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Graubünden gegen Olympische Winterspiele

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Feb 022014
 
Zuletzt geändert am 12.04.2017 @ 16:27

Sotschi 2014/I/ 2007 – 6/2013: hier
Sotschi 2014/II/ 7-12/2013: hier
Sotschi 2014/III 01/2014: hier
Sotschi 2014/IV 02/2014: hier
Vergleiche auch: Putin-Russland: Lupenreine Diktatur

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aktualisiert 4.3.2015

– Putin „erfolgreich“. Der russische Oppositionsführer Boris Nemzow: „Es ist schwer, einen Ort in Russland zu finden, an dem es nie schneit. Putin hat es geschafft. Und nun macht er dort Winterspiele“ (Bohnensteffen, Marcel, Hoffmann, Sabrina, Die 7 Sünden der Winterspiele, in huffingtonpost.de 1.2.2014).

– Bundes-Sportinnenminister nicht zur Opposition. Frage der SZ an Thomas de Maizière zu seinem Sotschi-Besuch. „Werden Sie auch Oppositionelle und Umweltaktivisten treffen?“ Und dessen aufschlussreiche Antwort: „In erster Linie besuche ich die Olympischen Spiele. Ich besuche unsere Sportler. Es wird auch Gespräche mit der russischen Regierung, voraussichtlich mit dem Innenminister oder dem Sportminister geben“ (Aumüller, Johannes, Keil, Christopher, „Man muss Olympia wieder bescheidener machen“, in SZ 1.2.2014).

– Die 7 Sünden der Winterspiele
. Die Huffingtonpost zählt auf: 1. teuerste Spiele; 2. Naturzerstörungen; 3. subtropischer Ort; 4. das Volk leidet; 5. Bauherren und Auftraggeber sind korrupt; 6. nach den Spielen: kein Interesse; 7. Homophobie ist Gesetz (Bohnensteffen, Marcel, Hoffmann, Sabrina, Die 7 Sünden der Winterspiele, in huffingtonpost.de 1.2.2014).

– Russische Meinungsfreiheit. Dimitrij Tschernyschenko, Leiter des Organisationskomitees Sotschi 2014: „Ich glaube nicht, dass es die Olympische Charta den Athleten erlaubt, in Pressekonferenzen ihre Meinung zu Themen zu sagen, die nichts mit dem Sport zu tun haben“ (Becker, Christoph, Wer ist der Herr der Spiele? in faz.net 2.2.2014).

– Olympischer Frieden. “Raketenkreuzer USS Ramage und Kommandoschiff USS Mount Whitney haben mit 600 amerikanischen Marinesoldaten im Schwarzen Meer Stellung bezogen. Die Olympischen Spiele können beginnen” (Die Kriegsschiffe sind da, in faz.net 3.2.2014).

– Lupenreine Diktatur (1): Pressefreiheit à la Putin. Zur Erinnerung:„Reporter ohne Grenzen zählt Russlands Präsidenten Wladimir Putin seit Langem zu den größten Feinden der Pressefreiheit, in der Rangliste der Organisation steht sein Land auf Platz 148 von 179. (…) Und weil der Staat die Übertragungsrechte kontrolliere, gebe es landesweit nur drei große Sender: Rossija (Russland), der direkt der staatlichen Medienholding gehört; Perwyj Kanal (Erster Kanal), der zu einer Hälfte dem Staat, zur anderen zwei kremlnahen Oligarchen gehört; und NTV, seit 2007 im Besitz des halbstaatlichen Energiekonzerns Gazprom. Der einzige kritische Kanal sei der 2010 gegründete Sender TV Doschd. Mehrmals bewarb der sich um Ausstrahlungslizenzen – wurde aber nicht zugelassen. Über Internet und Kabel erreicht TV Doschd eine Million Zuschauer am Tag. Russland hat 143 Millionen Einwohner. (…) Doch der Kreml versucht laut Gruska nicht nur die Berichterstattung in Russland zu beeinflussen, sondern auch russlandfreundliches Material in ausländischen Medien zu platzieren. Ein kremlnaher Verlag produziert eine Zeitungsbeilage, die der New York Times , dem Telegraph und Le Figaro beiliegt, in Deutschland erscheint sie als Russland Heute in der Süddeutschen Zeitung . Zudem betreibt der Staat den Auslandssender Russia Today (RT). 2000 Mitarbeiter in 19 Ländern arbeiten für RT und bieten Medien einen besonderen Service: Auf der Website lassen sich die staatstreuen Beiträge herunterladen. Nach RT-Angaben nutzten bereits 16.000 Sender in 185 Ländern das Material“ (Hollenstein, Oliver, Märchen für die Massen, in SZ 29.11.2013).

– Lupenreine Diktatur (2): Olympische „Pressefreiheit“. „Nach einem Bericht von Reporter ohne Grenzen haben in der Krasnodar-Region Lokalbehörden mit den Medien ‚Abkommen über Informationsversorgung‘ geschlossen. Diese erhielten ‚generöse Unterstützung und Steuervorteile‘ im Gegenzug für Artikel, die inoffiziell ‚die Behörden preisen'“ (Nienhuysen, Frank, Im Schatten der Ringe, in SZ 1.2.2014).

– Lupenreine Diktatur (3): Putins persönlicher Schatz. Zur Erinnerung: Der Oppositionelle Alexej Nawalny hat im Wahlkampf um das Amt des Moskauer Bürgermeisters im Sommer 2013 die Moskauer Wähler gefragt, „ob sie denn wüssten, wie viel Geld Russland in den letzten 15 Jahren durch den Verkauf von Öl, Gas und Metall verdient habe. ‚Keine Ahnung‘, ruft eine Rentnerin, ‚bekommen haben wir davon nichts.‘ – ‚Drei Billionen Dollar‘, sagt Alexej Nawalny, ‚damit würden auf jeden einzelnen Russen 640.000 Rubel entfallen, Säuglinge und 100-jährige inbegriffen, fast 20.000 Dollar'“ (Neef, Christian, Schepp, Matthias, Lehrstück aus Moskau, in Der Spiegel 16/2.9.2013). Gehören die russischen Rohstoffe Putin und seiner Gang persönlich? Zumindest verfährt er so. Vergleiche auch das Buch von Jürgen Roth: Gazprom. Und nicht vergessen: Bayern bezog im Jahr 2012 41,5 Prozent aller Importe von Erdöl und Erdgas aus Russland (Russland liefert Erdöl und Erdgas, in SZ 10.2.2014).

– Vorschlag zur Umbenennung des IOC: Internationaler Oligarchen-Club.

– Der IOC-Präsident und Sotschi 2014. Thomas Bach im Interview zu Sotschi 2014: „Sotschi hat die Voraussetzungen für hervorragende Olympische Spiele: Die Bedingungen für die Athleten sind großartig. Die Sportstätten haben sich in den Testwettkämpfen bewährt und sind zum Teil noch verbessert worden. Die olympischen Dörfer sind hervorragend gelungen. (…) Es wird Sicherheitsmaßnahmen geben, und die olympische Atmosphäre wird sich entfalten. Das zeigt übrigens die Erfahrung. (…) In dem Augenblick aber, in dem das olympische Feuer brennt, in dem die ersten Wettbewerbe beginnen, wird deutlich, dass es zuvorderst um die Athleten und den Sport geht.“ Zur Frage der hohen Kosten: „Man darf hier nicht mit dem saturierten Blick Westeuropas herangehen, wo es teilweise nicht einmal mehr möglich ist, einen Bahnhof um- oder eine Flughafen-Startbahn neu zu bauen. (…) Und ich betone auch: Das operative Budget der Spiele in Sotschi ist mit 2,2 Milliarden US-Dollar im völlig normalen Rahmen, von einer Kostenexplosion kann keine Rede sein.“ Zur Diskussion, wie die olympischen Spiele in Russland zum Positiven verändern können: „Wir sprechen über Umweltfragen in Sotschi, über die Rechte von Homosexuellen, über gesellschaftliche Umstände in Russland. Das wäre sonst nicht der Fall. Und das zeigt einmal mehr, wie die Wahl einer Stadt den Olympiagastgeber in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückt. (…) Mit den Spielen hingegen wird es uns ermöglicht zu verdeutlichen, für welche Werte wir stehen“ (Alle Zitate: Hungermann, Jens, Meinhardt, Gunnar, „Von einer Kostenexplosion kann keine Rede sein“, in welt.de 2.2.2014; Hervorhebung WZ). Stimmt: Das IOC steht für Gigantismus, zweistellige Milliarden-Verschwendungen, Nicht-Nachhaltigkeit, Protz und Prunk – gerade in Sotschi! Das IOC und Putin-Russland sind ideale Partner!

– Scharfe Kritik an Bach. Dagegen übte die Göttinger Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) scharfe Kritik am IOC und dessen Präsidenten Bach. Dieser hätte die olympische Idee von Toleranz und Frieden verraten. Putin nutze die IOC-Unterstützung und Vorbereitung auf die Olympischen Spiele, um repressive Gesetze durchzusetzen, die gegen alle angewandt werden, welche gegen Putin sind. Der Inlandsgeheimdienst FSB erhielt gerade durch ein neues Gesetz neue Kontrollrechte eingeräumt, „die zeitlich und örtlich unbegrenzt gelten sollen. Russische Oppositionelle befürchten, dass die Gesetze in erster Linie gegen politisch Unliebsame angewandt werden. Nach FAKT-Recherchen gab es bereits erste Hausdurchsuchungen bei NGO’s. Die Russland-Expertin der GfbV, Sarah Reinke, sagte gegenüber FAKT: ‚Für uns ist die Politik des IOC einfach verlogen. Nach außen und für PR-Zwecke wird immer gesagt, die olympische Idee, der olympische Geist, Freiheit und so weiter.‘ Tatsächlich engagiere sich Bach überhaupt nicht dafür, ‚dass sich in Russland was in Richtung Demokratie verändert'“ (Scharfe Kritik an IOC-Präsident Bach, in mdr.fakt.de 28.1.2014).

– Putins Spiele doch Putins Spiele. Bach wehrt sich seit längerem gegen das  Schlagwort von den Putin-Spielen. „Sein frommes Bemühen torpedierte der russische Präsident jetzt selbst: Er höchstpersönlich habe den Badeort als Austragungsstätte erwählt, verriet Wladimir Putin im russischen TV“ (Kistner, Thomas, Schnee unter Sägespänen, in SZ 4.2.2014). – „Es ist besonders schön zu sehen, was hier passiert, weil ich den Ort selbst gewählt habe“, sagte Putin dem russischen Staatsfernsehsender Rossija (Kaufmann, Stefan, Die Welt zu Gast bei Feinden, in handelsblatt.com 3.2.2014). Zu Putins Spielen werden rund 50 Staats- und Regierungschefs kommen, darunter Putin-Freund Gerhard Schröder. (Ebenda). Zur Erinnerung an das Jahr 2004: “Schröder antwortete in der ARD-Sendung ‘Beckmann’ (…) auf die Frage, ob Putin ein lupenreiner Demokrat sei: ‘Ja, ich bin überzeugt, dass er das ist’” (Schröder: Putin ist lupenreiner Demokrat“, in Hamburger Abendblatt 23.11.2004).

– Bach: Sotschi-Kosten im Rahmen. „Die Kosten für die Spiele sind ganz im Kostenrahmen früherer Spiele, nicht darüber“ (Ebenda). Zu den derzeitigen Gesamtkosten von 50 Milliarden Dollar  und den verschwundenen Milliarden schrieb Thomas Kistner in der SZ: „Was den Verdacht nährt, dass das Projekt so gewaltig ausfallen musste, damit es genügend abwirft für die beteiligten Kräfte“ (Kistner, Thomas, Schnee unter Sägespänen, in sueddeutsche.de 3.2.2014). – Und auch beim Problem der massenhaft ausgebeuteten Fremdarbeiter wiegelte Bach ab: „Wir wurden darüber informiert, schauten uns die Belege an und erörterten die Dinge dann mit dem OK“ (Ebenda). Dann wurden umgerechnet 5,86 Millionen Euro Löhne nachbezahlt – für zig Tausende ausländischer Arbeitskräfte.

– Reale Finanzrechnung in der SZ: 2,2 Mrd. Euro Oligarch Wladimir Potanin, 1,2 Milliarden Euro Oligarch Oleg Deripaska, 75 Mio. Euro UGMK-Holding, 33 Mio. Euro Slawoblast, 3,3 Mrd. Euro Gazprom, 1,7 Mrd. Euro Sberbank, 6,0 Mrd. Euro Olimpstroj, 8,0 Mrd. Euro Eisenbahngesellschaft, 733 Mio. Euro Omega, 9,8 Mrd. Euro Sonstige (Aumüller, Johannes, Danke, Steuerzahler – Wer finanziert die Spiele, in SZ 7.2.2014).
Fazit: Die Spiele wurden vor allem vom Staat bezahlt und nicht, wie von Putin behauptet, von der Privatwirtschaft. „Die Oligarchen haben fast gar nichts bezahl. Das Gros haben Staat und Staatsfirmen gestemmt, mithin also: der russische Bürger. (…) Viele, zum Beispiel Alischer Usmanow, haben sich mit einigen Millionen Sponsorgeld begnügt. Mit höheren Summen haben sich im Prinzip nur drei Geschäftsmänner engagiert“ (Aumüller, Johannes, Danke, Steuerzahler, in SZ 7.2.2014).

– Lupenreine Diktatur (4): Amnesty International unzufrieden. Sprecher Emile Affolter am 3.2.2014: „Es muss dringend mehr als bisher auf die Einhaltung der Menschenrechte geachtet werden“ (Ebenda). Die  Einhaltung von Grundrechten muss vorher fixiert werden: „Das halten wir für eine der wichtigsten Aufgaben, die Bach zu lösen hat. Wir erleben hier täglich, wie die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird“ (Ebenda). Jürgen Mittag von der Deutschen Sporthochschule Köln meinte wenig hoffnungsfroh: „Künftig werden sie auch ökologische Aspekte oder Menschenrechtsfragen bei ihren Entscheidungen berücksichtigen. Allerdings wohl nur auf niedrigem Niveau“ (Kaufmann, Stefan, Die Welt zu Gast bei Feinden, in handelsblatt.com 3.2.2014).

IOC regelt Sponsoren. „Das Internationale Olympische Komitee (IOK) droht. Es untersagt den teilnehmenden Athleten, während der Spiele in Sotschi den persönlichen Sponsoren eine Plattform zu bieten. Zuwiderhandlung wird rigoros mit dem Entzug der Akkreditierung und mit einer Busse bestraft. Das Verbot geht so weit, dass selbst Glückwunsch-Inserate nicht zulässig sind. Wer kein offizieller Olympia-Sponsor ist, soll nicht mit den Spielen werben. Das ist der Grundsatz, auf dem das IOK den Schutz der eigenen Geldgeber aufbaut und gleichsam alle anderen von Olympia ausschliesst. In Bezug auf die derzeitigen Winterspiele heisst das zum Beispiel, dass prospektive Glückwunsch-Inserate nur bis am 29. Januar erlaubt waren. Und Gratulations-Inserate zu Erfolgen in Sotschi sind erst ab dem 27. Februar möglich – vier Tage nach Abschluss der Spiele“ (Gratulieren für Sotschi-Siege verboten, in nzz.ch 5.2.2014).

IOC hat es geschafft: UNO anwesend. UNO-Präsident Ban Ki Moon (Südkorea, Pyeongchang 2018) plauschte in Sotschi mit IOC-Präsident Bach. Immerhin kritisierte er die Angriffe auf Homosexuelle und die Menschenrechtsfrage (Aumüller, Johannes, Freude über den kaukasischen Leoparden, in SZ 7.2.2014). Diskutiert wird: nichts. „Vielleicht noch eine klitzekleine Bemerkung von irgendjemandem der versammelten IOC-Hundertschaft zu Menschenrechten, Umweltsünden oder dergleichen? Tja, leider nicht. Zwei kleine allgemeine Bemerkungen, und fertig ist der Auftritt, tschüss und viel Erfolg bei den Spielen. Und damit ist dann auch die Session für diesen Tag vorbei, Bach muss noch zum gemeinsamen Fackellauf mit dem UN-Generalsekretär“ (Ebenda).

– Kritik an den Putin-Spielen Sotschi 2014 gibt es. „Ban ist an diesem Tag vor der Eröffnungsfeier auch nicht der einzige, der sich so kritisch äußert. Eine kleine Auswahl: 200 Autoren aus aller Welt, darunter die Nobelpreisträger Günter Grass, Elfriede Jelinek und Orhan Pamuk, rufen Russland dazu auf, mehr Meinungsfreiheit zuzulassen. Der frühere Schach-Weltmeister und zwischenzeitliche Oppositionspolitiker Garri Kasparow moniert die Geldverschwendung für den „Fünf-Ringe-Zirkus eines Diktators“, bei dem Berge von Müll und verschmutztes Wasser die Folge seien. Und das Telefonunternehmen AT&T, Sponsor des amerikanischen Olympia-Teams, prangert das Anti-Homosexuellen-Gesetz als „verletzend“ an; dieses rückt noch einmal verstärkt in den Fokus, weil in sozialen Netzwerken ein Video kursiert, das zeigt, mit welchen körperlichen Angriffen Homosexuelle in Russland rechnen müssen“ (Ebenda).

IOC feiert sich. Das IOC verhält sich im 21. Jahrhundert um keinen Deut anders als im 20.: Kritik kommt nicht vor. Am Mittag des 7.2. äußert sich das Organisationskomitee. „Als erstes lobt dessen Chef Dmitrij Tschernyschenko, wie toll alles sei, schwärmt vom Fackellauf, der deutlich verbesserten Luft und darüber, dass in Russland nun viel mehr Menschen Sport treiben würden als vor dem Erhalt der Spiele. Dann tritt Jean-Claude Killy auf, seines Zeichens Chef der Koordinierungskommission, und sagt, wie toll alles sei und wie sehr er sich freue, dass der kaukasische Leopard wieder angesiedelt worden sei. (Ja, genau das Tier, das Putin gleich nach seiner Ankunft in Sotschi besuchte, weil es ihm so am Herzen liegt.) Und zum Abschluss sagt IOC-Chef Thomas Bach, wie toll alles sei und lobt den ‚brillanten Report‘ des Organisationskomitees“ (Ebenda). IOC-Business as usual im Putin-Russland…

– L’Èquipe: Absprachen im Eiskunstlauf. „Die französische Zeitung “L’Équipe“ berichtet über mögliche Medaillenabsprachen im Eiskunstlauf zwischen Russland und den USA. Die Verbände bestreiten das.  Die Sport- Zeitung hält ihre Quelle anonym, stützt sich aber, den eigenen Angaben zufolge, auf einen unbekannten aber durchaus bedeutenden russischen Trainer. Und der Vorwurf, für den es bis dato keine Belege gibt, wiegt schwer: Die Eiskunstlaufverbände Russlands und der USA, will ‚L’Équipe‘ von ihrem Informanten erfahren haben, hätten sich in geheimen Absprachen darauf geeinigt, den Mannschafts-Titel an Russland und die Trophäe im Paartanz an die USA zu vergeben. Mithilfe der Preisrichter, schrieb das französische Fachblatt in seiner Freitagsausgabe“ (Welter, Ursula, Absprachen im Eiskunstlauf? Verbände dementieren, in deutschlandfunk.de 9.2.2014). Und schon gewann dann – äußerst überraschend – die junge Russin Adelina Sotnikowa Gold im Eiskunstlauf der Damen, vor der von allen als wesentlich besser eingestuften Südkoreanerin Kim Yuna. Aus der Presseschau von René Hofmann in der SZ: „Einen ‚Skandal‘ sah L’Equipe und spottete: ‚Welch Hohn!‘ Für die südkoreanische Zeitung Joongang Ilbo war es ‚ein Fehlurteil‘, für den Corriere dello Sport ‚Unrecht‘. Die Chicago Tribune witterte ‚Hausmannskost, angerührt, um eine tosende Menge Russen ruhigzustellen‘. Die L.A. Times schrieb: ‚Manche mögen es Skandal nennen, andere Skating. Der gesunde Menschenverstand aber nennt das, was da passiert ist, einfach nur falsch’“ (Hofmann, René, Auffällige B-Werte, in SZ 22.2.2014).
Ein Eiskunstlauf-Offizieller, der nicht genannt werden wollte, äußerte gegenüber USA today, die Zusammensetzung des Gremiums „war deutlich schräg zugunsten von Sotnikowa: Das ist, was sie machen können“ (Hofmann, René, Beschwerde aus Südkorea, in SZ 24.2.2014). Alexander Lakernik, der Vizepräsident des russischen Eislauf-Verbandes, fungierte dazu als Technischer Kontrolleur; zum Preisgericht gehörte Alla Schechowzowa, die Frau des Generalsekretärs des russischen Eiskunstlauf-Verbandes. Der Preisrichter Juri Balkow aus der Ukrainer wurde bereits 1999 vom Internationalen Eislauf-Weltverband ISU wegen „auffälliger Wertungen“ für ein Jahr gesperrt (Ebenda). IOC-Präsident Bach sagte dazu: „Es gibt ja keinen Protest“ (Ebenda). „Ein solcher ist nach den ISU-Statuten, Regel 123.4.A.i gar nicht möglich: „Gegen die Bewertungen der Schiedsrichter, der Wertungsrichter und des technischen Komitees sind keine Proteste erlaubt“ (Ebenda). Im April 2014 entschlossen sich die Südkoreaner dann doch zum Protest – wegen der Zusammensetzung des Richtergremiums. „Die Koreaner haben sich schwer getan mit ihrem Protest. Sie hätten, liest man, schon ein bisschen Angst vor Vergeltung. Andere koreanische Läufer könnten für den dreisten Vorstoß büßen“ (Simeoni, Evi, Gegen die Eis-Scheinheiligen, in faz.net 17.4.2014).
Ein weiteres Beispiel aus der Sport-Demokratur!

– Proteste auf dem Roten Platz. Pünktlich zur Eröffnung von Sotschi 2014 haben am 7.2.2014 neun junge Protestierer die russische Nationalhymne gesungen und die russische Fahne und ein paar Regenbogenfähnchen, das Symbol der Homosexuellenbewegung, hochgehalten. Sie wurden sofort festgenommen und auf der Polizeiwache geschlagen. Die Organisatorin Lena Kostjutschenko sagte: „Wir haben nichts gefordert, nur gesungen. Wir wollten zeigen, dass auch wir Teil dieses Landes sind“ (Dornblüth, Gesine, Festnahmen während der Olympiaeröffnung, in deutschlandfunk.de 10.2.2014). „Die Festnahmen auf dem Roten Platz waren nicht die einzigen nach der Olympia-Eröffnung. Am Samstag trafen sich Dutzende Moskauer auf dem Manege-Platz am Kreml, um Solidarität mit dem unter Druck geratenen unabhängigen Fernsehsender Doschd auszudrücken. Ihr Erkennungszeichen: ein Regenschirm. Doschd heißt Regen. Alle wurden festgenommen. Die Behörden reagierten immer hysterischer auf Kritik, auch während Olympia, meint Lena Kostjutschenko: ‚In den Polizeiprotokollen steht: Sie hatten einen Regenschirm aufgespannt, obwohl es nicht regnete. Jetzt wird ihnen Verletzung der öffentlichen Ordnung vorgeworfen.‘  Den meisten russischen Medien waren die Festnahmen am Wochenende keine Meldung wert. Sogar kremlkritische Zeitungen hielten sich zurück“ (Ebenda).

– Hochsicherheitstrakt Sotschi. „Die Olympischen Winterspiele 2014 haben begonnen. In Sotschi finden sie in einem Hochsicherheitstrakt statt. (…) Alles wird gescannt, jede Cola-Flasche ist spätestens nach 500 Metern einmal untersucht worden. Die Olympischen Winterspiele im Kaukasus finden in einem Hochsicherheitstrakt statt. Der olympische Geist, sofern es ihn noch gibt, wabert hinter Gittern. Was die Öffentlichkeit jetzt beschäftigt, ist für die Hauptdarsteller nichts Neues. ‚Das war schon vor vier Jahren in Vancouver so‘, sagt der Berliner Eisschnellläufer Samuel Schwarz, ‚da sind wir auch nur von Sicherheitsblase zu Sicherheitsblase gehüpft’“ (Vetter, Claus, Olympischer Geist hinter Gittern, in tagesspiegel.de 8.2.2014).

Simon: 60 Prozent in Sotschi gedopt. Der Heidelberger Dopingforscher Prof. Perikles Simon äußerte Anfang Februar 2014 zu Sotschi 2014: „Bis zu 60 Prozent aller Olympia-Teilnehmer werden gedopt sein, quer durch alle Sportarten“ (Schicklinski, Johann, „In Sotschi wird in allen Sportarten gedopt“, in t-online.de 4.2.2014). Zur wachsenden Anzahl der Doping-Tests sagte der Dopingexperte Prof. Fritz Sörgel: „Die  Erfolgsquote allerdings ist konstant geblieben. Konstant niedrig“ (Sonnabend, Lisa, 2453 fragwürdige Tests, in sueddeutsche.de 4.2.2014). – „Die Perfektion beim Dopen nimmt immer mehr zu“ (Ebenda).

– Vesper: Simon respektlos. „Der Chef de Mission der deutschen Olympiamannschaft, Michael Vesper, hat sich gegen Äußerungen gewehrt, mehr als die Hälfte der Sportler in Sotschi seien gedopt. ‚Diese Anschuldigungen sind respektlos gegenüber den Athleten‘, sagte der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Vesper reagierte damit auf Aussagen des Mainzer Sportmediziners Perikles Simon. Im Gespräch mit t-online.de hatte Simon behauptet, bis zu 60 Prozent aller Olympiateilnehmer seien gedopt, ‚quer durch alle Sportarten'“ (Vesper nennt Simons Doping-Aussagen respektlos, in spiegelonline 6.2.2014).

– Simon: Die 40 Prozent loben. Perikles Simon verwies in seiner Replik auf Vesper darauf, dass die Wada in den Wochen vor während Sotschi 2014 gar nicht zuständig ist, sondern jeder internationale Fachverband selbst seine Doping-Kontrollen durchführt. „Können diese wirklich ein Interesse haben, ihr Spitzenpersonal vor dem Saisonhöhepunkt reihenweise auffliegen zu lassen“ (Hungermann, Jens, „Der Antidopingkampf ist massiv durchseucht“, in welt.de 6.2.2014). Simon äußerte: „Es gibt  die  sauberen Athleten“ – und die gelte es zu loben (Ebenda).

– Freude über Abwahl von München 2022. Dmitri Schewtschenko von der Umweltwacht Nordkaukasus äußerte: „Wir gehören dem Widerstand der ersten Stunde an. Unsere Arbeit konzentriert sich auch auf den Schutz der einzigartigen subtropischen Sümpfe und kann letztendlich nur wenig bewirken. Deshalb haben wir uns gefreut, als die Menschen in Bayern erfolgreich Widerstand gegen die Bewerbung für die Olympischen Spiele geleistet haben“ (Henneberger, Kathrin, „Die Kompensation ist ein Bluff“, in klimaretter.info 7.2.2014).

– Keine „Grünen Spiele“. Schewtschenko sagte weiter zu den „grünsten Spielen aller Zeiten“ in Sotschi 2014: „All das Gerede über die Kompensation oder Neutralisation von Treibhausgasemissionen für den Bau der Infrastruktur und die Spiele selbst ist ein Bluff. CO2-neutrale Winterspiele wird es in Sotschi nicht geben. Nach unseren Berechnungen wurden seit 2007 ungefähr 1.000 Hektar Urwald gerodet. Und das ist eine konservative Rechnung, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Kulturwald und Stadtbäume wurden ebenfalls gefällt, deren totes Holz kann nun kein CO2 mehr speichern. Zudem wurde extra für die Olympischen Spiele ein neues Gaskraftwerk gebaut, statt beispielsweise auf Sportanlagen erneuerbare Energien zu installieren. Sonne, Wind und Wasser werden in Sotschi praktisch nicht für die Energiegewinnung genutzt“ (Ebenda).

– Keine Kompensationen der russischen Regierung. Schewtschenko: „Wir wollen, dass die Regierung endlich Wort hält. Beispielsweise sollte ein Vogelschutzgebiet in der Niederung von Imereti geschaffen werden, auch das Flusstal der Msymta sollte wiederhergestellt werden. Das Tal wurde stark durch die Olympiastraße geschädigt, die die Küste mit den Bergen verbindet. Auch sollten als Ausgleichsmaßnahme neue Bäume gepflanzt werden. In Wirklichkeit ist all das nicht oder ungenügend geschehen“ (Ebenda).

– Deutsche Journalisten üben Fackellauf. Der Sportchef des Bayerischen Rundfunks, Werner Rabe, tut es, und die Olympia-Programmchefin des ZDF, Anke Scholten, tut es, und Moderatorin Hazel Irvine der BBC tut es: Mitlaufen beim Olympischen Fackellauf auf Einladung des IOC (Dobmeier, Steffi, Deutsche Journalisten als Fackelträger, in zeitonline 5.2.2014). Da kann ja dann bei der Berichterstattung nichts mehr schief gehen. Zur Erinnerung: Der olympische Fackellauf wurde für die Sommerspiele 1936 von den Nazis erfunden – und seither beibehalten. Vgl. im Kritischen Olympischen Lexikon: Fackellauf

– Lupenreine Diktatur (5): Putins Freunde. Interview von Jörg Winterfeldt in der Frankfurter Rundschau mit dem Regimekritiker Boris Nemzow: Dieser kann nicht nach Sotschi reisen, „weil Putin für Sotschi-Reisen eine besondere Genehmigung durch den FSB (Federalnaja sluschba besopasnosti Rossijskoj Federazii, Russlands Inlandgeheimdienst, d. Red.) zur Auflage gemacht hat. Oppositionsführern und Oppositionsaktivisten ist es völlig unmöglich, diese Genehmigung zu bekommen. Insofern sind diese Spiele ein einzigartiger Fall: Wenn du zum Beispiel eine Eintrittskarte für ein Hockeyspiel hast, reicht das nicht aus, um in die Eishockeyhalle zu gelangen. Du musst auch eine Genehmigung vom FSB bekommen. Die verweigern sie politischen Aktivisten.“ Diese Genehmigung erhalten vor allem „Angehörige der Partei Einiges Russland, Gazprom-Leute, Eisenbahn-Mitarbeiter. Zwei meiner Parteikollegen ist die Genehmigung verwehrt worden.“ Zum Umgang von Sotschis Bürgermeister Anatolij Pachonow mit den Bürgern äußerte Nemzow: „Der Bürgermeister hat sie nicht beschützt, weil er nur Putin und seinen Leuten dient, nicht den Bürgern Sotschis. Sie haben auch nicht von den Baumaßnahmen profitieren können, weil nur Einwanderer aus mittelasiatischen Ländern Jobs bekommen haben. Viele Bürger aus Sotschi haben auch keine Chance, sich Wettbewerbe der Spiele anzusehen, weil die Eintrittskarten sehr teuer sind.“ Nemzow hatte gegen Bürgermeister Anatolij Pachonow kandidiert. Zur „Wahl“ sagte er: „Die Wahl war total gefälscht. 36 Prozent der Stimmen wurden im Vorhinein abgegeben, und ausnahmslos alle bekam Pachomow. Es herrschte absolute Zensur. Ich bekam keine Chance, im Fernsehen in Debatten aufzutreten oder in Zeitungen Gehör zu finden. Sie haben mein Werbematerial beschlagnahmt, und sie haben meine Berater verhaftet. In der Zeit war Putin zweimal in Sotschi, um seinen Protegé Pachomow zu unterstützen.“ Auf die Frage, wer von den Spielen profitiere, äußerte Nemzow: „Putins Freunde. Arkadij Rotenberg, sein Judo-Partner, hat mehr als sieben Milliarden US-Dollar bekommen. Sein KGB-Freund, der Bahn-Chef Wladimir Jakunin, bekam zehn Milliarden US-Dollar aus dem Budget. Putins Freunde von Gazprom, aus der Sberbank.“ Über Russland urteilte Nemzow: „Jeder versteht, dass das hier ein Land des Polizeistaates und der Korruption ist. Ich glaube, dass Sicherheitserwägungen in Sotschi sehr wichtig sind. Ich glaube und hoffe, dass den Besuchern nichts zustößt. Ich glaube aber auch, dass die Polizei sich nicht nur um Sicherheit kümmert, sondern auch darum, die Opposition von den Sportstätten fernzuhalten“ (Winterfeldt, Jörg, „Für viele Einwohner sind die Spiele ein Desaster“, in fr-online 5.2.2014).

– Lupenreine Diktatur (6): Repressionen gegen Umweltwacht Nordkaukasus. Schewtschenko: „Wir Umweltschützer sind dauernd mit Repressionen durch den Staat konfrontiert. Die Austragung der Olympischen Spiele hat die Situation nicht verändert. Im vergangenen Jahr wurde den Mitgliedern unserer Organisation sogar unterstellt, Spione zu sein, die für das Ausland oder für die Interessen der USA arbeiten. In diesem Jahr wurden wir bereits vom Justizministerium durchleuchtet. Wir mussten den Behörden unsere komplette Korrespondenz der vergangenen drei Jahre zur Verfügung stellen. Auch einzelne Aktivisten werden wegen ihres Engagements für den Umweltschutz stark bedrängt und mit Haftstrafen bedroht. Aktuell bekannt gewordene Fälle sind die von Suren Gasarjan und Jewgeni Witischko. Unser Vorstand Suren Gasarjan sah sich gezwungen Russland zu verlassen und lebt heute in Estland. Für den verurteilten Jewgeni Witischko hat Amnesty International vor wenigen Tagen eine Solidaritätskampagne gestartet“ (Henneberger, Kathrin, „Die Kompensation ist ein Bluff“, in klimaretter.info 7.2.2014). Für Wladimir Kimajew von der Umweltwacht sind die Olympischen Spiele Sotschi 2014 eine Tragödie. „Seine Leute haben es immerhin geschafft, dass der Eiskanal nicht in einem Naturschutzgebiet gebaut wurde, sie durchkreuzten die Pläne für einen Hafen am Olympiapark und für ein Kraftwerk mitten in der Stadt“ (Bidder, Benjamin, Eberle, Lukas, Großekathöfer, Maik, Gestern und Morgen, in Der Spiegel 7/10.2.2014). Das für Kimajew Schlimmste – die Autobahn und Bahntrasse über dem Fluss Msymta – konnten sie nicht verhindern. „Die einzigen Profiteure sind die Unternehmen. Jeder Gauner konnte sich mit Geld eine Baugenehmigung kaufen und hier hinstellen, was er wollte“ (Ebenda).

– Lupenreine Diktatur (7): Umweltschützer Witischko verhaftet. Rechtzeitig zum Beginn von Sotschi 2014 wurde der Geologe Jewgeni Witischko von der Umweltwacht Nordkaukasus verhaftet. „Im Jahr 2011 hatte er sich mit Aleksandr Tkatschow angelegt, dem mächtigen Gouverneur der Region Krasnodar, zu der auch Sotschi gehört. Tkatschow ist der größte Grundbesitzer und ein wichtiger Verbündeter des Kremls bei der Kontrolle über die Olympia-Milliarden. Weil Witischko mit seinen Anhängern dagegen protestierte, dass sich der Gouverneur ein schönes Stück Strand zu seiner Datscha einverleibte, wurde der Öko-Aktivist zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Im Dezember 2013 aber wandelte ein Gericht die Bewährungsstrafe in drei Jahre Lagerhaft um – Jewgeni Witischko hatte angeblich gegen die Bewährungsauflagen verstoßen“ (Heimann, Doris, Mehr Fluch als Segen, in schwaebische.de 7.2.2014). Die Rolle Olympischer Spiele ist für das IOC wichtig, für Potentaten aber noch wichtiger. Hierzu das Beispiel Olympischer Sommerspiele Berlin 1936: hier

– Erwachen in und um Sotschi. Evi Simeoni schrieb in der FAZ: „Das Erwachen von Sotschi mag für manches naive IOC-Mitglied jetzt eine Enttäuschung sein. Es hat aber – zusammen mit der nackten Korruption bei der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaften 2018 nach Russland und 2022 nach Qatar, für die das IOC nichts kann – das Image der internationalen Sportpolitiker zumindest im aufgeklärten Europa nahezu ruiniert. Eine Kultur der Geldgier und des Größenwahns wird ihnen unterstellt, und es wird schwer sein, dieses Bild zu verbessern. Ausgerechnet der scheidende Marketingchef Gerhard Heiberg – einer der Motoren der marktorientierten Spiele-Vergaben – benannte am Mittwoch dieses Problem: ‚Es gibt natürliche Gründe, warum nur wenige Länder Winterspiele organisieren können'“ (Simeoni, Evi, Plötzlich ist Leben in der Bude, in faz.net 5.2.2014).

– Warnung vor Zahnpasta-Terroristen. „Einen Tag vor Beginn der Olympischen Winterspiele erneuert die US-Regierung ihre Terrorwarnung. Amerikanische Geheimdienste befürchten demnach Anschläge auf Flüge nach Russland. Konkret warnt Washington vor Sprengsätzen in Zahncremetuben“ (USA warnen vor Zahnpasta-Terroristen, in spiegelonline 6.2.2014).

– Bewohner-Schicksale. „Für die Zeit der Olympischen Spiele bleibt Aschot Jailjan (73) aus seinem Haus ausgesperrt. Der alte Mann kann es nicht fassen: ‚Ich wohne hier seit mehr als 20 Jahren.‘ Sein Dorfnachbar Aleksandr Koropow hat ihn bei sich aufgenommen. Doch dem Nachbarn geht es wenig besser. Weil sein Grundstück zu einem neuen Nationalpark gehört, wurde Koropow praktisch enteignet. Entschädigung bekam er keine. ‚Ich bin jetzt ein Olympia-Penner‘, sagt er bitter“ (Heimann, Doris, Mehr Fluch als  Segen, in schwaebische.de 7.2.2014). – „Natalja Kalinowskaja (42) hat jahrelang dagegen gekämpft, dass das Stück Strand bei der Siedlung Wesjoloe zubetoniert wird. Der Strand hier war besonders breit und hatte neben Kieseln auch Sand – eine Seltenheit am Schwarzen Meer. Viele Bewohner von Wesjoloe leben von der Zimmervermietung. Jetzt ist vom Sandstrand nichts mehr zu sehen. Er ist begraben unter einer Promenade mit hässlichem Betondamm. Und Natalja Kalinowskaja hat Wesjoloe verlassen“ (Ebenda). Geheimdienstmitarbeiter haben sie massiv unter Druck gesetzt. „Wenige Tage später floh sie aus Sotschi. In ihr Haus will sie erst zurückkehren, wenn die Olympischen Spiele vorbei sind“ (Ebenda). Im Dorf Achschtyr, wo Koropow Vorsitzender ist, wurden oberhalb des Dorfes zwei Steinbrüche eingerichtet, Lkws fuhren pausenlos Gestein ab. Dadurch sind die Brunnen trocken gefallen, der Staub der Lkws bedeckte das ganze Dorf und seine Obstbäume. Koropow, „der vom Verkauf seiner Früchte lebte, konnte deshalb seine Ernte zum letzten Mal vor vier Jahren verkaufen“ (Veser, Reinhard, Es bleiben Wasser, Staub und Müll, in faz.net 10.2.2014). Schließlich wurden die Steinbrüche illegal als Müllkippe genutzt. Die mit schweren Baumaschinen in den Boden getriebenen 24 Meter tiefen Pfeiler in das Flussbett der Msymta verursachten Risse in den Häusern im Dorf; die Autobahn schnitt Achschtyr vom Nachbarort ab, wo die Schule, Ärzte und Läden sind (Ebenda).

– Putins Paläste. „Für die Winterspiele in Sotschi wurden alle elf Wettkampfstätten neu errichtet, die Kosten gehen in die Milliarden. (…) Allein die sechs Arenen in Sotschi, die kreisförmig um die Medal Plaza an der Schwarzmeerküste angelegt sind, haben 700 Millionen Euro gekostet – zumindest geschätzt. Offizielle Zahlen gibt es kaum, womöglich sind die tatsächlichen Kosten auch noch höher als die Schätzung“ (Hamann, Birger, Rau, Maximilian, Sotschis prunkvolle Paläste, in spiegelonline 6.2.2014).

– Der Sport ist „unpolitisch“. „Und auch im Kleinen zeigt sich, dass der Plan mit den unpolitischen Spielen nicht so recht funktioniert: Zum Beispiel, wenn der offizielle Telefonpartner der Spiele beim Verkauf von SIM-Karten auf olympischem Territorium in seiner Tariftabelle extra Abchasien und Südossetien verzeichnet – zwei Territorien, die außer Russland kaum ein Land auf der Welt anerkannt hat und wegen denen es schon lange heftige Konflikte mit Georgien gibt. Vom IOC-Hotel bis zur abchasischen Grenze sind es keine zehn Minuten“ (Aumüller, Johannes, Agenda 2020, in SZ 6.2.2014).

– Sotschi 2014 falsch. Im Auftrag der dpa hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov eine Umfrage in Deutschland gemacht. 83 Prozent der 1076 Befragten glauben nicht an dopingfreie Winterspiele Sotschi 20ß14. Und nur für 22 Prozent ist Russland der passende Gastgeber: „60 Prozent antworteten auf diese Frage mit Nein“ „Deutsche Fans sehen Olympia 2014 kritisch, in merkur-online 7.2.2014).

– Deutschland belieferte. Über 70 Firmen aus Deutschland lieferten für Sotschi 2014: Siemens Züge, Thyssen-Krupp Freiluft-Rolltreppen, Herrenknecht Tunnel-Bohrmaschinen, Kannegießer vollautomatische Wäsche-Waschstraßen. In der Öffentlichkeit halten sich die Unternehmen zurück – wegen der negativen Schlagzeilen wie Korruption, Menschenrechtsverletzungen, Ausbeutung von Arbeitern, Umweltzerstörungen: „Damit möchte offenbar niemand in Verbindung gebracht werden“ (Schweizer, Marina, Deutschland hat mitgebaut, in deutschlandfunk.de 8.2.2014).

– Sotschi-Eröffnung: Amerikanischer Stern geht nicht auf. Fünf Sterne sollten zu fünf Olympischen Ringen transformieren. Ausgerechnet der rechte (rote, steht für den Kontinent Amerika) blieb Stern und wurde nicht zum Ring (Rilke, Lukas, Mit Pomp und ein bisschen Putin, in spiegelonline 7.2.2014).

– Putin-Partei beendet Fackellauf in Sotschi. Ringer Alexander Karelin, Gymnastin Alina Kabajewa (gilt als Putin-Geliebte), Eishockey-Torwort Wladislaw Tretjak und Eiskunstläuferin Irina Rodnina waren die letzten Fackelträger: und alle vier Duma-Abgeordnete für Putins Regierungspartei Einiges Russland (Aumüller, Johannes, Hofmann, René, Der verbotene Krieg, in SZ 10.2.2014).  

– Lupenreine Diktatur (8): Der „russischen Zar“. Andreas Rüttenauer schrieb in der taz: „Die Mitglieder des IOC haben auch gewusst, wer sich da im Juli 2007 in feinstem Englisch an sie gewandt hat. Putin war schon sieben Jahre Präsident in Russland. Längst hatte er die demokratische Verfassung durch seinen autoritären Führungsanspruch de facto außer Kraft gesetzt. Und doch wollte keiner murren, als Bewerbungschef Tschernischenko nach dem Abstimmungserfolg für Sotschi von einer ‚Chance für die junge Demokratie in Russland‘ schwafelte. Und auch das im Juni 2013 von der Duma einstimmig verabschiedete Gesetz, das „Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen gegenüber Minderjährigen“ unter Strafe stellt, ist nicht vom Himmel gefallen. (…) Als mehrere 100.000 Menschen Boykottaufrufe unterschrieben hatten, erklärte das IOC, dass Schwule und Lesben in Sotschi nichts zu befürchten hätten, wenn sie die Klappe hielten. Versuche, ein Pride House in Sotschi einzurichten, das bei den Spielen in London 2012 und Vancouver 2010 Treffpunkt schwul-lesbischer Sportler gewesen war, scheiterten am russischen Einspruch. Die Organisatoren hatten da längst den Versuch aufgegeben, in Sotschi so etwas wie ein anderes Russland zu zeigen. Bürgerrechtler wie der Umweltaktivist Jewgeni Witischko von der Umweltwacht Nordkaukasus wurden wenige Tage vor Beginn der Spiele weggesperrt“ (Rüttenauer, Andreas, Putins Spiele in XXL, in taz.de 7.2.2014).

– Grüner Volker Beck fordert zu Olympia-Boykott auf: „Mich interessiert, wie die Regierung diese Putin-Festspiele inszenieren wird – das war’s. Aber ich will das jetzt nicht als Protest verkaufen: Ich bin einfach kein besonders sportbegeisterter Mensch. Fest steht, dass Putin die russische Demokratie demontiert hat und die Spiele als PR-Instrument für sein Regime missbraucht. Man sollte mal auf die Verantwortung des Internationalen Olympischen Komitees schauen. Ein so wichtiges Ereignis hätte man niemals an ein Land wie Russland vergeben dürfen – ein Land, das die Menschenrechte nicht achtet und sich rechtsstaatlichen Prinzipien verweigert. Außerdem regiert in Russland die Korruption. Wie viel Geld da versickert ist! Und den eingesetzten Wanderarbeitern aus den zentralasiatischen Republiken, die als Bauarbeiter in Sotschi eingesetzt waren, zahlt man – wenn überhaupt – Hungerlöhne. Wer sich wehrt, bekommt es mit der Polizei zu tun. All das hat stattgefunden, ohne dass das IOC die Reißleine gezogen hat. Die Proteste kommen immer kurz vorher, aber dann ist es bereits zu spät. (…) Aber in Russland sind auch andere Grundrechte in Gefahr. Es gibt keine freien Wahlen, die Versammlungsfreiheit wird nicht gewährleistet, es gibt keine freien Medien, Regimekritiker werden vor Gericht gestellt und zu drakonischen Strafen verurteilt. Wenn Putin das Gesetz gegen homosexuelle Propaganda wieder abschaffen würde, wäre Russland noch lange keine Demokratie. (…) Kein Land ist durch so eine Veranstaltung je freier geworden. Das ist eine Illusion, die uns die Funktionäre verkaufen wollen“ (Grüner Beck fordert Politiker zum Olympia-Boykott auf, in spiegelonline 7.2.2014).

– Das Geschäft mit Olympischen Winterspielen. Unter dem früheren IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch wurden die Winterspiele von zwölf auf 17 Tage ausgeweitet und ab 1994 aus dem Rhythmus der  Sommerspiele herausgelöst. „Als  willkommene Zusatzware verdoppelte Samaranch die Wettbewerbe  in seiner  Amtszeit von 38 auf 78 Wettbewerbe“ (dpa, 90 Jahre Winterspiele: Vom Stiefkind zum Boomunternehmen, in abendzeitung-muenchen.de 7.2.2014). In Vancouver gab es 86, nun in Sotschi gibt es 98 Wettbewerbe. Die Winterspiele erbringen etwa 40 Prozent des olympischen Vier-Jahres-Zyklus. Die Umsätze Vancouver 2010 und London 2012 lagen bei 8,05 Milliarden Dollar (Ebenda). Für Pyeongchang 2018 bezahlt allein der US-TV-Sender NBC 963 Millionen Dollar (Ebenda).

– Immer mehr Wettbewerbe. Eine Aufstellung in der SZ zeigt das Anwachsen der Winterspiele: 1924 Chamonix 16; 1928 St. Moritz 13: 1932 Lake Placid 14; 1936 Garmisch-Partenkirchen 17; 1948 St. Moritz 22; 1952 Oslo 22; 1956 Cortina d’Ampezzo 24; 1960 Squaw Valley 27; 1964 Innsbruck 34; 1968 Grenoble 35; 1972 Sapporo 35; 1976 Innsbruck 37; 1980 Lake Placid 38; 1984 Sarajevo 39; 1988 Calgary 46; 1992 Albertville 57; 1994 Lillehammer 61; 1998 Nagano 68; 2002 Salt Lake City 78; 2006 Turin 84; 2010 Vancouver 86; 2014 Sotschi 98 (Deutlich mehr Frauen, immer mehr Wettbewerbe, in SZ 4.2.2014). Natürlich nehmen auch von Mal zu Mal die Anzahl der Athleten und Journalisten zu. Das wirkliche Olympische Motto: mehr, teurer, gewinnträchtiger.

„Ihr habt einen Knall“Holger Gertz in der SZ über Sotschi 2014: „Hier in Sotschi bündeln sich gerade sämtliche Auswüchse und Verhängnisse vergangener Spiele. Hier bündelt sich tatsächlich: alles, was schlecht ist. (…) Wenn Thomas Bach das IOC definiert, wagt er sich weit in den dialektischen Bereich vor; das IOC sei politisch neutral, ohne apolitisch zu sein. Umweltsünden in Sotschi? Menschenrechtsverletzungen? Diskriminierung von Homosexuellen? Bach ist ein Abwiegler, ein Ballflachhalter, ein Großmeister der Wortklauberei. Schwierige Themen werden bei ihm zu ‚Herausforderungen‘, damit kommt man immer einigermaßen durch. (…) Während die Welt da draußen über Gigantismus, Korruption und Missbrauch der Spiele debattiert, während die Menschenrechtsorganisationen Presseerklärung auf Presseerklärung mailen, während das amerikanische Terrorabwehrzentrum vor Zahnpastabomben in Flugzeugen warnt und den eigenen Leuten empfiehlt, die Trainingsanzüge in den Nationalfarben besser im Koffer zu lassen, wendet sich Bach den Grundwerten des Sports zu. Er sagt: ‘We want to get se couch-potatoes off se couch.’ (…) Was ist eigentlich erbärmlicher? Dass Putins Leute in Sotschi sich an die Statuten des IOC nicht gebunden fühlen? Oder dass die Menschen im IOC, durch ihre billigende Teilhabe hier in Sotschi an allem, gegen die eigenen Regeln verstoßen?“ (Gerz, Holger, Ihr habt einen Knall, in SZ 7.2.2014).

– Lupenreine Diktatur (9): Sotschi-2014-Profiteure I. Das neue Skiressort Rosa Chutor wurde vom russischen Oligarchen Wladimir Potanin erbaut. „Er hat beste Beziehungen zum Kreml. Rund 2,5 Milliarden US-Dollar hat er eigenen Angaben zufolge allein in das Skigebiet Roza Chutor investiert. Dass das in absehbarer Zeit Profit abwirft, ist unwahrscheinlich“ (Dornblüth, Gesine, Vom Badeort zum Wintersportmekka, in deutschlandfunk.de 5.1.2014). – „Potanin wird nach den Spielen an jedem Skipass, jeder Bratwurst und jedem Bier verdienen – ganz Chutor ist Privatbesitz“ (Spannagel, Lars, Olympias Sklaven machen es möglich, in tagesspiegel.de 4.1.2014).

– Lupenreine Diktatur (10): Sotschi-2014-Profiteure II. Putin war von den Wahlfälschungen 2012 geschwächt. Nun versucht er, mit den Sotschi 2014 Reputation zu gewinnen. Christian Neef und Matthias Schepp listeten im Spiegel die Verbindung zu seinen Oligarchen-Kumpels auf. – Wladimir Jakunin ist Chef der Russischen Eisenbahnen. „Jakunins Eisenbahnkonzern hat in Sotschi acht große Projekte für 6,6 Milliarden Euro aus dem Boden gestampft, darunter die Autobahn und die 42 Kilometer lange Eisenbahnlinie von der Küste in die Kaukasusberge“ (Neef, Christian, Schepp, Matthias, Putins Spiele, in Der Spiegel 27.1.2014). 332.000 Quadratmeter Asphalt versiegelten den Boden, 54.000 Quadratmeter Granit  wurden verlegt. Der Blogger Alexej Nawalny berichtete, dass sich Jakunin vor den Toren Moskaus einen Palast mit mehreren Dutzend Zimmer errichten hat lassen (Ebenda). – Ahmed Bilalow war Bauunternehmer aus Dagestan, Vizepräsident des russischen Olympischen Komitees und für den Bau der Sprungschanzen zuständig: Deren Kosten hat sich mindestens um das Siebenfache verteuert – Bilalow musste nach London emigrieren. – Oligarch Wladimir Potanin, Nickel-König, erwarb sein Vermögen von geschätzten 14,3 Milliarden Dollar unter Boris Jelzin, bekam vom Kreml den eher sehr verbindlichen Auftrag, Rosa Chutor zu bauen. – Oleg Deripaska, Aluminium-Oligarch, zwischenzeitlich auf 8,5 Milliarden Dollar geschätzt, ist ebenfalls Profiteur der Jelzin-Ära (und mit dessen Stiefenkelin verheiratet). Sein Unternehmen Rusal „ist hochverschuldet und inzwischen praktisch abhängig von der Staatsbank WTB. Drei Wochen vor der Eröffnung der Spiele wurde noch immer an Deripaskas 500 Millionen Euro teurem Olympiadorf gewerkelt“ (Ebenda). – Potanin und Deripaska fordern nun zusammen mit den Staatsunternehmen Gazprom und Sberbank, die ebenfalls Milliarden investierten, Staatsgelder zur Finanzierung der olympischen Projekte. – Putin hat noch einen sehr speziellen Kumpel: „Arkadij Rotenberg zum Beispiel war bis vor gut 30 Jahren Direktor einer unbedeutenden Kinder- und Jugendsportschule in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg. (…) Öffentlich in Erscheinung trat er nie, heute jedoch ist der 62-jährige Milliardär und beherrscht zusammen mit seinem Bruder Boris Banken, Pipeline-Firmen und Baukonzerne“ (Ebenda). Rotenbergs Karriere hat er Putin zu verdanken: „Sie hatten einst zusammen im Judoclub trainiert; heute gehört der Club dem Milliardär, und Ehrenpräsident ist Putin. (…) Für Sotschi-Großprojekte haben Rotenbergs Firmen Verträge über 4,8 Milliarden Euro abgeschlossen, wie der US-Finanzdienst Bloomberg ermittelte, etwa für den Bau von Straßen, einer Pipeline und des Medienzentrums“ (Ebenda). – Der Konzern Olimpstroi ist „einer von sieben großen Staatsbetrieben und ein geradezu natürlicher Nährboden für Korruption. Denn Staatskonzerne wie dieser gelten paradoxerweise nicht als kommerzielle Organisationen, sie müssen keine detaillierten Jahresabschlüsse vorlegen“ (Ebenda). Deshalb wurden die Olympiabauten um die Hälfte bis 75 Prozent teurer als solche in anderen Ländern. Den Extra-Gewinn strich wiederum die Putin-Gang ein- und vermutlich dessen Partei „Einiges Russland“.

– Lupenreine Diktatur (11): Sotschi-2014-Profiteure III. Der Oppositionelle Alexej Nawalnyj berechnete mit seiner „Stiftung zum Kampf gegen Korruption“ (hier) die tatsächlichen Kosten für Sotschi 2014. Putin gibt für die Kosten 6,5 Milliarden Dollar an: Der russische Staat würde drei Milliarden und private Investoren 3,5 Milliarden Dollar tragen. Nawalnyj: „Es ist einfach Unsinn, eine vollkommene Lüge“ (Schmidt, Friedrich, „Es ist kein Tauwetter – es sind die Olympischen Spiele“, in faz.net 28.1.2014). Laut Nawalnyj wurden die Staatshaushalte 2007 bis 2014 analysiert: 25,1 Milliarden Dollar kamen aus dem föderalen Haushalt, eine Milliarde Dollar aus dem Haushalt der Region Krasnodar, 7,6 Milliarden Dollar kamen von der Außenwirtschaftsbank VEB über Kredite, deren Rückzahlung das Finanzministerium garantiert hat. 10,5 Milliarden Dollar kamen von staatlichen Unternehmen wie Eisenbahn oder Gazprom: „Für diese Ausgaben zahlen wir Verbraucher, weil die Unternehmen die Preise für Strom oder ein Zugticket erhöhen. Nur ungefähr 53 Milliarden Rubel (1,6 Milliarden Dollar) sind tatsächlich Privatgelder, weniger als vier Prozent der Gesamtkosten“ (Ebenda). 28 Objekte mit Kosten von 24,7 Milliarden Dollar wurden analysiert. Die Preiserhöhung durch Korruption liegt bei 5,7 Milliarden Dollar: „Diese Summe wurde geklaut beim Bau, das sind gut 42 Prozent“ (Ebenda).

– Lupenreine Diktatur (12): Sotschi-Profiteure III. Der Bericht von Nawalnyis “Moskauer Stiftung für Korruptionsbekämpfung” benennt folgende Oligarchen und ihren olympischen “Umsatz”: Arkady Rotenberg, Putin-Spezl, 6.9 Milliarden Dollar; Vladimir Kostylev, Evgeniy Sur und Gennady Timchenko, frühere Erbauer der Baikal-Amur-Hauptstrecke, ca. 5.5 Milliarden Dollar; Oleg Shishov, ein Geschäftsmann aus Omsk, 2.1 Milliarden Dollar; Leonid und Andrey Monosov, Vize-Präsidenten der Olympiagesellschaft Olympstroy 152.9 Millionen Dollar; Alexander Tkachyov und Roman Batalov, Gouverneur von Krasnodar und sein Schwiegersohn 278.3 Millionen Dollar; Dmitry und Alexandr Svischev, Väter von Duma-Mitgliedern, 29.7 Millionen Dollar. Dazu kommen noch als Verantwortliche der Umweltzerstörung; Vladimir Yakunin (Goldmedaille), Putin-Freund, Präsident der Russischen Eisenbahn; Zerstörung geschützter Wälder, Zerstörung von Stränden, Anlegung illegaler Mülldeponien; Anatoliy Pakhomov (Silbermedaille), Bürgermeister von Sotschi, Versagen des „Null-Müll-Programms“, illegale Mülldeponien; Vladimir Potanin,(Bronzemedaille), 278.3 Millionen Dollar, Eigentümer und Präsident von Interros, Wälderzerstörung, Flussverschmutzung (Vergleiche: „Champions“: hier).

– Ausgebeutete Arbeiter. Die Menschenrechtsorganisation „Memorial“ hatte bereits im September 2013 dem IOC eine Liste mit 704 Namen von Arbeitern auf olympischen Baustellen übergeben, denen kein Lohn ausbezahlt wurde. Sie „waren bei 22 unterschiedlichen Unternehmen angestellt, die am Bau von Stadien sowie von Unterkünften für Sportler, Funktionäre von Sportverbänden und Journalisten mitgewirkt haben. Die meisten Fälle, 190 Arbeiter, waren für eine in Moskau registrierte Firma namens „OOO Raj“ tätig, die ein Subunternehmer des österreichischen Baukonzerns Strabag war. „OOO Raj“ verneint, dass die Arbeiter für sie gearbeitet hätten. Mitarbeiter von ‚OOO Raj‘ haben aber gegenüber dem Leiter der ‚Memorial‘-Vertretung in Sotschi Semjon Simonow zugegeben, dass die entsprechenden Personen für das Unternehmen gearbeitet hätten“ (Veser, Reinhard, Sotschi-Arbeitern werden weiter Löhne vorenthalten, in faz.net 9.2.2014). Den meist aus Zentralasien stammenden Sotschi-Arbeitern wurden – ähnlich wie jenen in Katar – ordentliche Verträge verweigert, die Pässe eingezogen, keine Arbeitserlaubnis erteilt: Und oft wurden sie ohne Lohn abgeschoben.  „Das IOC teilte auf Anfrage dieser Zeitung mit, die Arbeiter auf der Liste von ‚Memorial‘ gehörten zu den 6175 Arbeitern, denen 277,5 Millionen Rubel Lohn (umgerechnet etwa 5,9 Millionen Euro) nachgezahlt worden seien. Nach Angaben von „Memorial“, das mit den Arbeitern in Kontakt steht, haben sie aber noch kein Geld erhalten“ (Ebenda; vgl. auch: Bauarbeiter in Sotschi warten immer noch auf Löhne, in spiegelonline 10.2.2014). Auch am 21.2.2014 waren mindestens 700 Arbeiter nach Angaben von Semjon Simonow von Memorial noch nicht bezahlt, obwohl das Organisationskomitee dies behauptete (Arbeiter warten weiter, in SZ 22.2.2014).

– Das IOC-Herz der Finsternis (2): Norwegerinnen dürfen nicht trauern. Beispiel 1:Der Bruder der Norwegischen Langläuferin Astrid Jacobsen war am 7.2.2014 überraschend verstorben. Die norwegischen Langläuferinnen waren daraufhin beim Skiathlon mit einem Trauerflor unterwegs. Sie bekamen vom IOC deshalb eine Rüge. Das IOC bezog sich auf die Olympische Charta, Regel 50.3: “Jede Demonstration oder politische, religiöse oder rassische Propaganda ist an den olympischen Stätten, Austragungsorten oder in anderen olympischen Bereichen untersagt.” IOC-Sprecherin Emanuelle Moreau: “Doch wir glauben, dass an den Wettkampfstätten, in denen die Atmosphäre festlich ist, nicht der richtige Ort für Trauer ist” (Norwegen beklagt “Riesendummheit” des IOC, in spiegelonline 10.2.2014). Und IOC-Präsident Bach: „Wir meinen, dass es nicht richtig ist, während eines Wettbewerbes Trauer zu zeigen“ (Bach bleibt stur, in SZ 14.2.2014). Dagegen Inge Andersen, Generalsekretär des Norwegischen Sportverbandes, in der Zeitung Aftenposten: “Das war eine ganz natürliche Reaktion der norwegischen Langlaufmannschaft. Das Menschliche ist viel wichtiger als Sport, wenn so etwas passiert. Wir würden das gerne mit dem IOC auf einer höheren Ebene diskutieren” (Ebenda). Die frühere norwegische Langläuferin Anette Bøe: „Das ist völlig umnachtet, eine Riesendummheit“ („Völlig umnachtet“, in SZ 11.2.2014). Hallo Oslo 2022: Wollt ihr euch wirklich bewerben?Beispiel 2: Kanadische Snowboarderinnen wollten mit einem Sticker an die vor zwei Jahren im Sport tödlich verunglückte kanadische Snowboarderin Sarah Burke erinnern. “Das IOC tat was? Genau. Es verbot den Aufkleber am Helm” (Becker, Christoph, IOC verbietet Trauerflor, in faz.net 10.2.2014). – Das IOC dazu: “Der Wettkampf soll eine Feierstätte bleiben, sie müssen andere Orte zum Gedenken finden” (Ebenda). Dann feiert mal weiter, IOC-Funktionäre – bis euch hoffentlich keiner mehr haben will.
Kommentar von Thomas Hummel in der SZ: “Die Welt fragt sich nun, was das soll? Hat sich die olympische Bewegung so weit vom Leben verabschiedet, dass nicht einmal mehr Totengedenken gestattet ist? Wie sehr darf Olympia entmenschlicht werden? Soll damit etwa jede Ablenkung für die exakt sitzenden Sponsorenlogos vermieden werden?” (Hummel, Thomas, Kein Platz für Menschlichkeit, in sueddeutsche.de 11.2.2014).
Kommentar von René Hofmann in der SZ: “Den Athleten bei Olympia wird jedes Fitzelchen Menschlichkeit verwehrt. Das IOC hat die norwegischen Langläuferinnen gerügt, weil sie mit Trauerflor angetreten waren. Trauerzeichen mit Propaganda gleichzusetzen – das ist ein ziemlich starkes Stück. Mit diesem Standpunkt fällt das IOC sogar noch hinter den Fußball-Weltverband Fifa zurück” (Hofmann, René, Trauerflor ist keine Propaganda, in SZ 12.2.2014).
Stellungnahme des Düsseldorfer Sportrechtspezialisten Dr. Paul Lambertz: “Diese Entscheidung ist nicht durch die Olympische Charta gedeckt, auf die sich das IOC beruft. (…) Trauerbekundung ja oder nein – das ist natürlich nicht nur eine Rechtsfrage. Die Entscheidung des IOC war vor allem eins: menschlich kalt. Vermutlich will es dadurch seine Macht gegenüber den Athleten demonstrieren. (…) Lambertz: Es geht in der Tat nicht nur um die norwegische Mannschaft. Ein mittlerweile klassisches Phänomen wird hier sichtbar: Die Sportverbände sind von ihren Athleten entrückt(Fritsch, Oliver, “Die Entscheidung des IOC ist menschlich kalt”, in zeitonline 11.2.2014).

DOSB schreibt für deutsche Sponsoren Stellungnahme. Die Homophobie in Russland wächst – auch in Zusammenhang mit Sotschi 2014. Darauf reagierten amerikanische Unternehmen wie Google (Logo in Regenbogenfarben) und der Sponsor der US-Olympiamannschaft, AT&T (Gesetz ist „verletzend“). Die Südddeutsche Zeitung fragte bei deutschen Sponsoren nach. Dertour beurteilte das Gesetz als „erschreckend und mehr als heikel“. Lufthansa äußerte, man kommentiere keine „politischen Fragen dieser Art“. Adidas, Audi und Messe Düsseldorf antworteten unisono mit EDV-Satzbausteinen des DOSB. „Verblüffend dabei: Die Stellungnahmen waren über zahlreiche Sätze hinweg absolut identisch. (…) Der DOSB teilte mit, dass er auf die Anfrage angesprochen worden sei und er daraufhin die Partner der deutschen Olympiamannschaft angeschrieben habe. Das sei so üblich.  Bei Audi, dessen Mutter VW auch offizieller Partner der Sotschi-Spiele ist, hieß es, man habe sich mit dem DOSB abgestimmt, dies sei „eine ganz normale Vorgehensweise“. Adidas und die Messe Düsseldorf beantworteten Nachfragen zu den identischen Formulierungen nicht“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Für jedes Problem hat der DOSB eine Schablone, in sueddeutsche.de 12.2.2014).

– Putinsche Sprungschanzen. „100 Jahre lang sollen sie halten, die olympischen Wettkampfanlagen am Schwarzen Meer und im Kaukasus. So hat es Russlands Präsident Wladimir Putin versprochen. Betrachtet man allerdings die stählernen Stützanker, die die Russen vorsorglich in die Betonwände des Auslaufs der beiden Olympiaschanzen getrieben haben, so dürfte sich Putins Prognose zumindest an diesem Ort als sehr optimistisch erweisen.  Aus den Wänden rinnt rostbraunes Wasser, an einigen Stellen hat der olympische Beton Falten gebildet. Die ganze Anlage geriet angeblich schon ins Rutschen, denn das kaukasische Gestein soll an dieser Stelle sehr locker sein. Die Russen wählten eigens ein besonders windgeschütztes Seitental einen Kilometer südöstlich von Krasnaja Poljana für die Wettbewerbe der Skispringer aus. Im Prinzip eine gute Idee. Angeblich fehlte den Geologen dann aber die Zeit, das Gestein vor dem Bau in dem außergewöhnlich steilen Hang genauer zu untersuchen. Die ganze Kaukasus-Region nördlich von Sotschi, berichtete die Internetzeitung Russland Aktuell schon vor einem Jahr, sei aus geologischer Sicht ‚völlig ungeeignet für Großbauten‘. (…) Insgesamt fallen bis zum 20. Februar sieben Gold-Entscheidungen in dem Seitental hoch über Esto Sadok. Danach wird dem Schanzenensemble womöglich jenes Schicksal beschieden sein, das auch die olympische Anlage Pragelato westlich von Turin aus dem Jahr 2006 ereilte: Auf ihr wurde nach den Spielen nie wieder gesprungen“ (Strepenick, Andreas, Was passiert nach Olympia mit der Skisprunganlage, in Badische Zeitung 11.2.2014). Putins Einmal-Schanzen sollen über eine viertel Milliarde  Euro gekostet haben!

– Mehr hot als cool. Frühlingseinbruch in Sotschi: „In Krasnaja Poljana schmolz der Berg förmlich dahin, Bäche flossen die Straßen hinunter, braune Stellen traten deutlich zutage. Zumindest für das Abfahrtstraining der Frauen wollten die Organisatoren kein Risiko eingehen, es wurde abgesagt. (…) Im Februar beträgt der durchschnittliche Tageshöchstwert in Sotschi plus 9,8 Grad“ (Sotschi schmilzt, in SZ 12.2.2014).

– „Olympische Frühlingsspiele“. „Das erste Geräusch am Morgen ist das Plätschern. Schon vor dem Sonnenaufgang tröpfelt das Schmelzwasser von den Hoteldächern in Krasnaja Poljana hinunter in schlammige Pfützen, die mit jedem Tag größer werden, oder auf Gehsteige ohne Rinnsteingullis. (…) Dennoch sind die Winterspiele gerade dabei ihren Namen einzubüßen. Streng genommen müsste die Veranstaltung an Russlands Schwarzmeerküste fortan als Olympische Frühlingsspiele firmieren. 16 Grad zeigte das Thermometer am Mittwoch im Olympiapark von Sotschi an, in den Bergen waren es immerhin fünf Grad – im Schatten, wohlgemerkt“ (Pausch, Simon, Olympische Frühlingsspiele, in welt.de 13.2.2014).

– Weiß auf Braun. In Krasnaja Poljana sind die Militärs Tarnhütten aus weißem Plastik untergebracht. „Die Menschen tragen weiße Schneeanzüge mit schwarzen Flecken drauf, Schnitt: Sack-Design, sie tragen weiße Helme, manche tragen sogar Gesichtsmasken, sie sehen dann aus wie Imker, die in Quarantäne arbeiten. Das Weiß ist als Tarnfarbe gedacht, das funktioniert, wenn auch die Umgebung weiß ist, wenn also Schnee liegt. In Krasnaja Poljana liegt so gut wie kein Schnee. Man kann sich denken, wie es aussieht, wenn weiße Menschen, die sich verstecken wollen, in weißen Hütten auf braunem Boden neben grünen Sträuchern sitzen“ (Neudecker, Michael, Weiße Tarnfarbe auf braunem Boden, in sueddeutsche.de 14.2.2014).

– Lupenreine Diktatur (13): Sotschi-Profiteure IV. Der Aluminium-Oligarch Oleg Deripaska (Konzern Rusal) hat laut Forbes ein Vermögen von 8,5 Mrd. Dollar und damit Platz 16 der reichsten Russen. Deripaska hat neben dem Ausbau des Sotschi-Flughafens und dem Bau eines Hafens auch das Olympische Dorf am Schwarzen Meer bauen dürfen – oder besser müssen, um sich den Kreml gewogen zu halten. „Neben Deripaska sind zwei andere russische Magnaten, Milliardäre, von manchen auch Oligarchen genannt, im größeren Stil in Sotschi engagiert (Triebe, Benjamin, Goldmedaille für die größte Staatskasse, in nzz.ch 8.2.2014). Die Behauptung von Putin, dass „private Investoren“ mit einem Anteil von 17 Milliarden Dollar an den Investitionen von 50 Milliarden Dollar schultern, ist falsch: Der Kreml rechnet hier staatliche Unternehmen ein. Dazu kommt die direkte staatliche Finanzhilfe: „Die öffentliche Entwicklungsbank Vnesheconombank (VEB) vergab Kredite von mehr als 240 Mrd. Rbl., umgerechnet 7,1 Mrd. $. Das allein ist so viel, wie die Winterspiele in Vancouver im Jahr 2010 gekostet haben“ (Ebenda). Deripaska hat von der VEB Darlehen von über einer Milliarde Dollar erhalten. Deripaskas olympisches Dorf am Meer wird nach Sotschi 2014 als Wohnungen weiterverkauft – für einen Quadratmeterpreis ab 4.700 Dollar. Der Hafenausbau geriet zum ökonomischen Desaster, weil die meisten Güter – entgegen der Zusicherungen – für die olympische Infrastruktur über den Landweg kamen. Deripaskas Hafengesellschaft verklagte daraufhin die Dachgesellschaft Olimpstroi, diese wiederum die VEB und Deripaska (Ebenda).. Der zweite Oligarch ist Wladimir Potanin, laut Forbes Platz 7 mit 14,3 Mrd. Dollar), größter Aktionär des weltgrößten Nickelproduzenten Norilsk Nickel. Potanin baute, wie erwähnt, u. a. das Skigebiet Rosa Chutor. „Potanin und seine Holding Interros erhielten einen VEB-Kredit über 1,7 Mrd. $, ihre Gesamtkosten sollen bei 2,2 Mrd. $ liegen. Daneben nimmt sich das Engagement des Magnaten Viktor Vekselberg (15,1 Mrd. $, Platz 4) fast bescheiden aus. Er ließ die 600 Mio. $ für einen Hotelkomplex, den seine Renova-Gruppe errichtete, zu mehr als der Hälfte von der VEB finanzieren. Fast alle, die ihre Sotschi-Projekte mit Staatsgeld gepäppelt haben, tun sich schwer mit der Rückzahlung: Deripaska und Potanin, sekundiert von den Staatsunternehmen Sberbank und Gazprom, forderten im Frühjahr 2013 Hilfe bei Zinszahlungen oder Steuererleichterungen.“ (Ebenda). Die Sberbank sprang mit 2,4 Mrd. Dollar für den Bau der Sprungschanzen und anderer olympischer Projekte ein; Gazprom investierte drei Mrd. Dollar in die Energie-Infrastruktur, ein konzerneigenes Skigebiet sowie das Biathlon- und Langlaufstadion (Ebenda). „Nur wer das Staatsgeld nicht ausgibt, sondern einnimmt, darf sich wirklich die Hände reiben. Besonders gut verdienen die Gebrüder Arkadi und Boris Rotenberg. Die Milliardäre waren einst Judo-Partner von Präsident Putin, nun verwirklichten sie mit ihren Bauunternehmen in Sotschi Projekte im Auftragsvolumen von 7 Mrd. $, wie der Oppositionspolitiker Boris Nemzow und auch Bloomberg nachgerechnet haben. Arkadi Rotenberg sagte, er habe die Aufträge ohne Ausschreibung erhalten, weil keine anderen Firmen diese Leistungen hätten erbringen können“ (Ebenda).

Lupenreine Diktatur (14): Jewgeni Witischko zu Lagerhaft verurteilt. Der russische Umweltaktivist Jewgeni Witischko von der Umweltwacht Nordkaukasus ist am 11.2.2014 zu drei Jahren Lagerhaft verurteilt worden. Ein russisches Gericht hat das Urteil gegen den Geologen nun bestätigt. „Nach Auffassung der Richter hatte Witischko Zerstörungen durch die Winterspiele in Sotschi angeprangert. Sie sahen es als erwiesen an, dass der Ökologe an einer Villa des Gouverneurs der Olympia-Region Krasnodar Protestplakate angebracht hat, weil das Gebäude ohne gesetzliche Grundlage errichtet worden sein soll. Er wurde deshalb wegen vorsätzlicher Beschädigung fremden Eigentums für schuldig gesprochen und verurteilt. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch nannte den Richterspruch ‚politisch motiviert‘. Die russischen Behörden würden Aktivisten im Umfeld von Olympia mit Druck ‚kaltstellen‘ wollen, sagte die Sprecherin Julia Gorbunowa. Witischkos Anwalt Alexander Popkow meinte: ‚Jewgeni soll gezielt isoliert werden‘. (…) Schon vor Beginn der Olympischen Spiele war Witischko zu 15 Tagen Arrest verurteilt worden. Auch ein zweiter Umweltschützer, Igor Chartschenko, war wegen seiner Kritik an Umweltschäden am Ort der Winterspiele festgenommen worden. Er war von einem Gericht in Krasnodar unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu fünfzehn Tagen Arrest verurteilt worden“ (Kritiker zu Lagerhaft verurteilt, in tagesschau.de 12.2.2014). Diese 15 Tage Arrest erhielt Witischko, weil er angeblich an einer Bushaltestelle Schimpfworte benutzt hatte: Dies ist nach einem Putin-Dekret in Russland verboten. Es gab zwei Zeugen, welche den angeblichen Vorfall bestätigten – obwohl der Anwalt von Witischko erklärte, dass sein Mandat gar nicht an dieser Bushaltestelle gewesen sei. Witischko hatte mit dem Ökowacht-Mitstreiter Suren Gasarjan gegen den illegalen Bau von Gouverneur Alexander Tkatschow protestiert: Gasarjan musste nach Estland fliehen. Witischko hat auch persönliche Konsequenzen gezogen: „Leute, die ihn gut kennen, berichten, dass er sich sogar scheiden ließ, damit die Frau und die Kinder nicht bedroht werden“ (Aumüller, Johannes, Olympischer Gefangener, in SZ 13.2.2014). Witischko: „Das, was in unserem Land, in Sotschi, passiert, darf nicht sein, aber es passiert. Wir dürfen die Wahrheit darüber, wie sich diese Region nach Olympia weiterentwickeln wird, nicht sagen“ (Ebenda). Die Umweltwacht Nordkaukasus  stellte Mitte Februar  2014 einen 81-seitigen Report vor, in dem die Umweltschäden dokumentiert  wurden (Aumüller, Johannes, Erst einmal nachfragen, in SZ 14.2.2014). Das IOC gibt sich verlogen: “Wir haben (das Organisationskomitee) Sotschi 2014 gebeten, uns mit mehr Informationen zu versorgen. Dessen Informationen deuten darauf hin, dass der Fall Witischko nichts zu tun hat mit der Vorbereitung der Olympischen Spiele” (Ebenda). IOC-Präsident Bach setzte noch etwas drauf: „Nach unseren Informationen hat er gegen geltendes russisches Recht verstoßen“ (Aumüller, Johannes, Erst einmal nachfragen, in SZ 14.2.2014). Der Vorsitzende der Oppositionspartei Jabloko, Sergej Mitrochin, kündigte einen Protestbrief an IOC-Präsident Bach an: „Wie kann er es dulden, dass in der Region der Olympischen Winterspiele ein politischer Prozess im Geiste der 1930er Jahre stattfindet?“ (Im Hungerstreik, in SZ 18.2.2014). Seit dem 12.2., dem Tag der Urteilsverkündung, befindet sich Witischko im Hungerstreik . Also feiert in aller Ruhe weiter, ihr IOC-Ignoranten, Funktionäre und Sportler. Und das Fernsehvolk sieht die Bilder vom “Olympic Broadcasting Service” (OBS), in denen keinerlei Kritik oder Protest gezeigt wird. Schöne neue olympische Welt… Vergleiche auch: Putin-Russland: Lupenreine Diktatur

– Demonstrationszone  entfällt. Die Bürgerbewegung „Gesetz und Ordnung“ und die Oppositionspartei Jakoblo wollten am 15.2.2014 an der einzigen Domonstrationszone eine Kundgebung abhalten.: Diese wurde abgesagt, weil die Organisatoren von 500 Personen ausgegangen waren, aber nur hundert erlaubt  seien, wie die Stadt Sotschi mitteilte. Am 12.2.2014 stellte die kleine Gruppe „Partei für soziale Reformen“ einen Antrag auf eine Demonstration, die am 22.2., dem vorletzten Tag der Spiele stattfinden sollte. Diesmal nannte die Stadt Termingründe für die Absage (Absage an Demonstrationen, in SZ 17.2.2014).

– Sportler weisen auf Klimawandel hin. Über 105 Olympiateilnehmer, darunter 85 US-Amerikaner, haben eine Petition unterzeichnet, die auf den Klimawandel hinweist. Der Grund waren die warmen Temperaturen in Sotschi, die für sulzigen Schnee und schlechte Bedingungen sorgten und die eigenen Erfahrungen der Wintersportler mit immer wärmeren Temperaturen (Koch, Wendy, Olympians speak out on climate change as Sochi warms up, in usatoday.com 12.2.2014).

– Jugend der Welt rackert fürs IOC. „25.000 Freiwillige rackern bei Olympia, unentgeltlich. (…) Die langen Arbeitszeiten und das strenge Regime der Organisatoren empfindet kaum einer von ihnen als Zumutung. Sie kleben eifrig Tape über unerwünschte Sponsorenlogos und stehen stundenlang in der Kälte an einer Bushaltestelle. (…) Das IOC hat Glück, dass es eine olympische Jugendbewegung gibt, die sich so problemlos ausbeuten lässt. Solange die bienenfleißigen Volunteers schuften, muss das IOC nicht an die eigenen Reserven von 686,9 Millionen Euro gehe“ (Völker, Markus, Dankbar für die Sklavenarbeit, in taz.de 13.2.2014).

– Aufstehen für Putin. Am 9.2.2014 hatte die 15jährige Eiskunstläuferin Julia Lipnizkaja das erste Gold für Russland geholt: „Wladimir Putin, im roten Overall, hatte sich von seinem Platz auf der Tribüne erhoben und applaudierte ausdauernd. Da taten es ihm die anderen Zuschauer gleich und der Kommentator des russischen Staatsfernsehens sagte: ‚Wenn der Präsident des Landes aufsteht, stehen alle auf’“ (Hans, Julian, Aufstehen für die Eiskunstläuferin, in SZ 14.2.2014). Und wenn der Präsident hinfällt?

– Wo hört Putin-Russland auf? „Einen ‚olympischen Bürgerkrieg‘ nannte der Satiriker und Journalist Wiktor Schenderowitsch die Auseinandersetzung im Netz und brachte die Kernfrage auf den Punkt: ‚Wo hört ihr Staat auf – und wo fängt mein Land an?‘ Putin habe Lew Tolstoi, die Künstler der Avantgarde und den ersten Kosmonauten Jurij Gagarin vor seinen Karren gespannt, alles, was die Russen an ihrem Land lieben – ‚und jetzt müssen wir mit dieser Schizophrenie leben'“ (Hans, Julian, Aufstehen für die Eiskunstläuferin, in SZ 14.2.2014).

– „Hoffentlich bald zu Ende“. „In einer Online-Umfrage der Nachrichtenagentur Ria Nowosti antworteten auf die Frage: ‚Was erwarten Sie von den Olympischen Spielen?‘ 32 Prozent: ‚Ein würdiges Auftreten der russischen Mannschaft.‘ An zweiter Stelle stand mit 23 Prozent die Antwort: ‚dass sie bald zu Ende gehen’“ (Hans, Julian, Aufstehen für die Eiskunstläuferin, in SZ 14.2.2014).

– Der Hof-Schranz. Am 11.2.2014, Samstag abend, besuchte Putin das Österreich-Haus. Er „trank einen Schnaps und ließ sich beim Verzehr einer sogenannten Brettl-Jause filmen. Österreichs Ski-Legende Karl Schranz hatte im Vorfeld der Spiele den Austragungsort Sotschi wiederholt ausdrücklich gelobt und gegen jede Kritik verteidigt. Das hat ihm einen neuen Spitznamen eingebracht, in Österreich nennen sie ihn jetzt ‚Hof-Schranz‚“ (Ahrens, Peter, Bidder, Benjamin, Gödecke, Christian, Putins neuer Propaganda-Trick, in spiegelonline 14.2.2014).

– Absagen nicht erwähnt. Im Staatsfernsehen wurden die Absagen von Joachim Gauck, Francois Hollande, Barack Obama etc. nicht erwähnt. „Stattdessen war ein Nachrichtensprecher zur besten Sendezeit minutenlang damit beschäftigt, die Namen all jener Staats- und Regierungschefs zu verlesen, die Putin in Sotschi ihre Aufwartung machen. Österreichs Kanzler Werner Faymann wird gesichtet, Japans Premier Shinzo Abe, und Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon trägt im Stadtzentrum von Sotschi die Fackel. Sage und schreibe 60 Regierungsmaschinen will das Staats-TV auf dem Rollfeld des Flughafens Adler gezählt haben und jubelt: ‚Sotschi ist derzeit nicht nur Hauptstadt des Weltsports, sondern auch der internationalen Politik'“ (Ahrens, Peter, Bidder, Benjamin, Gödecke, Christian, Putins neuer Propaganda-Trick, in spiegelonline 14.2.2014).

– Zwei Sotschi-Jubler aus Deutschland. Der Bundes-Sportinnenminister Thomas de Maizière besuchte Sotschi, fühlte sich wohl und äußerte am 16.2.2014. „Wenn man aus Deutschland mit der großen kritischen Begleitung kam, dann sieht man hier nur, dass für die Sportler alles gerichtet ist, wie sie es brauchen. Und wenn die Athleten zufrieden sind, bin ich es auch“ (Zimmer-Amrhein, Florian, Akuter Gedächtnisverlust, in taz.de 17.2.2014). Zur Lage der Menschenrechte in Russland sagte de Maizière, diese werde „durch die Olympischen Spiele in Sotschi nicht zwingend besser, aber vermutlich auch nicht zwingend schlechter“ (Ebenda). Entweder de Maizière ist uninformiert, dann taugt er nichts in diesem Amt. Oder er verharmlost bewusst. dann beleidigt er alle Opfer von Putin-Russland und der Putin-Spiele. Der zweite deutsche Jubler war DOSB-Präsident Alfons Hörmann, den auch nichts an den russischen Gastgebern störte: „Es ist endlich mal der Fokus bei Sport-Großveranstaltungen in aller erster Linie auf die Athleten gelegt und nicht wie so oft viel für die Kulisse von Spielen getan worden“ (Ebenda). – „„Das, was Sotschi hier bietet, wird neue Maßstäbe für Athleten und Betreuer setzen und wird für die künftigen Bewerber eine gewisse Messlatte darstellen“ (Ebenda). Keine Rede von Ausbeutung der Arbeiter, Verletzung der Menschenrechte, Enteignungen, Umweltzerstörungen, Repressionen, 50 Milliarden US-Dollar kosten incl. Oligarchenanteil, etc. Warum das Schweigen von Politikern und Sportfunktionären die Sportler belastet? Weil es ein weiterer Baustein zur Sport-Demokratur ist. „Athleten werden alleingelassen von den Funktionären, die auch eher schweigen zu Menschenrechten und Umweltverbrechen, sie werden drangsaliert vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC), das ihnen verbietet, etwas zu sagen“ (Gertz, Holger, Gold für Österreich, in SZ 15.2.2014).

– Weitere Verhaftungen. Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina von der Frauenband „Pussy Riot“ waren in Sotschi, um einen Videoclip mit dem Titel „Putin bringt Dir bei, deine Heimat zu lieben“. Am 15.2.2014 wurden sie des Raubes einer Handtasche beschuldigt, festgenommen, misshandelt und 20 Stunden vom Geheimdienst verhört. Gleich mit verhaftet wurde der Menschenrechtler Semjon Simonow von der Organisation Memorial, die sich für die ausgebeuteten Arbeiter der Olympia-Baustellen eingesetzt hat. Insgesamt gab es 15 vorübergehende Festnahmen, darunter auch drei Journalisten und Olga Noskowetz von der Umweltwacht Nordkaukasus: Sie sei angeblich mit mehreren Personen in der Nähe des Olympischen Parks unterwegs gewesen, wo sie nicht hätte sein dürfen (Aumüller, Johannes, Wiederholt drangsaliert, in SZ 19.2.2014).

IOC-Pressearbeit. Der IOC-Sprecher Mark Adams ist inzwischen für seine Kommentare und Konstrukte einschlägig bekannt. Er lobte die Athmosphäre der Putin-Spiele: „Die Spiele sind eine große Show. Insbesondere im olympischen Dorf lebt man in Harmonie“ (Gertz, Holger, Danke, gerne nicht wieder, in SZ 21.2.2014). Als die italienische transsexuelle Aktivistin Vladimir Luxuria mit der Regenbogenfahne der Schwulenbewegung über das Veranstaltungsgelände lief, verhaftet und abgeschoben wurde, äußerte Adams: „Wir bitten alle darum, ihren Argumenten woanders Gehör zu verschaffen!“ (Gennies, Sidney, Das Schweigen des IOC schadet den Sportlern, in tagesspiegel.de 18.2.2014). Zum Bürgerkrieg in der Ukraine bemerkte Adams, das IOC hätte sich mit der ukrainischen Delegation zusammengesetzt und klargemacht, „dass es andere Arten gibt, sich der Opfer zu erinnern, eine Schweigeminute im Olympischen Dorf zum Beispiel“ (Gertz, Holger, Danke, gerne nicht wieder, in SZ 21.2.2014). Auf die Frage eines Journalisten, was geschehen wäre, wenn jemand einen Trauerflor getragen hätte: „Das ist völlig hypothetisch, nächste Frage bitte“ (Ebenda). Zur Rolle von Wladimir Putin äußerte Adams: „Natürlich sind wir sehr glücklich, diese Unterstützung von einem Staatsmann zu haben“ (Ebenda). Zur Verhaftung und Verurteilung zu drei Jahren Lagerhaft für das Mitglied der Umweltwacht Nordkaukasus, Jewgenj Witischko, sagte Adams: Wir haben uns bei den lokalen Behörden erkundigt und erfahren, dass sein Fall nicht mit den olympischen Spielen zu tun hat“ (Ebenda). Zur Verhaftung der Pussy-Riot-Frauen äußerte sich Adams so: „… es scheint mir ein Fall für die lokalen Behörden zu sein“ (Pussy-Riot-Aktivistinnen offenbar in Sotschi festgenommen,, in spiegelonline 18.2.2014). Adams weiter: „Der Zugriff der Polizei erfolgte nicht in Zusammenhang mit den Winterspielen“ („Eine Demonstration wäre nicht akzeptabel“, in faz.net 19.2.2014). Am 19.2.2014, einen Tag nach der Verhaftung der beiden Frauen von Pussy Riot,  sagte er: „Um sie daran zu erinnern, falls es nötig ist: Wir sind kein supranationales Parlament, keine internationale Organisation wie die UN“ (Gertz 21.2.2014). Adams warnte Pussy-Riot am selben Tag vor Protesten auf dem Olympia-Gelände: „Eine Demonstration wäre nicht akzeptabel“ (Ebenda). Das IOC dulde keine politischen Demonstrationen: „Wir sind nicht die Vereinten Nationen“ (Ebenda). In dem Pussy-Riot-Film sind die Olympischen Ringe zu sehen und Übergriffe der Sotschi-Sicherheitskräfte. Offizieller IOC-Kommentar zur Aktion von Pussy Riot: „Es ist eine Schande, wie die Olympischen Spiele als politische Bühne missbraucht wurden“ (Pussy Riot fordert das IOC, in SZ 21.2.2014). Damit ist nicht die Darstellung von Putin-Russland gemeint!

– Kommentar von Evi Simeoni in der FAZ: „Es wird Zeit, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) aufhört, so zu tun, als bekäme es nichts mit von der russischen Willkür rings um die Spiele. (…) Zumindest eine inhaltliche Stellungnahme ist das IOC den Aktivisten schuldig, die nichts anderes machen als auf die nackte Wahrheit zu deuten: dass diese Winterspiele eine rücksichtslose Machtdemonstration Wladimir Putins darstellen“ (Zeit für die Wahrheit, in faz.net 19.2.2014).

– Amnesty International forderte Freilassung. AI verlangte dagegen die sofortige Freilassung der Aktivisten. Amnesty-Sprecher John Dalhuisen: „Unter Präsident Wladimir Putin werden die olympischen Ringe zu Handschellen“ (Pussy-Riot-Aktivistinnen angeblich in Sotschi festgenommen, in faz.net 18.2.2014).

– de Maizière klotzt lieber. Bundes-Sportinnenminister Thomas de Maizière besuchte Sotschi und sagte: „Klotzen und nicht Kleckern ist in der Spitzenförderung nicht so schlecht“ (Völker, Markus, Die Medien sind zu kritisch, in taz.de 16.2.2014). Pech hat de Maizière mit Gesprächspartnern aus dem offiziellen russischen Lager: „Der russische Innenminister Wladimir Kolokolzew habe ihm abgesagt, erklärte de Maizière. Ob er den Sportminister Witali Mutko trifft, stand Samstag wohl noch nicht fest. Den Chef des Internationalen Olympischen Komitees (und Maizière-Duzfreund; WZ) , Thomas Bach, hat der deutsche Minister immerhin treffen können. Die Herren verstanden sich. Man sprach auch über die schwierige Menschenrechtslage in Russland. De Maizière blieb auch in dieser Frage schwammig: ‚Wenn man sich nicht öffentlich äußert, heißt das nicht, dass man sich gar nicht äußert’“ (Ebenda). Heißt aber auch nicht, dass man sich äußert!

– Kein Fan-Pass für Kritikerin. Die Journalistin Swetlana Krawtschenko hat in den letzten Jahren über die wahren Ergebnisse von Sotschi 2014 berichtet: Umweltskandale, Müllkippen, Enteignungen. Nun wurde ihr der Zugang zum Pressezentrum für die nichtakkreditierten Journalisten verweigert, sie darf auch nicht zusehen. Über den „Fan-Pass“ entscheiden Sicherheitskräfte – in ihrem Fall negativ (Veser, Reinhard, Kein Eintritt für Kritiker, in faz.net 17.2.2014).

– Das IOC-Herz der Finsternis (3): Auch Ukrainer dürfen nicht trauern. Da in der Ukraine seit Wochen und Monaten bürgerkriegsähnliche Zustände mit nunmehr täglich Dutzenden Toten herrschen, hatte das ukrainische Nationale Olympische Komitee am 19.2.2014 beim IOC den Antrag gestellt, dass die ukrainischen Athleten einen Trauerflor tragen dürfen. Das IOC lehnte diesen Antrag mit Hinweis auf bestehende Regeln ab. Kommentar von Claudio Catuogno in der SZ: „Was verlangt das IOC da von den Hauptdarstellern seiner Show? Dass sie gefälligst ihren Job machen als Rädchen in der globalen Kommerzmaschine. (…) Gar nicht zu ertragen ist es, wenn man es  in Bezug zu den Parolen von Menschlichkeit und Weltfrieden setzt, mit denen sich das IOC selbst ständig schmückt“ (Catuogno, Claudio, Ohne Ventil, in SZ 20.2.2014). IOC-Präsident Bach spielte den Mitfühlenden: Die Art und Weise, wie die ukrainischen Sportler ihre Nation mit großer Würde vertreten hätten, sei eine Ehre für ihr Land. „Ihre Anwesenheit hier ist ein Symbol, dass der Sport Brücken bauen und helfen kann, Völker mit verschiedenem Hintergrund in Frieden zusammenbringen kann“ (Mackay, Duncan, Bubka appeals for peace in Ukraine as head of Lviv 2022 admits violence is affecting bid, in insidethegames.biz 19.2.2014). Die üblichen nichtssagenden und verharmlosenden Bach-IOC-EDV-SatzbausteineIOC-Mitglied und ukrainischer NOK-Chef Sergej Bubka, eng mit dem Machtzentrum des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch verbunden, drückte sich vor Konsequenzen: „Statt die ukrainische Mannschaft nach Hause zu schicken, publizierte Bubka eine lange Stellungnahme“ (Aumüller, Johannes, Nachrichten aus Kiew, in SZ 20.2.2014). Bubka kandidierte erfolglos im September 2013 gegen Thomas Bach um das Amt des IOC-Präsidenten und leitet die ukrainische Bewerbung um Olympische Winterspiele 2022 in Lwiw. „Da kann sich Bubka keinen Konflikt mit dem IOC leisten“ (Zorniger Protest, in SZ 21.2.2014). Schließlich genehmigte das IOC den ukrainischen Sportlern großzügig eine Schweigeminute (Ebenda). Mindestens die Hälfte der 45 ukrainischen Athleten beschlossen am 20.2., Sotschi 2014 zu verlassen und in die Ukraine zurückzukehren: „Sollen wir lächeln, wenn es in der Ukraine soviel Blut und Opfer gibt? Das ist einfach unmöglich!“ (Protest gegen Janukowitsch – Ukrainische Sportler verlassen Olympia und Sotschi, in stern.de 20.2.2014).

– Lupenreine Diktatur (20): „Verlassen wir Sotschi!“ Der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy rief in einem Beitrag dazu auf, angesichts der blutigen Unruhen in der Ukraine Sotschi zu verlassen oder zumindest die Abschlussfeier zu boykottieren. „Und eine Frage schließlich an die Vertreter der Nationalen Olympischen Komitees, die zurzeit in Sotschi weilen und weiterhin, als wäre nichts geschehen, blind und taub für die Tragödie, die sich ein paar hundert Kilometer entfernt vom Schauplatz ihrer Großtaten ereignet, ein olympisches Ideal feiern, für dessen Flamme in diesem Jahr der Mörder die Verantwortung trägt: Spüren sie nicht, dass ihre Medaillen nach Blut schmecken? Kommt ihnen niemals dieser andere, blutige Schnee in den Sinn, der ohne jeden Zweifel die ganze Aufmerksamkeit ihres Gastgebers in Anspruch nimmt?  Und bemerken sie nicht, ich sage nicht einmal: die Obszönität, sondern die Absurdität, die man bis zur letzten Minute des letzten Tags dieser verdorbenen Olympischen Spiele wird erkennen können, dass es zwei Putins gibt: den schrecklichen, der am Dienstagnachmittag seinem Knecht Janukowitsch die Erlaubnis zum Töten erteilt hat, und den auf der Tribüne, der mit der gebührenden Großzügigkeit jene empfängt, die man einst die Götter des Stadions nannte?“ (Lévy, Bernard-Henri, Verlasst Sotschi! in faz.net 20.2.2014; Hervorhebung WZ).

– Stimmung kippt: Putin-Russland gewinnt nicht. Der russische Sportminister Witalij Mutko: „Eishockey und Biathlon sind die Lieblingssportarten in unserem Land, und in beiden sind wir gescheitert“ (Aumüller, Johannes, Maschine rostig, Flamme aus, in SZ 21.2.2014). Die russische Eishockey-Mannschaft schied schon im Viertelfinale gegen Finnland Ein Erfolg im Eishockey „sollte ein Symbol sein für die Kraft des Landes und auch für die Kraft von Putin, dem Eishockey-Fan. Dass sich die Maschine nun so kraftlos zeigte, produzierte sehr viel Häme“ (Ebenda). In der Zeitschrift Sowjetskij Sport stand, das olympische Feuer in Sotschi brenne noch, „aber das Feuer in uns lodert nicht mehr“ (Ebenda). Da hilft es auch wenig, wenn Russland im Medaillenspiegel vorn liegt.

– Siegen durch Einbürgern. À propos: Von den 13 russischen Goldmedaillen gewannen zwei der aus den USA eingebürgerte Vic Wild und drei der aus Südkorea eingebürgerte Viktor Ahn (Aumüller, Johannes, Hahn, Thomas, Vic & Victor, in SZ 24.2.2014).

– Diktator Lukaschenko und Sotschi 2014. Bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi haben weißrussische Sportler und Sportlerinnen fünf Goldmedaillen (und eine Bronzemedaille) gewonnen. Die Biathletin Darja Domratschewa feierte ihren dritten Olympiasieg und wurde in den staatlichen Medien mit den Worten „Beste Athletin des Planeten“  und „Heldin der Republik Weißrussland“ gefeiert (Weißrussland nutzt Sotschi zur Propaganda, in welt.de 19.2.2014). Der weißrussische Diktator Alexander Lukaschenko feierte Anton Kuschnir, den Olympiasieger im Ski-Freestyle, mit den Worten: „Du hast uns  einen Festtag geschenkt“ und der Olympiasiegerin im Freestyle, Alla Zuper, schrieb er: „Stolz erfüllt unsere Herzen“ (Ebenda). „Jeder Goldmedaillengewinner kassiert 150.000 US-Dollar Siegprämie“ (Ebenda). Für Weißrussland dient der sportliche Erfolg ähnlich der Propaganda wie für Hitler-Deutschland die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin. Die weißrussische Politologin Maryna Rakhlei: „Sport ist eines der raren Felder, bei dem das Regime sich beweisen kann: Wir gehen unseren Weg und sind erfolgreich“ (Ebenda).

DOSB-Medaillenvorgabe völlig unrealistisch. 27 bis 42 Medaillen wollte der DOSB von den deutschen Sportlern. Geworden sind es 19 (und Platz 6). Die Nummer 1 im Medaillenspiegel, Russland, hatte 33, der zweite, Norwegen, 26 (Medaillenspiegel: Übersicht, in spiegelonline 23.2.2014). Da wird der Vesper-DOSB nicht seine unrealistischen Zielvorgaben korrigieren oder gar Fehler bei sich suchen, sondern die Sportverbände noch mehr schurigeln und an die kurze Leine nehmen. Das Druckmittel ist vorhanden: die Geldverteilung.

– Russen dopten in Sotschi anscheinend mit Edelgas. Dem WDR liegen Hinweise vor, dass russische Olympia-Mannschaften seit den Olympischen Sommerspielen 2004 in Athen mit dem Edelgas Xenon beatmet werden: Es soll sich um mehr als 70 Prozent der russischen Medaillengewinner von Athen 2004, und Turin 2006 handeln. Die Verwendung wurde vom russischen Sportministerium empfohlen – auch für Sotschi (Seppelt, Hajo, Gestärkte Gastgeber, in wdr.de 24.2.2014). „Das Xenon-Gas soll die Erythropoetin-Produktion im Körper anregen und so indirekt die Leistungsfähigkeit erhöhen“ (Gas in der Grauzone, in SZ 25.2.2014). Der Leiter des Kölner Kontrolllabors, Mario Thevis zur Wirkungsweise von Xenon in Tierversuchen: „Innerhalb von 24 Stunden war die Epo-Produktion um den Faktor 1.6 auf 160 Prozent gesteigert worden“ (Russische Sportler sollen jahrelang Xenon eingesetzt haben, in spiegelonline 24.2.2014). Der Economist gibt im Tierversuch mit Mäusen bei einem Verhältnis von 70 Prozent Xenon und 30 Prozent Sauerstoff eine Steigerung des Epo-Niveaus um das Doppelte an (Breathe it in, in economist.com 8.2.2014). Ein weiterer Vorteil: „Xenon, dessen Einsatz durch Dokumente des russischen Forschungsinstitutes Atom Med Center seit mindestens 2003 belegt ist, steht hingegen nicht auf der Wada-Verbotsliste“ (Mustroph, Thomas, „Das ist schon eine ganze Menge“, in taz.de 27.2.2014). Dazu kann es mit bisherigen Testmethoden nicht nachgewiesen werden. Bislang ist die Methode von der Welt-Anti-Doping Agentur Wada noch nicht verboten. Der ehemalige Wada-Präsident Richard Pound: „So etwas wurde ausschließlich zur Leistungssteigerung entwickelt – für mich ist das Doping“ (Cöln, Christoph, Russlands Sportler sollen mit Edelgas gedopt haben, in welt.de 24.2.2014).

– Anno Hecker zog in der FAZ ein erstes  Fazit: „Auch deshalb wirken die Beteuerungen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), man werde die Doper fassen, unglaubwürdig. Vermutungen, die Organisation nutze nicht immer alle Nachweisverfahren, nähren den Verdacht: Die Herren der Ringe haben kein besonderes Interesse, den Wert ihrer lukrativen Veranstaltung in Frage zu stellen. Der Interessenkonflikt ist zu groß. Das gilt auch für die Frage nach der politischen Vereinnahmung des Sports. Die Vergabe der Spiele an Putin, die Übergriffe auf Menschenrechtsaktivisten während der Wettkämpfe und die Umweltzerstörung haben den Prozess der Distanzierung in der westlichen Welt vorangetrieben. Die Stimmbürger Bayerns, die im vergangenen November gegen die Ausrichtung von Winterspielen in München votierten, werden sich bestätigt fühlen“ (Hecker, Anno, Die Schatten von Sotschi, in faz.net 21.2.2014; Hervorhebung WZ).

– Bilanz von Holger Gertz in der SZ: „Es ging in Vancouver ungezwungener zu als in Sotschi, bei den Spielen in einem Land, in dem Menschenrechte nichts gelten und die Umwelt vergewaltigt wird. Bei denen viele, die noch ein wenig geradeaus denken können, an jedem Tag gespürt haben: Nein, es ist nicht richtig, dass das hier stattfindet. Ein Klima des Zwangs, ein Klima der Vorsicht herrscht in Sotschi. Und dass die Menschen im IOC, die ja Putins Partner sind, so sehr darauf beharren, Spiele und Politik voneinander zu trennen, ist auch eine feige Form des Selbstschutzes. Wenn alle Sportler offen über das redeten, was nebenan, nicht weit von den Arenen, passiert – dann flöge auf, mit welchen Mächten sich die Olympier hier eingelassen haben. (…) Die Mitglieder der olympischen Familie wirken wie die Besatzung eines Raumschiffs aus einem Paralleluniversum, die Commander Adams (dem IOC-Sprecher; WZ) zuhören, wenn er etwas sagt. Oder nichts sagt“ (Gertz, Holger, Danke, gern nicht wieder, in SZ 21.2.2014).

– Christof Siemes in der Zeit: „Das Innere der olympischen Welt gleicht immer mehr einem Raumschiff, das in einem siebenjährigen Landemanöver auf einem fremden Planeten niedergeht, für knapp einen Monat zugänglich ist und dann weiterfliegt. Das Corporate Design, die Stadien, selbst die Nahrungsmittel darin werden immer austauschbarer, weil sie längst von einem, für einen globalen Sport-, TV- und Entertainmentmarkt optimiert sind. (…)Es wird Zeit, dass sich die Olympier an Bord ihres Raumschiffs darauf besinnen, dass sie von dieser Welt sind. Sonst werden sie hier nicht mehr gebraucht“ (Siemes, Christof, Das Raumschiff Olympia fliegt weiter, in zeitonline 23,2.2014).

Kommentar von Peter Ahrens in spiegelonline: „Unbekümmert waren diese Spiele, die am Sonntag zu Ende gegangen sind, von Anfang an nicht. Belastet von der Hypothek, die ihnen mit der Vergabe in den südrussischen Badeort mitgegeben worden war: die Enteignungen von Anwohnern, die Betonierung einer ganzen Landschaft, die Verhaftung und Verurteilung von Oppositionellen, die gigantischen Kosten, die alles bisher Bekannte in den Schatten stellten. Es wäre schon ein olympisches Wunder gewesen, wenn dies heitere Spiele geworden wären. (…) Sie waren da, die großen olympischen Augenblicke. Aber das Unbehagen konnten sie nicht vertreiben, die Leichtigkeit, sie fehlte diesen Tagen von Sotschi. Mit Kiew war sie dann unwiederbringlich dahin. Während im Olympiapark das olympische Feuer brannte, stieg über dem Maidan der Rauch auf. Und eine harmlose Überschrift wie „Russland trauert um seine Eishockey-Helden“ erschien plötzlich als Zynismus“ (Ahrens, Peter, Das Feuer ist erloschen, in spiegelonline 24.2.2014).

Bilanz von Christoph Becker in der FAZ: „Perfekte Spiele, ausgezeichnete Spiele – es gab eine Realität von Olympia in Sotschi, sie wurde vor allem von Funktionären und Sportlern kommuniziert, die im Gegensatz stand zu dem, was das eigene Auge sah. Wer mit offenen Augen durch die Olympiaanlagen lief, sah, was Michael Lambert aufgefallen war. Bausünden, Umweltprobleme, Sicherheitskräfte auf Schritt und Tritt, mal uniformiert, mal nicht. Auf Websites und Zeitungen waren Nachrichten von Polizeiübergriffen und Verhaftungen zu lesen. Es gab mehrere Realitäten in Sotschi. (…)Thomas Bach dankte am Sonntag der russischen Regierung, nicht nur Präsident Wladimir Putin. „Ohne sie würden wir hier in einer anderen Stimmung sitzen.“ Und die Verfolgung, Verhaftung, Verurteilung von Umweltschützern und Menschenrechtlern durch die russischen Sicherheitskräfte vor und während der Spiele? IOC-Sprecher Mark Adams wurde nahezu jeden Tag danach gefragt. Seine Antworten: ‚Der Fall steht nicht im Zusammenhang mit den Spielen.‘ Oder: ‚Das ist nicht Sache des IOC‘ (Leben in der Blase, in faz.net 24.2.2014).

– Bachs Bilanz: mehr als lau. Anscheinend versteckte sich Bach hinter unzähligen Terminen und seiner „Olympischen Familie“ und ward während Sotschi 2014 kaum gesehen. Zum Abschluss gewährte er gnädig eine Pressekonferenz und beantwortete genau neun Fragen. Man höre „viel Lob für diese Spiele“, wollte er gehört haben („Russland hat geliefert, in SZ 24.2.2014). Putin habe „eine sehr wichtige Rolle“ gespielt. Und zum Schluss: „Russland hat geliefert, was es versprochen hat“ (Ebenda).
Kommentar von Richard Herzinger zu Bach in der Welt: „Die Art und Weise, wie IOC-Präsident Thomas Bach die olympischen Winterspiele in Sotschi beendete, war – gelinde gesagt – peinlich. Gewiss, niemand erwartete bei der insgesamt schönen Schlussfeier, die ein Fest der Anerkennung für die Athleten sein sollte, politische Protestnoten und die Provokation diplomatischer Eklats. Doch etwas weniger trunken von seiner eigenen Kritiklosigkeit und nicht ganz so ranschmeißerisch hätte sich der oberste olympische Sportfunktionär bei diesem Anlass schon geben können. Sein ausdrücklich an die Person Wladimir Putins gerichteter emphatischer Dank für dessen „außerordentliche Bemühungen bei den Spielen“ erinnerte auf unangenehme Weise an den Sound unterwürfiger Lobhudeleien, wie man ihn aus diktatorischen Staaten gewohnt ist. (…) Das IOC muss dringend seine Ignoranz gegenüber den Menschenrechten hinterfragen, will es nicht endgültig zum Trittbrettfahrer zahlungskräftiger Despoten verkommen“ (Herzinger, Richard, Thomas Bachs peinliche Lobhudelei für Putin, in welt.de 24.2.2014).
Kommentar von Friedhard Teuffel zu Bach im Tagesspiegel: „Bei seinen ersten Spielen als IOC-Präsident hat Thomas Bach jedenfalls nichts getan, um sich von irgendwem oder irgendwas Offiziellem bei diesen Spielen zu distanzieren. Es waren von der Idee her Wladimir Putins Spiele. (…) Aber wann immer es politisch wurde bei diesen Spielen, türmte Bach die immergleichen Wortbausteine zu einem Gebäude auf, das weder Ecken noch Kanten hat. Bach versuchte die Spiele als Bollwerk gegen jegliche politische Instrumentalisierung darzustellen. Die Weigerung, Ausnahmen vom Protokoll zuzulassen, und sei es für einen Trauerflor für den verstorbenen Bruder einer Mannschaftskameradin, wirkten kleinlich. Vor allem hat Bach nicht erkennen lassen, dass er die berechtigten Vorwürfe bei der Ausbeutung von Olympiaarbeitern und der Natur so ernst nimmt, wie es angemessen wäre“ (Teuffel, Friedhard, Thomas Bach: Funktion vor Inhalt, in tagesspiegel.de 24.2.2014).

Olympic Broadcasting Services in Sotschi 2014: “Mehr als 450 Kameras filmten die Athleten in Sotschi, so viele wie noch nie. Die Technik hat sich den Anforderungen der Sportarten bis ins Detail angepasst. Es kamen Kameras zum Einsatz, die speziell dafür entwickelt wurden, einen Bob bei knapp 150 Stundenkilometern zu erfassen. Über der Freestyle-Piste kreisten Drohnen, um die Salti und Schrauben der Fahrer zu filmen, Nahaufnahmen in HD-Qualität. Die Skicrosser trugen Helmkameras, damit man die Stürze aus ihrer Perspektive sah. Die Bilder vermittelten den Eindruck, alle Kritik an den Spielen sei nichts als Nörgelei. Aber Bilder erzählen selten die ganze Geschichte.
Die Skispringer starteten immer spätabends, die Fernsehzuschauer sahen Athleten, die durch die Nacht segelten. Den gewaltigen Dreckhügel, den die Bagger und Sattelschlepper neben der Schanze hinterlassen hatten, sahen sie nicht. Er verschwand in der Dunkelheit, hinter einer weißen Plane.
So war es beim Langlauf, beim Rodeln, beim Riesenslalom. Neben den Stadien, in denen Postkartenmotive ins Bild gerückt wurden, lagen Bauschutt, kaputte Rohre, Reste von Stacheldrähten, Hundekadaver. Die schöne und die hässliche Seite trennten bei diesen Spielen nur der Sicherheits-Check am Eingang” (Eberle, Lukas, Großekathöfer, Maik, Ja, aber, in Der Spiegel 9/24.2.2014).
Die schöne neue OBS-Fernsehwelt…
Vergleiche auch im Kritischen Olympischen Lexikon: Olympic Broadcasting Services

– TechnoAlpin dick im Sotschi-Geschäft. Der österreichische Konzern TechnoAlpin lieferte 250 Schneeerzeuger nach Sotschi. „Die benötigte Schneemenge konnte rechtzeitig erzeugt werden, auch dank der eingesetzten Kühltürme, die das Wasser auf eine optimale Temperatur brachten“ (www.seilbahn.net.snn 24.2.2014). TechnoAlpin belieferte schon die Olympischen Winterspiele 2006 in Turin, die Nordische Ski-WM 2011 in Oslo und in Fiemme 2013, die Alpine Ski-WM in Bormio 2005 und Schladming 2013 etc.

– Resumée in der SZ im Februar 2015:  Ein Jahr nach den Olympischen Winterspielen 2014 zogen Julian Hans und Holger Gertz eine Bilanz (Alle Zitate: Hans, Julian, Gertz, Holger, Ihr uns auch, in SZ 6.2.2015).
Eispalast Bolschoi, 12 000 Plätze: „Für die Spiele gebaut, Kosten 300 Millionen Dollar. Bei so einem normalen Spiel der Kontinentalen Hockey-Liga, an einem normalen Sonntagnachmittag, sind 6723 davon besetzt. (…)Der Eishockeyklub, kurz HK Sotschi, wurde erst im Sommer gegründet, damit der Eispalast nicht zu einem sogenannten weißen Elefanten verkommt: einem dieser Protzbauten, die immer vor sportlichen Großereignissen hochgezogen werden, und wenn die Karawane aus Sportlern, Medien und Businessmenschen abgezogen ist, kann niemand mehr etwas mit ihnen anfangen. Die Welt ist voller weißer Elefanten. (…) Bezahlt wird der Verein sowieso vom Staat und von Gazprom, was auf dasselbe rausläuft.“
Olympisches Dorf in Adler: „… rund um das olympische Dorf im Ortsteil Adler stehen die Hotels leer. Es stehen Ferienhaussiedlungen leer und ganze Wohnviertel, die Investoren hier hochgezogen haben. Nur die Wachleute drehen mit ihren Schäferhunden ihre Runden um umzäunte Wohnblocks.“
Reduzierung Bahnverkehr: „Im Dezember gaben die Chefs der russischen Eisenbahnen ein gewaltiges Sparprogramm bekannt: Von allen Verbindungen in Staaten der ehemaligen Sowjetunion bleiben nur fünf erhalten. Nahverkehrsstrecken im ganzen Land werden stillgelegt. Für Millionen Russen waren sie das einzige Verkehrsmittel, um aus Dörfern und Kleinstädten in die Provinzzentren zu kommen.“
Zur Erinnerung: Putin-Freund Wladimir Jakunin investierte laut Blogger Boris Nemzow zehn Milliarden Dollar in Sotschi 2014, siehe oben.
TV-Bilder: „Putins Spiele liegen jetzt ein Jahr zurück, aber die Bilder wirken nach. Der Putin-Freund und TV-Produzent Konstantin Ernst hatte das bei der Pressekonferenz vor der Eröffnungsfeier sehr klar so gesagt. „In erster Linie geht es ums Fernsehen. Was wir machen, muss im Fernsehen gut aussehen.“ Putin selbst war dann dauernd im Fernsehen, er trug eine warme rote Jacke, und auch danach hat das Staatsfernsehen flächendeckend Putin gezeigt…“
Tourismus-Konzern Gazprom: „‚Gazprom. Wir machen Urlaub in Russland!‘, steht auf einem riesigen Plakat an der Talstation zum Skigebiet des staatlichen Energiekonzerns. Nicht nur Beamte der Sicherheitsbehörden mussten im Herbst ihre Reisepässe bei den Behördenleitern abgeben – Auslandsreisen nur noch auf schriftlichen Antrag. In einigen Staatsunternehmen soll es ähnliche Regelungen geben. Wäre doch unfair, wenn nur die Chefs nicht reisen dürften, deren Namen auf den Sanktionslisten stehen.“ Julia Nabereschnaja von der Umweltwacht Nordkaukasus: „Gazprom wolle das Skigebiet auf einen Gletscher mitten im Unesco-Weltnaturerbe-Park ausdehnen, um den Betrieb auch im Sommer in Gang zu halten. „Die Pläne dafür gibt es schon.“
Umweltwacht Nordkaukasus: „Julia Nabereschnaja trägt eine dicke Wolljacke, die Heizung funktioniert seit Jahren nicht mehr. Die Ökowacht hat gekämpft gegen den Bau von Sportanlagen und Hotels in der geschützten Bergregion. Die Sondergesetze, die dafür zu Olympia erlassen worden waren, seien noch heute in Kraft, sagt Nabereschnaja. Ökowacht, dieser Begriff hatte den meisten aus dem Ausland vor den Spielen wenig gesagt, aber dann wurde der Geologe und Umweltschützer Jewgenij Witischko zu drei Jahren Lagerhaft verurteilt. Während der Spiele. Schon vorher hatte er unter Arrest gestanden, weil er – so einen nennt man Aktivist – immer wieder über die Verbrechen an der Natur gesprochen hatte. Dass Berge verschoben werden wegen der Olympischen Spiele, Flüsse umgeleitet. Er hatte vor Jahren den Zaun des Gouverneurs von Krasnodar beschmiert und dafür eine Bewährungsstrafe kassiert. Er hätte wieder geredet, über die Zusammenhänge von Olympia und Umweltzerstörung; über den Link zwischen Sport und Politik. Da schloss man ihn weg. Sie haben das souverän wegmoderiert damals, die großen Zeremonienmeister bei Olympia oder ihre Hintersassen mit der Lizenz zum Schweigen. (…) Es sind weniger geworden, die sich wehren, sagt Julia Nabereschnaja. Seit dem Fall Witischko gehe die Angst um. Die früher vergleichsweise lebendige Bürgergesellschaft in Sotschi sei seit den Spielen eingeschüchtert. Im November verfügte ein Gericht, dass die Ökowacht ihre Arbeit ganz einstellen muss. Die Umweltschützer fechten das Urteil an.“
Fischt-Stadion: „Im Abendhimmel über dem Olympiapark leuchten gelbe Funken wie ein verblassender Gruß vom Olympischen Feuer. Schweißer demontieren das Dach über dem Fischt-Stadion, wo die Eröffnungs- und Abschlussfeiern abgehalten wurden. 779 Millionen Dollar hat es gekostet, für die Fußball-WM 2018 soll die Stahlkonstruktion weg. Was dem IOC recht ist, ist der Fifa noch lange nicht billig.“

– Das Putinsche Dorf. Die Umweltwacht Nordkaukasus  wurde von Putin-Russland systematisch unter Druck gesetzt und zu kriminalisieren versucht. Suren Gasarjan wiurde ein versuchter Mord unterstellt: Er musste ins Ausland fliehen. Jewgenij Witischko sitzt wegen Demonstration gegen die Umweltzerstörungen im Gefolge von Sotschi 2014 und „Zaunbeschädigung“ beim Gouverneur für über drei Jahre im Gefängnis. Amnesty International protestierte. Vladimir Kimajev, Mitglied der Umweltwacht Nordkaukasus, sagte:
„Wir wollen aber nicht, dass er einfach nur vorzeitig freikommt. Dann bliebe das Urteil bestehen. Er muss rehabilitiert werden. Er ist unschuldig“ (Dornblüth, Gesine, Sotschi ein Jahr nach Olympia, in deutschlandfunk.de 5.2.2015. Vgl. oben: Lupenreine Diktatur 6,7,14). Kimajev kritisierte auch die Promenade in Sotschis Stadtteil Adler: „Im Prinzip sieht das hübsch aus, aber sie haben den Strand verkleinert, und jeder Sturm spült noch mehr Kiesel weg. Der Streifen wird weiter schrumpfen – mit Folgen für die Natur. Dabei ist schon ein ganzes Ökosystem verschwunden. (…) Das wichtigste Problem wird nie gelöst werden: Das ist der Bauschutt, der im Rahmen von Olympia anfiel. Die Promenade hier ist auf Bauschutt errichtet. Und in der Nähe haben sie 15 Meter tiefe Gruben mit Schutt aufgefüllt. Das hat die Grundwasserschichten verändert. An einer Stelle kommt jetzt statt Grundwasser Salzwasser aus dem Boden. (…) Sotschi ist ein Musterbeispiel eines Potemkinschen Dorfes. Eine schöne Fassade, aber nichts dahinter“ (Ebenda).
Ein Putinsches Dorf eben…

– Entschuldung von Sotschi-Oligarchen. „Wie das Geschäft mit den olympischen Projekten bis heute läuft, zeigt der vor drei Wochen, anlässlich des einjährigen Jubiläums der Eröffnung der Spiele in Sotschi, von der Nachrichtenagentur Associated Press veröffentlichte Bericht. So haben erst jüngst zwei private Investoren in olympische Projekte ihre finanziellen Risiken auf die russischen Steuerzahler abgewälzt. So sei die Sberbank, die von German Gref geführt wird – seit seiner St. Petersburger Zeit ein guter Bekannter Putins und zentrales Mitglied der Wirtschaftselite des Landes einen risikoreichen Kredit in Höhe von 1,7 Milliarden Dollar losgeworden, indem sie ihre Anteile am Medienzentrum und der „Rus Ski Gorki“-Skischanze in Krasnaja Poljana an die Regionalverwaltung verkauft habe.
Ähnlich sei der Oligarch Wiktor Wekselberg verfahren, einer der reichsten Männer Russlands, der ein Hotel, das neben dem Olympiapark am Schwarzen Meer gelegen ist, an die Regionalverwaltung veräußert habe. Damit sei er das Risiko eines Kredits in Höhe von 450 Millionen Dollar losgeworden. Beide Geschäfte sind der Nachrichtenagentur vom Sprecher Dmitrij Kosaks, als stellvertretender russischer Ministerpräsident einer der Cheforganisatoren der Spiele, bestätigt worden“ (Becker, Chrstoph, Boris Nemzow und der Korruptionssumpf, in faz.net 1.3.2015).

– Sotschi macht „Gewinn“. „Am vergangenen Freitag veröffentlichten die Veranstalter der Winterspiele ihren operativen Überschuss: 53 Millionen Dollar, 44 Millionen Euro. Das Internationale Olympische Komitee kündigte an, seinen Anteil daran, etwa zehn Millionen Dollar, dem Nationalen Olympischen Komitee Russlands zu überweisen, um die Sportentwicklung in Russland und den Bau eines olympischen Museums zu unterstützen. Am selben Tag, Freitagabend um halb zwölf Moskauer Zeit, wurde Boris Jefimowitsch Nemzow, der Mann, der die atemraubende Korruption im Zusammenhang mit den Spielen in Sotschi mit Zahlen unterfüttert hatte, auf einer Brücke über die Moskwa, in Rufweite des Kremls, hinterrücks erschossen“ (Becker, Christoph, Boris Nemzow und der Korruptionssumpf, in faz.net 1.3.2015).
Zur  Erinnerung: Sotschi 2014 hat 50 Milliarden Dollar gekostet – der hingetrickste operative „Gewinn“ liegt bei einem Promille der tatsächlichen Kosten.

– Boris Nemzow und der Sotschi-Korruptionssumpf. Am 27.2.2015 wurde der Putin-Kritiker Boris Nemzow vor dem Kreml von hinten mit vier Schüssen getötet. „Im Mai 2013, ein dreiviertel Jahr bevor der russische Präsident Wladimir Putin die Olympischen Winterspiele von Sotschi eröffnete, dokumentierte Boris Nemzow den Preis von Putins Prestigevorhaben: mehr als 50 Milliarden Dollar. Nemzow und seinem Mut verdanken wir das Wissen, dass jede Goldmedaille, die in Sotschi im vergangenen Winter vergeben wurde, fast viermal so teuer war wie jede Goldmedaille bei den bis dahin teuersten Spielen der Geschichte 2008 in Peking. ‚Winterspiele in den Subtropen: Korruption und Missbrauch in Sotschi‘ hieß der Bericht, den Nemzow vor knapp zwei Jahren gemeinsam mit Leonid Martenjuk veröffentlicht hatte. Zwischen 25 und 30 Milliarden Dollar, schätzten die beiden, seien im Zusammenhang mit den Spielen gestohlen worden. Und Nemzow zeigte mit dem Bericht, dass er einer der schärfsten Kritiker des Systems der russischen Eliten bleiben würde, obwohl er in Russland von den staatlich gelenkten Medien lange vor den Spielen in Sotschi marginalisiert, schließlich diffamiert wurde“ (Becker, Christoph, Boris Nemzow und der Korruptionssumpf, in faz.net 1.3.2015).

 

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