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Jean-Marie Weber

Jean-Marie Weber (* 1942) war langjähriger Chef des Sportmarketing-Giganten ISL / ISMM. Er kannte Horst Dassler seit 1970 und arbeitete zunächst für Adidas von 1985 bis 1987 in der „sportpolitischen Abteilung“ und traf dort auch auf Thomas Bach. Er war mit Havelange und Blatter von der FIFA, Samaranch vom IOC und Nebiolo (IAAF) gut bekannt.

Weber verteilte nachgewiesenermaßen zwischen 1989 und 2001 mindestens 141 Millionen Franken Schmiergeld an hohe Sportfunktionäre (Weinreich 5.6.2011). Die ISL ging spektakulär pleite: drei Milliarden Franken waren verloren. Das IOC hat sich nie für die Empfänger der Schmiergeld-Millionen interessiert. Der Fußballweltverband FIFA trat 2001 als Privatkläger auf, da er sich um Millionen betrogen fühlte, erklärte aber 2004 überraschend sein Desinteresse an weiterer Strafverfolgung.

Weber hielt engen Kontakt zu den Hauptbeteiligten am ISL-Skandal: „Was Havelange, Hayatou und Diack eint ist die unverbrüchliche Nähe zum Franzosen Jean-Marie Weber, jenem Mann, der über Jahrzehnte das ISL-Schmiergeld verteilt hat, meist in bar. Weber feiert alljährlich im Mai mit Havelange dessen Geburtstag in Zürich. Weber arbeitet für Hayatous afrikanischen Verband CAF und für Diacks IAAF. Er taucht bei allen großen Sportterminen auf und ging bis vor kurzem auch im IOC-Hauptquartier ein und aus“ (Weinreich, Jennings 4.12.2011).

Weber war Intimus des FIFA-Präsidenten Sepp Blatter. Die Empfänger der Zahlungen waren wichtige Parteigänger von Blatter. Als dieser erkannte, dass die Ermittlungen auch das Korruptionsgeflecht in der FIFA erfassen würden, wollte er die Klage zurückziehen. Er und dessen Vorgänger Joao Havelange verlangten ultimativ, Weber im Amt zu belassen, ansonsten würden mit der ISL keine weiteren Verträge abgeschlossen.

Nur Weber kannte die Empfänger der Schmiergeldzahlungen; er nannte die Schmiergelder „Provisionen“ oder „Honorare“. Er behielt beim Prozess bis zum Schluss die Namen der Empfänger für sich und antwortete dem Richter: „Ich kann es nicht sagen – es ist eine Frage der Ehre“ (Kistner 2012, S. 79). Auf die Frage, welche Funktionäre er geschmiert habe, sagte Weber: „Die Namen nehme ich mit ins Grab“ (Kistner 3.6.2011).
Weber bezahlte im Rahmen eines „Korruptionsverdunklungsvertrags“ 2,5 Millionen Franken an den ISL-Konkursverwalter: Die Herkunft dieses Bussgeldes ist ungeklärt. Dafür verpflichtete sich der Konkursverwalter, kein Gerichtsverfahren einzuleiten und die Namen der Schmiergeldempfänger geheim zu halten. Weber sorgte dafür, dass Fußballfunktionäre nicht mehr zivilrechtlich belangt werden durften. Er wurde von Blatters persönlichem Anwalt vertreten.

Noch im Jahr 2008 wurde Weber vom IOC für die Olympiade in Peking akkreditiert und berät auch weiterhin die IOC-Mitglieder Issa Hayatou (Kamerun), Scheich Al-Sabah (Kuwait) und Lamine Diack (Senegal). Beide Vereine beschäftigen Weber seit Jahren im Marketing (Kistner 10.12.2011).
Auch auf dem Fifa-Kongress Anfang Juni 2011 war Weber akkreditierter Besucher und Ehrengast (Weinreich 5.6.2011) und ging dort ein und aus (Kistner 10.12.2011). „Im Juni 2011 bejubelte er Blatters Wiederwahl – als akkreditierter Kongressteilnehmer“ (Kistner 2012, S. 176). Michael Ashelm schrieb in der FAZ: „Wenn die Vorstandsmitglieder der Fifa nach ihren Sitzungen im Luxushotel Baur au Lac einkehren, kann es passieren, dass ein schlanker älterer Herr mit grauen Haaren den einen oder anderen langjährigen Funktionär im Foyer herzlich begrüßt. Dabei handelt es sich um Jean-Marie Weber. Er war einst Vizepräsident der ISL-Agentur und der Geldbriefträger für die Bestechungs-Millionen. Man wüsste gerne mehr, um was es bei den Gesprächen dann geht“ (Ashelm 20.7.2012).
Und auf dem Sportaccord-Kongress im Mai 2013 in St. Petersburg wird Weber vom neuen kuwaitischen Sportpaten, Scheich Ahmad Al-Sabah herzlichst begrüßt (Weinreich 31.5.2013a, b).

Nachtrag 1: Fifa-Skandal vom Mai 2015 aktualisiert ISL-Skandal
„Die Amerikaner prüfen, wie die Schweizer Bundesanwälte, auch den Verdacht ungetreuer Geschäftsführung; das könnte im ISL-Komplex besonders heikel werden. 2004 schloss Ex-ISL-Verwaltungsrat Jean-Marie Weber, als Schmiergeldbote aufgeflogen, einen Korruptionsverdunklungsvertrag. Der ISL-Konkursverwalter hatte bestochene Funktionäre gefunden und Rückzahlungen gefordert – Weber zahlte 2,5 Millionen Franken, im Gegenzug verpflichtete sich der Verwalter, auf Zivilverfahren zu verzichten und die Empfänger geheim zu halten. Die Herkunft dieser 2,5 Millionen blieb ungeklärt; vor Gericht in Zug 2008 hatte sich Weber als mittellos erklärt. Vergebens versuchten die Ermittler, den Anwalt Webers, der auch persönlicher Anwalt Blatters war, zur Herausgabe der Namen zu verpflichten. 2005 lehnte das Bundesgericht den Vorstoß ab“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Fifa-Affäre: Schweiz empfängt diskrete Besucher aus Amerika, in sueddeutsche.de 19.12.2015).

Quellen:
Ashelm, Michael, Selbstbedienungsladen Fifa, in faz.net 20.7.2012
Beim König im Wort, in SZ 11.12.2008
FIFA-Funktionäre kaufen sich frei, in spiegelonline 25.6.2010
Hartmann, Peter, Der Mann mit dem Koffer, in Weltwoche 27.3.2008
Herren des Universums, in Berliner Zeitung 11.3.2008
ISL-Pleite bedroht auch FIFA-Präsident Blatter, in rp-online 21.5.2001
Kistner, Thomas
– Wunderbares nach den Ohrfeigen, in SZ 3.6.2011
– Besser als nichts, in SZ 10.12.2011
– Ohne Treu und Glauben, in SZ 25.11.2008
Fifa Mafia. Die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball, München 2012
Stolpert Fifa-Präsident Blatter über Bestechungsskandal?, in spiegelonline 21.5.2001
Weinreich, Jens
Korruption in großem Stil, in Berliner Zeitung 3.12.2005
– Das perfekte Verbrechen, in Blick 31.3.2008
– Der Geldkofferträger, in Blick 31.3.2008
– Irreführung mit System, in dradio.de 5.6.2011
– Wer regiert den Weltsport? Teil 1, Blog, 31.5.2013a
– Putins Judo-Kumpel attackiert Olympia, in spiegelonline 31.5.2013b
Weinreich, Jens, Jennings, Andrew, IOC-Doyen und Fifa-Patron Joao Havelange tritt zurück, weil er nicht rausgeschmissen werden will, jensweinreich.de 4.12.2011