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Schneekanonen

Neue Studie von Sylvia Hamberger und Axel Doering: Der gekaufte Winter – Eine Bilanz der künstlichen Beschneiung in den Alpen (22.4.2015)

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Leider veraltet kaum etwas so schnell wie Artikel zu Schneekanonen. So wurden beispielsweise inzwischen im Großraum Kitzbühel 3000, in Ischgl 1200 und zur Ski-WM 2013 in Schladming 900 Schneekanonen installiert. Deshalb wird dieser Beitrag demnächst aktualisiert – siehe oben.
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Let it snow: Die Industrie profitiert
Die industrialisierte Welt ist eine Pyromanenwelt: Sie verbrennt und verfeuert und verheizt. Dadurch verursacht sie die Erderwärmung. Und dadurch wird wiederum Schnee knapp. Mit Schnee wird Geld gemacht. Schnee wird Industrieprodukt. Schnee wird mit Strom und Wasser und Maschinen produziert.
Und die Industrie entdeckt im Klimawandel neue Geschäftsfelder – wie der Siemens-Konzern: „Ein Winter ohne Schnee ist für viele Regionen einfach undenkbar: Zu groß wäre der wirtschaftliche Schaden.
Beschneiungsanlagen gehören somit neben den Aufstiegshilfen in vielen Skigebieten bereits zum notwendigen Standard“ (Siemens 2007).
Die Industrie sorgt also für noch mehr Erderwärmung. Der Schnee wird noch knapper … Wenn es noch wärmer wird, kommt auch das Schneemachen an sein Ende. Die Vision der „Grünen Spiele“ von München 2018 könnte also bittere Wirklichkeit werden.

Unvertretbarer Verbrauch von Energie und Wasser
„Für die Grundbeschneiung eines Hektars Piste (30 cm) benötigt man (.) 5.000 – 27.000 kWh Strom“ (Abegg S. 14). Die Grundbeschneiung in Bayern erfordert nach Angaben vom Bayerischen Landesamt für Umwelt 7,2 Millionen kWh: damit könnten 2300 Zwei-Personen-Haushalte ein Jahr mit Strom versorgt werden (Ebenda).

Der Wasserverbrauch für Beschneiung ist so immens, dass er nur über neue Beschneiteiche zu befriedigen ist. Für die Grundbeschneiung von einem Hektar Piste werden mindestens eine Million Liter Wasser benötigt, also 1000 Kubikmeter, dazu 10 000 bis 15 000 Kilowattstunden Strom. Beim bundesdeutschen Strom-Mix bedeutet dies pro Hektar Kunstschnee über sieben Tonnen CO2. Dazu kommt noch der Kraftstoff für die Pistenraupen. Die Alpenschutzorganisation CIPRA gab 2011 an, dass 95 Millionen Kubikmeter Wasser für 24.000 Hektar beschneiter Skipiste verbraucht werden, das entspricht dem Wasserverbrauch einer Großstadt mit 1,5 Millionen Einwohnern. Seit Einführung der künstlichen Beschneiung fließen in französischen Bächen und Flüssen bis zu 70 Prozent weniger Wasser (Naturfreunde 11/2011).
In Davos macht der Wasserverbrauch für die Beschneiung 21,5 Prozent des jährlichen Wasserverbrauchs aus, das waren 600.000 Kubikmeter; in Scuol 36,2 Prozent oder 200.000 Kubikmeter (Abegg S. 13).
Und mit zunehmender Klimaerwärmung steigt der Verbrauch von Strom  und Wasser weiter an.

Kunstschnee kostet
Eine Schneekanone kostet zwischen 29 000 und 35 000 Euro. 2008 investierten die Seilbahnunternehmen in Österreich 203 Millionen Euro in Modernisierung und Neubau von Beschneiungsanlagen, damit über 60 Prozent der österreichischen Pistenfläche beschneit werden können. Die Schweiz gab 178 Millionen Euro dafür aus.
CIPRA gibt die Investitionskosten pro Kilometer beschneiter Piste mit bis zu 820.000 Euro an, die Betriebskosten pro Kilometer beschneiter Piste mit 16.400 bis 82.000 Euro (Abegg, Bruno, Tourismus im Klimawandel, zitiert nach Naturfreunde 11/2011).
In Garmisch-Partenkirchen werden bei der Ski-WM 2011 fünf Abfahrten beschneit. Die Kosten dafür liegen bei 23 Millionen Euro. (Um dies  bezahlen zu können, verkaufte der Bürgermeister Sozialwohnungen der Gemeinde: Mit dem Erlös einer Sozialwohnung konnte gerade eine Schneekanone gekauft werden.)

Im Skigebiet in Garmisch-Partenkirchen werden für Grund- und Nachbeschneiung über 170.000 Kubikmeter Wasser gebraucht. Deshalb wurden zwei Speicherseen mit 110.000 Kubikmeter in den Bergwald gebaut. Deren Wasser muss nun künstlich gekühlt werden, damit die Schneekanonen beschneien können. Also werden in den Bergwald nochmal zwei mal vier Kühltürme gebaut.
Abegg (S. 15) gibt als Kosten für einen Speichersee mit 30- bis 50.000 Kubikmeter 1,5 bis 2,5 Millionen Schweizer Franken (rund 1,25 bis 2 Millionen Euro) an, für 80.000 Kubikmeter 3 bis 3,5 Millionen Franken (2,5 bis 2,9 Millionen Euro).
In Schwaiganger sollten bei den Plänen für München 2018 für ein paar Tage Langlauf und Biathlon fest installierte Beschneiungsanlagen installiert werden. Das Wasser hätte aus der Loisach entnommen werden sollen: Für Grund- und Nachbeschneiung wären hier über 170.000 Kubikmeter Wasser gebraucht worden. Für die Grundbeschneiung von 50 Zentimeter hätten hier etwa 65.000 Kilowattstunden eingesetzt werden müssen.

Neuester Trend
Die Schneekanonen werden angeblich mit Strom aus regenerativen Energien betrieben. Im Zentralschweizer Skigebiet Sattel-Hochstucki produziert seit Ende 2010 ein Windrad an der Talstation einen Teil des Stromes: Es werden geeignete Standorte für die weiteren Windräder im Skigebiet gesucht (cipra.org 20.1.2011).
Nun kann man jede Einheit regenerativer Energie nur einmal verbrauchen – und dafür gibt es Sinnvolleres als Schneekanonen. Und mit zusätzlichen Windrädern zu deren Betrieb wird die Alpenlandschaft weiter zerstört. Der Wahnsinn hat Methode…

Immer weiterer Ausbau
„In den letzten 20 Jahren wurden Hunderte von Millionen Euro in die technische Beschneiung investiert – mit dem Resultat, dass fast die Hälfte aller alpinen Skipisten beschneit werden können“ (Abegg S. 9). Beschneit werden in Österreich 66 Prozent, in der Schweiz 36, in Frankreich 21 und in Italien 70 Prozent. Von den rund 100.000 Hektar Pistenfläche werden insgesamt 47 Prozent künstlich beschneit (A.a.O., S. 10).

Der Leiter der Nationalparkverwaltung Berchtesgaden sagte über die Baustelle für die 53 neuen Beschneiungsanlagen am Jenner: „Die Baustelle da oben hat mich etwas an die Bilder aus den 1940ern erinnert, als der Obersalzberg bombardiert wurde“ (Prantl 6.11.2008).

In Bayern sind unter anderem neue Beschneianlagen in Garmisch-Partenkirchen, im Spitzinggebiet, in Nesselwang und am Sudelfeld geplant. Das Sudelfeld-Skigebiet liegt gerade einmal zwischen 800 und 1500 Meter Höhe: Hier sollen 45 Millionen Euro in neue Lifte und Schneekanonen investiert werden – mit einem Beschneiteich von 175.000 Kubikmetern und 250 Entnahmestellen für Schneekanonen und Schneelanzen: damit die 31 Kilometer Pisten in nur drei kalten Tagen beschneit werden können. Bund Naturschutz, DAV, und weitere fünf Naturschutzverbände protestierten gegen die Ausbauten im März 2012 (Etscheid 24.3.2012).
15 Millionen Euro sollen übrigens vom bayerischen Staat kommen – mit der interessanten Begründung des bayerischen Wirtschaftsministers Martin Zeil: „Wir können uns nicht für sportliche Großereignisse wie Olympia 2018 einsetzen, aber den eigenen Wintertourismus links liegen lassen“  (SZ 9.12.2010).
Neue Sudelfeld-Ausbaumeldung vom März 2012: Landrat Jakob Kreidl (CSU) und Bergbahn-Chef Egid Stadler verteidigen das Projekt nach wie vor. Kreidl bezog sich auf dem Grundsaatz, „dass bereits erschlossene Wintersportgebiete modernisiert und ausgebaut werden können“ (Sebald 5.3.2012). Stadler wiegelte – ungeschickt – ab: „Das ist unsere Heimat, die zerstören wir doch nicht“ (Ebenda). Ähnlich argumentierte der Bayrischzeller Tourismuschef Harald  Gmeiner: „Die  Almbauern selbst  würden niemals zulassen, dass die Landschaft, in der sie leben, zerstört würde“ (Etscheid 24.3.2012).
Die Heimat wird täglich zerstört – unter tatkräftiger Mithilfe von Lokalpolitikern und örtlichen Geschäftemachern.

Mitglieder des Umweltverbandes Mountain Wilderness versprühte mit blauer Farbe den Schriftzug „15.000m3 Wahnsinn“. Hubert Weiger vom Bund Naturschutz nannte das Vorhaben den „Generalangriff auf die Bergwelt am Wendelstein“ (Ebenda).
Im März 2012 legte die Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern mit Unterstützung des Umweltministeriums einen Leitfaden „Folgen des Klimawandels“ vor, in dem das Sudelfeld-Projekt mit einem „Fragezeichen“ versehen wurde: Angeblich soll sich auch auch Umweltminister Marcel Huber (CSU) kritisch dazu gestellt haben (SZ 10.3.2012).
Die Ski-Lobby wird den Minister-Neuling Huber schon noch zu opulenten staatlichen Förderungen überreden!

Wahnsinnsgelder für Kurzinvestition
In Deutschland gibt es aktuell 39 Skigebiete, von denen 2007 noch 27 als schneesicher gelten. Bei einer Temperaturerhöhung von einem Grad (2025) reduziert sich diese Zahl auf 11, bei 2 Grad (2050) auf 5 und bei 4 Grad  (2100) auf eines, nämlich die Zugspitze (Abegg S. 7).
Die Bayerische Staatsregierung hatte 2005 die Genehmigungsverfahren für Beschneiungsanlagen erleichtert: Seither hat sich die Fläche der beschneiten Pisten auf 711 Hektar mehr als verdoppelt. Dabei gilt die Beschneiung für Wintersport in absehbaren Zeiträumen schon jetzt als unhaltbar. Dem IHK-Leitfaden „Folgen des Klimawandels“ zufolge „werde die Schneesicherheit in Lagen bis zu 1500 Höhenmetern dramatisch abnehmen“ (SZ 10.3.2012).

Im Frühjahr 2012 genehmigte das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen einen Speichersee der Brauneck- und Wallbergbahnen GmbH am Brauneck mit 100.000 Liter für die Wasserversorgung der Schneekanonen (Schieder 3.4.2012).

Die Klimaerwärmung wird ignoriert
Bereits vor zehn Jahren konstatierte ein Klimabericht für den Nordosten der USA, dass es viel kürzere Winter und wärmeres Wetter geben wird. „Langlaufen könnte Mitte dieses Jahrhunderts praktisch ausgestorben sein“ (Hahn 27.12.2011).Axel Doering spricht vom doppelten  Irrsinn des „Fetisch Schneekanone“: „ökologisch, weil der Umbau der Pisten die Landschaft verschandle, den Boden verändere und zu Hochwasser führe. Und ökonomisch, weil mit jedem wärmeren Winter die Kanonen immer mehr Strom bräuchten und teurer würden –  bis es eines Tages so warm sei, dass sie nicht mehr zu gebrauchen seien“ (Stremmel  31.1.2012).

Nachtrag 1: „Seit 2009 sind in Bayern mehr als 22 Millionen Euro Subventionen in den Betrieb von Schneekanonen investiert worden. Die Schneekanonen in Bayern verbrauchten 27,5 Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr… Ein weiteres Problem ist der hohe Wasserverbrauch, der aus Beschneiteichen gedeckt werden muss, die mit Planierraupen und Beton in die Berge gebaut werden… Inzwischen werden ca. 765 Hektar Fläche in Bayern künstlich beschneit – fast doppelt so viel wie im Jahr 2005“ (Hartmann 15.3.2013).

Nachtrag 2: Kritik des Naturschutzes. Axel Doering von der Kreisgruppe Bund Naturschutz in Garmisch-Partenkirchen formulierte im Januar 2014 die grundsätzliche Kritik am Kunstschnee für dpa. Die beschneite Fläche im Alpenraum entspricht der des Bodensees. Die eingesetzte Wassermenge ist höher als der jährliche Wasserverbrauch Münchens, und der Stromverbrauch liegt bei dem der Stadt Nürnberg. Die Beschneiungsgrundlagen wurden gelockert: „In den 1980er Jahren war in Bayern zunächst nur eine sogenannte Korrekturbeschneiung bis zur Baumgrenze erlaubt. Das erfolgte meist auf den Pisten in den unteren Lagen und zu den Sportwettkämpfen. Dafür gab es eine Beschneiungsrichtlinie des Landtags, die im Jahr 2005 völlig entschärft wurde. Jetzt werden ganze Skigebiete vom Tal bis in die Hochlagen beschneit“ (Naturschützer kritisieren Kunstschnee-Einsatz, in merkur-online 18.1.2014). Die Vegetation verändert sich durch das Planieren der Pisten. Murenabgänge und Erosion steigen, das Wasser fließt schneller ab. „Generell kann man davon ausgehen, dass auf einer Skipiste 35 Mal mehr Wasser abläuft als in einem gesunden Bergmischwald“ (Ebenda). Der Kunstschnee kostet durchschnittlich 3 bis 5 Euro pro Kubikmeter. Da heute klimabedingt immer öfter tagsüber beschneit wird, erfordert es teuren Spitzenstromsatz. „Damit eine Schneekanone nicht einfriert, hat sie eine elektrische Heizung. Gleichzeitig ist aber das Wasser in den Speicherseen oft zu warm zum Schneemachen und muss daher aufwändig gekühlt werden“ (Ebenda).
Vergleiche auch: Skifahren um jeden Preis? in quer/BR, 10.1.2013

Quellen:
Abegg, Bruno, Tourismus im Klimawandel, Hintergrundbericht der CIPRA, Februar 2011
Aber bitte mit Naturschnee, in SZ 25.11.2010
Auf Distanz zu Schneekanonen, in SZ 10.3.2012
Breitseite gegen Schneekanonen, in SZ 24.1.2011
Die Skigebiete rüsten auf, in SZ 9.12.2010
Doering, Axel, Hamberger, Sylvia, Margraf, Christine, Der künstliche Winter, BN-Hintergrundpapier 2007
Eckdatenpapier Bid Book München 2018, Auszug Umwelt, Stand: 24.6.2010
Effern, Heiner, Wettrüsten in Weiß, in SZ 4.1.2012
Etscheid, Georg, Schneekanonen gegen den Klimawandel, in klimaretter.info 24.3.2012
Hahn, Thomas, Die Mahnung der Kanarienvögel, in SZ 27.12.2011
Hartmann, Ludwig, Einladung zum Fachgespräch „Wettrüsten in den bayerischen Skigebieten“, 5.3.2013
Klimawandel: „Die werden das finanziell nicht derblasen“, in wirtschaftsblatt.at 27.1.2012
Naturfreunde Österreich, Alpiner Wintertourismus und Klimawandel, Wien, Dezember 2011
Prantl, Dominik, Da hört der Spaß nicht auf, in SZ 6.11.2008
Schieder, Klaus, Ja unter zahlreichen Auflagen, in sueddeutsche.de 3.4.2012
Schweiz: Windenergie für Schneekanonen, in cipra.org alpmedia 20.1.2011
Sebald, Christian
-Mit Kanonen überleben, in SZ 9.12.2010
– 250 Schneekanonen für das Sudelfeld, in SZ 2.3.2012
– „Generalangriff auf die Bergwelt am Wendelstein“, in SZ 5.3.2012
Siemens Alpine Technologie, Siemens Österreich 2007
Stremmel, Jan, Der Schneemacher, in SZ 31.1.2012
Wüst, Christian, Prothese für die Piste, in Spiegel 44/2009