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Neuendorff, Edmund

(* 1875, † 1961)

Intro
„Edmund Neuendorff war überzeugter Nationalsozialist gewesen. Er hatte wesentlichen Anteil daran, dass die Deutsche Turnerschaft Hitler zugeführt wurde. Seine Schriften und Reden in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg von 1919 bis zum Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 waren betont antidemokratisch und gegen die Weimarer Republik gerichtet… In Hitler und seinen braunen Kolonnen sah er die Wegbereiter einer neuen, auf Volksgemeinschaft, Rasse und Wehrhaftigkeit sich gründenden nationalen Ordnung. Neuendorff ist den Weg zur ‚nationalen Revolution’ konsequent mitgegangen, hat als Bundesjugendwart und als stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Turnerschaft nationalsozialistisches Gedankengut in die Turnerschaft hineingetragen und hat schließlich auch die organisatorischen Voraussetzungen für den Übergang der Turnerschaft in die nationalsozialistische Bewegung mitgeschaffen…“ (Ueberhorst S. 7).

Neuendorffs Aktivitäten „waren von autoritärem politischem, v. a. antisozialistischem Denken, völkischem Nationalismus sowie sozial—und rassehygienischen Vorstellungen getragen, ergänzt von Antiintellektualismus, Antimaterialismus und einem Antisemitismus mit verschwörungstheoretischem Einschlag… sein Ideal war die von starken Führern dominierte Volksgemeinschaft“ (Benz 579).

Vita
Neuendorff trat als Jugendlicher der Deutschen Turnerschaft (DT) bei. Er studierte in Berlin Philosophie und Philologie, wo er auch 1897 die Turnlehrerprüfung ablegte und im Lehrfach tätig wurde. Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zu seinem Ende war Neuendorff Soldat. 1925 wurde er (bis 1932) an die „Deutsche Hochschule für Leibesübungen“ berufen und gleichzeitig Präsident des größten deutschen Sportverbandes, der Deutschen Turnerschaft (DT). „Nach dem Krieg sah er seine Aufgabe darin, über die Deutsche Turnerschaft solche soldatisch bestimmte ‚Volksgemeinschaft’ aufzubauen. Er glaubte, dass dieses Ziel von der nationalsozialistischen Bewegung verwirklicht werden könnte“ (A.a.O., S. 10; vgl. auch Benz S. 581)

Neuendorff beteiligte sich 1920 an der Niederschlagung des Ruhraufstandes. 1930 trat er aus der DNVP aus, „weil ich ihre weichliche Politik nicht mitmachen konnte, und habe mich innerlich dem Nationalsozialismus zugewandt… Sofort im Juli 1932, als die Sperre für die Beamten aufgehoben wurde, bin ich der NSDAP beigetreten“ (Ueberhorst, Dokument Nr. 2, S. 54).
Er wurde 1933 Vorsitzender der DT. Da er den Posten des Reichssportführers anstrebte, setzte er in der DT im April 1933 einen „Arierparagraphen“ durch, „der schärfer als die NS-Gesetze war“ (Benz 581; siehe auch unten). Am 9.5.1933 bat Neuendorff zusammen mit den zwei anderen Mitgliedern des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen (DRA), Linnemann (Fußball) und Pauli (Rudern) den am 28.4.1933 zum „Reichssportkommissar“ ernannten (und späteren Reichssportführer) Hans von Tschammer und Osten, den DRA aufzulösen; der tat dies umgehend am 10.5.1933 (Ueberhorst B 31/1986, S. 5).
1934 wurde Neuendorff aufgrund von Differenzen mit dem Reichssportführer aller Ämter enthoben, siehe unten.

Rechte Gesinnung
„Von Beginn der Weimarer Republik an arbeiteten die rechtsgerichteten Kreise der Deutschen Turnerschaft, als deren Repräsentant Neuendorff anzusehen ist, auf eine nationale und soziale Umwälzung hin“ (Ueberhorst 1970, S. 13). Seine Forderungen waren: „Zurück zu Jahn, es gibt kein besseres Vorwärts“ und „Turnerschaft unser Weg, Volk unser Ziel“ (Ebenda; Jahn ist „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn).

1929 präzisierte Neuendorff  seine Ziele: „Wir deutschen Turner müssen völkisch sein!“ Das hieß für ihn u. a. „nordisches Blut auch in die fernsten Geschlechter in seiner Art zu erhalten“ und „völkische Freiheit und Selbständigkeit wahren, verteidigen und … zurückgewinnen“ (A.a.O., S. 14). In seinen Werken „Die Deutsche Turnerschaft 1860 – 1936“ und „Geschichte der neueren deutschen Leibesübung vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ lässt sich die „nationalsozialistische Gesinnung“ (Ueberhorst) herauslesen. Neuendorff äußerte sich offen antisemitisch, wie in der „Deutschen Turnerschaft“: „In dem Völkermang und Rassengewirr des habsburgischen Österreich hatten die Juden wie nirgendwo anders eine Stätte gewonnen, wo sie im Trüben fischen und die Macht an sich reißen konnten“ (A.a.O., S. 17).

Nach Jahn hätte jeder Turner „nationalbewusst und völkisch“ zu sein und mit „glühender Seele“ für sein Vaterland einzutreten“. „Wehrhaftigkeit“ sei vom Mannesideal der deutschen Turnerschaft nicht zu trennen (Ebenda).
In seinem Werk „Geschichte der Leibesübungen“ plädierte Neuendorff für eine völkische Erneuerung anhand der Werte von Jahn, speziell der drei Werte „Leistung“, Erdhaftigkeit“ und „Volk“:
1) Leistung: „An den Leistungen, welche im Kampf vollbracht wurden, wuchs alles Männliche und Heldische.“ Der Turnlehrer habe die wichtige Aufgabe, zum rechten Kampfgeist zu erziehen – diese Forderung wurde später in der nationalsozialistischen Leibeserziehung verwirklicht. 2) Erdhaftigkeit: bedeutet bei Neuendorff die Entfaltung der „Ursprünglichkeit des Lebens“ in Richtung der „Blut- und Boden“-Mystik des Dritten Reiches. 3) Volk: Durch nationalpolitische Erziehung soll aus kleinen festen Gemeinschaften die Volksgemeinschaft werden (A.a.O., S. 20f).

Neuendorff plädierte für die Stärkung des Wehrwillens durch Geländeübungen, Übungsmärsche, Kampf Mann gegen Mann, Ziel- und Weitwerfen, Kleinkaliberschießen, als für eine vormilitärische Ausbildung durch Sport. Er sah in der nationalsozialistischen Herrschaft die Erfüllung seiner Hoffnungen: „Nirgendwo konnte der Boden für die Aufnahme all des Ungeheueren, das Adolf Hitler neu über Deutschland strömen ließ, besser vorbereitet sein als in der Turnerschaft“ (A.a.O., S. 22; Ueberhorst weist hier auf die „fatale Doppelbedeutung“ des Begriffs „Ungeheueres“ hin).

Das 15. Deutsche Turnfest Stuttgart 1933
Vom 21. bis 30.7.1933 fand in Stuttgart das 15. Turnfest mit 150.000 Turnern und Turnerinnen und drei Millionen Gästen statt. Die DT-Leitung unter Neuendorff hatte die NS-Spitze eingeladen; Hitler, Vizekanzler von Papen und die Minister Goebbels und von Neurath waren erschienen.
Neuendorff rief unter „stürmischen Heilrufen“ zum Auftakt: „Die Deutsche Turnerschaft will den Aufbruch ins Dritte Reich antreten.“ (A.aO., S. 33). Der Reichssportkommissar Hans von Tschammer und Osten drohte: „Wer die Deutsche Turnerschaft angreift, der greift Deutschland an“ (Ebenda). Goebbels betonte in dieser „nationalen Feierstunde der deutschen Turnerschaft“, „dass „nationalsozialistischer Feuergeist“ die Hand reichen wolle der „turnerischen Kraft“ (A.a.O., S. 34).

„Turnvater“ Jahn wurde in vielen Reden als Vorläufer des Nationalsozialismus gewürdigt. Der Vereinsführer des Anklamer Turnerbundes 1861 sagte: „Wir können das Erbe Jahns nie in bessere und mächtigere Hände als die des Führers legen. Das ist nicht zufällig der Fall, sondern entspricht dem völkischen Vermächtnis des Turnvaters“ (Ebenda). Ähnlich der württembergische Ministerpräsident: „Und dieser Geist der nationalsozialistischen deutschen Revolution ist letzten Endes gar nichts anderes als Geist eines Jahn, als Geist der ursprünglichen deutschen Turnerei“ (Ebenda). Auch Hitler lobte in seiner Rede den „Vater einer umwälzenden Bewegung“, Friedrich Ludwig Jahn.

Neuendorff stellte am 26.7.1933 von Tschammer und Osten als neuen Führer der deutschen Turnerei vor und „appellierte an die Turnerjugend, den Nationalsozialismus anzunehmen und im Adolf Hitler geführten völkischen Staat mitzuwirken: „Die Turnerjugend muss sich in den Staat Adolf Hitlers hineinstellen und in ihm schaffen, mit Aufbietung aller Kraft schaffen an der Stelle ihres Einsatzes“ (A.a.O., S. 36). Er sprach sich für die weitere Militarisierung des deutschen Turnertums aus, für den Turner als wehrhaften Soldaten des Nationalsozialismus: „So ist der Turner schlechthin immer wehrhafter Soldat des Nationalsozialismus gewesen und wird es immer bleiben“ (A.a.O., S. 36f)

Von Tschammer und Osten führte dazu auf dem Turnfest aus: „Wir wollen den deutschen Jungen wieder in die harte Schule soldatischer Erziehung hineinstellen. Ob er dermal einst ein Gewehr tragen  oder das Geschütz bedienen wird, ob er fliegen lernt oder zur See gehen soll: diese Vorbereitung kann uns auch ein Schanddiktat von Versailles nicht rauben!“ (A.a.O., Dokument Nr. 8, S. 73; gemeint sind die Deutschland im Vertrag von Versailles auferlegten Reparationsleistungen; W.Z.).
Diese Vorbereitung zum Wehrsport wird im Zweiten Weltkrieg hunderttausende junger Menschen das Leben kosten.

Die weitere Integration ins Dritte Reich
Schon 1932 entgegnete Neuendorff auf die Kritik von Berliner Sportfunktionären an seiner Nähe zum Nationalsozialismus: „Wir werden von dem Weg, den wir gegangen sind und gehen, nicht um Haaresbreite abweichen. Wem das nicht passt, der gehört nicht zu uns, nicht zur Turnerjugend und nicht in die Turnerschaft, der mag sich ein anderes Arbeitsfeld suchen…“ (A.a.O., Dokument Nr. 1, S. 53).

Am 16.5.1933 schrieb Neuendorff in einem Brief an Hitler: „Mit ungeheurem Jubel ist von der gesamten Deutschen Turnerschaft … die Ergreifung der Macht durch Sie, mein Führer, begrüßt worden. Die Deutsche Turnerschaft hat sich sofort der nationalen Regierung zur Verfügung gestellt…“ Neuendorff verwies in dem Brief auf die umgehend erfolgte Eliminierung von Marxisten und Juden aus der Deutschen Turnerschaft, auf die Organisierung von „Wehrturnen“ und auf eine halbe Million Turner in der DT. Dann bot er dem „hochzuverehrenden Herrn Reichskanzler, mein Führer“ an, „dass  die Deutsche Turnerschaft sich unter Ihrer Führung Seite an Seite neben SA und Stahlhelm stellt, und dass sie unter Ihrer Führung Schulter an Schulter mit S.A. und Stahlhelm den Vormarsch ins Dritte Reich antritt“ (A.a.O., Dokument  Nr. 7, S. 70).

Am 13.7.1933 schrieb Neuendorff an den späteren Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten: „… im vollen Vertrauen zu Ihnen, Herr Reichssportkommissar, bitte ich Sie, das Amt des Führers der Deutschen Turnerschaft zu übernehmen“ (Dokument Nr. 1, in Steinhöfer S. 116).

Neuendorff ließ 1933 den „Arier-Paragraphen“ in die Satzung der Deutschen Turnerschaft aufnehmen, angeblich um die Selbständigkeit der deutschen Turnerschaft zu erhalten. Dieser hatte folgenden Wortlaut:
„Alle Vereine werden aufgefordert, alle jüdischen Mitglieder aus ihren Reihen auszuschließen. Jude ist, wer jüdische Eltern hat. Jedoch jüdische Turner, die am Weltkrieg als Frontkämpfer teilgenommen haben oder deren Söhne oder Väter im Weltkrieg gefallen sind, können in allen Ehren in der Turnerschaft bleiben“ (A.a.O., S. 40). Diese Ausnahmeregelung wurde bald gestrichen.
Die Nürnberger Rassengesetzt wurden im Herbst 1935 beschlossen: Die Deutsche Turnerschaft war also in ihrem vorauseilendem Gehorsam früh dran!

Als Konsequenz wurden alle jüdischen Sportler aus deutschen Turnvereinen ausgeschlossen, darunter z.B. Alfred Flatow, der 1896 drei olympische Goldmedaillen erturnt hatte und später in Auschwitz umkam (Der Spiegel 46/1978).

Trotz aller Anpassungsleistungen der DT an das NS-Regime war es bald aus mit der Selbständigkeit: „Anfang 1936 wurde auf dem Deutschen Turntag in Coburg in ‚nationalsozialistischem Pflichtgefühl’ die Auflösung der Deutschen Turnerschaft beschlossen“ (Ueberhorst, a.a.O., S. 41).

Ende der Sport-Karriere
In einem Brief vom 1.1.1934 an den „Reichssportführer“ von Tschammer und Osten erhob Neuendorff schwere Vorwürfe: Dieser wäre durch die Übernahme der Führung der deutschen Turnerschaft überlastet und hätte nicht ausreichend Zeit und würde ihr Gefüge außerdem nicht kennen: „Sie führen die Turnerschaft noch immer, und alles, was ich davon gefürchtet habe, ist in vollem Umfang eingetroffen… So ist es mir unmöglich, mein Amt weiterzuführen“ (A.a.O., Dokument Nr. 9, S. 76ff).
Anfang 1934 wurde Neuendorff nach dem Machtkampf mit von Tschammer und Osten von allen Ämtern abberufen. Er erhielt danach einen Lehrauftrag für Sportpädagogik an der Bonner Universität und war im örtlichen Turnverein tätig. 1947 bis 1959 arbeitete er als evangelischer Flüchtlingspfarrer in Bramsche, wo er 1961 starb

Neuendorff urteilte über von Tschammer und Osten nach dem Krieg: „Ich habe diesem Hanswurst beim Aufstieg zum Führer der Turnerschaft in Stuttgart als erster den Steigbügel gehalten… Es ist meine Schuld, und ich trage schwer genug an ihr“ (A.a.O., S. 41). Ueberhorst weist an dieser Stelle zurecht darauf hin, dass Neuendorff keine Schuld über die Tatsache empfand, dass er dem NS-Regime die gesamte Turnerschaft zugeführt hatte: Seine „so stark vorangetriebene Politisierung der Deutschen Turnerschaft war mit eine der Voraussetzungen für den Sieg Hitlers und die Etablierung des totalitären Machtstaates“ (A.a.O., S. 42).

Siehe auch NS-Sportfunktionäre

Quellen:
Benz, Wolfgang, Handbuch des Antisemitismus, Band 2/1,2: Personen, Berlin 2009
Steinhöfer, Dieter, Hans von Tschammer und Osten, Reichssportführer im Dritten Reich, Berlin 1973
Ueberhorst, Horst
– Edmund Neuendorff, Turnführer ins Dritte Reich, Berlin 1970
– Spiele unterm Hakenkreuz, in Politik und Zeitgeschehen, B 31/1986
Ungeheure Farce, in Der Spiegel 46/13.11.1978
Wikipedia