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NS-Sportfunktionäre

„Sie sprechen nicht gern darüber, wie es damals mit den Leibesübungen war. Sie nicht, die sie aktiv und wettkampfmäßig trieben, sie nicht, die ihnen als Funktionäre dienten, und sie schon gar nicht, die sie für die Schulen organisierten oder als wissenschaftliche Disziplin an den Hochschulen vertraten. Eine Mauer des Schweigens zieht sich um diesen heilig-unheiligen Bezirk, wehe, wer sie zu durchbrechen wagt und aufklärerische Worte spricht“ (Popplow, Ulrich 1968, S. 45)

Diese Aussagen über die NS-Sportfunktionäre gelten mit wenigen Einschränkungen bis heute, vergleiche die immer noch virulente aktuelle Diskussion um den 1968 verstorbenen Carl Diem. Dabei hatte die NS-Sportpolitik explizit die Aufgabe, die Wehrhaftigkeit zu steigern. Der Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten beschrieb dies so:„Nur ein gesunder, kräftiger Mann kann der großen Aufgabe des Staatsbürgers gerecht werden, den Heimatboden zu verteidigen… Nur wer seinen Körper beherrscht, lernt die Waffe beherrschen und meistern“ (von Tschammer und Osten, Grundlagen, Beitrag 10a)

Das NS-Regime hatte wenig Mühe, die deutschen Sportvereinigungen zu erobern: Deren Führungspersonal war meist schon vor 1933 stramm rechts ausgerichtet. Oder wie es Edmund Neuendorff auf dem 15. Deutschen Turnfest in Stuttgart 1933 ausdrückte: Die deutsche Turnerschaft musste „als reife Frucht Adolf Hitler, dem Führer, dem sie auch als ihrem Führer zujubelte, zufallen“ (Ueberhorst S. 37). Und Lorenz Peiffer stellte 2009 fest: „Als Ergebnis der neueren Untersuchungen ist festzuhalten, dass die deutschen Turn- und Sportvereine zu den ersten gesellschaftlichen Organisationen zählten, die sich durch den Ausschluss ihrer jüdischen Mitglieder freiwillig an dem gesellschaftlichen und politischen Wandlungsprozess des Jahres 1933, dem nationalsozialistischen Machteroberungsprozess beteiligten und damit zur ‚kumulativen Radikalisierung’ (Mommsen) beitrugen … Offensichtlich hatten viele Turn- und Sportfunktionäre – von der Vereins- bis zur obersten Verbandsebene – nur auf ein Signal gewartet, um ihre Organisation von ihren jüdischen Mitgliedern – aber auch von politisch Andersdenkenden – zu säubern“ (Peiffer 2009, S. 31).von meinem
Zahllose jüdische Sportler und Olympia-Teilnehmer kamen später in Konzentrations- und Vernichtungslagern um. Der deutsche Leichtathlet der dreißiger Jahre, Paul Yogi Mayer führte in seinem Bericht „Die große Illusion“ einige von ihnen auf: „Hirsch, ein Spieler in der deutschen Fußball-Mannschaft von 1912, in Auschwitz; die Gebrüder Baruch aus meiner Heimatstadt Bad Kreuznach (Deutsche Meister im Ringen) in zwei verschiedenen Konzentrationslagern; Alfred und Gustav Felix Flatow, die beiden Goldmedaillen-Sieger von 1896, erlitten dasselbe Schicksal; Lilli Hennoch, damalige deutsche Meisterin von meinem ehemaligen Berliner Berliner Sportclub, wurde in Riga ermordet. Roman Kantor (Ungarn) beendete sein Leben in Majdanek, Illyia Scraibman im Warschauer Ghetto… Janós Garay  und Andreas Szekely kamen in Mauthausen um“ (zitiert nach Ricardi 23.7.1993).

Im Kritischen Olympischen Lexikon sind einige der hohen Sportfunktionäre aufgeführt, die entweder in der NSDAP hohe Ämter und Funktionen bekleideten oder sich in ihren Dienst stellten und während des NS-Regimes oder nachher Funktionen im IOC wahrnahmen: Willi Daume, Carl Diem, Karl Ritter von Halt, Carl Krümmel, Theodor Lewald, Adolf Friedrich zu Mecklenburg, Guido von Mengden, Edmund Neuendorff, Walter von Reichenau, Hans von Tschammer und Osten.

Krümmel, von Reichenau und von Tschammer und Osten verstarben vor Kriegsende. Viele NS-Sportfunktionäre bekleideten nach dem Krieg fast ausnahmslos wieder hohe Posten bei DSB, DFB oder anderen Verbänden. Als Beispiel werden angeführt:

Willi Daume: Er war NSDAP-Mitglied und Gaufachwart für Handball; ab 1950 war er Präsident des Deutschen Handball-Bundes, 1950 bis 1970 Präsident des Deutschen Sportbundes, von 1961 bis 1992 Präsident des NOK und Leiter der olympischen Bewerbung München 1972.

Carl Diem
wurde 1933 Generalsekretär der Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen und der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin; man bezeichnete ihn als „Außenminister des NS-Sports“. Nach 1945 baute er die Deutsche Sporthochschule Köln auf und war an der Gründung des Nationalen Olympischen Komitees (1949) und der Deutschen Olympischen Gesellschaft (1951) beteiligt.

Karl Ritter von Halt
: Er war NSDAP-Mitglied ab 1.5.1933, leitete das Fachamt für Leichtathletik im „NS-Reichbund für Leibesübung“. Von 1944 bis 1945 war er NOK-Präsident, IOC-Mitglied von 1929 bis 1945 und von 1937 bis 1945 im IOC-Exekutivkomitee. Bereits 1951 saß er wieder (bis 1964) im IOC und von 1957 bis 1963 wieder im IOC-Exekutivkomitee. Von Halt war von 1951 bis 1961 Präsident des westdeutschen Nationalen Olympischen Komitee und von 1961 bis 1964 dessen Ehrenpräsident, außerdem Ehrenpräsident des Internationalen Handballverbandes und des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.

Carl Krümmel: Er prägte den Typ des „nationalsozialistischen Leibeserziehers, baute die „Reichsakademie für Leibesübungen“ auf und initiierte den Übergang vom Sport zum Wehrsport

Theodor Lewald: Ab 1931 war er Präsident des Organisationskomitees der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin und offerierte dem NS-Regime die Möglichkeit der weltweiten Propaganda durch die Spiele. Lewald half mit, die deutschen Sportvereine in das nationalsozialistische System zu integrieren. Er wurde 1934 faktisch entmachtet, da er als „Halbjude“ galt, täuschte aber das IOC über diesen Fakt, ebenso wie über die Verfolgung und Diskriminierung der Juden im Dritten Reich. 1938 musste er seinen IOC-Sitz für General von Reichenau räumen. 1938 zwang man ihn – vorgeblich aus Altersgründen – sich von allen Ämtern zurückziehen.

Adolf Friedrich zu Mecklenburg: Er war letzter Gouverneur der deutschen Kolonie Togo und dreißig Jahre lang, von 1926 bis 1956, Mitglied im IOC. Von 1934 bis 1939 bereiste er Afrika im Auftrag des „Werberates der Deutschen Wirtschaft“, einer Organisation deutscher Industrieller, die NS-Propandaminister Goebbels beriet. Von 1949 bis 1951 war Mecklenburg erster Präsident des Deutschen Olympischen Komitees.

Guido von Mengden: Am 1.5.1933 trat er in die NSDAP ein, wurde am 1.6.1933 Pressesprecher des DFB und im April 1935 Pressereferent des Reichssportführers von Tschammer und Osten. 1936 stieg Mengden auf zum Generalreferenten des „Deutschen Reichsbund für Leibesübungen“, ab 1938 „Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen“ und wurde damit der „Generalstabschef des Sports“ im Dritten Reich. Mengden war von 1951 bis 1953 Geschäftsführer der „Deutschen Olympischen Gesellschaft“, von 1954 bis 1963 Geschäftsführer des „Deutschen Sportbunds“ und saß ab 1961 im „Nationalen Olympischen Komitee der Bundesrepublik“. Nach der Pensionierung wurde er Hauptschriftleiter des Standardwerkes der Olympischen Winterspiele 1964 in Innsbruck und der Olympischen Sommerspiele 1964 in Tokio. Bis zu den Olympischen Sommerspielen 1972 in München wirkte er als Berater von Willi Daume. (Folgt)
Hajo Bernett kommt in diesem Zusammenhang zu dem Schluss: „Wenn aber ehemals Führende und Verführende in Spitzenpositionen zurückkehren, um wieder programmatisch aktiv zu werden, dann ist die Toleranzgrenze überschritten. Politische, geschichtliche  und moralische Gründe fordern, dass ein neues Blatt der Geschichte nicht von den politisch Gescheiterten geschrieben wird, von denjenigen, die an der größten Katastrophe der deutschen Geschichte mitschuldig sind“ (Bernett S. 8).

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Man könnte diesen Personenkreis im Nachkriegsdeutschland noch wesentlich erweitern: zum Beispiel um den Dressurreiter und Olympiasieger Josef Neckermann, dem Vorsitzenden der Stiftung Deutsche Sporthilfe von 1967 bis 1988. Bereits 1933 trat er der Reiterstaffel der SA und 1937 der NSDAP bei, meldete sich 1941 freiwillig zur SS und profitierte stark von der „Arisierung“, sprich Enteignung jüdischer Firmen zwischen 1933 und 1945, die er spottbillig übernahm.

Im Zusammenhang mit rechtem Gedankengut muss auch der frühere IOC-Präsident Avery Brundage genannt werden – und natürlich der explizit aus der spanischen faschistischen Bewegung kommende frühere IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch.

Auch andere Personen und Stichworte des Kritischen Olympischen Lexikons sind hier interessant, zum Beispiel Adolf Dassler, IOC und Diktaturen oder Reichssportfeld, Olympische Sommerspiele Berlin 1936 und Sport/Sport und Totalitarismus.

Erschreckend ist die offenbare Affinität vieler Sportfunktionäre und Sportler mit nationalistischem und rechtem Gedankengut und als Folge die Kooperation mit autoritären Regimen und undemokratischen Regierungen. Diese nationalistischen, völkischen Denkweisen ziehen sich historisch durch: vom Beginn der Turnerbewegung des „Turnvaters“ Friedrich Ludwig Jahn über die Neuauflage der Olympischen Spiele durch Pierre de Coubertin bis zu den Olympischen Spielen 1936 im Nazi-Deutschland. Heute zählen dazu die Vergaben Olympischer Spiele an autoritäre und undemokratische Systeme wie China (Peking 2008) und Russland (Sotschi 2014).

Die Verbindung von Sport und autoritärem Denken hat diverse Ursachen: den Hochleistungssport, der für egoistisches und materialistisches Denken sorgt; das Elitebewusstsein von Sportverbänden und Sportlern, die Betonung des Nationalen bei Sportwettkämpfen und – gerade heute – die Ausblendung der akuten ökonomischen und ökologischen Probleme zugunsten gigantomaner Sportveranstaltungen.

Sehr hilfreich waren hier die fünf in den Siebziger Jahren im Verlag Bartels und Wernitz erschienenen kritischen Bücher der Reihe „Turn- und Sportführer im Dritten Reich“, die von Prof. Dr. Horst Ueberhorst herausgegeben wurden und aus denen hier ausführlich zitiert wird. Horst Ueberhorst und sein Kollege Hajo Bernett zeigten die skandalösen Vorgänge vor und nach 1945 im deutschen Sport und den deutschen Sportverbänden: Sie waren einsame Rufer in der Wüste.

Nachtrag: Das jährliche Pferdefestival von Redelfin wird von Paul Schockemöhle, dem bekanntesten deutschen Pferdezüchter, organisiert. Bis Mai 2012 gab es dort einen Preis für die talentiertesten Nachwuchstreiter aus Mecklenburg-Vorpommern – „in Memoriam Freiherr von Langen“ (Eggers, Wulzinger 4.3.2013). von Langen starb 1934 an einem Sturz bei einem Military-Turnier. Im Vorwort der 1936 erschienenen Biographie von Carl Freiherr von Langen schrieb NS-Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten: „Er starb für uns und die Ehre der SA!“ Dem SA-Obersturmbannführer widmete die Bundespost anlässlich der Olympischen Sommerspiele in Mexiko 1968 eine Sonderbriefmarke. „Erst jetzt gerät die tiefe Verstrickung der deutschen Reiterei in das NS-System in den Fokus der Geschichtswissenschaft“ (Ebenda). Die Hamburger Historikerin Nele Maya Fahnenbruck schrieb ihre Dissertation über „Pferdesport und Politik im Nationalsozialismus“ und äußerte: „Bis in die jüngste Vergangenheit haben die Reiter in Deutschland so getan, als hätte es die Jahre zwischen 1933 und 1945 nicht gegeben“ (Ebenda).
2013 wurde die „Freiherr von Langen-Trophäe umbenannt – angeblich wegen der zu langen Gedenkzeile. Das Haus Schockemöhle äußewrte auf Nachfrage des Spiegel: „‚Andere Gründe‘, Carl-Friedrich Freiherrn von Langen aus dem Programm zu streichen, habe es ’nicht gegeben'“ (Ebenda). 

Quellen:
Adolfs Rekruten, in Der Spiegel 41/1971
Berliner Bluff, in Der Spiegel 8/1973
Bernett, Hajo
– Guido von Mengden, „Generalstabschef“ des deutschen Sports, Berlin 1976
– Sportpolitik im Dritten Reich, Schorndorf 1971
Eggers, Erik, Wulzinger, Michael, Brauner Herrenreiter, in Der Spiegel 10/4.3.2013
Krüger, Arnd, Theodor Lewald – Sportführer ins Dritte Reich, Berlin 1975
Peiffer, Lorenz, Sport im Nationalsozialismus, Göttingen 2009
Popplow, Ulrich, Leibesübungen unterm Hakenkreuz, in: Leibeserziehung 1968, Heft 2, S. 45, zitiert nach: Steinhöfer, S. 7
Ricardi, Hans-Günter, Die olympischen Ringe waren kein Schutz, in SZ 23.7.1993
Steinhöfer, Dieter, Hans von Tschammer und Osten, Reichssportführer im Dritten Reich, Berlin 1973
Tschammer und Osten, Hans von, Sport und Leibesübungen im nationalsozialistischen Staat, Berlin 1937, in: Grundlagen, Beitrag 10a, zitiert nach: Vespignani S. 82
Ueberhorst, Horst
– Carl Krümmel und die nationalsozialistische Leibeserziehung, Berlin 1976
– Edmund Neuendorff, Turnführer ins Dritte Reich, Berlin 1970
Ungeheure Farce, in Der Spiegel 46/13.11.1978
Vespignani, Renzo, Faschismus (Hrsg. Neue Gesellschaft für bildende Kunst und Kunstamt Kreuzberg), Berlin 1976

Siehe auch Fachliteratur