darauf gewesen. (…) Infantino, der Medienprofi, weiß genau, welches miserable Image der Weltverband sich in den vergangenen Jahrzehnten erarbeitet hat. Das öffentliche Ansehen der Fifa dürfte ungefähr auf Augenhöhe mit der Mafia angesiedelt sein. Das hat sie João Havelange und Joseph Blatter zu verdanken, den beiden früheren Präsidenten, dazu Typen wie Mohammed Bin Hammam und Jack Warner, den Meistern des Gebens und Nehmens im berüchtigten Exekutivkomitee. Das alles ist (noch) nicht Infantinos Schuld“ (Ahrens, Peter, Dann kann sich die Fifa gleich auflösen, in spiegelonline 14.5.2016).
Aus einem Beitrag von Thomas Kistner in der SZ zur Personalie Fatma Samoura als Fifa-Generalsekretärin: „Politisch ist die Personalie Samoura peinlichst korrekt: Wer traut sich, da Kritik anzumelden? In der Praxis sieht es so aus, dass die neue Vorstandschefin keinerlei Erfahrung im Sport oder im Marketing mitbringt, erst recht keine in der Führung eines globalen Milliardenbetriebs. Über Nacht bekam die UN-Mitarbeiterin ein Amt, das sie in Lottogewinner-Dimensionen katapultiert: Zwei bis drei Millionen Franken inklusive Boni kann es einbringen. Es wird aber dauern, bis sich Samoura in die äußerst verfilzte Fußballbranche eingelebt hat. (…) Samoura erwählte Infantino vorbei am Vorstand, der in ein 36-köpfiges Council umgewandelt wurde, vorbei an der Kongress-Agenda, die das Thema nicht führte. Und vorbei am Medienstab, der öffentlich stets auf eine Beschlusslage im späten Sommer verwies. (…) Hinzu kommt ja ein zweiter Coup, mit dem Infantino soeben einen lästigen Aufseher los wurde: Domenico Scala. Der Chef des Compliance-Komitees hat maßgeblich die Reformen vorangetrieben; er saß auch dem Entschädigungskomitee vor, das vor Wochen die Saläre von Präsident und Generalsekretär festlegte. Scalas Gremium verfügte, dass Infantinos Salär unter dem der Generalsekretärin liegt; der Präsident hat ja keine operative Aufgabe mehr. (…) Jedenfalls überrumpelte Infantino die Delegierten nicht nur mit seinem Samoura-Solo. Der Kongress sollte plötzlich, ohne nähere Darlegung, auch abnicken, dass bis Mai 2017 nur das Council die Mitglieder der bisher unabhängigen Komitees für Compliance und der zwei Ethikkammern ernennen darf – und auch absetzen. Die Regelung wurde damit begründet, dass nur so die Vakanzen in den Gremien rasch behoben werden könnten. In der Tat sind gerade wieder einige Personalvorschläge am internen Integritätscheck gescheitert. Aber das Recht zur Abberufung schafft Brisanz. Es dürfte auch die US-Justiz interessieren, die die Reformversuche der Fifa aufmerksam verfolgt“ (Kistner, Thomas, Wie zu Blatters Zeiten, in SZ 17.5.2016).
Und im Spiegel bezeichnete die Berliner Sportrechtsexpertin Laila Mintas die Personalie Samoura als „eine große PR-Nummer“: In Wahrheit, so Mintas, verberge sich hinter dieser ’smarten Lösung‘  das Interesse Infantinos, als Generalsekretärin ‚eine  schwache Figur neben sich zu platzieren“ („Schwache Figur“, in Der Spiegel 22/28.5.2106).

– Infantino: Kritik an Samoura „sexistisch, rassistisch“
„Tatsächlich hat sich Infantino allerlei geleistet in nur 100 Tagen Amtszeit. Er akquirierte heimlich eine Generalsekretärin, deren Befähigung als Weltfußballchefin angezweifelt werden darf, eingedenk ihrer Karriere im mittleren UN-Management. 20 Jahre war Fatma Samoura in Afrika tätig, vom Umgang mit Milliardenbudgets dürfte sie vermutlich so wenig Ahnung haben wie von dem Fußballgeschäft, das sie nun dirigieren soll. Die erste leise Verwunderung über die Personalie aus dem Senegal kontert Infantino aber wie zu vermuten war: politisch korrekt. Er hält die Skepsis für ’sexistisch, wenn nicht sogar rassistisch'“ (Kistner, Thomas, Manöver in der Unterwelt, in SZ 7.6.2016).

Fifa-Finanzchef Markus Kattner entlassen
Gegen Kattner lief ein Ermittlungsverfahren der Fifa-Ethikkommission. Er soll Sonderzahlungen von umgerechnet rund 4,5 Millionen Euro nach der Fußball-WM 2010 und 2014 erhalten haben. Am 23.5.2016 wurde er fristlos gekündigt – „wegen Verletzung seiner treuhänderischen Verantwortung“ (Fifa soll gegen Kattner ermitteln in spiegelonline 26.5.2016).

– Steckt Infantino hinter Kattners Entlassung?
Zwischen Kattner und Fifa-Präsident Infantino hatte es in letzter Zeit Konflikte gegeben. “Infantino ist offenkundig darauf aus, die Fifa auf seine Linie zu bringen und sich seinen eigenen Führungsstab zusammenzustellen. Beim Kongress in Mexiko vor knapp zwei Wochen präsentierte er – überraschend selbst für die Vorständler des Weltverbandes – die Fußball-unerfahrene UN-Diplomatin Fatma Samoura aus  dem Senegal als neue  Generalsekretärin… die Vermutung, dass Infantino hofft, die Seiteneinsteigerin besser steuern zu können als etwa Kattner, liegt nahe“ (Aumüller, Johannes, Mehr als nur Millionen-Boni, in SZ 25.5.2016).
Unter dem Titel „Der nächste Autokrat“ beschreibt Thomas Kistner in der SZ die Fifa-Politik Infantinos: „Im Korruptionssumpf steckt sie schon länger, nun versinkt die Fifa im Führungschaos. Die ersten 100 Tage als Präsident sind nicht absolviert, da steht Gianni Infantino bereits im Epizentrum eines Bebens. Und es ist kein Beben, das aus der Ära des gesperrten Sepp Blatter rührt. Es ist selbst verschuldet. (…) Seiner beiden größten Widersacher hat sich der neue Fifa-Chef schon entledigt, Domenico Scala und Markus Kattner. Erst wurde Compliance-Chef Scala auf eine Art aus dem Amt getrieben, die in scharfem Widerspruch zur neuen Reform- und Transparenz-Linie steht. Die Lesart von einem ‚Komplott‘ der neuen Führung transportieren diverse Quellen im Fifa-Umfeld. (…) Es sollen harte Attacken gegen den Compliance-Chef gewesen sein – dem beim folgenden Fifa-Kongress ein Beschluss präsentiert wurde, der ihn zum Rücktritt nötigte. Infantino ließ, in einer handstreichartigen Abstimmung, das Fifa-Council für ein Jahr ermächtigen, im Alleingang die Mitglieder der zuletzt gefürchteten hauseigenen Kontrollinstanzen zu benennen. Und auch, dies wurde dem Wahlvolk nebenbei untergejubelt: zu entlassen. Das konnte Scala, der maßgeblich am Reformprogramm mitgewirkt hatte, nicht akzeptieren. Er trat zurück. (…)  Jedenfalls hatte Kattner mit Scala manches gemeinsam: Beide haben Infantino schwer zugesetzt – womöglich, indem sie sich zu sehr an die neuen Regeln hielten. Sehr nachdrücklich zum Beispiel, berichten informierte Kreise, sei der neue Fifa-Boss auf seinen Spesenrahmen hingewiesen worden. Vor allem aber soll sein Präsidentensalär, das ein neuerdings zuständiges Vergütungskomitee errechnet hat – rund zwei Millionen Schweizer Franken pro Jahr – Infantinos Zorn erregt haben. (…) Die Ungeniertheit, in welcher der als Reformer angetretene neue Boss seine Interessen durchsetzt, lässt Schlüsse auf das interne Reizklima zu. Da wird gefeuert und gedroht. (…) Öffentliche Spekulationen, wonach Ethik-Chefermittler Cornel Borbély Anzeigen gegen Infantino umgehend diesem selbst vorgetragen und damit womöglich gegen Regeln verstoßen habe, folgten prompt. Und sind problematisch: Zum einen stellen sie die Unabhängigkeit der zuletzt gut funktionierenden Ermittlerschiene in Frage. Zum anderen könnte derlei Vorgehen kein Verstoß, sondern Teil einer Vorermittlung sein“ (Kistner, Thomas, Der nächste Autokrat, in SZ 30.5.2016).

– Vom „Erneuerer“ zum Post-Blatter
Elmar Wagner in der NZZ: „Angetreten ist Gianni Infantino als Erneuerer. Doch der Fifa-Präsident ist keine 100 Tage im Amt und produziert eine negative Schlagzeile nach der anderen. (…) Aus den Protokollen (der FAZ; WZ) wird klar, dass  Infantino den Chef der Audit- und Compliance-Kommission, Domenico Scala, loswerden wollte“ (Wagner, Elmar, Infantino hat ein Problem, in nzz.ch 1.6.2016). Infantino hat selbst beim Kongress in Mexiko auf zwei Möglichkeiten hingewiesen, Scala loszuwerden: „Ein Verband beantragt am Kongress die Abwahl des Compliance-Chefs. Oder das Council erhält die Vollmacht, die Mitglieder der Kontrollgremien selbständig zu entlassen. Dieser Ansatz wurde in letzter Minute in die Traktandenliste gehievt und vom Kongress genehmigt – worauf Scala per sofort zurücktrat. (…) Womöglich liegt der Schlüssel dazu aber im Lohnangebot für Infantino. Angeblich hatte Scala als Chef der Vergütungskommission Infantino ein Angebot über zwei Millionen Franken pro Jahr gemacht. Infantino bezeichnete dieses gegenüber dem Council als ‚Beleidigung‘ und höhnte, dass er vielleicht bald den einen oder andern unter ihnen mangels Geld anpumpen müsse“ (Ebenda).
Und Jens Weinreich in spiegelonline: „Infantino hat es binnen drei Monaten geschafft, in der Tradition seines Landsmanns und Vorgängers Joseph Blatter öffentlich jeglichen Kredit zu verspielen und die Fifa-Verwaltung nach seinem Gusto zu gestalten. Seine Kandidatin, Frau Samoura, die sich keinem Ausschreibungsprozedere stellen musste, durfte in Zürich brav die neuen Personalien verkünden. (…) Für die Finanzen und die Administration steigt der bisherige Rechtsdirektor Marco Villiger zum Stellvertreter Samouras auf. Dabei zählt der Schweizer Villiger zur alten Führungscrew des gesperrten ehemaligen Generalsekretärs Jérôme Valcke und des vergangene Woche unter undurchsichtigen Umständen entlassenen Valcke-Stellvertreters und Finanzchefs Markus Kattner. Villiger, Valcke und Kattner waren Lieblinge von Blatter – sie haben in ihren Verantwortungsbereichen allesamt mehr als ein Jahrzehnt das System Fifa abgesichert. Eine juristische Würdigung ihres Wirkens steht noch aus. Es ist keinesfalls unwahrscheinlich, dass es nach Valcke und Kattner auch Villiger in den Strudel des Finanzskandals reißt. (…) Alarmierend sind Aussagen Infantinos vor dem Council, wonach Cornel Borbély, Chef der Ermittlungskammer der Ethikkommission, den Präsidenten über Anzeigen gegen ihn informiert habe. Dabei ging es auch um den von der Familie Infantino geplanten Kauf eines Anwesens in Zürich für 25 Millionen Franken. Borbély habe die Anzeigen in den Papierkorb befördert, behauptete Infantino“ (Weinreich, Jens, Von wegen Aufklärer, in spiegelonline 1.6.2016).

Fifa-Zentrale am 2.6.2016 durchsucht
Joseph Blatter ist weiter im Visier der Schweizer Ermittlungsbehörden. Die Strafverfolger haben erneut die Zentrale des Fußball-Weltverbands Fifa durchsucht. Hintergrund der bereits am Donnerstag durchgeführten Razzia sei das laufende Verfahren gegen den ehemaligen Fifa-Präsidenten Joseph Blatter und den früheren Generalsekretär Jérôme Valcke. Das bestätigte die Bundesanwaltschaft am Freitag“ (Fifa-Zentrale in Zürich durchsucht, in spiegelonline 3.6.2016).

– 79 Millionen Franken für Blatter, Valcke und Kattner
„Zwei Anwälte der Kanzlei Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan, die den Weltverband seit Mitte 2015 quasi unter Zwangsverwaltung hat, gaben auf einer Telefonkonferenz atemraubende Zahlen bekannt: Allein in den vergangenen fünf Jahren haben demnach der langjährige Präsident Joseph Blatter (Schweiz), Generalsekretär Jérôme Valcke (Frankreich) und Finanzchef Markus Kattner (Deutschland/Schweiz) mindestens 79 Millionen Schweizer Franken kassiert. Diese Zahl könnte sich nach weiteren Ermittlungen noch erhöhen, erklärten die Anwälte William Burck (USA) und Thomas Wehrlen (Schweiz). (…) Für die WM in Südafrika kassierte Blatter demnach eine Prämie von elf Millionen Franken, Valcke kassierte neun Millionen, Kattner drei Millionen. Laut den Anwälten unterschrieb Blatter die Auszahlung für Valcke, Blatter und Valcke unterschrieben die Zahlung an Kattner, Valcke und Grondona unterschrieben für Blatters Bonus. So ging das über Jahre in einem fort. Die WM-Prämien für Südafrika, so erklärten die Anwälte, seien möglicherweise sogar ohne vertragliche Grundlage gezahlt worden. Die internen Ermittlungen dauern an, strafrechtliche Ermittlungen beginnen erst. Für die WM 2014 in Brasilien kassierte Valcke nach den Unterlagen einen Bonus von zehn Millionen, Blatter zwölf Millionen und Kattner vier Millionen. Für die WM 2018 in Russland sollen Blatter und Grondona am 10. Juni 2014 weitere elf Millionen für Valcke und 4,5 Millionen für Kattner genehmigt haben“ (Weinreich, Jens, Fifa überwies 71 Millionen Euro an Blatter und andere Top-Funktionäre, in spiegelonline 3.6.2016; Hervorhebung WZ).

– Wie lang bleibt Infantino noch Fifa-Präsident?
Aus einem Beitrag von Jens Weinreich in spiegelonline: „Als nach dem Mexiko-Kongress die Vorgänge um Scalas Rücktritt diskutiert wurden und ein Detail nach dem anderen öffentlich wurde, schrieb Infantino einen Kommentar für die ‚Neue Zürcher Zeitung‘ unter der Überschrift ‚Fakten statt Spekulationen‘. Er versprach, ‚die neue Fifa auf den Grundwerten Professionalität, Glaubwürdigkeit und Vertrauen‘ aufzubauen. Schon als langjähriger Generalsekretär des europäischen Verbandes UEFA und wichtigster Mann des wegen Korruption gesperrten damaligen UEFA-Präsidenten Michel Platini hat Infantino aber nachweislich Fifa-Reformen blockiert, etwa als er Anfang 2013 die europäischen Verbände aufforderte, wichtige Statutenänderungen abzulehnen – was diese schriftlich dokumentierten. Anfang April 2016 hatte die Staatsanwaltschaft die UEFA-Zentrale durchsucht, nachdem innerhalb der Berichterstattung über die Panama Papers auch ein reichlich dubioser, offensichtlich nicht marktgerechter TV-Vertrag verhandelt wurde, den Infantino in seiner UEFA-Zeit unterschrieben hatte. Einige Personalien im UEFA-Reich werfen bis heute andere Fragen auf. Einer von Infantinos wichtigsten Helfern, der amtierende UEFA-Präsident und Fifa-Vize Ángel María Villar Llona aus Spanien, muss sich in Kürze vor einem Strafgericht verantworten, weil er angeblich satzungswidrig die Wahlen im spanischen Fußballverband hinauszögert, den er seit 1988 trotz ungezählter Skandale führt. Sein Sohn Gorka, der als Generalsekretär des südamerikanischen Verbandes CONMEBOL fungiert, wird in Uruguay mit Haftbefehl gesucht. Ihm werden zahlreiche Vergehen vorgeworfen, so etwa Erpressung, Unterschlagung beträchtlicher Geldsummen und Aktenvernichtung. Gut möglich, dass Gorka Villar in Kürze auf der Fahndungsliste von Interpol auftaucht. Zu derlei Vorgängen um seine Vertrauten wie die Villars äußert sich Fifa-Präsident Gianni Infantino kaum“ (Weinreich, Jens, Misstrauen gegen Fifa-Chef Infantino wächst, in spiegelonline 3.6.2016).

– Wie das Fifa-Millionenspiel funktionierte
„Die Zahlungen beruhten weitgehend auf diskreten Vereinbarungen, die nur Blatter, Valcke sowie der im Juli 2014 verstorbene, langjährige Blatter-Stellvertreter Julio Grondona (Argentinien) unterzeichnet hatten. Die von Anwälten der US-Großkanzlei Quinn Emanuel beratene Fifa listete am Freitag detailliert eine Fülle von Verträgen auf, die dem früheren Führungstrio diese Millionenzahlungen sicherten. Demnach sollen die drei etwa am 1. Dezember 2010 insgesamt 23 Millionen Franken an Bonus-Zahlungen für die abgelaufene WM in Südafrika erhalten haben: Blatter elf, Valcke neun, Kattner drei. Für die WM 2014 sollen Zusatzleistungen in Höhe von zusammengerechnet 14 Millionen Franken ausgezahlt worden sein, für die WM 2018 seien 15,5 Millionen vereinbart gewesen. Für alarmierend hält die Fifa zudem, dass finanzielle und vertragliche Vereinbarungen wiederholt zu sportpolitisch markanten Zeitpunkten stattfanden. So erhielten Valcke und Kattner vier Wochen vor der Präsidentschaftswahl am 1. Juni 2011, als völlig unklar war, ob Blatter den Machtkampf gegen den einflussreichen Katarer Mohammed bin Hammam gewinnen würde, üppig ausgestattete 8,5-Jahres-Verträge. Damit seien den zwei Hauptamtlichen auch mögliche Zuwendungen in Höhe von bis zu 17,5 (Valcke) bzw. 9,8 Millionen Franken (Kattner) gesichert worden. (…) Quellen nahe an den internen Ermittlungen beschrieben die Kriterien für die Boni-Wirtschaft auf der Chefetage als entlarvend dünn: Honoriert worden sei etwa, dass bei WM oder Confed-Cup alle Spiele gespielt und die Sieger korrekt festgestellt worden seien. (…) Besonders heikel muten jetzt auch die Vorgänge von Ende Mai 2015 an. Am 27. Mai wurden in Zürich sieben Spitzenfunktionäre sowie zahlreiche Sportmanager in anderen Ländern festgenommen. Am 29. Mai ließ sich Blatter trotz massiver internationaler Proteste in eine fünfte Amtszeit wählen; schon vier Tage später kündigte er seinen Rücktritt an. Am Wochenende dazwischen, dem 30. und 31. Mai, wurden üppige Verträge aufgesetzt. Samstags erhielt Blatter einen neuen Arbeitsvertrag, der ihm drei Millionen Franken Jahresgehalt, einen Jahresbonus von bis zu 1,5 Millionen sowie einen zusätzlichen Legislaturperioden-Bonus von bis zu zwölf Millionen zusicherte“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, 80 Millionen Dollar in fünf Jahren, in SZ 4.6.2016).

– Infantino nicht im IOC
„Auch deshalb wächst das Misstrauen gegen ihn – sogar in der sogenannten Sportfamilie: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verzichtet vorerst darauf, Infantino eine ex officio Mitgliedschaft für die Dauer seiner Amtszeit anzubieten. Ein IOC-Mitglied Infantino, von dem man sich möglicherweise bald wieder trennen muss? Da hält sich sogar die IOC-Führung zurück, die sonst gern beide Augen zudrückt. Nicht einmal 100 Tage nach Amtsantritt ist Infantino ein Fifa-Präsident auf Abruf“ (Ebenda). – „Die Weltverbandschefs Gianni Infantino (Fußball) und Sebastian Coe (Leichtathletik) sind nicht für die Aufnahme ins Internationale Olympische Komitee (IOC) vorgeschlagen worden. (…) Bis dato waren die Weltverbände im Fußball (Fifa) und in der Leichtathletik (IAAF) stets durch ihre Präsidenten vertreten. Infantino und  Coe stehen jedoch wegen der jüngsten Skandale in ihren Verbänden in der Kritik“ (SID, IOC ohne Infantino und Coe, in SZ 4.6.2016).

– Infantino fliegt im  russischem Oligarchen-Jet zum Papst
„Gianni Infantino, der Neue auf dem Blatter-Thron, kann den Triumph über seine Widersacher Scala und Kattner eher nicht genießen. Laut Schweizer Sonntagszeitung ist der Fifa-Boss jüngst zur Audienz bei Papst Franziskus im Privatjet des russischen Oligarchen und FC-Arsenal-Aktionärs Alischer Usmanow gereist. Das schafft Abhängigkeiten und dürfte die Fifa-Ethiker interessieren. Die Fifa zog sich am Sonntag auf eine arg brüchige Position zurück: Es sei ‚eine private Reise‘ Infantinos gewesen, und Privates kommentiere man nicht. Der Privatier Infantino übergab dem Papst ein Fifa-Trikot und redete über Fifa und Fußball“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, 79 Millionen Franken – plus x? in SZ 4.7.2016).
Dazu Thomas Kistner in der SZ: „Fußballfreunde staunen jetzt über das dreiste Salär-Kartell von Sepp Blatter & Friends. Aber vielleicht haben auch einige Betroffene gestaunt – und aufgeatmet. Blatter zum Beispiel, oder Jérôme Valcke, sein General. Denn sieht man, was anderen Hauptverdächtigen im Fifa-Sumpf zugeordnet wird, von Jack Warner bis Julio Grondona, so liegt jeder von ihnen im dreistelligen Millionenbereich; in der Dimension wird hier ermittelt. Dabei waren all diese Figuren nur subaltern in Bezug auf Blatter/Valcke. Waren die Bosse bescheidener? (…) Klingt absurd. Die Frage muss vielmehr lauten: Was haben die Gierhälse Blatter/Valcke insgesamt abkassiert, während sie zwischen Papst und Queen gependelt sind – als Privatboni dafür, dass eine WM stattfindet, der Ball rund ist oder die Sonne morgens aufgeht? (…) Wenn einer zwei Millionen pro Jahr für einen nicht-operativen Job als Beleidigung sieht, dann ist alles beim Alten in der Fifa. Die übrigens soeben eine Reise Infantinos zum Papst im Jet eines Russen-Oligarchen zur Privatsache erklärte: Obwohl er dort als Fifa-Boss auftrat, Trikots verteilte und über Fußball sprach. Wie lange ist der Mann tragbar? Die Fifa sieht sich als Familie, die alles unter sich regelt. In dieser Familie hat nun ein junger Oberwalliser den alten Oberwalliser abgelöst. So einfach ist das“ (Kistner, Thomas, Blatters Geist, in SZ 4.7.2016).

– Scala „neu im Sport“, Samoura nicht?
„Unbestritten ist, dass Scala, hauptberuflich Manager, beim neuen Boss Infantino die Zuwendungen drosselte – auf angeblich zwei Millionen, was der Schweizer als ‚Beleidigung‘ empfindet. Vielleicht lässt sich auch so erklären, warum Infantino den Aufseher zum Rückzug provozierte und ihm ein paar böse Worte hinterherschickte. Scalas Vorgehen gleiche einer ‚Hexenjagd‘, sagte er der Sonntagszeitung; Scala glaube, ‚dass sich eine Weltfußballorganisation nach denselben Prinzipien führen lässt wie ein pharmazeutisches Unternehmen oder ein Pestizidhersteller‘; und es sei auch so, ‚dass Herr Scala diesen Sport aus heiterem Himmel und vor nicht allzu langer Zeit erst entdeckt hat‘. Dieser Satz wirft die nächste interessante Frage auf. Denn wenn Infantino sich darüber mokiert, dass jemand erst vor kurzem den Fußballsport entdeckt habe – wieso hat er dann selbst gerade eine senegalesische UN-Diplomatin ohne Fußball-Erfahrung als Generalsekretärin angeheuert?“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Ein Anruf – und die zwölf Millionen sind gestoppt, in SZ 7.6.2016).

Nachtrag 1: Spesenjäger Infantino
Innerhalb der Fifa wird Gianni Infantino wegen seiner privaten Ausgaben auf Kosten der Fifa angegriffen. „Offiziell ging es um den Besuch der WM-Standorte 2018 und 2022. Die Fifa hatte für Infantino Linienflugtickets für 7300 Dollar gebucht. Er soll sie aber kurzfristig abgelehnt haben. Infantino nahm laut Unterlagen statt dessen einen Privatflieger in Anspruch. In den Dokumenten wird ein Gegenwert der Reise zwischen 115.000 bis 150.000 Dollar angenommen. Doch es gab offenbar weder eine Rechnung noch Angaben von Infantino zum Anbieter oder Gönner des Luxusfluges. (…) Die WM-Ausrichter Russland und Qatar müssen sich seit ihrer Wahl Korruptionsvorwürfen stellen. Auf Nachfrage teilte die Fifa am Mittwoch mit, Infantino hätte auf den Strecken Flugangebote des russischen Sportministers Witali Mutko sowie der russischen und qatarischen WM-Organisatoren angenommen. Dies habe zur Einhaltung der Termine beigetragen. Auch am 6. Mai nutzte Infantino gemäß der Dokumente einen Privatflieger zum Besuch des slowenischen Fußballverbandes, obwohl die Fifa-Reisestelle ihm verschiedene Angebote für Linienflüge zu 1800 Dollar gemacht hatte. Doch Infantino stieg mit in den gecharterten Geschäftsflieger des europäischen Fußballverbandes Uefa, wie die Fifa angibt. Der Gegenwert dieses Trips: 12.000 bis 18.000 Dollar. Wieder gab es nach den vorliegenden Unterlagen keine näheren Angaben von Infantino an die Fifa-Adminstration. Am Wochenende meldete die Schweizer ‚Sonntagszeitung‘, dass Infantino zur Privataudienz beim Papst in Rom nach dem Champions-League-Finale und zurück in die Schweiz eine Privatmaschine des russischen Oligarchen Alischer Usmanow nutzte. Dieser ist ein Weggefährte Putins und Topmanager beim Fifa- sowie Uefa-Sponsor Gasprom. Aus Sicht des Weltverbandes handelte es sich um eine ‚Privatreise‘ Infantinos“ (Ashelm, Michael, Matratzen für 11.440 Franken, in faz.net 9.6.2016; Hervorhebung WZ).
Dazu Thomas Kistner in der SZ: „In der Fülle von Beschwerden gegen ihn bei der Ethikkommission ist es vielleicht nicht der von der Fifa bezahlte Strafzettel, der dem Gremium Kopfzerbrechen bereitet. Auch nicht der Kauf neuer Matratzen oder die Begleichung einer Wäscherei-Rechnung. All das illustriert, wie unsensibel der Neue sein Amt ausübt in einer Zeit, in der alle Welt kritisch auf die Fifa schaut. Doch echte Probleme dürften Infantino eher aus einer Reise erwachsen, die ihn jüngst mit Familie zum Papst nach Rom geführt hatte. Den Trip hatte der Fifa-Chef in einem Jet unternommen, der nach Lage der Dinge einem Firmengeflecht im Umfeld eines russischen Oligarchen zuzurechnen ist. Die Kosten für solche Ausflüge veranschlagen Experten im klar fünfstelligen Bereich. Die Ethiker kommen nicht umhin, der Sache nachzugehen; derart geldwerte Nettigkeiten könnten Abhängigkeiten schaffen. Der Weltverband bezeichnete den Flug als Privatsache, zu derlei Themen äußere er sich nicht. Problematisch sind weitere Vorgänge, etwa aus Infantinos Zeit als Rechtsdirektor in Europas Fußball-Union Uefa. Damals hatte er umstrittene Marketingverträge unterzeichnet. Die BA hatte im April erstmalig auch die Uefa-Zentrale durchforstet. Infantino weist die Vorwürfe zurück“ (Kistner, Thomas, Geheimnisse im Tresor, in SZ 16.6.2016).

Nachtrag 2: Auch Domenico Scala im Zwielicht
Am 2.6.2016 ließ die Schweizer Bundesanwaltschaft den Tresor des am 1.6. entlassenen Fifa-Funktionärs Markus Kattner öffnen. „Der Vorgang wirft ein neues Licht auf die in der Fifa und ihrem Umfeld andauernde Schlammschlacht, die mit der Präsidenten-Kür Ende Februar losbrach und seit Wochen auch gut unterfüttert nach außen dringt. In der einen Ringecke Gianni Infantino, der neue Boss; in der anderen Kattner – sowie Domenico Scala, der Mitte Mai unter Protest als Chef-Aufseher zurückgetreten war. Gut und Böse gibt es in diesem Konflikt nicht; alle Protagonisten sind im Visier der internen Ethiker und auch der staatlichen Ermittler. (…) Mit den vielen Fragen um das Salär-Kartell Blatter/Valcke/Kattner rückt in der Tat auch die Rolle des Mannes in den Fokus, der jahrelang ihr Chef-Aufseher war. Der Schweizer Manager Scala erwarb sich zwar Verdienste um das Reformpaket. Zugleich aber war er seit 2012 Chef der Audit- sowie seit 2013 Chef der Vergütungskommission: Die bewilligte oder kürzte Boni, segnete Verträge ab und legte unter anderem das Salär des Präsidenten fest. Seinen Abgang im Mai begründete Scala mit einer in der Tat fragwürdigen und überfallartigen Statutenänderung, die Infantino beim Kongress in Mexiko durchgedrückt hatte und die den Fifa-Vorstand ermächtigt, seine Kontrolleure selbst auszuwählen und abzusetzen. Die Scala-Fraktion spricht von einem Putsch. Zumal ein nach außen gelangter Mitschnitt einer Fifa-Ratssitzung offenbart, wie schamlos an Scalas Position herumgesägt wurde. Nur: Ist der Compliance-Chef der unschuldige Strahlemann und selbst über alle Zweifel erhaben?“ (Ebenda).

Nachtrag 3: Infantino räumt auf (I)
„Nach Lage der Dinge darf der Neue bereits als Noch-Chef gelten. Seit Infantinos Amtsantritt rumpelt und rumort es in der Fifa, aber auch in den Medien, die regelmäßig und in bemerkenswerter Detailfülle die Selbstbedienungs-Mentalität des Patrons ausbreiten. Dabei schießen sie sich auch auf das Gremium ein, das zur Behebung solcher Missstände installiert wurde: das Fifa-Ethikkomitee. (…) Am Wochenende folgte die nächste Welle: Es gibt weitere Abgänge auf der Führungsetage. Dort herrschen anarchische Zustände, auch, weil die Wahl von Infantino die Pläne einer Gruppe altgedienter Spitzenleute um den jüngst geschassten Interims-Generalsekretär Markus Kattner torpediert hatte. Diesem Kreis ist auch Domenico Scala zuzurechnen. Der abgetretene Compliance-Chef hatte üppige Boni-Zahlungen für Kattner ebenso fürsorglich abgesegnet wie den Geldregen für den langjährigen (inzwischen gefeuerten) Generalsekretär Jérôme Valcke. (…) Kattner, Valcke und Infantinos Vorgänger Sepp Blatter hatten einander allein über die letzten fünf Jahren Boni von insgesamt 79 Millionen Franken zugeschanzt. Scala war Chef des Kompensations-Komitees, das seit 2013 die Luxus-Deals der hohen Fifa-Kader absegnete. Noch im Mai 2015, Tage nach den ersten FBI-Zugriffen in Zürich und Blatters skandalumtoster Wiederwahl, hatte Scalas Gremium offenbar nichts Wichtigeres zu tun, als Kattners bis 2019 laufenden Vertrag um vier Jahre zu verlängern. In einer so heiklen Phase – und inklusive Goldener-Fallschirm-Klauseln für den Fall des Rauswurfs. Der folgte nur wenige Monate später. (…) Ohne Frage sind Infantinos Eskapaden auf dem Prüfstand, Vorabklärungen laufen. Allein sein Familientrip zum Papst im Privatjet eines Oligarchen könnte geeignet sein, ihm eine Ethik-Sanktion einzutragen. Und die könnte ihn zu Fall bringen. Hinzu sollen weitere Privatflüge im Gesamtwert von bis zu 150 000 Dollar kommen, ermöglicht von Russlands Staatschef Putin und dem Emir von Katar“ (Kistner, Thomas, Grabenkriege  auf dem Zürichberg, in SZ 5.7.2016).
Zur Erinnerung: Die Fußball-WM 2018 ist in Russland, die WM 2022 in Katar…

Nachtrag 4: Infantino räumt auf (II)
„Der Fußball-Weltverband Fifa hat den Slowenen Tomaž Vesel zum neuen Chef seiner Audit- und Compliance-Kommission ernannt. (…) Vesel übernimmt das Amt vorerst bis zum nächsten Fifa-Kongress im Mai 2017 in Kuala Lumpur. Möglich ist die Berufung des Präsidenten des slowenischen Rechnungshofes nur durch eine umstrittene Statutenänderung, die dem Fifa-Council das Recht zur Ernennung des wichtigen Kontrolleurs einräumt“ (DPA, Vesel für Scala, in SZ 7.7.2016).

Nachtrag  5: Infantino „sauber“
Fifa-Präsident Gianni Infantino muss nach geheim gehaltenen Ermittlungen keine Bestrafung durch die Ethikkommission des Fußball-Weltverbandes befürchten. Der Schweizer habe nicht gegen Verhaltensregeln verstoßen, teilte das Gremium mit. Zu diesem Schluss kam die Ethikkommission nach mehrwöchigen Untersuchungen gegen den 46-Jährigen. Im Gegensatz zu bisherigen Fällen hatte die Ethikkommission ihre Ermittlungen nicht öffentlich gemacht. Infantino waren mögliche Vergehen gegen vier Paragrafen des Ethikcodes vorgeworfen. Untersucht wurde die Kostenübernahme für mehrere Flüge Infantinos – dem Vernehmen nach im Zusammenhang mit Reisen in die WM-Gastgeberländer Russland (2018) und Katar (2022)“ (Fifa-Ethikkommission stellt Ermittlungen gegen Infantino ein, in spiegelonline 5.8.2016; Hervorhebung WZ). Dazu kamen Verdachtsmomente beider  Jobbesetzung im Präsidentenbüro und nicht erfolgte  Gehaltsvereinbarungen Infantinos mit der Fifa: „Infantino soll sein Salär von umgerechnet rund zwei Millionen Franken in einer Fifa-Sitzung angeblich als unzureichend bezeichnet haben“ (Ebenda).
Dazu aus einem Kommentar von Thomas Kistner in der SZ: „Nun wird es also doch nicht ernst für Gianni Infantino. Nur fünf Monate präsidiert der Schweizer dem Fußball-Weltverband, gleich in seinen ersten Wochen eröffnete die Ethikkommission der Fifa ein formelles Verfahren gegen den Schweizer – das sie am Freitag jedoch beendet hat. (…)  Am Freitag teilte die Ethikkommission mit, dass sie keine Anhaltspunkte für einen Verstoß gegen den Ethik-Code gefunden hätte. (…) Die Vorteile, von denen Infantino profitiert habe, „wurden im Lichte der anwendbaren Fifa-Bestimmungen nicht als ungebührlich erachtet“. (…) Im Fokus standen weitere Privatflüge Infantinos, im Wert von bis zu 150 000 Dollar, ermöglicht von den Herrschern Russlands und Katars. Hier bestand der Verdacht auf Interessenskonflikte. Infantino war im Privatjet zur Kontrolle der WM-Vorbereitungen für 2018 und 2022 gereist. Am 18. April ging es von Genf nach Moskau, am 20. April weiter nach Katar, am 22. April zurück nach Zürich. Unterstützt wurde der Komfort-Trip auch von einem russischen Energieriesen (Gazprom), der Fifa und Uefa sponsert. Was den ohnehin stark durch die olympischen Tumulte begründeten Verdacht nährt, dass Moskaus Tentakel in alle Winkel des Weltsports ausreichen. (…) Problematisch ist dabei auch, dass gegen beide WM-Veranstalter Korruptionsermittlungen laufen. Überdies zeigen interne Papiere, dass die Fifa-Reisestelle für Infantino bereits Linienflug-Tickets für rund 7300 Dollar gebucht hatte. Die fünftägige Privatreise wird hingegen auf bis zu 150 000 Dollar Gegenwert taxiert. (…) Die Ethiker der Fifa verpassten es nun, die elementare Bedeutung unabhängiger Aufpasser zu zeigten. Dass es zu einer Verfahrens-Eröffnung gegen den neuen Präsidenten kam, schickte zunächst ein deutliches Signal: Dass es gerade im Sport keine Sonnenkönige mehr geben darf, die mit den Reichen und Mächtigen in Hinterzimmern dealen – und faktisch trotzdem unantastbar sind. Dieses Signal hat die Ethik-Kommission nun durch das Schließen der Akte Infantino allerdings selbst geschwächt“ (Kistner, Thomas, „Nicht ungebührlich“, in SZ 6.8.2016).

Nachtrag 6: Infantino besucht den brasilianischen Fußball-Paten
Der brasilianische Fußballverband ist total korrupt – seit Joao Havelange, der auch 25 Jahre die Fifa leitete (und dort Sepp Blatter als Nachfolger inthronisierte). Dann kam Havelanges Schwiegersohn Ricardo Teixeiro im brasilianischen Verband an die Macht – und konnte gerade noch aus Florida fliehen, bevor  der von der US-Justiz verhaftet wurde. Nachfolger José Maria Martin sitzt im Hausarrest in den USA. „Auch Del Nero schaffte den letzten Flieger: Nur Stunden nach den Zugriffen des FBI am 27. Mai 2015 in Zürich floh er Hals über Kopf in die Heimat. Dringende Verpflichtungen hätten ihn abberufen, lautete die Notlüge, tatsächlich war er gerade angereist, um als Mitglied des Fifa-Vorstandes Sepp Blatter wieder ins Amt zu wählen. (…) Dass sich Del Nero nicht mehr aus dem Land traut, begleitet die nationale Presse mit viel Humor. Den Auftritt der Seleçao bei der Copa America 2015 in Chile musste das Verbandsoberhaupt ebenso schwänzen wie die Copa Centenario im Juni in den USA – dort hätten die Handschellen gleich bei der Einreise geklickt“ (Kistner, Thomas, Vom FBI gesucht, von Infantino besucht, in SZ 10.8.2016). Del Nero wird von den US-Justizbehörden als Beklagter im Fifa-Skandal geführt – und erhielt nun Besuch vom amtierenden Fifa-Präsidenten Gianni Infantino. „Gianni Infantino, seit Februar Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa, setzt seinen Parcours durch alle Fettnäpfchen fort, am Besuchstag bei Del Nero hatte das Fifa-Ethikkomitee gerade eine zwei Monate währende Untersuchung gegen ihn eingestellt. Es ging um dubiose Flüge, Freunde und Sponsoren. Die Sache war knapp für Infantino. Nun die Visite bei Sportsfreund Del Nero. (…) An Infantinos Besuch erinnert nun eine schöne Plakette am CBF-Hauptsitz, darauf prangt auch das Fifa-Motto: ‚Für das Spiel. Für die Welt.‘ Del Nero selbst flötet auf der Fifa-Website: ‚In meiner Position will ich dazu beitragen, dass der Sport sauber und gesund bleibt.‘ Wer so redet, hätte gut in die olympische Eröffnungsfeier gepasst“ (Ebenda).

Nachtrag 7: Neues von den Fifa-Ethikern
Die ermittelnde Kammer unter dem Vorsitzenden Djimrabaye Bourngar ermittelt gegen Blatter, dem früheren Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke und Ex-Finanzchef Markus Kattner. „Das Trio hatte sich im Laufe mehrerer Jahre extreme Gehaltserhöhungen und Boni genehmigt, von insgesamt 70 Millionen Euro ist die Rede“ (SID, Gegen Blatter, in SZ 10.9.2016).

Nachtrag 8: Infantinos „neue Fifa-Ära“
„Dass der Fußball unter Infantino in Wahrheit weitermacht wie bisher, zeigen drei Schlüsselpersonalien: die Generalsekretärin, der Compliance-Chef – und nun auch der zukünftige Präsident der ja ebenfalls mächtigen Europa-Union Uefa. Fifa-Generalsekretärin ist Fatma Samoura, Senegalesin mit UN-Laufbahn, die Fußball bis vor Kurzem nur aus dem Fernsehen kannte. Der Compliance-Chef, der Infantino künftig auf die Finger schaut, ist der Slowene Tomas Vesel. Und nächste Woche wird der neue Uefa-Boss gewählt: Es wird wohl Vesels Landsmann und Bekannter Aleksander Ceferin. Man darf staunen über das jähe Erblühen Sloweniens in der Fußballzunft. Sieht man hinter die Kulissen, wundert einen nichts. Ceferin, 48, schießt aus dem Nichts an die Spitze, am Katapult sitzen alte Kameraden: Infantino – und Witali Mutko, Russlands Affären-umtoster Sportminister und Fifa-Vorstand“ (Kistner, Thomas, Präsident aus dem Nichts, in SZ 10.9.2016). Unverfänglich protegierten zunächst Schweden, Dänen, Finnen und Norweger den unbekannten Kandidaten aus dem mächtigen Fußballland Slowenien. „Tage später grätschte Mutko rein: Plötzlich stützten auch Russland plus zwölf Osteuropäer den Mann aus Slowenien, wo der russische Uefa- und Fifa-Topsponsor Gazprom sehr präsent ist und eine Pipeline durchs Land plant. Und wo die Firma des Juristen Ceferin alte Geschäftskontakte mit Russland pflegt. Die Lawine rollte, noch ehe sich der Niederländer Michael van Praag, der als seriöseste Lösung galt, positionieren konnte. (…) Für die vier Skandinavier fiel prompt etwas ab: Es heißt, Ceferin unterstütze ihre gemeinsame Bewerbung um eine Europameisterschaft 2024 oder ‘28. Und Gianni Infantino hat nun einen Compliance-Aufpasser und bald auch einen Europa-Chef, die nachbarschaftlich wohnen, gemeinsam studierten und einst im selben Freizeitteam kickten. So klein ist die Fußballwelt. Der Deutsche Fußball-Bund wählt nun gleichfalls Ceferin. Den Unbekannten, dessen Aufstieg Fragen provoziert. (…) Nur: Erklärte der DFB im Zuge der Affäre um Franz Beckenbauer und WM-2006-Mitstreiter nicht gerade erst, er mache künftig alles anders? Wenn nun alte Kameraden nach alter Sitte neue Seilschaften bilden, ist der DFB brav dabei – und hofft, dass auch für ihn etwas abfällt. Er bleibt der alte, auch mit neuen Leuten“ (Ebenda).

Nachtrag 9: Mutkos Wunschkandidat wird Uefa-Präsident
Frage des Spiegel an Michael van Praag, Kandidat um das Amt des Uefa-Präsidenten: „Hinter Ceferin steht Russlands Sportminister Witali Mutko, der behauptet, Sie hätten einen Keil in die Fußballwelt getrieben. Paktiert auch der DFB mit Mutko?“ – van Praag: „Das weiß ich nicht. Aber wir brauchen keinen Uefa-Päsidenten, der abhängig ist von machtgierigen Politikern wie Mutko. Das ist ein katastrophales Zeichen. Eine Regierung darf bei Wahlen in Sportverbänden keinen Einfluss nehmen“ („Katastrophales Zeichen“, in Der Spiegel 37/10.9.2016).
„Der Slowene Aleksander Ceferin, 48, gilt im Duell mit dem Niederländer Michael van Praag, 68, als großer Favorit – und wirft zugleich viele Fragen auf. In der Fußballfunktionärswelt war Ceferin bis vor Kurzem ein völlig unbeschriebenes Blatt. Doch plötzlich weiß er eine breite Allianz hinter sich – vom skandinavischen Verbandsquartett über die Kernländer Deutschland und Frankreich bis zu den Osteuropäern. (…) Die Strippen zieht dabei ausgerechnet Moskaus umstrittener Funktionär Witali Mutko, als Sportminister zentrale Figur im russischen Staatsdopingskandal und als Fifa-Vorstand schlecht beleumundet. Zudem irritieren geschäftliche Beziehungen von Ceferins Anwaltskanzlei gen Osten ebenso wie seine enge Bekanntschaft mit Landsmann Tomas Vesel. Der ist erst kürzlich zum Chef des Compliance-Gremiums bei der Fifa aufgestiegen, das unter anderem das Salär des Präsidenten festlegt. Zwei gute Freunde, die binnen kurzer Zeit solch wichtige sportpolitische Posten erobern“ (Aumüller, Johannes, Breite Allianz, in SZ 14.9.2016).
Und so wurde Aleksander Ceferin am 14.9.2016 mit 42 zu 13 Stimmen gegen Michael van Praag gewählt. „Dieser hatte einen kometenhaften Aufstieg in der Funktionärswelt hingelegt und gilt als Vertreter der alten Seilschaften“ (Slowene Ceferin ist neuer Uefa-Präsident, in spiegelonline 14.9.2016).
Dazu Claudio Catuogno in der SZ: „Fußball hat Europas neuer Fußballpräsident nie gespielt. (…) Wie unabhängig Aleksander Ceferin tatsächlich agieren kann, muss sich noch zeigen. Dass Russlands Sportminister Witali Mutko ihn ebenso unterstützte wie der neue Fifa-Chef Gianni Infantino, die beide für vieles stehen, bloß nicht für Transparenz, erregt Misstrauen. Man wüsste gerne, was diesmal hinter den Kulissen gelaufen ist. Netterweise hat Ceferin auch dazu so knappe wie präzise Aussagen gemacht: ‚Ich war nie hinter den Kulissen‘, versicherte er. Die Berichte über Deals und Freundschaftsdienste seien ‚Einbildung von Medien und anderen‘ sowie ‚schlichte Lügen‘. Auch daran wird man ihn messen“ (Catuogno, Claudio, Achtung, kann Karate, in SZ 15.9.2016).
Und Johannes Aumüller und Thomas Kistner in der SZ: „Ceferin ließ sich 2011 zum Chef seines nationalen Heimatverbandes NZS wählen, und dafür musste er gewisse Tätigkeiten im Fußball nachweisen – unter anderem eine mehrjährige Amtszeit in verantwortlicher Position. Sollten sich die neuen Zweifel bewahrheiten, hätte Ceferin seinen ersten großen Funktionärsposten womöglich gar nicht korrekt erobert. Einschlägigen Argwohn erweckt überdies ein Kredit, den Sloweniens Verband unter Ceferins Führung im Vorjahr erhielt. Neben der russischen Sberbank (drei Millionen Euro) lieh demnach auch die Uefa selbst Geld, von vier Millionen Euro ist die Rede. Verhandlungspartner auf Uefa-Seite soll üblicherweise Gianni Infantino gewesen sein: Der war damals Generalsekretär der Europa-Union. Inzwischen ist er Chef des Weltverbands Fifa – und ein wichtiger Strippenzieher bei Ceferins Wahl. Nun berichtet das norwegische Magazin Josimar, das Geld sei nicht wie vereinbart genutzt worden: Statt in den Bau eines nationalen Zentrums seien Tranchen in Anteile an einer Online-Lotterie geflossen“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Slowenische Merkwürdigkeiten, in SZ 23.9.2016; Hervorhebung WZ).

Nachtrag 10: Infantino lobt Mutko
Fifa-Präsident Gianni Infantino verteidigte im Interview mit AP den russischen Sportminister Witali Mutko, der im Exekutivkomitee der Fifa sitzt und Organisationschef der WM 2018 in Russland ist. „Im Untersuchungsbericht von Richard McLaren, dem Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur, wird Mutko mehrmals im Rahmen des russischen Staatsdoping-Systems erwähnt. Unter anderem soll er die Vertuschung einer Dopingprobe von mindestens einem Fußballer in der russischen Liga veranlasst haben. (..) Er leiste ‚exzellente Arbeit‘, sagte Infantino, der wegen seiner Amtsführung selbst in die Kritik geraten ist“ (DPA, „Exzellent“, in SZ 17.9.2016). – Am 24.9.2016 wurde Mutko mit 65 Prozent erneut zum Vorsitzenden des russischen Fußballverbandes RFS gewählt: „Mutko war bereits von 2005 bis 2009 RFS-Vorsitzender und hat das Amt wieder seit September 2015 inne. Er ist nun für vier Jahre gewählt. Kritiker werfen ihm unter anderem Korruption, mangelnde Reformbereitschaft und eine aktive Rolle beim russischen Staatsdoping vor“ (Mutko bleibt russischer Fußball-Boss, in spiegelonline 24.9.2016). –
„Daneben bleiben die offenkundigen Allianzen ein Thema, die Ceferin vor seiner Wahl zum Uefa-Chef schmiedete – insbesondere die mit dem umstrittenen Moskauer Multi-Funktionär Witali Mutko, der unter anderem als russischer Sportminister, Fifa-Vorstand und Präsident des heimischen Fußballverbands firmiert. Er hatte den Slowenen unterstützt und ihm das umfangreiche, traditionell von Russland dirigierte Stimmpaket Osteuropas zugeführt. Umso pikanter, dass der von Russland gepushte Ceferin jetzt ein wichtiges Amt im Kontext der WM 2018 in Russland ausüben soll: Der Slowene soll an die Spitze des Fifa-Organisationskomitees (nicht zu verwechseln mit dem lokalen Organisationskomitee der Russen) rücken. Dieses Amt wird traditionell vom Präsidenten jenes Kontinentalverbandes ausgeübt, in dessen Erdteil die WM stattfindet – für Russland 2018 ist der Uefa-Chef zuständig. So sorgte diese Regelung dafür, dass die WM-2018-Ausrichter bei der Uefa-Thronkür den ihnen genehmen Kandidaten aussuchen konnten. Ceferins Widersacher Michael van Praag aus Holland hatte im Wahlkampf stets stark auf Reformen und Transparenz gepocht“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Slowenische Merkwürdigkeiten, in SZ 23.9.2016; Hervorhebung WZ).

Nachtrag 11: Mutko bleibt auch Fußballpräsident
„Russlands Sportminister Witali Mutko, 57 ist erneut zum Vorsitzenden des russischen Fußballverbands (RFS) gewählt worden. In einer Kampfabstimmung in Moskau erhielt er 266 Stimmen, der frühere Nationaltrainer Walerij Gassajew kam nur auf 142. Mutko war bereits von 2005 bis 2009 RFS-Vorsitzender und hat das Amt wieder seit September 2015 inne. Seine Kritiker wandten sich bereits an die Ethikkommission des Fußball-Weltverbandes (Fifa), weil es gemäß Statuten keinen politischen Einfluss auf den Verband geben darf – Mutko aber übt eine Doppelrolle als Sportminister und RFS-Boss aus. Die Fifa sieht darin kein Problem“ (SID, DPA, Mutko wiedergewählt, in SZ 26.9.2016).
Schon interessant: Die Fifa wehrt sich – wie das IOC – üblicherweise vehement gegen die Vermischung von Sport- Ämtern und Politik-Ämtern. Wenn es sich allerdings um russische Sport-Ämter und russische Politik-Ämter dreht, sieht man dies in Zürich und Lausanne eher wohlwollend… bis zum März 2017, siehe unten!

Nachtrag 12: Football Against racism in Europe aufgelöst, Mutko im Vormarsch
Aus einem Kommentar von Thomas Kistner in der SZ: „Es gibt eine alarmierende Entwicklung unter russischen Fußballfans. Unabhängige Organisationen wie Football Against Racism in Europe, ein Netzwerk von Fangruppen aus 13 Ländern, melden für die vergangene Saison 92 diskriminierende Vorfälle in und um Russlands Stadien. (…) Am Wochenende aber wurde Sportminister Witali Mutko, der auch im Vorstand des Weltverbands Fifa sitzt, im Amt als russischer Fußballboss bestätigt. Das beschreibt die russische Strategie erschöpfend: War was? Weiter so! (…) Aussitzen, weitermachen – das hat im russischen Sport dieselbe Tradition wie im Welt-Fußball. Dass ein Expertenbericht zum Staatsdoping jüngst elf vertuschte Fußball-Fälle auflistete und Mutko sogar persönlich belastete, mag die Sportwelt aufwühlen. Gianni Infantino lässt es kalt. Auf der Basis urteile er nicht, sagte der Fifa-Boss – und attestierte dem Sportsfreund Mutko eine ’sehr gute Zusammenarbeit‘ im WM-2018-Kontext. (…) Die Fifa ist unverbesserlich, schon seit Jahrzehnten. Die politischen Kabalen der jüngsten Zeit aber – unter diskreter russischer Mitregie – nähren den Verdacht, dass die Ära des Affären-Funktionärs Infantino die des Vorgängers Sepp Blatter schon bald verklären wird: Als ein eher romantisches Gaunerstück“ (Kistner, Thomas, Aussitzen, Weitermachen, in SZ 27.9.2016; Hervorhebung WZ).

Nachtrag 13: Zwischenfazit zu Gianni Infantino im Spiegel
Zur Gehaltsfrage: „Ein Angebot in Höhe von 1,8 Millionen Euro hatte er zunächst abgelehnt. Prompt hieß es, der Neue  sei wohl genauso gierig wie Blatter. Inzwischen hat Infantino seinen Vertrag unterschrieben“ (Pfeil, Gerhard, Wulzinger, Michael, Tofu in der Höhle des Löwen, in Der Spiegel 39/24.9.2016). Zum Fall Markus Kattner: Der damalige Finanzchef war bei Infantino vorstellig geworden wegen einem Smoking, denn die Fifa zu bezahlen hätte, wegen Flügen in Privatflugzeugen, wegen eines Strafzettels wegen zu schnellen Fahrens. „Plötzlich kam heraus, dass Kattner, Blatter und der ehemalige Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke – das einst mächtige  Dreigestirn  der Fifa – von 2011 bis 2015 offenbar satte Lohn- und Bonuszahlungen in Höhe von insgesamt 71 Millionen Euro kassieren sollten“ (Ebenda). Kattner wurde Ende Mai entlassen. Der Fall des ehemaligen Fifa-Aufsehers Domenico Scala: „Scala trat im Mai von seinem Fifa-Amt zurück, offiziell aus Protest gegen Infantinos Innenpolitik. Der neue Fifa-Chef hatte die Schlammschlacht gewonnen. Wochenlang ermittelte die Ethikkommission der Fifa gegen ihn, wegen der Flüge, wegen des Smokings. Schließlich stellten die Richter die Ermittlungen ein“ (Ebenda). Zur Erhöhung der WM-Teilnehmer: „Infantino „will die Teilnehmerzahl bei Weltmeisterschaften von 32 auf 40 Teams  erhöhen. Im Oktober soll das Fifa-Council dem Vorhaben zustimmen. Mehr Mannschaften heißt mehr Spiele, mehr Spiele bedeutet mehr Gewinn. Höhere Gewinne bringen höhere Ausschüttungen an die Mitgliedsstaaten“ (Ebenda).
Und noch mehr Spiele bedeutet noch mehr Verblödung, noch mehr Brot & Fußballspiele… siehe Nachtrag 14:

Nachtrag 14:  WM 2026 – von 32 auf 40 auf 48 – Infantino hat den längsten
„Die Endrunde der Fußballweltmeisterschaft könnte ab 2026 mit 48 Teilnehmern ausgespielt werden. So sieht es ein neuer Plan von Fifa-Präsident Gianni Infantino vor. Bislang hatte der Schweizer eine Erhöhung von 32 auf 40 Starter vorgeschlagen, nun stellte er am Rande der Futsal-WM in Bogotá ein anderes Modell vor. Demnach sollen 16 Mannschaften für die Gruppenphase gesetzt werden. Weitere 32 Teams würden drei Tage vor dem Beginn der Gruppenphase in Playoffs die weiteren 16 Starter ermitteln. (…)  Infantino hatte mit seinem 40er-WM-Plan vor seiner Wahl zum Nachfolger von Joseph Blatter vor allem bei kleineren Verbänden gepunktet. Doch inzwischen hat er seine Meinung geändert: ‚Mit 40 Teams, das rechnet sich nicht.‘ (…) Nach seinem Plan mit Playoffs würde es dann 80 statt 64 WM-Spiele geben, dies werde auch die TV-Einnahmen erhöhen, sagte er. Über ein neues WM-Format und den Vergabeprozess für das Turnier im Jahr 2026 berät das Fifa-Council am 13. und 14. Oktober in Zürich “ (Infantino will WM mit 48 Teams, in spiegelonline 4.10.2016). – „Es ist denkbar, dass Infantino tatsächlich die 48 anstrebt. Es ist auch denkbar, dass die Zahl nur als Verhandlungsmasse dient, um ein Starterfeld von 40 als Kompromiss verkaufen zu können“ (Aumüller, Johannes, Eine doppelte Umarmung, in SZ 5.10.2016). Die Entscheidung über 40 oder 48 Mannschaften wird laut Infantino Ende Januar 2017 beim nächsten Fifa-Council-Meeting getroffen (DPA, Tendenz 48, in SZ 14.10.2016).

– Fazit: Infantino forciert Ostorientierung der Fifa und der Uefa
Der neue stellvertretende Fifa-Generalsekretär Zvonimir Boban aus Kroatien sieht sich nach der Ernennung durch Gianni Infantino zwei Vorwürfen ausgesetzt: Seine Konten in Slowenien wurden durch einen Geschäftspartner gesperrt, und Boban hat die selben nationalistischen Tendenzen wie der kroatische Fußballverband, besuchte ultranationalistische Veranstaltungen und verehrt den früheren nationalistischen Präsidenten Franjo Tudjman (vgl. Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Blockierte Bankkonten, in SZ 12.109.2016). Mit dem Kroaten Zvonimir Boban hat Infantino einen weiteren Vertreter des osteuropäischen Fußballs in Fifa-Spitzenämter platziert. Dazu kommt der Slowene Tomas Vesel (Vorsitzender der Fifa-Gruppe, die das Präsidentengehalt festlegt), sowie der neue Uefa-Präsident, der Slowene Aleksander Ceferin.
Alles in Sinn vom russischen Sportminister (und Mitglied des Fifa-Vorstands) Witali Mutko und seines Präsidenten Wladimir Putin
Dazu Jens Weinreich in spiegelonline:  „In Zürich trifft sich die neue Fifa-Regierung an diesem Donnerstag zum zweiten Mal. Zwar sind noch fünf der 37 Posten im Vorstand vakant, doch die Weichen für die Zukunft werden bereits gestellt. (…) Während an seinen suspendierten Vorgänger Joseph Blatter, gegen den ein Strafverfahren der Schweizer Bundesanwaltschaft läuft, nur noch ein Porträtfoto in der Galerie des Home of Fifa und ein Brunnen mit seinem Namen im Vorgarten des Hauptquartiers erinnern, hat Infantino den Rat des Weltverbandes bereits nach seinem Gusto umgestaltet. Im europäischen Verband Uefa, bei dem Infantino Direktor und Generalsekretär war, hat er die Inthronisierung von Aleksander Ceferin zum Präsidenten unterstützt. Dubiose Funktionäre wie Russlands Sportminister Witali Mutko oder der einflussreiche und vermögende Zypriot Marios Lefkaritis, die als Europas Vertreter dem Fifa-Council angehören, werden von Infantino protegiert. In Nordamerika und Südamerika, wo die US-amerikanische Justiz in den Kontinentalverbänden Concacaf und Conmebol aufräumt und Dutzende Funktionäre mit jahrzehntelangen Haftstrafen rechnen müssen, ist Infantino ebenfalls gut aufgestellt: Der neue Concacaf-Boss und Fifa-Vize Victor Montagliani aus Kanada zählt zu Infantinos Team. Er ist wie Ceferin einer der Aufsteiger im Weltfußball. (…) Ceferin übernimmt als Uefa-Boss nun automatisch die Vizepräsidentschaft in der Fifa. Dort hat er mit dem stellvertretenden Generaldirektor Zvonimir Boban, dem langjährigen Kapitän der kroatischen Nationalmannschaft, einen weiteren Vertrauten. Boban hat arge Probleme mit der Justiz, wie kroatische Zeitungen berichteten: Seine Bankkonten sollen eingefroren sein. Ein Gericht verpflichtete ihn, etwa eine halbe Million Euro an einen früheren Geschäftspartner zu überweisen“ (Weinreich, Jens, Die alten Netzwerke greifen, in spiegelonline 13.10.2016).
Und zur Thematik 32, 40 und 48 Startplätze blickt Weinreich zurück: „WM-Startplätze waren in der Fifa stets ein politisches Machtinstrument. Der Brasilianer João Havelange versprach bei seiner Wahl 1974 eine Ausweitung von 16 auf 24 Mannschaften. Zwei Jahrzehnte später musste er gegen einen putschenden Generalsekretär Blatter seine Wiederwahl sichern und erhöhte die Zahl der WM-Teilnehmer auf 32. Als Blatter auf dem Fifa-Kongress 2014 in São Paulo von ‚interplanetaren Wettbewerben‘ fabulierte, musste man das Schlimmste befürchten. So gesehen sind die 40 oder 48 Teams, die sein Nachfolger Infantino aufruft, geradezu bescheiden. Für den Großteil der gigantischen Kosten für eine solche WM kommt ohnehin nicht die Fifa auf – diese Milliardenrechnung begleicht der WM-Gastgeber“ (Ebenda).

Fifa tagt jetzt nicht mehr im Baur au Lac
Nach den peinlichen Bildern der Verhaftung von sieben Fifa-Funktionären im Züricher Luxushotel Baur au Lac im Mai 2015 – hinter Betttüchern vor Fotos geschützt – tagte das Fifa-Council nun im Züricher Luxushotel Park Hyatt. Das nächste Mal trifft sich dort das 37-köpfige Fifa-Council am 9. und 10.1.2017 (Weinreich, Jens, Die alten Netzwerke greifen, in spiegelonline 13.10.2016).

– Fußball-WM 2026 wo?
„… der Council beschloss, am bislang ungeschriebenen Prinzip festzuhalten, eine WM frühestens nach zwei Turnieren auf anderen Kontinenten wieder an dieselbe Konföderation zu vergeben. Eine Ausnahme würde nur gemacht, wenn Kontinentalverbände keinen Bewerber finden, der die Anforderungen erfüllt“ (Weinreich, Jens, 32? 40? 48? in spiegelonline 14.10.2016).
Und da nach Infantinos Plänen die Fußball-WM immer mehr aufgeblasen wird und die Kosten entsprechend steigen, bleibt da so mancher Kontinent auf der Strecke.
Nach Russland (2018) wurde Europa auch für 2026 ausscheiden, nach Katar (2022) könnte auch Asien 2026 (mit z.B. China) nicht drankommen. Bleiben zum Beispiel die USA – aber: „Einen Widersacher für die US-Bewerbung für 2026 gibt es auch bereits: Russlands Sportminister Witali Mutko soll kürzlich gesagt haben, die Amerikaner müssten noch 50 Jahre auf eine WM warten. (…) Mutko hat die USA in der Diskussion über Russlands staatlich organisiertes Dopingsystem als  Drahtzieher einer angeblichen Verschwörung im Fokus“ (Ebenda).

Fifa 2.0
Am 13.10.2016 stellte Infantino 69 Seiten der Strategie Fifa 2,0 der Presse vor. „An seiner Seite war erstmals die Generalsekretärin Fatima Samoura, gemäss den Reformen die Nummer eins der Organisation. Aber es redete nur Infantino. Erst zum Schluss durfte die Generalsekretärin pro forma noch eine Frage beantworten. (…) Sein Ziel ist klar: Expansion, und zwar auf allen Ebenen. (…) So strebt er innerhalb von zehn Jahren eine Verdoppelung der fussballspielenden Frauen auf 60 Millionen an und will dafür 315 Millionen Dollar aufwerfen“ (Wagner, Elmar, Geldverschwenderin will Unternehmerin werden, in nzz.ch 15.10.2016). Dazu will die Fifa die Hoheit über die neuen digitalen Medien behalten und das WM-Ticketing selbst übernehmen. Und Infantino will den Verbänden pro Jahr 1,5 Millionen Dollar geben: „Das ist rund das Vierfache der bisherigen Ausschüttung. Und das wird – trotz verschärften Kontrollen – ein Nährboden für Missbrauch sein“ (Ebenda).

– Beendet Infantino Blatters „Fifa-World“?
„Die Medienmitteilung der Fifa, die am Donnerstagmorgen verschickt worden ist, war sehr knapp gehalten: Der Geschäftsführer der Fifa Museum AG, Stefan Jost, und die Fifa hätten sich darauf geeinigt, per Ende Oktober 2016 ‚getrennte Wege zu gehen‘. Als Grund wurden ‚unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft des Fifa-Museums‘ angegeben.  (…)Es gab am Donnerstag Hinweise darauf, dass man den Museumsbetrieb ganz einstellen möchte. Auch dies blieb unkommentiert. Selbst die Frage, auf welchen Zeitpunkt man mit weiteren Informationen rechnen könne, blieb offiziell unbeantwortet. Das Fifa-Museum ist ein Prestigeprojekt des früheren Präsidenten Sepp Blatter. Deshalb ist es auch nicht undenkbar, dass sich sein Nachfolger, Gianni Infantino, vom teuren Betrieb verabschieden will. Das Museum, das in einem früheren Geschäftshaus entstanden ist, hat rund 30 Millionen Franken gekostet. Das Personal besteht aus rund fünfzig Personen“ (Kälin, Adi, Turbulenzen um Fifa-Museum, in nzz.ch 27.10.2016).

– Was bedeutet die Wahl von Donald Trump für den Weltfußball?
Die USA bewerben sich mit Los Angeles um Olympische Sommerspiele 2024 und die Fußball-WM 2026, in Verbund mit Kanada und Mexiko. Beide Bewerbungen gelten unter den jetzigen Bedingungen als kritisch, noch dazu mit der von Trump geplanten Mauer zu Mexiko. dazu Thomas Kistner in der SZ: „Geht die Mauer hoch, wird Mexiko wohl allein ins WM-Rennen ziehen. Und kaum jemand in Lateinamerika, Afrika und Asien würde die USA wählen. Es sei denn, Trump bietet was an. (…) Anzubieten hätte er der Fußballwelt ja durchaus etwas: den reduzierten Ermittlungseifer der US-Justiz, die der Fifa seit 2015 so übel zusetzt. Die FBI-Arbeiten sind weit gediehen. (…) Fest steht: Den mächtigsten Sportpolitiker der Welt hat Trumps Triumph verzückt. Wladimir Putins Russland steht für Betrug und Korruption im Weltsport, nun darf er hoffen, dass der neue Bruder im Geiste Themen wie das Staatsdoping nicht so tragisch nimmt“ (Kistner, Thomas, American Albtraum, in SZ 12.11.2016).

– Mutko spielt Bande über Skandinavien
In einem Interview mit DFB-Präsident Reinhard Grindel stellten Johannes Aumüller und Thomas Kistner in der SZ wichtige Zusammenhänge her: „Ein anderes Thema, das Kritik hervorrief, ist Ihre Positionierung für den neuen Uefa-Chef Aleksander Ceferin aus Slowenien. (…) Wie kam es dazu, dass der DFB von einer Figur wie dem Holländer Michael van Praag, der als unbescholten gilt und mit Reformen warb, abrückte? Und sich – anders als etwa England – Herrn Ceferin zugewandt hat, der aus dem Nichts kommt? (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, „Wir haben alles getan“, in SZ 12.11.2016). Grindel: „Außerdem wollte van Praag nicht mehr mit Generalsekretär Theodore Theodoridis zusammenarbeiten, das haben wir für falsch gehalten“ (Ebenda). Darauf Aumüller und Kistner: „Gerade Theodoridis war engster Ratgeber des heute gesperrten Michel Platini, dessen Ära als Uefa-Chef nun aufgearbeitet werden muss. (…) Tatsächlich ist es so, dass mit Ceferin und dessen Landsmann Tomas Vesel, dem neuen Compliance-Chef der Fifa, die wichtigsten Ämter um Infantino zwei langjährige Bekannte besetzen, die ein paar Häuser entfernt in Ljubljana wohnen. Dazu gibt es konkrete Vorwürfe gegen Ceferin, etwa, dass sein Verband einen Millionenkredit von der Uefa und einer russischen Bank vor allem in Anteile an eine Online-Lotterie investierte statt in den Bau einer Verbandszentrale. (…) Auch erscheint die Allianz fragwürdig, die ihn aus dem Nichts ins höchste Uefa-Amt beförderte. Entscheidend mitgewirkt hat Witali Mutko, Russlands Fußball-Chef, Regierungsmitglied und schwer belastet im Staatsdopingskandal. (…) Richtig ist, dass die Skandinavier Ceferin vorschlugen. Bei dem Treffen im Mai war sogar Infantino dabei, organisiert hatte es der norwegische Generalsekretär, der da schon bei der Fifa angeheuert hatte. Kurz danach sprang Mutko auf den Zug und brachte elf Verbände mit. Dass Mutko eingedenk der sportpolitischen Weltlage nicht selbst vorpreschen konnte, ist klar: Dann wäre Ceferin ein Mann Moskaus, der DFB und anderen westliche Verbände hätten ihn kaum wählen können. Ist der Dreh mit Skandinavien nicht genau die Art, wie Sportpolitik funktioniert?“ (Ebenda).

– Die Griechenland-Connection
DFB-Präsident Reinhard Grindel hatte als Grund für die Unterstützung von Aleksandar Ceferin angegeben, dass dessen Konkurrent um das  Amt des Uefa-Präsidenten, Michael van Praag, nicht mit Uefa-Generalsekretär Theodore Theodoris zusammenarbeiten wollte (siehe oben). Nun werden Details zum sauberen Uefa-Generalsekretär bekannt. Thomas Kistner in der SZ: „Just mit Blick auf den geschätzten Uefa-General Theodoridis, der sein Amt von dem an die Fifa-Spitze gewechselten Freund Infantino übernahm, ist ja seit langem eine irritierende Liaison bekannt. Vater Theodoridis ist Vizepräsident beim griechischen Traditionsklub Olympiakos Piräus, den die Staatsanwaltschaft seit Jahren im Visier hat. Klubeigentümer Evangelos Marinakis wird die Leitung einer kriminellen Bande angelastet, es geht um Erpressung, Bestechung – und verschobene Spiele. Marinakis und Mitarbeiter würden, so Staatsanwalt Aristeidis Koreas, ‚Polizei, Richter, Politiker und andere Funktionäre benutzen‘, um die Dominanz des Klubs zu festigen. Dutzende Funktionäre, nicht nur von Olympiakos, stehen im Fokus. (…) Marinakis bestreitet die Vorwürfe; gegen den Klubvize und Vater des Uefa- Generals Theodoridis liegen konkret keine vor. Auch nichts gegen dessen früheren Amtskollegen Theodore Giannikos – aber dieser arbeitete fast eine Dekade lang als wichtiger Ratgeber des schillernden Klubeigners. Deshalb klingt die nun verbreitete Personalrochade bei Infantinos Fifa wie ein schräger Scherz: Giannikos soll Chef der Serviceabteilung für die Mitgliedsverbände werden, berichten internationale Medien; eingeweihte Kreise bestätigen es. Die Fifa schweigt dazu. (…) Das immer engere Dreieck Olympiakos, Uefa und Fifa zeugt nicht von Aufbruch. Es bringt die Verbände in Erklärungsnot. Neun Monate währt die Ära Infantino, sie hat aber schon das Zeug, die Ära Sepp Blatter in den Schatten zu stellen. Und der neue DFB spielt mit, wie es der alte stets tat. Er ist gut bedient, wenn ihm nur Naivität unterstellt werden darf“ (Kistner, Thomas, Der Aufseher aus dem Skandalklub, in SZ 15.11.2016).

– Infantino im spiegelonline-Interview
(Alle Zitate: Henrichs, Christoph, „Wir stoßen an unsere Grenzen“, in spiegelonline 19.12.2016). Gianni Infantino u. a. zum Honorar der Spielerberater: „Ich weiß nicht, ob es zu viel ist. Das Problem ist, dass es keine vollständige Transparenz gibt.“ – Zur Frage, warum die Fifa in den Bestimmungen für Spielervermittler von 2015 die Kontrolle über Spielerberater gelockert und an die Fußballverbände delegiert hat: „Nun ja, das war die Fifa. Ich war damals nicht bei der Fifa.“ – Auf die Frage, dass anscheinend im Transfergeschäft eine Menge Menschen etwas zu verbergen haben: „Ich weiß nicht, ob es sich um viele Menschen oder um wenige handelt. Ich neige eher zur Überzeugung, dass die meisten Menschen, und daher auch die meisten im Transfergeschäft, ehrlich sind.“ – Frage im Zusammenhang mit den „Football-Leaks“: „Warum lassen die Fifa-Vorschriften etwas zu, was Steuerbehörden in mehreren Ländern als Steuervermeidung betrachten?“ Infantino: „Ich denke, das ist keine Frage von Fifa-Reglements. Jeder muss schließlich Steuern zahlen und sich an die Gesetze halten, und jeder muss sich vor den Strafverfolgungsbehörden und Steuerbehörden für sein Handeln verantworten.“ – Auf die Frage, ob Infantino irgendetwas verändern wolle, weil es in einigen Ländern Steuerprobleme gibt, antwortete dieser: „Wir werden das diskutieren, die Gesamtsituation auf dem Transfermarkt, und steuerrechtliche Fragen sind vielleicht ein Teil davon. Aber die Fifa ist nicht dafür verantwortlich, ob einer seine Steuern bezahlt oder nicht. (…) Wenn jemand keine Steuern bezahlt oder zu schnell fährt oder am Steuer betrunken ist und einen Unfall verursacht oder was auch immer, dann ist nicht die Fifa dafür verantwortlich.“ – Zur Frage der Investoren in den Fußball: „Wir brauchen im Fußball Investoren. Die Fifa, die Uefa, die Verbände, die Vereine. Wir brauchen Investoren.“ – Zum Problem der nächsten Fußball-WM 2018 in Russland und 2022 in Katar: „Fußball ist ein globaler Sport, der sämtliche Länder dieser Welt zusammenbringt, unabhängig von politischen Umständen. Wir sorgen für Transparenz und Offenheit. Das, vielleicht in Verbindung mit Toleranz und einer gewissen Aufgeschlossenheit, könnte den Fans zu dieser Einsicht verhelfen: Wir wollen einzig und allein ermöglichen, dass auf der ganzen Welt Fußball gespielt werden kann. Wissen Sie, in Russland und Katar leben Menschen, überall auf der Welt leben Menschen, die Fußball lieben. Boykotte und Ausschlüsse haben noch nie eine Lösung herbeigeführt.“ – Konsequenzen aus dem McLaren-Report? „Die Fifa ist keine Weltpolizei und erst recht nicht die Weltdopingpolizei. Sie ist der internationale Dachverband für den Fußball. Unsere disziplinarischen Gremien werden sich mit allem befassen, was im McLaren-Bericht mit Fußball zu tun hat. (…) Die Fifa hat aber übrigens ihr eigenes Anti-Doping-System. Kontrollen wurden 2014 nicht von Brasilien und 2010 nicht von Südafrika durchgeführt, und sie werden 2018 nicht von Russland durchgeführt werden, sondern von der Fifa.“
Deshalb wird ja niemand erwischt – beim Fifa-internen Anti-Doping-System!

– Infantinos Auf-Blähungen
Infantinos Fifa-Geschäfte laufen seit Amtsantritt eher mau. Zwei von sechs Fifa-TOP-Sponsoren, Emirates und Sony, sind ausgestiegen; die angefragten Qatar Airways und Samsung verhalten sich still. (Wobei Samsung derzeit ganz andere Probleme hat!) „Infantino hat den  209 Verbänden der Welt bei seiner Thronkür im Februar 2016 das Übliche versprochen, Geld. Viel, viel mehr Geld, fünf Millionen pro Federation, im Vierjahreszyklus statt der bisher 1,6 Millionen Dollar. (…) Jetzt muss Infantino in der Fifa liefern, und zwar flott. Deshalb treibt er jene Machtpolitik auf die Spitze, die er bei Blatter und Platini abgeguckt hat: Einfach die einzige Kuh noch rigoroser melken, die auf der Weide steht. Im Fall Fifa ist die enorme, zugleich einzig nennenswerte Einnahmequelle das WM-Turnier. Also muss dort alles rausgeholt werden. Bis zu 500 Millionen Dollar Mehrerlöse versprechen sich die Fußballmarketender von einer WM, die auf 48 Teilnehmer aufgebläht wird. Hinzu kommt der kräftige politische Schub für den Präsidenten, der den WM-Traum in den Sportkosmos von Tuvalu über Tahiti, Guam bis Guinea projizieren kann. Denn zu den Systemdefiziten im Weltfußball zählt auch, dass Fußballzwerge wie Vanuatu oder die Malediven dieselbe Stimme im Fifa-Parlament haben wie Brasilien oder Deutschland. (…) Stets waren WM-Aufstockungen Wahlversprechungen. Das gilt auch für das neue 24er-Euro-Turnier, das die Uefa ihrem Wahlkämpfer Platini verdankt. (…) Platinis Generalsekretär damals war übrigens Infantino“ (Kistner, Thomas, Im Schatten von Ronaldo, in SZ 9.1.2017).
Dazu Jens Weinreich in spiegelonline: „Der 46 Jahre alte Schweizer, seit Februar 2016 im Amt, bewegt sich in der Tradition eines seiner Vorgänger, des korrupten Brasilianers João Havelange. Dieser hatte sich 1974 unter anderem mit dem Versprechen zum Fifa-Präsidenten wählen lassen, die Endrunde von 16 auf 24 Teams auszuweiten. Ein 24er-Turnier wurde von 1982 bis 1994 gespielt. Als sich Havelange nach 20 Jahren gegen einen Putschversuch seines Generalsekretärs und späteren Nachfolgers Joseph Blatter wehren musste, rettete er sich in seine letzte Amtszeit, indem er das WM-Turnier ab 1998 mit 32 Mannschaften austragen ließ. An derlei Usancen der Stimmenbeschaffung knüpfte Infantino an, als er im Herbst 2015, damals noch Generalsekretär der Europäischen Fußball-Union Uefa, seine Kandidatur für den Fifa-Vorsitz eröffnete. Infantino kannte das Spiel. Denn in der Uefa war die Endrunde ebenfalls ausgeweitet worden, von 16 auf 24 Mannschaften, weil der damalige Präsident Michel Platini sein Wahlvolk bedienen musste. Infantino hatte diesen Beschluss durchzusetzen“ (Weinreich, Jens, Das System Infantino, in spiegelonline 9.1.2017).

Fifa-WM-Turnier in Zahlen:
Teilnehmende Mannschaften: 1974 = 16 (Antritt Fifa-Präsident Joao Havelange); 1982 = 24 ; 1998 = 32 (Amtsantritt Sepp Blatter); 2026 48 (Amtsantritt Gianni Infantino).
Entwicklung der Fernsehgelder bei der Fifa-WM: 1974 = 7 Mill. $; 1990 = 69 Mill. $; 1998 = 90 Mill. $; 2002 = 955 Mill. $; 2006 = 1325 Mill. $; 2010 = 2408 Mill. $; 2014 = 2428 Mill. $
(Quelle: Der Spiegel  3/14.1.2017, S. 95)

– DFB machtlos
„Der Weltmeister ist klar dagegen, die millionenschweren Klubs sowieso – doch die von Fifa-Präsident Gianni Infantino forcierte ‚Mega-WM‘ ist wohl nicht aufzuhalten. Schon vor der vielleicht entscheidenden Sitzung des Fifa-Rats am Dienstag in Zürich spricht der Schweizer Fifa-Präsident von einer ‚überwältigenden‘ Mehrheit für eine WM ab 2026 mit 48 statt 32 Nationen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) scheint mit seinem Widerstand chancenlos zu sein. (…) Nach dem durch die Ethiksperre bedingten Rücktritt von Ex-DFB-Chef Wolfgang Niersbach sitzt kein deutscher Vertreter am Council-Tisch“ (SID, DFB chancenlos, in SZ 7.1.2017). – Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, ist gegen eine WM-Aufstockung: „‚Eine WM mit 48 Mannschaften ist das falsche Signal. Hier spielen nur politische Gründe eine Rolle, nicht der Sport‘, sagte Rummenigge, der auch Chef der europäischen Klub-Vereinigung ECA ist, der ‚Sport Bild‘. (…) Am Dienstag (10.1.2017; WZ) berät der Fifa-Rat in Zürich über eine Vergrößerung der Endrunde von 32 auf 40 oder 48 Teams ab dem Turnier 2026. Die Ausweitung war eines der zentralen Versprechen von Gianni Infantino vor seiner Wahl zum Präsidenten des Weltverbands im Februar“ („Hier spielen nur politische Gründe eine Rolle“, in spiegelonline 7.1.2017; Hervorhebung WZ). – Europäische Fußballbosse fürchten eine Verwässerung der Fußball-WM. „Allerdings hatten solche Argumente noch nie eine Chance gegen monetäre Gründe. Mehr als 600 Millionen Euro zusätzlich soll das neue WM-Format dem Weltverband bescheren; Geld, das er nach vielen Skandalen auch für teure Rechtsstreitigkeiten benötigt“ (Hartmann, Ulrich, 17 Ja-Stimmen genügen, in SZ 10.1.2017).

– Der Geldtropf siegt wieder: natürlich
Am 10.1.2017 beschloss das Fifa-Council (derzeit 33 Mitglieder) einstimmig die Aufstockung auf 48 Mannschaften. „Ab 2026 werden 48 Mannschaften an der Fußballweltmeisterschaft teilnehmen. Das hat der Weltverband Fifa bei seiner Sitzung in Zürich einstimmig beschlossen. Die Ausweitung der Teilnehmerzahl von bisher 32 Teams geht auf eine Initiative des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino zurück. Das Turnier soll mit 16 Gruppen ausgetragen werden, in denen sich aus drei Mannschaften jeweils die besten zwei für eine erste K.-o.-Runde qualifizieren. Insgesamt bliebe so die Zahl der Spiele, die jeder einzelne WM-Teilnehmer bestreiten muss, wie bisher bei sieben. Insgesamt werden 80 WM-Spiele ausgetragen, bis der Weltmeister feststeht“ (48 Teams – Fifa vergrößert die WM, in spiegelonline 10.1.2017).

Kommentare zur Fifa-WM-Aufblähung:
DFB-Präsident Reinhard Grindel (DFB-Präsident): „Ich bin nicht glücklich mit dieser Entscheidung und hätte mir vor allem gewünscht, dass alle wichtigen Fragen zu Organisation und Modus komplett geklärt sind. Da der Beschluss aber im Fifa-Council einstimmig getroffen wurde, gilt es nun, ihn zu respektieren und den Blick nach vorn zu richten.“
Grindel will in das Exekutivkomitee der Uefa und das Fifa-Council einziehen – da hält man sich mit kritischen Kommentaren gern zurück.
Özcan Mutlu, sportpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion: „Infantino geht es nur darum, seinen Machtkreis und Einfluss zu vergrößern und noch ein wenig fester an der Gelddruckmaschine Fußball-WM zu kurbeln. Statt im eigenen Laden aufzuräumen, Korruption zu bekämpfen, die fragwürdigen Vergaben der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 genauer unter die Lupe zu nehmen, funktionierende Good-Governance Strukturen zu implementieren und Transparenz zu schaffen, kümmert er sich um seine Wahlgeschenke. Das treibt die auswuchernde Kommerzialisierung des Fußballs, bei dem der Sport inzwischen zur Nebensache geworden ist, nur noch weiter voran“ („Idiotisch“, in spiegelonline 10.1.2017).
Holger Gertz in der SZ: „16 Mannschaften mehr bedeuten: mehr Lizenzverträge, mehr Einkünfte, mehr Geld für die Fifa, der es finanziell gut geht, aber besser gehen könnte. Die Fifa ist noch dabei, die Affären der Vergangenheit aufzuarbeiten, juristische Auseinandersetzungen kosten Geld. Eine WM mit 48 Mannschaften ist ein verwässerter Wettbewerb, man hat das bei der letzten Euro gesehen: Es zieht sich und zieht sich, nach zwei Wochen fängt es endlich richtig an. (…) Weltmeisterschaften waren Ereignisse, auf die die Meister in aller Welt so hinfieberten wie die Lehrlinge, Weltmeisterschaften wurden verklärt und idealisiert, aber irgendwas ist zerbrochen in den vergangenen Jahren. Wenn man an Weltmeisterschaften denkt und nicht gerade einen Ball als Kopf mit sich herumträgt, denkt man immer auch an die Schatten, die die Welt wirft. Teure Stadien in Südafrika und Brasilien, tote Arbeiter in Katar, Korruption in Russland. Und wenn man schon mal bei Schatten angekommen ist, ist man schnell beim Weltfußballverband Fifa. Dem Kürzel Fifa stellen Graffiti-Schmierfinken gern den Zusatz Fuck voran, die Fifa hat sich das Kurzwort Fuck als weltweit verstandenen Vornamen eingehandelt. Und ihre Antwort ist: alles noch größer machen, alles weiter dehnen, und das Ganze so verkaufen, als ginge es in Wahrheit um das Glück der Kleinen in der Welt. Die aber natürlich bei Abstimmungen in der Fußballweltregierung zum Dank das Kreuzchen richtig setzen“ (Gertz, Holger, Spielt mal schön, in SZ 11.1.2017).
Thomas Kistner in der SZ: „Der Fifa-Boss verfolgt seinerseits eine Strategie. Sein Problem ist, dass sich die Fifa dank bekannter Turbulenzen eine Reform aufladen musste, die das Hauptamt stark aufwertet – und den Präsidentenjob zum Frühstücksdirektor reduziert. Infantino löst das Problem, indem er Leute ins Hauptamt holt, die ihn unentbehrlich machen. Ins Generalsekretariat berief er die UN-Mitarbeiterin Fatma Samoura; die Senegalesin kümmert sich gern um Fragen der Innendekoration. Das Geschäft regelt ihr Vize Zvonimir Boban, umstrittener Ex-Kicker und Freund des Präsidenten. Weitere Ehemalige umgeben den Boss wie eine Prätorianer-Garde. Während van Basten das Spiel aufpeppt, wirkt im Problemfeld Südamerika ein anderer Altstar, der Infantino kürzlich noch attackiert hatte: Diego Maradona. Es heulen die Windmaschinen auf der Fifa-Bühne, während hinter den Kulissen Infantino das tut, was er gerade nicht tun sollte: den Laden regieren“ (Kistner, Thomas, Ideen zum Vergessen, in SZ 21.1.2017).
Johannes Aumüller in der SZ: „Europa wird der Verlierer sein, so viel steht schon fest. Die Frage ist nur, wie hoch die Niederlage ausfällt. Neben all den Vorgängen aus den Sumpfgebieten des Weltfußballs dürfte die mächtigsten Funktionäre des Gewerbes in den nächsten Wochen vor allem ein Thema beschäftigen: die künftige Verteilung der WM-Startplätze zwischen den Konföderationen. Von 2026 an steigt die Teilnehmerzahl von 32 auf 48 Länder, und längst haben die Interessensvertreter der einzelnen Erdteil-Verbände das Feilschen begonnen, wie sie vom Aufwuchs möglichst umfänglich profitieren können. An diesem Donnerstag etwa befasst sich der Vorstand von Europas Fußball-Föderation (Uefa) mit dem Thema. Deren Vertreter positionierten sich bisher auffallend zurückhaltend. ‚Minimum drei zusätzliche Plätze‘, das ist die Formel, die zuletzt von ihrem Boss Aleksander Ceferin und anderen Vertretern zu vernehmen war, also 16 statt bisher 13. Gewiss ist allen beteiligten Funktionären klar, dass die von Fifa-Präsident Gianni Infantino so forcierte, aber aus qualitativer sowie turnierdramaturgischer Sicht problematische Aufstockung des Teilnehmerfeldes vor allem drei Föderationen zugutekommen soll: Afrika, Asien sowie Nord- und Mittelamerika. Aus diesen Verbänden kommen bei Präsidentschaftswahlen traditionell die entscheidenden Stimmen, das weiß Infantino nur zu gut. Aber dennoch verblüfft es, wenn Europas Vertreter nicht forscher ihre Ansprüche formulieren. (…) Es wäre also alles bereitet für einen ordentlichen Konflikt der Europäer mit dem Weltverband. So wie es das unter der langjährigen Fifa-Regentschaft von Sepp Blatter des Öfteren gab. Aber es ist fraglich, ob es auch unter der gegenwärtigen Personalkonstellation dazu kommt. Denn nach der gängigen Lesart war Fifa-Chef Infantino nicht unmaßgeblich daran beteiligt, dass sich der damals unbekannte und zugleich mächtig umstrittene Slowene Ceferin bei der Wahl vor einem halben Jahr gegen seinen geschätzten niederländischen Rivalen Michael van Praag durchsetzen konnte. Insofern darf Ceferins Verhalten bei der Startplatz-Verteilung gleich als Lackmustest für die nächsten Jahre gelten. Ob er jemand ist, der für die Interessen Europas kämpft – oder ob er sich mehr oder weniger widerstandslos dem Diktat Infantinos beugt“ (Aumüller, Johannes, Europa im Nachteil, in SZ 9.2.2017).

– Infantino und die Seinen
Thomas Kistner zu Infantino in der SZ: „Der Schweizer macht gerade wieder das, was er im formal reformierten Amt des Fifa-Präsidenten nicht tun sollte: Politik, Strippen ziehen. Infantino ist nächstes Wochenende ein Jahr lang an der Fifa-Spitze. Dass ihm die Medien dann eine lange Mängelliste präsentieren, kann der Mann mit dem gusseisernen Ego verschmerzen. Die wahren Probleme lauern dort, wo sie dem Weltverbandschef gefährlich werden können: innerhalb der Funktionärsfamilie. Fifa-intern zog er ein Revirement durch: 81 Mitarbeiter verließen die Fifa, jeder Fünfte. Aus Angst, Resignation oder im Zorn. Neubesetzungen wirken oft bizarr, angefangen beim mächtigsten Amt: Generalsekretärin wurde Fatma Samoura. Die langjährige UN-Mitarbeiterin ist bar jeder Sporterfahrung. (…) Im Untergrund des Zürichbergs, wo die Verbandszentrale sechs Stockwerke tief ins Erdreich geht, hat Infantino alles im Griff. Doch draußen entgleitet ihm die Macht. Nur ein Jahr brauchte Infantino, um in die Isolation abzudriften. Sein Wahlvolk hat von dem Geldsegen, den er bei seiner Kür vor einem Jahr in Aussicht gestellt hatte, noch nichts gesehen. Beim Kongress in Mai in Bahrain wird gar ein Defizit erwartet, aufgehübscht womöglich mit Rücklagen. Die Fifa findet keine Topsponsoren mehr: 2018 wird die WM in Russland gespielt, noch immer sind zwei der höchsten Werbeplätze vakant. Die neue Fifa, die Infantino versprach, mag niemand erkennen. (…) Auf Distanz zu Infantino gehen auch die dunklen Mächte auf der Führungsebene, ohne deren Support ein Fifa-Chef eine kurze Halbwertszeit besitzt. Am heikelsten ist ein Dissens mit Witalij Mutko. Unlängst soll Infantino dem russischen Vize-Premier und Fifa-Vorstand geraten haben, das Amt des nationalen Fußballchefs abzugeben (was er bestreitet). Mutko soll das verärgert haben. Jedenfalls ignorierte er den Rat und hat nun eine so bizarre Ämterfülle, dass das Governance-Komitee der Fifa vor der Zerreißprobe steht, wenn es im März urteilen muss, ob der Russe noch für das hohe Fifa-Amt taugt. Sport und Politik dürfen nicht vermischt werden, lautet in der Sportwelt das oberste Gesetz – dank dieser frommen Regel haben Fifa und andere Verbände schon manches Land suspendiert, dessen Politiker korrupte Funktionäre absetzen wollten. Kann also ein Vize-Premier zugleich nationaler Fußballchef sein? Miguel Poiares Maduro aus Portugal, der Chef des Governance-Stabs, gilt als mutiger Mann. Früher war er Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof. An der Causa Mutko hängt für Infantino noch viel mehr. Der Russe hat die Europa-Union Uefa im Griff; besonders nahe steht ihm der neue Uefa-Präsident Alexander Ceferin, ebenfalls Fifa-Vize. Dem hatte massive Hilfe aus Osteuropa in den Sattel geholfen. Ceferin ist Teil eines aus dem Nichts erblühten Slowenen-Doppels: Sein Freizeitkicker-Kollege Thomas Vesel ist neuer Compliance-Chef der Fifa. (…) Was Infantino jetzt schon verliert, ist Einfluss in der Fußballwelt. In der Karibik unterlag sein Favorit für das Spitzenamt in der Regionalunion CFU. Und im Asien-Verband AFC wurden zwei Infantino-nahe Kandidaten für den Fifa-Vorstand, aus Singapur und dem Iran, spektakulär gestoppt. Der Wahlkongress im Herbst 2016 in Indien war nach 27 Minuten vorbei, das 42:1-Votum für den Abbruch erfolgte in Gegenwart Infantinos. In Afrika sähe der Fifa-Boss nun gern das Ende seines Widersachers Issa Hayatou, Chef des Kontinentalverbandes Caf. Der Kameruner amtiert seit 1988, ein Wechsel wäre dringend nötig – nur wirkt der Herausforderer kaum seriöser. Ahmad Ahmad, Verbandschef Madagaskars, findet sich auf der Liste der Personen, die der wegen Korruption lebenslang gesperrte Katarer Mohamed Bin Hammam bedient haben soll. Das zeigen Mails aus 2010. Ahmad bestritt jedes Fehlverhalten, nun will er Afrika-Boss werden. Ende 2015 übrigens lernte bei ihm in Madagaskar Infantino die langjährige dortige UNO-Koordinatorin kennen: Fatma Samoura. Monate später wurde sie Generalsekretärin in Infantinos neuer Fifa“ (Kistner, Thomas, Die neue Fifa? Nicht mit diesem Chef, in SZ 18.2.2017).

Und aus einem Betrag von Johannes Aumüller und Thomas Kistner in der SZ: „Auf seinen wohl schwersten Fehler steuert Infantino nach Expertenansicht aber erst jetzt zu: In Zürich gilt als offenes Geheimnis, dass er erwägt werde, die Spitzen der unabhängigen Ethikkammern beim Kongress in Mai abzusetzen (SZ vom 18. 2.); auch die US-Anwaltskanzlei Quinn Emanuel, die den Fifa-Morast unter Aufsicht der US-Justiz durchpflügt, hätte die Fifa-Spitze gern vom Hals. Und am besten auch noch den langjährigen Justitiar Marco Villiger – den Mann, der alles weiß. Strafrechtsexperten weisen darauf hin, dass sich die Fifa da schwer vergaloppieren könnte. Der Opferstatuts, den sie derzeit in den US-Ermittlungen unter dem Anti-Mafia-Gesetz Rico genießt, könne sich „jederzeit“ in den Täterstatus kehren; er hängt auch vom Verhalten der Fifa-Spitze ab – und von der Frage, wie glaubwürdig die Reform- und Aufräumprozesse intern vollzogen werden. Täterstatus: Das müsste den K.o. für die Fifa bedeuten. Wegen möglicher Milliardenforderungen am Ende des Prozesses, und weil es Firmen von Coca-Cola bis Adidas kaum möglich wäre, noch Werbegeschäfte mit einer Organisation zu pflegen, die unter Mafiaverdacht steht. Hinzu käme die Frage, wie sich die Banken in so einem Szenario verhielten. (…) Die zweite brisante Personalie ist Mutko, der prägende Sportpolitiker des nächsten WM-Gastgebers Russland. Der Vertraute von Wladimir Putin war lange Sportminister, vor einem Vierteljahr rückte er zum Vize-Premier auf. Im nationalen Staatsdopingskandal spielt er eine zentrale Rolle. Seit 2009 ist er Fifa-Vorstand, seit Ende 2015 wieder Chef des russischen Fußballverbandes, was er schon früher einmal war. Sport und Politik – das ist eine heikle Doppelfunktion. In Moskau heißt es, Infantino habe Mutko im Herbst telefonisch von einer Wiederwahl abgeraten (was bestritten wird). Jedenfalls trat Mutko an und gewann. Aber das Thema schwelt weiter. Der frühere russische Funktionär Alischer Aminow reichte bezüglich Mutkos Doppelrolle und dem erkennbaren Interessenskonflikt schon 2016 eine Beschwerde beim Fifa-Ethikkomitee ein. Es geht um Verstöße gegen den Ethikcode sowie die Wahlstatuten von Welt- und russischem Verband. Gemäß Reglement sind Einflussnahmen durch nationale Regierungen untersagt. Das hebt die Fifa auch selbst gern hervor, wann immer es ihr genehm ist. (…) Und stärker als die Ethiker ist zunächst ein anderes Gremium gefragt, wenn es um Mutko geht: das Governance-Komitee. Im April will sich der Russe beim Uefa-Kongress erneut als Kandidat fürs Fifa-Council wählen lassen, im Mai würde die Bestätigung auf der Versammlung des Weltverbands folgen. Sportpolitisch stehen Mutkos Chancen bestens. Aber der Governance-Stab muss prüfen, ob er trotz Dopingreport und Doppelrolle überhaupt wieder ins Gremium aufrücken darf. Chef dieses Gremiums ist der Portugiese Miguel Maduro. Er war früher Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof und gilt als unabhängiger Kopf“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Zwischen Mutko und Madagaskar, in SZ 24.2.2017).

– Infantino will Ethikkommission umbesetzen
„DFB-Präsident Reinhard Grindel hat Fifa-Boss Gianni Infantino vor einer schnellen Umbesetzung der Ethikkommission gewarnt. (…) Aus Insiderkreisen hieß es zuletzt, dass die Spitzen der beiden Ethik-Kammern, der Schweizer Cornel Borbely und der Deutsche Hans-Joachim Eckert, beim nächsten Kongress im Mai in Bahrain ausgetauscht werden könnten. (…) Die Kommission um Borbely und Eckert hatte in den vergangenen Jahren gegen mehr als 60 Fifa-Funktionäre ermittelt und unter anderen den ehemaligen Verbandschef Joseph Blatter sowie den früheren Uefa-Boss Michel Platini zu mehrjährigen Sperren verurteilt. Intern soll Infantino sich und seine Council-Kollegen als ‚Geiseln‘ der Kontrollgremien bezeichnet haben, was er bestreitet“ (SID, Grindel mahnt, in SZ 27.2.2017).

– Wie der Uefa-Chef Ceferin mithilfe von Mutko gewählt wurde
„Just in der Uefa besitzt Mutko enormen Einfluss, das zeigte die Kür des neuen Präsidenten Ceferin im Herbst 2016. Dazu verriet Italiens Verbandschef Carlo Tavecchio kürzlich per Interview: Der Senkrechtstart des im Fußball unbekannten Ceferin sei unter Mutkos generalstabmäßiger Regie erfolgt. „Als noch niemand eine Ahnung von Ceferin“ hatte, habe ihn ein türkischer Funktionär nach Istanbul gebeten, berichtete Tavecchio. Er sei hingeflogen, ‚und auf einmal war ich mit den Russen zusammen‘. Mutko, Kollegen aus Armenien und Schattenkandidat Ceferin hätten ihn ermuntert, auf die Linie der Verbände des Ostens einzuschwenken. Das habe er getan, und fortan mitgeholfen: ‚Ich habe Frankreich und Deutschland bei einem Treffen in Coverciano überzeugt. Jetzt stehen wir aus Uefa-Sicht in der allerersten Reihe‘. Was sich schon auszahlte. ‚Falls ich wiedergewählt werde‘, lockte Tavecchio vergangene Woche, ’schiebe ich eine EM-Bewerbung für 2028 an.‘ Tage später kehrte der 73-jährige Skandalfunktionär, der wegen rassistischer und homophober Aussagen viel Kritik auf sich zog, nach einer Stichwahl ins Präsidentenamt zurück“ (Kistner, Thomas, Verstoß aus dem Fußball-Olymp, in SZ 11.3.2017; Hervorhebung WZ).

– Miguel Maduro greift durch – wie lange?
„Die Fifa verbietet Witali Mutko, Cheforganisator der WM 2018 in Russland, den Wieder- Einzug in ihr mächtiges Führungsgremium, das Council. Dies beschloss das für die Integritäts-Checks der Funktionäre zuständige Governance-und-Review-Komitees des Fußball-Weltverbandes. Der Stab um den Portugiesen Miguel Poiares Maduro brüskiert damit den russischen Vize-Premier und Vertrauten von Staatschef Wladimir Putin: Drei Monate vor Anpfiff des Confederation Cups in der Heimat wird Mutko aus dem Fußball-Olymp gejagt, in dem er acht Jahre saß – mit massiven internen Turbulenzen ist zu rechnen. (…) Die Fifa legte den sportdiplomatischen Zwischenfall so dar: Ihre Integritätsprüfer hätten festgestellt, dass sich Mutkos Rolle als russisscher Vize-Premier nicht mit den Grundsätzen der politischen Neutralität und der Verhinderung jeder Regierungseinmischung in Fifa-Belange vertrage. Mitglieder einer Regierung könnten nicht neutral gegenüber ihrer Landespolitik bleiben. Soweit das Offizielle. Insider berichteten bereits von einem intensiven Telefonat zwischen Mutko und Aleksander Ceferin, den Chef des europäischen Verbandes Uefa. Was immer zu besprechen war – für Gianni Infantino, den Fifa-Chef, kann es kaum Gutes bedeuten. Zwar dürfte der Schweizer das Verdikt der Governance-Leute um Maduro, einst Generalanwalt am Europäischen Gerichtshof, selbst verfluchen; auch soll er Mutko schon im Herbst mit Blick auf dessen Interessensverfilzungen abgeraten haben, erneut für das Amt des russischen Verbandschefs zu kandidieren (was Infantino bestreitet). Aber den erhofften Einfluss auf Maduros Gremium hatte er nicht. Das dürften ihm Europas Verbände ankreiden. (…) Eng wird es auch für Mutko. Zwar darf er die übrigen Fußballämter behalten, eine komplette Verbannung könnte nur das Fifa-Ethikkomitee verfügen. Aber auch die Ethiker sind ihm in der Spur: Sie wollen Mutkos Rolle im mit staatlicher Hilfe orchestrierten Doping in Russland aufklären – und warten noch immer auf Amtshilfe des Doping-Sonderermittlers Richard McLaren. Der hat in seinem Report satte 33 Verdachtsfälle im russischen Fußball aufgelistet. Beim Bannspruch gegen Mutko hat das Dopingthema keine Rolle gespielt. Doch über das Verdikt, die Verquickung hoher Ämter in Politik und Sport nicht mehr zu dulden, erreichen die Prüfer sowieso viel mehr Funktionäre als über die gut abgeschirmten Pharmaschiene“ (Kistner, Thomas, Verstoß aus dem Fußball-Olymp, in SZ 11.3.2017).
„Mutko darf nicht erneut ins mächtige Council des Weltverbandes Fifa gewählt werden, weil ‚jegliche Form von politischer Einflussnahme‘ verhindert werden müsse, teilte die zuständige Prüfungskommission mit. Als russisches Regierungsmitglied könnte Mutko in Interessenkonflikte geraten. Gut ein Jahr vor der WM 2018 verliert der Ausrichter deshalb seinen Sitz im wichtigsten Gremium des Weltfußballs. (…) Mutko wollte sich eigentlich beim Kongress der Europäischen Fußball-Union Uefa am 5. April in Helsinki im Amt bestätigen lassen. Er war einer von fünf Kandidaten für vier Plätze im Fifa-Rat; 2009 war er erstmals ins damalige Exekutivkomitee gerückt. Mutkos großer Einfluss, vor allem auf die osteuropäischen Uefa-Staaten, hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Sieg geführt. Russland dürfte auch einen großen Anteil daran gehabt haben, dass der bis dato unbekannte Slowene Aleksander Ceferin im vergangenen September zum Präsidenten des Europa-Verbandes gewählt wurde. (…) ‚Sie wollen, dass die Organisation politisch neutral bleibt. Das ist ihr gutes Recht‘, sagte Mutko der Agentur Tass, äußerlich gelassen. Seine Ämter als Vorsitzender des russischen Fußballverbandes RFU und des WM-Organisationskomitees behält der 58-Jährige“ (SID, SZ, Russlands Wut, in SZ  13.3.2017).

– Neuer Alexej statt alter Witalij
„Nachdem der Vize-Premier und Multifunktionär Witalij Mutko nicht für das neue Council des Fußball-Weltverbands zugelassen worden ist, arbeiten die Strategen in Moskau an einem Plan, wie sie sich dennoch einen Platz in dem wichtigen Gremium sichern können. Aus dem Umfeld des nationalen Fußballverbandes (RFS) war am Donnerstag zu vernehmen, dass statt Mutko nun Alexej Sorokin, Cheforganisator der WM 2018, Mitglied des Councils werden soll. (…) In jedem Fall dürfte es eine Weile dauern, bis Sorokin (oder ein anderer Vertreter Russlands) den begehrten Platz einnehmen kann. Der Europäische Fußballverband (Uefa) darf vier Mitglieder fürs Council neu bestimmen, die Wahl erfolgt auf dem Kongress der Konföderation in Helsinki am 5. April. Nach dem Ausschluss Mutkos sowie dem Rückzug des Isländers Geir Thorsteinsson stehen für diese vier Positionen aber nur noch drei Kandidaten zur Verfügung. Eine Nachnominierung ist nach Angaben eines Sprechers nicht möglich, da die Frist schon abgelaufen ist. Von daher soll es im Laufe des Jahres einen weiteren Kongress geben, bei dem die Uefa den vakanten vierten Platz vergeben würde. Dann wird sich wohl Sorokin bewerben – und dürfte es eine spannende Frage sein, ob sich andere Föderationen gegen die russischen Pläne stellen“ (Sorokin statt Mutko, in SZ 24.3.2017).

– Wie entfernt die Fifa die Leitung ihrer Ethik-Kommission?
Am 11.5.2017 wird der nächste Fifa-Kongress in Bahrain über die Neubesetzung der Fifa-Ethikkommission diskutieren. „Der Fußball-Weltverband steuert in eine Zerreißprobe. Die Fifa-Spitze unter Präsident Gianni Infantino will sich ihrer kritischsten Aufpasser entledigen, das legt nun ein fragwürdiges Prozedere für die Neubesetzung des Ethikkomitees nahe. Aus Sicht von Rechtsexperten riskiert die Fifa sogar einen Satzungsbruch, was gravierende Folgen hätte. (…) Das in zwei Kammern aufgeteilte Gremium erwarb sich unter Vorsitz des Schweizer Anwalts Cornel Borbely (Untersuchungskammer) und des Münchner Richters Hans-Joachim Eckert (Spruchkammer) einen guten Ruf. Es verbannte Größen wie Sepp Blatter und Michel Platini aus dem Fußball und schreckte auch nicht zurück, Infantino mit einer Voruntersuchung zu behelligen – kurz nach dessen Inthronisierung. Das Duo Eckert/Borbely will weitermachen. Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass Infantino und andere Topfiguren im Weltfußball lieber andere Personen an der Spitze der Kammern sehen würden. Formal sind Eckert/Borbely bis zum Kongress gewählt. Die Prozedur für die Neuwahl der Ethik-Spitzen ist in den Statuten klar geregelt: Kandidaten darf allein das Fifa-Council vorschlagen. Auch sind die Fristen eindeutig benannt: Das Council muss Vorschläge schriftlich spätestens vier Monate vor dem Kongress an das Fifa-Generalsekretariat schicken. Einsendeschluss wäre also der 11. Januar gewesen“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Gegen die eigenen Regeln, in SZ 17.3.2017). Die Uefa gab auf die Anfrage der SZ bekannt, dass sie am 1.2.2017 von der Fifa kontaktiert wurde und bis 28.2.2017 Vorschläge abgegeben hätte – rund sieben Wochen zu spät. Wenn das Fifa-Council die Vorschlagsfrist versäumt, wäre dies „ein wesentlicher Verfahrensfehler mit der etwaigen Folge, dass die Wahl durch den Kongress angefochten werden könnte“, so ein Jurist des Sportgerichtshofes Cas. „Weil das auch die Fifa wissen dürfte, darf spekuliert werden, ob sie auf einen trickreichen Ausweg sinnt. Der so aussehen könnte: Der Kongress als gesetzgebendes Organ des Weltverbands könnte die Statuten verändern – also in Bahrain das Wahlprozedere kurzfristig korrigieren, oder den Verstoß gegen die eigenen Statuten absegnen. So ein Hintertürchen, nicht untypisch in der Fifa-Denke, sieht auch der Cas-Experte: Denkbar wäre, dass der Kongress ‚ad hoc etwas anderes beschließt'“ (Ebenda). – „Die Vorgänge sind im Kontext von Infantinos politischer Notlage zu sehen. Asien ist gegen ihn, in Europa ist er stark umstritten, zumal soeben der russische WM-Chef und Vize-Premier Witalij Mutko durch das sogenannte Governance-Komitee der Fifa aus dem Rat verbannt wurde. Und am Donnerstag wählte Afrika einen neuen Kontinentalchef: Zwar löste Infantinos Vertrauter Ahmad Ahmad (57, Madagaskar) mit 34:20-Stimmen den Infantino-Gegner Issa Hayatou (70, Kamerun) ab. Doch Ahmad ist nicht aus dem Schneider: Gegen ihn laufen Vorermittlungen der Fifa-Ethiker“ (Ebenda).
Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura äußerte, sie würde „zu hundert Prozent“ hinter den Vorsitzenden der unabhängigen Fifa-Ethikkommission, Corbel Borbely und Hans-Joachim Eckert stehen. Einladungen zum Kongress am 11.5.2017 in Bahrain wären noch  gar nicht versandt worden. Und unter den 81 ehemaligen Mitarbeitern wären nur 27, denen gekündigt worden war (SID, „Hundert Prozent“, in SZ 27.3.2017).

Vergleiche auch:
Al-Sabah
Salman Al Khalifa – Blatters würdiger Nachfolger?
Fußball-WM 2006: Blatters WM-Kabinett 2000 – und was daraus wurde
Fifa-Präsidentenwahl 26.2.2016

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