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Tschammer und Osten, Hans von

* 1887 † 1943

Vita
Wie so viele NS-Sportfunktionäre diente Tschammer und Osten im Ersten Weltkrieg, wo er schwer verletzt wurde. Er blieb bis 1919 im Militärdienst und nahm bereits 1922 Kontakt zu rechten Kreisen auf. 1929 lernte er Hitler in München kennen und trat begeistert in die NSDAP ein. Er wurde SA-Obergruppenführer und hatte ab 1932 ein Reichstagsmandat.

Tschammer und Osten war nie exponiert sportlich tätig, und seine Kriegsverletzung verhinderte eine sportliche Betätigung. „Doch kommt seine fast überstürzt wirkende Berufung zum Sportkommissar am 28. April 1933 völlig überraschend“ (Steinhöfer S. 15). Tschammer und Osten wurde im Juli 1933 zum Reichssportführer ernannt, sein Amt wurde dem Reichsinnenministerium unterstellt (A.a.O., S. 31). 1934 wurde ihm der „Deutsche Reichsbund für Leibesübungen“ (DRL) unterstellt, der 1938 durch einen Erlass Hitlers in den „Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen“ (NSRL) überführt wurde, wiederum unter Leitung von Tschammer und Osten. 1936 wurde Tschammer und Osten Leiter des „Reichssportamtes“ (A.a.O., S. 44). Im April 1936 wurde die „Reichsakademie für Leibesübungen“ gegründet (A.a.O., S. 64).

Zusätzlich hatte Tschammer und Osten bei der Vorbereitung der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin folgende Funktionen:
– Präsident des Nationalen Olympischen Komitees
– Vorstandsmitglied des Organisationskomitees
– Präsident des Deutschen Olympischen Ausschusses
– Mitglied des Propaganda-Ausschusses für die Olympischen Spiele (A.a.O., S. 62).

Durch die Erfolge der  Olympischen Sommerspiele wurde von Tschammer und Osten zum Staatsrat ernannt und erhielt das Goldene Ehrenzeichen der NSDAP (A.a.O., S. 54).

Tschammer und Osten wurde mit weiteren Ämtern betraut, geriet aber gegenüber anderen NS-Organisationen und –Persönlichkeiten ins Hintertreffen. Er starb im März 1943 an einer Herzschwäche.

– Deutsche Sportverbände laufen zum NS-Regime über
Die NS-Sportfunktionäre Carl Diem und Edmund Neuendorff von der Deutschen Turnerschaft (DT) fühlten sich bei der Berufung des Reichssportführers übergangen. Dabei hatte die DT schon am 23.3.1933, einen Tag vor der Verabschiedung des „Ermächtigungsgesetzes“ der NS-Regierung ihre Mitarbeit angeboten, am 8.4.1933 ihren bisherigen Vorsitzenden Dominicus abgesetzt und Neuendorff inthronisiert. Neuendorff, Linnemann (Fußballbund) und Pauli (Ruderverband) forderten Tschammer und Osten in einer Art vorauseilendem Gehorsam am 9.5.1933 auf, den Deutschen Reichsausschuss für Leibesübungen (DRA) aufzulösen.

Der Reichssportkommissar löste daraufhin den DRA umgehend am 15.3.1933 auf und erließ Leitsätze zur Neuorganisation der deutschen Leibesübungen. „Turn- und Sportverbände sind nicht dazu da, um das persönliche Wohlergehen von Privatleuten zu fördern; die Leibesübungen bilden vielmehr einen wichtigen Teil des Volkslebens und sind ein grundlegender Bestandteil des nationalen Erziehungssystems. Das Zeitalter des individualistischen Sportbetriebs ist vorüber“ (Steinhöfer S. 23). Die Arbeiterturn- und Sportvereine wurden vom NS-Regime als marxistische Organisationen verboten, genauso wie die konfessionellen Sportverbände; die DT wurde zu einem von 15 Fachverbänden degradiert. Neuendorff hatte bereits am 13.7.1933 den Reichssportführer gebeten, das Amt des Führers der deutschen Turnerschaft zu übernehmen (A.a.O., S. 32f).

Auf dem 15. Deutschen Turnfest am 29. und 30. Juli 1933 in Stuttgart lobte Tschammer und Osten den neuen NS-Staat: „Dass ich ihn erhalte, ihn stärke und meinem Führer die gesamte Deutsche Turnerschaft als einen stolzen Faktor des neuen deutschen Volkslebens später übergeben kann, das ist meine Aufgabe“ (A.a.O., S. 33). Die Deutsche Turnerzeitung verzeichnete an dieser Stelle „stürmischen Beifall“. An gleicher Stelle äußerte er: „Wer die Deutsche Turnerschaft angreift, der greift Deutschland an.“ Und zwei Jahre später erklärte er zur DT, „dass ich diesen wertvollsten und geschlossensten Kameradschaftsbund der Leibesübungen einmal völlig unangetastet zum Fundament der Leibesübungen des Dritten Reiches machen müsse“ (Ebenda).

Dieter Steinhöfer konstatierte 1973: „Kritische Vertreter gerade der Kriegs- und Nachkriegsgeneration fragen sich erstaunt, warum die Mehrzahl der Turn- und Sportorganisationen sich freiwillig anpassten und dem Nationalsozialismus bedingungslos zur Verfügung standen“ (A.a.O., S. 27).
Da die NS—Ideologie den Sport in erster Linie zur Wehrertüchtigung sah, räumte sie ihm offiziell einen hohen Stellenwert ein. Die Nähe der Sportverbände und der Sportfunktionäre zu militärischen Idealen und nationalen Sichtweisen speziell in dieser Zeit ist nicht verwunderlich.

– Die NS-Ideologie erobert endgültig den Sport
Im Januar 1934 wurde der „Deutsche Reichsbund für Leibesübungen“ (DRL) gegründet, wodurch alle Sport-Fachverbände ihre Eigenständigkeit verloren und sich bis Ende 1935 auflösten (A.a.O., S. 37f). Die zentrale Geschäftsstelle wurde im „Haus des Deutschen Sports“ auf dem Reichssportfeld in Berlin angesiedelt.

1934 führte Tschammer und Osten das System der „Dietwarte“ in den Sportvereinen ein. Sie wachten über das korrekte völkische Deutschtum und sollten „den Nationalsozialismus in Hirn und Herz verankern“ (Hajo Bernett, zitiert in Steinhöfer, S. 39). Am 23.4.1936 wurde auf Erlass Hitlers ein „Reichssportamt“ errichtet,
dessen Leiter ebenfalls der Reichssportführer wurde (A.a.O., S. 44). Es sollte die „Wehrhaftmachung“ des deutschen Volkes fördern (A.a.O., S. 45) In der Durchführungsverordnung stand unter § 1. „Das Reichssportamt hat die Aufgabe, den gesamten deutschen Sport  auf das einheitliche  Ziel der
körperlichen Ertüchtigung des deutschen Volkes auszurichten“ (Dokument Nr. 7, in a.a.O., S. 126).
Das eigentliche Ziel dieser „körperlichen Ertüchtigung“ war der Wehrsport zu Kriegszwecken, siehe unten.

Im April 1936 wurde die „Reichsakademie für Leibesübungen“ gegründet, deren Präsident ebenfalls Tschammer und Osten wurde. Deren Direktor und eigentlicher Chef wird sein Konkurrent aus dem Reichserziehungsministerium, Carl Krümmel (A.a.O., S. 64). Im August 1936 wurden die Jugendabteilungen der 10- bis 14-Jährigen des DRL dem „Reichsjugendführer“ Baldur von Schirach unterstellt. Der DRL musste sich auch Einflüssen der SA, der Motorsportorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF) und der Hitlerjugend unterordnen (A.a.O., S. 49ff).

Im Gefolge von Werbereisen für die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin äußerte Tschammer und Osten 1935 in Kopenhagen: „Wenn ich mich Ihnen … als Gesandter der olympischen Idee vorstelle, so muss ich die Feststellung vorausschicken, dass das deutsche Volk keinen brennenderen Wunsch hat als den, in der Gemeinschaft der ehrliebenden Nationen den Frieden der Welt zu wahren“ (A.a.O., S. 60).
Die Verlogenheit dieser Aussage zeigte sich schon vor und nach den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, als das NS-Deutschland das faschistische Franco-Regime mit der „Legion Kondor“ unterstützte, die Rüstungsindustrie noch weiter hochfuhr, sich das Sudetenland einverleibte und den Zweiten Weltkrieg vorbereitete – und zu dieser Zeit auch die Judenverfolgung schon durchorganisierte.

Im Dezember 1938 wurde aus dem „Deutschen Reichsbund für Leibesübungen“ der „Nationalsozialistische Reichsbund für Leibesübungen“ (NSRL). Er war „eine von der NSDAP betreute Organisation. An seiner Spitze steht der Reichssportführer“ (A.a.O., S. 66). Tschammer und Osten stellte bei der 1. Reichstagung des NSRL befriedigt fest: „Wir sind jetzt ein nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen. Wir sind eine Organisation, die nicht mit Nationalsozialismus von außen getauft, sondern in sechsjähriger Bewährungsprobe von innen erfüllt ist“ (A.a.O., S. 67). Zusätzlich wurde Tschammer und Osten Anfang 1939 in den Stab des  Stellvertreters des Führers als „Beauftragter für die Leibesübungen in der NSDAP“ berufen (A.a.O., S. 67f).

Steinhöfer stellte fest, dass die Eingliederung des Sports in die NSDAP einen hohen Preis hatte. Denn andere NS-Organisationen wie die Deutsche Arbeitsfront unter Robert Ley sollten dem Sport die restliche Freiheit weiter beschneiden. „Des Reichssportführers äußerlich gefestigte Position ist bei näherer Betrachtung schwächer denn je“ (A.a.O., S. 68).

– Sport und Krieg
Tschammer und Osten und seine Mitarbeiter Guido von Mengden, Carl Diem und andere sandten seit Kriegsbeginn an viele im Fronteinsatz befindliche Sportler Feldpostbriefe mit Durchhalteparolen und NS-Propaganda. Tschammer und Osten schrieb z. B. am 1.7.1939 zur Übernahme der Olympischen Winterspiele 1940 durch Hitler-Deutschland: „Ich darf Ihnen mitteilen, meine Herren, dass der Führer die Übernahme der Spiele begrüßt hat, dass er sie als einen weiteren, erfreulichen Ativposten in seiner Politik betrachtet und dass er uns befohlen hat, die Spiele in größtem Rahmen durchzuführen. (…) Es ist militärisch falsch, einen Gegner zu unterschätzen, am allerschlimmsten im Augenblick, wo man ihn angreifen will“ (Ostler u. a., S. 180).
Und am 20.12.1939: „… die Hände ballen, steif den Nacken tragen, stolz den Kopf, das Herz warm in Liebe zu Führer und Volk und eisern in der Gesinnung als Soldat des Dritten Reichs! … Weiß Gott, das deutsche Volk kann dankbar sein. Es muss und wird erkennen, wie segensreich seine Umgestaltung unter der Führung Adolf Hitlers sich nun auch für die ernstesten Prüfungszeiten auswirkt… In das Olympiajahr sollten wir 1940 hineinmarschieren, in weniger als acht Wochen sollte das glanzvolle Wintersportfest der Olympischen Winterspiele in Garmisch stattfinden…
In der Gemeinschaft des dem Führer treu ergebenen, diesen großen Staatsmann verehrenden, diesen seltenen Menschen liebenden deutschen Volkes steht als gutes Kernstück die große Millionengemeinschaft des deutschen Sportes… Gott schütze Euch, Kameraden, und Eure Waffen, die ihr tragt, er segne den Führer und das deutsche Volk und seine Wehrmacht… (Hajo Bernett, zitiert in Steinhöfer).
An dieser und an anderen Stellen in den Beiträgen und Hetzschriften von Tschammer und Osten wird der eigentliche Zweck des NS-Sports klar: Wehrertüchtigung.

Am 22.11.1939 schrieben von Tschammer und Osten und der Präsident des Organisationskomitees für die V. Olympischen Winterspiele, Ritter von Halt an den IOC-Präsidenten de Baillet-Latour, dass die olympischen Sportstätten in Garmisch-Partenkirchen fertiggestellt seien: „Da aber die Voraussetzung für die Durchführung Olympischer Spiele darauf beruht, dass das organisierende Land selbst im Friedenszustand ist und da die deutschen Vorschläge auf Herbeiführung eines Weltfriedens, der aus dem jetzigen Konflikt herausführen sollte, von der englischen und französischen Regierung abgelehnt wurden und der Krieg daher weitergeführt werden muss, sehen sich der Deutsche Olympische Ausschuss und das von diesem eingesetzte Organisationskomitee für die V. Olympischen Winterspiele Garmisch-Partenkirchen 1940 gezwungen, den Auftrag der Durchführung dieser Spiele zurückzugeben“ (Ostler u. a., S. 189).

1941: „… denn männliche Leibeserziehung ohne jene Zielsetzung der Vorbereitung zur Wehrertüchtigkeit hat ihren Sinn verloren“ (A.a..O., S. 90).
1942: „… weil die männliche Leibeserziehung in letzter Zielsetzung der Wehrertüchtigung dient, somit also dort zum Einsatz kommen musste, wo sie ihre sinnfälligste Verwendung fand“ (A.a.O., S. 79).
„Je größer die körperliche Leistungsfähigkeit und die charakterliche Härte eines Mannes entwickelt sind, umso weniger Zweifel bestehen über den zweckmäßigsten Einsatz während des Krieges… Der Sport dient wie im Frieden so ganz besonders im Kriege dem Volk und seinen Soldaten“ (A.a.O., S. 90).
1943: „Die Reinhaltung der Art ist nunmehr wesentliche Aufgabe der Leibesübungen“ (A.a.O., S. 93).

– Kriegszeit
Am 12.6.1939, kaum drei Wochen vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, erinnerte Tschammer und Osten an die Vergabe der Olympischen  Winterspiele 1940 an das NS-Deutschland (als Ersatz für St. Moritz): „ … dass Deutschland einstimmig die V. Olympischen Winterspiele zur Durchführung in Garmisch-Partenkirchen übertragen worden sind, ein Ziel, das der Führer schon vor einigen Wochen gegenüber Herrn von Halt als für Deutschland außenpolitisch äußerst erwünscht bezeichnet hatte“ (A.a.O., S. 71). Hitler ließ erst am 13.10.1939 – nach Kriegsbeginn – die olympischen Baustellen stilllegen.

Die finanzielle Lage des NSRL entwickelte sich im Kriegsverlauf desaströs, und die Niederlage in Stalingrad ließ die Bemühungen eines „Kriegssportausschusses“ ins Leere laufen.

Bei Tschammer und Osten wirkten sich Kriegsverlauf und der dadurch bedingte Bedeutungsverlust seines Amtes entsprechend aus. Es folgte „nach der psychischen Erschütterung der physische Zusammenbruch“ (A.a.O., S. 80): Er starb am 25. März 1943 an einer Herzschwäche. Bei seinem Staatsbegräbnis hielt Goebbels die Grabrede und lobte: „Hans von Tschammer und Osten hat dem deutschen Sport wieder Weltgeltung verschafft“ (A,a.O., S. 81).
Das waren wohl eher die NS-Sportfunktionäre Carl Diem, Guido von Mengden und Carl Krümmel!

Tschammer und Ostens Nachfolger wurde SA-Brigadeführer Arno Breitmeyer, der bisherige Vizepräsident des NSRL. Er wurde 1944 durch Karl Ritter von Halt abgelöst, zu einem Zeitpunkt, „als das Amt des Reichssportführers bereits ohne echte Funktion ist“ (A.a.O., S. 82).

Quellen:
Benz, Wolfgang, Handbuch des Antisemitismus, Band 2/1,2: Personen, Berlin 2009
Ostler, Josef, Schwarz, Peter, Schwarzmüller, Alois, Wörndle, Franz, Die Kehrseite der Medaille – IV. Olympische Winterspiele Garmisch-Partenkirchen 1936, Garmisch-Partenkirchen 2016
Schäche, Wolfgang, Szymanski, Norbert, Das Reichssportfeld. Architektur im Spannungsfeld von Sport und Macht, Berlin 2001
Steinhöfer, Dieter, Hans von Tschammer und Osten, Reichssportführer im Dritten Reich, Berlin 1973
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