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Jun 042015
 
Zuletzt geändert am 19.10.2016 @ 15:55

4.6.2015, aktualisiert 10.10.2015

Die folgende Materialsammlung soll das Geschehen rund um den Fifa-Kongress vom 26. bis 31. Mai 2015 in Zürich zusammenfassen. Sie ist chronologisch geordnet und wird mit den derzeit laufenden Fifa-Meldungen aktualisiert.

Gliederung:
Intro * 26.5.2015: Blatter-Dämmerung? * Die Aktivitäten der USA * Stellungnahmen der US-Behörden * US-Anklageergebnisse * Blatters Kronprinz verhaftet * Fifa-Pressekonferenz am 27.5.2015 * Die Schweiz handelt * Kommentare zu den Festnahmen der Fifa-Mitglieder * Fifa-Sponsoren nur leicht indigniert * Putin-Russland protestiert gegen USA * Fifa und Uefa * Eröffnung des Fifa-Kongresses am 28.5.2015 * 29.5.2015: Blatters fünfte Amtszeit * Das System Blatter * Lösungsvorschläge * 2.6.2015: Der Rücktritt * Fazit * Die weiteren Folgen

– Intro
„Die ‚Fußball-Kultur’ liegt im Sterben, klagt (Diego) Maradona, niedergemeuchelt von der ‚Mafia-Kultur’ einer ‚Fifa-Mafia’ unter Joseph S. Blatter. Das klingt hart. Doch die eigentliche Härte ist, dass man nicht widersprechen kann“ (Michael Wollny, Blatters Fifa verpasst schon wieder eine Chance, in Eurosport 26.5.2015).

– Mittwoch, 27.5.2015: Blatter-Dämmerung?
Nach dem Polizeieinsatz am 27.5.2015 im Luxushotel Baur au Lac in Zürich wurden sieben hohe Fifa-Funktionäre in Haft genommen, gegen 14 wird Anklage erhoben. Die Schweizer Bundesanwaltschaft wies in einer Mitteilung darauf hin, dass es sich um zwei verschiedene Verfahren handelt:
„Im von der Bundesanwaltschaft am 10. März 2015 eröffneten Schweizer Strafverfahren besteht der Verdacht, dass bei den Vergaben für die Fifa-Weltmeisterschaften 2018 sowie 2022 Unregelmäßigkeiten begangen worden sind. Entsprechende unrechtmäßige Bereicherungen, so der Verdacht, sollen zumindest teilweise in der Schweiz stattgefunden haben. Zudem befindet sich der Sitz der Geschädigten FIFA in der Schweiz. Die Bundesanwaltschaft führt eine Schweizer Strafuntersuchung über die Vergabe der Weltmeisterschaften von 2018 und von 2022 durch. Anfragen zu dieser schweizerischen Strafuntersuchung sind an die Bundesanwaltschaft zu richten.
In einem separaten Verfahren, und unabhängig vom Schweizer Strafverfahren der Bundesanwaltschaft, führt die für den Bezirk Ost von New York zuständige Staatsanwaltschaft eine Strafuntersuchung über die Vergabe von Medien-, Vermarktungs- und Sponsoringrechten bei der Austragung von Fußballturnieren in den USA und Lateinamerika durch“ (Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesanwaltschaft stellt Dokumente bei FIFA sicher, in news.admin.ch. 27.5.2015).

– Die Aktivitäten der USA
Die Anklagepunkte der US-Behörden lauten u. a. auf Gangstertum, Verschwörung und Korruption. Sie wurden vertreten durch hochrangige US-Institutionen: „The charges were announced by Attorney General Loretta E. Lynch, Acting U.S. Attorney Kelly T. Currie of the Eastern District of New York, Director James B. Comey of the FBI, Assistant Director in Charge Diego W. Rodriguez of the FBI’s New York Field Office, Chief Richard Weber of the Internal Revenue Service-Criminal Investigation (IRS-CI) and Special Agent in Charge Erick Martinez of the IRS-CI’s Los Angeles Field Office” (Department of Justice, Office of Public Affairs, Nine FIFA Officials und Five Corporate Executives Indicted for Racketeering Conspiracy and Corruption, www.justice.gov. 27.5.2015).
Die Liste der 14 Angeklagten des US-Justizministeriums:
The Indicted Defendants. As set forth in the indictment, the defendants and their co-conspirators fall generally into three categories: soccer officials acting in a fiduciary capacity within FIFA and one or more of its constituent organizations, sports media and marketing company executives, and businessmen, bankers and other trusted intermediaries who laundered illicit payments.
Nine of the defendants were FIFA officials by operation of the FIFA statutes, as well as officials of one or more other bodies:
Jeffrey Webb: Current FIFA vice president and executive committee member, CONCACAF president, Caribbean Football Union (CFU) executive committee member and Cayman Islands Football Association (CIFA) president.
Eduardo Li: Current FIFA executive committee member-elect, CONCACAF executive committee member and Costa Rican soccer federation (FEDEFUT) president.
Julio Rocha: Current FIFA development officer. Former Central American Football Union (UNCAF) president and Nicaraguan soccer federation (FENIFUT) president.
Costas Takkas: Current attaché to the CONCACAF president. Former CIFA general secretary.
Jack Warner: Former FIFA vice president and executive committee member, CONCACAF president, CFU president and Trinidad and Tobago Football Federation (TTFF) special adviser.
Eugenio Figueredo: Current FIFA vice president and executive committee member. Former CONMEBOL president and Uruguayan soccer federation (AUF) president.
Rafael Esquivel: Current CONMEBOL executive committee member and Venezuelan soccer federation (FVF) president.
José Maria Marin: Current member of the FIFA organizing committee for the Olympic football tournaments. Former CBF president. (Sollte sich um das Olympische Fußballturnier 2016 in Rio kümmern.)
Nicolás Leoz: Former FIFA executive committee member and CONMEBOL president.
Four of the defendants were sports marketing executives:
Alejandro Burzaco: Controlling principal of Torneos y Competencias S.A., a sports marketing business based in Argentina, and its affiliates.
Aaron Davidson: President of Traffic Sports USA Inc. (Traffic USA).
Hugo and Mariano Jinkis: Controlling principals of Full Play Group S.A., a sports marketing business based in Argentina, and its affiliates. And one of the defendants was in the broadcasting business but allegedly served as an intermediary to facilitate illicit payments between sports marketing executives and soccer officials:
José Margulies: Controlling principal of Valente Corp. and Somerton Ltd.
(Department of Justice, Office of Public Affairs, Nine FIFA Officials und Five Corporate Executives Indicted for Racketeering Conspiracy and Corruption, www.justice.gov. 27.5.2015).
Es wurden also sechs Mitglieder des 24-köpfigen Fifa-Exekutivkomitees in Haft genommen, darunter zwei Vizepräsidenten – Stellvertreter Blatters. Blatter wird drei Tage später erklären, diese Personen hätten mit der Fifa nichts zu tun.

„Der Behörde zufolge sollen Vertreter von Sportmedien und Sportvermarktungsunternehmen Delegierte der Fifa und andere Funktionäre von Fifa-Unterorganisationen mit mehr als 100 Millionen Dollar bestochen haben. Als Gegenleistung sollen sie bei der Austragung von Fußballturnieren in den USA und Lateinamerika die Medien-, Vermarktungs- und Sponsoringrechte erhalten haben. Die Zahlungen seien über US-Banken abgewickelt worden. (…) Fifa-Boss Joseph Blatter, 79, soll ersten Meldungen zufolge nicht zu den Beschuldigten gehören. ‚Er hat damit überhaupt nichts zu tun’, sagte Fifa-Sprecher Walter de Gregorio“ (Schweizer Polizei nimmt Fifa-Funktionäre fest, in spiegelonline 27.5.2015). – “Die Staatsanwaltschaft des Eastern District of New York wirft den Fußballfunktionären vor, über einen Zeitraum von 24 Jahren Schmiergeldzahlungen und Kickback-Geschäfte von mehr als 150 Millionen Dollar angenommen zu haben” (Eberle, Lukas u. a., Spielverderber, in Der Spiegel 23/30.5.2015).

New York Times: “Mr. Blatter und die Fifa haben Korruptionsstreitigkeiten in der Vergangenheit überstanden, aber keine von diesen wurde als Anklage von einem US-Bundesgericht vertreten. Die Gesetze der USA gibt dem Justizministerium große Befugnisse, den Fall auch gegen Ausländer im Ausland zu erheben… Diese Fälle können von der geringsten Verbindung zu den USA abhängen, wie der Benutzung einer amerikanischen Bank oder einem Internet-Provider“ (Apuzzo, Matt, Schmidt, Michael S., Rashbaum, William K., Borden, Sam, Fifa Officials Arrested on Corruption Charges: Blatter Isn’t Among Them, in nytimes.com 26.5.2015).
Laut Folco Galli, Sprecher des Schweizer Bundesamtes für Justiz, „sollen die Funktionäre im Gegenzug bei mehreren internationalen Fußballturnieren in den USA und Lateinamerika Medienvermarktungs- und Sponsoringrechte vergeben haben. Die Zahlungen seien über amerikanische Banken abgewickelt worden. Delegierte des Weltfußballverbandes Fifa und andere Funktionäre von Fifa-Unterorganisationen sollen in Schmiergeldzahlungen in Höhe von über 100 Millionen Dollar verwickelt gewesen sein. Die Straftaten seien in den USA vorbereitet und abgesprochen worden, schrieb das Bundesamt unter Berufung auf das Verhaftungsersuchen“ (Sechs Fifa-Funktionäre in Zürich verhaftet, in nzz.ch 27.5.2015).
„Die Schweizer Staatsanwaltschaft hat rund um die Vergaben der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar ein Strafverfahren eröffnet. In dem Zusammenhang seien im Hauptquartier des Weltfußballverbands Fifa in Zürich elektronische Daten und Dokumente sichergestellt worden, teilte die Behörde mit. Es bestehe der Verdacht der Geldwäscherei und Schmiergeldzahlungen. Die Ermittlungen würden nicht gegen konkrete Personen laufen, hieß es. Bereits zuvor seien Schweizer Finanzinstitute angewiesen worden, die Bankunterlagen zu erheben. ‚Die heute sichergestellten elektronischen Daten und Akten sowie die erhobenen Bankunterlagen dienen sowohl dem Schweizer Strafverfahren als auch ausländischen Strafverfahren‘, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Auch die amerikanische Justiz geht derzeit gegen die Fifa vor. Die US-Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen neun Fifa-Funktionäre erhoben. Ihnen wird Korruption und Verschwörung vorgeworfen. Es geht um Summen von mehr als 100 Millionen Dollar aus den vergangenen 20 Jahren“ (Strafverfahren wegen WM-Vergabe – Staatsanwaltschaft durchsucht Fifa-Zentrale, in sueddeutsche.de 27.5.2015).
Das US-Haftersuchen erreichte das Schweizer Bundesamt für Justiz (BJ) am 22. Mai: „’Das Ersuchen ist auf den 21. Mai 2015 datiert, wir erhielten es einen Tag später’, sagt die BJ-Sprecherin Ingrid Ryser SPIEGEL ONLINE. Daraufhin habe das Bundesamt die Kantonspolizei Zürich mit den Verhaftungen beauftragt. (…) Absender des Ersuchens ist laut Ryser das Office of International Affairs des US-Justizministeriums. Es berief sich dabei auf einen Auslieferungsvertrag zwischen der Schweiz und den USA von 1997, der vorsieht, dass die Schweiz an die US-Behörden Personen ausliefert, wenn gegen diese ein Strafverfahren nach US-Recht läuft“ (Schweiz wusste seit Tagen von US-Ermittlungen, in spiegelonline 27.5.2015).

Am 26.5.2015 wurde auch die Zentrale des Nord- und Mittelamerikanischen Fußballverbandes Concacaf in Miami durchsucht. Webbs Vorgänger als Fifa-Vizepräsident, Jack Warner, stellte sich am 28.5.2015 der Polizei in Trinidad & Tobago. „Am Mittwoch wurde bekannt, dass Warners Söhne Daryan und Daryll die gegen sie erhobenen Vorwürfe 2013 eingeräumt hätten. Offenbar kooperieren sie seither mit der US-Justiz. Dabei soll es unter anderem um Stimmenkäufe bei der Vergabe der WM 2010 an Südafrika gehen“ (Ex-Fifa-Vize Warner stellt sich der Polizei, in spiegelonline 28.5.2015). – „Die Ermittler werfen Warner vor, 2008 insgesamt zehn Millionen Dollar von einem ranghohen Fifa-Offiziellen erhalten zu haben. Das Geld soll auf einem US-Konto eingegangen sein, das Warner kontrollierte. Die Summe soll, so der Vorwurf, die Gegenleistung dafür gewesen sein, dass Warner mit seiner Stimme dazu beitrug, die WM 2010 nach Südafrika zu vergeben. Der Sportminister des Landes bestreitet ein Fehlverhalten der Regierung“ (Früherer Vizepräsident Warner verlässt Gefängnis, in spiegelonline 29.5.2015). Gegen 2,5 Millionen Dollar Kaution konnte Warner nach einer Nacht das Gefängnis in Trinidad wieder verlassen (Joseph Blatter tritt als Fifa-Boss zurück, in sueddeutsche.de 2.6.2015). Warner fragte: „Warum gibt es kein Ermittlungsverfahren gegen Blatter?“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Zittern vor den Verstoßenen, in SZ 2.6.2015).

– Stellungnahmen der US-Behörden
Loretta Lynch war US-Staatsanwältin für den Bezirk East New York. Die Ermittlungen von Lynch führten dazu, dass die City-Bank ein Bußgeld von sieben Milliarden Dollar und die HSBC-Bank zwei Milliarden Dollar bezahlten (Richter, Nicolas, Eiserne Ministerin, in SZ 30.5.2015; Hervorhebung WZ). Lynch und ihr Team sind seit 2010 auch mit der Fifa befasst. Im April 2015 wurde Lynch Obamas neue Justizministerin (Pitzke, Marc, Die Mafiajäger aus Washington, in spiegelonline 29.5.2015). „Die US-Behörden werfen den sieben festgenommenen Fifa-Funktionären Korruption in einem Zeitraum von mindestens 24 Jahren vor. ‚Sie haben das weltweite Fußballgeschäft korrumpiert, um sich selbst zu bereichern’, sagte US-Justizministerin Loretta Lynch bei einer Pressekonferenz in New York. ‚Sie haben es immer und immer wieder gemacht. Jahr um Jahr, Turnier um Turnier.’
Lynch kündigte an, die Korruption im Weltfußball rigoros bekämpfen zu wollen. Die am Mittwochmorgen in Zürich festgenommenen Funktionäre hätten dem Fußball großen Schaden zugefügt. Ihnen drohen laut Lynch bis zu 20 Jahre Haft. (…) Der Oberstaatsanwalt von New York, Kelly Currie, kündigte an, dass die Festnahmen nicht das Ende, sondern der Anfang der Ermittlungen seien.
‚Diese Art der Korruption und der Bestechung im internationalen Fußball läuft seit zwei Jahrzehnten’, sagte Currie. Alle Verdächtigten hätten das US-Finanzsystem für ihre Zwecke missbraucht und amerikanische Gesetze gebrochen. ‚Was sie gemein hatten, war die Gier.’ (…) Auch der Chef der US-Steuerfahndung übte harsche Kritik am Weltverband. Die Fifa handle aus Eigennutz und Profitgier, sagte Richard Weber. ‚Dies ist die Weltmeisterschaft des Betrugs, und heute zeigen wir der Fifa die Rote Karte‘, betonte er und sprach von einem ‚guten Tag für Fußballfans und einem großartigen Tag für den globalen Kampf gegen Korruption, Geldwäsche und Steuerhinterziehung'“ („Sie haben es immer und immer wieder gemacht“, in spiegelonline 27.5.2015).
Auch weitere Personen und Einrichtungen in vielen Ländern würden noch überprüft, dazu gebe es 25 namentlich nicht genannte Mitverschwörer (Ebenda). – „Lynch zufolge sind allein im Zusammenhang mit der Vergabe der Copa America 2016 in den USA rund 110 Millionen Dollar (101 Millionen Euro) an Bestechungsgeldern geflossen. Das Turnier findet im kommenden Jahr erstmals außerhalb von Südamerika statt. Es wird anlässlich des 100. Geburtstages des südamerikanischen Verbandes als Gemeinschafts-Event Copa America Centenario in den USA ausgetragen“ (Russland verurteilt USA wegen Fifa-Festnahmen, in spiegelonline 27.5.2015).
„So einen Aufmarsch an Prominenz amerikanischer Bundesbehörden hat die Welt selten gesehen. Seit vier Jahren befassen sich die US-Fahnder mit Schmutzgeschäften im Umfeld der Fifa. Justizministerin Loretta Lynch, FBI-Direktor James Comey, der New Yorker Staatsanwalt Kelly Currie und hochrangige Vertreter der Steuerbehörde IRS beschrieben die Fifa einmal mehr als mafiöses System. Gegen 14 Funktionäre und Sportrechtehändler, darunter die sieben in Zürich Festgenommenen und insgesamt sechs aktuelle oder ehemalige Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees wurde Anklage erhoben. Einige andere wie der US-Amerikaner Chuck Blazer, langjähriger Fifa-Vorstand und Generalsekretär der nordamerikanischen Konföderation Concacaf, haben Delikte der Unterschlagung, des Betruges, der Geldwäsche, der Steuerhinterziehung und Verschwörung längst gestanden und kooperieren seit Jahren mit FBI und IRS, um das Strafmaß zu mindern“ (Weinreich, Jens, Es wird eng für Blatter, in spiegelonline 28.5.2015). Blazer war 21 Jahre Generalsekretär der Concacaf und wurde vom FBI und der US-Steuerfahndung 2011 vor die Wahl gestellt: „Wir können Sie in Handschellen abführen – oder Sie können kooperieren“ (Pitzke, Marc, Die Mafiajäger aus Washington, in spiegelonline 29.5.2015).

– Mittwoch, 27.5.2015: US-Anklageergebnisse
Loretta Lynch übergab am 27.5.2015 einem New Yorker Gericht eine 161 Seiten starke Anklageschrift. Einige Punkte aus dem SZ-Artikel „Was in der Anklage steht“ vom 28.5.2015:
Copa América: 1986 erwirbt Traffic Brazil die weltweiten Vermarktungsrechte der Südamerika-Meisterschaft. 1991 fordert der Präsident des südamerikanischen Fußballverbandes Conmeboil, Nicolas Leoz, eine sechsstellige Schmiergeldsumme für die Vertragsverlängerung: „Für die weltweiten Vermarktungsrechte der vier Copa Américas von 2015 an werden bereits Schmiergelder in Höhe von 110 Millionen an elf Conmebol-Offizielle vereinbart.“ Leoz (*1928, Paraguay) hatte bereits Schmiergeldzahlungen der ISL zwischen 1997 und 2000 angenommen (Wikipedia).
Gold Cup: Ab 1996 erwirbt Traffic USA die Vermarktungsrechte der Nord- und mittelamerikanischen Meisterschaft. Jack Warner erhält bis 2003 Hunderttausende Dollar an Schmiergeld. „Warners Nachfolger Jeffrey Webb erhält 1,1 Millionen für seine Zusage der Rechte am Gold Cup und Concacaf Champions League 2012 an Traffic USA. Für die Turniere im folgenden Jahr sind es bereits zwei Millionen“ (SZ 28.5.2015).
Copa Libertadores: Nicolas Leoz erhält Schmiergeld- und Kickback-Zahlungen für die Werberechte an der südamerikanischen Fußball-Königsklasse. Allein 2006 erhielt er mehr als zwei Millionen Dollar auf persönliche Konten (Ebenda).
Brasilianische Nationalmannschaft: Ein US-Sportausrüster bezahlt für die Ausrichterrechte 1996 bis 2006 160 Millionen US-Dollar – plus 40 Millionen Dollar an eine Tochter von Traffic Brasil. Davon fließt die Hälfte als Schmiergeld an Fußballfunktionäre (Ebenda).
WM-Vergabe 2010: Warner erhielt vom südafrikanischen Bieter-Komitee zehn Millionen Dollar, die über ein Fifa-Konto in der Schweiz auf ein US-Konto von Concacaf und CFU (Caribbean Football Union) und Warners Privatkonten fließen.
Fifa-Präsidentenwahl 2011: Ein hoher Fifa-Funktionär, Mit-Verschwörer Nr. 7 (Mohamad Bin Hamman) erklärte die Kandidatur zum Präsidentenamt. 363.537,98 Dollar flossen auf das Konto des CFU. Warner teilte im Mai 2011 den CFU-Funktionären mit, dass sie ein „Geschenk“ – 40.000 Dollar im Umschlag – erhalten würden. Mit-Verschwörer #7 veranlasste nach seinem Rücktritt eine Zahlung von über 1,2 Millionen Dollar auf ein Warner-Konto.
Anklage-Erheber Kelly Currie: „Lassen Sie es mich deutlich sagen: Diese Anklage ist nicht das letzte Kapitel unserer Untersuchung“ (Hofmann, René, „Ungezügelte und systemische Korruption“, in SZ 28.5.2015).

– Blatters Kronprinz verhaftet
Jeffrey Webb von den Cayman Islands ist Vizepräsident der Fifa und des Concacaf. Sein Vorgänger war Jack Warner, der der Korruption überführt wurde: Beide Söhne von Warner sitzen wie erwähnt in Miami in Haft und kooperieren mit den US-Behörden. „Als Gegenleistung für seine Wahlhilfen erhielt Warner seit den Neunzigerjahren unter anderem regelmäßig die WM-Fernsehrechte der Fifa für die Karibik zugeschanzt, für einen Spottpreis, der anfänglich bei einem ‚symbolischen’ Dollar lag“ (Das böse Erwachen des Blatter-Kronprinzen, in spiegelonline 27.5.2015). – „ Im Falle der WM 2010 in Südafrika hingegen glauben die US-Ermittler, Schmiergeldzahlungen nachweisen zu können. Zehn Millionen sollen über Mittelsmänner auf die Konten der Karibischen Fußball-Union CFU und dem Uefa-Pendant in Nord- und Mittelamerika Concacaf geflossen sein, die der ehemalige Fifa-Vize und enge Blatter-Vertraute Jack Warner kontrollierte. (…) Auch bei anderen Gelegenheiten nutzte Warner seine Macht aus, um sich zu bereichern. So hatte die Fifa ihm für die Weltmeisterschaften 2002 und 2006 die Fernsehrechte in der Karibik für jeweils lediglich einen Dollar verkauft. Über seine Firma JD International erzielte er anschließend allein für die WM 2002 einen Erlös von 4,25 Millionen Dollar“ (Kröger, Michael, Der Selbstbedienungsladen, in spiegelonline 28.5.2015).
„Noch am Dienstag hatte einer von Blatters engsten Vertrauten den Kontinental-Verband von Nord- und Mittelamerika (Concacaf) auf Linie gebracht. Man werde wie üblich die knapp 40 Voten im Block für den Schweizer abgeben, hatte Jeffrey Webb erklärt“ (Kistner, Thomas, Der Tag, an dem der Präsident nicht tanzt, in sueddeutsche.de 28.5.2015). – „Am Dienstag war er noch bester Laune gewesen: Bei einem Treffen seines Kontinentalverbandes in Zürich scherzte Jeffrey Webb, der bevorstehende Fifa-Kongress drohe etwas langweilig zu werden. Nur einen Tag später steht die Karriere des Fußballfunktionärs vor dem Zusammenbruch. In Zivil gekleidete Schweizer Ermittler erschienen am frühen Morgen unangemeldet im Fünf-Sterne-Hotel, in dem Webb übernachtete. Sie ließen sich den Zimmerschlüssel des 50-Jährigen geben und nahmen ihn fest – zusammen mit sechs weiteren Funktionären. Laut Schweizer Behörden geht es um Bestechung mit einer Gesamtsumme von etwa 120 Millionen Dollar seit den Neunzigerjahren. Das Geld sollen die Funktionäre von Sportmedien- und Sportvermarktern erhalten haben. (…) Nachfolger Webb versuchte, sich als Saubermann zu inszenieren. Das war aber spätestens dann nicht mehr glaubhaft, als Canover Watson, sein Vizepräsident bei der Concacaf, im vergangenen September auf den Cayman Islands wegen Geldwäsche verhaftet wurde. Ironischerweise hatte er bei der Fifa ein Amt als Finanzprüfer inne“ (Das böse Erwachen des Blatter-Kronprinzen, in spiegelonline 27.5.2015).

– Mittwoch, 27.5.2015: Fifa-Pressekonferenz
Fifa-Kommunikationschef Walter de Gregorio saß allein bei der Pressekonferenz: „’Das Timing ist nicht das beste: Die Eröffnung des Strafverfahrens gleichzeitig mit dem Fifa-Kongress.’ Die jährliche Tagung beginnt am Donnerstag und soll am Freitag mit der Wahl des Fifa-Präsidenten fortgesetzt werden. De Gregorio sagte, die Fifa selbst habe den Generalstaatsanwalt im vergangenen November gebeten, das Verfahren zu eröffnen. ‘Das ist gut für die Fifa. Es ist nicht gut für das Image, wegen des Rufs. Im Sinne der Transparenz, dass es bereinigt wird, ist es gut’, sagte de Gregorio. ‘In diesem Kontext ist die Fifa die beschädigte Partei.’ (…) Zu Blatters Gemütszustand sagte der Sprecher: ‚Er tanzt natürlich nicht in seinem Büro.’ Und weiter: ‚Er ist recht entspannt. Er weiß, dass er nicht involviert ist’“ („Blatter tanzt natürlich nicht“, in spiegelonline 27.5.2015).
„Die Fifa hat diesen Prozess am 18. November 2014 selbst initiiert. Das hatte mit der Vergabe der Weltmeisterschaft 2018 und 2022 zu tun“ („Wir sind die geschädigte Partei“, in sueddeutsche.de 27.5.2015).
Da biegt sich de Gregorio die Geschichte hin, wie er sie braucht und stellt die Fifa noch als Wahrheitssuchende dar. Dabei wurden ja gerade die Fifa-Büros durchsucht, weil der Verdacht naheliegt, dass auch bei der Vergabe der WM 2018 und 2022 bestochen wurde.
„Ich möchte ausdrücklich betonen. Ausdrücklich, dass die Fifa in diesem Fall die geschädigte Partei ist. Das bedeutet, dass keine Durchsuchungen in Fifa-Büros durchgeführt wurden“ (Ebenda).
Das ist völlig falsch: “Wie die Schweizer Bundesanwaltschaft mitteilte, haben Ermittler in der Zentrale des Weltverbands Dokumente und Datenträger beschlagnahmt“ (Russland verurteilt USA wegen Fifa-Festnahmen, in spiegelonline 27.5.2015). – „Sie rückte am Morgen ins mondäne Hauptquartier auf dem Zürichberg ein, um ‚elektronische Daten und Dokumente sicherzustellen‘. Unterlagen zu den WM-Vergaben an Russland 2018 und Katar 2022, die seit ihrer Verkündung am 2. Dezember 2010 unter Korruptionsverdacht stehen“ (Kistner, Thomas, Der Tag, an dem der Präsident nicht tanzt, in sueddeutsche.de 28.5.2015). – Nach Angaben der NZZ wurden bei der Fifa-Razzia zwei Terrabyte gesichert (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Zehn Millionen für die Karibik, in SZ 1.6.2015).
Natürlich wurden Fifa-Büros durchsucht.
„Der Präsident tanzt nicht in seinem Büro. Aber er ist entspannt, weil es eine Bestätigung ist, dass er nicht beschuldigt ist“ (Ebenda).
Blatter war von 1981 bis 1998 Fifa-Generalsekretär und ist seit 1998 Fifa-Präsident. Wer, wenn nicht er, soll für das seit Jahrzehnten bestehende Fifa-Bestechungssystem sonst verantwortlich sein?
„Wie können Sie fordern, dass er zurücktreten soll. Er ist der Präsident, in zwei Tagen sind Wahlen. Wenn ihn die Mehrheit der 209 Mitglieder wählt, wird er für weitere vier Jahre der Präsident sein“ (Hummel, Thomas, Sepp Blatter ist nicht zu fassen, in sueddeutsche.de 27.5.2015).

– Die Schweiz handelt
„Die Schweiz garantierte den Sportverbänden bislang stets die nötige Verschwiegenheit und eine gewisse Ruhe vor Strafverfolgung. Das scheint nun anders, die Ereignisse vom Mittwoch sind deshalb historisch zu nennen. Bisher hatten internationale Verbände, von denen mehr als 60 in der Schweiz residieren, gern damit gedroht, das Land zu verlassen und sich anderswo anzusiedeln, sollten die Gesetze gegen Korruption und Geldwäsche verschärft werden. Nun haben die Schweizer Behörden auf Ersuchen ihrer amerikanischen Kollegen einfach mal gehandelt. (…) Das alles hat eine neue Qualität und zeigt den einzig wirkungsvollen Weg, wie dem flächendeckenden Korruptions- und Selbstbedienungssystem im Reich des Fifa-Präsidenten Joseph Blatter beizukommen ist: Mit der Härte des Gesetzes. Klingt einfach, ist in dieser Branche, die mit Emotionen handelt und ein Kulturgut der Menschheit vermarktet, allerdings nicht so einfach“ (Weinreich, Jens, Es wird eng für Blatter, in spiegelonline 28.5.2015).

– Kommentare zu den Festnahmen der Fifa-Mitglieder
Der englische Ex-Fußball-Nationalspieler Gary Lineker: „Das ist außergewöhnlich! Die Fifa zerbricht. Das Beste, das diesem schönen Spiel möglicherweise passieren kann“ („Die Fifa zerbricht“, in spiegelonline 27.5.2015).
Thomas Hummel in der SZ: „Der einst würdevolle Vertreter des schönen Fußballspiels ist offensichtlich zu einem Hort aus Betrügern geworden. Das Raunen darüber existiert schon seit Jahrzehnten, Korruptionsfälle und -vorwürfe auch. Die Fifa und ihr Chef sind in weiten Teilen der Welt so unbeliebt wie ein Heuschreckenschwarm. (…) Dass die Amerikaner von mindestens zwei Generationen von Funktionären sprechen, die sich bereichert haben sollen, ignoriert die Fifa. Blatter war ab 1981 Generalsekretär und ist seit 1998 Chef. Seit 34 Jahren sitzt er in der Schaltzentrale des Verbands, in den weit mehr als 150 Millionen Dollar an Bestechungsgeldern geflossen sein sollen. Von Medien- und Sportmarketingunternehmen an die Fußballfunktionäre. Ohne das Wissen Blatters?“ (Hummel, Thomas, Sepp Blatter ist nicht zu fassen, in sueddeutsche.de 27.5.2015).
Michael Ashelm in der FAZ: „Doch unter diesen Umständen wirkt es absurd, dass sich der ewige Fifa-Herrscher Joseph Blatter am Freitag beim Fifa-Kongress als Präsident zum vierten Mal in Folge bestätigen lassen will. Zwei seiner Vizepräsidenten sind verhaftet worden, zudem weitere wichtige Funktionäre. Zu denen, die jetzt wegen des Vorwurfs der Bestechung in Auslieferungshaft (an die Vereinigten Staaten) sitzen, gehört der einflussreiche Präsident des brasilianischen Fußballverbandes, José Maria Marin. Er war sozusagen einer der Mitgastgeber der WM im vergangenen Jahr, die der Fifa einen neuen Rekordgewinn bescherte. (…) Jahrzehnte wirkte er in entscheidenden Positionen des Weltverbandes und arbeitete dabei mit vielen dubiosen und inzwischen sogar abgeurteilten Funktionären eng zusammen“ (Ashelm, Michael, Blatter muss abtreten! In faz.net 27.5.2015).
Der ehemalige brasilianische Fußball-Nationalspieler, Weltmeister 1994 und heutige Abgeordnete Romário attackierte vor allem Brasiliens Ex-Fußballboss José Maria Marin – dieser sei eine der „Ratten“, die er schon oft beschuldigt habe. „Das ist die Person, die mit (Brasiliens) Präsidentin Dilma (Rousseff) während der Fußball-WM Staatschefs empfangen hat… Diebe müssen ins Gefängnis. … Glückwunsch ans FBI und die Schweizer Polizei“ (Ex-Vize Warner stellt sich der Polizei, in spiegelonline 28.5.2015).
The Guardian: „Bestechung folgt Bestechung folgt Bestechung. Der Gestank der Korruption liegt über der gesamten Fifa“ ( „Das Spiel ist aus“, in spiegelonline 28.5.2015).
Wall Street Journal: „Der größte Skandal des modernen Sports. Die Fifa ist seit Jahrzehnten eine perverse Mischung aus verhätschelter Oligarchie und der Schurkerei von James-Bond-Bösewichten“ (Ebenda).
Libération: „Fifa nostra. Die USA und die Schweiz greifen an“ (Ebenda).
Tagesanzeiger, Schweiz: „In keiner anderen Geschäftswelt wäre Blatter noch tragbar. Bei der Fifa aber darf er jetzt den Erneuerer spielen“ (Ebenda).
Sport, Spanien: „Ein ganz harter Schlag für die Glaubwürdigkeit der Fifa, die von Skandal in Skandal tappt. Eine Bande von Lebemännern, die sich für unangreifbar halten“ (Ebenda).
St. Galler Tagblatt: „Wie kann Blatter als langjähriger Präsident der Fifa sagen, er habe mit all diesen Vorgängen, die nun endlich an die Öffentlichkeit kommen, nichts zu tun?“ (Zeitungskommentare nehmen Blatter in die Verantwortung, in suedostschweiz.ch 28.5.2015).
Basler Zeitung: „Wenn es ihm tatsächlich nur um den Geist des Fußballs gehen würde, hätte er den Weg längst freimachen müssen. Aber ihm geht es um die Macht“ (Ebenda).
Neue Luzerner Zeitung: „Zwar hatte man schließlich, auf enorm großen Druck hin, eine Ethikkommission auf die Beine gestellt. Doch von voller Transparenz wollte Blatter weiterhin nichts wissen“ (Ebenda).
Dazu Holger Gertz in einem Porträt über Sepp Blatter: „Der Begriff ‚Fifa-Ethikkommission’ wurde 2010 in der Schweiz, dem Sitz der Fifa, zum Unwort des Jahres gewählt. Begründung: ‚Aufgrund der wiederholten Korruptionsbeschuldigungen rund um die FIFA und ihrer Funktionäre beabsichtigt der Weltfußballverband nun mit einer hausgemachten Kommission seine hausgemachten Probleme zu lösen. In diesem Zusammenhang den Begriff der Ethikkommission zu strapazieren, ist nach Ansicht der Jury ein glatter Widerspruch – ohne Wenn und Aber’“ (Gertz, Holger, Jesus lebt, in SZ 27.5.2015).
Jens Weinreich im Interview im Bündner Tagblatt: „Ich hatte die Hoffnung bereits aufgegeben. Und ich hätte nie damit gerechnet, ausgerechnet in Zürich Zeuge solcher Vorgänge zu werden. (…) Der heutige Tag aber verändert vieles. Er hat bei der Fifa, aber auch beim Olympischen Komitee und vielen anderen hier ansässigen internationalen Sportverbänden Schockwellen und Angst ausgelöst. (…) Blatter ist ein moralisch korrupter, charakterloser Gesell, man kann das nicht anders ausdrücken. Und er ist der größte Nutznießer dieses Systems. (…) Die Uefa ist genauso korruptionsverseucht wie die Fifa, deren Mitglied sie ist“ (Bühler, Denis, Tibolla, Rinaldo, „Das System ist todkrank – und wird es mit Blatter bleiben“, in Bündner Tagblatt 28.5.2015).
Anno Hecker in der FAZ: „Mit dem Finger zeigt Präsident Joseph Blatter auf Kollegen aus seiner Fußball-Weltregierung und distanziert sich indirekt von denen, die eben noch seine guten Freunde, Tischnachbarn und Stimmengaranten waren. Der Chef wäscht seine Hände nach der Verhaftungswelle in Zürich wieder einmal in Unschuld“ (Hecker, Anno, Die Fifa vergiftet den Sport, in faz.net 28.5.2015).
Holger Gertz und Thomas Kistner in der SZ: „Alles, was Fachleute in den vergangenen Jahren geschrieben und gesagt haben, oft genug gegen die tauben Ohren der fußballbegeisterten Öffentlichkeit und der Boulevardtrommler, verdichtet sich mehr und mehr zur Realität: der mächtige Weltfußballverband Fifa ist ein Verein von Schiebern, Betrügern, Verbrechern“ (Gertz, Holger, Kistner, Thomas, Sumpf ist Trumpf, in SZ 30.5.2015).

Fifa-Sponsoren zunächst nur leicht indigniert
Visa teilte mit, dass man nach dem jüngsten Skandal „sein Engagement überdenken“ werde und „enttäuscht“ sei. Coca-Cola sieht „die Mission und die Ideale der Fifa-Weltmeisterschaft befleckt“. McDonald’s nimmt die Vorgänge „sehr ernst“ (Sponsoren gehen auf Distanz zur Fifa, in spiegelonline 28.5.2015). AnheuserBuschInBev fordert auf die Einhaltung „ethischer Standards“. Nur Adidas will unbeirrt das Fifa-Engagement fortsetzen (Eichfelder, Christopher, Sponsoren machen der Fifa Druck, in sueddeutsche.de 28.5.2015).
Sony und Emirates können froh sein, dass sie seit 2014 keine Fifa-Sponsoren mehr sind.
Tim Clark, Chef von Emirates, äußerte dann auch: „Ich bin sehr froh, dass unser Name in diesem Zusammenhang keine Rolle mehr spielt. (…) Doch Konzerne wie Adidas, Coca-Cola, McDonald’s, Hyundai oder Gazprom fallen bisher vor allem durch zaghafte Zurückhaltung auf. Nur der amerikanische Kreditkartenanbieter Visa hat bereits offen mit Rücktritt gedroht“ (Busse, Caspar, Mehr Mut, in SZ 11.6.2015).

– Adidas unrühmlich. „Eine unrühmliche Rolle spielt dabei der Sportartikelkonzern Adidas. Die Franken sind seit Jahrzehnten Partner der Fifa, sie haben das heutige Sponsoren-System quasi mit erfunden. Heute stellt Adidas zum Beispiel den Spielball bei Weltmeisterschaften, rüstet die Offiziellen aus und ist auch sonst bei großen Ereignissen wie jetzt bei der Frauenfußball-WM überall präsent. Der Vertrag läuft noch bis 2030. Die „fortwährenden negativen Schlagzeilen“ seien weder gut für den Fußball, noch für die Fifa oder ihre Sponsoren, teilte Adidas nun mit. Öffentliche und deutliche Kritik von Konzernchef Herbert Hainer? Fehlanzeige“ (Ebenda). Adidas-Chef Herbert Hainer bejahte ausdrücklich das Fifa-Sponsoring seines Konzerns: „Ja, denn ich habe Vertrauen in die Arbeit der Reform- und Ethikkommission“ (Fifa-Funktionär Chung beklagt Kaltstellung, in spiegelonline 6.10.2015).

– Sportsender ARD und ZDF schweigen. „Noch mehr als mit Sponsoring und Werbung nimmt der Weltverband ein durch den Verkauf der Fernsehrechte, vor allem an den Weltmeisterschaften. In Deutschland sind seit Langem ARD und ZDF die Geschäftspartner, sie haben sehr viele Millionen Euro ausgegeben. Doch auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten schweigen zum Skandal – auch das ist ein Unding“ (Ebenda).

– Putin-Russland protestiert gegen USA
„Am Mittwochabend forderte Russland, WM-Ausrichter 2018, die USA auf, den ‚illegalen, exterritorialen Gebrauch der US-Rechtsprechung‘ zu unterlassen. Washington solle ‚die Versuche stoppen, seine Gesetze weit außerhalb der eigenen Grenzen anzuwenden‘, teilte das russische Außenministerium in einer Stellungnahme mit“ (Russland verurteilt USA wegen Fifa-Festnahmen, in spiegelonline 27.5.2015).
Nach der Wahl Blatters am 29.5.2015 stellte sich Putin dann umgehend an dessen Seite. „Der russische Präsident Wladimir Putin gratulierte Blatter offiziell zur Wiederwahl. Putin sei zuversichtlich, dass ‚die Erfahrungen, der Professionalismus und das hohe Ansehen Blatter helfen werden, zur weiteren Verbreitung und weiteren Beliebtheit des Spiels in der ganzen Welt beizutragen’, teilte der Kremlchef in Moskau mit“ (Frankreich brüskiert Uefa, in sueddeutsche.de 30.5.2015).
Russlands Sportminister Witali Mutko ist Mitglied im Exekutivkomitee der Fifa und der Uefa – und nicht nur er: Insgesamt sitzen acht Uefa-Exekutivmitglieder auch in der Fifa-Exekutive. Mutko verteidigte Blatter sofort nach seiner Ankunft in der Schweiz. Die Fifa sei „’die offenste, die transparenteste Organisation überhaupt’, sagte Mutko. Westliche Journalisten hätte schon dieses Statement womöglich zu Nachfragen animiert, Mutko diktierte es aber widerspruchslos ausgewählten russischen Kamerateams in die Mikros. Zu Blatter gebe es überhaupt keine ernsthafte Alternative, deshalb sei es an der Zeit ‚für die Fifa, sich umzudrehen und sich zu verteidigen'“ (Bidder, Benjamin, Am Ende ist immer alles ein Komplott des Westens, in spiegelonline 28.5.20915). Auch Präsident Wladimir Putin ging für Blatter in die Offensive. „Gegen wen man sich da zur Wehr setzen müsse? Gegen ein Komplott, das Amerika ins Werk gesetzt habe, um Russland die WM 2018 abzujagen. Man wisse um den Druck, der auf Blatter ausgeübt wurde mit dem Ziel, Russland das Turnier wegzunehmen’, so der Kreml-Chef. (…) Unabhängige Beobachter hat die Heftigkeit allerdings überrascht, mit der das offizielle Moskau auf die Ermittlungen reagiert. Dafür gebe es eigentlich nur eine Erklärung, konstatiert die Tageszeitung ‚Nesawissimaja Gaseta’: ‚Die Attacke auf die Fifa macht Russland nervös’“ (Ebenda).
Günter Jauchs TV-Runde am 31.5.2015 befasste sich mit dem Fifa-Skandal – ohne dem Fifa-Stellvertreter von Walter de Gregorio, Alexander Koch, Paroli bieten zu können. „Und ohne die nächste, in 1103 Tagen beginnende Weltmeisterschaft zu diskutieren, die, nur zur Erinnerung, nicht nur in jenem Land stattfindet, das die Gastgeberrolle der jüngsten olympischen und paralympischen Spiele mit der Annexion eines wesentlichen Teils des Nachbarlands beschlossen hat und in diesem Nachbarland, der Ukraine, bis jetzt Krieg führt und führen lässt. Sondern auch von Wladimir Putin regiert wird, dem Mann, der Joseph Blatter in dieser Woche als einer der ersten zur Seite gesprungen ist. (…) Die Ermittlungen des FBI? Duften nach Rache für die verlorene WM-Bewerbung der Amerikaner, wusste Blatter nach seiner Wiederwahl. Die klassische Verschwörungstheorie à la Russe – von Putin lernen, heißt siegen lernen. Aber: Kein Wort zu Russland, wo nun diskutiert wird, ob denn nicht Strafgefangene beim Stadionbau eingesetzt werden könnten“ (Becker, Christoph, 432 Millionen Euro für das System Fifa, in faz.net 1.6.2015).

Fifa und Uefa
Die Uefa forderte am 27.5.2015 die Verschiebung der Fifa-Präsidentenwahl. Der Präsident des englischen Fußballverbandes, Greg Dyke, forderte den Rücktritt von Sepp Blatter (Ex-Fifa-Vize Warner stellt sich der Polizei, in spiegelonline 28.5.2015).
Nach dem Treffen der sechs Kontinentalverbände der Fifa am 28.5.2015 bat Uefa-Präsident Michel Platini unter vier Augen Blatter um Rücktritt: „Ich habe Sepp in die Augen geschaut und gesagt: Tritt zurück! Hör auf!“ Doch Blatter, 79, habe abgelehnt mit den Worten: „Es tut mir leid, ich kann nicht. Nicht jetzt, zu Beginn dieses Kongresses. Es ist zu spät“ (Platini bat Blatter unter Tränen um Rücktritt, in spiegelonline 28.5.2015). Die Uefa wollte daraufhin mehrheitlich Prinz Ali unterstützen und erwog den Rückzug der europäischen Mannschaften aus allen Fifa-Wettbewerben. Dazu könnte ein kollektiver Austritt der Europäer aus dem Fifa-Exekutivkomitee erfolgen (Ebenda).
Christian Teevs schrieb in spiegelonline, dass ein Boykott der Präsidentenwahl durch die Uefa Wirkung gezeigt hätte: „Denn zum einen ist unklar, ob der Fifa-Chef wirklich so dreist wäre, eine Kür ohne Vertreter des europäischen Fußballs abzuhalten. Und zum anderen wäre ein Boykott ein starkes Signal gewesen, dass die Uefa nicht länger bereit ist, das System Blatter mitzutragen. Eigentlich – das zeigen die vergangenen beiden Tage – müssten die europäischen Funktionäre viel weitergehen, um einen Wandel bei der Fifa zu erreichen: Die großen Fußballnationen Deutschland, Spanien, England und Italien müssten ernst machen und die Weltmeisterschaften in Russland und Katar boykottieren. Oder am besten gleich aus dem Weltverband austreten“ (Teevs, Christian, Die Einknicker, in spiegelonline 28.5.2015).
Aus einem Kommentar von Ralf Wiegand in der SZ: „Zuerst aber sollten jene Funktionäre, die im Baur au Lac unbehelligt zu Ende frühstücken durften, aufstehen. Blatters Wahl würde das System in die Unendlichkeit verlängern – sie darf jetzt nicht stattfinden, zu Beginn solcher Ermittlungen. Es liegt an den großen Verbänden, mindestens eine Verschiebung zu beantragen. Der größte ist der Deutsche Fußball-Bund mit Wolfgang Niersbach an der Spitze. Das wäre zwar nur ein Signal – aber eines, auf das Fußballfreunde warten“ (Die Macht der Fans, in SZ 28.5.2015).
Nichts von allem erfolgte: Weder wurde der Fifa-Kongress boykottiert noch Blatters Wahl zum Präsidenten. Lediglich der Engländer David Gill trat seinen Posten in Blatters Exekutivkomitee – zu dessen Ärger – wie angekündigt nicht an.

– Donnerstag, 28.5.2015: Eröffnung des Fifa-Kongresses
Blatter in seiner Eröffnungsrede: „Die Schuldigen sind Einzelpersonen, das ist nicht die ganze Fifa“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Noch eine Kommission, in SZ 30.5.2015). – „Wir können nicht zulassen, dass der Ruf des Fußballs, der Fifa in den Dreck gezogen wird“ (Kistner, Thomas, Gertz, Holger, Film ab, in SZ 30.5.2015).
Fifa-Präsident Joseph Blatter hat bei seiner Rede zur Eröffnung des Weltverbandkongresses in Zürich Korruption im Fußball den Kampf angesagt. (…) Die Verantwortung für den neuerlichen Skandal im Fußball-Weltverband wies der Fifa-Präsident von sich: ‚Ich weiß, viele halten mich für ultimativ verantwortlich für die Handlungen unserer globalen Fußball-Familie – egal, ob es um die WM-Gastgeber geht oder um Korruptionsskandale’, sagte der 79-Jährige. ‚Aber wir können nicht jeden überwachen. Wenn jemand etwas falsch machen will, kann er dabei unentdeckt bleiben. (…) Wir müssen einen Weg finden, Dinge richtig zu machen. Ich werde nicht erlauben, dass die Würde von denen, die so hart für den Fußball arbeiten, zerstört wird. Die Korrupten sind in der Minderheit, aber sie müssen verantwortlich gemacht werden. Für die kann es keinen Platz geben’“ („Wir können nicht jeden überwachen“, in spiegelonline 28.5.2015).
Interessant ist, dass Blatter keinerlei Versuch machte, die Schuld seiner hohen Fifa-Funktionäre – immerhin ein Viertel des Fifa-Exekutivkomitees, zwei seiner Stellvertreter – auch nur im geringsten anzuzweifeln: Die Vorwürfe hat er akzeptiert. Er weiß ja, worum es geht: Blatter hat ja das System erschaffen, in dem die Korruption blüht.

– Freitag, 29.5.2015: Blatters fünfte Amtszeit
Wie erwartet wurde der ewige Blatter (79) am 29.5.2015 von seiner korrupten Fußball-Familie ein fünftes Mal mit 133 Stimmen gewählt: Sein Gegenkandidat Prinz Ali (73 Stimmen) zog die Kandidatur zurück. (Die Stimmenverteilung der sechs Kontinentalverbände: Concacaf/Nord- und Mittelamerika 35, Conmebol/Südamerika 10, Caf/Afrika 54, Uefa/Europa 53, Afc/Asien 46, Ofc/Ozeanien 11.)
Blatter spottete: „Prinz Ali war ein würdiger Herausforderer“ und drohte der Uefa mit einer Reduzierung der WM-Plätze (Blatter bleibt, in spiegelonline 29.5.2015). Eine weitere Niederlage für Uefa-Präsident Michel Platini: Selbst sein französischer Verbandschef Noël Le Graët stimmte für Blatter: „Zwischen ihm und Prinz Ali war es für mich die bessere Wahl“ (Frankreich brüskiert Uefa, in sueddeutsche.de 30.5.2015). Franz Beckenbauer lobte Blatter: „Blatter ist ohne Zweifel eine starke Persönlichkeit, die ein gewaltiges Standing in der Welt besitzt“ (Ebenda).
Und DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, ein ehemaliger Sportjournalist, gab zu Protokoll: „Er glaube und vertraue Blatter“ (Weinreich, Jens, Ganz der Alte, in spiegelonline 30.5.2015). Einen Boykott einer WM schloss Niersbach nach Blatters Wiederwahl aus (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Zehn Millionen für die Karibik, in SZ 1.6.2015). Niersbach: „Wir streben keinen Boykott einer Weltmeisterschaft an. Damit erreichen wir nichts“ (DFB-Präsident Niersbach lehnt WM-Boykott ab, in spiegelonline 2.6.2015). – „DFB-Chef Wolfgang Niersbach hat sich mit seiner Schaukelpolitik zwischen den Rivalen Michel Platini (Uefa) und Joseph Blatter (Fifa) keinen großen Gefallen getan. Niersbach schloss sich zwar den Forderungen der Uefa nach der Ablösung Blatters an. Nach dessen Wiederwahl war er jedoch einer der Ersten, der auf den Schweizer zuging. Auch in der Frage eines möglichen WM-Boykotts gehört er ohnehin zu den Ablehnern“ (Ahrens, Peter, Blatter geht, Katar bleibt, in spiegelonline 3.6.2015). Erst am 3.6.2015 bezeichnete Niersbach Blatters Rücktritt als „völlig richtig“ (Ebenda).
Der internationale und nationale Sport verweigert die Boykott-Debatte: Beschert sie doch Einnahme-Ausfälle.
Auf der Pressekonferenz am 30.5.2015 zeigte sich Blatter wieder von seiner besten Seite. „Zu den Festnahmen von sieben hochrangigen Funktionären am Mittwoch sagte Blatter: ‚Ihre Taten waren vielleicht strafrechtlich relevant, aber ich weiß nicht, wie die Fifa darin involviert sein soll.’ Der 79-jährige Schweizer sprach nur sehr kurz über die Korruptionsvorwürfe. Wie beim Kongress am Freitag nannte er die Ermittlungen ‚einen Sturm, der über der Fifa losgebrochen ist. Wir müssen alles tun, um zu vermeiden, dass uns solche Ereignisse noch einmal überrumpeln‘. Konkrete Reformideen nannte Blatter nicht. (…) Uefa-Chef Michel Platini, der seinen Rücktritt gefordert hatte, drohte Blatter, er sagte: ‚Ich vergebe jedem, aber ich vergesse nicht’“ („Ich weiß nicht, wie die Fifa involviert sein soll“, in spiegelonline 30.5.2015). Blatter zitiert sich hier selbst – aus dem missratenen Film über die Fifa “United Passions”. Im Film sagt der fiktive Blatter den Satz: “Ich vergebe alles, aber ich vergesse nichts” (Buschmann, Rafael u. a., Dirty Dancer, in Der Spiegel 24/6.6.2015). Bei seiner Pressekonferenz am 30.5.2015 sagte Blatter: “Ich vergebe jedem, aber ich vergesse nicht.”
Dazu stellte Blatter für die Fußball-WM 2026 eine Erweiterung von 32 auf 40 Mannschaften vor (Aumüller, Johannes, Blatter watet durch den Sumpf, in SZ 30.5.2015).

Stimmen zur Wiederwahl Blatters
Jens Weinreich  „Das ist die FIFA, das ist die Fußballfamilie, das erlebe ich seit mehr als 20 Jahren auf ungezählten Kongressen, ob das nun IOC-Kongresse sind oder solche der FIFA, das überrascht mich nicht. Ich bin nur immer wieder ein bisschen schockiert über die Inhaltsleere der Reden. Das Abstimmungsverhältnis ist das völlig Normale, das Völkchen schart sich um den Schäfer. Und dann ist da die Feigheit der sogenannten Gegner. Keine Diskussion, kein Gegenwort. Deshalb ist das alles unehrlich und gelogen, Opportunismus, Feigheit. All die, die vorher ein großes Maul hatten, UEFA-Präsident Michel Platini, der deutsche Präsident Wolfgang Niersbach, keiner hat nicht ein Wort auch nur zu Protokoll gegeben. Ich sage, es zählen keine Worte. Es zählt nur der Aufstand, in dem Moment, wo es drauf ankommt. Das ist eine Schande“ (Gigler, Hubert, Fifa-Wahl: Das ist alles unehrlich und gelogen, Opportunismus, Feigheit, in kleinezeitung.at 31.5.2015; Hervorhebung WZ).
Christian Teevs: „Blatter sagte zwar immer wieder, dass er die Verantwortung trage für den Verband und damit auch für die zahlreichen Korruptionsskandale. Doch im nächsten Satz spielte er seine Macht herunter: ‚Ich bin nicht perfekt, aber das ist niemand‘, sagte Blatter: Er könne nicht garantieren, dass sich alle 1,3 Milliarden Menschen, die auf der Welt Fußball spielen, ehrenwert verhalten. Was für eine Argumentation! Als ob es bei den Skandalen um einzelne Kriminelle gehe, die sich von den Milliardenumsätzen der Fifa etwas abzweigen. Blatter hat das System erschaffen, in dem die Korruption blüht, in dem Funktionäre sich auf Kosten der Fans und der Sponsoren bereichern können. Blatter ist nicht nur ein Symbol für alles, was schiefläuft im Geschäft mit dem Fußball, er ist ganz konkret der Schuldige“ (Teevs, Christian, Blatter 1, Fußball 0, in spiegelonline 29.5.2015; Hervorhebung WZ).
Michael Hanfeld in der FAZ: „Zwischen 2010 und 2014 hat die Fifa einen Umsatz von 5,7 Milliarden Dollar gemacht. Ein Großteil davon stammt aus der Vermarktung der Fußball-Weltmeisterschaften. Diese beruht zum überwiegenden Teil auf dem Verkauf von Fernsehrechten, vor allem in Europa. Und dort wiederum wird mit öffentlichem Geld bezahlt, in Deutschland mit dem Rundfunkbeitrag. 2,5 Milliarden Dollar soll die WM im vergangenen Jahr der Fifa beschert haben. Mit 210 Millionen Euro haben die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF dazu beigetragen. Für die WM 2018 in Russland werden 218 Millionen Euro ausgegeben, für die WM 2022 in Qatar 214 Millionen Euro“ (Hanfeld, Michael, Die Mauer wartet auf den Freistoß, in faz.net 29.5.2015; Hervorhebung WZ).

Le Figaro: „Jetzt, wo der Skandal zutage gebracht wurde, kann es nicht mehr so weitergehen. Doch muss man naiv sein, um zu glauben, dass die Fifa von heute auf morgen ihre Unschuld wiederfindet. Das System ist da, fest verankert mit seinen Lügen und seiner Geldgier“ („Bla Bla Blatter“, in spiegelonline 30.5.2015).

The Times: „Der Fußballwelt war in Zürich das Versprechen eines ‚anbrechenden neuen Tages‘ angeboten worden. Stattdessen entschied sie sich dazu, in der Dunkelheit der Herrschaft Sepp Blatters zu bleiben“ (Ebenda).

The Guardian: „Blatter hat es überstanden, weil so viele Interessen, nicht nur seine eigenen, an das System gebunden sind, dem er vorsteht. Diese Interessen gehen weit hinaus über Provisionen und Korruption von Einzelnen, so wichtig das auch ist. Zu ihnen gehören nationale Zuschüsse für den Fußball in den Entwicklungsländern, die Blatters Herrschaft sichern“ (Ebenda).

– Das System Blatter
1) Warum Blatter sich nicht bestechen lassen muss. Fifa-Präsident Sepp Blatter ist bei den Untersuchungen der Schweiz und der USA kein Angeklagter. Warum auch? „Denn der 79-jährige Walliser war bis dato clever genug, sich nicht schmieren zu lassen und hat deshalb von der Justiz nichts zu befürchten. Andererseits hat er in der Fifa ein System errichtet, das auf Abhängigkeiten beruht“ (Schmid-Bechtel, Francois, Joseph Blatter – der überirdische Mann von Welt, in Bündner Tagblatt 28.5.2015). Mag Blatter persönlich nicht unbedingt korrupt sein (nur er weiß dies), so hat er um sich herum ein Klima der Korruption – und Erpressbarkeit – geschaffen.
Dazu kommt: Seit 1998 ist sein Gehalt als Fifa-Präsident (plus Boni, Tantiemen oder wer weiß was) nicht bekannt und nach wie vor geheim. Ob er sich zwei, 20 oder 50 Millionen überweist, weiß niemand. Oder wie die Anti-Korruptionsexpertin Alexandra Wrage, die für die Fifa Korruption untersuchen sollte, bemerkte: „Als sie jede Transparenz um die Gehälter ablehnten, merkte ich, dass sie es mit wirklichen Veränderungen nicht ernst nehmen und nur auf Reputation aus waren“ (Ebenda). Dazu hat Blatter ja kaum Ausgaben. Wenn er im Jahr vielfach um die Welt fliegt, benutzt er einen von der Fifa bezahlten Privatjet. Die Fünf-Sterne-Hotels zahlt die Fifa, genauso wie die zahlreichen Galadiners. Seine blauen Anzüge wird er vermutlich als Arbeitskleidung in Rechnung stellen. Und seine geliebten Sudokas kosten auch nicht viel.
2) Blatter besticht nicht: Er lässt ausschütten. Die Fifa machte in der Periode 2011 bis  2014 einen Umsatz von 5,7 Milliarden Dollar. Rechtzeitig vor der Präsidentenwahl hat sie eine Sonderausschüttung angekündigt: „Jeder Verband erhalte zusätzlich knapp über eine Million Dollar. Dass diese frohe Botschaft kurz vor der Präsidentenwahl publik wurde, für die Blatter als Amtsinhaber offiziell keinen Wahlkampf betreibt, war natürlich Zufall“ (Grill, Bartholomäus, Wulzinger, Michael, Blatters Brüder, in Der Spiegel 22/23.5.2015).
3) Blatter kauft ein. Jahrzehntelanger Aufbau einer willfährigen Fußball-Funktionärsclique, die um ihre Fünf-Sterne-Hotels und ihre Pfründe und finanziellen Zuwendungen fürchtet. (siehe Kuverts mit 8.000 Dollar in Rio 2014 für die Fifa-Familie). Was für erbärmliche Charaktere – und was für ein erbärmliches Blatter-Wahlvolk.
4) Korruption verbindet. Wenn jeder Dreck am Stecken hat, fürchtet jeder Aufklärung und Reformen. Und Wissen ist Macht: Wann immer Blatter wusste, wer von wem geschmiert wurde, hatte er ihn in der Hand.
5) Ein Land, eine Stimme – für Blatter. Die Fifa-Pseudodemokratie sicherte Blatter über Jahrzehnte billige Stimmen aus Klein- und Kleinststaaten. „Nicht die reichen Verbände diktieren, wer die Fifa regiert, sondern die armen. Die Abhängigen. Sepp Blatter (…) paktiert mit den Kleinen. Sie sind in der Mehrheit“ (Grill, Bartholomäus, Wulzinger, Michael, Blatters Brüder, in Der Spiegel 22/23.5.2015).
6) Die Konkurrenz ist nicht besser. Michel Platini („Blattini“) ist mit Katar verbandelt. Die Vorgänge in der Uefa sind ähnlich korrupt wie bei der Fifa. Die neuen Uefa-Prachtbauten in Nyon zeugen von Größenwahn. Und im Fifa-Präsidenten-Wahlkampf vom Mai 2015 haben alle mit den Geldschatullen gewedelt.
7) Das System Brot und Spiele – und damit die allgemeine Verdummung – funktioniert. Die Stadien sind zweifellos immer einigermaßen voll. Die Fans auch. In den meisten Restaurants und Bars im europäischen Süden – und zunehmend auch hier – werden immer mehr Fußballspiele gezeigt. Und die öffentlichen Fernsehsender zahlen vorbehaltlos – aus unseren Zwangs-Rundfunkgebühren – dieses Desaster mit.
Die Wiederwahl Blatters hat auch ihr Gutes: Zeigt sie doch gerade nach den Verhaftungen seiner Getreuen vom 27.5.2015, wie das System Fifa bzw. das System Blatter funktioniert: korruptionsverseucht und verkommen. Vor Blatter war Joao Havelange an der Fifa-Macht, kein Deut besser. Vier Tage nach seiner Wahl wird Blatter zurücktreten, aber bis zur Neuwahl Präsident bleiben und die nötigen Säuberungsarbeiten durchführen. Und sein Nachfolger (er selbst?) wird nicht viel anders agieren.

– Lösungsvorschläge
Ralf Wiegand in der SZ: „Was nun? Es bliebe ein Weg, den Verbraucher schon oft gegangen sind. Es ist der Weg des Verzichts. Kein Verband ist Zwangsmitglied der Fifa. Kein TV-Sender muss die Rechte kaufen. Und kein Zuschauer ist gezwungen, eine Fifa-Veranstaltung zu besuchen. BSE in der Kuh, Weichmacher im Spielzeug, Wahnsinn in der Fifa: Der Verbraucher hat die Macht, das zu ändern. Tut halt weh, der Verzicht auf Steak und Stollenschuhe“ (Die Macht der Fans, in SZ 28.5.2015).
Jens Weinreich in schweizamsonntag.ch: „Über Fifa-Reformen wurde schon zu lange debattiert. Es ist alles gesagt. Es gibt keine neuen Argumente. Diese Fifa braucht juristische Daumenschrauben. Nur knallharte Ermittlungen und Strafandrohungen hinterlassen Wirkung. Das sollten auch all jene Schweizer Politiker endlich begreifen, die sich von Lobbyisten beeinflussen lassen, selbst für die Fifa lobbyieren und Gesetzesverschärfungen verhindern. Da muss mehr geschehen. Auch sollten dem Weltverband (und anderen in der Schweiz domizilierten Sportorganisationen) Steuer- und andere Privilegien entzogen werden. Dies aber kratzt offenbar am Selbstverständnis der Schweizer. Auch deshalb hilft letztlich nur eins: eine Revolution. Die völlige Zerschlagung der Fifa und ihrer sechs Kontinentalverbände. Mit komplett neuem Führungspersonal muss man von vorn beginnen“ (Weinreich, Jens, Hilft jetzt nur noch die Zerschlagung? In schweizamsonntag.ch 30.5.2015). Im Beitrag „So muss die Fifa reformiert werden“ (in spiegelonline 30.5.2015) schlägt Weinreich u. a. vor, dass die komplette Fifa-Führungsmannschaft zurücktreten müsste, die Offenlegung der Gehälter, die Öffnung der Archive und Offenlegung der Buchhaltung, juristische Aufklärung, Aufklärung der WM-Vergabe 2018 und 2022 und ein neues Fifa-Wahlsystem – weg von „One-country-one-vote“.
Alexander Graf Lambsdorff, Vizepräsident des Europäischen Parlaments, forderte einen Konkurrenzverband zur Fifa: „Ob die WMFifa World Cup‘ oder ‚WFA Global Championship‘ oder anders heißt, ist unwichtig. Entscheidend ist: Die Fans wollen den weltbesten Fußball sehen, der von einem Weltverband seriös und skandalfrei verwaltet wird“ (Politik bringt Konkurrenzverband zur Fifa ins Spiel, in spiegelonline 31.5.2015).
Solange die Summen für TV-Verträge, Sponsorengelder, Ticketeinnahmen etc. so horrend hoch sind, würde sich dann ganz schnell eine neue Generation von ähnlich korrupten Fußballfunktionären zusammen finden.
– Die englische FA-Direktorin Heather Rabbatts hat ihre Arbeit in der Anti-Diskriminierungs-Kommission der Fifa niedergelegt: Sie will nicht mehr mit Blatter zusammenarbeiten (England verstärkt Protest gegen Blatter, in spiegelonline 1.6.2015). Englands Verbandspräsident Greg Dyke rief Deutschland und andere Fußball-Nationen zu einem WM-Boykott auf. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach wiederholte reflexhaft seine Ablehnung gegen Boykott und nahm dazu von IOC-Präsident Thomas Bach Anleihen: „Boykott ist eine schlechte Waffe. Wir haben uns so oft gegen Boykott ausgesprochen, und das sollte auch die Grundhaltung sein“ (England fordert Deutschland zum WM-Boykott auf, in spiegelonline 1.6.2015).
Vor allem ist Boykott schlecht für die globalen Sportkonzerne Fifa und IOC.

– Dienstag, 2.6.2015: Der Rücktritt
Ewiger Blatter doch endlich? Am 29.5.2015 ließ sich Sepp Blatter zur fünften Amtsperiode als Fifa-Präsident wählen. Am 2.6.2015 trat er bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz zurück. Er sagte u. a.: „Obwohl ich ein Mandat von den Fifa-Mitgliedern habe, glaube ich nicht, dass ich ein Mandat von der gesamten Fußballwelt habe – den Fans, den Spielern, den Vereinen, den Menschen, die den Fußball genauso leben, lieben und atmen, wie wir alle bei der Fifa es tun. Daher habe ich entschieden, mein Mandat bei einem außerordentlichen Wahlkongress niederzulegen. Ich werde meine Funktionen als Fifa-Präsident bis zu dieser Wahl weiter ausüben“ (Die Rede des Fifa-Präsidenten, in spiegelonline 2.6.2015; Hervorhebung WZ).
Hier staunt der Fachmann, und der Laie wundert sich. Gründe könnten sein: 1) Die US-Behörden haben Blatter in Kenntnis gesetzt, was sie alles wissen. 2) Die Schweizer Behörden haben neue Erkenntnisse zu Russland 2018 und Katar 2022.3) Der Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke hat Jack Warner höchstpersönlich über die Fifa zehn Millionen Dollar überwiesen – eine Schmiergeldzahlung vom Organisationskomitee der WM 2010 für den Concafaf-Verband (siehe unten). 4) Fifa-Machthaber (wer könnte das sein? Sponsoren wohl nicht) haben Blatter zu verstehen gegeben, dass es nun reicht. 5) Gesundheitliche Gründe. 6)? … Ob das mafiöse Fifa-System ohne Blatter genauso geschmiert weiterläuft, steht zu befürchten. Es ist zu viel Geld im Spiel.
New York Times und ABC berichteten kurz nach Blatters Rücktritt, dass US-Behörden auch gegen Blatter ermitteln (US-Behörden ermitteln gegen Blatter, in spiegelonline 2.6.2015). „Das öffentliche Bild der Fifa bleibt verheerend. 88 Prozent der Deutschen halten Korruption im Weltverband für ‚wahrscheinlich’. 81 Prozent davon sind überzeugt, dass Fifa-Präsident Joseph Blatter persönlich verwickelt ist oder war“ (Joseph Blatter tritt als Fifa-Boss zurück, in sueddeutsche.de 2.6.2015).
Auffallend ist, wie viele Blatter-Feinde es plötzlich gegeben hat und wer so alles dazugehören möchte – nach seinem Rücktritt. Mut sieht anders aus.

Blatters Taktik. Wahl am 29.5.2015, Rücktritt am 2.6.2015, Amtsausübung bis zur Wahl des nächsten Fifa-Präsidenten: Das macht Sinn. Wäre Blatter abgewählt worden, hätte sein Nachfolger vermutlich in kurzer Zeit Einsicht in bestehende Dokumente nehmen können. „Selbst wenn sich die Nachfolger öffentlich um seinen Posten zanken würden und das FBI mit Ermittlungen drohte, wird der 79-Jährige versuchen, bis zuletzt mitzusprechen, mitzuentscheiden. Sonst wäre es nicht Joseph Blatter“ (Ahrens, Peter, Blatter geht, Katar bleibt, in spiegelonline 3.6.2015).
Nun wird ein Nachfolger laut Fifa-Statuten in frühestens vier Monaten, wahrscheinlich aber nicht vor Dezember 2015 gewählt: In der Zeit werden die Aktenvernichter und Festplattenshredder am Zürichberg noch heiß laufen. Ein weiterer Vorteil für Blatter: Er muss nicht zur Frauen-WM nach Kanada (6.6. bis 5.7.2015), zum Champions League-Finale am 6.5.2015 in Berlin, zur U-21-WM in Tschechien. Fifa-Chefjurist Marco Villiger riet Blatter dringend von Besuchen in Ländern ab, die mit den USA Auslieferungsvereinbarungen haben (Buschmann, Rafael u. a., Dirty Dancer, in Der Spiegel 24/2015). Blatter war seit 2011 nicht mehr in den USA – aus Furcht vor den laufenden Ermittlungen? „Der aber konnte nicht wissen, ob die amerikanischen Behörden die Gelegenheit nutzen wollten, um mit dem Fußball-Reisenden ins Gespräch zu kommen“ (Catuogno, Claudio, Blatters strategischer Rückzug, in sueddeutsche.de 2.6.2015). Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke hat seinen Besuch bei der Frauen-Fußball-WM in Kanada ebenfalls schon abgesagt. (Siehe unten unter Juli 2015: Blatter bestätigte, dass er aus Vorsicht nicht nach Kanada und Tschechien fuhr.)
Thomas Kistner nannte in der SZ weitere Aspekte: Blatter konnte „nicht riskieren, binnen weniger Stunden die Fifa-Führung zu verlieren – er musste sich auf jeden Fall zunächst wiederwählen lassen. Wäre Blatter sofort abgetreten, wäre die Opposition ins Präsidentenbüro eingezogen. Dort hätten Prinz Ali und dessen Unterstützer, die Transparenz versprochen hatten, die Geschäftsführung durchleuchtet. (…) Ohne Wiederwahl wäre Blatter auch die Nachfolgeregelung aus der Hand genommen worden und damit jede Möglichkeit einer weiteren Anbindung an die Fifa“ (Kistner, Thomas, Letztes Gefecht nach dem Rückzug, in SZ 5.6.2015).

– Kronzeuge Chuck Blazer. Der langjährige Concacaf-Generalsekretär Blazer packte seit 2011 vor US-Behörden aus: Mr. Zehn-Prozent Blazer hatte zwischen 2005 und 2011 zehn Millionen Dollar vor dem Finanzamt verheimlicht und wurde von den US-Behörden zur Kooperation gezwungen (Aumüller, Kistner 3.6.2015). Darüber stolperte letztlich Valckes Chef Sepp Blatter: “Wer soll ihm glauben, wenn er beteuert, er habe nicht gewusst, dass zehn Millionen Dollar aus der Fifa-Kasse an Jack Warner und Chuck Blazer flossen?” (Ebenda). „Im Verband hieß Blazer nur Mr. Zehn-Prozent, weil er ein Zehntel aller Marketingeinnahmen der Concacaf für sich abzweigte. Damit konnte er sich seinen Lebensstil locker finanzieren. Sein eigenes Appartement im Trump Tower im 49. Stock ließ er sich 18.000 Dollar im Monat kosten, die Concacaf finanzierte ihm ein Luxusauto, das allerdings wegen der Verkehrsstaus in Manhattan fast nur in der Garage stand. Beim Verband reichte er in sieben Jahren Kreditkartenrechnungen in Höhe von 29 Millionen Dollar ein, er besaß Wohnungen in Miami und auf den Bahamas, er aß und trank so gerne, dass er, wie die ‚Daily News‘ in einem großen Report über Blazer schreibt, ‚einen Rollstuhl brauchte, um von Gelage zu Gelage zu kommen‘. (…) 21,6 Millionen Dollar Privatvermögen ließ er weitgehend unversteuert, FBI und Finanzermittler mussten nur abwarten und im richtigen Moment zugreifen. (…) Blazer hat seine große Zeit bei der Fifa gehabt. Er hat alles mitgenommen, was möglich war. Blazer hat von dem System Blatter so richtig profitiert. Und jetzt bringt er es noch zu Fall“ (Ahrens, Peter, Der barocke  Kronzeuge, in spiegelonline 4.6.2015).

Fifa-Generalsekretär überwies zehn Millionen an Jack Warner. „Seit 2003 gehört Valcke der Fifa an, Blatter, seit 1998 im Amt, gab ihm damals den Posten des Direktors Marketing & TV. Es war ein kluger Schachzug, hatte doch der ehemalige stellvertretende Sportchef des französischen Fernsehsenders Canal+ (1991 bis 1997) und CEO des Sportsenders Sport+ (1997 bis 2002) Anfang des Jahrtausends die damalige Fifa-Rechteagentur ISL unter die Lupe genommen“ (Peschke, Sara, Gemeinsam, bis zum Schluss, in spiegelonline 3.6.2015). Valcke hintertrieb den Sponsorenvertrag mit MasterCard zugunsten von VISA, woraufhin die Fifa bei einem Gerichtsverfahren rund 100 Millionen Dollar Strafe zahlen musste. Valcke wurde gefeuert und von Blatter kurz darauf als Generalsekretär zurückgeholt: Vermutlich weiß Valcke einfach zu viel über Fifa-Internas.
Für die WM-Wahl 2010 für Südafrika bekam das südafrikanische Organisationskomitee von der Fifa einen Zuschuss von 100 Millionen Dollar. 80 Millionen wurden an den südafrikanischen Fußballverband überwiesen. Zehn Millionen wurden für den Neubau des Verbandssitzes verwendet, zehn Millionen Dollar als Schmiergeld an Jack Warner und den Kronzeugen Chuck Blazer.
Jérôme Valcke überwies am 2.1.2008 in Abrechnung mit dem Fifa-Zuschuss für Südafrika zur WM 2010 von einem Schweizer Fifa-Konto auf ein Depot der Bank of America 616.000 Dollar, am 31.1.2008 dann 1,6 Millionen Dollar und am 7.3.2008 schließlich 7,74 Millionen Dollar: Das macht exakt zehn Millionen Dollar Schmiergeld für die 35 Concacaf-Stimmen (Eberle, Lukas u. a., Spielverderber, in Der Spiegel 23/30.5.2015). Damit ist die Strategie der Fifa gescheitert: „… dort die bösen Buben aus Mittel- und Südamerika, die von den US-Ermittlern verhaftet worden sind; hier die saubere Zentrale der Föderation in der Schweiz“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Ein Programm für die Diaspora, in SZ 3.6.2015).
Deklariert waren die zehn Millionen Dollar als „Diaspora Legacy Programme“ – die afrikanische Diaspora sollte in karibischen Ländern gefördert werden (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Ein Programm für die Diaspora, in SZ 3.6.2015). Das bestätigte der frühere Chef des WM-Organisationskomitees, Danny Joordan, der die Überweisung als „Entwicklungsfonds“ deklarierte (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Zehn Millionen für die Karibik, in SZ 1.6.2015; Südafrika bestätigt dubiose Millionen-Überweisung, in spiegelonline 30.5.2015).
Stellungnahme der Fifa dazu: „Die Fifa erwiderte, dass weder Valcke noch ein anderes Mitglied des Führungsstabes an der ‚Initiierung, Genehmigung oder Durchsetzung des Projekts’ beteiligt gewesen sei. Autorisiert habe die Transaktion ‚im Einklang mit den Statuten’ der damalige Vorsitzende der Finanzkommission – also Julio Grondona“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Warum Blatter plötzlich aufgibt, in sueddeutsche.de 2.6.2015). Die Fifa schob damit die Verantwortung für die 10-Millionen-Dollar-Spende einem Toten zu. Grondona, einer der korruptesten Fifa-Funktionäre, war von 1979 bis zu seinem Tod im Juli 2014 Präsident des argentinischen Fußballverbandes und seit 1988 Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees. „Gemäß Handelsregister des Kantons Zürich war Grondona zwar zeichnungsberechtigt – jedoch nicht zur Alleinunterschrift bemächtigt“ (Aumüller, Kistner 3.6.2015). -„Und nun heißt es in Gesprächen mit Fifa-Mitarbetern, dass Valcke die Überweisung sogar unterzeichnet habe“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Alle Spenden im Visier, in SZ 26.6.2015).

Fazit
– Die Fifa hat keine unbelasteten Funktionäre aus der Blatterzeit.
– Der ganze Betrieb ist korruptionsverseucht.
– Neue Herren werden den Geruch des vielen Geldes ebenfalls folgen.
– Das IOC kann sich freuen, dass Blatters Korruptionskonzern die sehr ähnlichen Vorgänge beim IOC überlagert: siehe Handball-WM 2015 in Katar, Weltmeisterschaften und Olympische Spiele in Diktaturen (vgl Totalitärer Sport-Terminkalender) etc.
– Die TV-Sender werden weiterhin Irrsinns-Summen für Übertragungsrechte bezahlen.
– Steigt ein kritischer Sponsor aus, stehen genügend Nachfolger bereit.
– Das System Brot und Spiele funktioniert heute besser denn je – angesichts der globalen Krisenlagen.
– Wie geht es also weiter?
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– Die weiteren Folgen

Fifa-Sponsoren auch erleichtert. In Treue fest – so standen die meisten Sponsoren von Adidas bis Gazprom zu Blatter. Auch sehr mutig: Nach seinem Rücktritt begrüßen Adidas, Coca-Cola (30 Millionen Dollar pro Jahr), Visa, Hyundai, McDonald’s den Rücktritt Blatters (Coca-Cola und Adidas begrüßen Blatters Rücktritt, in spiegelonline 3.6.2015).

– Börse in Katar bricht ein. „Der angekündigte Rücktritt des Fifa-Präsidenten Sepp Blatter hat Investoren im Emirat Katar verschreckt. Unmittelbar nachdem Blatter am Dienstagabend in Zürich seinen geplanten Rückzug bekannt gegeben hatte, brachen an der Börse in Doha die Kurse ein. Offensichtlich fürchten die Anleger, der Golfstaat könnte nun das Recht verlieren, die Fußball-WM 2022 auszutragen. Daten der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge verlor der QE Index in Doha rund 3 Prozent. Der Aktienindex fiel auf 11.844 Punkte und erreichte damit den niedrigsten Stand seit sechs Wochen. Bis zum Mittwochmittag erholten sich die Kurse zum Teil wieder. Hintergrund ist die umstrittene Vergabe der Fußball-WM 2022 an das Wüstenemirat. Der Korruptionsverdacht gegen die Fifa erstreckt sich auch auf die Umstände, unter denen Katar in den Besitz der Austragungsrechte für das Turnier gelangt ist“ (Rottwilm, Christoph, Börse in Doha bricht ein – Investoren flüchten aus Katar, in spiegelonline 3.6.2015).

– Blatter „ordnet“ Nachlass. „Und man muss sich fragen, wozu Blatter die mindestens vier Monate, die ihm noch als Präsident bleiben, nutzen wird. Nach Blatters Ankunft wurden die rund 350 Angestellten in Zürich zusammengerufen. Vielleicht nur, damit sie der Präsident einen Tag nach der Pressekonferenz noch mal persönlich über den Rücktritt in Kenntnis setzen konnte. Nicht erst seit den Festnahmen vor einer Woche drängt sich der Gedanke auf, dass Blatter die Monate auch dazu nutzen könnte, um seine Fifa so besenrein zu übergeben, dass auch gründliche Behörden wie das FBI wenig finden werden“ (Rilke, Lukas, Zeitspiel in Zürich, in spiegelonline 3.6.2015). Nun soll die Präsidentenwahl am 16.12.2015 stattfinden – das bedeutet über sechs Monate Zeit für Blatters Reinigungsdurchgang.

– Valcke: kein Rücktritt. „Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke hat seinen Rücktritt ausgeschlossen: Er fühle sich nach den medialen Anschuldigungen im Korruptionsskandal ’nicht schuldig‘, sagte er in einem Radiointerview. Valcke ist bekannt als „rechte Hand“ Blatters. ‚Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich fühle mich nicht schuldig, deshalb muss ich noch nicht einmal meine Unschuld beweisen‘, sagte er weiter. ‚Es gibt keinen Grund, warum ich nicht Generalsekretär bleiben sollte'“ (FBI untersucht offenbar auch WM-Vergabe nach Russland und Katar, in spiegelonline 3.6.2015).

– Warner grüßt Blatter. „‚Ich habe lange genug geschwiegen, das werde ich nicht länger tun‘, sagte Warner. Er wolle nun über Korruption und Bestechung bei der Fifa auspacken. ‚Ich habe Unterlagen, Dokumente und Schecks zusammengestellt und einer dritten Person übergeben‘, sagte er. Dieser Person werde er die Erlaubnis erteilen, die Unterlagen zu veröffentlichen. Wann dies passieren wird, verriet Warner nicht“ (Warner droht Blatter, in spiegelonline 4.6.2015).

– Durchsuchung in Venezuela. „Auch gegen den ehemaligen Chef des venezolanischen Fußball-Verbands FVF, Rafael Esquivel, wird ermittelt. Die Behörden durchsuchten nun die FVF-Zentrale nach Beweisen für die Korruptionsvorwürfe gegen Esquivel. Er ist einer der sieben hohen Funktionären des Weltverbands, die in der vergangenen Woche in der Schweiz festgenommen worden waren. Die venezolanischen Behörden ordneten zudem eine Sperrung der Bankkonten an, die von Esquivel, inzwischen ehemaliges Mitglied des Exekutivkomitees des Kontinentalverbands für Nord- und Zentralamerika sowie der Karibik (Concacaf), kontrolliert werden“ (Behörden durchsuchen Verbandszentrale in Venezuela, in spiegelonline 4.6.2015).

WM 1998 in Frankreich auch geschmiert. „Der ehemalige Fifa-Funktionär Chuck Blazer gestand gegenüber der US-Justiz, dass er und andere Funktionäre Bestechungsgelder für ihre Stimmen bei der WM 1998 und 2010 angenommen haben. Das geht aus seinen Aussagen aus dem Jahr 2013 hervor, die am Mittwoch in New York veröffentlicht wurden. Blazer ist Kronzeuge für die US-Behörden. Demnach haben der heute 70-jährige Blazer und andere Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees Bestechungsgelder bei der Vergabe der Fußball-WM 2010 in Südafrika akzeptiert. Auch vor der Vergabe für das WM-Turnier 1998 in Frankreich soll es zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein. Die Endrunde vor 17 Jahren in Frankreich war bisher noch nicht in Verdacht geraten“ (Vergabe der WM an Frankreich und Südafrika war geschmiert, in spiegelonline 3.6.2015).

WM 2006 in Deutschland auch geschmiert? Rückblick: Blatter hatte auch im Hinblick auf sein afrikanisches Wählerkontingent die WM 2006 Südafrika versprochen. Das Verhältnis im Fifa-Exekutivkomitee lag bei 12 zu 12 Stimmen. In diesem Fall hätte Blatters Stimme als Präsident doppelt gezählt. Plötzlich reiste der Australier Jack Dempsey (Stimme für Südafrika) aus ungeklärten Gründen vor dem dritten Wahlgang ab. Sieg Deutschland. „Zudem bleibt der denkwürdige Vorgang, dass vor der letzten, entscheidenden Abstimmung der Neuseeländer Charles Dempsey einfach die Sitzung verließ, statt – wie von seinem ozeanischen Kontinentalverband verfügt – für Südafrika zu stimmen. Es wäre das entscheidende Votum gegen Deutschland gewesen“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Begrenzung der Restlaufzeit, in SZ 11.6.2015). Dempsey starb 2008. Die Vorsitzende im Sportausschuss, Dagmar Freitag: „Nach den Vorkommnissen der letzten Tage muss allen klar sein, dass hinter jeder einzelnen Vergabe einer Fifa-WM Fragezeichen auftauchen“ (Politiker fordern Untersuchung von WM-Vergabe nach Deutschland, in spiegelonline 6.6.2015). Claudio Catuogno schrieb in der SZ: „Wer heute noch glaubt, dass diese WM nur durch die Kraft der Argumente ins Land kam, der glaubt auch an Sommermärchen“ (Catuogno, Claudio, Europa im Glashaus, in SZ 6.6.2015).
DFB-Präsident Wolfgang Niersbach betete in seinem Offenen Brief vom 10.6.2015 dagegen die Vergabe der WM 2006 gesund: „Wir haben bei unserer Bewerbung nicht mit unlauteren Methoden agiert, vielmehr bekam Deutschland nach acht Jahren akribischer Arbeit 2000 in einem sauberen Verfahren den Zuschlag und präsentierte sich 2006 der Welt als freundlicher, freundschaftlicher Gastgeber“ („Es steht alles auf dem Spiel“, in spiegelonline 10.6..2015).
Prof. Jürgen Schade schrieb zu dubiosen Vorgängen und der Involvierung des DFB bei der WM 2006 in einem Leserbrief an die SZ: „Als damaliger Präsident des Deutschen Patent- und Markenamts habe ich seitens der Politik unter starkem Druck gestanden, möglichst die Wünsche der Fifa zu erfüllen. Die Fifa hatte nämlich die Bezeichnung ‚WM 2006‘ als Marke für alle möglichen Waren und Dienstleistungen angemeldet, um von jedem, der diese Bezeichnung verwendet, Lizenzgebühren zu verlangen oder deren Verwendung zu verbieten. Nun stellt diese Bezeichnung nur eine Beschreibung einer sportlichen Veranstaltung für alle möglichen internationalen Wettbewerbe in diesem Jahr dar und darf deswegen grundsätzlich nicht zugunsten eines einzelnen Veranstalters monopolisiert werden. Deswegen musste die Fifa befürchten, dass die bereits für sie eingetragene Marke wieder gelöscht würde. Die Folge war: Wir wurden vom Justizministerium mit permanenten Nachfragen unter Druck gesetzt, ein hochrangiger Politiker teilte mir telefonisch mit, dass der damalige Innenminister eine Ausfallbürgschaft für die Fifa in Höhe von 150 Millionen Euro zugesagt habe und es deswegen gut sei, wenn die Fifa hohe Einnahmen erziele. Rechtsstaatliche Grundsätze stehen für mich aber – auch als ehemaligen Richter am Bundespatentgericht – nicht zur Disposition. Ich fuhr zu den Markenprüfern nach Jena, die für diesen Fall zuständig waren, und erklärte ihnen, dass sie diese Sache unbeeinflusst und wie immer kompetent und rechtsstaatlich entscheiden sollten. Sie löschten die Marke. Der Bundesgerichtshof hat dann ein Jahr später diese Entscheidung bestätigt.
Dieses unbedeutende Beispiel soll veranschaulichen, was sich damals alles hinter den Kulissen abgespielt haben mag. Solange der Kommerz des Profifußballs lockt und solange sich Politiker(innen) im Glanz erzielter Erfolge sonnen, können wir nicht erwarten, dass der Profi-Fußball in unserem Land all den hehren Zielen verpflichtet ist, die in der Werbung propagiert werden“ (Falsche Marke, in SZ 10.6.2015).

– Warner wollte Geld von Ägypten. „Jack Warner soll vor der Vergabe der WM 2010 auch von Ägypten Millionensummen verlangt haben. Das berichtet die englische Zeitung ‚The Guardian‘. Der von den US-Behörden angeklagte ehemalige Fifa-Vizepräsident habe die Bestechungsgelder als Bezahlung für seine Stimme bei der Abstimmung im Jahr 2004 gefordert. ‚Ich habe mir nicht vorstellen können, dass die Fifa so korrupt ist‘, zitiert der ‚Guardian‚ den früheren ägyptischen Sportminister Aley Eddine Helal. Das nordafrikanische Land habe abgelehnt. ‚Jack Warner verlangte sieben Millionen US-Dollar vor der Wahl‘, sagte Helal, der das WM-Organisationskomitee geleitet hatte. (…) Ägypten erhielt bei der Abstimmung des Fifa-Exekutivkomitees keine Stimme, die WM fand in Südafrika statt“ (Warner wollte Bestechungsgeld von Ägypten, in spiegelonline 6.6.2015).
Südafrika überwies eben zehn Millionen Dollar an Warner, siehe oben.

– Justizminister: Warner soll sich in den USA stellen. Der Justizminister von Trinidad & Tobago, Prakash Ramadhark ist verärgert: „Wir fordern Jack Warner auf, uns von diesem Wahnsinn, den er über uns gebracht hat, zu befreien und sich rasch in den USA seinem Prozess zu stellen“ (Kistner, Thomas, Informiert, aber angeblich nicht involviert, in SZ 9.6.2015).

– Warner zweigt Erdbebenhilfe ab.Laut dem britischen Sender BBC soll Warner 750.000 Dollar aus einem Hilfsfonds für die Opfer des Haiti-Erdbebens 2010 abgezweigt haben. Bei der Naturkatastrophe starben mindestens 220.000 Menschen, 2,3 Millionen Haitianer wurden obdachlos. Laut BBC werfen US-Ermittler dem 72-Jährigen vor, die Hilfsgelder von der Fifa und vom südkoreanischen Fußballverband gesammelt und auf eines seiner Konten transferiert zu haben. Das Geld habe Warner dann für seinen ‚persönlichen Gebrauch‘ verwendet'“ (Warner soll Erdbebenhilfe abgezweigt haben, in spiegelonline 9.6.2015).

– Gazpromi gewünscht. Franz Beckenbauer steht trotz seiner diffusen Werbe-Kampagnen und russischen Gasproduzenten-Millionen bei den Deutschen immer noch hoch im Kurs: „18 Prozent der Bundesbürger wünschen sich Franz Beckenbauer als neuen Fifa-Präsidenten. Das ergab eine vom ‚Stern‘ in Auftrag gegebene Forsa-Umfrage. Damit landete der ‚Kaiser‘ in dem Ranking noch vor DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und UEFA-Chef Michel Platini (je 13 Prozent) sowie Ex-Weltfußballer Luis Figo (12) auf Platz eins“ (Blatter-Nachfolger soll am 16. Dezember gewählt werden, in spiegelonline 10.6.2015).

– Blatter hatte Kenntnis, war aber nicht beteiligt. Ende 2007 schrieb Jérôme Valcke eine Email an die Regierung von Südafrika und mahnte die Zahlung der 10 Millionen Dollar an und vergaß nicht zu erwähnen, „dass auch ‚unser Präsident‘ (Blatter) sowie Südafrikas Staatschef Thabo Meki die Sache diskutiert hätten. Dazu räumte die Fifa auf SZ-Anfrage am Montagabend ein, Blatter habe von dem Vorgang gewusst. Kenntnis bedeute aber nicht, dass er an der Sache beteiligt gewesen sei“ (Kistner, Thomas, Informiert, aber angeblich nicht involviert, in SZ 9.6.2015).

– Blatters Gehalt, Blatters Wählervolk. „Der SPD-Politiker Martin Schulz macht Druck auf die Fifa: Der Präsident des Europäischen Parlaments fordert vom Fußball-Weltverband, die Gehälter und Aufwandsentschädigungen der Funktionäre zu veröffentlichen. ‚Die Fifa sollte dem Beispiel des IOC folgen‘, sagte Schulz der ‚Sport Bild‘. Er könne sich zudem vorstellen, den größeren Verbänden in der Fifa mehr Macht bei wichtigen Entscheidungen zu geben. ‚Vielleicht könnte man über eine Art Stimmengewichtung mit fallender Proportionalität nachdenken – wobei allerdings gewährleistet werden müsste, dass die kleineren Verbände auch gehört werden und nicht das Prinzip ‚Wer zahlt, schafft an‘ gilt'“ (EU-Parlamentspräsident fordert Offenlegung der Fifa-Gehälter, in spiegelonline 10.6.2015).

WM-Wahl für 2026 verschoben. „Bei der Fifa läuft nichts mehr nach Plan: Nach der Rücktrittsankündigung von Präsident Joseph Blatter und der nötigen Neuwahl kippt nun auch der Prozess der WM-Vergabe 2026. Wie Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke bestätigte, wird sich der Ablauf wegen der Ermittlungen zu den Turnieren in Russland 2018 und Katar 2022 verzögern. Zum jetzigen Zeitpunkt sei es Unsinn, mit dem Bieterverfahren zu beginnen, sagte Valcke“ (Fifa verschiebt Vergabe der WM 2026, in spiegelonline 10.6.2015).
Vielleicht sind auch einfach nur die Bestechungssummen noch nicht ausgehandelt.

Fifa erneut von Schweizer Bundesanwaltschaft durchsucht. “Die Ermittler der Bundesanwaltschaft suchten die Büros des Fifa-Präsidenten Joseph S. Blatter, des Generalsekretärs Jérôme Valcke sowie des Finanzdirektors Markus Kattner auf und ließen sich gezielt Unterlagen herausgeben. Die Dokumente beziehen sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE einerseits auf die Evaluierungsberichte, die eine Kommission der Fifa vor der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 über sämtliche Bewerberländer erstellt hatte. Die Bundesanwaltschaft führt nach einer Strafanzeige der Fifa in diesem Zusammenhang ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannt wegen des Verdachts der “ungetreuen Geschäftsbesorgung”. Andererseits nahm die Bundesanwaltschaft Unterlagen mit, die im Zusammenhang mit mehreren Zahlungen des Fußball-Weltverbands im Frühjahr 2008 in Höhe von zehn Millionen Dollar stehen” (Wulzinger, Michael, Schweizer Bundesanwaltschaft stellt weitere Unterlagen sicher, in spiegelonline 10.6.2015).

– Blatters Ablaufdatum unklar. „In Fifa-nahen Kreisen heißt es auch, Blatters Restlaufzeit könne länger ausfallen als die allermeisten wünschen. Demnach arbeite der Schweizer darauf hin, erst im Frühjahr 2016 einem Nachfolger Platz zu machen, kurz vor dem für Mai anberaumten regulären Kongress in Mexiko. (…) Die Frage ist jedoch, wie lange er sich noch am Thron festklammern kann. Der Druck auf ihn als politisch Hauptverantwortlichen am Fifa-Desaster wird stärker. Die Ermittlungen des FBI und der Schweizer altschaft haben mit Blatters Rücktrittsankündigung nicht geendet; sie werden ständig ausgeweitet“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Begrenzung der Restlaufzeit, in SZ 11.6.2015).

– Ganz pikant: „Sollte Blatter zurücktreten, ohne dass ein Kongress direkt seinen Nachfolger wählt, hielten die Fifa-Wirren eine besondere Pointe bereit: An die Spitze aufrücken würde interimistisch der erste Vizepräsident, der Kameruner Issa Hayatou. Der 58-Jährige zählt zu den Sportfunktionären, die Geld von der Schmiergeld-Agentur ISL erhielten. Vom Internationalen Olympischen Komitee, wo Hayatou ebenfalls Mitglied ist, erhielt er deshalb eine Rüge. In der Fifa blieb er unbehelligt“ (Ebenda). –

– Ein alter Bekannter steigt ein: Scheich Al-Sabah. Für die Nachfolge Blatters werden Michel Platini und der Kuwaiter Ahmad Al-Fahad Al-Sabah als Favoriten genannt: Beim Champions-League-Endspiel am 6.6.2015 saß Al-Sabah in der Ehrenloge hinter Platini. „Sabah hat sich kürzlich auf Asiens Fußballkongress für zwei Jahre zum Exekutivmitglied der Fifa küren lassen und wird weltweit als Favorit auf den Fifa-Thron gehandelt. Schon sein Vater, der ehemalige Emir Fahad Al-Ahmad Al-Jaber Al-Sabah war im Fifa-Vorstand. Vom Papa, der 1990 im Golfkrieg starb, hat Scheich Ahmad zwei wichtige Sport-Posten übernommen: die IOC-Mitgliedschaft und die Präsidentschaft im Olympic Council of Asia (OCA). Seit 2012 amtiert er zudem als ANOC-Präsident. Sogar seine Diener haben hochrangige Funktionen im Weltsport“ (Weinreich, Jens, Der Schattenmann, in spiegelonline 10.6.2015).

– „Don Julio“ Grondona. „In Italien hat sich am Dienstag der argentinische Rechtehändler Alejandro Burzaco der Polizei gestellt, er wird per Interpol-Haftbefehl gesucht. Während Italien noch in den Fokus der Ermittlungen rücken dürfte, öffnet sich mit Burzacos Ergreifung eine wichtige Schiene in die globalen Deals mit Fußballrechten. Der Chef der umwitterten Rechteagentur Torneos galt als rechte Hand von Julio Grondona. ‚Don Julio‘, wie der mächtige Argentinier respektvoll genannt wurde, war bis zu seinem Tod im Juli 2014 die Nummer zwei in der Fifa hinter Sepp Blatter. Er war der Chef der Finanzkommission und stand im Fokus des Bundesanwalts von Buenos Aires. Über die Jahre war rund um Grondonas Familie ein Firmengeflecht gewuchert, dessen Konten einen dreistelligen Millionenbetrag aufwiesen“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Hilfsgelder, die nie ankommen, in SZ 10.6.2015).
Schade, dass Julio Grondona dies nicht mehr erleben durfte.

– Korruption beim Copa América. Das FBI ermittelt in Zusammenhang mit der südamerikanischen Meisterschaft Copa América wegen 110 Millionen Dollar Schmiergelder an Fifa-Funktionäre, unter anderen gegen den chilenischen Verbandspräsidenten Sergio Jadue. Copa América 2015 läuft gerade in Chile an, 2016 in den USA (zum hundertsten Jubiläum), 2019 in Brasilien und 2023 in Ecuador. Der bis 2011 amtierende chilenische Verbandspräsident Harold Mayne-Nicholls hatte eine Unterzeichnung der Schmiergeld-Verträge verhindert: „Mayne-Nicholls sagt, er habe das deshalb getan, weil in seinen Augen ein gültiger Kontrakt für die Übertragungs- und Marketingrechte der Copa América 2015 existierte – mit einer Firma namens ‚Traffic‘, die auch prompt die anderen Interessenten (TyC und Fullplay) vor einem US-Gericht verklagte. (…) Nachdem Mayne-Nicholls aber 2011 durch Jadue ersetzt worden war, lief es plötzlich wie geschmiert. Die Firma Traffic, die ursprünglich die Rechte für die Copa 2015 erhalten hatte, ließ ihre US-Klage fallen, schloss sich mit TyC und Fullplay zu Datisa zusammen – und beteiligte sich laut US-Staatsanwaltschaft auch an den Schmiergeldzahlungen. Auf den chilenischen Verband entfielen, wie Jadue bestätigt hat, drei Millionen Dollar – als ‚Vorschuss‘ für die Copa América“ (Kistner, Thomas, Pfeifkonzert garantiert, in SZ 11.6.2015).

Fifa-Mediendirektor zurückgetreten. “Der Fußballweltverband Fifa verliert einen weiteren leitenden Angestellten: Mediendirektor Walter De Gregorio hat seinen sofortigen Rücktritt erklärt. Bis Ende des Jahres will er der Fifa noch als Berater zur Verfügung stehen” (Fifa-Pressechef tritt zurück, in spiegelonline 11.6.2015).

– Klinsmann spricht von Lawine. Der ehemalige deutsche und jetzige US-Fußballtrainer Jürgen Klinsmann warnte: „Das  wird noch eine richtige Lawine geben… Wenn die Ermittler einmal reingehen, dann machen die auch ernst“ („Das wird eine richtige Lawine“, in spiegelonline 9.6.2015). Für die US-Fußballer hat die Verhaftungswelle auch Konsequenzen: „Wir spielen bald einen Gold Cup, und die gesamte Spitze des Concacaf ist aufgelöst“ (Ebenda).

– Profispielergewerkschaft Fifpro fordert Wegzug der Fifa aus der Schweiz: „Es sieht so aus, als wäre eine Zentrale in einem Land, in dem Anonymität und Geheimhaltung vorherrschen, der falsche Standort. Man muss sehen, dass die über viele Jahre bekannte Korruption von der US-Justiz und nicht von der Schweizer Polizei angegangen wurde“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Überweisungen nach Monaco, in SZ 12.6.2015).

– Teixeira mit Katar 2022 belastet. Der langjährige Präsident des brasilianischen Fußballverbandes und Fifa-Vorstand Ricardo Teixeira hatte bei einer Bank in Monaco ein Konto, auf dem Transfers von Firmenkonten aus der Golfregion gefunden wurden: Die Firmen sollen an den WM-Bauten beteiligt sein (Ebenda). Teixeira soll aus der Golfregion 30 Millionen Euro auf sein Konto in Monaco erhalten haben (Blatter könnte der nächste sein, in SZ 18.6.2015).

– Blatter: Rücktritt vom Rücktritt? Angeblich drängen die Fußball-Verbände aus Afrika und Asien Blatter dazu, weiterzumachen. Dieser fühlt sich geehrt und überprüft ein Weitermachen. „Dass seine Überlegungen über eine erneute Kandidatur ernsthaft sind, soll, so in dem Bericht weiter, auch ein Grund für den Rücktritt des Fifa-Pressechefs Walter De Gregorio sein. Dieser soll sich intern gegen einen Blatter-Verbleib ausgesprochen haben und plädiert für einen ‚Neuanfang in jeder Hinsicht'“ (Blatters Umfeld bringt Rücktritt vom Rücktritt ins Spiel, in spiegelonline 14.6.2015). Klaus J. Stöhlker war von Januar bis Ende Mai Blatters persönlicher Berater und sagte der Schweiz am Sonntag: „Blatter hat den Verband zu einem globalen, sehr erfolgreichen Konzern aufgebaut – und er ist ein Spitzendiplomat… Blatter hat eine faire Chance“ (Müller, Patrick, Sepp Blatter soll Präsident der Fifa bleiben, in Schweiz am Sonntag 13.6.2015). Starverteidiger Lorenz Erni wird die Fifa gegen das US-Justizdepartment verteidigen (Ebenda). – „Mittlerweile hat sich auch der Vorsitzende der Fifa-Compliance-Kommission Domenico Scala zu einem möglichen Verbleib von Joseph Blatter geäußert. Er lehnt eine Zukunft des 79-Jährigen beim Fußballweltverband ab. ‚Für mich sind die Reformen das zentrale Thema. Deshalb halte ich es für klar unverzichtbar, den eingeleiteten Prozess des Präsidiumswechsels wie angekündigt umzusetzen‘, sagte der Fifa-Kontrolleur und neue starke Mann des Weltverbandes“ (Ebenda).
Dann wird Domenico Scala wohl der nächste sein, der zurückgetreten wird.

– Vatikan und Fifa geschieden. Der Vatikan verkündete, ein geplantes Spendenprogramm mit dem Südamerika-Verband Conmebol abzulehnen (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Ende einer merkwürdigen Beziehung, in sueddeutsche.de 12.6.2015).

– Interpol und Fifa geschieden. Blatter wurde am 1.6.2011 zum vierten Mal als Fifa-Präsident wiedergewählt. Am 9.5.2011 auf einer Pressekonferenz feierte eine am Fifa-Vorstand vorbei beschlossene 20 Millionen Euro-Spende an Interpol und fragte: „Warum sollte das nicht eine Art Fifa-Geheimdienst werden?“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Ende einer merkwürdigen Beziehung, in sueddeutsche.de 12.6.2015). Und der damalige Interpol-Chef Ronald Noble hatte Blatter gefeiert. Die Behörde sollte dafür zehn Jahre lang ein Integritäts-Programm durchführen und Sportwett-Betrüger verfolgen. Am 12.6.2015 war damit Schluss: Interpol beendete die Kooperation mit der Fifa aufgrund der jüngsten Skandale (Interpol beendet Zusammenarbeit mit der Fifa, in spiegelonline 12.6.2015).

– Nobelpreis-Komitee und Fifa geschieden. 2012 hat Blatter das Nobelpreiszentrum in Oslo dazu gebracht, mit der Fifa die Initiative „Handschlag für den Frieden“ zu gründen. Ganz außerordentlich wichtig: „Dabei werden die Kapitäne von Fußballmannschaften aufgefordert, sich vor und nach einem Spiel die Hand zu geben sowie das Schiedsrichterteam so zu begrüßen und zu verabschieden“ (Nobelpreiszentrum beendet Zusammenarbeit mit Fifa, in spiegelonline 16.6.2015).
Die Initiative galt als Prestigeobjekt von Blatter. Man wundert sich schon, wie der Ableger des Nobelpreiskomitees sich auf so etwas einlassen konnte.
Blatter hatte sich am 9.5.2011 eiskalt von Interpol und Nobelpreiszentrum Rückendeckung geholt: Nach Richard Nobel von Interpol sprach die Direktorin des Osloer Nobelpreiszentrums: „Die zwei Elogen waren Balsam für Blatter“ (Kistner, Thomas, Geplatzte Liaison, in SZ 17.6.2015).  

– Blatter vor Verhör. Der Schweizer Generalstaatsanwalt Michael Lauber erklärte auf einer Pressekonferenz, dass auch Fifa-Präsident Sepp Blatter und Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke verhört werden sollen. In der Fifa-Zentrale wurden neun Terabytes Datenmaterial gesichert und mehr als hundert verdächtige Kontenbewegungen festgestellt. In Zusammen hang mit den WM-Vergaben 2018 und 2022 wurden 53 konkrete Fälle von Geldwäsche registriert (Schweizer Ermittler erwägen Befragung von Blatter, in spiegelonline 17.6.2015; Ashelm, Michael, 53 Verdachtsfälle von Geldwäsche bei WM-Vergabe, in faz.net 17.6.2015).

WM-2014-Erbe in Brasilien. Brasilien ist inzwischen in einer Wirtschaftskrise. Dazu kommt das „Erbe“ der Fußball-WM 2014: „… leere Stadien, halbfertige Flughäfen und nagelneue Straßenbahnen ohne Gleise. (…) Brasilien hat für den Bau der zwölf WM-Stadien 3,5 Milliarden Euro auf den Tisch gelegt, der Großteil davon stammt aus öffentlichen Kassen. Acht dieser Prestigeobjekte haben allein im vergangenen Jahr 42 Millionen Euro Defizit eingefahren“ (Tripmaker, Marco, WM-Stadien als Millionengräber, in welt.de 18.6.2015). Die Lebensmittelpreise gehen steil nach oben, die Stromkosten haben sich im Frühjahr 2015 fast verdoppelt (Ebenda). Der Geograph Christopher Gaffney: „Wir hatten eine Reihe öffentlicher Stadien, die abgerissen und für die WM neu gebaut wurden. Sie alle sind ökonomisch nicht tragfähig. Zudem wurden funktionierende öffentliche Räume in Einkaufszentren verwandelt“ (Knödler, Gernot, „Stadien werden zerstört“, in taz.de 17.6.2015).
Und die Olympischen Spiele 2016 in Rio kommen erst noch.

– Manager von „Full Play“ stellen sich. Hugo Jinkis (70) und Marianio Jinkis (40), Manager der Sportmarketing-Agentur Full Play, erschienen vor dem US-Bundesrichter, der für den US-Auslieferungsantrag zuständig ist. Ein dritter Marketing-Manager, Alejandro Bursaco, hatte sich in Italien der Justiz gestellt (DPA, Fifa-Skandal: Duo stellt sich, in SZ 19.6.2015).

– Zwanziger und die Fifa-Ethikkommission. Der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger „hatte kritisiert, dass die Ergebnisse der Garcia-Ermittlungen zu möglichen Verfehlungen bei der WM-Vergabe 2018 an Russland und 2022 an Katar von der Fifa nicht veröffentlicht wurden. Er habe ‚das Gefühl, dass die vielen möglichen Täter geschützt‘ würden. Diese Aussagen verstoßen nach Ansicht der Fifa gegen den Ethikcode“ (DPA, Zoff um Zwanziger, in SZ 22.6.2015).

– Konten der Copa America gesperrt. „Die Siegerprämien einfach eingefroren: US-Ermittler haben Konten gesperrt von Firmen, die sich auf nicht immer redliche Weise Sport- und Vermarktungsrechte gekauft hatten. Dummerweise wird die Siegestrophäe der Copa America eigentlich auch aus diesen Kassen gefüllt. (…) So wie es aussieht, gibt es keine Kohle, weder für den Sieger noch für die Platzierten“ (Ahäuser, Jürgen, Arme Schlucker, in fr-online.de 24.6.2015).

– Vermögen von Fifa-Vize beschlagnahmt. Auch Fifa-Vizepräsident Eugenio Figueredo (83), früherer Präsident des südamerikanischen Verbandes Conmebol, wurde am 27.5.2015 im Baur au Lac in Zürich festgenommen. In seiner Heimat Uruguay wurden Immobilien im Wert von 4,5 Millionen Euro beschlagnahmt. „Conmebol wird von den US-Behörden Korruption und Geldwäsche vorgeworfen“ (SID, Fifa-Vize verliert Vermögen, in SZ 25.6.2015). Er muss laut Bundesgericht in Bellinzona weiter in Haft bleiben (DPA, Figueredo bleibt in Haft, in SZ 27.6.2015). – Der Paraguayer Nicolás Leoz, Conmebol-Präsident von 1986 bis 2013, steht unter Hausarrest in Asunción. „Paraguay hob die Immunität des Hauptsitzes des Kontinentalverbandes Conmebol auf. Präsident Horacio Cartes: „Diese Privilegien, die denen der Vereinten Nationen gleichkommen, sind unannehmbar“ („Ich bin nicht zurückgetreten“, in spiegelonline 26.6.2015).

– Blatter: „Ich bin nicht zurückgetreten.“ Blatter sagte dem Schweizer Blick: „Ich bin nicht zurückgetreten, sondern stelle mein Mandat an einem außerordentlichen Kongress zur Verfügung“ („Ich bin nicht zurückgetreten, in spiegelonline 26.6.2015). In der Schweizer Weltwoche äußerte Blatter auf die Frage, ob eine Fortführung seiner seiner Präsidentschaft nach den Wahlen, die nunmehr vermutlich auf Frühjahr 2016 verlegt sind, möglich sei, vieldeutig: „Im Prinzip nein“ („Wurde falsch verstanden“, in SZ 10.7.2015).

– Züricher Stadtregierung hält Fifa die Treue. In ein Positionspapier schrieb die Züricher Regierungsrat: „Die Fifa gehört zu Zürich und ist in Zürich willkommen“ (Baumgartner, Fabian, Eine Liebeserklärung an die Fifa, in nzz.ch 2.7.2015). Das Papier verweist auf den ökonomischen Faktor. Allein der Fifa-Kongress im Mai hätte 5000 Übernachtungen eingebracht. Das Fifa-Museum, das 2016 eröffnet wird, soll jährlich 200.000 Besucher haben. 500 Mitarbeiter beschäftigt die Fifa in Zürich – und bezahlte im WM-Jahr 2014 laut Finanzbericht 36,2 Millionen US-Dollar Steuern: bei einem Umsatz von rund 2,1 Milliarden Franken (Ebenda).
Wenn man dann noch an die weltweite und kostenlose Werbung für das Fünf-Sterne-Hotel Baur au Lac denkt…

Fifa-Ethik-Kommission (1). Nach der Umdeutung des Berichts von Michael Garcia (dieser trat daraufhin zurück) und der Erklärung zu den sauberen WM-Wahlen 2018 in Russland und 2022 in Katar betrieb der Vorsitzende der Fifa-Ethik-Kommission, der Münchner Richter Hans-Joachim Eckert die Reinwaschung Blatters. Dann traf das System Blatter den Chilenen Harold Mayne-Nicholls, der im Herbst 2014 angekündigt hatte, gegen Blatter zu kandidieren. Mayne-Nicholls hatte als Mitglied der Fifa-Exekutive die drohende Hitze von bis zu 50 Grad Celsius für Katar 2022 als Hauptproblem genannt. Er wurde von Eckert für sieben Jahre gesperrt. Das Vergehen des Chilenen: Er fragte „beim Sportzentrum Aspire in Doha um ein Trainingslager für ein chilenisches Jugendteam nach, zu diesem zählten sein Sohn und sein Neffe. Alle Kosten wollte er selbst tragen. Außerdem fragte er wegen eines Tennislehrerjobs für seinen Schwager an. (…) Nicht einmal die Begründung ist ihm mitgeteilt worden. Laut Eckerts Entscheid muss sie der Sünder gesondert anfordern“ (Kistner, Thomas, Münchner Richter stützt das System Blatter, in SZ 8.7.2015).
Das System Blatter, wie es leibt und lebt.

Fifa-Ethik-Kommission (2). Kronzeuge Chuck Blazer (siehe oben) wurde von der Fifa-Ethik-Kommission auf Lebenszeit gesperrt. Begründung der Eckert-Kommission: „Herr Blazer hat sich in seinen unterschiedlich hochrangigen Positionen bei der Fifa und der Concacaf fortwährend und wiederholt falsch verhalten“ (Fifa sperrt Kronzeuge Blazer lebenslang, in spiegelonline 9.7.2015).

– US-Senat untersucht Fifa. Auch der US-Senatsausschuss für Verbraucherschutz untersucht nun die Fifa-Skandale. „Senator Jerry Moran schätzt den Zustand des Fifa-gesteuerten Weltfußballs als ‚besorgniserregend‘ ein; der Ausschuss-Vorsitzende erklärt: ‚Die Fifa hat ihre Korruptionskultur blind gemacht für Verletzungen der Menschenrechte und den Verlust von Menschenleben'“ (Kistner, Thomas, US-Senat beleuchtet Fifa-Affären, in SZ 13.7.2015). Nachdem Jack Warner öffentlichkeitswirksam seine zahlreichen Fifa-Ämter abgab, propagierte die Concacaf eine Erneuerung – mit dem im Baur au Lac festgenommenen Jeffrey Webb. „Jetzt wurde im karibischen Offshore-Paradies enthüllt: Webb war Direktor in einer von Warners Schattenfirmen, der 1995 gegründeten J&D International (JDI). Über diese vermakelten die Inselfunktionäre die WM-Fernsehrechte für die Karibik – mit Millionenprofit. Kein Wunder: Warner bekam die Rechte von der Fifa in den Neunzigern stets geschenkt, und später für Spottpreise zugeschanzt. (…) Zugleich hatte Blatter den angeblichen Erneuerer Webb schon 2002 in ein internes Audit-Komitee berufen, mit dem er einen Buchprüfer-Stab aushebelte, den ihm seine europäische Opposition aufgenötigt hatte. Neben Webb gehörten Blatters damaligem Stab drei Figuren an, die schon Ärger mit der Justiz hatten“ (Ebenda).

– Jeffrey Webb an die USA ausgeliefert. Am 15.7.2015 wurde der ehemalige Fifa-Vizepräsident Jeffrey Webb von den Cayman Islands von den Schweizer Behörden an die USA ausgeliefert. „Er wolle sich in den USA den Korruptionsvorwürfen stellen, sagte eine mit dem Vorgang betraute Person. Wenn er bereit wäre, an der Aufklärung mitzuarbeiten, könnte er ein wertvoller Zeige sein“ (Schweiz liefert Fifa-Funktionär an die USA aus, in spiegelonline 16.7.2015). Die anderen sechs am 26.5.2015  im Baur au Lac verhafteten Fifa-Funktionäre haben ihrer Auslieferung in die USA widersprochen.
Falls Webb der nächste Kronzeuge ist, kann sich Blatter mit Sicherheit auf einiges gefasst machen.
Webb wurde von einem New Yorker Gericht gegen eine Kaution von zehn Millionen Dollar (9,195 Millionen Euro) aus dem Gefängnis entlassen. „Webb musste seine drei Pässe allerdings dem FBI abgeben und darf sich nicht außerhalb eines Radius von 32 Kilometern rund um das Bundesgericht aufhalten“ (US-Richter lässt Fifa-Funktionär Webb gegen Kaution frei, in spiegelonline 18.7.2015). Am 18.5.2015 verlas Richterin Vera Scalon die Anklage; am 17.8.2015 soll Webb vor Richter Raymond Dearie in Brooklin erscheinen, vor dem schon Chuck Blazer ausgesagt hat (Kistner, Thomas, New York wirft Schatten, in SZ 20.7.2015). Webb wurde von Blatter 2002 in die Audit-Kommission geholt; er war seit 1995 Direktor in Jack Warners Firma JD International, die für ein Butterbrot von der Fifa die WM-Fernsehrechte für die Karibik erhielt (Ebenda). – „Nach SZ-Informationen sind deutlich mehr Fußball-Funktionäre auf der Wanted-Liste des FBI, als bisher im Zuge der ersten Verhaftungswelle bekannt wurden“ (Ebenda).

– Anhörung im US-Senat. Am 15.7.2015 fand eine Anhörung im US-Senat über die Machenschaften der Fifa statt. Sepp Blatter war wie der amerikanische Verbandschef Sunil Gilati zum Hearing eingeladen: Sie verzichteten auf ein Kommen. Senator Richard Blumenthal, der Demokraten-Obmann, bezeichnete die Fifa „als mafia-ähnliches Syndikat. Mich lässt der Formulierung alleine etwas zögern, dass ein Vergleich der Fifa mit der Mafia fast eine Beleidigung für die Mafia wäre, denn die Mafia würde ihre korrupten Geschäfte niemals in einer solch himmelschreiend unverdeckten und arroganten Weise abwickeln“ (Kistner, Thomas, Die Uhr tickt, in SZ 17.5.2015; Hervorhebung WZ). Auch am 15.7.2015 kam Jeffrey Webb, ein alter Blatter-Kumpan, aus der Züricher Auslieferungshaft in die USA. „Schon 2002 hatte Blatter den Bankier von den Kaimaninseln in seine handverlesene intere Buchprüfer-Kommission berufen. In eine Gruppe, der schon damals mindestens drei Funktionäre angehörten, die Ärger mit der Justiz hatten“ (Ebenda). Für die in Zürich weiter einsitzenden übrigen sechs Fifa-Funktionäre wird es eng. „Wenn Webb erst einmal auspackt, ist für sie die Zeit der Deals mit der Justiz vorbei. Im August wird auch über ihre Auslieferung entschieden“ (Ebenda).

– Sponsoren verlieren Geduld mit Fifa. „Coca-Cola und McDonald’s kritisierten am Freitag (17.7.2015; WZ) die Art der Fifa-Führung und forderten umfassende Änderungen. Der US-Getränkekonzern unterstützte die Forderung nach einer unabhängigen Reformkommission. Und die weltgrößte Fast-Food-Kette forderte einen grundlegenden Wandel, um Vertrauen und Glaubwürdigkeit bei Fans und Sponsoren wiederherzustellen. (…) Mittlerweile beschäftigt sich einem Insider zufolge auch die US-Börsenaufsicht SEC mit dem Skandal. Die Behörde untersuche, ob börsennotierte Unternehmen mit Geschäftsverbindungen zur in Zürich ansässigen Fifa gegen US-Korruptionsgesetze verstoßen haben könnten, sagte eine mit dem Vorgang vertraute Person“ (McDonald’s und Coca-Cola setzen Fifa unter Druck, in spiegelonline 18.7.2015). Auch Sponsor Visa kritisiert inzwischen: „Bei der Quartals-Bilanzkonferenz erklärte Visa-Vorstandschef Charlie Scharf, die jüngsten Reformschritte seien ‚völlig unzureichend‘ und offenbarten nur den Mangel am Bewusstsein dafür, wie weitreichend die Veränderungen sein müssen‘. Ohnehin könne es unter der alten Führung keine Erneuerung geben“ (Kistner, Thomas, „Brutal offen“, in SZ 27.7.2015).

– Die nächsten Verhaftungen. Am 17.7.2015 wurde der Präsident des Bolivianischen Fußballverbandes, Carlos Chávez und dessen Generalsekretär Alberto Lozada wegen Korruptionsverdacht festgenommen (McDonald’s und Coca-Cola setzen Fifa unter Druck, in spiegelonline 18.7.2015).

Stephan Ramming verweist in einem NZZ-Beitrag auf die Zeitenwende bei der Fifa seit dem 26.5.2015: „Heute ist klar, dass die Festnahmen viel mehr waren als ein zwischen schweizerischen und US-amerikanischen Ermittlern abgestimmter Zugriff auf verdächtige Funktionäre. Es war ein Signal – ein Signal, dass sich die Welt, die sich an allgemeingültige Regeln und Gesetze hält, in die Welt der Fifa, die nach eigenen Regeln und Gesetzen lebt und funktioniert, einmischt. Und zwar massiv und ohne Rücksichten einmischt. Mit Polizei, Festnahmen, Anklagen, Prozessen. Nun steht die Fifa vor einer Zeitenwende“ (Ramming, Stephan, Vor der Zeitenwende, in nzz.ch 19.7.2015). Das Hearing im US-Senat am 15.7.2015 ist auch ein Signal: „Die Fifa steht den mächtigsten aller denkbaren Gegner gegenüber – den USA und ihren Justizbehörden. Der Grund für die Macht des Gegners liegt darin, dass sich das Nervenzentrum der weltweiten Finanztransaktionen in den USA befindet. Wenn sich deshalb die US-Justizbehörden für unsaubere Finanzflüsse zu interessieren beginnen, wird es brenzlig. Und seit US-Fahnder Machenschaften vor allem in den amerikanischen Kontinentalverbänden Concacaf und Conmebol nachforschen, zudem bei der Bundesanwaltschaft in Bern unterdessen 81 Meldungen von Schweizer Banken über verdächtige Finanztransaktionen liegen, ist die Lage für die Fifa noch brenzliger geworden“ (Ebenda).

– Tritt Blattini an. „Vor der Entscheidung über den Termin für die Wahl eines Nachfolgers von Fifa-Chef Joseph Blatter hat Uefa-Präsident Michel Platini eine große Unterstützung für eine mögliche Kandidatur sicher. Der Franzose wurde nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur von zahlreichen Nationen um eine Bewerbung gebeten, demnach soll er die Zusagen der Konföderationen aus Europa, Asien, Südamerika und Nord- und Zentralamerika haben“ (Fußballverbände drängen Platini zur Kandidatur, in spiegelonline 20.7.2015).

– Blatter verschiebt seinen Nachfolger. Das Fifa-Exekutivkomitee setzte am 20.7.2015 den Wahltermin auf 26.2.2015 fest.
Bis da wird Blatter die Spuren seiner Vergangenheit gründlichst aufgearbeitet haben: Vulgo wird sein Nachfolger nichts Belastendes oder auch nur Erhellendes mehr finden.
Die Uefa wollte die Wahl noch vor Weihnachten. Blatters Seilschaften halten also immer noch. Laut Nachrichtenagentur AFP wird Michel Platini in den nächsten zwei Wochen seine Kandidatur erklären (Blatter setzt späteren Wahltermin durch, in spiegelonline 20.7.2015). Platinis Nachfolger könnte vielleicht DFB-Präsident Wolfgang Niersbach Uefa-Präsident werden. Niersbach begann seine Sport-Laufbahn als Redakteur beim Sport-Informationsdienst (SID), war ab 1988 DFB-Pressereferent, ab 2007 DFB-Generalsekretär und ab 2012 DFB-Präsident.
Thomas Kistner schrieb einmal, ein Sportjournalist ist ein Fan, der es hinter das Absperrband geschafft hat. Der Sportjournalist Niersbach hat es hinter dem Absperrband ziemlich weit gebracht. Übrigens will Blatter – er war laut Wikipedia 1966 bis 1968 Pressechef der Dachorganisation der Schweizer Sportverbände – nach seiner Präsidentschaft wieder als Journalist arbeiten – als Radiojournalist.

– Blatter erhält legal Geld. Fifa-Pessekonferenz in Zürich am 20.7.2015. „Ein britischer Komiker hat die Pressekonferenz des Fifa-Präsidenten Joseph Blatter zur Sitzung des Exekutivkomitees gestört. Simon Brodkin stellte sich im Hauptquartier des Fußball-Weltverbandes in Zürich vor den Schweizer Amtsinhaber und warf ein Bündel Geldscheine in die Luft, die auf Blatter, 79, herabregneten. Blatter reagierte empört. Er rief seine Leibwächter herbei, um Brodkin abzuführen. Der Fifa-Präsident beklagte, die Aktion habe nichts mit Fußball zu tun und unterbrach die ohnehin schon verspätete Pressekonferenz für einige Minuten“ (Eklat in Zürich – Blatter mit Geldscheinen beworfen, in spiegelonline 20.7.2015). Brodkin trat als Vertreter von Nordkorea auf: Er sei froh, „dass er einen Deal mit der Fifa und Nordkorea für diie WM 2026 abschließen konnte“ (Fifa stellt Strafanzeige gegen Brodkin, in spiegelonline 21.7.2015).
Dazu aus einem Kommentar von Christian Teevs in spiegelonline: „Blatter demonstrierte, dass er die Fifa noch immer kontrolliert. Und dass er selbst bestimmt, wann und wie er die Führung abgibt. Er organisiert den Wechsel, der schon deshalb kein wirklicher sein kann. Die Ergebnisse von Montag sind ein schlechtes Zeichen für die Fifa, die seit zwei Monaten von einem Korruptionsskandal erschüttert wird. ‚Ich bin nie zurückgetreten‘, sagte der 79-jährige Schweizer. Und dass 85 Prozent der von ihm angestoßenen Reformen bereits umgesetzt seien. Der Rest folge nun bald. Blatter demonstriert, dass er nicht verstanden hat. Er lebt in seiner eigenen Welt, in der Skandale das Werk Einzelner sind – auf die der Präsident keinen Einfluss hat“ (Teevs, Chistian, Der Zeitspieler, in spiegelonline 20.7.2015).

– USA wollen Jack Warner. Jack Warner, von 1983 bis 2011 im Exekutivkomitee der Fifa, ist gegen eine Kaution von 2,5 Millionen Dollar auf freiem Fuß. Die USA haben um Auslieferung des langjährigen Fifa-Vizepräsidenten ersucht. Am 27.7. muss er vor Gericht, wo über seine Auslieferung an die USA entschieden wird (USA beantragen Auslieferung von Jack Warner, in spiegelonline 23.7.2015).

– Blatters Platini-Porträt. Direkt aus der Züricher Fifa-Zentrale ging der Text „Platini: Leichen im Keller“ mit Bitte um Abdruck an die Redaktionen. „Es soll Blatter höchstpersönlich gewesen sein, der das Verfassen dieses Artikels in Auftrag gab“ (Röhn, Tom, Wie Blatter & Co. Platini verhindern wollen, in welt.de 7.8.2015).

Fifa-Taskforce: die üblichen Verdächtigen. Der neuen, „gefühlt einhundertsten ‚Reformkommission‘ der Fifa“ (Jens Weinreich) soll Francois Carrard (78) vorsitzen: Rechtsberater des IOC seit 1979, Generaldirektor des IOC von 1989 bis 2004 (Weinreich, Jens, Alles für die Familie, in spiegelonline 12.8.2015). Des weiteren – natürlich – Scheich Al-Fahad Al-Sabah aus Kuwait, Gianni Infantino, Generaldirektor der Uefa. „Infantino hat vor zwei Jahren die wichtigsten der von (Mark) Pieth und Theo Zwanziger eingebrachten Fifa-Satzungsänderungen geblockt, gemeinsam mit Platini und DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Regeländerungen wie Amtszeitbegrenzung oder Alterslimit, die man jetzt plötzlich gutheißt“ (Ebenda). Dazu Constant Omari aus dem Kongo: Er „macht kein Hehl aus seiner Ablehnung einer Amtszeitbegrenzung für Fifa-Offizielle“ (Ashelm, Michael, Die Reform-Farce der Fifa, in faz.net 12.8.2015). – „Die aus Verbandsgreisen, altgedienten Sportfunktionären, zweifelhaften Strippenziehern und einigen unbescholtenen Zuarbeitern zusammengesetzte Riege unter der Leitung (…) Francois Carrard soll also für den Aufbruch in eine neue Zeitrechnung stehen. Ein Witz“ (Ebenda).

-Geldwäsche: 103 Verdachtsfälle. „Die Korruptionsermittlungen der Schweizer Bundesanwaltschaft bei der Fifa gehen weiter. Die Ermittler untersuchen inzwischen 103 Verdachtsfälle von Geldwäsche. (…) Die Schweizer Fahnder operieren zwar eigenständig, kooperieren allerdings mit der ebenfalls ermittelnden US-Justiz“ (103 Verdachtsfälle von Geldwäsche, in spiegelonline 23.8.2015).

– Der tiefe Fall des Fußball-Patriarchen Nicolás Leoz. „Der 86-Jährige ist einer der globalen Fussball-Patriarchen: 27 Jahre, von 1986 bis 2013, herrschte der Paraguayer über die Conmebol, Südamerikas Pendant zur europäischen Uefa. Bei der Fifa saß er 15 Jahre lang in der Regierung, im Exekutivkomitee. Seine Macht ging so weit, dass er das Parlament von Paraguay 1996 dazu brachte, einen palastartigen Neubau der Conmebol in der Hauptstadt Asunción mit einem diplomatischen Sonderstatus zu imprägnieren. (…) Leoz war ein Nationalheld in Paraguay. Unantastbar. Bis die Amerikaner kamen. Das FBI führt einen Feldzug gegen Korruption im Fussballgeschäft, Leoz zählt zu den Hauptzielen. Die Ermittlungen offenbarten ein Netz von verdeckten Geldströmen zwischen dem Präsidenten, seinen Untergebenen und Sportagenturen.
Interpol schrieb den Ex-Präsidenten zur Fahndung aus, die USA fordern seine Auslieferung. Laut FBI hatte Leoz mit seinen Komplizen die Conmebol zum Selbstbedienungsladen umgebaut. Schloss der Verband einen Deal, verdiente der Präsident mit“ (Stäuble, Mario, Knellwolf, Thomas, Schweiz ermittelt gegen Südamerikas Fußball-Patriarchen, in Tages-Anzeiger 21.8.2015). Überhe  Schweizer Bankkonten bei der Genfer Bank Pictet liefen viele Conmebol-Zahlungen. So überwies der japanische Sport-Vermarkter Dentsu im Winter 2004 rund fünf Millionen Franken. „Insgesamt gingen bei Pictet rund 19 Millionen ein. Aber nur acht Millionen gingen weiter zur Conmebol nach Paraguay. Der Rest verschwand – so der Verdacht – auf privaten Konten von Leoz und Deluca“ (Ebenda. Eduardo Deluca war langjähriger Conmebol-Geschäftsführer).
Exkurs Dentsu: „Gerade erst musste sich Tadashi Ishii, 65, öffentlich entschuldigen. Er ist Chef von Dentsu, der fünftgrößten Werbeagentur der Welt. Sie hatte mehr als hundert Kunden über Jahre um mindestens zwei Millionen Euro geprellt, unter ihnen auch den Autohersteller Toyota. (…) Nun folgt der nächste Skandal. Eine 24-jährige Angestellte der Firma hat Suizid begangen. Die staatliche Arbeitsaufsicht bezeichnet den Selbstmord der jungen Frau als „Karoshi“, Tod durch Überarbeitung. Beamte des Arbeitsministeriums rückten zur Hausdurchsuchung ins Hochhaus in Tokio ein. (…) Das Ministerium verdächtigt Dentsu, massiv gegen die Arbeitsgesetze zu verstoßen. Die Frau hatte im Frühjahr 2015 bei Dentsu begonnen und sei gezwungen worden, mehr als 105 Stunden Mehrarbeit pro Monat zu leisten, bis zu 30 Stunden pro Woche. In ihrer Probezeit waren es ‚nur‘ 40 Stunden pro Monat, klagte sie in sozialen Medien. So könne sie nicht weiterleben. (…) Dentsu ist die Großmacht in der japanischen Medienwelt. Die 115 Jahre alte Firma hält 40 Prozent Marktanteil des Werbemarktes, sie produziert nicht nur Anzeigen, sondern schaltet sie auch. Sie hält Anteile an den Zeitungen, kontrolliert mehrere Fernsehsender, mischt in der Unterhaltungsindustrie und im Sportmarketing mit und ist mit der Atomwirtschaft verbandelt. Eine Fachzeitschrift schrieb, Dentsu habe ‚Japans Medien im Würgegriff‘“ (Neidhart, Christoph, Zehn Teufelsregeln, in SZ 18.10.2016).

– Blatter-Dämmerung (II). Sepp Blatter bleibt nach wie vor aus Angst vor einer Auslieferung an die USA in der Schweiz – nur zu Freund Putin hat er sich zu einem Fußball-WM-2018-Termin getraut. Blatter “verschanzt sich in der Schweiz, beobachtet die Lage und muss mit ansehen, wie es allmählich still wird um ihn. Seit Blatter Fifa-Präsident ist, wird alljährlich in seinem Heimatort Ulrichen das  Sepp-Blatter–Fußballturnier ausgetragen. Früher flogen Prominente wie Franz Beckenbauer mit dem Hubschrauber im Wallis ein. In diesem Jahr kam keiner mehr, der Rang und Namen hat” (Wulzinger, Michael, In der Holzklasse, in Der Spiegel 38/12.9.2015). „Sicher kann sich Blatter wohl nur in zwei Ländern fühlen. In der Schweiz – und in Russland. Der Welt-Fußball-Präsident, obwohl bislang weder angeklagt noch verhört, sitzt offenbar im Gefängnis“ (Hecker, Anno, Blatter im Gefängnis, in faz.net 23.9.2015).

– Schweiz: “Lex Fifa” verabschiedet. Privatkorruption wird ab sofort in der Schweiz als Offizialdelikt strafbar: Der Ständerat brachte das Gesetz am 10.9.2015 ein. “Bisher konnte die Justiz nur auf Antrag gegen solche Delikte vorgehen, was praktisch nie vorkam. Zudem war die Privatkorruption im Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb geregelt. Mit der Aufnahme ins  Strafgesetzbuch kann private Bestechung neu auch verfolgt werden, wenn keine Wettbewerbssituation vorliegt” (Häfliger, Markus, “Lex Fifa” unter Dach und Fach, in nzz.ch 10.9.2015).

– Kronzeuge muss zehn Millionen Dollar hinterlegen. Ex-Fifa-Vizepräsident und Banker Jeffrey Webb (früherer Geschäftsführer von Jack Warners Firma JDI, siehe unten) trägt seit seiner Auslieferung von der Schweiz nach New York eine elektronische Fußfessel, musste seine Pässe abgeben und darf sich nicht weiter als 20 Meilen von der Staatsanwaltschaft des östlichen Distrikts entfernen. Er wird von einem Sicherheitsdienst begleitet, der alle Details an das FBI berichtet. “Die Kosten seiner Dauerobservation muss Webb selbst bezahlen” (Wulzinger, Michael, In der Holzklasse, in Der Spiegel 38/12.9.2015). Für die zehn Millionen Dollar Kaution musste Webb vier Immobilien, elf Luxusuhren und einen Mercedes hinterlegen; da dies nicht ausreichte, musste seine Frau zwei Luxusauto und Schmuck beisteuern (Ebenda). Die anderen sechs in Zürich Verhafteten weigern sich nach wie vor, sich in die USA ausliefern zu lassen – fragt sich, wie lange noch. “Die Beweislast der US-Behörden scheint erdrückend, sie beruht vor allem auf den Ermittlungsverfahren der New Yorker Staatsanwaltschaft gegen vier mutmaßliche Mitverschwörer, die bereits umfassende Geständnisse abgelegt haben” (Ebenda).

– Ein alter Bekannter: Der ISL-Korruptionsskandal. Die amerikanischen Behörden kümmern sich laut SZ im Zug der Fifa-Ermittlungen auch um den ISL-Korruptionsskandal: Es geht um 142 Millionen Franken Schmiergelder. „Das Aufrollen der Vergangenheit bringt neue Qualität in die Ermittlung. Und eine brisante Stoßrichtung. Sie zielt auf die Verbandsspitze um Blatter. Die Schweizer Marketingfirma ISL vermarktete zwei Jahrzehnte lang exklusiv die Rechte von Fifa und anderen Sportverbänden, bis Mitte der Neunzigerjahre auch solche des IOC. Als sie 2001 bankrottging, flog auf, dass die ISL 142 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld an Funktionäre gezahlt hatte. ‚Die Korruption war das Geschäftsprinzip‘, erklärten ISL-Manager vor dem Strafgericht in Zug. Ein großer Batzen ging an Fußballfunktionäre, Millionen kassierten Blatters Amtsvorgänger Joao Havelange und sein Schwiegersohn Ricardo Teixeira. 2010 wurden die Ermittlungen nach Schweizer Strafrecht eingestellt – Voraussetzung war, dass die Beschuldigten die Vorwürfe akzeptieren und eine Wiedergutmachung zahlen. Die betrug insgesamt 5,5 Millionen Franken, allein 2,5 Millionen musste die Fifa zahlen. Denn sie war, obwohl Opfer eines Komplotts, im Zug der Ermittlungen in die Beschuldigtenrolle geraten. Ihre Spitzenkräfte hatten mit den Ermittlern nicht recht kooperiert. Auch nicht der Mann, der im Gerichtsdokument als ‚P1’ firmiert: Sepp Blatter, der Präsident“ (Kistner, Thomas, Ein unangenehmer Besuch, in SZ 12.9.2015).

– Die Blatter-Warner-Geschäfte. Die TV-Rechte für die Fußball-WM 1998 in Frankreich verkaufte Sepp Blatter dem Präsidenten der karibischen Fußball-Union CFU, Jack Warner, für einen Dollar. „Als die karibischen WM-Rechte für 2002 vom damaligen Fifa-Partner ISL einmal überraschend an die Fernsehgesellschaft CSTN vergeben wurden, beschwerte sich Warner bei Blatter und drohte damit, die Nachwuchs-WM 2001 platzen zu lassen. ‚Entscheiden Sie entsprechend‘, forderte er Blatter auf. Bald wurde der CSTN-Vertrag aufgelöst und Warner erhielt die Rechte für das WM-Turnier 2002 inklusive einer Option für 2006, die eingelöst wurde“ (Weinreich, Jens, Schlechte Geschäfte sind auch gute Geschäfte, in spiegelonline 13.9.2015). – Die TV-Rechte für die Fußball-WM 2010 in Südafrika erhielt Warner über einen Vertrag mit Blatter für 250.000 Dollar, für die WM 2014 in Brasilien für 350.000 Dollar. Der Deal: Warner sicherte Blatter damit die 35 Concacaf-Stimmen aus Nord- und Mittelamerika und der Karibik. Der damalige Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke fügte eine Notiz an: „Hier ist der Vertrag, unterschrieben vom P. Das Geschäft ist nicht durch alle  üblichen Gremien und Kommission gegangen. Daher bitte ich, es vorläufig nicht öffentlich zu machen“ (Kistner, Thomas, Ein Deal unter Marktwert – mit Blatters Unterschrift, in SZ 14.9.2015).
Warner übertrug dann die Rechte an seine eigene auf den Cayman Islands registrierte Firma J & D International (JDI) (Weinreich, Jens, Fifa-Experte rechnet mit Ermittlungen gegen Blatter in spiegelonline 14.9.2015). JDI verkaufte die Medienrechte 2007 an den TV-Sender SportsMax. „JDI-Geschäftsführer war Warners Kumpel Jeffrey Webb, der Blatter im Wahlkampf 2002 geholfen hatte“ (Ebenda). Zu Webb siehe oben. Ein späterer Untersuchungsbericht des Nord- und Mittelamerikanischen Fußballverbandes CFU erwähnt einen Verkauf für mehrere Millionen Dollar; Medien gehen von 15 bis 20 Millionen Dollar aus (Tanda, Jean-Francois, Brandt, Andreas, Blatter verkaufte TV-Rechte weit unter dem Marktpreis, in srf.ch 11.9.2015). Da Blatter mit seiner bis 2011 geltenden Einzelunterschriftsberechtigung unterschrieb, ist er persönlich eingebunden und kann nach Schweizer Recht der „ungetreuen Geschäftsbesorgung“ verklagt werden, weil die Geschädigte die Fifa ist.

– Pressekonferens USA und Schweiz in Zürich. Am 14.9.2015 hielt die US-Justizministerin Loretta Lynch mit dem Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber eine Medienkonferenz ab und informierte über den Stand der Ermittlungen (Birrer, Peter B., Die Fifa-Reformen fallen nicht vom Himmel, in nzz.ch 5.9.2015). Es geht um eine Betrugssumme von mindestens 150 Millionen Dollar (Weinreich, Jens, Schlechte Geschäfte sind auch gute Geschäfte, in spiegelonline 13.9.2015). Lauber erwähnte sichergestellte elf Terabyte und 121 verdächtige Konten und bezeichnete die Zusammenarbeit mit den US-Behörden und anderen Ermittlungsorganen wie der  Schweizer Meldestelle für Geldwäscherei (MROS) als „vorzüglich“. (Weinreich, Jens, Die Frage nach Blatter bleibt unbeantwortet – vorerst, in spiegelonline 14.9.2015). – „Die Zeit, da sich die Fifa  und andere internationale Sportverbände auf ihre Lobbyisten und die Unterstützung von Politik und sogar Ermittlungsbehörden verlassen konnten, sei ein und allemal vorbei“ (Ebenda). Der frühere Ermittler der Fifa, Mark Pieth, hat sich für strafrechtliche Ermittlungen gegen Blatter ausgesprochen. Das Problem der Verjährung sieht Pieth nicht: „Wenn aber jemand effektiv in die Tasche eines Freundes wirtschaftet, springt die Verjährung auf 15 Jahre“ (Weinreich, Jens, Fifa-Experte rechnet mit Ermittlungen gegen Blatter in spiegelonline 14.9.2015).

– “Ein Gruselkabinett von Dunkelmännern”. So ist der Artikel von Michael Ashelm in faz.net vom 16.9.2015 betitelt und sich u. a. mit der “Arbeitsgruppe Reformen” befasst Aber “in Wirklichkeit entwickelt sich ausgerechnet dieses Gremium in guter alter Fifa-Tradition mehr und mehr zu einem Gruselkabinett von Dunkelmännern. Jetzt sieht sich das Mitglied Gorka Villar mit weniger schönen Vorwürfen konfrontiert. Der Sohn des spanischen Fußballpräsidenten Angel Maria Villar, dieser ist übrigens Mitglied des Fifa-Vorstandes und ein ausgeprägter Reformgegner, soll Vereinsvertreter aus Uruguay erpresst haben.” Vor einem Gericht wurde um Vermarktungsgelder beim südamerikanischen Vereinswettbewerb Copa Liberatores verhandelt. “Gorka Villar ist im Hauptberuf Generaldirektor der südamerikanischen Fußballkonföderation. Das ist jene ehrenvolle Vereinigung, aus der sich einige Funktionäre aktuell schweren Korruptionsvorwürfen der amerikanischen Justiz stellen müssen. Und in der Reformen-Arbeitsgruppe der Fifa sitzen sie nun alle beisammen: mutmaßliche Erpresser, erwiesene Manipulateure, erklärte Reformgegner, enge Freunde inzwischen lebenslang gesperrter Funktionäre und hilflose Schwafler. Währenddessen gehen Funktionäre, die jetzt aufstehen müssten, in Deckung” (Ebenda). Und Ashelm stellt fest, dass Uefa-Präsident Michel Platini oder DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, statt Führungsverantwortung zu zeigen, in Deckung gehen.

Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke suspendiert. Das teilte die Fifa in einer dürren Dreizeilen-Pressemitteilung am 17.9.2015 mit. Er soll sich bei WM-Tickets bereichert haben. “So soll vor der WM 2006 in Deutschland ein Ticketagenturchef Geld von Mitarbeitern gefordert haben, um es an Blatter weiterzureichen. Überdies legten die JB-Vertreter einen Ticketingvertrag vor, den sie mit der Fifa für die WM-Turniere 2010 bis 2022 besiegelt hatten und in dessen Kontext Generalsekretär Valcke eine diskrete Gewinnbeteiligung zugesichert worden sein soll. Im Zuge dieser Geschäftsaktivitäten 2010 soll Valcke wiederholt angekündigt haben, dass Katar die WM 2022 fest zugesagt sei; drei direkte Zeugen bestätigen die Aussage” (Kistner, Thomas, Fifa suspendiert Generalsekretär Valcke, in sueddeutsche.de 17.9.2015). Vorwürfe wurden auch von der Züricher Marketingagentur JB Sports Merketing erhoben: Die neu gegründete Agentur ISE erhielt 350.000 Ticketpakete für die WM 2006 für 350 Millionen Euro, erlöste damit 400 Millionen Euro und gab 110.000 Tickets einfach so zurück. Der Verbleib zehntausender Tickets für WM-Topspiele ist bis heute unklar. ISE-Präsident Haruyuki Takahashi forderte angeblich im August 2003 zwei Millionen Euro für eine persönliche Gratifikation für Fifa-Präsident Sepp Blatter. Takahashi sitzt im Vorstand des olympischen Organisationskomitees Tokio 2020 (Weinreich, Jens, Der Mann neben Blatter, in spiegelonline 18.9.2015). Bei einem Ticket-Deal für die WM 2010, 2014, 2018 und 2022 war Verhandlungspartner Fifa-Generalsekretär Valcke persönlich. ISE-Mitarbeiter Benny Alon berichtete, dass nach der Unterschrift “habe ihm Valcke eröffnet, dass diese WM Katar schon zugesagt sei” (Ebenda). – „Alon behauptet nun, dass Valcke zweimal, im Frühjahr und Herbst 2010 und damit lange vor der Fifa-Kür (am 2.12.2010; WZ) versichert habe, die WM 2022 sei fest an Katar vergeben“ (Kistner, Thomas, Bomben im Zunfthaus, in SZ 19.9.2015).
“Valcke ist als Generalsekretär die Nummer 2 der Organisation und daher sehr eng mit dem Präsidenten Joseph Blatter verbunden. Wenn einer wie er des Amtes enthoben wird, erschüttert das die ohnehin stark angeschlagene Institution in den Grundfesten” (Wagner, Elmar, Noch stärkere Schockwellen, in nzz-ch 18.9.2015). – „Es geht inzwischen immer auch um die Frage, ob es die Fifa in ihrer jetzigen Form noch lange gibt“ (Aumüller, Johannes, Wie die Fifa zerbröselt, in sueddeutsche.de 18.9.2015). – „Valckes Abgang ist indes auch ein Signal für Blatters Machtverlust, in der Zentrale am Zürichberg führen offenkundig längst externe Juristen das Zepter“ (Kistner 19.9.2015).

– Figueredo: ab in die USA. Die Schweiz liefert den früheren Fifa-Vizepräsidenten Eugenio Figueredo aus Uruguay an die USA aus. Dieser hat 30 Tage Zeit, um Einspruch zu erheben (SID, Schweiz liefert aus, in SZ 18.9.2015).

– Das Millionen-Spiel. Im Frühjahr 2014 überwies der Mexikaner Jaime Byrom drei Millionen Dollar an die Züricher Sportagentur JB Sports von Benny Alon. JB Sports überwies kurz danach drei Millionen Dollar an den Tickethändler Match. Match-Anteilseigner: Jaime und Enrique Byrom. Match ist – trotz vieler Pannen – der exklusive Tickethändler der Fifa. Match liefert auch andere Dienstleistungen wie Hospitality, Unterkünfte, Transport der Gäste etc. (Kistner, Thomas, Drei Millionen hin, drei Millionen zurück, in SZ 19.9.2015). – „Zu den Match-Anteilseignern gehört der Sportvermarkter Infront, den Philippe Blatter leitet, Neffe des Fifa-Chefs“ (Ebenda). Byrom hte auch enge Verbindungen mit Jack Warner und dem verstorbenen Julio Grondono, die Nr. zwei hinter Blatter. „Bei der Rechtevergabe für die WM 2018 in Russland lagen der Fifa Angebote von Match und der Schweizer Touristikagentur Kuoni vor. Die Prüfkommission empfahl Kuoni, den Zuschlag erhielten die Byroms“ (Ebenda).

– „Vollumfängliche Kooperation“ der Fifa. „Der Fußball-Weltverband Fifa behindert Ermittlungen der Schweizer Bundesanwaltschaft im Zusammenhang mit der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 an Russland und Katar. Nach SPIEGEL-Informationen hat die Fifa die Versiegelung von Daten erwirkt, die die Ermittler im Hauptquartier der Organisation in Zürich sichergestellt hatten. (…) Die Fifa nutzt bei ihrem Vorgehen eine Vorschrift im Schweizer Strafprozessrecht, wonach die Auswertung von Material blockiert werden kann, bis ein Gericht die Offenlegung anordnet. (…) Die Fifa teilte auf Anfrage mit, sie kooperiere ‚vollumfänglich‘ mit den Ermittlern“ (Fifa behindert Schweizer Ermittler, in spiegelonline 18.9.2015).

– Kommt Jack Warner wieder davon? Der Generalstaatsanwalt in Trinidad & Tobago hat dem zuständigen Gericht den von den USA beantragten Auslieferungsantrag nicht fristgerecht zugestellt. Eventuell bekommt der frühere Fifa-Vizepräsident seinen Pass und 2,5 Millionen Dollar Kaution zurück – trotz erwiesenen Betrugs. Die zehn Millionen Dollar von Südafrika via Fifa (für die Warner-Stimmen der WM-Vergabe 2010) wurden für Warners „Joao Havelange Centre of Excellence“ investiert – auf einem Grundstück von Warner. Ein Untersuchungsbericht der Concacaf erwies den Diebstahl von Vermögenswerten – und interessiert die Fifa bis heute nicht. Blatter machte nach dem Rauswurf von Warner 2011 den Banker Jeffrey Webb (derzeit in den USA unter Anklage) zum neuen Concacaf-Präsidenten: Webb war in Warners Firma J&D International Limited Geschäftsführer. An ein Konto von J&D auf den Cayman Islands kam eine Überweisung aus Katar über 1,2 Millionen Dollar: Die Empfängerbank schickte die dubiose Überweisung nach Katar zurück. Das Geld erreichte Warner dann verspätet über Umwege (Kalwa, Jürgen, Die vielen Leben des Jack Warner, in deutschlandfunk.de 19.9.2015).

– Nächster Fifa-Kumpel vor Auslieferung? Dem ehemaligen Präsidenten des venezolanischen Fußballverbands, Rafael Esquivel, droht die Auslieferung in die USA. „Ein Antrag auf Überstellung sei bewilligt worden, teilte das Bundesamt für Justiz in Bern mit. Esquivel droht eine Gefängnisstrafe von bis zu 20 Jahren. Ihm wird vorgeworfen, beim Verkauf von Marketingrechten für die Copa America der Jahre 2007, 2015, 2016, 2019 und 2023 Bestechungsgelder in Millionenhöhe angenommen zu haben“ (DPA, Esquivel vor Auslieferung, in SZ 24.9.2015). – Auch Eduardo Li aus Costa Rica soll in die USA ausgeliefert werden (Kistner, Thomas, Plötzlicher Befreiungsschlag, in SZ 30.9.2015).

– Schweizer Strafverfahren gegen Sepp Blatter selbst. Die Bundesanwaltschaft der Schweiz eröffnete am 24.9.2015 ein Strafverfahren gegen Blatter „wegen des Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung (Art. 158 StGB) und – eventualiter – wegen Veruntreuung (Art. 138 StGB) (PM Schweizerische Eidgenossenschaft, Strafverfahren gegen Fifa-Präsident eröffnet, www.news.admin.ch 25.9.2015). Am 12.9.2005 schloss Blatter den für die Fifa ungünstigen Vertrag über die TV-Rechte für 600.000 Dollar mit Jack Warner ab: „Warner soll mit diesem Schnäppchen-Paket dann beim Weiterverkauf bis zu 20 Millionen Dollar erlöst haben“ (Kistner, Thomas, Strafermittlungen gegen Blatter, in SZ 26.9.2015). Blatter wird auch „eine treuwidrige Zahlung von CHF 2 Mio.“ (Eidgenossenschaft, 25.9.2015) im Februar 2011 an Uefa-Präsident Michel Platini vorgeworfen – für Dienste zwischen Januar 1999 und Juni 2002. Die Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees erbrachte „Widerstände gegen mögliche Reformpakete. Als  Wortführer der Gegner soll sich wieder Scheich Ahmad al Sabah aus Kuweit mit einer Gegenrede hervorgetan haben“ (Ashelm, Michael, Blatter im Visier der Ermittler, in faz.net 25.9.2015). Weitere Beschlüsse des Exko: Das Eröffnungsspiel der Fußball-WM 2022 in Katar ist am 21.11.2022, das Finale am 18.12.2022 (Blatter lässt Pressekonferenz platzen, in spiegelonline 25.9.2015). Die Fifa-Pressekonferenz entfiel ersatzlos. Blatter und Platini wurden im Anschluss an die Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees als Beschuldigte einvernommen. Gleichzeitig erfolgte eine Hausdurchsuchung bei der Fifa einschließlich Blatters Büro.
Da muss Blatter wohl seinen Fingerabdruck für die Zutrittsberechtigung zu seinem Büro zur Verfügung gestellt haben.
Razzien erfolgten auch in Privat-Immobilien Blatters in der Westschweiz, wo mehrere Wohnungen versiegelt wurden (Kistner 26.9.2015). Blatter und Platini („Blattini“) wurden also beide belastet: „Wenn beide gehen müssen, müsste der derzeitige Erste Vizepräsident Issa Hayatou aus Kamerun als Fifa-Präsident übernehmen, der neben vielen anderen Skandalen auch in das Katar-Gate verstrickt ist. Als Chef der Fifa-Administration in Zürich agiert nun wieder ad interim der bisherige stellvertretende Generalsekretär und Finanzchef Markus Kattner, ein Deutscher, der jenen Ticketvertrag mit unterschrieben hatte, der Generalsekretär Jérôme Valcke vergangene Woche den Job kostete“ (Weinreich, Jens, Das Konstrukt Fifa zerfällt, in spiegelonline 25.9.2015). – Blatter will bis zum 26.2.2016 im Amt bleiben, ließ er seinen Rechtsanwalt Richard Cullen mitteilen (Blatter will bis Februar 2016 Präsident bleiben, in spiegelonline 28.9.2015).

– Platinis Märchenstunde. „Platini schob zu dem Geldtransfer am Dienstagabend eine weitere Erklärung nach. Wie die SZ aus Uefa-Kreisen erfuhr, habe er mit Blatter keinen Konsens über die Höhe seines Sportberater-Salärs in der Zeit von 1998 bis 2002 erzielen können. Der Fifa-Boss habe nicht mehr als anderen Spitzenhauptamtlichen zahlen wollen; eine endgültige Regelung sei per Gentlemen Agreement vertagt worden“ (Kistner, Thomas, Plötzlicher Befreiungsschlag, in SZ 30.9.2015). Platini habe dann die Sache ruhen lassen und erst wieder angegangen, als sich sein Verhältnis zu Blatter verschlechtert hätte. Thomas Kistner: „Fragen bleiben zur fürstlichen Entlohnung des Blatter-Intimus. Worin diese äußerst wertvolle Fußballberatung konkret bestand, die aus einem von der Fifa bezahlten Pariser Büro erfolgte, wird die Ermittler ebenso interessieren wie die Frage, wie legitim es ist, ein Salär für über Jahre geleistete Arbeiten erst eine Dekade später auszuhandeln“ (Ebenda). In faz.net bezweifelt Peter Penders die Darstellung von Blatter und Platini: „Im Jahr 2002 hat Fifa-Präsident Joseph Blatter nämlöich einen Gewinn von 115 Millionen Schweizer Franken verkündet, was den Schluss nahelegt, dass Platinis gesamtes Beraterhonorar exorbitant gewesen sein muss, wenn selbst dieser Überschuss nicht reichte“ (Pender, Peter, Wie einem das Geld die Sinne vernebelt, in fazt.net 30.9.2015). Außerdem wurde der Protzbau der Fifa am Zürichberg zur Hälfte aus finanziellen Mitteln der Fifa bezahlt: „In der Jahresbilanz 2003 konnte Blatter stolz verkünden, dass die Fifa aufgrund ihrer komfortablen finanziellen Situation 50 Prozent der Baukosten selbst tragen könne“ (Ebenda).

– Stimmen zum Strafverfahren gegen Blatter:
„Der Fifa-Präsident ist spätestens seit diesem Freitag ausgezählt. Aber auch der Mann, der Fifa-Präsident werden will, ist nun zumindest angezählt“ (Gödecke, Christian, Das Präsidentenbeben, in spiegelonline 25.9.2015).
„Der Gigant Fifa implodiert“ (Weinreich, Jens, Das Konstrukt Fifa zerfällt, in spiegelonline 25.9.2015).
DFB-Präsident Wolfgang Niersbach: „Die Nachricht macht mich fassungslos“ (Ashelm, Michael, Blatter im Visier der Ermittler, in faz.net 25.9.2015).
„Außer Empörung (‚fassungslos‘) kam vom DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach bislang nichts Erhellendes, er nennt Platini ‚einen Freund'“ (Hoeltzenbein, Klaus, Im Sumpf, in SZ 28.9.2015).
„Valcke wurde suspendiert, ohne dass schon ein Strafverfahren gegen ihn läuft. Die Causa Blatter ist da bereits einen Schritt weiter“ (Wagner, Elmar, Blatter sollte möglichst schnell gehen, in nzz.ch 25.9.2015).
„Doch man weiß doch längst, dass die Fifa kein Sportverband ist, sondern eine Bande der organisierten Kriminalität, die man am besten auflöst. Und die Uefa ist nicht viel besser. (…) Man braucht keinen Richterspruch, um zu wissen, dass Blatter der Verantwortliche ist für die monumentale Korruption in der Fifa. Dass er an Gaunern festhält, weil die wissen, in welchen Kellern die Leichen liegen“ (Fritsch, Oliver, Fifa-Affäre: Der DFB nimmt den Gestank an, in zeit.de 25.9.2015).

Platinis Märchenstunde. „Platini schob zu dem Geldtransfer am Dienstagabend eine weitere Erklärung nach. Wie die SZ aus Uefa-Kreisen erfuhr, habe er mit Blatter keinen Konsens über die Höhe seines Sportberater-Salärs in der Zeit von 1998 bis 2002 erzielen können. Der Fifa-Boss habe nicht mehr als anderen Spitzenhauptamtlichen zahlen wollen; eine endgültige Regelung sei per Gentlemen Agreement vertagt worden“ (Kistner, Thomas, Plötzlicher Befreiungsschlag, in SZ 30.9.2015). Platini habe dann die Sache ruhen lassen und erst wieder angegangen, als sich sein Verhältnis zu Blatter verschlechtert hätte. Thomas Kistner: „Fragen bleiben zur fürstlichen Entlohnung des Blatter-Intimus. Worin diese äußerst wertvolle Fußballberatung konkret bestand, die aus einem von der Fifa bezahlten Pariser Büro erfolgte, wird die Ermittler ebenso interessieren wie die Frage, wie legitim es ist, ein Salär für über Jahre geleistete Arbeiten erst eine Dekade später auszuhandeln“ (Ebenda). In faz.net bezweifelt Peter Penders die Darstellung von Blatter und Platini: „Im Jahr 2002 hat Fifa-Präsident Joseph Blatter nämlich einen Gewinn von 115 Millionen Schweizer Franken verkündet, was den Schluss nahelegt, dass Platinis gesamtes Beraterhonorar exorbitant gewesen sein muss, wenn selbst dieser Überschuss nicht reichte“ (Pender, Peter, Wie einem das Geld die Sinne vernebelt, in fazt.net 30.9.2015). Außerdem wurde der Protzbau der Fifa zur Hälfte aus finanziellen Mitteln der Fifa bezahlt: „In der Jahresbilanz 2003 konnte Blatter stolz verkünden, dass die Fifa aufgrund ihrer komfortablen finanziellen Situation 50 Prozent der Baukosten selbst tragen könne“ (Ebenda). – „In der Schweiz verjähren nach fünf jahren die Ansprüche auf eine Entlohnung. Die Fifa hätte demnach Platini das Geld gar nicht mehr so spät überweisen dürfen – oder müssen. (…) Ein Schweizer Finanzblog berichtete, dass die Überweisung nicht über ein Konto des Weltverbandes, sondern über ein privates Konto Blatters gelaufen sei. Das würde die Sache besonders heikel machen“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Zwei Millionen, viele Fragen, in SZ 2.10.2015).

– Francois Carrard: tolle Besetzung der Fifa-Ethikkommission. „Zugleich wird die Rolle des Vorsitzenden der Reformen-Arbeitsgruppe, Carrard, immer zweifelhafter. Wie will der Schweizer Anwalt erklären, warum er für zwei der anrüchigsten Organisationen im Sport arbeitet? Den Internationalen Box-Verband Aiba, dessen russischer Vizepräsident Gofur Rakhimow ein russischer Mafiapate ist, der vom FBI wegen Drogenhandels gesucht wird. Zudem steht Carrard dem Chef des Gewichtheberverbandes zur Seite, Tamás Aján aus Ungarn. Aján soll Millionen Euro aus dem Vermögen der Kraftsportorganisation unterschlagen haben“ (Ashelm, Michael, Blatter im Visier der Ermittler, in faz.net 25.9.2015).

– Unschuldslamm Niersbach. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach äußerte nach Blatters Einvernehmung, er sei „fassungslos“. Niersbach zählte laut Jens Weinreich „als enger Vertrauter des Uefa-Präsidenten Michel Platini zu jenen Top-Funktionären, die Aufklärung und Reformen aktiv behinderten“ (Weinreich, Jens, Hochbezahlt und ahnungslos, in spiegelonline 27.9.2015). Weinreich zitiert die „Erklärung der 53 europäischen Fifa-Mitgliedsverbände zur Reform der Fifa-Statuten“ vom 24.1.2013 in Nyon: „Darin lehnte die Uefa zentrale Integritätsprüfungen für Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees und deren Wahl durch den Fifa-Kongress ab (…) und sprach sich für eine zeitlich unbegrenzte Mitgliedschaft im Fifa-Exekutiv-Komitee aus. (…) Erstaunlich indes, dass Platini im Frühjahr 2013 unmittelbar nach Erhalt der zwei Millionen Franken dafür sorgte, dass das Uefa-Exekutivkomitee geschlossen die 53 Mitgliedsverbände aufforderte, bei der anstehenden Fifa-Präsidentschaftswahl für Blatter zu stimmen. (…) Zu den zwei Millionen Franken sagte Niersbach nichts“ (Ebenda). Die Uefa hat außerdem Recherchen zur Vergabe der WM 2018 an Russland und 2022 an Katar verweigert. „Die Causa Platini dürfte in den kommenden Tagen und Wochen noch Fahrt aufnehmen. Der Uefa-Boss und Fifa-Vize ist eigentlich schon jetzt nicht mehr tragbar, klammert sich aber an seine Posten und die Hoffnung, im Februar Fifa-Präsident werden zu können. Davon hängt auch für die Deutschen viel ab, denn natürlich erhofft sich Niersbach von Platini, dass Deutschland die Europameisterschaft 2024 austragen darf“ (Ebenda). – „Kurz nach dem Geldeingang hat Platini damals die Uefa kollektiv darauf eingeschworen, bei der Fifa-Präsidentschaftswahl für Blatter zu stimmen, der auch wiedergewählt wurde“ (Blatter will bis Februar 2016 Präsident bleiben, in spiegelonline 28.9.2015). Blatter und Platini wurden getrennt jeweils mehr als fünf Stunden verhört und äußerten, sie hätten den Vorgang vergessen. Die Schweizer Ermittler äußerten Zweifel daran (Schmid, Fidelius, Schweizer Ermittler zweifeln an Aussagen Blatters, in spiegelonline 1.10.2015).

– Die Fifa-Ethikkommission… Thomas Kistner in der SZ: “ Und wer ermittelt eigentlich? Kammerchef Borbély (Schweiz) und Jacques Lambert (Frankreich) dürfen nicht gegen Landsleute ermitteln, die restlichen Ethiker müssen ein Dreier-Gremium bilden. Borbélys Stellvertreter Djimrabaye Bourngar ist aus dem Tschad, bereit stehen zudem Mitglieder aus Guam, Mauretanien, Kolumbien und Trinidad/Tobago. In Trinidad kämpft Jack Warner gegen die Auslieferung in die USA, er ist in die Strafcausa Blatter tief verwickelt über einen TV-Vertrag, den er zum Spottpreis erhielt. Da dürfte die Dame von der Karibikinsel ebenfalls ausscheiden“ (Kistner, Thomas, Ermittler aus Guam, in SZ 29.9.2015).

– „Die Blatters sind überall.“ Anno Hecker in faz.net: „Die Fifa ist in guter Gesellschaft. Viele Verbände, ob Handball, Schwimmen oder die Leichtathletik, funktionieren ähnlich. Es wäre daher ein Segen, wenn Staaten endlich ein Interesse an einem sauberen Sport entwickeln“ (Hecker, Anno, Die Blatters sind überall, in faz.net 29.9.2015). Blatter ist für der Schweizer Justiz nun Beschuldigter. „Das ist nur möglich, weil sich Behörden über die unsichtbare Abschottung des organisierten Sports hinwegsetzen. Weil sie erkennen, dass der organisierte Sport mitunter sein Eigenleben zur Entwicklung von korrupten Systemen, die strafwürdiges Verhalten begünstigen, genutzt hat“ (Ebenda).

Vier FifaSponsoren warnen. Sponsoren “versprechen sich vielmehr einen Werbeeffekt, indem sie vom guten Image des geförderten Sportlers oder der Veranstaltung profitieren. Das ist die Geschäftsgrundlage für jeden Sponsor. Ist dieses Image aber in Gefahr, könnte auch ihr eigener Ruf leiden. Deshalb haben vier der wichtigsten Fifa-Förderer – Coca-Cola, Visa, Anheuser-Busch und McDonald’s – den Rücktritt von Fifa-Boss Sepp Blatter gefordert. In seinem heutigen Gebrauch kommt das Wort aus dem Englischen, ursprünglich aber aus dem Lateinischen, da bezeichnete es einen Bürgen. Man könnte also auch getrost sagen: Coca-Cola & Co wollen für Blatter nicht länger bürgen” (Sponsor, in SZ 5.10.2015). Die vier US-Konzerne erheben ihre Rücktrittsforderung nicht von ungefähr. “Das US-Justizministerium, die Bundespolizei FBI, die Steuerbehörde IRS, Staatsanwälte und Richrter behandeln die Fifa als RICO (Racketeer Influenced Corrupt Organization), als von Gangstern doiminierte korrupte Organisation. (…) Denn die Fifa, ihre Nationalverbände sowie die kontinentalen Verbände fallen damit unter den RICO Act, ein Gesetz aus dem Jahr 1970, das die rechtlichen Optionen erweiterte, gegen organisierte Kriminalität vorzugehen” (Weinreich, Jens, Eher ein Mafia-Clan als ein Sportverband, in weser-kurier.de 5.10.2015). – “Dass aber Adidas in Deckung bleibt und auf Reformübungen der Fifa verweist, über die man nur lachen kann, sagt einiges über den deutschen Konzern. Er stand seit jeher an der Seite der Fifa und ihrer Top-Leute” (Kistner, Thomas, Das Ende naht, in SZ 5.10.2015).
Zur Rücktrittsforderung der vier US-Sponsoren an Blatter schreibt Thomas Kistner in sueddeutsche.de: “Denn bemerkenswert brüsk hat Sepp Blatter die Rücktrittsforderungen abgeschmettert, die gleich alle vier amerikanische Spitzensponsoren (Coca-Cola, Visa, McDonalds, Anheuser-Busch) am Freitag erhoben hatten. ‘Auch wenn Coca-Cola ein wertvoller Fifa-Sponsor ist, glaubt Herr Blatter aus Überzeugung, dass es nicht im besten Interesse der Fifa wäre, wenn er sein Büro räumen würde, noch würde es den Reformprozess voranbringen. Deshalb wird er nicht zurücktreten’, teilte Blatters US-Anwalt Richard Cullen mit. (…) Tatsächlich bröckelt das Werbefundament des Weltfußballs. In den zwei obersten Sponsorkategorien sind erst die Hälfte von insgesamt 14 Partnerpaketen verkauft – früher wurde hier verzehrend geboten. Das kündigt eine Schieflage an, schließlich wies die Fifa im vergangenen Vier-Jahres-Bericht Sponsoreinkünfte von rund 1,4 Milliarden Euro aus. Der Trend könnte auf die zweite Geldgeber-Säule durchschlagen, die TV-Sender. Gerade öffentlich-rechtliche Vertragspartner können Compliance-Probleme nicht einfach ignorieren” (Kistner, Thomas, “Sponsoren wissen jetzt, dass dieses Geschäft riskant ist”, in sueddeutsche.de 4.10.2015).

– Kandidat Chung Moon-Joon. Chung ist einer der reichsten Südkoreaner: sein Vater gründete den Autokonzern Hyundai (TOP-Sponsor der Fifa). Chung saß von 1994 bis 2011 im Exekutivkomitee und war zeitweise Vizepräsident unter Blatter (Fifa-Funktionär Chung beklagt Kaltstellung, in spiegelonline 6.10.2015). Der Milliardär Chung wollte sich am 26.2.2016 um das Amt des Fifa-Präsidenten bewerben, geriet aber deshalb wieder ins Visier der Fifa-Ethikkommission. Er hatte 2010 ein 777-Millionen-Dollar-Angebot für „Entwicklungshilfe“ gemacht, um die Fußball-WM 2022 nach Südkorea zu holen. Das stand so im Bericht des Fifa-Ermittlers Michael Garcia (Ebenda). Das Verfahren wurde irgendwann eingestellt und mit der Anmeldung von Chungs Kandidatur wieder herausgeholt. Nun drohten ihm 15 Jahre Suspendierung: Schließlich wurde er für sechs Jahre gesperrt (Fifa suspendiert Blatter und Platini für 90 Tage, in spiegelonline 8.10.2015). Thomas Kister stellte zur Ethikkommission fest, „dass dieses Gremium bislang nur Gegner oder ausgediente Weggefährten des Fifa-Chefs sanktioniert hat“ (Kistner, Thomas, Blatters neue Präferenzen, in SZ 8.10.2015). Claudio Catuogno befürchtete in der SZ, „dass am Ende kein Kandidat mehr lebendig auf der Bühne stehen könnte – außer Blatter“ (Lillifee und die Auftragskiller, in SZ 7.10.2015).

Fifa-Ethikkommission beantragt Sperre für Blattini. Sepp Blatter soll 90 Tage gesperrt werden. Die Schweizer Bundesanwaltschaft hat ein Strafverfahren wegen der „ungetreuen Geschäftsbesorgung“ eingeleitet (Fifa-Ermittler beantragen Sperre für Sepp Blatter, in spiegelonline 7.10.2015). Blatters „skandalumwitterter Vize Issa Hayatou aus Kamerun würde satzungsgemäß vorerst das Amt übernehmen“ (Ebenda).- „Als Fifa-Präsident wurde am Donnerstag der Rangordnung entsprechend der bisherige Senior Vice President Issa Hayatou vorgestellt, der Sohn eines Sultans aus Kamerun. Hayatou hat von der einstigen Fifa-Partneragentur ISL Schmiergeld kassiert und steht zudem in dringendem Verdacht, aus Katar für seine Stimme bei der Vergabe der WM 2022 eine Millionensumme kassiert zu haben. Ihm werden noch allerlei andere unethische Sachverhalte angelastet. Bis Ende vergangenen Jahres hat er den Franzosen und ehemaligen ISL-Boss Jean-Marie Weber immer wieder mit Aufträgen im afrikanischen Fußballverband CAF versorgt. Weber ist jener Mann, der den größten Teil der gerichtsfest verbrieften 142 Schmiergeldmillionen der ISL verteilte, meistens in bar, und der die Namen aller Schmiergeldempfänger nicht preisgeben will und wird“ (Weinreich, Jens, Suspendiert – und trotzdem gewonnen, in spiegelonline 8.10.2015).
Auch Uefa-Präsident Michel Platini wurde für 90 Tage gesperrt und muss seinen Posten ruhen lassen (Fifa suspendiert Blatter und Platini für 90 Tage, in spiegelonline 8.10.2015). An großartigen Stellvertretern Platinis hat die Uefa noch aufzubieten den berüchtigten Fußballpräsidenten Spaniens, Angel Maria Llona, den ukrainischen Oligarchen Grigorij Surkis und den Zyprer Marios N. Lerfkaritis, der durch einen Grundstücksverkauf an Katar Millionen verdiente – nach der WM-Vergabe, dazu den unbelasteten Niederländer Michel van Praag (Ebenda). Platinis Spezialfreund Wolfgang Niersbach, DFB-Präsident, sprach von einem „schweren Rucksack“ für Platini ( „Schwerer Rucksack für Platini, in spiegelonline 8.10.2015). Platini will Einspruch einlegen – die Uefa wählt deshalb keinen Interimschef (Platini wehrt sich gegen Fifa-Sperre, in spiegelonline 8.10.2015).
Jens Weinreich wunderte sich einmal mehr über die Fifa-Ethikkommission, die am 27.5.2015 die verhafteten sieben Fifa-Funktionäre schon am selben Tag suspendierte: „So merkwürdig das klingt, aber ein Sieger des Tages ist der suspendierte Joseph Blatter. (…) Doch selbst, wenn Chung kneifen sollte: der Zerfall jener korrupten Fifa-Strukturen, die unter Blatters maßgeblichem Einfluss 40 Jahre reifen konnten, ist nicht mehr aufzuhalten“ (Weinreich, Jens, Suspendiert – und trotzdem gewonnen, in spiegelonline 8.10.2015).

– Einspruch von Blattini. Sepp Blatter erhebt Einspruch gegen die 90-Tage-Sperre der Fifa-Ethikkommission, genauso wie Michel Platini. Nun muss die Fifa-Berufungskommission unter ihrem Vorsitzenden Larry Mussenden von den Bermudas entscheiden. Die Fifa bzw. wer davon noch übrig geblieben ist – wer eigentlich? -, diskutiert eine Verschiebung der Präsidentenwahl (Fifa erwägt Verschiebung der Präsidentenwahl, in spiegelonline 9.10.2015; Platini legt Einspruch ein, in spiegelonline 10.10.2015).

 

 

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