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Deloitte

Deloitte Touche Tohmatsu ist ein Verein Schweizerischen Rechts (wie das IOC und die FIFA), der im Kanton Zürich eingetragen ist. Der Konzern ist in den Bereichen Wirtschaftsprüfung und Beratung tätig und hatte im Geschäftsjahr 2008/2009 über 168.000 Mitarbeiter; der Umsatz lag bei über 26 Mrd. USD. Deloitte gehört zu den Big Four der Wirtschaftsprüfer (neben KPMG, PricewaterhouseCoopers und Ernst & Young) und trennte sich laut Wikipedia als einziger der vier nach dem Enron-Skandal nicht von seiner angeschlossenen Unternehmensberatung.
Im Herbst 2011  übernahm Deloitte das Münchner Unternehmen Roland Berger Strategy Consultants (SZ 18.11.2010).
Deloitte veröffentlicht seit zwanzig Jahren Studien zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der europäischen Fußballvereine (SZ 9.6.2011) und hat mit dem Sportsektor ein neues Geschäftsfeld aufgebaut. Deloitte ist auch zum (weiteren) Profiteur im großen Olympischen Geschäft geworden: „Unsere Dienstleistungen beinhalten Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Transaktionsberatung, Due Dilligence, Benchmarking, strategische Business Review, Reorganisation, Umsatzanalysen, Stadionplanung und –entwicklung, Unternehmensplanung, Markt- und Bedarfsanalysen“ (Deloitte, Olympisches Wachstum, S. 20).

Der Konzern „begleitete“ diverse Bewerbungen und Veranstaltungen im Sportbereich (wie Vancouver 2010 und London 2012) mit seiner „Sport Business Group“. „Deloitte setzt weltweit sein Know-how für olympische Projekte ein und positioniert sich als die Beratungsgesellschaft in diesem Sektor.“ (PM 30.9.2010). Und München 2018 soll ein Mosaikstein in diesem Geschäft werden. Dafür liefert Deloitte das Bid Book und das Ende September 2010 präsentierte Eckpunktepapier.

Deloitte wurde im September 2009 „Nationaler Ausstatter“ der Bewerbung München 2018 und „berät die Bewerbungsgesellschaft München 2018 GmbH in organisatorischen, betriebswirtschaftlichen und steuerlichen Fragestellungen“. Zur Begleitung dieser Bewerbung erstellte Deloitte zwei Papiere.

I: Bewerbung um Olympische Winterspiele 2018: Deloitte unterstützt die Bewerbungsgesellschaft München 2018 GmbH, Pressemitteilung vom 30.9.2009

„Winterspiele begeistern nicht nur ein Millionenpublikum, sondern generieren für die Organisationskomitees ein Budget in Milliardenhöhe – bei den XXI. Olympischen Winterspielen in Vancouver 2010 wird mit 1,44 Mrd. USD geplant.“ Das Geld hierfür soll aus drei Hauptquellen kommen: einem Beitrag des IOC, einem Anteil an der TOP-Sponsorship des IOC sowie einem nationalen Sponsoring.

Deloitte unterteilt in die Budgetaufstellungen OCOG-Budget (Einnahmen- und Ausgabenplan) und Non-OCOG-Budget, nämlich „olympiarelevante und nachhaltig nutzbare Infrastrukturinvestitionen“. Das klingt seriös; es ist aber keine Rede von zum Beispiel vorgezogenen und durchgepeitschten Straßenbauprojekten oder sinnlosen Investitionen in olympische Sportstätten, die nach den Spielen nicht mehr genutzt werden („White Elephants“): Solche Kosten landen im Non-OCOG-Budget. Natürlich wird auch auf die berüchtigten Verschiebungen vom OCOG- zum NON-OCOG-Budget nicht eingegangen. Ebenso wenig erfährt man bei Sponsoren wie Deloitte, wie hoch der Anteil des realen Geldflusses und wie hoch der Anteil von Sachleistungen ist. Dies ist auch keinem Wirtschaftsplan zu entnehmen, der bei allen olympischen Bewerbungen wie ein Geheimdokument behandelt wird.

Jens Weinreich thematisierte im Juli 2010 in seinen Blog München 2018 und der intransparente Umgang mit Steuermitteln die Frage nach dem Wirtschaftsplan:

Diese Fragen interessieren Deloitte natürlich nicht: Der Konzern verbreitet lieber Jubelmeldungen. „Die Olympischen Spiele sind nicht nur in sportlicher, sondern auch in finanzieller Hinsicht hoch attraktiv“, weiß Martin Piendl, Geschäftsführer bei Deloitte: „Wir stellen damit wieder einmal unsere internationale multidisziplinäre Kompetenz unter Beweis wie unter anderem bei den erfolgreichen Bewerbungen von Vancouver 2010 und London 2012.“

Nun hält sich diese „finanzielle Attraktivität“ für die Austragungsorte in Grenzen. So haben die Olympischen Winterspiele 2010 Vancouver nach Auskunft des Finanzministers von British Columbia umgerechnet 713 Millionen Euro Verlust gebracht (Fong 9.7.2010; vgl. auch 18 Gründe: Vancouver). Und die Kosten der Olympischen Sommerspiele in London 2012 waren ursprünglich mit weniger als vier Milliarden USD angesetzt; sie lagen im Mai 2010 bereits bei 19 Milliarden Dollar (Zimbalist March 2010). Dies erscheint Deloitte mit seiner „internationalen multidisziplinären Kompetenz“ nicht erwähnenswert. Erfolgreich ist für den Konzern eine Bewerbung dann, wenn sie gewonnen wird: Wie groß das spätere Defizit des Gewinners ist, interessiert die Wirtschaftsprüfer und Berater von Deloitte anscheinend nicht. Und genauso wenig wird sie interessieren, mit wieviel Milliarden Defizit München 2018 enden würde.

II: Olympisches Wachstum – Die wirtschaftliche Entwicklung der Olympischen Winterspiele, 9/2009

Kritikfrei und völlig ohne Ironie wird in dieser Studie am Anfang Pierre de Coubertin zitiert: „Das Wichtigste im Leben ist nicht der Triumph, sondern der Kampf.“ (S. 6)

Deloitte beriet und berät finanziell bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver 2010, den Olympischen Sommerspielen in London 2012, den Olympischen Jugendspielen 2010 in Singapur, bei der Bewerbung München 2018, dazu bei der FIFA Weltmeisterschaft 2010 und 2014, bei UEFA EURO 2012 etc.

(Speziell zur FIFA-WM 2010 steht in der Deloitte-Pressemitteilung vom 24.6.2010 eine einzige Lobeshymne über den angeblichen Innovationsschub für Südafrika. Die Stadien seien „mit umweltfreundlichen Klima- und Regenwasserraufbereitungsanlagen ausgestattet“. – „So führte das Fußballturnier zur Auflösung zahlreicher Investitionsstaus…“ Und Südafrika kann „seine Leuchtturmfunktion auf dem schwarzen Kontinent“ weiter ausbauen. Dass sich Südafrika dafür hoch verschuldet hat, dass die meisten Stadien nach der WM niemand mehr braucht und dass diese immense Unterhaltskosten verursachen, wird nicht erwähnt. Vergleiche auch im Lexikon: FIFA, Abschnitt Südafrika.)

Die Deloitte-Studie auf das OCOG-Budget ein, das „die laufenden Einnahmen und Ausgaben der unmittelbaren Organisation der Spiele von der Eröffnungs- bis zur Schlussfeier“ umfassen soll: „Die Einnahmen sollen die Ausgaben zumindest decken, um die Finanzierbarkeit der Spiele sicherzustellen.“ Und dann erfolgt die Abgrenzung zum Non-OCOG-Budget, in dem „alle olympiarelevanten und nachhaltig genutzten Investitionen“ enthalten sein sollen, „die nicht unmittelbar mit den Spielen verbunden sind wie Infrastrukturmaßnahmen und langfristig nutzbare Sportstätten.“

Darin liegen nun die größten finanziellen Ungereimtheiten verborgen: Die Kosten, die nicht in das OCOG-Budget passen oder zu teuer sind, werden in das Non-OCOG-Budget verschoben, sodass das OCOG-Budget einigermaßen ausgeglichen wirkt. Das Non-OCOG-Budget interessiert das IOC nicht mehr, und die Milliarden-Investitionen müssen von den Steuerzahlern des Gastgeberlandes über lange Jahre abbezahlt werden. Vancouver und London wurden oben schon genannt. Die Kosten der Olympischen Sommerspiele in Peking 2008 sollen bei mindestens 40 Milliarden USD gelegen haben; die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi lagen im Sommer 2010 bereits bei 30 Milliarden USD.

Ein pikanter Satz in der Deloitte-Studie erklärt das Verhältnis des IOC zu seinen TOP-Partnern: „Als Kriterien für eine Partnerschaft gilt neben einem positiven Image auch die Berücksichtigung der olympischen Werte.“ (S. 13) Diese „olympischen Werte“ scheinen nun selbst mit dem neuen TOP-Sponsor des IOC, Dow Chemical, dem Produzenten von Agent Orange und Napalm im Vietnam-Krieg u.a. in Einklang zu sein.

Die Studie weist eine Reihe von Fehlern auf, die den Deloitte-Wirtschaftsprüfern bzw. Beratern nicht passieren dürften:
–         So steht auf S. 5, dass Turin 2006 aus dem TOP-Programm 196 Mill. USD erhalten hat. Auf S. 15 steht hierfür die Zahl 169 Mill. USD; der Zahlendreher fiel offensichtlich niemand auf.
–         Auf S. 13 wird das TOP-V-Programm (2005 bis 2008) genannt; tatsächlich ist es schon das TOP-VI-Programm.
–         Auf S. 17 wird Turin mit 2002 statt 2006 angegeben.
–         Auf S. 18 steht: „Olypische Winterspiele“.

Als Hofberichterstatter des IOC hat sich Deloitte mit folgender Bemerkung endgültig salonfähig gemacht:
„Die Untersuchung … basiert auf öffentlich verfügbaren Informationen und Dokumenten des Internationalen Olympischen Komitees… Wir haben zum Zwecke dieser Studie keine Überprüfung der Informationen und Dokumente oder aus anderen Quellen durchgeführt.“ (S. 21)

Auch bei der Münchner Bewerbung übernimmt  Deloitte nahtlos die Vorgaben von München 2018: „Die Verantwortung dieser Annahmen obliegt der Bewerbungsgesellschaft“ (MOCOG Budget S. 2).

Quellen:
Beise, Marc, Büschemann, Karl-Heinz, Deloitte schluckt Roland Berger, in SZ 18.11.2010
Deloitte
– Deloitte unterstützt die Bewerbungsgesellschaft München 2018 GmbH, Pressemitteilung 30.9.2009
– MOCOG Budget, Exclusive Summary, 2.9.2010
– Olympisches Wachstum – Die wirtschaftliche Entwicklung der Olympischen Winterspiele, September 2009
– Südafrika trotz frühzeitigem Aus ein Gewinner, Pressemitteilung 24.6.2010
Fong, Petti, B.C. Taxpayer’s Olympic Costs 925 Million, in olympics.thestar.com 9.7.2010
„Meister kann nur einer werden“, in SZ 9.6.2011
Reinbold, Peter, In einer Woche Tag der Wahrheit, Münnchner Merkur kompakt 29.9.2010
Weinreich, Jens, München 2018 und der intransparente Umgang mit Steuermitteln: Wirtschaftsplan? Welcher „Wirtschaftsplan”? 16.7.2010
Wikipedia
Zimbalist, Andrew, Is it worth it? in Finance & Development, March 2010