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Graubünden gegen Olympische Winterspiele

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Dez 062010
 
Zuletzt geändert am 07.12.2010 @ 12:31

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30.11.2010

Dr. Andreas Keller
2. Vorsitzender
Bund Naturschutz
Kreisgruppe Garmisch-Partenkirchen

OFFENER BRIEF

Herrn Winfried Hermann
Sportpolitischer Sprecher der GRÜNEN

Deutscher Bundestag
Platz der Republik
11011 Berlin

Interviews zur Abstimmung zum Thema Olympiabewerbung München 2018 auf der Bundesdelegiertenkonferenz der GRÜNEN in Freiburg .

Sehr geehrter Herr Hermann,

am letzten Mittwoch (24.11.2010) war ich auf einer Info-Veranstaltung der Bewerbungsgesellschaft München 2018 GmbH in Murnau, Kreis Garmisch-Partenkirchen. Auf dieser Veranstaltung wurden Sie mehrmals von den Mitgliedern der Bewerbungsgesellschaft wörtlich mit Aussagen zitiert, die Sie in Interviews nach der BDK der GRÜNEN in Freiburg gegeben haben.

Ihre Aussage: „Von allen Olympiabewerbungen, die ich gesehen habe, ist diese mit  Abstand die beste: die ökologischste und  nachhaltigste“, wurde genüsslich von denen vorgelesen, die die Spiele mit allen Mitteln durchsetzen wollen. Sie werden also von unseren Gegnern als Beweis dafür hergenommen, dass sogar die GRÜNEN für die Spiele seien. Dass die GRÜNEN sowohl bayern- als auch bundesweit deutlich mehrheitlich gegen die Bewerbung gestimmt haben, wird gar nicht mehr wahrgenommen.

Anlässlich eines Besuches des Sportausschusses des Bundestages haben Sie sich vollkommen einseitig von der Bewerbungsgesellschaft und sonstigen berufsmäßigen Befürwortern informieren lassen und nicht ausgewogen auch von kritischen Gegnern der Bewerbung. Nur so können Sie zu der  Aussage kommen, die Bewerbung für 2018 sei die „ökologischste und nachhaltigste“ die Sie je gesehen haben.

Klar, wenn Sie von den „Fremdenführern“ Rosi Mittermeier und Christian Neureuther (Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 9.11.10) herumgeführt werden, hören Sie wenig von tatsächlichen Umweltbelastungen und finanziellen Risiken. Hier deshalb einige Informationen als Nachhilfe:

Eine der falschesten Behauptungen die von den Olympia-Verfechtern immer wieder verbreitet wird ist, dass praktisch alle Sportstätten vorhanden seien. Dies ist weder für München noch für  Garmisch-Partenkirchen richtig. Hier die Zahlen für den „Snow Cluster“ im Loisachtal.

Im „Snow Cluster“ Garmisch-Partenkirchen müssten gebaut werden:

Bereich Skistadion
Permanent, Finanzierung also öffentlich – public (Non OCOG, ca. 1/3 davon Garmisch-P.)

neue Skischanze K 90 (eine bestehende K 80 Schanze würde abgerissen!) Kosten ca. 7 Mio €
Freestyle Moguls                                                                                                        ca. 1 Mio €
Freestyle Aerials                                                                                                        ca. 4 Mio €

Für die Sportstätten müssten ca. 0,5 ha (5.000 m2) Wald gerodet werden.
Temporär, Finanzierung OCOG
Für Funktionsflächen (Zielraum, Zuschauertribünen, Parkplätze für Akkreditierte ect.) würden ca. 4,8 ha (48.000 m2) landwirtschaftlich genutzte Flächen und 0,15 ha (1.500 m2) Wald benötigt.

Bereich Hausberg
Temporär, Finanzierung hier gemeinsam – joint, also teils OCOG- teils Garmisch-P.
Halfpipe                                                                                                                   ca. 6,4 Mio €
Für die Halfpipe mit Funktionsflächen (Zielraum, Zuschauertribünen, Parkplätze für Akkreditierte ect.) in diesem Bereich würden 0,2 ha (2.000 m2) Wald gerodet und 2,7 ha (27.000 m2) landwirtschaftlich genutze Flächen benötigt. Im Umfang von 1,41 ha (1.410 m2) würden 13d-Biotope neu beansprucht.

Bereich Kandaharabfahrt
Temporär, Finanzierung aus OCOG-Budget:
Für die Funktionsflächen (Zielraum, Zuschauertribünen, Parkplätze für Akkreditierte ect.) in diesem Bereich würden 0,03 ha (300 m2) Wald gerodet und 5,87 ha (58.700 m2) landwirtschaftlich genutze Flächen benötigt. Im Umfang von 0,04 ha (400 m2) würden 13d-Biotope neu beansprucht.

Bereich Schwaiganger
Temporär, Finanzierung hier gemeinsam – joint, also teils OCOG- teils public (Land Bayern):
Loipen und Stadien für Langlauf und Biathlon                                                          ca. 30 Mio €
Für die Loipen und den Schießstand  würden ca. 11,3 ha (113.000 m2) praktisch ausschließlich landwirtschaflich genutzte Fläche und 0,17 ha (1.700 m2) Wald benötigt.
Für die Funktionsflächen (Stadien, Parkplätze für Akkreditierte ect.) würden noch einmal 22 ha (220.000 m2) landwirtschaftlich genutze Flächen benötigt. Im Umfang von 0,07 ha (700 m2) würden 13d-Biotope beansprucht.
Zu Ihrer Behauptung, alle Schneekanonen seien gebaut: In Schwaiganger sollen insgesamt ca. 10 km Wasserleitungen für die Beschneianlagen (21 Schneekanonen!) temporär!! in den Boden vergraben werden.

Olympisches Dorf im Snow Cluster
Für das Olympische Dorf würden sowohl für temporäre als auch permanente Bauten überwiegend bereits überbaute Flächen genutzt. Aber auch hier würden noch ca. 1,9 ha (19.000 m2) landwirtschaftliche Flächen benötigt.
Mediendorf und Medienzentrum im Snow Cluster

Auch hier werden 5,7 ha heute noch landwirtschaftlich genutzer Flächen für temporäre Bauten überplant.

Parkplätze für die Zuschauer
Für Pkw-Stellplätze auf P+R-Anlagen sollen auf insgesamt 7 Großparkplätzen Platz für ca. 14.000 Pkw geschaffen werden. Rechnet man nur 20 m2 pro Pkw, benötigt man hierfür weitere ca. 28 bis 30 ha (280.000 bis 300.000 m2) landwirtschaftlich genutzte Fläche.
Zusätzlich zu den P+R-Standorten werden noch Stellplätze für Reisebusse geplant. Für den Snow Cluster sind hierfür 400 Stellplätze vorgesehen, d.h. noch einmal zusätzlich geschätzte mindestens 5 ha.

Infrastruktur im Snow Cluster
Als  zusätzlich geplante, permanente Infrastruktur im Straßenbereich aufgrund der Spiele sind im Ortsbereich von Garmisch-Partenkirchen eine Bahnunterführung für das Snow Village und eine Bahnunterführung zum Bereich der Kandaharabfahrt verlangt. Beide Unterführungen würden ohne die Spiele nicht gebaut.
Permanent, Finanzierung also öffentlich – public (vermutlich 1/3 davon Garmisch-P.)
2 Bahnunterführungen                                                                                                  ca. 3 Mio €
Für den Bau der Unterführungen wird geschätzt, dass etwa 1 ha (10.000 m2) landwirtschaftlich genutzte Flächen benötigt werden. Genaue Planungen gibt es nicht.

Zusammenfassung

Für die Wettbewerbe auf Skiern müssen also noch 6 Sporteinrichtungen mit einem Aufwand von ca. 50 Mio € gebaut werden. Dafür und für die Funktionsflächen werden ca. 47 ha landwirtschaftliche Flächen, 1 ha Wald und 1,5 ha 13d-Biotope überwiegend temporär, z.T auch permanent überbaut.

Für Olympisches Dorf, Mediendorf, Medien Zentrum und unnötige Bahnunterführungen werden noch einmal ca. 9 ha landwirtschaftliche Flächen verbraucht.

Welcher Anteil bei der Finanzierung der heute geschätzten 53 Mio. € für permanente (3) und temporäre Sporteinrichtungen und permanente Infrastruktur auf den Markt Garmisch-Partenkirchen zukommen, ist noch völlig offen. Jede weitere Belastung des über alle Maßen verschuldeten Marktes Garmisch-Partenkirchen (mit allen gemeindeeignen Einrichtung weit über 100 Mio. € Schulden) für ein zweiwöchiges Wintersport-Megaereignis wäre nicht zu verantworten.

Ich erspare Ihnen die detaillierte Aufschlüsselung der Maßnahmen für München und Schönau. Nur soviel:

Sämtliche Nutzungen der Wettkampfstätten und Olympischen Dörfer zusammengefasst ergibt sich eine genutzte Gesamtfläche (permanent und temporär) von rund  211 ha.  Nach der „Flächenbilanzierung Sportstätten,  Funktionsflächen und  Olympische Dörfer, bezogen auf  bisherige  Flächennutzung (Stand Juli 2010)“ ergibt sich aus Tabelle 19 (S. 55) des Umwelt- und Nachhaltigkeitskonzeptes, dass für „temporäre Flächennutzung und Infrastruktur“ 140 ha, das entspricht 66 %, „temporär“ genutzt werden sollen (Rodungen inbegriffen).

Sämtliche Zahlen sind dem Umwelt- und  Nachhaltigkeitskonzept München 2018 entnommen.

Die Auswirkungen auf das Loisachtal

Mit wenigen kleineren Ausnahmen, sind alle wesentlichen Infrastrukturmaßnahmen im Loisachtal geplant. Würden alle im Zusammenhang mit den Winterspielen 2018 geplanten Maßnahmen bis 2017 tatsächlich verwirklicht, d.h.

im Straßenbau

–       Bau des Auerbergtunnels und der Umfahrung Oberau mit Tunnel im Zuge der B 2 (Projekt Nr. 23, 319 Mio US $),
–       Fertigstellung des Kramertunnels (Projekt Nr. 24, 192 Mio US $),
–       Bau des Wanktunnels (Projekt Nr. 25, 172 Mio US $),
–       Umfahrung Oberaus im Zuge der B 23 (Projekt Nr. 26, 12 Mio US $),
–       Verlängerung der St. Martinstraße mit Bahnunterführung (Projekt Nr. 27, 9,3 Mio US $),
–       Bahnunterführung am Hausberg für das Snow Village (Projekt Nr. 29, 2,2 Mio US $),

im Bereich Schiene

–       Ausbau Bahnhof Oberau (Projekt Nr. 21, 1,4 Mio US $)
–       Verlegung der Zugspitzbahn (Projekt Nr. 28, 5,3 Mio US $)
–       Bau von zwei temporären Bahnsteigen (Projekt Nr. 32, 0,5 Mio US $),

sowie temporäre P+R-Parkplätze in

–       Garmisch/Grainau (2.100 Stellplätze)
–       Partenkirchen (1.700 Stellplätze)
–       Farchant (2.000 Stellplätze)
–       Oberau (1.700 Stellplätze)
–       Eschenlohe (3.500 Stellplätze)
–       Großweil/Pömetsried (2.800 Stellplätze),

so müssten ca. 700 bis 800 Millionen Euro in kurzer Zeit in diesem engen Tal verbaut werden. Das Loisachtal wäre für Jahre eine einzige Baustelle.

Zum Bau dieser Infrastrukturprojekte würden noch die geschilderten Baumaßnahmen für Sportstätten, Snow und Media Village, sowie Funktionseinrichtungen in unmittelbarer Umgebung der Wettkampfstätten kommen.

Das würde 5-6 Jahre Staub, Dreck und Lärm im Loisachtal bedeuten. Potentielle Gäste des Loisachtals würden sich mit Grausen abwenden.

Nach Fertigstellung des 4-spurigen Ausbaus der B 2 bis vor die Tore von Garmisch-Partenkirchen wäre das Loisachtal nur noch Transitraum mit 5 Tunnels. Mit der Beseitigung der Engpässe wird diese Strecke noch attraktiver für den die Alpen überquerenden Transitverkehr.  Die Strecke München – Mailand bzw. München – Bologna ist über Garmisch ca. 100  km kürzer als über Kufstein und das Inntal. Der Durchgangsverkehr würde um 30 bis 40 % zunehmen.

Ein Autofahrer würde dann auf dem Weg durchs Tal etwa 10 km Tunnel durchfahren und dabei keinen einzigen Talort sehen; er würde das Loisachtal sozusagen im Tunnel „erfahren“.

Nach den bisherigen Erfahrungen kann man davon ausgehen, dass die geplanten Olympischen Winterspiele den Ausbau des Autobahn- und Bundesstraßennetz forcieren werden. Neben den damit verbundenen Eingriffen in Natur- und Kulturlandschaften ist dies auch aus Sicht des Klimaschutzes mit der dafür notwendigen Verkehrsvermeidung weder klimaneutral noch nachhaltig oder „ökologisch vorbildlich“.

Weitaus wichtiger wäre es – statt der olympischen Winterspiele – mit dem Geld ein optimal funktionierendes Gesamtnetz öffentlicher Verkehrsmittel zu finanzieren. Die Ausbaumaßnahmen bei den Schienenwegen sind durch Umschichtung im Verkehrshaushalt des Bundes finanzierbar.

Die Bevölkerung des Werdenfelser Landes und die Bewerbung um München 2018

Am letzten Freitag (26. November) hat ein letztes Treffen zwischen dem „Olympiaretter“ Staatsminister Schneider sowie Vertretern der Bewerbungsgesellschaft und den Besitzern von für die Spiele benötigten Grundstücken stattgefunden. Die Grundstücksbesitzer bekräftigten noch einmal mit überwältigender Mehrheit, dass sie nicht bereit sind, ihre meist landwirtschaftlich genutzten Flächen zur Verfügung zu stellen. Weitere Gespräche wurden als zwecklos abgelehnt. Damit sind die Pläne der Bewerbungsgesellschaft und die hochfliegenden Pläne der Bürgermeister der Bewerbungsorte zum wiederholten Male Makulatur geworden.

Von dem im September gefeierten „Durchbruch bei den Olympia-Verhandlungen“ kann keine Rede mehr sein. Man hatte damals die Rechnung ohne die Grundstücksbesitzer gemacht, denn man hat nur mit einer sog. Interessengemeinschaft verhandelt, die von den Grundstücksbesitzern nicht legitimiert war. Diese hatten schon lange vorher schriftlich niedergelegt, dass sie keine Grundstücke zur Verfügung stellen wollen. Vor der Abstimmung des Gemeinderates Anfang Oktober über das Eckpunkte-Papier zum Bid Book, haben die Grundstücksbesitzer den Bürgermeister Schmid in einem Schreiben ausdrücklich gewarnt, sich über das „Nein“ der Grundstücksbesitzer mit einer Beschlussfassung  hinwegzusetzen; u. a. : „Sie … verfügen über Eigentum, welches Ihnen nicht gehört“!

Sie hätten sich also vor Ort besser auch von den Olympiagegnern informieren lassen sollen, bevor Sie falsche Behauptungen aufstellen, sich mit Äußerungen wie „durch und durch ökologisch nachhaltiges Bewerbungskonzept“ zum Sprachrohr des DOSB und der Bewerbergesellschaft machen und mit Äußerungen wie „Zwei junge Delegierte aus Bayern, die ich nicht kannte, haben mit ihren Beiträgen das Herz der alten Väter und Mütter der Grünen gerührt“ über diejenigen spotten, die mal nicht Ihrer unfundierten Meinung sind.

Diese „zwei jungen Delegierten aus Bayern“ habe sich sicher länger, intensiver und ernster mit der Olympiabewerbung auseinandergesetzt. als Sie, und sind so zu dem selben Ergebnis gekommen wie die  überwältigende Mehrheit der Umweltverbände, der Landwirte im Loisachtal, der Mehrheit der Grünen in Bayern sowie bundesweit, und auch der Jungen Union in unserem Landkreis. Die Ablehnung der Spiele in großen Teilen, wahrscheinlich der Mehrheit der Bevölkerung kommt auch in  den Leserbriefen der  Süddeutschen Zeitung und dem Garmisch-Partenkirchner Tagblatt zum Ausdruck.

Eine von mir laufende Zählung der Leserbriefe pro und contra Olympia seit Anfang August hat ergeben, dass sich bis heute 78 Briefschreiber gegen und nur 20 für die Bewerbung ausgesprochen haben. Es kann also gar keine Rede davon sein, dass „nur einige kleinere Windmaschinen Gegenwind erzeugen“ (Christian Ude, SZ 28.1.2010).

Ich lade Sie deshalb zu einem nochmaligen Besuch hier im Loisachtal ein, bei dem wir dann in einem informierten Kreis neben den angesprochenen Punkten auch noch über Probleme des CO2-Footprints der Spiele, den damit zusammenhängenden Klimawandel und die Zukunft von Garmisch-Partenkirchen als Wintersportort sowie den Tourismus generell, das Finanzrisiko der Spiele, die „Innovativen Umwelt-Leitprojekte“ der Bewerbung, usw. usw.  sprechen könnten.

Mit freundlichen Grüßen

Andreas Keller

PS: Ich bin seit etwa 20 Jahren Mitglied der GRÜNEN und habe sie 6 Jahre im Kreistag des Kreises Garmisch-Partenkirchen vertreten.

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