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März 2010

Münchner Helden-Empfang

„Deutsche Olympia-Helden bei Dauerregen gefeiert“ lautete der Titel einer spiegelonline-Meldung vom 2.3.2010. Blaskapellen spielten am Münchner Flughafen, 30 Cabrios fuhren im Regen durch das Siegestor (eine bejubelte Idee des Bewerbungschefs Bogner) zum Rathaus, die Athleten saßen zum Teil mit Schirmen in den offenen Autos und trugen die Anoraks der Firma Bogner. Hubschrauber kreisten, um die Feierlichkeiten aus der Luft zu filmen. Danach ließen sich die Sportler auf dem Rathausbalkon mit OB Ude und Ministerpräsident Seehofer – alle in Bogner-Bekleidung – feiern und trugen sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Seehofer sprach von einem „Wintermärchen 2018“. Wieder feierte die SZ mit: „Und wer sich Mühe gibt, kann den Regen als Freudentränen des Himmels interpretieren.“

Über dem Odeonsplatz schwebte ein riesiger Heißluftballon mit dem Schriftzug „München 2018 Applicant City“ – ein passendes Symbol für so viel heiße Luft.

(Fuchs, Florian, Triumphfahrt durch das Siegestor, in sueddeutsche.de 1.3.2010; Crone, Philipp, „Wir können Olympia“, in sueddeutsche.de 2.3.2010; Willkommensparty im strömenden Regen, in SZ 3.3.2010)

Gleichzeitig wurde bekannt, dass von der deutschen Athleten-Delegation zwei Drittel freigestellte Angehörige von Zoll, Militär und Polizei sind, deren hauptsächliche Tätigkeit in der körperliche Ertüchtigung zu Medaillenzwecken besteht. Deutsche Leistungssportler werden pro Jahr mit ungefähr 250 Millionen Euro alimentiert.

(Blaschke, Ronny, Olympische Spiele, für immer in der Schweiz, in zeitonline 8.3.2010)

Olympiapark

Am 2.3.2010 unterzeichneten die Staatssekretäre von drei Bundesministerien und OB Ude eine Vereinbarung zum Kauf der elf Hektar Grund für das Olympische Dorf im Olympiapark. Die Stadt München muss den vollen Verkehrswert bezahlen.

Für die Sanierung der Kleinen Olympiahalle waren ursprünglich 17 Millionen Euro angesetzt: Sie wird schließlich das Doppelte kosten. Auch die Sanierung des Olympiastadions wird weit teuerer als geplant.

Gleichzeitig wurde bekannt, dass die Olympischen Winterspiele 2018 das Ende des Theaterzeltes „Das Schloss“ zum Oktober 2012 bedeuten würden. Das Tollwood-Festival soll angeblich nicht betroffen sein – schwer vorstellbar, da auf diesem Platz „temporäre Anlagen“ geplant sind.

(Neff, Berthold, Erhalt des Olympiaparks kostet 170 Millionen Euro, in SZ 10.3.2010; Schmidt, Wally, Dem „Schloss“ droht der Abbruch, in SZ 5.3.2010; Tollwood-Festival nicht von Olympia betroffen, in SZ 9.3.2010)

Man kann sich vorstellen, bei welchen Kostensteigerungen letztlich die olympischen Bauten landen werden – die derzeit angesetzten 3,5 Milliarden Euro für 2018 werden sich ebenfalls mindestens verdoppeln: Das zeigen auch die Erfahrungswerte der vergangenen Olympischen Winterspiele.

DOSB-Interview mit Michael Vesper

(Siehe auch 18 Gründe: Verkehr)

DOSB-Generaldirektor Michael Vesper ließ sich im März 2010 von einem DOSB-Organ interviewen. (Für München 2018 die hohen Umwelt- und Naturstandards noch übertreffen, Interview mit Michael Vesper in DOSB Informationsdienst Nr. 94, März 2010) Vesper sagte u. a.:

„Da gibt es die einen, die fundamental gegen jede Art sportlicher Großveranstaltungen wie die Olympischen Spiele sind. Diese Gruppe kann man mit Argumenten nicht erreichen.“

(Thomas Bach hatte im Interview in der Friedberger/Augsburger Allgemeine 10.2.2010 erklärt: „Die einen sind Kritiker, die Großveranstaltungen per se ablehnen. Diese Gruppe ist im Dialog schwer zu erreichen.“)

Vesper weiter: „Andere schieben die Ökologie nur vor, um die Spiele zu verhindern. Eine dritte Gruppe macht ernsthafte Vorschläge und ist bemüht, das Konzept ökologisch zu optimieren.“

Diese ökologische Optimierung läuft schlecht, wie man nach dem gescheiterten Biosphärenreservat an der Vorstellung des neuen Alternativ-Projektes erkennen kann, das der Fachkommission am 24.3.2010 vorgestellt wurde und das gänzlich ohne ihre Mitwirkung entstand, siehe weiter unten.

Zum Austritt der Verbände sagte Vesper: „Vor allem beklagen sie mangelnde Transparenz und Verbindlichkeit. Ich kann das nicht nachvollziehen. Wir legen alles offen.“

Die „Offenlegung“ kann man auch daran erkennen, dass das Mini Bid Book der Bewerbungsgesellschaft als PDF-Dokument für den Ausdruck gesperrt ist, siehe weiter unten.

Und zum Verkehr führte Vesper aus: „Wir wollen möglichst alle Sportanlagen an den schienengebundenen Personenverkehr anbinden. Die Wettkampfstätten sind nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, kein Privat-Pkw wird dort parken können.“

Das ist nun besonders dreist, wenn man allein an Tausende temporärer Parkplätze im Loisachtal und in Oberammergau denkt – und an die zusätzlichen Autobahnbauten und Tunnels im Windschatten  der Olympischen Winterspiele!

Der Ausbau der Bahnverbindungen bleibt dagegen denkbar bescheiden. In Straßenbauprojekte sollen über 2 Mrd. Euro fließen, in den Ausbau der Bahn etwa 350 Millionen Euro: ein Verhältnis von ca. 6 : 1!

Nolympia-Versammlung in Garmisch-Partenkirchen

Am 8.3.2010 fand in GaP eine Versammlung von Nolympia vor über 200 Teilnehmern mit Axel Doering, Dr. Andreas Keller, Ludwig Hartmann und dem Salzburger Bewerbungs-Kritiker Willi Rehberg statt. Doering kritisierte die „Dominanz von München und die Arroganz der Bewerbungsgesellschaft“ und die angebliche „Nachhaltigkeit“ Olympischer Winterspiele in Oberammergau, wo für über 30 Millionen Euro temporäre Sportstätten mit 16.000 Parkplätzen errichtet werden sollen. Korbinian Freier aus Oberammergau wandte sich gegen den „Riesenimage-Gewinn“ für Oberammergau, das bislang für seine Passionsspiele bekannt ist. Andreas Keller kritisierte die gigantischen Verkehrsprojekte, die GaP enorme Luftbelastung bringen würden. Rehberg beleuchtete die Finanzen, die immer zugunsten des IOC und zuungunsten der Austragungsorte ausgingen. Erneut wurde ein Bürgerbegehren ins Spiel gebracht.

(Stöckerl, Eva, „Alles Lug und Trug“, in Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 11.3.2010; Kemnitzer, Sebastian, „Am Anfang klang alles so schön“, in taz.de 16.3.2010)

Die Beeinflussung der Chefredakteure durch den DOSB im November 2009 auf der Zugspitze zeigte Wirkung. Der Süddeutschen Zeitung war die Versammlung 58 Worte wert. Der mit dem Thema üblicherweise befasste Redakteur Heiner Effern wurde mit einem Prozessbericht in Traunstein betraut.

Fast gleichzeitig beschloss der Gemeinderat von GaP mit 17 zu 11 Stimmen, das Olympische Dorf rund um das Eisstadion zu bauen. Die Wohnungen für Journalisten, ursprünglich geplant als „Mediendorf“, sollen über den Ort verteilt werden.

Zur gleichen Zeit berichtete Bürgermeister Schmid (CSB) von seinen Erfahrungen in der Vancouver-Delegation. Er habe erkannt, dass die olympischen Disziplinen „fast schon morgen auf unseren Anlagen durchgeführt werden könnten…“ Schmid gab einen Überblick der vom Tourismus-Experten Charles Fessel für GaP geplanten Umbauten: Multifunktionshalle, Viersterne-Kongresshotel neben der Halle, „Wasserwelten“ (2000 Quadratmeter Wellness- und 3000 Quadratmeter Wasserfläche), Fünfsterne-Hotel am Kurpark, Integrierung der Spielbank in den Kurpark, Viersterne-Designer-Hotel anstelle des Bichlerhofs, dazu im Historischen Krankenhaus-Viertel eine Schule mit neuer Turnhalle, Bürgerhaus, eventuell ein Saal, ein Spielplatz, generationenübergreifendes Wohnen…

(Kaiser, Wolfgang, „Wir planen vermutlich zu groß“, in Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 10.3.2010)

Bürgermeister Thomas Schmid packt die Wundertüte aus – bei derzeit schon über 110 Millionen Euro Schulden der Gemeinde Garmisch-Partenkirchen mit ihren 26.000 Einwohnern.

60 Prozent des Umsatzes im Tourismus erwirtschaftet derzeit der Ort im Sommer – mit Olympischen Winterspielen 2018 wird dieser Sommertourismus auf Jahre einbrechen.

Biathlon Oberammergau

Am 10. März 2010 wäre eigentlich der Termin für die Vertragsabschlüsse mit den Grundstückseigentümern in Oberammergau gewesen: Die Unterzeichnung wurde bis auf weiteres verschoben.

Auf der Romanshöhe sollen 64 Hektar bäuerliche Kulturlandschaft mit Blumenwiesen und jahrhundertealten Holzstadeln für Biathlon und Langlauf umgegraben und planiert werden. 32 Millionen Euro kosten die temporären Anlagen für 25 Tage Spiele einschließlich zweier Tribünen für 37.000 Zuschauer für über 30 Millionen Euro. (Oberammergau hat 5000 Einwohner.)

Biathlon Ruhpolding

Am 13.3.2010 erfolgte der Spatenstich für die neue „Chiemgau-Arena“ in Ruhpolding, die mit 16 Millionen Euro für die Biathlon-WM 2012 ausgebaut wird. Davon kommen 75 Prozent vom Bund aus dem Konjunkturpaket II; das Land Bayern übernimmt 15 Prozent und die Gemeinde Ruhpolding zehn Prozent. Ruhpolding sei die „Welthauptstadt des Biathlons“, erklärte Bundesverkehrsminister Ramsauer.

„Ruhpolding war nie ein Thema für uns“, sagte dazu Jürgen Bühl von der Bewerbungsgesellschaft. Auch in der besonnten  Romanshöhe sieht er kein Problem: „Kunstschnee braucht man im Wintersport sowieso immer, schon wegen der Chancengleichheit.“

(Spatenstich für die neue Chiemgau Arena in Ruhpolding, Pressemitteilung 23.3.2010; Müller, Michael, Albtraum Olympia? In Nürnberger Nachrichten online 31.3.2010)

Nolympia-Versammlung in Berchtesgaden

(Siehe hierzu 18 Gründe: Finanzrisiko und Erfahrungen)

Am 11.3.2010 lud der örtliche Sprecher von Nolympia 2018 in Berchtesgaden, Dr. Bartl Wimmer zur Veranstaltung „Olympische Spiele – Mythos und Wirklichkeit“ ein. Es referierten Willi Rehberg/Salzburg und Astrid Rössler, Abgeordnete im Salzburger Landtag (Die Grünen). Wimmer schilderte die prekäre finanzielle Situation der Gemeinde Berchtesgaden und den vernachlässigten Schul- und Breitensport, wohingegen in die Bobbahn 30 Millionen Euro investiert werden. Von allen 20 oberbayerischen Landkreisen ist Berchtesgaden der wirtschaftlich schwächste.

Wimmer bestritt eine oft behauptete „belebende Wirkung für den Tourismus“ durch Olympische Winterspiele und bezeichnete die mehrfachen Bewerbungen Berchtesgadens als „Suchtverhalten“: „Wie besoffen springt der Landkreis immer wieder auf das Thema Olympia an.“ Er machte auch die Unterstützung für den Widerstand in Garmisch-Partenkirchen deutlich.

Astrid Rössler erwähnte den Finanzskandal um die Salzburger Bewerbung und sagte: „Beschützt uns vor Olympia und haltet Olympia fern von euren Bergen.“

(Olympia als Schuldenfalle, in berchtesgadener-anzeiger.de 13.3.2010; Olympiagegner: Veranstaltung rechnet sich nicht, in Reichenhaller Tagblatt 13.3.2010; Bund und Land tragen finanzielle Risiken, in Reichenhaller Tagblatt 143.3.2010)

Auch über diese Versammlung stand kein Bericht in der Süddeutschen Zeitung.

Der Berchtesgadener Landrat Georg Grabner ist erklärter Befürworter der Bewerbung und sagte im Interview: „Der Vorwurf von Gigantonomie ist einfach ein Schmarrn“. Und zu den finanziellen Risiken: „Was da geschürt wird, das ist unglaublich.“

(Bund und Land tragen finanzielle Risiken, in Reichenhaller Tagblatt 13.3.2010)

Berchtesgaden war Anfang 2010 mit über 21 Millionen Euro verschuldet.

Finanzen München

Mitte März 2010 gab Kämmerer Wolowicz bekannt, dass die wichtigste Einnahmequelle der Stadt, die Gewerbesteuer, drastisch einbrechen wird. Der Kämmerer warnte, dass für München „die Grenze finanzieller Belastbarkeit bald erreicht sein“ könnte.

(Bielicki, Jan, „Jedes Projekt kommt auf den Prüfstand, in SZ 16.3.2010)

Salzburger Bewerbung

Die Stadt Salzburg wird noch bis zum Jahr 2022 die Darlehen für die gescheiterte Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2014 zurückzahlen müssen. Der Verbleib von Geldern an den Olympia-Förderverein ist ungeklärt; eine Untersuchungskommission entdeckte ein geheimes Verrechnungskonto im Österreichischen Olympischen Comité, über das mindestens drei Millionen Euro liefen, mit denen Gegner der Bewerbung bestochen wurden. Teure Automobile wurden unter Wert an „Freunde“ weitergegeben, Kassenbücher verschwanden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

(Neuhold, Thomas, Salzburger zahlen noch bis 2022 für Olympiabewerbung, in Der Standard 17.3.2010; Brockmann, Olaf, Olympia in Flammen, in Kronenzeitung 21.3.2010)

Noch wesentlich teurer als der finanzielle Skandal wäre Salzburg natürlich eine erfolgreiche Bewerbung 2014 gekommen. Die nun über den Skandal berichtende Kronenzeitung war übrigens 2006 offizieller Sponsor der Bewerbung 2014.

Mini Bid Book

(Vergleiche 18 Gründe: „Innovative“ Umwelt-Leitprojekte)

Am 15.3 2010 übergab der Münchner Bewerbungschef Willy Bogner dem IOC in Lausanne das Mini Bid Book als verbindliche Bewerbung zur Applicant City. Die Inhalte der Mini Bid Books von München, Annecy und Pyeongchang wurden zwei Tage später in englischer Sprache ins Internet gestellt.

Von der Bewerbungsgesellschaft München 2018 wurde die PDF-Version im Internet nur in Englisch und nur in der Einzelblätter-Version ins Internet gestellt und als nicht ausdruckbares Dokument gesperrt: eine interessante Auskunft über das dort herrschende Demokratieverständnis.

Nach mehrfachem Nachfragen antwortete die Projektleiterin Kommunikation der Bewerbungsgesellschaft, Anna-Lena Mühlhäuser schließlich am 1.4.2010 und sandte ein neues PDF-Dokument, das ebenfalls druckgesperrt war. (Frau Mühlhäuser ist die Tochter des Direktors der Münchner Stadtwerke, die zu den Sponsoren der Bewerbung gehören.)

Im Münchner Mini Bid Book waren die hoch gelobten 18 Leitprojekte nicht mehr als verbindlicher Bestandteil enthalten. Dafür steht im Abschnitt „Widerstände gegen die Bewerbung“ u. a. folgendes:

„Die Bewerbungsgesellschaft hat sich auf einen aktiven Dialog und Besprechungen mit den bayerischen Grünen eingelassen, hat ihre Ansichten berücksichtigt und arbeitet daran, ihre Unterstützung zu erhalten… Der Gedanke, die Olympischen Winterspiele 2018 in München auszurichten, wird quer durch die Nation in allen maßgeblichen Bereichen positiv aufgenommen.“

Nach einigen Floskeln zur vermeintlichen Transparenz und Offenheit steht dort über die Fachkommission Umwelt: „So ist beispielsweise in der Fachkommission Umwelt die Mehrheit der wichtigsten deutschen Nichtregierungsorganisationen vertreten.“ (Übersetzung: Christian Hierneis)

Damit war die nach wie vor bestehende indirekte Mitwirkung des Deutschen Naturschutzrings (DNR) über die verbliebenen Organisationen Deutscher Alpenverein (DAV), dem bayerischen Landesbund für Vogelschutz (LBV) und den „Naturfreunden“ in der Fachkommission gemeint.

In der stark gekürzten „Begleitenden Informationsbroschüre“ werden diverse Ungereimtheiten aufgeführt. Einige möchte ich erwähnen (Zitate aus: Bewerbungsgesellschaft München 2018 GmbH, Begleitende Informationsbroschüre zum Mini Bid Book, München, März 2010):

Im Vorwort lobt DOSB-Präsident Thomas Bach das „olympische Erbe für künftige Generationen“. München 2018 brächte „ein dauerhaftes Erbe für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ und bestätigt „die Philosophie des IOC der Nachhaltigkeit und Freundschaft durch Sport“.

Angesichts der geplanten Zerstörungen und des mit Sicherheit eintretenden finanziellen Desasters sind diese Aussagen als reine Ideologie zu werten. Die Behauptung der angeblichen Nachhaltigkeit von Olympischen Spielen ist schlicht ein Trick, um die wirklichen Zerstörungen zu vertuschen: Greenwashing pur.

– Die geplanten Bauten der Sportstätten werden als nachhaltig gelobt und erfüllen „die IOC-Vision der Nachhaltigkeit“. (S. 6).

Erwähnt werden neben München noch Garmisch-Partenkirchen und Berchtesgaden; von Oberammergau ist nicht die Rede, ebenso wenig werden die zahlreichen temporären Bauten und deren Abriss nach den Spielen thematisiert. Nachhaltigkeit ist heute ein äußerst vielseitig einsetzbarer Begriff geworden, der von Baulöwen und Bankern, Straßenplanern und dem IOC eingesetzt wird. Inzwischen kann jedes noch so große Projekt zur Umweltzerstörung als „nachhaltig“ klassifiziert werden.

– „1200 neue Wohneinheiten in den olympischen Dörfern werden nachhaltigen und bezahlbaren Wohnraum schaffen.“ (S. 6)

Erfahrungsgemäß werden die Wohnungen nach den Spielen zu Höchstpreisen verkauft, um das Defizit abzumildern, siehe Vancouver 2010.

– „Der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur wäre ein gewaltiges Plus für die Verbindung zwischen München und Garmisch-Partenkirchen.“ (S. 6)

Die Verbesserung der Bahn hält sich sehr in Grenzen, wie die Antwort der Staatsregierung vom 25.3.2010 zeigt, siehe weiter unten. Dafür wird in die automobile Straßen-Infrastruktur im Verhältnis von ungefähr 6 : 1 investiert.

– Das extra gesicherte Olympische Dorf wird 3.500 Sportler und Offizielle beherbergen. (S. 7)

Das Attentat bei den Olympischen Sommerspielen in München 1972 klingt hier an, wird aber nicht explizit erwähnt. Die angegebenen Sicherheitskosten von 17 bis 21 Millionen Euro, welche die Bewerbungsgesellschaft 2018 anführt, sind allerdings unglaubhaft: In Vancouver kosteten die Sicherheitsmaßnahmen eine Milliarde Dollar (rund 700 Millionen Euro).

– Deutschland übernimmt die „Entwicklung grüner Technologien im Kampf gegen die globale Erwärmung“ – mit zum Beispiel einer Million Elektroautos bis 2020. (S. 12)

Ohne solche pseudo-ökologischen Floskeln kommt heute kein Großprojekt mehr aus. Auch der Hype um das Elektroauto kann nicht von dessen eindeutig negativer Umwelt-Bilanz ablenken. Elektroautos, deren Einführung den ungestörten weiteren Verkauf Sprit fressender automobiler Ungetüme sichern soll, sparen in Wirklichkeit keine Energie und können aufgrund ihrer geringen Reichweite nur als Zweit- und Drittfahrzeuge eingesetzt werden. Und auch ihr CO2-Ausstoss kann beim derzeitigen Strom-Mix mit 600 Gramm CO2 pro erzeugter Kilowattstunde nicht vernachlässigt werden.

– Erwähnt wird natürlich die Unterstützung der Bewerbung München 2018 durch den Bundestag. Die Erklärung vom März 2009 legt fest, dass jede Regierungsebene „alle erforderlichen Maßnahmen für die ‚sichere und friedliche Durchführung der Spiele’ ergreifen wird und jede Regierungsstelle dazu verpflichtet, ‚die erforderlichen Ressourcen für diesen Zweck bereitzustellen’.“ (S. 12)

Das ist ein vorweggenommener Schuldschein für die Beteiligten – also Deutschland, Bayern, München und die beteiligten Gemeinden, kurz: für die Steuerzahler.

– „Die Aufwendungen für die eigentliche Organisation der Spiele sind im OCOG-Budget enthalten. Alle Investitionen in Sportstätten und Transportinfrastruktur … werden von Bundes-, Landes- und Stadtregierung zusammen mit dem Privatsektor getragen und sind im Nicht-OCOG-Budget erfasst.“ (S. 16; das Organising Committee for the Olympic Games (OCOG) ist verantwortlich für die Organisation der Olympischen Spiele.)

Allein das Nicht-OCOG-Budget hat es schon in sich, Und auch das mit Sicherheit hohe Defizit des OCOG-Budgets selbst wird NICHT vom IOC getragen.

– „Das Budget wird auf IOC-Auflagen und einer eingehenden Analyse von Budgets vergangener und zukünftiger Olympischer und Paralympischer Spiele basieren.“ (S. 16) – „Bei der Erstellung seiner Umsatzprognose analysierte München 2018 eingehend die Einnahmen vergangener und künftiger Organisationskomitees von Winterspielen.“ (S. 17)

Bei den Olympischen Spielen der letzten zwei Jahrzehnte mussten die ursprünglich geplanten Kosten für Sommerspiele etwa mit dem Faktor 4 und für Winterspiele mit dem Faktor 3 multipliziert werden. Jeder neue Austragungsort gibt vor, diesem IOC-Mechanismus auskommen zu können und wird schlussendlich genauso auf seinen Schulden sitzen bleiben wie die Orte vor und nach ihm. Denn die Kostenüberschreitung bei olympischen Bauten ist inzwischen absolut üblich – wie bei allen Großprojekten der Öffentlichen Hand. Die Münchner olympischen Rechner werden ähnliches erleben – leider bezahlen nicht sie die Rechnung, sondern der Steuerzahler.

– Die Gesamteinnahmen des OCOG können „auf 1,074 Mio. USD veranschlagt werden – eine konservative, vertretbare und realistische Summe“. (S. 17)

Bezeichnenderweise fehlt an dieser Stelle jegliche Information über die Ausgabenseite.

Die Eintrittspreise werden von 46 US-Dollar (Vorrunden im Curling) bis 419 US-Dollar (Finale Männer-Eishockey-Turnier) angegeben. (S. 17)

Keine Sonderangebote – nicht jedermann wird sich den Besuch leisten können.

– „Für die Unterbringung der Olympischen Familie schlägt die Bewerbungsgesellschaft München 2018 das Westin Grand Hotel (5-Sterne-Superior, 630 Zimmer) und das Sheraton München (4 Sterne, 445 Zimmer) vor, die auch für die IOC-Session in Frage kommen. Als FIFA-Hauptquartier erntete das Westin Grand 2006 höchstes Lob.“ (S. 20)

Für die (doch recht große) Olympische Familie und die zahllosen Sportfunktionäre ist nur das Beste gut genug: Im Host City Contract für Vancouver 2010 wurde eine Mindestzahl von  950 Zimmern der 4- und 5-Sterne-Kategorie festgeschrieben. Schließlich bezahlt der Steuerzahler die Hotelrechnungen und die (nicht unbeträchtlichen) Nebenkosten. Zur besseren Erreichbarkeit der beiden Hotels soll übrigens der Föhringer Ring vierspurig ausgebaut werden – mit einer absperrbaren Spur, der so genannten „Kreml-Spur“: Auf der kann die Olympische Familie schneller vom Flughafen zu den 4- oder 5-Sterne-Luxusunterkünften kommen.

– „Die weiteren aufgeführten Verkehrsprojekte werden die Transportkapazität für die Spiele erhöhen und ein nachhaltiges Erbe für die Gemeinden hinterlassen.“ (S. 22)

Das nachhaltige Erbe wird die Autoindustrie und die Bauwirtschaft nachhaltig erfreuen, denn es wird nachhaltig automobil sein: Allein in und um Garmisch-Pastenkirchen sind drei Tunnels geplant, die sonst nicht gebaut würden.

– Geplant werden „Emissions- und klimaneutrale Spiele“. (S. 26)

Die Bewerbungsgesellschaft gibt etwa 428.000 Tonnen CO2 an, die kompensieren werden sollen.

Bei Vancouver 2010 kam die Gruppe „2010 Watch“ um Christopher Shaw auf insgesamt 3,7 Mill. Tonnen CO2, das ist der neunfache Wert, der von offizieller Seite für München 2018 angegeben wird.

Mit „Greenwashing“ ist dieses Schönrechnen über die gigantische Umweltverschmutzung München 2018 noch unzulänglich beschrieben. Das Traurige daran ist, dass der Prozess inzwischen für jedes geplante Großereignis ähnlich abläuft: den tatsächlichen Energieverbrauch herunterrechnen, dann das Projekt CO2-frei rechnen (der ökologische Ablasshandel lässt grüßen) und als ökologisch vorbildlich und nachhaltig darstellen, damit ein „positives Erbe“ suggeriert werden kann. Und schon sind die Münchner Stadträte eingelullt. Und Frau Merkel. Und Herr Seehofer. Und viele Sportjournalisten.

Gescheitertes Biosphärenreservat

Im Mini Bid Book war das lautstark propagierte UNESCO-Biosphärenreservat mit mindestens 70.000 Hektar nicht mehr enthalten. Der Leiter der Fachkommission Umwelt, Boris Schwartz sagte dazu: „Mir tut das leid.“ Grünen-Stadträtin Krieger wollte „möglichst schnell einen vollwertigen Ersatz für diese wichtige ökologische Komponente der Bewerbung“ schaffen.

Dieser „vollwertige Ersatz“ erwies sich dann als eine dünne Absichtserklärung auf sechs Seiten. Der Entwurf vom 11.3.2010 des ehrenamtlichen GaP-Umweltbeauftragten Prof. Seiler als Ersatz für das nunmehr offiziell gescheiterte Biosphärenreservat trug den Titel: „Natur, Kulturerbe und Bildung – Ein Naturschutzgroßprojekt in der Olympiaregion“. Der Finanzbedarf für dieses Projekt wurde mit mindestens 7 Millionen Euro angegeben.

Das inhaltlich belanglose Papier ist eine Zusammenstellung von unverbindlichen Absichtserklärungen. Darin steht eine Aneinanderreihung von Allgemeinplätzen wie dieser: „Im Rahmen des Projektes soll die ökologische und kulturelle Wertigkeit der Region durch die Vernetzung der natürlichen Lebensräume gestärkt und gleichzeitig die nachhaltige Nutzung der historisch gewachsenen Kulturlandschaft gesichert werden.“

Dieses Papier wurde dann zwölf Tage später, am 23.3.2010, geringfügig modifiziert mit einer ähnlichen Ansammlung an ökologischem Blabla unter dem Titel „Handeln in der Olympiaregion; Vorschlag für ein Leitprojekt im Rahmen des Umwelt- und Nachhaltigkeitskonzepts zur Olympiabewerbung München 2018“ von Marktgemeinde Garmisch-Partenkirchen, DAV, LBV, ANU und LfU als Entwurf präsentiert. Das Konzept sollte – anders als beim Biosphärenreservat – zuerst mit den Betroffenen abgestimmt werden (was wiederum nicht geschah, siehe später).

Im Mini Bid Book waren weiterhin 18 Umweltvorhaben aufgeführt, deren Kosten mit 100 Millionen Euro angegeben werden. Völlig ungeklärt ist die Finanzierung. DAV-Präsident Heinz Röhle erklärte: „Ohne eine Finanzierung ist das Papier nichts wert.“

MdL Ludwig Hartmann sagte zum Konzept: „Was da als neu verhandelt wird, klingt wie die Umsetzung des längst bestehenden Arten- und Biotopschutzkonzeptes des Landkreises.“

(Olympia 2018: Neues Leuchtturmprojekt für die Umwelt, in merkur-online 23.3.2010; Neff, Berthold, Auftrieb für Olympiagegner, in SZ 24.3.2010; Bewerbungsgesellschaft München 2018 GmbH (Auftraggeber), Konzept für umweltverträgliche und nachhaltige Olympische Winterspiele München 2018; Effern, Heiner, Auf der Suche nach mehr Grün, in SZ 24.3.2010; Ein Umweltkonzept – aber keine Finanzierung, in SZ 26.3.2010; Holzapfel, Matthias, Einstimmiges Votum für Umweltkonzept, in Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 27.3.2010)

Der Vorsitzende der bayerischen Grünen, Dieter Janecek forderte, dass nach dem Ende des Biosphärenreservats das Gerede von „grünen Spielen“ ein für allemal ein Ende haben sollte. MdL Ludwig Hartmann sah darin „den Anfang vom Ende des Mythos der nachhaltigen Olympiabewerbung… Der wichtigste Baustein im Umweltkonzept ist weggebrochen.“ Axel Doering hielt die Neuplanung der Bewerbungsgesellschaft für „so schlecht, dass sie bald keine Gegner mehr braucht“. Die Grüne Jugend forderte am 26.3.2010 den Ausstieg aus der Bewerbung.

(Bewerbungsgesellschaft kippt Pläne für Biosphärenreservat, in Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 20.3.2010; Effern, Heiner, Unesco-Projekt gescheitert, in SZ 22.3.2010; Olympia 2018: Neues Leuchtturmprojekt für die Umwelt, in merkur-online.de 23.3.2010; Neff, Berthold, Nichts mit grünen Spielen, in sueddeutsche.de 24.3.2010 Neues aus der Bewerbungsanstalt, Pressemitteilung der Grünen Jugend 26.3.2010; Olympia 2018: Grüne fordern Ersatz für Biosphärenreservat, in Stadtrundbrief Grüne München 4/10)

Die Gemeinderatsfraktion der CSU in GaP nahm Anfang Mai zu „Natur, Kulturerbe und Bildung“ ebenfalls Stellung:

– Auch dieses Papier sei nicht mit den regionalen Akteuren abgesprochen;

– „Die Vernetzung der Naturschutzgebiete und Kulturlandschaften schafft ein aufwendiges Verwaltungsprodukt…“

– Die genannten hochwertigen Flächen (wie Buckelwiesen) stehen bereits unter Naturschutz;

– „Ein Nutzen für die Region ist an keiner Stelle erkennbar.“

– Die Erfordernis eines Forschungsprojektes im Kontext mit Klimaschutz ist nicht erkennbar.

– Das geforderte Skipisten-Öko-Audit soll von Prof. Ralf Roth (Deutscher Skiverband/Deutsche Sporthochschule Köln) den Bergbahnen schon seit Jahren aufgedrückt werden.

– „Der Vorschlag ist „aus der Sicht der Region als völlig unbrauchbar zu bewerten.“ Es ist „ein von außen auferlegtes Projekt“, das „dem IOC als grünes Mäntelchen und den Umweltverbänden als politischer Erfolg dienen soll“.

– Mit den geforderten 7 Mill. Euro sollen die künftigen Pfründe Einzelner gesichert werden.

(CSU-Gemeinderatsfraktion, Stellungnahme zu „Natur, Kulturerbe und Bildung“, Garmisch-Partenkirchen 7.5.2010)

Am 29.4.2010 nahmen die drei Bürgermeister von Wallgau, Mittenwald und Krün der „Alpenwelt Karwendel“ erneut dazu Stellung:

Das Leitprojekt ist keine zwingende Voraussetzung der Olympiabewerbung; es liegt bereits eine Landkreisentwicklungsstudie vor, die von 21 Gemeinden und dem Landkreis autorisiert sei; der Bereich Natur und Umwelt ist bereits durch 16 Naturschutzgebiete, 11 Naturdenkmäler, 3 Geotope und geschützte Landschaft hervorragend abgedeckt, die fast die Hälfte des Landkreises Garmisch-Partenkirchen ausmachen. „Weitere Einschränkungen und Reglementierungen im Bereich Umwelt sind somit nicht notwendig und werden von uns durchwegs abgelehnt.“

Unbeteiligte Fachkommission Umwelt

In einer Pressemitteilung der Bewerbungsgesellschaft zu „Handeln in der Olympiaregion“ vom 26.3.2010 äußerte ihr Geschäftsführer Bernhard Schwank: „Nun ist der Grundstein für umweltfreundliche und nachhaltige Olympische und paralympische Winterspiele in München gelegt. Unser Dank gilt den Mitgliedern der Fachkommission Umwelt für die konstruktive Mitarbeit an dem Konzept.“

Nun entstand die neue Version ohne jegliche Mitwirkung der nur sehr sporadisch tagenden Fachkommission Umwelt, die sich das letzte Mal im November 2009 getroffen hatte. Dieses „Konzept für umweltverträgliche und nachhaltige Olympische Winterspiele München 2018“ wurde der Fachkommission am 24.3.2010 vorgestellt und von dieser dann einstimmig akzeptiert.

Deutscher Alpenverein

Das IOC hatte am 27.2.2010 auf seiner Sitzung in Bali den Internationalen Sportkletterverband (IFSC) voll anerkannt. Mit der „full recognition“ kann der IFSC den Antrag stellen, Sportklettern in das Olympische Programm aufzunehmen: Dieser Antrag wird laut IFSC 2013 gestellt werden. (Auf dem Weg nach Olympia, in Berchtesgadener Anzeiger 13.3.2010)

Damit ist der DAV in einem klassischen Dilemma. Er ist nach wie vor in der Fachkommission Umwelt, wobei er aber bei Nichterfüllung der gesetzten Standards zum Ende des Jahres 2010 mit seinem Auszug droht. Durch den Antrag im Jahr 2013 muss sich der DAV entscheiden: Will er ein ernstzunehmender Naturschutzverband bleiben, muss er seine Mitarbeit in der DOSB-Fachkommission Umwelt einstellen. Gibt er der Minderheit der Sportkletterer nach, muss er sich dem Diktat des DOSB unterwerfen.

Der DAV befindet sich insgesamt bezüglich des Naturschutzes auf einer Gratwanderung: Bei der Hauptversammlung im November 2009 in Kempten fand sich keine Mehrheit für den Antrag, dass sich der DAV für eine gesetzliche Höchstgeschwindigkeit von 120 oder 130 km/h einsetzen möge: Nicht einmal diese ökologische Minimalforderung wurde angenommen. Der Antrag wurde in eine unverbindliche Empfehlung für die Mitglieder entschärft, künftig nicht schneller als 120 km/h zu fahren.

Den Spagat zwischen Sportverband und Naturschutzverband wird der DAV nicht mehr lange hinbekommen. (Siehe auch Tagung in Bad Boll 30.4. bis 2.5.2010.

Der DAV erarbeitete einen weiteren Vorschlag. Unter dem Titel „BergTour“ sollte die Gestaltung von nachhaltiger Bergsport- und Tourismusentwicklung gefördert werden. Die geplanten Maßnahmen sollen rund 8 Millionen Euro kosten.

Es handelt sich vor allem um Maßnahmen zur effizienteren Abwicklung des Bergsports bis hin zu technizistischen und fragwürdigen Verbesserungsvorschlägen wie folgendem unter 4.1.3.: „Beim Bau sonstiger touristischer Infrastrukturen, wie z.B. Funparks, muss die Natur- und Landschaftsverträglichkeit sichergestellt sein.“

(Deutscher Alpenverein, BergTour 2018 – Nachhaltige Bergsport- und Tourismusentwicklung in der Olympiaregion, München, 18. März 2010)

Der Internationale Währungsfonds warnt die Austragungsorte vor den Risiken 2018

Der amerikanische Wirtschaftsprofessor Andrew Zimbalist veröffentlichte im März 2010 in der IMF-Zeitschrift Finance & Development unter dem bezeichnenden Titel „Ist es das wert?“ eine Warnung an die Austragungsorte. Er schilderte darin die vielfältigen Risiken für Olympische Sommer- und Winterspiele. So mussten jeweils viele zusätzliche Milliarden Dollar an öffentlichen Geldern eingesetzt werden:

Defizitär waren die Spiele in Seoul (1988), Barcelona (1992: vier Mrd. Dollar Defizit); Nagano (1998: 11 Mrd. Dollar Defizit); Sydney (2000); Athen (2004: geschätzte Kosten 1,6 Mrd. Dollar, tatsächliche Kosten 16 Mrd. Dollar; allein die Kosten für Sicherheit stiegen auf 1,4 Mrd. Dollar) und Peking (2008: geschätzte Kosten 1,6 Mrd. Dollar, tatsächliche Kosten mehr als 40 Mrd. Dollar).

Sotschi (2014) wurde zunächst mit 12 Mrd. Dollar angesetzt; 2009 lag die Schätzung schon bei 33 Mrd. Dollar. Für London (2012) waren ursprünglich weniger als 4 Mrd. Dollar angesetzt: Nun rechnet man mit 19 Mrd. Dollar. Die zuständige Ministerin Tessa Jowell sagte bereits 2008: „Wenn wir gewusst hätten, was wir heute wissen, hätten wir uns dann um die Spiele beworben? Mit Sicherheit nicht.“

Zimbalist verwies noch auf die „White Elephants“, also Sportstätten, die für knapp drei Wochen Olympische Spiele plus Paralympics benötigt werden und danach nicht mehr – aber über Jahrzehnte hohe Unterhaltskosten verursachen. So kostete die Bobbahn in Turin 108 Mill. Dollar und verursacht jährlich hohe laufende Kosten für den Unterhalt; sie ist seit den Spielen 2006 außer Betrieb.

Zimbalist kam zu dem Schluss: „Denkt, bevor ihr euch bewerbt!“ Die Bewerber für 2018 – Annecy, München und Pyeongchang – „würden gut daran tun, sich vom unvermeidlichen olympischen Hype fernzuhalten und einen langen, harten und nüchternen Blick auf die langfristigen Entwicklungsziele ihrer Region zu richten“.

Wie schon erwähnt ist es aus diesen und vielen anderen Gründen absolut unverständlich, warum Städte sich heutzutage um Olympische Spiele bewerben. Da den Verantwortlichen alle Vorgänge bekannt sein müssten, kann man über die Gründe ihres Handelns nur spekulieren.

Zumindest kann man ihnen grob fahrlässiges Handeln unterstellen – und eine Irreführung der Bürger und Steuerzahler, die neben vielen Unannehmlichkeiten während der Spiele letztlich sämtliche finanziellen Folgelasten der Verschuldung zu tragen haben.

Der einzige Gewinner ist das IOC. Alle anderen zahlen drauf, zahlen ab, verlieren. Was hätte man stattdessen mit den vergeudeten Milliarden Sinnvolles für die Bevölkerung tun können!

Olympische Abrissbirne

Am 18.3.2010 schrieb Alexander Raimund Bauer, der Beauftragte für eine Wohnanlage mit 90 Appartements im Münchner Olympiapark, an den Bundesverteidigungsminister, ob der geplante Abriss dieses modernen Gebäudes für das neue Olympische Dorf nötig sei, da die Bewohner – Beamte, Soldaten, Rollstuhlfahrer, Pensionisten – größte Schwierigkeiten hätten, auf dem Münchner Wohnungsmarkt eine Ersatzwohnung zu finden.

Kündigung des Geschäftsführers der Bewerbungsgesellschaft

Am 22.3.2010 wurde DOSB-Geschäftsführer Richard Adam nach 16 Monaten im Amt mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Adams Freistellung sorgte für weltweit negative Presse. Sein Posten wurde nicht neu besetzt. Gründe sollen u. a. im autokratischen Führungsstil Willy Bogners liegen.

Sponsoren klagten auch über den mangelnden Gegenwert ihres finanziellen Einsatzes. Dazu fehlen immer noch zehn Millionen Euro vom Bewerbungs-Budget.

(Erste Krise der Olympia-Bewerbung, in spiegelonline 22.3.2010; Neff, Berthold, Olympia-Team verliert Geschäftsführer, in SZ 23.3.2010)

Garmisch-Partenkirchen:Keine Beteiligung der Gemeinden

(Vergleiche 18 Gründe: Schnee?)

Am 25.3.2010 wurde ein Offener Brief des Bayerischen Gemeindetages, Kreisverband Garmisch-Partenkirchen veröffentlicht, in dem die Bewerbungsgesellschaft kritisiert wurde. Sie hatte die Öffentlichkeit im Oktober 2009 über das  Biosphärenreservat „Green Gap“ informiert, ohne die Bürgermeister der betroffenen Gemeinden zu informieren: Das geschah erst auf deren Drängen am 23.11.2009; eine bessere Information wurde ihnen zugesichert.

In dem Offenen Brief monierten die Bürgermeister, dass ihnen die Schuld am Scheitern des Biosphärenreservates zugeschoben wurde und dass sie die Information zum geplanten Projekt „Natur, Kulturerbe und Bildung“ erneut aus der Presse erfahren mussten. Weder wurde eine gemeinsam beschlossene Machbarkeitsstudie von der Bewerbungsgesellschaft in Auftrag gegeben noch den Gemeinden Gelegenheit eingeräumt, sich zu konkreten Planungen zu äußern. „Leider konnten wir im Landkreis Garmisch-Partenkirchen bis auf den Kollegen Thomas Schmid aus Garmisch-Partenkirchen bisher wieder keinen Bürgermeister ausmachen, mit dem im Vorfeld der Berichterstattung über dieses neue Konzept gesprochen worden wäre. Auch jetzt wird wieder ausgearbeitet, verhandelt und beschlossen. Nur die betroffenen Gemeinden und Grundstücksbesitzer sind wieder außen vor.“

(Bayerischer Gemeindetag, Offener Brief der Bürgermeister des Landkreises Garmisch-Partenkirchen, 25.3.2010; Effern, Heiner, Ruf nach früherer Information, in SZ 13.4.2010)

Drei weitere Meldungen zu „Nebenwirkungen“ aus Garmisch-Partenkirchen:

1) Schneekanone statt Sozialwohnung

Die Konflikte in den von Bürgermeister Thomas Schmid/CSB) verkauften 140 Sozialwohnungen in der Breitenau spitzten sich Ende März 2010 zu: Die Sanierungsarbeiten der Käuferin, der Schweizer Grammont Invest AG, sorgten für Streit mit den Bewohnern, denen von Schmid zugesagt worden war: „Die nächsten zehn Jahre passiert nichts.“

(Brinkmann, Tanja, Mieter klagen über Schikane, in Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 30.3.2010)

Der Erlös einer Sozialwohnung brachte der Gemeinde knapp den Gegenwert einer Schneekanone. 90 Schneekanonen wurden gekauft.

2) Kunst am WM-Bau

Ein riesiger Bogen aus 200 „farbenfrohen Skiern“ soll den Ortseingang von GaP für die Ski-WM 2011 schmücken – 21 Meter breit und neun Meter hoch. „Ideal wären Bögen an allen Ortseingängen“ schwärmte der Webdesigner Rüdiger Sanden. „Das ist eine tolle Idee“, äußerte der dritte Bürgermeister Hannes Kratz von den Freien Wählern.

(Tokarski, Janine, Bundes Willkommen aus 200 Skiern, in Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 6.4.2010)

3) Olympische Aufrüstung

Innenminister Joachim Hermann verwies Anfang April 2010 auf „die Bedeutung der Dienststelle in Bezug auf die Aufgaben hinsichtlich der Ski-WM und mit Blick auf die Olympia-Bewerbung 2018“. Deshalb wird die Polizei in GaP aufgerüstet. Der bisherige Leiter, ein Erster Polizeihauptkommissar (fünf silberne Sterne) bekommt mit einem Polizeidirektor (drei goldene Sterne) einen neuen Chef.

(Brinkmann, Tanja, Goldene Sterne für die Ski-WM, in Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 7.4.2010)

Zum Ausbau der Eisenbahn

(Vergleiche: Oberammergau als potentieller Austragungsort)

Auf eine schriftliche Anfrage des MDL Ludwig Wörner (SPD) zum Ausbau der Bahn im Zuge München 2018 antwortete die Bayerische Staatsregierung am 25.3.2010 u. a.:

–           Zwischen Tutzing und Murnau ist ein abschnittsweise zweigleisiger Ausbau vorgesehen;

–           Zwischen Farchant und Garmisch-Partenkirchen ist kein zweigleisiger Ausbau vorgesehen.

–           Die Kandahar-Abfahrt kann nicht mit der Eisenbahn angefahren werden.

–           Die Verbindung Berchtesgaden – Königssee wird nur mit Busverbindungen hergestellt.

–           Die Bahnstrecke München – Mühldorf – Freilassing wird für 2018 nicht ausgebaut.

(Bayerischer Landtag, 16. Wahlperiode, Drucksache 16/4047, 25.3.2010)

Olympische BMW-Welt

Am 26.3.2010 organisierte die BMW AG mit der Bewerbungsgesellschaft eine Ausfahrt von München nach Garmisch-Partenkirchen „im Zeichen der Nachhaltigkeit“: Es fuhren unter anderem mit ein BMW 730d, ein 635d, ein Active Hybrid 7 plus viele weitere BMWs – vermutlich alle mit einer Person besetzt. Sechs ehemalige Sportgrößen, darunter die unermüdlichen Rosi Mittermaier und Christian Neureuther, fuhren in BMW-Modellen die Strecke ab. „Thomas Schmid, Bürgermeister von Garmisch-Partenkirchen, fuhr im Sinne der Nachhaltigkeit in einem Mini E in das Olympia-Skistadion neben dem Gudiberg…“

Die ebenfalls unermüdliche Katarina Witt verkündete: „Gemeinsam für nachhaltige Spiele, das war eine prima Idee von BMW und der Bewerbungsgesellschaft.“ Und der unermüdliche Münchner OB Ude überreichte jedem Teilnehmer eine symbolische Goldmedaille.

(BMW Group Efficient Dynamics Flotte im Einsatz, BMW-Presse-Information vom 26.3.2010)

Nun sind Olympische Spiele genauso wenig nachhaltig wie BMW-Geländewagen. Aber der Sponsor aus der Automobilindustrie fordert für seine drei Millionen Euro natürlich auch einen Gegenwert. Und das angeblich ökologische Elektro-Auto muss nun immer dabei sein, siehe Kritik weiter unten.

Weitere Subvention

Bundesinnenminister Thomas de Maizière kündigte 1,5 Millionen Euro als „Bundeszuschuss für ein Kulturprogramm zur Ski-WM 2011“ an mit der Begründung, dass die Ski-WM 2011 fünf Monate vor der Entscheidung über die Olympischen Winterspiele 2018 stattfinde: „Und nur deshalb sind die Mittel gerechtfertigt und gut.“

De Maizière sagte auch, dass es keinen Zusammenhang zur gleichzeitigen Streichung von zwei Millionen Euro für den „Goldenen Plan Ost“, einem Förderprogramm für ostdeutsche Sportstätten gebe.

(Schwer, Alexander, Hohes Niveau auch abseits der Piste, in Garmisch-Partenkirchner Tagblatt 27.3.2010)

Diese und andere Ausgaben werden außerhalb des 30-Millionen-Budgets der Bewerbung verjuxt: Solche Summen müssen also noch separat dazu addiert werden. Interessant ist auch, wie dem Breitensport Mittel entzogen und in den Spitzensport gesteckt werden.

Klein-Sponsoren

Da der Bewerbungsgesellschaft immer noch Geld fehlt, wurden ab Ende März auch Kleinsponsoren für 30.000 Euro eingeladen, die sich „Freunde der Bewerbung“ nennen dürfen. Dazu gehören die Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern, die Autobus Oberbayern GmbH, das Sporthaus Schuster, die APA-Gruppe aus Neuwied (auf Sport-Werbung spezialisiert) und die Drees & Sommer GmbH, involviert beim Fröttmaninger Stadion. Sie koordinierte auch den Bau der großen Schanze in Garmisch-Partenkirchen (bei der sich die Kosten von 9 auf 18 Mill. Euro verdoppelten). Bei einer erfolgreichen Bewerbung 2018 wäre ein Neubau der Kleinen Schanze fällig – und Drees & Sommer behalten sich vor, sich wiederum zu bewerben.

(Neff, Berthold, Fünf Freunde für Bewerbung, in SZ 30.3.2010; Kemnitzer, Sebastian, Der Widerstand der Bajuwaren, in taz 3.4.2010)

Bayerischer Bauernverband

Am 30.3.2010 gab der Bayerische Bauernverband bekannt, dass zwischen Bewerbungsgesellschaft und Bauernverband Vertragsentwürfe mit den betroffenen Grundstückseigentümern vorbereitet werden. Der Einsatz von Biomasse und die Erzeugung von Biogas aus Reststoffen, die Versorgung von Sportlern und Zuschauern mit regionalen und biologischen Lebensmitteln sei für die Landwirte von Interesse. Die Spiele 2018 könnten eine „beachtliche ökologische und gleichzeitig ökonomische Komponente“ haben.

Der bayerische Landwirtschaftsminister Helmut Brunner beauftragte die Landesanstalt für Landwirtschaft und das Amt für Ländliche Entwicklung, Lösungen für den Tausch von Pacht- und Eigentumsflächen zu finden.

(Bayerischer Bauernverband, Konkrete Planung erforderlich, Pressemitteilung vom 30.3.2010; BLW 14/9.4.2010

Was kommt wirklich auf die Bauern zu? Ruinierte Grundstücke in GaP und Oberammergau mit ungewissen Schäden für Bewirtschaftung und Natur und ungeklärten Haftungsfragen für deren Beseitigung und Renaturierung. Mit Sicherheit werden sie keine Zulieferer für Lebensmittel sein, da dies alles zentral durch das IOC geregelt wird; auch der Einsatz von Biogas und Biomasse in großem Maß ist unrealistisch.

Dafür können die Bauern vier Jahre lang ihre betroffenen landwirtschaftlichen Grundstücke nicht bewirtschaften, von 2016 bis 2019. Somit bleiben für diese Landwirte viele falsche Versprechungen, keine Zusagen, vage Hoffnungen, konkrete Schäden. Unverständlich, dass der Bauernverband unter diesen Umständen die Seite der Bewerbungsgesellschaft einnimmt.

Deshalb arbeitet das Landwirtschaftsministerium an neuen (fragwürdigen) finanziellen Zusagen für die Bauern, die im Mai 2010 formuliert wurden – siehe die Entwicklung am 18. Mai 2010.