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Olympische Charta

(Zitate und Seitenangaben aus „Olympische Charta“, Fassung vom 7. Juli 2007, in der Übersetzung von Prof. Christoph Vedder, Universität Augsburg, und Prof. Manfred Lämmer, Deutsche Sporthochschule Köln).

Die Olympische Charta ist nach Jens Weinreich das „Grundgesetz“ des IOC, das die „Geschäftsbedingungen des Olympia-Konzerns“ festschreibt. Weinreich zieht den stimmigen Vergleich mit dem > IOC als einem Franchise-Unternehmen wie bei Fastfood-Ketten: „Die Rechte der Franchise-Nehmes sind begrenzt. Sie tragen das volle finanzielle Risiko des olympischen Abenteuers. Was immer passiert: Das IOC ist nicht in Regress zu nehmen“ (Weinreich 2008).

„Die Olympische Charta verbietet nämlich nicht nur politische Äußerungen, sie untersagt auch klipp und klar Diskriminierung jedweder Art“ (Schall 19.8.2013). Dem IOC geht es aber weniger um das Verbot von Diskriminierung als um das Verbot politischer Äußerungen. Bei der Leichtathletik-WM im August 2013 in Moskau wendete die russische Regierung ihr neues strenges Homosexuellen-Recht an. Zunächst protestierte das IOC lahm, dann protestierten einige Sportler. Daraufhin verbot ihnen das IOC die Proteste – mit Bezug auf genau diese Olympische Charta. Vergleiche hierzu in der Chronologie „August 2013.

Interessanterweise existiert von der Olympischen Charta eine Kurzform im Internet unter www.gruene-muenchen-stadtrat.de mit Datum vom 27.10.2009, signiert mit Oberbürgermeister, Stabsstelle München 2018, was die Sache noch schlimmer macht: Der autoritäre Inhalt war bekannt, die kritischen Punkte wurden unkritisch wiedergegeben, und die Bewerbung wurde dennoch weiterbetrieben.

Ich habe mir erlaubt, einzelne Punkte der „Olympischen Charta“ herauszugreifen. Meine Kommentare sind kursiv gesetzt. W. Z.

Einführung in die Olympische Charta:

Die Olympische Charta hat keine ethisch-philosophischen Inhalte, sondern regelt die Geschäftsbedingungen – und zwar präzise en gros und en détail zugunsten des IOC. Sie ist nicht „von Dichtern, Philosophen und Altruisten verfasst worden. In Wirklichkeit wurde sie von einem Häuflein Juristen ausgearbeitet“ (Jennings S. 23).

Das IOC bezeichnet die Chartra als ein „grundlegendes Dokument mit Verfassungscharakter“ (! W. Z.), sie dient als Satzung und legt die Rechte und Pflichten der drei Säulen der olympischen Bewegung fest: des IOC, der internationalen Verbände und der NOKs (in Deutschland: > DOSB) und der Organisationskomitees für Olympische Spiele (S. 5).

Präambel:

Hier stehen einige dürftige Anmerkungen zur „Olympischen Idee“ wie zum Beispiel:

„Der Olympismus ist eine Lebensphilosophie, die in ausgewogener Ganzheit die Eigenschaften von Körper, Wille und Geist erhöht“ (6).

Es ist interessant, dass mit Olympismus die selbe Endung radikaler, sich als totalitär verstehender Organisationsformen gewählt wurde wie bei Sozialismus, Kommunismus, Nationalismus, Faschismus, Terrorismus etc. „Körper, Wille und Geist“ hat schon einen militärischen Beigeschmack.

Auffällig ist auch die Nähe zu Diktaturen und autoritären Systemen und Personen. (> IOC und Diktaturen)

„Die Olympische Bewegung … erreicht ihren Höhepunkt in der Zusammenführung der Athleten der Welt zu einem großen Fest des Sports, den Olympischen Spielen. Ihr Symbol sind die fünf ineinander verflochtenen Ringe“ (6).

Das große Fest des Sports ist inzwischen zum Fest des Geldes und der Sponsoren, der Macht und der Verschwendung geworden. „Geld, Macht und Doping“, der Titel von Simson und Jennings aus dem Jahr 1992, ist Wirklichkeit geworden.

„Die Ausübung von Sport ist ein Menschenrecht“ (6).

Dies ist eine Eigendefinition des IOC und steht nicht unter den allgemeinen Menschenrechten! Die DOSB-Funktionäre Bach und Vesper versuchen derzeit in Deutschland, Sport als Staatsziel im Grundgesetz zu verankern (Hahn 29.6.2010).

„Die Zugehörigkeit zur olympischen Bewegung setzt die Einhaltung der Olympischen Charta und die Anerkennung durch das IOC voraus“ (6).

Wer dazugehört oder dazugehören will, muss also vom IOC anerkannt werden.

 

Kapitel 1: Die olympische Bewegung und ihr Handeln

„1. Unter der obersten Autorität des Internationalen Olympischen Komitees umfasst die olympische Bewegung Organisationen, Athleten und andere Personen, die sich bereit erklären, sich von der Olympischen Charta leiten zu lassen“ (7).

Autoritäre Organisationen definieren ihre Autorität und ihre Bürokratie, um dann deren Anerkennung zu fordern. Das IOC fordert, sich  der Olympischen Charta zu unterwerfen. Wer dies nicht tut,  hat im olympischen Sport nichts zu suchen.

„Das Ziel der olympischen Bewegung ist es, zur Schaffung einer friedlichen und besseren Welt beizutragen, indem die Jugend durch Sport, der im Einklang mit dem Olympismus und dessen Werten ausgeübt wird, erzogen wird“ (7).

Der olympische Sport soll angeblich eine friedlichere Welt schaffen, eine Hohlformel, die man genauso gut umgekehrt definieren könnte: Durch Fahnenkult, Nationalhymnen und Medaillenspiegel wird Nationalismus gefördert.

Erstes Beispiel: 1896 erweckte Pierre de Coubertin erneut eine nicht von ungefähr abgehalfterte Idee der Olympischen Spiele zum Leben: das „Treffen der Jugend der Welt“ zum sportlichen Vergleich und zur Völkerverständigung. Doch in Wahrheit sah er in der schlechten konditionellen Verfassung der französischen Soldaten eine Hauptursache für die Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71; diese Schlaffheit sollte durch den Sportunterricht an Schulen verbessern werden. Coubertin war auch vom Ethos der Aristokratie geprägt, vom mens sana in corpore sano (In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist). „Coubertin war kein Nazi, aber auch seine Bewegung glorifizierte den körperlich perfekten, lilienweißen Mann“ (Jennings 1996, S. 44).

Zweites Beispiel: Oscar Ruperti, ein deutscher Chemieindustrieller, Präsident des Deutschen Ruder-Verbandes, Mitglied des IOC von 1919 bis 1926, schrieb zur Jahreswende 1913/14: „Wer jemals die Olympischen Spiele mitgemacht hat, weiß, dass es, von Kriegen abgesehen, kein besseres Mittel gibt, vaterländische Begeisterung zu entflammen, als diesen Wettkampf der Nationen …“ (Dormeier 2006).

Es gäbe noch unzählige weitere Beispiele für die Tatsache, dass Olympische Spiele und Weltfrieden keine kongruenten Ereignisse sind.

Ein Ziel des IOC ist es, in Zusammenarbeit mit Behörden und Organisationen „den Sport in den Dienst der Menschheit zu stellen und dadurch den Frieden zu fördern“ (7).

Andrew Jennings schreibt dazu: „Tatsächlich aber gibt es kein Anzeichen dafür, dass das Komitee auch nur das Geringste für den Weltfrieden getan hat“ (Jennings, S. 25). Das WIE bleibt ebenfalls völlig ungeklärt: Sport hat noch nie einen Krieg oder eine bewaffnete Auseinandersetzung verhindert.

Das IOC soll weiter die Aufgabe haben, „gegen jede Form der Diskriminierung vorzugehen, die die olympische Bewegung beeinträchtigt“ (7).

Jede autoritäre Organisation stellt zunächst ihre Regeln zur Rechtfertigung der eigenen Existenz auf, um danach umgehend Gegner und Abweichler identifizieren zu können. Im Wesen totalitärer Organisationen liegt es, Kritiker und Opposition hart zu bekämpfen. Die Mittel des IOC sind dabei fragwürdig. So wurde bei der Salzburger Bewerbung von Juristen der > Host City Contract des IOC als „sittenwidrig“ und als „Knebelvertrag“ bezeichnet.

Das IOC soll „den Kampf gegen das Doping“ anführen.

Vom „Anführen“ kann keine Rede sein, eher vom Verhindern. Wenn es bei Olympischen Spielen keine Dopingsünder gibt, liegt das daran, dass die Doping-Kontrollen lax sind bzw. so gewählt werden, dass kein Missbrauch festzustellen ist.

Das Doping-Problem begann nicht mit dem gedopten Ben Johnson 1988 in Seoul und endet nicht mit dem ehemaligen österreichischen Bundestrainer Walter Mayer und den österreichischen Langläufern 2006 in Turin oder beim Sprinter Usain Bolt aus Jamaika in Peking 2008.

Das IOC soll „gegen jeden politischen oder kommerziellen Missbrauch des Sports und der Athleten“ vorgehen (7f).

Angesichts der Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking und der Rolle des IOC-Sports im totalitären China mit dem Tibet-Konflikt, dem dortigen Fackellauf etc. sowie der seit Langem angestrebten Kommerzialisierung des Sports kann man dieses Ziel nur als Verhöhnung des ehrlichen Amateursports verstehen.

Das IOC soll „die Entwicklung des Sports für alle“ stärken und unterstützen (8).

Ein Beispiel aus Deutschland: Zwei Drittel der deutschen Sportler bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver waren Angehörige von Polizei, Zoll und Grenzschutz, größtenteils vom Dienst freigestellt, um Medaillen zu erringen: Wo bleiben da die Chancen ärmerer Staaten? 250 Millionen Euro zahlt Deutschland jährlich für die Förderung weniger Spitzensportler: Was könnte man damit im Schul- und Breitensport erreichen! Aber der olympische Fetisch ist stärker – noch.

Ein weiteres Beispiel: Im März 2010 wurden zwei Millionen Euro für den „Goldenen Plan Ost“, einem Förderprogramm für ostdeutsche Sportstätten, also für den Breitensport gestrichen, die für ein Kulturprogramm zur Ski-WM 2011 in Garmisch-Partenkirchen umgeleitet wurden: um die Bewerbung München 2018 zu unterstützen (Schwer 27.3.2010).

Das IOC soll „für eine positive bleibende Wirkung der Olympischen Spiele in den Gastgeberstädten und Gastgeberländern“ sorgen (8).

Nagano (1998), Salt Lake City (2002), Athen (2004), Turin (2006), Peking (2008) und Vancouver (2010) sind durch die Olympischen Spiele ökonomisch stark geschädigt worden. In London (2012) waren ursprünglich weniger als vier Milliarden Dollar angesetzt; 2010 rechnet man derzeit mit 19 Milliarden Dollar). Sotschi (2014) war mit 8,6 Milliarden US-Dollar projektiert und liegt Mitte 2010 schon bei über 30 Milliarden US-Dollar. Und Rio de Janeiro (2016) war mit neun Milliarden Euro angesetzt: Wie viel werden es 2016 sein? München 2018 würde dasselbe Schicksal erleiden. (siehe 18 Gründe: Finanzrisiko)

Unter Regel 5 der „olympischen Solidarität“ heißt es: „Die von der olympischen Solidarität aufgestellten Programme sollen dazu beitragen, die grundlegenden Prinzipien des Olympismus zu fördern“ (9).

Von „olympischer Solidarität“ ist im > Host City Vertrag oder den anderen Verträgen des IOC nichts zu spüren: Es handelt sich um „Knebelverträge“, wie die Salzburger Juristen schrieben.

In Regel 6 ist zu lesen: „Die Olympischen Spiele sind Wettkämpfe zwischen Athleten in Einzel- oder Mannschaftswettbewerben, nicht zwischen Ländern“ (10).

Die Jubelberichte über die Sieger in der jeweiligen nationalen Presseberichterstattung fördern gezielt nationalistische Tendenzen, genauso wie der Medaillenspiegel. Dazu gehört auch das Gepränge mit Fahnen und Hymnen.

Regel 7 beginnt mit den eigentlichen Geschäftsbedingungen, denn um diese und den damit zu erzielenden Gewinn geht es ja:

„1. Die Olympischen Spiele sind das ausschließliche Eigentum des IOC, das alle mit ihnen zusammenhängenden Rechte und Daten, insbesondere und ohne Einschränkung alle Rechte hinsichtlich ihrer Durchführung, Verwertung, Übertragung, Aufnahme, Darstellung, Wiedergabe, des Zugangs und der Verbreitung in jeder Form und durch jedes Mittel und jede Technologie, gleich ob sie heute schon existieren oder künftig entwickelt werden, innehat …

2. Das olympische Symbol, die olympische Fahne, der olympische Wahlspruch, die olympische Hymne, die olympischen Begriffe …, olympische Bezeichnungen, olympische Embleme, das olympische Feuer und die olympische Fackel … werden gemeinsam oder einzeln als ‚olympische Eigentumsrechte’ bezeichnet. Alle olympischen Eigentumsrechte sowie alle Nutzungsrechte daran stehen im ausschließlichen Eigentum des IOC, einschließlich, aber nicht beschränkt auf jede Nutzung in Gewinnerzielungsabsicht oder zu kommerziellen oder Werbezwecken. Das IOC kann für alle oder einen Teil seiner Rechte unter von der IOC-Exekutivkommission festgelegten Bedingungen Lizenzen erteilen“ (10f).

Damit ist der eigentliche Kern des Geschäftsbetriebs IOC beschrieben: vermarkten, lizenzieren, Sponsoren anlocken, Lizenzen an Fernsehsender versteigern – Geld machen. Von Kindern des Olymp zu Händlern von Olympia.

Außerdem lässt sich das IOC, seine Firmen und die Sportler von jeglicher Steuer freistellen, was die Einführung spezieller Gesetze durch das Austragungsland erfordert. Bei der Leipziger Bewerbung (für Olympische Sommerspiele 2012) wurde dies bereits durch den Bundestag vollzogen.

Kapitel 2: Das Internationale Olympische Komitee (IOC)

Das IOC wird dargestellt als eine „nicht gewinnorientierte Organisation unbegrenzter Dauer“ mit Sitz in Lausanne, „der olympischen Hauptstadt“. Diese Organisation kontrolliert sich selbst:

„Die Beschlüsse des IOC sind endgültig. Streitigkeiten über ihre Durchführung oder Auslegung können allein durch das IOC-Exekutivkomitee und, in gewissen Fällen, durch Schiedsverfahren vor dem Court of Arbitration für Sport (CAS) entschieden werden“ (15).

Dieser CAS wurde natürlich ebenfalls vom IOC gegründet und dominiert und ist damit alles andere als unabhängig. Er ist quasi ein Tochterunternehmen, eine Filiale des IOC, das mit diesem Instrument selbst Sport-Urteile fällen kann.

Neue IOC-Mitglieder müssen einen Eid leisten, „der olympischen Bewegung mit all meinen Kräften zu dienen“. Die neuen Mitglieder sollen sich „nicht von politischen oder geschäftlichen Einflüssen“ leiten lassen und „die Interessen des Internationalen Olympischen Komitees und der olympischen Bewegung unter allen Umständen befördern (16).

Schön wäre es. Wer immer sie anführt – wie z. B. 21 Jahre lang der Altfaschist Samaranch – und was immer sie bezwecken: Die Mitglieder haben der Führung zu dienen. Und die geschäftlichen Interessen stehen im Vordergrund: siehe den neuen Sponsor  Dow Chemical!

In Punkt 1.4. steht:

„Die Mitglieder des IOC nehmen von Regierungen, Organisationen oder Dritten keinen Auftrag oder Weisungen entgegen, die dazu geeignet sind, sie in der Freiheit ihres Handelns oder ihrer Stimmabgabe zu beeinträchtigen“ (16).

Bei der Wahl des Austragungsortes 2012, die London schließlich gewann (was der britischen Metropole jetzt schon leid tut), waren vier Agenten mit Blöcken von 15 bis 24 IOC-Stimmen unterwegs. Viele IOC-Stimmen waren und sind vor allem eine Frage des Preises, siehe Hodler.

Jedes IOC-Mitglied hat, wie Punkt 2.7. zu entnehmen ist, die Pflicht,

„den Präsidenten unverzüglich über alle Ereignisse in seinem Land oder innerhalb der Organisation der olympischen Bewegung, in der es eine Position bekleidet, zu unterrichten, die die Anwendung der Olympischen Charta zu behindern oder auf eine andere Weise die olympische Bewegung nachteilig zu beeinflussen geeignet sind“ (16).

Wie in jeder autoritären Organisation muss das IOC-Mitglied seiner Überwachungspflicht nachkommen und unbotmäßiges Verhalten und Abweichler der Spitze melden.

Regel 23 betrifft „Maßnahmen und Sanktionen“. Darin steht unter 1.2. als Möglichkeit gegenüber den internationalen Verbänden die Streichung aus dem Programm der Olympischen Spiele bezüglich einer Sportart, einer Disziplin und eines Wettbewerbs (28). Und in Regel 46 heißt es:

„Nach jeder Auflage der Olympischen Spiele überprüft das IOC das Programm. Bei Gelegenheit dieser Überprüfung können … die Aufnahme oder der Ausschuss von Sportarten, Disziplinen oder Wettkämpfen durch die zuständigen Organe des IOC beschlossen werden“ (45).

Damit hat das IOC die Verbände in der Hand, da die angedrohte Streichung einer Sportart eine Disziplinierung darstellt. Aber auch die Aufnahme einer neuen Sportart macht Verbände gefügig. Da der DAV Sportklettern als olympische Sportart in Rio de Janeiro 2016 möchte, unterstützt er selbstredend die Bewerbungsgesellschaft München 2018. Es werden nur noch moderate Bedenken zugelassen. Die Anpassungsleistung wächst.

Kapitel 3: Die Internationalen Verbände (IFs)

Die Internationalen Verbände haben innerhalb der olympischen Bewegung unter anderem die Aufgabe und Rolle, „im olympischen Geist (nirgends exakt definiert; W. Z.) die Regeln für die Ausübung ihrer jeweiligen Sportarten aufzustellen, durchzusetzen und über deren Anwendung zu wachen“ und „zur Verwirklichung der in der Olympischen Charta festgelegten Ziele beizutragen, insbesondere durch die Verbreitung des Olympismus und der olympischen Erziehung“ (30).

Abgesehen davon, dass „Olympismus“ nur sehr unscharf und die olympische Erziehung kaum definiert ist, werden die Internationalen Verbände zu einem bloßen Wurmfortsatz des „Olympismus“ degradiert. Dabei haben sie oftmals ein Vielfaches an Personal, Mitgliedern und Umsatz des IOC. Allerdings haben sie in toto dessen Geschäftsmodell übernommen.

Kapitel 4: Die Nationalen Olympischen Komitees

Die Rolle der Nationalen Olympischen Komitees (NOKs) wird ähnlich unterwürfig definiert: „Die Aufgabe der NOKs ist es, die olympische Bewegung in ihren jeweiligen Ländern in Übereinstimmung mit der Olympischen Charta zu entwickeln, zu fördern und zu schützen“ (31).

In Deutschland wurden das NOK und der > DSB gleich ganz zusammengelegt, und der bisherige NOK-Chef und IOC-Vizepräsident > Thomas Bach wurde DOSB-Präsident. Das ist eine für das IOC idealtypische Lösung: In Deutschland gibt es damit keine unabhängige oberste Sportorganisation mehr – alles hört auf das Kommando aus Lausanne.

IOC-Mitglieder sitzen automatisch mit Stimmrecht in den NOKs. Diese sollen u. a. regelmäßig einen olympischen Tag oder eine olympische Woche zur Förderung der olympischen Bewegung veranstalten, sich an den Programmen der olympischen Solidarität beteiligen und Finanzierungsquellen „erschließen, die mit den grundlegenden Prinzipien des Olympismus vereinbar“ sind (35).

Also mit Coca-Cola, McDonald’s, Samsung, General Electric … und jetzt noch mit dem neuen Sponsor Dow Chemical! Das ist alles mit den „grundlegenden Prinzipien des Olympismus“ vereinbar!

Kapitel 5: Die Olympischen Spiele

Hier wird das Pekuniäre peinlich genau geregelt.

„Jeglicher finanzieller Überschuss … wird für die Entwicklung der olympischen Bewegung und des Sports verwendet“ (35).

„Jede Kandidatenstadt hat die von der IOC-Exekutivkommission gewünschten finanziellen Garantien beizubringen, die auch entscheidet, ob diese Garantien von der Stadt selbst oder einer anderen zuständigen lokalen, regionalen oder nationalen Stelle oder von Dritten zu geben sind“ (37).

„Das IOC schließt mit der Gastgeberstadt und mit dem NOK des Landes einen schriftlichen Vertrag. Dieser Vertrag, allgemein als Gastgeberstadt-Vertrag bezeichnet, wird durch die Parteien unmittelbar nach der Wahl der Gastgeberstadt unterzeichnet.“

Der schon erwähnte Host City Contract wurde von Juristen des Bundeslandes Salzburg anlässlich der dortigen Bewerbung um Olympische Winterspiele 2014 so beschrieben: Es bestehe „ein minimales Ausmaß an Verpflichtungen und Verbindlichkeiten für das IOC“; „nach den Grundsätzen des österreichischen Zivilrechts [würde] eine derartige Ansammlung von Einseitigkeiten zur Nichtigkeit einer solchen Vereinbarung wegen Verstoßes gegen die guten Sitten führen“ (Bielicki/Effern 11.11.2009).

Das Werbe- und Medienmonopol liegt ausschließlich beim IOC: „Die Ausrichtung, der Ablauf und die Medienberichterstattung der Olympischen Spiele dürfen in keiner Weise von einem anderen Ereignis beeinträchtigt werden, das in der Gastgeberstadt oder in ihrer Umgebung oder an anderen Wettkampfstätten oder Austragungsorten stattfindet“ (37).

Das IOC beansprucht das Monopol an Aufmerksamkeit – vor allem aus werbetechnischen Gründen.

Das IOC stellt sich im Übrigen von allen Risiken frei:

„Das NOK, das OK (Organisationskomitee) und die Gastgeberstadt haften gesamtschuldnerisch für alle Verpflichtungen … mit Ausnahme der finanziellen Haftung für Ausrichtung und Durchführung dieser Spiele, die vollständig die Gastgeberstadt und das OK gesamtschuldnerisch trifft … Das IOC übernimmt keinerlei finanzielle Haftung hinsichtlich Ausrichtung und Durchführung der Olympischen Spiele“ (38).

Das IOC wird selbstverständlich komplett freigestellt. Da die Olympischen Sommer- und Winterspiele der letzten Jahrzehnte durchgängig ein Defizit erbrachten (letztes Plus: Los Angeles 1984), bleibt der stets beträchtliche Verlust an den Ausrichtungsorten hängen.

Nicht einmal das NOK bzw. In Deutschland der  DOSB haftet, sondern ausschließlich die Austragungsorte und das Organisationskomitee. Im Fall München 2018 hat der DOSB zwar 51 Prozent an der Bewerbungsgesellschaft, also die Mehrheit, trägt aber weder Risiken noch zahlt er Kapital ein.

Auch in puncto Werbung beansprucht das IOC das alleinige Monopol: „Vorbehaltlich der Genehmigung durch die IOC-Exekutivkommission darf kein Wettkämpfer, Coach, Trainer oder anderer Offizieller der Mannschaft, die an Olympischen Spielen teilnehmen, gestatten, dass seine Person, sein Name, sein Bild oder seine sportlichen Leistungen während der Olympischen Spiele zu Werbezwecken genutzt werden“ (41).

Jeder Teilnehmer muss eine Einverständniserklärung unterzeichnen, „im Blick auf die Förderung der Olympischen Spiele und der olympischen Bewegung … gefilmt, vom Fernsehen übertragen, fotografiert, identifiziert oder in anderer Weise aufgezeichnet zu werden“ (43). Zugleich wird penibel die Größe und Art der Herstellerbezeichnung auf der Sportlerkleidung geregelt.

Schließlich bestimmt das IOC auch den Zeitpunkt der Wettbewerbe: „Die endgültige Entscheidung über Tag und Uhrzeit der Wettbewerbe liegt beim IOC-Exekutivkomitee“ (47).

Das ist für die Fernsehübertragung wesentlich. NBC beharrte in Peking 2008 auf morgendlichen Schwimmwettbewerben, um besonders teure Werbeblöcke mit dem American Olympic Heroe Michael Phelps (acht Goldmedaillen im Schwimmen) verkaufen zu können.

Zur Regel 49: Berichterstattung über die Olympischen Spiele. Natürlich wird auch die IOC-Hofberichterstattung streng zensiert und geregelt – über den „IOC Media Guide“. So dürfen unter keinen Umständen „Athleten, Trainer, Offizielle, Presse-Attachés oder andere akkreditierte Teilnehmer während der Olympischen Spiele als Journalist oder in einer anderen mit den Medien verbundenen Funktion tätig werden“ (51).

Die IOC-Veröffentlichungen werden natürlich nicht vom IOC selbst bezahlt: „Alle vom IOC gewünschten Publikationen im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen werden auf Kosten des OK im vom IOC gewünschten Format hergestellt und verbreitet“ (51).

Auch „Regel 50: Werbung, Demonstration und Propaganda“ trägt Züge absolutistischer Regimes:

„1. Die IOC-Exekutivkommission legt die Grundsätze und Bedingungen fest, nach denen jegliche Form von Reklame oder andere Werbung gestattet werden kann.

2. Keinerlei Reklame oder andere Werbung in oder über den Stadien, Austragungsorten oder anderen Wettkampfstätten, die als Teil der olympischen Stätten anzusehen sind, ist erlaubt.

Gewerbliche Einrichtungen und Werbezeichen sind weder in den Stadien, an den Austragungsorten noch in anderen Sportanlagen erlaubt“ (51f).

Im Klartext: Werbung bei Olympischen Spielen ist das ausschließliche (weil äußerst lukrative) Geschäft des IOC, das sämtliche Werbemaßnahmen allein bestimmt und genehmigt. Der Säuberungsprozess betrifft sogar noch „andere Sportanlagen“ plus den Luftraum darüber; siehe Abschnitt 47 im Host City Contract Vancouver.

„3. Jede Demonstration oder politische, religiöse oder rassische Propaganda ist an den olympischen Stätten, Austragungsorten oder in anderen olympischen Bereichen untersagt“ (50f.).

Das klingt zunächst relativ demokratisch: Der eigentliche Sinn des Passus ist jedoch das Verbot jeglicher Demonstrationen, also auch jeglicher Protest gegen die IOC-Willkür. Der Staat bzw. die austragende Stadt müssen polizeilich dagegen einschreiten. Fazit: Für die Zeit Olympischer Spiele sind damit demokratische Rechte aufgehoben!

Regel 55 befasst sich mit dem olympischen Feuer: „Nach der Schlusszeremonie der Olympischen Spiele darf weder in einer Gastgeberstadt noch anderswo ein olympisches Feuer, eine olympische Fackel, Feuerschale oder ein anderes Behältnis, das in irgendeiner Form für das Brennen des olympischen Feuers bestimmt ist, ohne die Zustimmung des IOC verwendet werden“ (54).

Das IOC-Monopol auf das heilige Kleinod des olympischen Feuers ist nur vordergründig lächerlich – schließlich verdienen Fetische, wenn man ein Monopol darauf beansprucht, besondere Aufmerksamkeit. Dann erst lässt sich mit ihnen verdienen.

Regel 56 regelt sehr selbstbewusst die Hierarchie zwischen den IOC-Präsidialen im Olymp und den weltlichen Staatschefs:

„3. Das Staatsoberhaupt des gastgebenden Landes erklärt die Olympischen Spiele mit einem der folgenden Sätze für eröffnet:

bei der Eröffnung der Spiele der Olympiade: ‚Ich erkläre die Spiele von (Name der Gastgeberstadt) zur Feier der … (Zahl der Olympiade) Olympiade  moderner Zeitrechnung für eröffnet.’

bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele: ‚Ich erkläre die … (Zahl der Olympischen Winterspiele) Olympischen Winterspiele von … (Name der Gastgeberstadt) für eröffnet’“ (54f).

Viel hat das Staatsoberhaupt des Gastgeberlandes, also der Vertreter der finanziell heftig blutenden Steuerzahler nicht zu sagen – eigentlich gar nichts und zur Beendigung überhaupt nichts. Im Norddeutschen nennt man so eine Person „Grüßmichel“. Damit weisen sich die IOC-Regenten die höheren Ränge zu. Den Staatsoberhäuptern der für Olympische Spiele kräftig geschröpften Bürger bleiben hingegen nur die niedrigeren Ränge: Sie lassen sich damit freiwillig zu Marionetten des IOC degradieren.

Und weil die Demütigung noch nicht reicht, setzt das IOC noch eins drauf:

„Während der gesamten Dauer der Olympischen Spiele, einschließlich aller Zeremonien, dürfen keinerlei Reden von Vertretern einer Regierung oder einer staatlichen Stelle oder von anderen Politikern an einem Ort gehalten werden, der der Verantwortlichkeit des IOC untersteht. Während der Eröffnungs- und der Schlussfeier haben allein der Präsident des IOC und der Präsident des OK das Recht, kurze Ansprachen zu halten“ (55).

Das kommt einer Enteignung auf eigenem Staatsgebiet gleich.

Damit die rechtliche Situation in die richtigen IOC-Hände kommt, lautet Regel 59:

„Alle Streitigkeiten, die anlässlich oder im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen entstehen, sind ausschließlich dem Schiedsgericht für Sportsachen gemäß dem Regelwerk für die Schiedsgerichtsbarkeit in Sportsachen zu unterbreiten.“

Damit ist der CAS in Lausanne gemeint, der ein Appendix des IOC selbst ist. Damit ist die rechtliche Situation „in den richtigen IOC-Händen“!  Eine unabhängige Justiz sieht anders aus!

Quellen:
Bielicki, Jan/Effern, Heiner, Verstoß gegen die guten Sitten, in SZ 11.11.2009
Dormeier, Silke, Wissensvermittlung im Hörfunk, Tübingen 2006
Hahn, Jörg, Präsident Bach bleibt an Bord, in faz.net 29.6.2010
Jennings, Andrew, Das Olympia-Kartell – Die schäbige Wahrheit hinter den fünf Ringen, Reinbek 1996
Schall, Tobias, Missglückte Generalprobe, in stuttgarter-zeitung.de 19.8.2013
Schwer, Alexander, Hohes Niveau auch abseits der Piste, in Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 27.3.2010
Weinreich, Jens, Der Sport-Konzern, in Badische Zeitung 2.8.2008