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Jun 162016
 
Zuletzt geändert am 07.02.2017 @ 15:56

16.6.2016, aktualisiert 6.2.2017

Zur Definition
– „Mit dem Begriff ‚Hooligans‘ werden meist junge Männer bezeichnet, die sich in Gruppen im Umfeld von Fußballspielen oder anderen Großereignissen Schlägereien mit rivalisierenden Gruppen oder auch mit Sicherheitskräften wie der Polizei liefern. (…) Die Hooligan-Bewegung stammt ursprünglich aus England und hat sich schnell ausgebreitet. In den 1950er und 1960er Jahren war dieses Rowdytum in Großbritannien auch bei Tanzveranstaltungen in Großstädten weit verbreitet. (…) Wie der Name zur Bezeichnung für Rowdys wurde, gilt als ungesichert. Häufig genannt wird eine fiktive irische Familie namens O’Hoolihan, die aufgrund ihrer Gewalttätigkeit Ende des 19. Jahrhunderts in einem Lied der britischen Music Halls sowie als ein Charakter von Cartoons bedacht wurde. (…) Das Phänomen des Hooliganismus wurde zunächst sozialstrukturell untersucht, wonach sich Jugendliche aus unteren sozialen Schichten früher und stärker an gleichaltrigen Gruppen orientieren. Demnach neigten sie, bedingt durch den erhöhten Druck, zur aggressiven Selbstbehauptung sowie kollektiver Abgrenzung zu anderen Gruppierungen“ (Wikipedia)
– „Hooligans entstammen allen sozialen Schichten. Sie sind vernetzt, mobil, beruflich integriert und außerhalb ihrer Gewaltexzesse Meister der Unauffälligkeit. Ihr Kampf ist roh und direkt. Gesucht wird die Auseinandersetzung Mann gegen Mann, aber stets in der Gruppe. (…) Das Ausmaß der Gewalt wird nicht durch die Verletzungen des Gegners bestimmt, sondern durch Energie und Wut des Angreifers. Die Schlachten, die Hooligans schlagen, sind nie endgültig entschieden. Es kämpfen Gruppen gegeneinander, aber Sieg und Niederlage sind nicht von Dauer. Man trifft sich, wo man Gegner findet; in der Nachbarstadt, im Nachbarland. (…) Von normalen Fußballfans und Ultras unterscheiden sich Hooligans durch ihr geringes Interesse für Vereinssport. Fußball war nie Voraussetzung für Hooliganismus, sondern immer nur Gelegenheit: Spiele an Wochenenden, unübersichtliche Menschenansammlungen, Polizei. (…) Während die Spieler auf dem Rasen um den Sieg kämpfen, bekriegen sich Hooligans auf der Tribüne und vor dem Stadion. Besonderen Nachrichtenwert haben die Exzesse der Hooligans, wenn nicht andere Hooligans, sondern Polizisten, Ordner, Fußballfans oder Touristen angegriffen oder verletzt werden. Hooligans werden dann als Gefahr wahrgenommen, die jeden treffen kann“ (Hedde, Jan, Spaßgesellschaft und Stahlgewitter, in spiegelonline 3.7.2016).

Das Folgende ist eine kleine chronologische Presseschau aus der Süddeutschen Zeitung und von Spiegelonline über die vor allem von russischen Hooligans provozierten Ereignisse um die Fußball-EM 2016 in Frankreich.

– Intro: Die Fußball-EM 2012 in Polen und der Ukraine
„Bei Russland handelt es sich um einen Wiederholungstäter: Schon bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine waren Fans negativ aufgefallen. Damals  gab es  eine Geldstrafe über 120.000 Euro und die Drohung, in der Qualifikation für die WM 2016 sechs Punkte abzuziehen – dazu kam es aber nicht“ (Aumüller, Johannes, Attacke auf den Nachbarblock, in SZ 13.6.2016).

13.6.2016
Militante russische Hooligans stürmen am 11.6.2016 nach dem Spiel England-Russland (Spielstand 1:1) den englischen Block und verprügeln brutal englische Fans. Der Chef der russischen Fan-Vereinigung, Alexander Schprygin, kommentierte in sozialen Netzwerken: „Der 11. Juni, ein hervorragender Tag“ (Aumüller, Johannes, Attacke auf den Nachbarblock, in SZ 13.6.2016). Der russische Sportminister Witalij Mutko (auch Präsident des nationalen Fußballverbandes und Mitglied im Exekutivkomitee der Fifa) kritisierte die französischen Organisatoren und  fragte öffentlich: „Was hat die WM 2018 (in Russland; WZ) damit zu tun?“ (Ebenda).  – „Aber gegen die Klarheit der vielen Bilder konnte selbst Mutko nicht mehr viel ausrichten…“ (Ebenda). – „Es ist ein Kampf um Leben und Tod, immer wieder. Denn immer wieder zeigt das französische Fernsehen am Sonntag dasselbe Video, dieselbe Szene: Ein Polizist der CRS, der ‚Sicherheitskompanien der Republik‘, beugt sich über den Leib eines ohnmächtigen Fans. Schemenhaft ist das rote, geschwollene Gesicht des kahlen Mannes auf dem Pflaster am Alten Hafen von Marseille zu erkennen. (Ebenda)
„Auch die zahllosen Videos, die nun im Internet kursieren, erzählen eine andere Geschichte. Da ist zu sehen, wie am sonnigen Samstagnachmittag, so gegen 16.30 Uhr, auf dem Quai de Rive-Neuve zwei Menschenhorden Flaschen und Steine aufeinander schleudern. Die einen wirken paramilitärisch gut organisiert, tragen pechschwarze T-Shirts und stammen aus Russland, die anderen haben das weiße Trikot der englischen Nationalmannschaft angezogen oder sind halb nackt und grölen: ‚Fuck you, Europe!‘ Per Video ist ebenso dokumentiert, wie später auf einer Straßentreppe ein Hooligan einem anderen einen Klappstuhl auf den Kopf schlägt (und das Möbel dabei zertrümmert). (…) Und verewigt sind auch die Jagdszenen, die sich 300 Meter weiter nach 18 Uhr an der Place Général de Gaulle abspielten. Hier kämpfte jeder gegen jeden: Briten, Russen und obendrein französische Schlägertrupps, darunter offenbar jene berüchtigten ‚Ultras‘, die bei den Heimspielen von ‚Olympique de Marseille‘ die Fans der Gastmannschaft einschüchtern. Auf einem Video ist ein Mann zu erkennen, der zwischen Schlägern zu schlichten versucht. Plötzlich taucht aus Schwaden von Tränengas ein bulliger Kerl in Shorts und blauer Jacke auf, der den Passanten mit einem linken Haken niederschlägt. Einfach so. Es fliegen Steine, Polizeisirenen tönen, der Mann bleibt regungslos im Staub zurück. (…) Antoine Brandet ist Chef der staatlichen Sonderdivision zur Bekämpfung von Hooligans (DNLH). Er „verweist darauf, dass die britische Regierung 3254 Hooligans vorsorglich die Reisepässe entzogen hatte. Dass dennoch Hunderte Hooligans aus Großbritannien und Russland in Marseille Bürgerkrieg spielen konnten, liege in der Verantwortung von London und Moskau: ‚Das waren wohl Leute, die die Geheimdienste der Herkunftsländer nicht kannten‘. (…) Aber Paris wusste, dass allen voran die Fans aus England und Russland, aus Polen und der Türkei Probleme machen wollten. Deshalb hatte man ja die samstägliche Partie im ‚Stade Vélodrome‘ als eines von fünf ‚Risikospielen‘ eingestuft. Dennoch gelang nach dem Schlusspfiff einem Mob russischer Fans, in für Engländer reservierte Stadionblöcke vorzudringen. Die Uefa kündigte am Sonntag an, sie wolle zumindest aus dieser Panne von Marseille Lehren ziehen und das Sicherheitspersonal aufstocken“ (Wernicke, Christian, Blutiger Asphalt, in SZ 13.6.2016).
Vor der DFB-Partie griffen fünfzig deutsche Hooligans mehrere ukrainische Fans an: Es gab zwei Verletzte (DPA, Zwei Verletzte, in SZ 13.6.2016).

– Das Uefa-Weltbild zeigte: nichts
ARD und ZDF haben sich über die Auswahl der TV-Bilder durch die Europäische Fußball-Union (Uefa) bei der EM beschwert. „Natürlich haben wir die Erwartung, dass – auch angesichts der brisanten gesellschaftspolitischen Lage – alle relevanten Szenen im Weltsignal der Uefa enthalten sind“, sagte ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz dem Sport-Informations-Dienst: ‚Diese Erwartungshaltung haben wir auch klar formuliert.‘ Auch die ARD wurde aktiv. ‚Wir haben die Uefa aufgefordert, uns solche Bilder kurzfristig zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus werden wir alles daransetzen, derartige Vorfälle mit eigenen Teams und Kameras zu dokumentieren – wie es uns am Samstag ja auch gelungen ist‘, sagte ARD-Teamchef Jörg Schönenborn. (…) Als es am Samstag nach dem Spiel zwischen England und Russland auf den Tribünen des Stade Velodrome in Marseille zu Ausschreitungen kam, war im deutschen Fernsehen fast nichts zu davon zu sehen, weil die Uefa in ihrem TV-Live-Signal grundsätzlich keine ‚brenzligen‘ Szenen zeigt. Dazu gehören auch Flitzer und das Abbrennen von Pyrotechnik“ (SID, DPA, ARD und ZDF beschweren sich, in SZ 14.6.2016).

– Exkurs: Die Uefa-Bilder von der Fußball-EM 2016 in Frankreich
Bei Sport-Großereignissen von Fifa, Uefa und IOC ist es durchaus Standard, dass die Sportkonzerne  auch die TV-Bilder liefern, die dazu zeitversetzt gesendet werden, um Proteste, Demonstrationen etc. ausblenden zu können. (Vergleiche im Kritischen Olympischen Lexikon: Host Broadcasting Service; Weltbild von Fifa/Uefa).
Bei der EM 2016 gab es z. B. beim Spiel England gegen Russland zahlreiche Krawalle: Etwa 150 bestens trainierte russische Hooligans verfolgten die britischen Fans. Diese brutalen Szenen wurden nicht von der Uefa-Bildführung gezeigt. „Was davon gesendet, was weggelassen wird, müssen die Medien beantworten. Das führt zu sehr unterschiedlichen Präsentationen, kurz hintereinander, auf dem selben Kanal. Denn wenn Fußball gespielt wird, sind die übertragenden Sender auf die Bilder der Weltregie im Auftrag des Europäischen Fußball-Verbandes (Uefa) angewiesen. Die Weltregie musste sich schon bei früheren Turnieren den Vorwurf der Zensur gefallen lassen. Am Samstagabend unterließ sie es, die russischen Fans in Marseille dabei zu verfolgen, wie sie in den englischen Block stürmten. Stattdessen legten die Öffentlich-Rechtlichen einen Zahn zu. Eingerahmt wurden jene Uefa-Szenen aus einer vermeintlich bunten Stadionwelt von den diversen Nachrichtensendungen. Und bei ARD und ZDF hatte man sich offenbar dazu entschlossen, dieses Mal ganz nah ran und voll drauf zu halten. Wann wurde je zuvor Reality-TV so authentisch umgesetzt und ein Mordversuch derart scharf ins Bild gerückt? Immer wieder wurden zu kinderfreundlichen Nachrichtenzeiten jene Szenen wiederholt, in denen die Stühle ins Kreuz flogen und ein Irrer mit Hut einem am Boden Liegenden mehrmals auf den Kopf trat“ (Hoeltzenbein, Klaus, Freigegeben frühestens ab 18, in SZ 13.6.2016). – „Die Europäische Fußball-Union Uefa hat im Streit mit ARD und ZDF die Zensur-Vorwürfe zurückgewiesen. In Gesprächen mit den deutschen TV-Anstalten habe die Uefa erneut auf die Möglichkeit verwiesen, dass jeder nationale Rechteinhaber mehrere eigene Kameras in den Stadien aufstellen dürfe. Diese könnten zeigen, was immer gewünscht wird. Die Diskussion war am vergangenen Samstag nach Krawallen nach dem EM-Spiel der Russen gegen England im Stade Velodrome von Marseille aufgekommen, die im Weltsignal der Uefa nicht enthalten waren“ (SID, DPA, Uefa widerspricht, in SZ 16.6.2016).

14.6.2016
– Deutsche Hooligans in Berlin
Auf der Berliner Fanmeile wurde beim Spiel Deutschland gegen die Ukraine wiederholt der Hitlergruß gezeigt. „Die Gruppe habe ‚Lügenpresse, Lügenpresse‘ gerufen und die erste Strophe des Deutschlandliedes gesungen. (…) Udo Wolf, Fraktionsvorsitzender der Partei Die Linke im Berliner Abgeordnetenhaus, kritisierte, dass die Polizei  erst nach Presseberichten und Anzeigen Ermittlungen aufgenommen habe“ (DPA, Ermittlungen in Berlin, in SZ 14.6.20156).

– Deutsche Hooligans gestoppt
„Doch Schlimmeres hat wohl auch die deutsche Bundespolizei verhindert. Bei verstärkten Kontrollen hat sie in Rheinland-Pfalz insgesamt 21 Hooligans gestoppt. Zunächst eine 18-köpfige Gruppe einschlägig bekannter Gewalttäter aus Dresden: Die Männer seien in drei Kleinbussen unterwegs gewesen, hieß es, unter anderem mit Sturmhauben im Gepäck. Dann wurden noch drei Hooligans aus Kaiserslautern an der Ausreise gehindert“ (Catuogno, Claudio, Bleibende Schäden, in SZ 14.6.2016).

– Französische Behörden greifen durch
„Die französische Staatsanwaltschaft beantragte Haftstrafen und ein Einreiseverbot für sechs Briten, drei Franzosen und einen Österreicher. Nicht auf der Anklagebank: Etwa 150  russische Hooligans, die ‚extrem trainiert‘ angereist waren, wie Staatsanwalt Brice Robin ausführte: ‚Sie sind gekommen, um sich zu schlagen‘. Die Polizei konnte keinen von ihnen festnehmen. Noch aber laufen die Ermittlungen. Es werden Videoaufnahmen ausgewertet, um die Gewalttäter doch noch zu identifizieren. (…) Insgesamt waren 20 mutmaßliche Randalierer festgenommen worden. 35 Menschen wurden verletzt, vier davon schwer. Ein Engländer schwebte am Montagnachmittag weiter in Lebensgefahr. Er sei von einer Eisenstange ‚wahrscheinlich am Kopf‘ getroffen worden, berichtete die Nachrichtenagentur AFP. (…) Diese (gewalttätigen russischen Fans; WZ) werden vom russischen Parlaments-Vizepräsidenten Igor Lebedew sogar verteidigt: ‚Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht Jungs. Weiter so!‘, schrieb der Politiker der nationalistischen Liberaldemokraten im Kurznachrichtendienst Twitter. Lebedew ist zudem Vorstandsmitglied des russischen Fußball-Verbandes. Er verstehe Politiker und Funktionäre nicht, die die Fans kritisieren: ‚Wir sollten sie verteidigen, und dann können wir es klären, wenn sie nach Hause kommen.‘ (…) Wieso die Fan-Gewalt sich in Frankreich nun so breit Bahn bricht? Eine Theorie besagt, dass die gewaltbereiten Fußball-Fans die letzte Gelegenheit nutzen wollen. Bei den WM-Turnieren 2018 in Russland und 2022 in Katar wird mit einem rigiden Eingreifen der jeweiligen Staatsmacht gerechnet, die EM 2018 findet auf 13 Ländern verteilt statt. Fan-Forscher Lange aber widerspricht. Er prophezeit, Fußball-Hooligans werde es noch lange geben: ‚Die werden auch bei der gesplitteten EM in solchen Phänomen auftauchen. Man spricht sich dann ab und reist in kleiner Gruppe gemeinsam an und übt dann größere und kleinere Gewaltexzesse aus'“ („Sie sind gekommen, um sich zu schlagen“, in SZ 14.6.2016).

Uefa diszipliniert Russland
Die Disziplinarkommission der Uefa hat EM-Teilnehmer Russland für die Fanausschreitungen im Stadion von Marseille hart bestraft. Im Wiederholungsfall wird die Mannschaft sofort aus dem Turnier ausgeschlossen, zudem wurde eine Geldstrafe von 150.000 Euro verhängt, wie die Uefa in Paris mitteilte. (…) Russland wird gegen die Strafe keinen Einspruch einlegen. ‚Wir warten auf die offizielle Mitteilung und werden die Entscheidung akzeptieren‘, sagte Sportminister Witalij Mutko der russischen Nachrichtenagentur Tass zufolge. ‚Es wird Zeit, dass Ruhe einkehrt. Es läuft eine EM, das ist ein Feiertag für den Fußball, aber alle reden nur über Schlägereien und Strafen‘, sagte der Minister“ (Russland fliegt nach neuen Krawallen aus dem Turnier, in spiegelonline 14.6.2016).
Wenn die russischen Hooligans gezielt zuschlagen: kein Wunder.
Putins Sprecher Dmitrij Peskow mit der offiziellen Sichtweise des Kremls: „Wir können unseren Fans nur dazu raten, nicht auf irgendwelche Provokationen zu reagieren'“ (Ebenda).
Die Engländer sind also selber schuld, wenn sie schwer verletzt werden.
„Frankreichs Generalstaatsanwalt Brice Robin präsentierte am Montag Ermittlungsergebnisse. Demnach sei eine große Gruppe russischer Hooligans für viele der Ausschreitungen verantwortlich gewesen, Robin spricht von 150 Personen, die für ‚ultraschnelle, ultraharte Gewalt‘ sehr gut vorbereitet gewesen sein sollen“ (Ebenda).

– Rechtsradikale russische Hooligans
Und schnell kommt man in die rechtsradikale russische Bewegung. „Die EM 2012 war auch die erste große internationale Bühne, auf der sich Alexander Schprygin präsentieren konnte. Durch Verharmlosung der Vorfälle fiel der Vorsitzende des Dachverbands russischer Fußballfans (VOB) während des Turniers immer wieder negativ auf. Eine Strategie, die Schprygin auch in Frankreich verfolgt. ‚Der ganze englische Block ist einfach aufgestanden und weggelaufen. Da gab es keine Schlägereien‘, erklärte Schprygin gegenüber russischen Medien. Eine Aussage, die auch in Russland für Kopfschütteln gesorgt hat. Denn Schprygin ist kein Unbekannter. Seit 2007 ist dieser Vorsitzender des von ihm gegründeten VOB sowie ehemaliges Mitglied des Exekutivkomitees des Fußballverbandes RFS. Heute sitzt er im Verbandskomitee, welches sich mit Sicherheitsfragen sowie Fanbelangen beschäftigt. Doch Schprygin ist nicht allein wegen dieses Amtes bekannt, sondern wegen seiner Vergangenheit. In den Neunzigerjahren war er ein führendes Mitglied der russischen Neonazi-Szene sowie einer der Anführer der Dynamo-Moskau-Hooligans. Einschlägige Fotos aus dieser Zeit zeigen ihn mit dem zum Hitlergruß erhobenen Arm neben dem Sänger der faschistischen Metal-Band Korrosija Metalla, deren Texte es zum Teil in Russland auf den Index geschafft haben. Auf einem weiteren Foto, das im Internet kursiert, posiert er neben einer Person, die sich als Adolf Hitler verkleidet hat. (…) Für Igor Lebedew, Sohn des rechtsextremen Politikers Wladimir Schirinowski und stellvertretender Vorsitzender der Duma, arbeitet Schprygin als parlamentarischer Mitarbeiter. Zudem sitzt Lebedew auch im Präsidium des russischen Fußballverbandes, was Schprygin auch seine Position innerhalb des RFS sichert“ (Ebenda). Schprygins VOB ist „für den Verkauf von Auswärtstickets der russischen Nationalmannschaft sowie der Organisation der Auswärtsfahrten zuständig ist. Ein Dachverband russischer Fans, den Schprygin zu einem Sammelbecken für führende russische Hooligans gemacht hat. Als im März dieses Jahres eine offizielle Delegation des RFS sowie des VOB die Spielstätten der russischen Nationalmannschaft in Frankreich besuchte, war nicht nur Schprygin dabei, sondern auch Aleksandr Rumjantzew. Dieser war bis vor Kurzem der führende Kopf von Landskrona, der größten Ultragruppierung von Zenit St. Petersburg. Rumjantzew ist verantwortlich für das berühmt-berüchtigte Manifest von 2012, in dem man sich gegen dunkelhäutige und homosexuelle Spieler in den Reihen von Zenit ausspricht“ (Ebenda). Pavel Klymenko ist bei der Fanvereinigung Fare im Auftrag der Uefa für Osteuropa zuständig und äußert: „Die Schläger in Frankreich kamen vor allem von Zenit St. Petersburg, Lokomotive Moskau, Spartak, Torpedo Moskau, Orel und Jekaterinenburg. Den berüchtigsten Hooligan-Gruppierungen im russischen Fußball“, erklärt Pavel Klymenko, der bei der internationalen Fanvereinigung Fare, einem offiziellen Partner der Uefa, für Osteuropa tätig ist, auf Anfrage von spiegelonline“ (Dudek, Thomas, Holligans mit besten Verbindungen, in spiegelonline 14.6.2016).

– Die russische Politik leugnet ab und verharmlost
„Dmitri Swischtschew, der Vorsitzende des Sportausschusses der russischen Staatsduma, machte nach dem Urteil der Uefa gegen den russischen Fußballverband keinen Hehl daraus, dass er das nicht angemessen findet: ‚Das ist eine überflüssig harte Entscheidung gegen unsere ganze Mannschaft. Ausschluss auf Bewährung plus Geldbuße, das ist übermäßig.‘ Er wolle darin keinen politischen Schritt sehen, ‚aber man denkt schon nach, warum nur Russland bestraft wird‘, meinte Swischtschew. „Wir sollen die Uefa-Forderungen erfüllen – und wir werden sie erfüllen‘, sagte er. (…) Die Gewalt im Stade de France aber ging einwandfrei von russischen Fans aus – und nur in dieser Sache ermittelte und urteilte die Uefa. ‚Russia Today‘, das mehrsprachige Propagandaorgan Russlands, hat mittlerweile damit begonnen, das Thema zu relativieren. Neben Meldungen über die anstehende Deportation von 29 russischen Hooligans berichtete ‚RT‘ am Dienstag auch über angeblich anlasslose Kontrollen von Fanbussen mit vermeintlich friedlichen Fans. Bei Nizza sei ein Bus mit 50 Fans gestoppt und die Fans darin kurz darauf ‚unheimlich schnell‘ zu einem naheliegenden Flugplatz gebracht worden, um ausgeflogen zu werden. Der implizite Vorwurf: Da würden Russen unter Generalverdacht gestellt und abgeschoben. Nachrichtenagenturen haben inzwischen bestätigt, dass ein Bus mit russischen Fans auf dem Weg nach Lens gestoppt worden sei und eine Ausweisung von 35 Hooligans, die sich der Überprüfung ihrer Identitäten verweigert hätten, geprüft werde. Es werde vermutet, dass die Fans zum gewaltbereiten Kreis der russischen Anhänger gehörten. (…) Fangewalt ist ein Thema, dass die Russen gern vom Tisch hätten: Russland ist 2018 auch Ausrichter der Weltmeisterschaft – und Fangewalt könnte das möglicherweise noch verhindern. Kaum zufällig gab die Fifa am Dienstag bekannt, dass Russland für 2018 ein ‚umfangreiches Sicherheitskonzept‘ vorgelegt habe, um eine Wiederholung des Hooliganismus zu verhindern, der ‚die das Bild der Europameisterschaft beschädigt‘ habe“ (Russlands Angst vor seinen Fans, in spiegelonline 14.6.2016).

15.6.2016
Uefa verurteilt Russland
Die Uefa verurteilte nach den Krawallen von Marseille den russischen Fußballverband RFS zur Zahlung von 150.000 Euro und drohte, bei erneuten Ausschreitungen die russische Mannschaft heimzuschicken.
„Vor und nach der Partie in Marseille hatten sich hässliche Szenen abgespielt. Mehr als 40 Menschen wurden verletzt. Nicht alle Gewalt war von Russen ausgegangen. Aber die Disziplinarkommission der Uefa konnte nur sanktionieren, was sich im Stadion selbst vollzogen hatte. Und dort waren Teile der russischen Anhänger mit eindeutig unfreundlichen Absichten in den Block der Engländer gestürmt. Dagegen ein Zeichen zu setzen, ist richtig. (…) Für die Uefa liegt in ihr aber auch ein Wagnis. Denn der Verband hat nun ein Hochseil geknüpft, von dem sich auch leicht fallen lässt. Wenn die Uefa konsequent bleiben will, muss sie nun auch diejenigen in den Blick nehmen, die die Vorkommnisse in Marseille offen guthießen. Ein Kreml-Sprecher verurteilte die Ausschreitungen in Südfrankreich am Dienstag zwar als ‚absolut unakzeptabel‘. Aber es gab auch ganz andere Äußerungen, etwa die von Igor Lebedew, der immerhin im RFS-Vorstand sitzt. ‚Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden‘, hatte der verlautet: ‚Im Gegenteil, gut gemacht, Jungs. Weiter so!‘ Lebedew leistet sich einen Assistenten, Alexander Schprygin, der als Rechtsaktivist bekannt und berüchtigt ist. Die Riege der geistigen Brandstifter – falls Europas Fußball-Verband es ernst meint, muss er diese als Nächstes in den Blick nehmen. Ohne Rücksicht auf Ämter und Heimatländer“ (Hofmann, René, Auf dem Hochseil, in SZ 15.6.2016).
– „Im Uefa-Vorstand sitzen auch einige Personen, die es sich mit dem mächtigen Russland nicht verscherzen wollen – immerhin steht bald eine Präsidentschaftswahl an, bei der es einen Nachfolger für Michel Platini geben soll. Da dirigiert Russland ein großes Stimmpaket. Das Verhalten von russischen Verbandsverantwortlichen ging in das Verfahren des Disziplinarkomitees nicht ein. Im Netz kursiert ein Video, auf dem der Sportminister und RFS-Chef Witalij Mutko nach dem Spiel in Marseille just in der Kurve aufmunternde Gesten macht, in der es zu den Vorfällen kam. Danach twitterte Igor Lebedew, RFS-Vorständler und Duma-Mitglied: ‚Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Eher im Gegenteil. Bravo, Jungs. Macht weiter so!'“ (Aumüller, Johannes, Keine Automatismen, in SZ 15.6.2016). Die französische Polizei meldete, dass sie nahe Marseille 43 russische Hooligans aufgegriffen hat – auf dem Weg nach Lille zum Spiel Russland gegen die Slowakei am 15.6.2016 (Ebenda).

– DFB will mehr deutsche Polizisten
DFB-Präsident Reinhard Grindel will vor dem Spiel Deutschland gegen Polen am 16.6.2016 eine aufgestockte deutsche Polizeidelegation. „In Lille hatten vor dem deutschen EM-Auftaktspiel gegen die Ukraine rund 50 deutsche Hooligans randaliert“ (SID, BKA bittet um Mithilfe, in SZ 15.6.2016).

– Risikospiel England gegen Wales
„Nach den Krawallen vom Wochenende setzen die französischen Behörden für das EM-Spiel England gegen Wales auf verschärfte Sicherheitsvorkehrungen. 1200 Polizisten und Gendarmen sollen für Sicherheit sorgen, dazu kommt noch einmal die gleiche Zahl an privaten Sicherheitsleuten“ (DPA, 1200 Polizisten, in SZ 15.6.2016).

– Frankreich verstärkt Aktivitäten
„Und wer so gefordert ist, der macht auch Fehler. Tatsächlich unterliefen der französischen Polizei in den vergangenen Tagen einige davon, mache sogar aus der Kategorie ‚Folgenschwer‘: Da blieben Bahnhöfe ungesichert, an denen gerade Gewalttäter ankamen. Da wurde auf unschuldige Fans eingeprügelt, während man echte Hooligans laufen ließ. Und da dauerte es im Stade Velodrome fünf Minuten, bis endlich die Polizei auf den Rängen war und die russischen Schläger in die Schranken wies. Als Reaktion auf die Kritik hat Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve nun Konsequenzen angekündigt. Am Tag sowie dem Vortag eines Matches wird von nun an der Alkoholverkauf in den Fanmeilen und an neuralgischen Punkten in der Stadt verboten. Mehr als 1200 Ordnungskräfte sollen allein das Spiel der Engländer gegen Wales am Donnerstag in Lens flankieren. Allerdings sind bereits jetzt 90.000 Polizisten, Gendarmen und Mitarbeiter privater Security-Unternehmen während der EM im Einsatz – dass das zu wenig sei, hat zumindest vor dem Turnier niemand behauptet. Auch niemand der vielen Frankreich-Kritiker der vergangenen Tage“ (Buschmann, Rafael, Ruf, Christian, Am Anschlag, in spiegelonline 15.6.2016). Viele Uefa-Mitgliedsländer haben aber ihre Hooligans nicht gemeldet. „Die Zeitung ‚Le Parisien‘ zitiert einen anonymen Mitarbeiter des Pariser Innenministeriums, demzufolge allein die Schweiz mehrere Hundert möglicher Gewalttäter benannt habe, Moskau aber nur 33. (…) Genau hier liegt offenbar auch die Parallele zwischen dem islamistisch motivierten Terrorismus und der Hooliganproblematik: Die Polizei kennt sehr viele potenzielle Gewalttäter, kann aber längst nicht alle unter Kontrolle halten. Es seien schlicht zu viele. ‚Es gab in Deutschland mehrere hundert Gefährder-Ansprachen, also das Signal an Fußball-Gewalttäter, dass sie gut daran tun, nicht das Land zu verlassen‘, berichtet Schulz (André Schulz, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter; WZ). ‚Wir wissen aber auch, dass das oft nichts fruchtet und diese Leute zum Teil trotzdem nach Frankreich gefahren sind'“ (Ebenda).

– Moskau: Hooligans unschuldig
„In Moskau ist die Empörung groß. Das Staatsfernsehen spricht von einer Provokation. Es wird nicht ganz klar, wen es damit meint: die Uefa, die Engländer oder die westliche Welt. Ein Mitglied des außenpolitischen Komitees im Föderationsrat, dem Oberhaus des Parlaments, fordert das russische Außenministerium auf, ‚hart zu reagieren – und solch ein Verhalten uns gegenüber gleich in der Anfangsetappe zu unterbinden. Man muss unsere Bürger in Frankreich verteidigen‘. Gemeint sind die Schlachtenbummler, die in Marseille Feuerwerkskörper warfen und mit Stühlen auf Engländer eindroschen. Der Sprecher von Präsident Putin sagt: ‚Wir können unsere Fans nur aufrufen, auf Provokationen, egal welcher Art, nicht zu reagieren.‘ Das ist fein formuliert – das Wort „Provokationen“ meint, man habe ja nur auf andere reagiert. Auch die Moskauer Zeitung ‚Kommersant‘ bereitet sich in diesem Sinne auf den nächsten Zwischenfall vor: Die russischen Schlachtenbummler werden möglicherweise ‚zu einem neuen Konflikt provoziert – und natürlich sind sie dann die Schuldigen‘, lautet die Schlagzeile auf der heutigen Titelseite“ (Neef, Christian, Schuld haben immer die anderen, in spiegelonline 15.6.2016). Ehrlichere Kommentare in russischen Medien lauten aber ganz anders. „‚Tolle Kerle, habt richtig Courage gezeigt!‘ – ‚Schlagt die hässlichen Briten!‘ – ‚Was wir auf dem Fußballfeld nicht können – außerhalb des Feldes sind wir die Besten!‘ – ‚Rächen wir uns für unsere Großväter!‘ (…) Auch der ‚Sport Express‘, die große Moskauer Sportzeitung, geht heute kaum mit den eigenen Fans ins Gericht. Auf Seite 1 steht: ‚Die französische Fälschung. Warum die Euro 2016 das seit Jahren am schlechtesten organisierte Turnier ist.‘ (…) Die Probleme mit den Fußballschlachtenbummlern in Russland sind seit Jahren bekannt, die ‚Fanaty‘ sind kreuzgefährlich. Unternommen wurde gegen sie bisher: nichts. In Großbritannien ist man da weiter. Man mag das als inneres Problem Russlands betrachten. Fahren diese Hooligans jedoch ins Ausland, ist das eine andere Sache. Denn die russischen Medien haben Patriotismus und Nationalismus seit der Krim-Annexion derart angeheizt, dass sich die Schlichteren unter den Russen im Ausland zu Muskelspielen geradezu ermuntert fühlen. Sie sehen sich als Speerspitze eines Landes, das sich wieder groß und überlegen fühlt. Es sind Leute mit einer besonderen Psyche, die für die Ihren eintreten, Fremde aber schlagen“ (Ebenda).

– Lawrow kritisiert Festsetzung russischer Hooligans
„Russlands Außenminister Sergej Lawrow kritisierte am Mittwoch in Moskau die Festnahme Dutzender Russen in Frankreich. Er sehe darin einen Verstoß gegen internationale Regeln. Die französische Polizei hatte am Dienstag einen Bus mit 43 Russen festgesetzt, elf davon sind inzwischen wieder frei. (…) Russlands Sportminister Witali Mutko schloss am Mittwoch neue Randale durch mitgereiste Fans nicht aus: ‚Unsere Fans werden ständig provoziert‘, sagte er am Mittwoch: ‚Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass sich Ausschreitungen russischer Fans nicht wiederholen werden.‘ Oft würden die Russen aber zu Unrecht bezichtigt. Auch in Russland werde Gewalt in den Stadien abgelehnt. Russlands größte Sportzeitung ‚Sport-Express‘ forderte am Mittwoch, das Land müsse die Fangewalt dringend in den Griff bekommen. ‚Die Anhänger fliegender Fäuste werden sich bis zur WM 2018 nicht in Luft auflösen‘, warnte das Blatt. Die WM 2018 findet in Russland statt“ (Russland sieht diplomatische Beziehungen gefährdet, in spiegelonline 15.6.2016)

Französischer Botschafter einbestellt
Die Regierung in Moskau ist wegen der Festnahme Dutzender russischer Fußballfans am Rande der EM aufgebracht. Nun hat das russische Außenministerium den französischen Botschafter einbestellt. Frankreich sei aufgefordert worden, den Fall so schnell wie möglich auf zivilisierte Weise zu klären, teilte das Ministerium mit. Die französische Polizei hatte am Dienstag in der Nähe von Cannes einen Bus mit 43 russischen Fußballfans festgesetzt. (…) Laut Polizei hatten sich die russischen Fans geweigert, ihre Personalien anzugeben. Außenminister Sergej Lawrow kritisierte die Festnahme als ‚absolut inakzeptabel‘. Das russische Außenamt warnte: Sollte rund um den EM-Auftritt des Nationalteams Sbornaja antirussische Stimmung geschürt werden, würde dies den bilateralen Beziehungen schaden“ (Moskau bestellt russischen Botschafter ein, in spiegelonline 15.6.2016).

16.6.2016
– Russische Politik für russische Hooligans

„Russlands Außenminister Sergej Lawrow kritisierte am Mittwoch in Moskau die Festnahme Dutzender Russen in Frankreich. Er sehe darin einen Verstoß gegen internationale Regeln, sagte Lawrow der Agentur Interfax. Zudem wurde der französische Botschafter in Moskau einbestellt. Diesem, so hieß es, sei deutlich gemacht worden, dass ein ‚weiteres Schüren von anti-russischer Stimmung‘ die ‚Atmosphäre der russisch-französischen Beziehungen deutlich belasten‘ könne. (…) Nach den Vorfällen beim Spiel gegen die Engländer hatte die Europäische Fußball-Union Uefa im Wiederholungsfall der russischen Mannschaft mit dem EM-Ausschluss gedroht. Die Partie der Russen am Mittwoch in Lille war deshalb mit Spannung erwartet worden. Rund 12 000 russische Anhänger hielten sich in der Stadt auf. Den ganzen Tag über kreisten Hubschrauber über dem Stadion, die Zahl der Sicherheitskräfte war deutlich erhöht. Aus Sicherheitsgründen wurden auch 350 Bars bis Freitagmorgen geschlossen. Generell waren die Möglichkeit zum Erwerb von Alkohol stark beschränkt“ (Botschafter einbestellt, in SZ 16.6.2016).

– Russische Staatsmedien stehen hinter Hooligans
Russlands Staatsmedien thematisieren die Krawalle russischer Hooligens bei der EM 2016 – allerdings etwas anders. Der Staatssender Rossija inszenierte russische Problemfans sogar als Opfer der französischen Behörden.“ (Bidder, Benjamin, „Europa soll in der Hölle  schmoren“, in spiegelonline 16.6.2016). Französische Polizisten stoppten am 15.6.2016 vor dem Spiel Russland – Slowakei einen Bus mit russischen Anhängern. Rossija: „Russische Fans mussten wegen des Vorgehens der Polizei mehrere Stunden in einem Autobus ausharren, bei unerträglicher Hitze(…) Dazu blendete der Kanal das Foto eines älteren Herrn in den Sechzigern ein, es hatte auf Twitter die Runde gemacht. ‚So sehen ‚Hooligans‘ aus‘, stand sarkastisch daneben. Mit keiner Silbe erwähnt wurde dagegen, welcher Insasse des Busses das Foto geschossen hatte: Alexander Schprygin, Chef des Dachverbands russischer Fußballfans. (…) Die Gendarmerie habe die Fans in den heißen Bus gepfercht und lasse sie nicht aussteigen, hieß es bei Rossija. In Wahrheit hatte die Polizei die Russen aufgefordert, das Fahrzeug zu verlassen. (…) Die Berichterstattung über die Europameisterschaft in Frankreich reiht sich in ein bekanntes Muster ein: Ob Dopingskandal oder Berichte über Korruption im Umfeld von Kremlchef Putin, die staatlich gelenkten Medien präsentieren den Russen in der Regel ähnliche Erklärungen: Der Westen hat sich verschworen, Russland steht zu Unrecht am Pranger. (…) Die Ausschreitungen während der Europameisterschaft werden verharmlost oder anderen in die Schuhe geschoben: englischen Fans, weil sie die Russen gereizt hätten, oder der französischen Polizei, weil die unfähig sei. Sogar Außenminister Sergej Lawrow schaltete sich ein und nahm die Schläger in Schutz. Er habe ‚empörende Aufnahmen gesehen, auf denen die russische Fahne mit Füßen getreten wurde und Beleidigungen an die Adresse von Russlands Führung geschrien wurden‘ – als hätten die russischen Hooligans aus patriotischer Notwehr gar nicht anders gekonnt, als ihre englischen Rivalen auf die Intensivstation zu prügeln“ (…) Nach den Krawallen von Marseille veröffentlichte Ria Nowosti einen Kommentar, der die Täter nicht nur in Schutz nahm, sondern die Gewalt noch adelte. ‚Wenn russische Fans andere Fans zusammenschlagen, und die europäische Polizei Angst hat, sich ihnen in den Weg zu stellen, dann empfinde ich wenn schon nicht Stolz auf die Russen, so doch Befriedigung‘, heißt es in dem Text. Der Autor des Textes, der Publizist Maxim Kononenko, lobt sogar, ihm gefalle ‚ein russischer Schläger, der einem anderen, nicht russischen Typen den Kiefer zertrümmert'“ (Ebenda).

– Russische Hooligans greifen in Köln an
In Köln griffen sechs russische Hooligans spanische Touristen an. „Laut Polizei schlugen und traten die Männer zwei Spanier und deren Begleiterin, die Aufkleber einer linksgerichteten Bewegung auf der Kölner Domplatte verteilten. Einer der angegriffenen Spanier erlitt einen Nasenbeinbruch, der andere wurde leicht verletzt. Fünf Tatverdächtige im Alter zwischen 26 und 30 Jahren wurden bereits kurz nach dem Angriff festgenommen. Laut Polizei waren die Männer alkoholisiert. (…) Die Staatsanwaltschaft Köln prüft derzeit, ob sie Haftbefehle beantragt. Zudem soll untersucht werden, ob die Männer auch an den Ausschreitungen russischer Hooligans in Marseille beteiligt waren: Nach ersten Erkenntnissen der Polizei waren die festgenommenen Männer am 10. Juni von Moskau nach Marseille geflogen, sie sollen einer extremen russischen Gruppe angehören. Bei den Festgenommenen wurden Karten für die EM-Spiele England-Russland und Russland-Slowakei gefunden. Sie hatten laut Polizei Mundschutz und Vermummung dabei“ (Ermittler prüfen Verbindungen zu Krawallen von Marseille, in spiegelonline 17.6.2016).

– England gegen Wales: 36 Festnahmen, 16 Fans ins Krankenhaus
„In der französischen Stadt Lille sind die Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Fußballfans bis tief in die Nacht zum Donnerstag weitergegangen. Mit Tränengas und Schlagstöcken gingen die Beamten gegen etwa 200 Fans vor, von denen ein Teil aus England kam. (…) Die Fangruppen gingen während der Fahrt aufeinander los, nach der Ankunft im Bahnhof wurden fünf Personen festgenommen. Auch Fans des Gastgebers Frankreichs gingen nach dem zweiten Vorrundensieg der Équipe Tricolore gegen Albanien (2:0) in Lille auf die Polizei los. Beim Verlassen der Fanzone wurden Flaschen und Steine geworfen. Die Franzosen spielten am Mittwochabend in Marseille. Am späten Mittwochabend veröffentlichte die Polizei in Lille ihre Bilanz des Tages: Demnach wurden im Stadtgebiet 36 Menschen festgenommen, darunter auch sechs Russen, die an den heftigen Straßenschlachten am Samstag in Marseille beteiligt gewesen sein sollen. Weitere 50 Personen seien vom Rettungsdienst behandelt und 16 in Krankenhäuser gebracht worden. Rund 4000 Sicherheitskräfte sind nach Behördenangaben in der Stadt im Einsatz“ (36 Festnahmen, zahlreiche Verletzte, in spiegelonline 16.6.2016).

– Deutsche Hooligans  aktiver denn je
„Nachdem deutsche Hooligans den Polizisten Daniel Nivel bei der WM 1998 fast zu Tode prügelten, war diesen Gruppen öffentliche Aufmerksamkeit nahezu egal – das scheint sich gerade zu ändern. (…) Einige dieser Männer sind am vergangenen Wochenende nach Lille gereist, wo das deutsche Team bei der EM auf die Ukraine traf. Sie zelebrierten ihr Überlegenheitsdenken, posierten mit einer Reichskriegsflagge, zeigten den Hitlergruß. Etwa vierzig von ihnen prügelten auf Franzosen und Ukrainer ein. (…) Viele Jahre hatten sie sich zurückgehalten. Der Auslöser: Die WM 1998 in Frankreich, als deutsche Schläger den französischen Gendarm Daniel Nivel fast zu Tode prügelten. (…) Einige Hooligans wollten ihrem Alltag weiter durch Faustkämpfe entfliehen, sie taten das in der Abgeschiedenheit, auf Äckern und Wiesen, fernab von Polizei und Kameras. Über Jahre wuchs ein Netzwerk von brutalen Schlägern. Sie trainierten in Kampfsportstudios und organisierten ihre Prügeleien in sozialen Medien. Sie drehten Videos und schmiedeten Allianzen mit rivalisierenden Gruppen, national und international. (…) Die ‚Borussenfront‘ in Dortmund, die ‚Standarte‘ in Bremen, die ‚Rotfront‘ in Kaiserslautern. Sie gehen weniger in den Stadien in die Offensive, sondern mehr im Umfeld der Arenen: auf Bahnhofsplätzen, in Sonderzügen und Kneipen. Auch bei deutschen Länderspielen in Polen oder Georgien. Nur wurden die Kämpfe selten von Medien dokumentiert. (…) Parteipolitisch wollen sich diese Fans nicht vereinnahmen lassen, doch als gut trainierte Einschüchterungstruppen lassen sie sich auf Kundgebungen von rechten Parteien gern umgarnen, bei den Schwedendemokraten, bei „Recht und Gerechtigkeit“ in Polen, bei „Jobbik“ in Ungarn, bei Pegida in Deutschland. Vor allem in Osteuropa sind Fankurven oft die sichtbarste Ausdrucksform des gesellschaftlichen Rechtsrucks. Auf dieser Basis können Parteistrategen leichter ihre Arbeit verrichten“ (Blaschke, Ronny, Zurück von der Wiese, in SZ 16.6.2016).

– Deutschen Hooligans Ausreise verweigert
„Um 21 Uhr soll das EM-Spiel zwischen Deutschland und Polen in Paris angepfiffen werden – im Vorfeld hat die Bundespolizei in Nordrhein-Westfalen bis zum späten Vormittag drei Gewalttätern die Ausreise untersagt. Die Hooligans müssen sich während der gesamten Fußballeuropameisterschaft immer wieder bei deutschen Behörden melden. Ein Schwerpunkt der Kontrollen in NRW war an der A44 bei Aachen vor der belgischen Grenze. Verdächtige Fahrzeuge wurden aus dem fließenden Verkehr auf einen Parkplatz geleitet und kontrolliert. Bis zum Vormittag wurden in Nordrhein-Westfalen insgesamt zehn bekannte Hooligans festgestellt, die nach Paris fahren wollten. Davon durften sieben nach einer ‚Gefährderansprache‘, bei der den Betroffenen klargemacht wird, dass sie unter Beobachtung stehen, weiterfahren. 420 Bundespolizisten waren bei den Kontrollen im Einsatz“ (Frankreich verweist 20 russische Fans des Landes, in spiegelonline 16.6.2016).

– Wieder Hitlergruß auf Berliner Fanmeile
„Auf der Berliner EM-Fanmeile hat schon wieder ein Mann den Hitlergruß gezeigt. Die Polizei nahm am Donnerstagabend bei der Übertragung des Spiels Deutschland-Polen einen 42-Jährigen fest, weil er während der Nationalhymne den rechten Arm in die Höhe reckte und dazu sang. Die Polizisten notierten die Personalien des Betrunkenen. Ermittelt wird jetzt wegen des Zeigens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ (EM-Blog, spiegelonline 16.6.2016).

– Hooligans aus Ungarn und Rumänien
Über den russischen Fußball-Verband hat die Uefa schon geurteilt, nun müssen auch Ungarn und Rumänien wegen des Fehlverhaltens der eigenen Fans eine Strafe seitens der Disziplinarkommission der Uefa fürchten. Die ungarischen Anhänger zündeten im Gruppenspiel gegen Österreich (2:0) Pyrotechnik, die Fans der Rumänen in der Partie gegen die Schweiz (1:1). Gegen beide Verbände wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet“ (EM-Blog, spiegelonline 16.6.2016).

– Spanische Hooligans
„Die Polizei hat in Nizza drei spanische Ultra-Fans verhaftet, weil sie Neonazi-Abzeichen getragen haben. Drei weitere Spanier wurden festgenommen, als sie versuchten, Leuchtfeuer ins Stadion zu schmuggeln, teilte die Polizei mit. Die Uefa hat Leuchtfeuer strikt verboten. Beim Spiel Tschechien gegen Kroatien flogen aus dem kroatischen Block aber gleich mehrere der bengalischen Feuer auf den Platz. Auch den türkischen Fans war es gelungen, Leuchtfeuer mit ins Stadion zu bringen“ (EM-Blog, spiegelonline 16.6.2016).

17.6.2016
– 323 Verhaftungen

„Die Bilanz nach nur sieben Tagen ist erschreckend: Seit dem Beginn des Turniers sind im Zusammenhang mit der Fußball-EM 323  Menschen verhaftet worden. Davon wurden laut französischem Innenministerium 196 Personen in Gewahrsam genommen. Elf wurden inzwischen zu Haftstrafen verurteilt, und drei erhielten Bewährungsstrafen. Am Donnerstag wurden in Marseille drei Männer im Alter zwischen 28 und 33 Jahren, alle russische Staatsbürger, im Schnellverfahren verurteilt. Das Gericht verhängte Gefängnisstrafen von 12, 18 und 24 Monaten. Insgesamt hatten die Behörden zu Wochenbeginn nahe Marseille 43 Russen vorläufig festgesetzt, was zu einer politischen Krise zwischen den Ländern führte“ (Haft und Schnellverfahren, in SZ 17.6.2016).

– Russische Hooligans gegen englische Hooligans
„Über Jahrzehnte beanspruchten Engländer die Deutungshoheit in dieser Disziplin. (…) Das blutigste Jahrzehnt im englischen Fußball waren die Achtzigerjahre. Stadionbrände, Massenpaniken und Straßenschlachten kosteten vielen Menschen das Leben. Auf der Insel wurden Sicherheitskonzepte überarbeitet, und so kultivierten die Hooligans ihre Sehnsucht nach Adrenalinstößen mehr im Ausland: Bei der WM 1998 in Frankreich oder bei der EM zwei Jahre später in Belgien und den Niederlanden. Nach der Logik des Hooligans ist die Erfolgsgeschichte des britischen Rowdytums seit dem vergangenen Wochenende vorüber, zumindest aus der Sicht des russischen Hooligans. Rund 150 Schläger, vor allem aus Moskau und St. Petersburg, gingen in Marseille auf Engländer los, in der Stadt und im Stadion. Durchtrainierte Männer, gestählt in Kampfsportstudios, schnell und brutal, die meisten von ihnen offenbar ohne Alkoholeinfluss“ (Blaschke, Ronny, Vom Thron geschlagen, in SZ 17.6.2016).

– Der Kreml unterstützt die Hooligans
„Als russischer Fußballrowdy kann man sich dieser Tage nicht über fehlende Rückendeckung aus der Politik beklagen. An einer Prügelei zwischen Fans könne er nichts Schlechtes sehen, twitterte der Abgeordnete Igor Lebedew nach den Ausschreitungen vom Wochenende, bei denen russische Hooligans englische Hooligans durch die Straßen von Marseille gejagt hatten. Dutzende mussten behandelt werden, einer lag im Koma. ‚Im Gegenteil, unsere Jungs sind klasse. Weiter so!‘ Als die Fans nach dem Spiel gegen England im Stadion die Schlacht fortsetzten, stand Russlands Sportminister Witali Mutko vor der Tribüne und machte anfeuernde Gesten. (…) Als die französische Polizei aber durchgriff und vor dem Spiel gegen die Slowakei am Mittwoch einen Bus mit russischen Fans stoppte und durchsuchte, schaltete sich Außenminister Sergej Lawrow ein. Er bestellte Frankreichs Botschafter ins Außenministerium und warnte: Ein weiteres Schüren ‚antirussischer Ressentiments‘ könne die Beziehungen zwischen Russland und Frankreich beschädigen. Die russischen Fans seien provoziert worden. (…) Es gibt viele Beispiele für Verbindungen zwischen staatlichen Stellen und extremistischen Subkulturen. Und es sind eben nicht allein Hooligans, sondern eine Vielzahl rechtsextremer Gruppierungen, es sind schlicht kriminelle Schläger, selbsternannte Kosaken oder durchtrainierte Kampfsportler aus dem Kaukasus. Sie werden aktiviert, wenn Journalisten einen Denkzettel bekommen, Oppositionelle eingeschüchtert oder Menschenrechtsvertreter aus dem Weg geräumt werden sollen. (Hans, Julian, Horden das Hasses, in SZ 17.6.2016) „Im April störten Aktivisten der Nationalen Befreiungsbewegung (NOD) den Geschichtswettbewerb der renommierten Organisation Memorial. Patron von NOD ist Jewgenij Fjodorow, Abgeordneter der Partei Einiges Russland. Und vor einigen Jahren bereits deckte der russische Journalist Oleg Kaschin enge Verbindungen der Spartak-Hooligans ‚Gladiatoren‘ zur Pro-Putin-Jugend ‚Naschi‘ auf. Die ‚Gladiatoren‘ bewachten ein Naschi-Sommerlager. Als sie Gegner mit Baseballschlägern verprügelt hatten, kam ein Kreml-Mitarbeiter, um sie aus dem Polizeigewahrsam zu holen. Schon ist in westlichen Boulevardmedien von ‚Putins Schlägerhorden‘ die Rede“ (Ebenda).

18.6.2016
– Keine Steuerung durch Moskau?
Der russische Fotograf Pawel Wolkow, der diverse russische Hooligan-Gruppen begleitete, vermutet ein anderes Motiv:: „Die Engländer wurden immer als Übervater angesehen. Marseille war eine geplante Aktion, um einen Gott vom Sockel zu holen“ („Gott vom Sockel holen“, in Der Spiegel 25/18.6.2016).

– Putin macht sich lustig
„Die Russen waren betrunken und pöbelten, und sie begannen just in dem Moment, in dem die Polizei Verstärkung anforderte, auf drei spanische Touristen einzuprügeln. Die zwei Männer und eine Frau hatten vor dem Dom antifaschistische Aufkleber an einem Bauzaun angebracht, was den Russen missfiel, die laut Polizei einer rechtsradikalen Gruppe zugeordnet werden können. Es folgten Schläge und Tritte, einem Spanier wurde das Nasenbein gebrochen. (…) Nach Angaben der Polizei hatten die Hooligans mit Quarzsand gefüllte Handschuhe, Zahnschutz und Masken zur Vermummung bei sich. Zudem besaßen sie Tickets für die bisher ausgetragenen EM-Spiele der russischen Mannschaft. (…) Russlands Staatspräsident Wladimir Putin hat die Zusammenstöße zwischen russischen und englischen Hooligans am Freitag als ‚Schande‘ bezeichnet – zugleich aber die vermeintliche Täterrolle der russischen Hooligans relativiert. ‚Ich weiß wirklich nicht, wie 200 unserer Fans mehrere Tausend Engländer verprügeln konnten‘, sagte Putin ironisch bei einem Kongress in St. Petersburg“ (Dörries, Bernd, Angriff auf der Domplatte, in SZ 18.6.2016).

– Streitmacht Hooligans
„Moderne Hooligans sind eine austrainierte Streitmacht, eher klassische Hooligans sind obenrum Schläger, untenrum Touristen in diesen beigen Bermuda-Shorts, wie sie auch die Brüder am Ballermann tragen; Hosen übrigens, die die unangenehme Eigenschaft haben, Teile des Hinterns freizulegen, wenn ihr Träger sich nach vorne beugt, was der Hool ja nun mal öfter tut, um ein Stuhlbein in den Griff zu kriegen, oder um zu kotzen. Ein ‚Defilee der Arschgesichter‘, hat die Zeitschrift Konkret mal in anderem Zusammenhang geschrieben. Es passt auch hier und charakterisiert genauso jene Nazis aus Sachsen, die in Lille die Reichkriegsflagge aufgespannt haben. Selbst wer irgendeinen dieser Typen nur auf Fotos sieht, riecht zugleich dessen Aroma, eine Kreation aus Kampfschweiß, Bierdunst und jenem ätzenden Qualm, den nur lodernder Hass aufsteigen lässt. Der Hooliganismus ist kein neues Phänomen, auch wenn die Bilder im Netz gerade etwas anderes erzählen. 1990 und 1998 gab es Facebook und Twitter nicht, Fotos wurden nicht geklickt, geteilt, gelikt. Dabei ist sogar das aufsehenerregende Detail, dass die russischen Hooligans jetzt in Marseille erst ihren Mundschutz anlegten, bevor sie loszogen, nicht neu. Französische Reporter hatten das Gleiche damals bei den deutschen Hools gesehen. Und die besorgt tantenhafte Frage, ob die Russen nach einer Niederlage wie gegen die Slowakei besonders grimmig gestimmt sind, ist auch tausendmal so gestellt worden. Aber wer schlagen will, der schlägt auch nach einem Fünfnull“ (Gertz, Holger, Nimm dies, in SZ 18.6.2016).

– Kroatische Hooligans kosten Kroatien den Sieg
„Aber in der 85. Minute flogen aus dem Block der Kroaten plötzlich mehrere bengalische Feuer auf den Platz, mindestens ein Böller explodierte laut in der Nähe eines Ordners. Danach kam es im Block zu Schlägereien unter Anhängern der Kroaten. Die Spieler auf dem Platz versuchten die randalierenden und sich schlagenden Männer auf der Tribüne zu beruhigen. Erst sechs Minuten später hatte sich die chaotische Szenerie einigermaßen beruhigt, Schiedsrichter Mark Clattenburg aus England pfiff die Partie wieder an. Die Kroaten waren nicht mehr auf der Höhe: Nach einem unnötigen Handspiel von Verteidiger Domagoj Vida verwandelte in der Nachspielzeit der ebenfalls eingewechselte Tscheche Tomas Necid den anschließenden Strafstoß zum 2:2. (…) Trainer Ante Cacic bezeichnete die Provokateure auf den Rängen als ‚Sport-Terroristen und Hooligans, die alles ruinieren, was wir tun‘. (…) Beim Qualifikationsrückspiel gegen Italien vor einem Jahr in Split, das vor leeren Rängen hatte stattfinden müssen, war in der Nacht vor der Begegnung ein Hakenkreuz in den Rasen gebrannt worden. Das führte erneut zu einer Sperre, die nächsten beiden Heimspiele in der WM-Qualifikation muss Kroatien ohne Zuschauer spielen“ (Schächter, Tobias, Beschämend, in SZ 18.6.2016). – „Im kroatischen Block kam es zu Schlägereien. Anders als bei den bisherigen Ausschreitungen bei dieser EM gingen nicht Fans rivalisierender Mannschaft aufeinander los, sondern Anhänger aus demselben Lager. (…) Offensichtlich handelt es sich um eine gezielte Sabotage-Aktion der Bad Blue Boys, einer Ultra-Gruppe von Dinamo Zagreb. Die Gruppe liegt im Clinch mit Dinamos windigem Präsidenten Zdravko Mamic, der auch im Verband ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hat, und mit Verbandspräsident Davor Suker. Auf ihrer Facebook-Seite bekannten sich die Bad Blue Boys zur Aktion in Saint-Étienne“ (Glinmeier, Mike, Lopez, Edgar, Buchheister, Hendrik, Saboteure im eigenen Block, in spiegelonline 18.6.2016). – „Handelte es sich doch beim Kroaten-Krawall um einen Regionalkonflikt, der sich mit der Arroganz derer, die ihn ständig ausprügeln, an den Fernseh-Objektiven vorgedrängelt hat. Split gegen Zagreb – diese seit Jahren wütende Städteschlacht wurde von der Adria zur EM exportiert. (…) Es gibt jene Ligen wie in Kroatien oder Russland, da traut sich kaum jemand mehr hin, da haben Schläger die Tribünenmacht – und die Familie bleibt zu Hause. (…) Zu Zeiten, in denen in England jene Glatzen regierten, die am ersten EM-Wochenende die Nachrichtensendungen dominiert hatten. Als sie sich in Marseille von einem eingeflogenen russischen Kampfgeschwader verprügeln ließen. 150 stocknüchterne Adrenalin-Junkies aus Moskau und Umgebung verdroschen eine alkoholisierte Überzahl der Alt-Hooligans von der Insel“ (Hoeltzenbein, Klaus, Exportierte Konflikte, in SZ 20.6.2016).

– Ungarische Holligans
„Im Vorfeld des Spiels Island gegen Ungarn ist es im Stade Velodrome in Marseille offenbar zu Schlägereien auf der Tribüne gekommen. Rund hundert Ungarische Ultras, die schon weit über eine Stunde vor Spielbeginn ihre Plätze eingenommen hatten, überkletterten plötzlich in ihrem Fan-Block Absperrungen, um zu einer anderen Gruppe ungarischer Anhänger zu gelangen. Dabei ignorierten sie die Anweisungen der Ordner, zahlreiche Randalierer hatten es bereits über die Absperrung geschafft, ehe die Polizei eingreifen konnte. Die Sicherheitskräfte ging mit Schlagstöcken und Reizgas dazwischen, platzierte anschließend rund hundert Sicherheitskräfte vor dem Block. Minuten vor dem Anpfiff der Partie hatte sich die Lage wieder beruhigt“ (EM-Blog, spiegelonline 18.6.2016).

– Türkische Hooligans
„Nach Russland und Kroatien muss auch der türkische Verband eine Disziplinarstrafe durch die Uefa befürchten: Nach der 0:3-Niederlage der Türkei im EM-Gruppenspiel gegen Spanien in Nizza hat der Verband ein Verfahren wegen des ‚Zündens von Feuerwerkskörpern, des Werfens von Objekten sowie eines Platzsturms‘ eröffnet. Verhandelt wird am Montag“ (EM-Blog, spiegelonline 18.6.2016).

20.6.2016
– Russischer Rechtsradikaler bei Russland-Wales

„Nur zwei Tage nach seiner Ausweisung aus Frankreich ist der Chef der Vereinigung russischer Fußballfans, der Nationalist Alexander Schprygin, zur Fußballeuropameisterschaft nach Frankreich zurückgekehrt – und prompt wieder festgenommen worden. Am Montagabend saß er während des Spiels der Russen gegen Wales in Toulouse schon wieder auf der Tribüne. (…) Schprygin ist Gründer einer zweifelhaften Fan-Organisation und war in der Vergangenheit unter anderem mit dem Hitlergruß aufgefallen. Dass er am Montag ins Stadion gelangen konnte, lässt große Zweifel an der Qualität der Kontrollen bei der Einreise und beim Betreten des Stadions aufkommen“ (Russischer Rechtsaktivist trotz Ausweisung wieder im Stadion, in spiegelonline 20.6.2016).

21.6.2016
Uefa ermittelt gegen Albanien und Rumänien

„Die Fußballverbände von Albanien und Rumänien müssen wegen des Fehlverhaltens ihrer Fans beim Spiel in Lyon (1:0) mit einer Strafe durch die Uefa rechnen. Die Disziplinarkommission der Europäischen Fußball-Union habe am Montag ihre Ermittlungen aufgenommen, teilte ein Uefa-Sprecher mit. In den Blöcken beider Fanlager waren am Sonntagabend Bengalos gezündet und Gegenstände geworfen worden. Gegen die Albaner ermittelt die Kommission außerdem wegen eines Platzsturms“ (DPA, SID, Uefa ermittelt wieder, in SZ 21.6.2016).

– Französische Regierung: Positive Bilanz
„Trotz der Hooligan-Gewalt hat die französische Regierung eine positive Zwischenbilanz der Sicherheitslage bei der EM gezogen. (…) Seit Beginn des Turniers wurden in Frankreich 557 Menschen vorläufig festgenommen, 344 davon mussten für längere Zeit in Polizeigewahrsam. 21 Festgenommene wurden bereits zu Gefängnisstrafen verurteilt, sechs weitere zu Haftstrafen auf Bewährung. Die Behörden wiesen zudem 25 ausländische Fans aus“ (DPA, 557 Festnahmen, 21 Haftstrafen, in SZ 21.6.2016).

– Kroatien kommt billig weg
„Die Disziplinarkommission der Europäische Fußball-Union (Uefa) verhängte am Montagabend für den Skandal von St. Étienne eine überraschend milde Geldstrafe in Höhe von 100 000 Euro. (…) Statt eines befürchteten EM-Auschlusses auf Bewährung wie für Russland gibt es für Kroatiens Verband also nur ein angedrohtes ‚Hausverbot für Hooligans‘ – das überrascht deshalb, weil die Kroaten Wiederholungstäter sind, was Zuschauerausschreitungen angeht. Knapp eine Million Euro musste der Verband HNS in den vergangenen zehn Jahren schon an die Uefa überweisen. Zu den üblichen Vergehen wie dem Abbrennen von Pyrotechnik kommen immer wieder hässliche Zwischenfälle hinzu wie im Juni 2015: Damals behandelten Fans den Rasen im Poljud-Stadion in Split vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Italien so mit Chemikalien, dass sich ein viele Meter großes Hakenkreuz abzeichnete“ (SID, DPA, Milde Strafe für Kroatien, in SZ 21.6.2016).

22.6.2016
– Russische Hooligans schlagen zu – und fahren heim

„Gut, schon mancher ist im Sport nach einem Debakel auf wunderliche Weise auferstanden, aber die Bilder aus Frankreich sind mit keiner Löschtaste mehr zu tilgen. Jene letzten EM-Bilder nicht – jene aus Toulouse, in denen die Russen beim 0:3 gegen Wales einen Steinzeit-Fußball präsentierten, der ihren Vorfahren aus Sowjet-Zeiten (Europameister 1960; Finalist 1964, 1972, 1988) bestenfalls peinlich gewesen wäre. Und jene ersten EM-Bilder nicht – jene aus Marseille, in denen Anhänger der russischen Auswahl im Gassenkampf mit englischen Hooligans Hafen und Altstadt verwüsteten. Zumal es einen Unterschied zu sonstigen an den Fußball angelehnte Straßenschlachten gab. Gelang doch den WM-Gastgebern von 2018 keine klare Distanzierung von dieser Explosion der Gewalt. Weder der Kreml noch der Kreml-nahe Fußball-Fachverband RFS setzten sich überzeugend ab von den paramilitärisch organisierten Schlägertruppen. Selbst in der Stellungnahme von Wladimir Putin klang eine in Ironie gewickelte Akzeptanz für Russlands Nahkämpfer durch. ‚Ich verstehe wirklich nicht‘, so der Staatspräsident unter Applaus bei einem Kongress in St. Petersburg, ‚wie 200 unserer Fans Tausende Engländer aufgemischt haben sollen’“ (Hoeltzenbein, Klaus, Die PR-Panne, in SZ 22.6.2016).

26.6.2016
– Russische Hooligans  feiern Beute

„Ein Turnier, das nicht nur aus sportlicher Sicht für Russland ein Desaster war. Denn die größten Schlagzeilen machten während dieser EM russische Hooligans, die mit einem kostenlosen Charterflug nach Marseille zu dem Spiel gegen England kamen. Gerade mal fünf Insassen dieses Flugs haben die französischen Behörden die Einreise verweigert. Die restlichen Passagiere waren den Franzosen unbekannt und konnten so problemlos die Flughafenkontrollen passieren und in der Hafenmetropole für Angst und Schrecken sorgen. (…) Auf einschlägigen Ultra/Hooligan-Portalen feiern dort die russischen Hooligans ihre „Tour de France“. Nicht nur mit selbst gemachten Logos oder Fotos und Videos von den Schlägereien und ihren Opfern, sondern auch mit Fotos ihrer ‚Trophäen‘. Wie auch bei den Ultra- und Hooliganszenen in Westeuropa üblich, präsentieren sie die erbeuteten Fanutensilien anderer Gruppen. Neben unzähligen Fahnen englischer Fans sind dabei auch Flaggen polnischer und albanischer Fans zu sehen. Die russischen Hooligans zeigen ihre Trophäen so offen, dass dies der ‚Novaja Gazeta‘ ausreichte, die in Marseille beteiligten Hooligangruppen zu identifizieren. 18 unterschiedliche ‚Firms‘, wie Hooligangruppen sich nennen, konnte die kremlkritische Zeitung bisher für die Ausschreitungen verantwortlich machen. Neben so berüchtigten Gruppen wie den ‚Orel Butchers‘, Hooligans des FK Orel oder den Lokomotiv Moskau-Hooligans ‚Funny Friends‘ und ‚Vikinki‘ reiste auch die Hooligangruppe ‚FCV Lads‘ nach Marseille. Eine Gruppierung aus dem Umfeld des lettischen Vereins FK Ventspils, die vorwiegend aus Mitgliedern der russischen Minderheit des baltischen Staats besteht“ (Dudek, Thomas, Trophäenschau im Internet, in spiegelonline 26.6.2016).

3.7.2016
– Deutschland gegen Italien: Hitlergruß auf Fanmeile in Berlin

„Vor dem Spiel Deutschland gegen Italien haben zwei junge Männer auf der Fanmeile in Berlin den Hitlergruß gezeigt. Mehrere Polizeibeamte und andere Zeugen hatten beobachtet, wie ein 19-Jähriger und ein 22-Jähriger den rechten Arm zum Gruß hoben, während die deutsche Nationalhymne gespielt wurde. In einer ersten Befragung räumten beide die Tat ein. Der Staatsschutz ermittelt nun wegen des ‚Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen‘. Die Tat wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder mit einer Geldstrafe bestraft“  (NewsBlog, spiegelonline 3.7.2016).

7.7.2016
– Hooligans 2018

Die internationale Fan-Sprecherin Daniela Wurbs wurde von der Uefa für die EM 2016 beauftragt und übte Kritik an den französischen Sicherheitskräften. „Sorge hat Wurbs vor einer Fortsetzung der Fan-Gewalt bei der WM 2018 in Russland. Bei der EM in Frankreich waren Hooligans aus dem Land des nächsten WM-Gastgebers für die schlimmsten Krawalle verantwortlich. ‚Die russischen Behörden haben noch viel Arbeit zu leisten'“ (DPA, „Noch viel Arbeit“, in SZ 7.7.2016).

8.7.2016
Uefa: Nationalistische Gesinnung unterschätzt

Der interimistische Uefa-Generealsekretär, Theodore Theodoridis, zur EM 2016: „Beim Hooligan-Problem seien der Uefa teilweise die Hände gebunden. Man habe nicht die Hooligans per se unterschätzt, sondern vielmehr ihre Gewaltbereitschaft und ihre extreme nationalistische Gesinnung. Man sei aber in ständigem Austausch mit den Behörden gewesen. In Zukunft sei es eine Option, Hochrisiko-Spiele nicht erst am Abend auszutragen“ (Burgener, Samuel, Die Geldmaschine der Uefa läuft, in nzz.ch 8.7.2016).

29.7.2016
– Vier russische Hoologans auf Bewährung

„Der Staatsanwalt hatte für alle Beklagten Bewährungsstrafen von mehr als einem Jahr gefordert. Nach seiner Ansicht wurde der Fall nicht umsonst in der Abteilung für politische Delikte angesiedelt: ‚Es handelte sich ganz klar um eine Auseinandersetzung zwischen Rechtsradikallen und linksmotivierten Opfern“ (DPA, Attacke auf Touristen, in SZ 30.7.2016). Der Richter folgte dem nicht. „Vier russische Hooligans sind wegen einer Attacke auf spanische Touristen am Kölner Dom zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Das Kölner Amtsgericht verurteilte drei der Angeklagten zu zehn Monaten und einen zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung. Die Angeklagten hatten gestanden, Mitte Juni zwei Männer und eine Frau aus Spanien angepöbelt zu haben, als diese Aufkleber mit antifaschistischen Aufdrucken auf Türen klebten. Dann gingen die Hooligans auf die beiden Männer los, schlugen und traten auf sie ein. Eines der Opfer erhielt noch einen Tritt ins Gesicht, als es schon am Boden lag – es erlitt einen Nasenbeinbruch“ (DPA, Touristen verprügelt – russische Hooligans verurteilt, in spiegelonline 29.7.2016).

Aus einem Kommentar von Christian Parth in spiegelonline: „Die mutmaßlichen Täter: Zwei Köche, ein Manager einer Uhrenfirma, ein Wirtschaftsprüfer und ein Mathelehrer, im Alter zwischen 26 und 30 Jahren, angeklagt der gemeinschaftlichen gefährlichen Körperverletzung. Die Opfer: Zwei spanische Touristen, die an jenem Tag Antifa-Aufkleber an eine Metalltür klebten. ‚Antifa?‘, hätten die Russen gefragt. ‚Antifa!‘, hätten die Spanier geantwortet. Danach flogen die Fäuste. Die 21 und 24 Jahre alten Spanier gingen zu Boden, Tritte ins Gesicht folgten. Das Ergebnis: ein offener Nasenbeinbruch, Prellungen, Schürfwunden. ‚Die Motivation war menschenverachtend, minderwertig, verächtlich, ideologisch‘, sagt Willuhn mit einiger Schärfe und blickt dabei in die entsetzten Gesichter der sechs Verteidiger. (Parth, Christian, Verkannte Dimension, in spiegelonline 29.7.2016). Staatsanwalt Willuhn hatte für die Täter Strafen von einem Jahr und drei Monaten bis zu einem Jahr und neun Monaten gefordert. „Das Schöffengericht verurteilte den Haupttäter zu einem Jahr, die anderen drei zu zehn Monaten Haft auf Bewährung. Das Verfahren gegen den fünften Angeklagten wurde abgetrennt, da er eine Tatbeteiligung weiterhin bestreitet. Gegen einen sechsten Verdächtigen wird weiterhin ermittelt“ (Ebenda). Das Schöffengericht sah keinen Zusammenhang zu rechtsradikalem Gedankengut. „Doch so ganz harmlos scheinen die fünf Russen nicht zu sein. Mindestens zwei von ihnen wurden auf Kameraaufnahmen wiedererkannt, die sie im Stadion von Marseille zeigen, beim EM-Vorrundenspiel Russland gegen England. Vor und während der Partie war es zu schweren Ausschreitungen mit zahlreichen Verletzten gekommen. Auch bei den anderen Angeklagten seien später Tickets für das Spiel gefunden worden. Und nicht nur das: Auf einigen Handys seien Bilder mit rechtsradikalen Motiven sichergestellt worden, dazu ein Schlüsselanhänger mit Wolfsangel, ein von Nazis verwendetes Symbol, das in rechtsradikalen Kreisen noch heute weit verbreitet ist“ (Ebenda).

26.9.2016
– Schprygin verhaftet

Bei der wahl des (alten und neuenn) Präsidenten des russischen Fußballverbandes, witali Mutko, wurde „in einer spektakulären Aktion der Funktionär Alexander Schprygin auf der Herrentoilette des Tagungshotels verhaftet. Er ist Vorsitzender der Fanvereinigung und gilt als einer der Hintermänner der blutigen Fan-Ausschreitungen bei der EM 2016 in Frankreich im Juni. Der Polizei zufolge soll er Fans zu einer Massenschlägerei in Moskau aufgewiegelt haben“ (SID, DPA, Mutko wiedergewählt, in SZ 26.9.2016). – „Am Rande der Mutko-Wahl wurde Alexander Schprygin auf dem Herrenklo des Tagungshotels verhaftet! Der Rechtsnationalist gilt als Drahtzieher der Fan-Randalen bei der EM in Frankreich. Wer behauptet da, die Russen täten nichts gegen Rassismus im Fußball? Nun, die Frage ist, wo Schprygin und seine Kumpane 2018 sein werden. Und während dieser Akt groß inszeniert wurde, löste die Fifa gerade klammheimlich ihre Antirassismus-Taskforce auf. Publiziert wurde das nicht, selbst die Mitglieder erhielten nur ein paar dürre Zeilen. Dass die Fifa, ausgerechnet in Hinblick auf 2018, ihre Rassismus-Taskforce absetzt, sagt viel über die Prioritäten. Vermutlich müssen dann vor der WM 2022 Menschen- und Arbeitsrechtler aus Katar verschwinden“ (Kistner, Thomas, Aussitzen, Weitermachen, in SZ 27.9.2016).

21.10.2016
– 93 belgische Hooligans verhaftet

„Rund um das Gruppenspiel der Europa League zwischen dem FSV Mainz 05 und RSC Anderlecht haben Hooligans des belgischen Klubs in Mainz randaliert. Wie eine Polizeisprecherin bestätigte, sind 92 der zwischenzeitlich in Gewahrsam genommenen RSC-Fans wieder auf freiem Fuß. Ein Anhänger wird noch festgehalten. Ihm droht ein Verfahren, nachdem er eine Polizistin mit einem gezielten Faustschlag verletzt hatte. Insgesamt waren bei den Ausschreitungen zwölf Personen verletzt worden – die meisten hatten durch Böllerwürfe ein Knalltrauma erlitten. Nach Polizeiangaben hatte sich eine Gruppe von belgischen Fans im Laufschritt durch die Innenstadt bewegt und warf Böller auf Polizisten“ (Polizei nimmt 93 belgische Hooligans fest, in spiegelonline 21.10.2016).

10.11.2016
Hooligans in Griechenland
„Die Gewalt im griechischen Fußball hat offenbar einen weiteren Höhepunkt erreicht. Der nationale Verband EPO sagte alle für das Wochenende geplanten Profi-Begegnungen ab, nachdem das Haus des Schiedsrichter-Chefs Georgios Bikas abgebrannt war. (…) Der frühere Fifa-Schiedsrichter Bikas und seine Ausschusskollegen waren zuvor bedroht worden und hatten ihre Ämter daraufhin niedergelegt. (…) Anfang September hatten rund 30 vermummte Hooligans ein Restaurant gestürmt, in dem die Auslosung für die zweite Liga stattfand. Die Randalierer verletzten vier Personen, richteten Sachschaden in dem Lokal, an parkenden Autos und am Medien-Equipment an. Die Täter konnten unerkannt entkommen“ (SID, Alle Spiele abgesagt, in SZ 10.11.2016).

22.11.2016
– Hooligans Polen
„Was sangen die Legia Warschau-Fans? ‚Nutte, Nutte BVB‘, oder doch eher ‚Jude, Jude BVB‘? In den ersten Tagen nach dem Champions-League-Hinspiel zwischen Legia Warschau und Borussia Dortmund Mitte September, das der BVB 6:0 gewann, war das die entscheidende Frage. Der polnische Klub ist Wiederholungstäter. Bis zur Partie gegen den BVB wurde Legia seit 2013 bereits zu drei Europa-League-Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit verurteilt. Im selben Jahr verdonnerte die Uefa den ehemaligen Armeeverein dazu, für das entscheidende Champions-League-Qualifikationsspiel gegen Steaua Bukarest eine Tribüne zu schließen. Dazu kommen Geldstrafen von insgesamt rund 500.000 Euro. Und allein wegen der antisemitischen Gesänge drohte dem Verein laut Uefa-Regularien die Schließung des Stadions für zwei Heimspiele in der Königsklasse. Für den Verein hätte solch ein Urteil große finanzielle Einbußen zur Folge gehabt. Bei der Debatte, ob nun ‚Nutte‘ oder ‚Jude‘ gesungen wurde, ist der Angriff der Warschauer Hooligans auf den Block der BVB-Fans fast untergegangen. In der ersten Halbzeit versuchten Maskierte zu den Dortmunder Fans vorzugelangen und konnten erst durch Polizeieinsatz zurückgedrängt werden“ (Dudek, Thomas, Die Rache der „Rasierklinge“, in spiegelonline 22.11.2016).

– Hoologans Russland
„Wenn am Abend Bayer Leverkusen in der Champions League in Moskau antritt, stehen die berüchtigten Hooligans von Gegner ZSKA erneut im Fokus – und die Frage, was sich in Russland seit den erschütternden Ausschreitungen in Frankreich eigentlich getan hat. Die Krawalle von Marseille hatten offenbart, wie eng die Verbindungen zwischen russischen Hooligans, der Politik und dem russischen Fußballverband RFS sind. Zum Symbol dieser Nähe wurde Alexander Schprygin, der als Drahtzieher der blutigen Ereignisse gilt. In den Neunzigern war er eine Größe in der russischen Neonazi-Szene und führendes Mitglied der Hooligans von Dynamo Moskau, später wurde Schprygin Chef des Dachverbands russischer Fans (VOB) – und zum parlamentarischen Mitarbeiter des stellvertretenden Parlamentspräsidenten Igor Lebedew, Sohn des rechtsextremen Politikers Wladimir Schirinowski, der die Krawalle von Marseille mit den Worten ‚Gut gemacht, Jungs‘ per Twitter kommentierte. (…) Von hässlichen Szenen überschattet wurde auch das Moskauer Derby zwischen Spartak und ZSKA Ende Oktober. Bereits im Vorfeld des Spiels prallten die Hooligans beider Klubs aufeinander, die überforderte Polizei konnte nur noch machtlos zuschauen. Während des Spiels zeigten Ultras von Spartak Moskau nicht nur Flaggen mit dem Symbol der Waffen-SS oder dem keltischen Kreuz, sondern auch ein antisemitisches Banner. Sanktioniert wurde das weder von RFS noch vom Ligaverband“ (Dudek, Thomas, Extreme Exzesse, in spiegelonline 22.11.2016).

4.2.2017: Borussia Dortmund gegen RB Leipzig
„Nach den gewaltsamen Zwischenfällen am Rande des Fußball-Bundesligaspiels zwischen Borussia Dortmund und RB Leipzig haben Anhänger des sächsischen Vereins Vorwürfe gegen die Dortmunder Polizei erhoben. ‚Ein Sicherheitskonzept war für uns zu keiner Zeit zu erkennen‘, schrieb der Fanverband von RB Leipzig in einem offenen Brief an den Deutschen Fußball-Bund (DFB), die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und Borussia Dortmund: Die Organisation habe sich ‚auf Kreisliganiveau‘ bewegt. Sowohl bei der An- wie auch der Abfahrt seien zu wenige Beamte am Ort gewesen. ‚Unsere Fans (darunter viele Frauen und Kinder) hatten das Gefühl zur Schlachtbank geführt zu werden‘, heißt es in dem Schreiben. Frauen, die sich hilfesuchend an Polizeibeamte wandten, seien abgewiesen worden. Der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag, Theo Kruse, lenkte den Blick ebenfalls auf den Polizeieinsatz. Er kündigte an, den Landesinnenminister Ralf Jäger (SPD) dazu offiziell befragen zu wollen. Die Behörden hatten darauf verzichtet, die Partie als ‚Risikospiel‘ einzustufen, weil die dafür übliche Voraussetzung fehlte: ‚Wir hatten keine Hinweise, dass aus Leipzig gewaltbereite Fans anreisen würden, zumal in Leipzig keine Ultraszene vorhanden ist‘, erklärte der Einsatzleiter Edzard Freyhoff. Die von Dortmunder Ultras ausgelösten Vorfälle bezeichnete Freyhoff als ‚extrem schockierend’“ (Cáceres, Javier, „Konzept auf Kreisliga-Niveau“, in SZ 7.12.2017).

 

Bei den Angriffen waren nach Auskunft der Polizei zehn Menschen verletzt worden, vier Polizisten und sechs Leipziger Anhänger. Freyhoff sprach von einem „völlig enthemmten Mob. In solche hasserfüllten Fratzen habe ich noch in keinem meiner Polizeieinsätze gesehen“. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte der Bild-Zeitung: „Wer Steine und Getränkekisten auf Polizisten schleudert und dabei nicht mal auf Familien und Kinder Rücksicht nimmt, ist in Wahrheit kein Fußballfan und gehört nicht ins Stadion, sondern hinter Schloss und Riegel.“ Offiziellen Angaben zufolge waren am Samstag insgesamt zwölf Personen vorläufig festgenommen worden. Die Polizei richtete am Montag eine Ermittlungskommission ein, die sich in den kommenden Wochen ausschließlich mit der Aufarbeitung des Geschehens beschäftigen soll.

 

 

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