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Salman Al Khalifa/Bahrain: Blatters „würdiger“ Nachfolger

22.1.2016, aktualisiert 13.11.2017

Siehe auch: Motorsport in der Bahrain-Diktatur; Fifa-Präsidentenwahl 26.2.2016

Vorgeschichte 2011
Das Königreich Bahrain ist ein Inselstaat mit rund 750 Quadratkilometern im Persischen Golf. Es hat eine schiitische Mehrheit von 70 Prozent, wird aber von einer sunnitischen Herrscherfamilie regiert. Die Hälfte der 1,3 Millionen Einwohner sind Bahrainer, die anderen “hochbezahlte Ausländer und asiatische Billig-Gastarbeiter” (Brümmer, Avenarius 21.4.2012; Salloum 2.11.2014).
Im März 2011 gab es Massenproteste gegen die Unterdrückung der Schiiten mit “mehr als 40 Toten, Massenverhaftungen, Folterungen und der Entlassung von Regimekritikern” (Formel 1 fährt in Bahrain, in SZ 14.4.2012). Andere Quellen gehen von über 80 Toten aus (Mekhennet 20.4.2012).
König Hamad bin Isa Al Khalifa konnte sich nur mit Hilfe von 1200 Soldaten aus Saudi-Arabien und militärischer Hilfe des Golf-Kooperationsrates (GCC) an der Macht halten (SZ 11.6.2011; Zekri 12.4.2012). Dieser besteht aus Bahrain, Katar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. William Dobson erwähnt auch Söldner aus Pakistan: “Bahrains Monarchie heuerte pakistanische Söldner an, die gegen sein Volk vorgingen” (Dobson 2012, S. 455).
“Die meisten Oppositionsführer und Regimekritiker sind inhaftiert, einige von Sondergerichten zum Tode verurteilt. Menschenrechtsorganisationen erheben zudem Foltervorwürfe” (Avenarius 4.6.2011).
Und so unterdrückt das Militär – oft Söldner aus anderen islamischen Staaten -, bis heute die Bevölkerung. In Bahrain ist zudem die 5. Flotte der USA stationiert und für die Sicherung der wichtigen Seewege am Golf zuständig. “Die US-Regierung sieht die Herrscherfamilie daher als einen wichtigen Verbündeten” (spiegelonline 21.4.2012).

Was der Premierminister von Bahrain erzählt
1971 wurde Prinz Chalifa Bin Salman Al Chalifa von seinem Bruder in das Amt des Premierministers berufen – und hat seitdem diese Position inne. Zum Formel 1-Rennen im Jahr 2011 in Bahrain und den einhergehenden heftigen Protesten äußerte Al Chailfa im Spiegel-Interview im April 2012 (alle Zitate: Mekhennet 28.4.2012):
“Ich bin sehr froh, dass dieses Rennen stattgefunden hat… Es war ein glücklicher Event für alle Bahrainer.” – Auf die Frage nach der Opposition. “Wir reden hier von Leuten, die wir in der modernen Welt als Terrorgruppe bezeichnen würden.”
Zu den Demonstrationen gegen die Regierung und den König: “Aber wir haben noch nicht all unsere Kräfte eingesetzt. Wir hatten bisher sehr viel Geduld mit der Opposition.”
Zum Oppositionellen Abd al-Hadi al-Chawadscha: „Sein Zustand ist nicht so schlecht, wie Sie es darstellen.”
Zur Unterdrückung der schiitischen Mehrheit von 75 Prozent: “Wir haben sunnitische und schiitische Minister, wir haben Schiiten, die sehr reich sind.”
Zur Frage, warum er bereits seit 1971 regiere: “Na und? Demokratische Systeme unterscheiden sich.”

Salman Bin Ibrahim Al Khalifa
Salman Al Khalifa (*1965; vereinheitlichte Schreibweise) ist Mitglied der königlichen Familie. Er wurde Präsident der Bahrain Football Association, 2013 Präsident des Asien-Verbandes AFC der Fifa und sitzt seitdem auch im Fifa-Exekutivkomitee.
Zur Vergabe der Fußball-WM 2022 an Katar sagte Al Khalifa, der Zuschlag bedeute viel für den Kontinent. Er sei überzeugt, dass die Organisatoren „alles tun werden, um die Zweifel zu beseitigen“ (spiegelonline 2.6.2014). Das WM-Finale in Katar soll am 18.12.2022 stattfinden, wie Al Khalifa im März 2015 verkündete: „Der für die Turnierorganisation bei der Fifa zuständige Scheich Salam bin Ebrahim al Khalifa aus Bahrain trug den Vorschlag vor, Gegenargumente seien nicht geäußert worden“ (spiegelonline 19.3.2015).
Im Oktober 2015 kündigte er die Kandidatur um das Amt des Fifa-Präsidenten an. Er ist ein Zögling des mächtigsten Sportfunktionärs der Welt, Ahmad Al Fahad Al-Saba.

Blatter fördert Freund Al Khalifa
Der Asien-Verband AFC der Fifa brauchte 2013 einen neuen Chef, da der Vorgänger, Mohamed Bin Hammam, gegen Blatter als Präsident kandidieren wollte und von diesem 2011 abserviert wurde. Hier kam Blatter-Freund Scheich Salman Bin Ibrahim Al Khalifa aus Bahrain ins Spiel. Blatter ließ Kuwait in einem Brief drohen, im Fall der weiteren Unterstützung von Bin Hammam auch die Fußball-WM 2022 wieder zu thematisieren. Kuwait machte den Brief an Katar öffentlich, und Salman wurde mit 33 von 46 Stimmen zum AFC-Chef gewählt und zog in das Fifa-Exekutivkomitee ein. “Sofort trompetete der zwielichtig beleumundete Salman, er werde für Blatters fünfte Fifa-Amtszeit ab 2015 votieren” (Kistner 6.5.2013).

Im April 2015 wurde Al Khalifa als AFC-Präsident wiedergewählt. „Asiens Verbände haben bei der Fifa-Wahl in Zürich 47 von 209 Stimmen und somit großen Einfluss“ (spiegelonline 30.4.2015). Gleichzeitig gewann Al Khalifa gegen Prinz Ali bin Al-Hussein aus Jordanien die Wahl um das Amt des Fifa-Vizepräsidenten. „Den regulären asiatischen Platz im 25-köpfigen Fifa-Exekutivkomitee nimmt Scheich Ahmad al-Sabah ein, der wie Al Khalifa ohne Gegenkandidat per Akklamation bestimmt wurde“ (spiegelonline 30.4.2015).
Die Wahl am 29.5.2015 zum Fifa-Präsidenten gewann wie erwartet Blatter – unter dem Eindruck der Verhaftungen von sieben hohen Fifa-Funktionären im Züricher Hotel Baur au Lac am 27.5.2015. Vier Tage später trat Blatter zurück, wollte sein Amt aber bis zur Neuwahl des Fifa-Präsidenten ausüben. Die Fifa-Ethikkommission sperrte Blatter dann am 21. Dezember 2015 für acht Jahre.

Erneut: Königsmacher Al-Sabah
Ahmad Al Fahad Al-Sabah (*1963) aus Kuwait ist der mächtigste Sportfunktionär der Welt. Seit 1992 ist Al-Sabah IOC-Mitglied, Präsident des Olympic Council of Asia, Präsident der Vereinigung der Nationalen Olympischen Komitees (ANOC) und Verwalter des IOC-Entwicklungshilfefonds. Aus dem Stichwort Al-Sabah im Kritischen Olympischen Lexikon: Al-Sabah bekam dann unter Jacques Rogge auch noch die Leitung der IOC-Kommission „Olympische Solidarität“: Damit kann er rund 435 Millionen US-Dollar „Entwicklungshilfe“ relativ freihändig verteilen. „Und Rogge setzte ausgerechnet ihn an die Spitze jener IOC-Kommission, die mehr als 400 Millionen Dollar aus einem Topf für Entwicklungshilfe verteilt. Dabei wurde Al-Sabah in Kuwait schon 2011 von Parlamentsabgeordneten vorgeworfen, er solle Geld aus einem Investitionsprogramm für das asiatische Olympiakomitee OCA, dem er ebenfalls vorsteht, zweckentfremdet haben“ (Weinreich, Jens, Bach und der Strippenzieher-Scheich, in spiegelonline 3.9.2013). Seit April 2015 ist Al-Sabah auch noch Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees.
Al-Sabah inthronisierte Al Khalifa 2013 als Präsident der asiatischen Fußballkonföderation AFC. Thomas Kistner schrieb dazu im Mai 2013 in der SZ: „Der operative Sieger der jüngsten Wahl-Farce aber ist Scheich Al-Sabah. Nicht zum ersten Mal, des Kuwaitis Verwicklung in Weltsportaffären ist legendär. Der zwielichtige Handball-Weltpräsident Hassan Moustafa (Ägypten) hängt von ihm ab, es gab gar schon gekaufte Olympia-Qualifikationsspiele. (…) Insider verweisen in dem Zusammenhang auf die nächste große Kür: Die IOC-Präsidentenwahl im Herbst. Hier gilt der deutsche Sportchef Thomas Bach als Favorit. Wer auf Bachs exzellente Drähte zu Al Sabah verweist, verrät kein Geheimnis. Der Wirtschaftsanwalt arbeitet im arabischen Raum, präsidiert einer deutsch-arabischen Handelskammer und pflegt eine vielschichtige Liaison mit Kuwait. Im Zuge der Siemens-Affäre wurde 2008 publik, wie Konzernberater Bach sein Bemühen, Kuwait als Großinvestor für ein Projekt zu gewinnen, an ‚Freund und Kollege, Energieminister Scheich Ahmed al-Sabah’ band. Bach verweist stets auf die Trennung von Job und Ehrenamt. Trotzdem, sagen kundige Beobachter, dürfte die AFC-Wahl kein schlechtes Omen sein aus Sicht eines deutschen Schattenkandidaten“ (Kistner SZ 6.5.2013). – „Bach hat den Königsmacher im Weltsport hinter sich: Scheich Al-Sabah aus Kuwait, eine zwielichtige Figur. Mit ihm und Kuwait ist Bach seit langem vernetzt“ (Kistner 10.5.2013b). Wenig überraschend wurde Bach dann im September 2013 IOC-Präsident.
Al-Sabah bezeichnete Kritik an der Vergabe der Fußball-WM 2022 an Katar als „rassistische Angriffe gegen Katar und alle Araber“ (spiegelonline 6.6.2014). – „Er stehe zu seinen Brüdern in ‚Katar’ und zu Scheich Ebrahim al Khalifa (…) Niemand wird Katar die WM 2022 wegnehmen’, sagte Sabah“ (Ebenda).
Am 15.10.2015 kündigte Salman Al Khalifa seine Kandidatur um das Amt des Fifa-Präsidenten bei der Wahl als Blatters Nachfolger am 26.2.2016 an: „Protegiert von einem der einflussreichsten Männer im internationalen Sport: dem Kuwaiter Sheikh Ahmad al-Fahad Al Sabah, der schon als wichtiger Wahlhelfer für Thomas Bach auf dem IOC-Parkett unterwegs war“ (Kalwa 25.10.2015). – „… außerdem wirbelt für ihn der kuwaitische Scheich Al-Sabah, der schon wichtigster Wahlhelfer von Thomas Bach im Internationalen Olympischen Komitee war und auch im Fußball großen Einfluss hat“ (Kägi 27.10.2015). – „Scheich Salman bin Ibrahim Al Khalifa aus Bahrain, asiatischer Fußballchef, wird ganz offen vom mächtigen Multifunktionär Scheich Ahmad al-Sabah (Kuweit) ins Wahlrennen geschickt“ (Ashelm 27.10.2015).
Thomas Kistner schrieb in der SZ: „Der Scheich aus Kuwait fiel in der Fifa-Reformkommission bisher nur als Bremser auf. (…) Während Interimspräsident Issa Hayatou (Kamerun) nach Zeugenberichten mit dem Schlaf kämpfte, winkte das Gremium die Vorschläge der neuen Reformkommission durch. (…) Die stammten weniger aus dem Gremium, dessen Mitglied Ahmad Al-Sabah (Kuwait) die Reformen sogar bis zuletzt hintertrieb, als aus der Feder von Domenico Scala. Der Fifa-Compliance-Chef hatte das schillernd besetzte Grüppchen wiederholt offen kritisiert“ (Kistner 4.12.2015).
Al Khalifa kann also mit Fug und Recht als Produkt von Al-Sabah gelten, der im Erfolgsfall die beiden Spitzenposten im Weltsport bei IOC und Fifa mit seinen Parteigängern Thomas Bach und Salman Al Khalifa besetzt hätte. Al-Sabah ließ auch den Putin-Freund Marius Vizer im Mai 2013 zum Präsident von SportAccord wählen, dem Zusammenschluss aller Sportverbände. In diesem Fall scheiterte der Versuch: Vizer musste nach Ausfällen gegen das IOC im Mai 2015 zurücktreten.

Al Khalifa und die Menschenrechte
Thomas Kistner kommentierte im Mai 2013 die Wahl von Al Khalifa zum AFC-Präsidenten in der SZ: „Nun hat der AFC einen Boss, der von globalen Aktivisten als Folterer bezichtigt wird. Schon vor der AFC-Wahl hatte das Zentrum für Menschenrechte in Bahrain bei der Fifa interveniert: ‘Scheich Salman ist über sein Amt und seine Helfer in Menschenrechtsverletzungen gegen Spieler, Offizielle und Klubs verstrickt, die an den Protesten für Demokratie im Februar 2011 teilnahmen’. Salman ist Cousin des Herrschers von Bahrain, der die Demonstrationen blutig niederschlagen ließ” (Ebenda).
In faz.net schrieben Anno Hecker, Michael Ashelm und Christoph Becker: „Der Internationale Fußball-Verband (Fifa) steht nach wie vor am Scheideweg. Die Reformkräfte haben längst nicht gesiegt. Im Gegenteil: Hinter den Kulissen läuft sich der bahrainische Scheich Salman Al Khalifa für eine aussichtsreiche Kandidatur als Fifa-Präsident warm. Der Chef der Asiatischen Fußball-Konföderation soll, so Menschenrechtsorganisationen, beim unterdrückten Volksaufstand in Bahrain 2011 Fußballspieler eingesperrt und gefoltert haben. Al Khalifa bestreitet das, zeigte sich aber 2012 gegenüber einem BBC-Reporter völlig verdattert, warum um alles in der Welt er sich für Meinungsfreiheit einsetzen sollte. Dass seine Kandidatur eine reale Möglichkeit ist, sagt viel über die Dringlichkeit der Reformaufgabe in den internationalen Verbänden“ (Hecker, Ashelm, Becker 25.10.2015).
Als Al Khalifa im Oktober 2015 seine Kandidatur um das Amt des Fifa-Präsidenten ankündigte (siehe unten), wurde dies umgehend von Human Right Watch, Americans for Democracy, Human Rights in Bahrain und dem Bahrain Institute for Rights and Democracy kritisiert: Er wurde einer „Komplizenschaft in Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ beschuldigt. Er soll ein Komitee geleitet haben, das 150 Sportler einschließlich internationaler Fußballer als Teilnehmer von pro-demokratischen Demonstrationen im Jahr 2011 identifiziert habe. Viele von ihnen wurden später inhaftiert und gefoltert. Said Yousif Almuhafdah, der Vizepräsident des ‚Bahrain Center for Human Rights’, äußerte in der FAZ: „Er hat Spieler nicht persönlich gefoltert. Gleichwohl gilt er sowohl mir als auch den Menschen in Bahrain als Folterer, denn dieses Komitee war dafür verantwortlich, dass Menschen ausgesondert wurden, ihre Arbeit verloren, verhaftet wurden, in Gefängnissen verschwanden, gefoltert wurden“ (Becker 17.1.2016).
Al Khalifa leugnete die Anschuldigungen (Wikipedia). Al Khalifa bestritt auch, dass dieses Komitee jemals gegründet wurde und er in irgendeiner Weise beteiligt gewesen sei (espnfc.com 30.10.2015).
Thomas Kistner schrieb zu Al Khalifa im Oktober 2015 in der SZ: „Der Chef des Asien-Verbandes AFC wird auch noch im Ring erwartet, könnte aber Probleme mit dem Integritäts-Check für alle Kandidaten durch die Fifa kriegen. Menschenrechtsorganisationen beklagen Salmans Rolle bei der Niederschlagung der Demokratie-Bewegung in Bahrain 2011“ (Kistner 26.10.2015). – „Menschenrechtsorganisationen heben immer wieder Salmans dubiosen Part bei der blutigen Niederschlagung der Demokratie-Bewegung in Bahrain 2011 hervor. Als Mitglied der Herrscherfamilie soll er mitgeholfen haben, Sportler und Trainer zu identifizieren, die unter den Protestierern waren; einige mussten ins Gefängnis, manche wurden gefoltert. Salman bestritt das stets, wurde aber ebenso wenig konkret wie bei anderen Vorwürfen, die ein intransparentes Geschäftsgebaren des AFC nahelegen“ (Aumüller, Kistner 27.10.2015).
Jürgen Kalwa schrieb in deutschlandfunk.de: „Es gehört einiges an Fantasie dazu, sich so etwas auszumalen: dass die Angehörigen einer relativ erfolgreichen Fußball-Nationalmannschaft festgenommen und im Gefängnis gefoltert werden. Aber das ist, was vor vier Jahren in Bahrain passierte, als tausende wochenlang gegen das Regime eines Monarchen protestierten, dessen Familie den Öl-Staat im Persischen Golf beherrscht. Inspiriert vom sogenannten arabischen Frühling beteiligten sich auch die Brüder Ala’a and Mohammed Hubail an den Demonstrationen. Sie wurden in Haft genommen und misshandelt. Und vorher noch im staatlichen Fernsehen öffentlich attackiert. Offiziellen Angaben zufolge starben damals mehr als 20 Menschen. 400 wurden auch noch Monate später vermisst“ (Kalwa 25.10.2015; vgl. den Film von Jeremy Schaap).
Die Anschuldigungen gegen Al Khalifa sind konkret: „Sie wurden zum Beispiel 2011 in einem Film des amerikanischen Journalisten Jeremy Schaap für den Sender ESPN belegt. Zwei Jahre später gab es übrigens erneut Meldungen über Verhaftungen von regimekritischen Sportlern. Währenddessen ging die Konsolidierung der Macht von Repräsentanten arabischer Länder in der asiatischen Fußball-Föderation weiter. Viele von ihnen Mitglieder königlicher Familien und über Ämterpatronage installiert“ (Ebenda).
Ueli Kägi schrieb im Tagesanzeiger: „Gegen Salman spricht, dass es Zweifel an seiner Integrität gibt. Menschenrechtsorganisationen werfen ihm vor, an der Folter von 150 demonstrierenden Sportlern in Bahrain beteiligt gewesen zu sein – was er bestreitet“ (Kägi 27.10.2015).
Nach der Niederschlagung der Unruhen in Bahrain begann die Sportfunktionärs-Karriere von Al Khalifa erst richtig: 2013 Präsident AFC und Fifa-Vizepräsident, Mitglied im Exekutivkomitee und nun, 2015, Kandidat um das Präsidentenamt: mit wohl schon sicheren 101 von 209 Stimmen aus Asien und Afrika.

Widerstand gegen Al Khalifa
Die Bundestags-Vizepräsidentin und Grünen-Politikerin Claudia Roth rief Mitte Januar 2016 den DFB und die Uefa auf, Al Khalifa als nächsten Fifa-Präsidenten zu verhindern: „Es wäre ein Hohn der massiven Menschenrechtsverletzungen in Bahrain, wenn eine solche Person Präsident der Fifa würde. (…) Der Versuch einer Demokratisierung, einer Öffnung, mit einer Anerkennung der gleichen Rechte eines großen Teils der Bevölkerung, der Schiiten, wurde 2011 mit brutaler Gewalt niedergeschlagen. Dafür wurden Panzer aus Saudi-Arabien nach Bahrain geschickt. Es gab viele Tote und Verletzte. Unter anderem Sportler wurden verhaftet, es gab deutliche Hinweise auf Folter, auch von Fußballern“ (Becker 17.1.2016).
Der Basler Strafrechtsprofessor und frühere Leiter der Fifa-Reformkommission, Mark Pieth, sagte: „Der Aufschrei müsste von den 209 Verbänden kommen. Sie müssten sagen: Wollen wir das? Wirklich? Sie müssen fragen: Ist Salman ein glaubwürdiger Vertreter für Demokratie und Aufbruch? Taugt er? Ein Vertreter eines autokratischen Herrscherhauses ist nicht geeignet, diese Institution aus der Krise zu führen“ (Becker 17.1.2016). Zur Förderung von Al Khalifa durch Al-Sabah äußerte Pieth: „Der Mechanismus, den wir haben, nennen wir Patronage, nicht Mafia. Aber es ist etwas ähnliches. Das perpetuiert sich bei den Personen, die da in Frage stehen“ (Ebenda).

Sepp Al Khalifa
Am 15.1.2016 ging Al Khalifa den Weg, den Sepp Blatter so oft vor der Präsidentenwahl gegangen ist: Stimmensicherung durch Versprechungen und finanzielle Zuwendungen. Dazu suchte er den Präsidenten des afrikanischen Fußballverbandes Caf (und derzeit amtierenden Fifa-Präsidenten) Issa Hayatou auf.
„Am Freitag war bekannt geworden, dass Scheich Salman und der Präsident des afrikanischen Fußball-Konföderation, der amtsführende Fifa-Präsident Issa Hayatou, eine Vereinbarung zur ‚Fortsetzung der engen Kooperation’ unter anderem im Bereich der Integrität zwischen dem Kontinentalverbänden Afrikas und Asiens geschlossen haben. Beobachter sehen darin ein Versprechen Hayatous, die Scheich Salman in Zürich die 54 afrikanischen Stimmen garantieren sollen. Stimmten alle afrikanischen und alle asiatischen Verbände für Al Khalifa, hätte der Scheich 101 von 209 Stimmen sicher. Prinz Ali bin Al Hussein aus Jordanien, der ebenfalls für das Präsidentenamt kandidiert, sieht darin eine ‚offenkundigen Versuch, einen Stimmenblock zu garantieren’. Er habe die Wahlkommission der Fifa aufgefordert, die Absprache zu untersuchen“ (Becker 17.1.2016).
Während der jordanische Prinz Ali bei der Ehrung der Weltfußballer des Jahres 2015 in Zürich weilte, betrieb Al Khalifa die alte Fifa-Politik: „Der Chef des Asien-Verbandes AFC schwänzte den Treff der weltbesten Kicker und betrieb lieber Lobbyarbeit in Afrika. (…) Der Favorit unter den fünf Kandidaten habe einen Deal mit Afrikas Erdteilverband Caf geschlossen, um sich die entscheidenden Voten für die Fifa-Thronwahl am 26. Februar zu sichern“ (Kistner 18.1.2016). Vier Jahre wollen sich Al Khalifas Asienverband und der skandalumtoste Präsident des afrikanischen Verbandes, Issa Hayatou, gegeneinander unterstützen. „Wobei sich jeder selbst ausmalen darf, wer im Innenverhältnis von Asien und Afrika der Geber von Benefizleistungen ist und wer eher der Nehmer“ (Ebenda).
Mark Pieth äußerte dazu im Interview mit der Berner Zeitung: „Jeder neue Kandidat bei der Fifa-Präsidentschaftswahl birgt das Risiko, dass er nach dem Muster Blatters erst seine Machtbasis erkauft. Das System Blatters existiert so weiter, einfach mit anderen Personen. Es scheint, dass mit Scheich Salman genau das passiert: ‚Entwicklungshilfe’ wird als Wahlkampfmittel eingesetzt. Das stinkt nach Stimmenkauf“ (Endres 18.1.2016). Pieth sieht auch für die Uefa nur theoretische Alternativen: „Die Uefa hätte eine sehr wirkungsvolle Möglichkeit. Sie könnte sagen: Wenn es so weitergeht, dann machen wir nicht mehr mit. Die Uefa könnte sich von der Fifa abkoppeln. So könnte Fußball wieder von Geld getrennt werden. Diese Möglichkeit ist aber nicht sehr realistisch, denn viele europäische Clubs werden durch arabische Staaten finanziert, zum Beispiel der FC Barcelona“ (Ebenda).

Fazit
Für Mark Pieth bleibt Al Khalifa grundsätzlich problematisch: „Salman kommt aus einem autokratischen Herrscherhaus. Ihm wird vorgeworfen, bei der Unterdrückung der demokratischen Bewegung in Bahrain mitgeholfen zu haben. Er hat sich nie von der Unterdrückung des Arabischen Frühlings in seinem Land distanziert. Man muss sich jetzt fragen, ob er geeignet ist, die Fifa aus der Krise zu führen“ (Ebenda).
Ein Fazit von Thomas Kistner in der SZ: „Salman gehört Bahrains Herrscherfamilie an, die 2011 eine prodemokratische Protestbewegung im Lande brutal niederknüppeln ließ. Er verkörpert damit nicht direkt das, was sich als neue Galionsfigur für eine transparentere, moderne Fifa bezeichnen ließe. Menschenrechtler sind entsetzt über die Kandidatur des Mannes, der eine mäßig bedeutende Fußballnation repräsentiert; Bahrain dümpelt hinter Oman und Aruba auf Platz 121 der Weltrangliste. Und das sportpolitische Gespür des Scheichs in stürmischen Zeiten wie diesen offenbart ja nun gerade sein jüngster Deal. Besiegelt nur Wochen vor der Wahl, und zwar mit Issa Hayatou. Das ist der selbst einschlägig vorbelastete Caf-Chef, der die Fifa seit Sepp Blatters Sperre führt. All das zeigt die personelle Verfassung des Weltverbands an: Sie ist unverändert“ (18.1.2016).

Nachtrag 1: Auch Uefas Infantino gibt den Blatter
Auch Al-Khalifas Konkurrent, der Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino, bedient sich der Machtmechanismen Blatters. „Doch keiner bewegt sich so getreu wie Infantino in den Spuren, die die diskreditierten Amtsinhaber Blatter (1998-2016) und João Havelange (1974-98) gelegt haben.(…) Stimmenfang auf traditionelle Art betreibt der Kandidat des DFB auch im Kernbereich Finanzen. Jedem Fifa-Mitglied stellt Infantino fünf Millionen Dollar an Entwicklungs- und Projekthilfen in Aussicht, eine atemberaubende Steigerung jener zwei Millionen pro Verband, die noch im letzten Vierjahreszyklus von 2011 bis 2014 geflossen waren. Zur Rede steht gar eine weitere Million pro Land an Reisekosten. (…) Keine Berührungsängste mit großem Geld und großzügigen Ausgaben offenbart auch Infantinos Wahlkampfbudget. Die Uefa schießt ihm eine halbe Million Euro zu. (…) Derzeit sieht alles nach einem Duell aus, das wie so oft in der Karibik (35 Stimmen) entschieden werden könnte. Nach Antigua ist Infantino übrigens vorletztes Wochenende gedüst; per Privatjet direkt aus Kigali/Ruanda. Auch solche Trips gibt das Budget locker her“ (Kistner, Thomas, Dicke Taschen, dicke Versprechen, in SZ 25.1.2016; Hervorhebung WZ).

Nachtrag 2: Gewaltenteilung?
Die Uefa stand Ende Januar 2016 nicht geschlossen hinter ihrem Kandidaten Infantino. „Den Premier-League-Chef Richard Scudamore bezeichnet Salman genüsslich als ‚Freund‘. (…) Das legt nahe, die zwei Konkurrenten könnten sich die Macht teilen: Salman als Präsident, der in Zukunft stärker repräsentative Funktion haben soll, Infantino als hauptamtlicher Chef“ (Kistner, Thomas, Lieber keine Fragen, in SZ 27.1.2016).

Nachtrag 3: Al Khalifa wird Präsident ohne Gehalt, dafür Infantino fürstlich bezahlt?
Der Deal mit Gianni Infantino könnte so aussehen: Al Khalifa wird Präsident und arbeitet ohne Gehalt, Infantino bekommt viel Geld als Fifa-Generalsekretär. Al Khalifa zum Spiegel: „Anders als meine Kontrahenten kandidiere ich nicht, um acht Millionen Euro jährlich zu verdienen… Das Geld ist wesentlich besser angelegt, wenn wir damit marktgerechte Saläre für die Führungskräfte im operativen Bereich der Fifa zahlen – etwa für den Generalsekretär, der künftig als geschäftsführender Direktor fungieren soll“ (Scheich Salman will kein Gehalt, in Der Spiegel 5/30.1.2016). Dies wäre eine Distanzierung gegenüber Vorgänger Sepp Blatter. „Noch weniger kann Blatter gefallen, dass Scheich Salman ausdrücklich von acht Millionen Euro spricht. Denn der suspendierte Schweizer hatte sich bis zuletzt geweigert, sein Gehalt publik zu machen, es war eines der bestgehüteten Geheimnisse im Fifa-Hauptquartier“ (Ebenda).

Nachtrag 4: Russland für Infantino?
Der russische Sportminister Witali Mutko über Gianni Infantino: „Infantino ist unser Kandidat“ (DPA, Russland für Infantino, in SZ 4.2.2016). Infantino über Russland: „Russland muss ein Vorbild im weltweiten Fußball sein“ (Ebenda).

Nachtrag 5: Afrikaner für Al Khalifa – wie erwartet
Das Caf-Exekutivkomitee sprach sich einstimmig für Al Khalifa aus (Afrikanischer Verband unterstützt Al Khalifa, in spiegelonline 5.2.2016).
Das war vermutlich – wie in Fifa-Kreisen üblich – nicht billig.
Dann hätte Al Khalifa neben den 46 Stimmen des asiatischen Verbandes die 54 Stimmen der Afrikaner. Gegenkandidat Infantino äußerte, ihm seien 105 Stimmen sicher (Ebenda).

Nachtrag 6: Al-Sabah vor der Wahl vom 26.2.2016
Bei der Verleihung des „Ballon d’Or“ – Auszeichnung Fußballer des Jahres in Zürich: „Das IOC-Mitglied Ahmad Al-Fahad Al-Sabah verschwindet gleich nach der Ankunft in einem Konferenzraum. Der Mann aus Kuwait ist ein Unterhändler von Scheich Salman bin Ebrahim Al Khalifa aus Bahrain. Al-Sabah sammelt für Scheich Salman Stimmen, der Ballon d’Or ist eine gute Gelegenheit, den einen oder anderen Verbandsvertreter zu bearbeiten. (…) Ein paar Tage nach der Verleihung des Ballon d’Or gibt es Neuigkeiten von Scheich Salman, es sickert durch, wo er sich aufgehalten hat, während sein Konkurrent Infantino in Zürich Champagner schlürfte. Der Scheich weilte auf Jamaika, er traf sich dort mit Vertretern karibischer Verbände, um sich deren Stimmen zu sichern. So hat es Blatter auch immer gehalten“ Pfeil, Gerhard, Wulzinger, Michael, Halleluja, in Der Spiegel 7/13.2.2016).

Nachtrag 7: Al Khalifa wird noch undemokratischer
Angeblich hat Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino für die Wahl am 26.2.2016 die Stimmen fast aller Europäer (53) und die Mehrheit bei den Amerika-Verbänden Concacaf (35) und Conmebol (10). „Salman zeigt schon Nerven. Und neuerdings auch ein bizarres Demokratieverständnis: Er verlangt nun, die Verbände sollen sich auf einen Kandidaten einigen – vor der Kür. Das ist entlarvend. Dazu passt die letzte Patrone, die Infantinos Leute für die Schlussphase aufbewahren: Salman und die Menschenrechte“ (Kistner, Thomas, Blatters Nachbar, in SZ 13.2.2016). Unterdessen reiste Infantino im Uefa-Business-Jet mit dem Kennzeichen ZS-TEJ durch die Fußball-Welt wie weiland Sepp Blatter und will die WM auf 40 Teams aufblähen: Das bringt Stimmen der Fußball-Zwerge! (Ebenda).
Al Khalifa und Infantino: zwei würdige Nachfolger von Blatter! Vermutlich wird Ersterer Präsident und der Zweite Fifa-CEO. Arbeitsteilung nennt man das – oder Macht-Teilung.

Nachtrag 8: Präsidenten-Wahl am 26.2.2016

– Handy-Foto als Beweis
„Am klarsten positioniert sich bisher Prinz Ali. Am Dienstag teilte der Jordanier mit, er habe sich an den Internationalen Sportgerichtshof (Cas) gewandt, um die Wahl verschieben zu lassen. Ali will, dass die Stimmabgabe in gläsernen Kabinen stattfindet – nur so ließe sich verhindern, dass Delegierte per Handy ihre ausgefüllten Stimmzettel abfotografieren, um hernach beweisen zu können, wen sie gekürt haben. Die Wahlkommission lehnte Alis Antrag in der Vorwoche ab, verbot den Delegierten aber, bei der Stimmabgabe ein Handy mitzuführen. Der Cas kündigte eine Entscheidung bis Donnerstagmorgen an. Ein Votum pro Ali ist unwahrscheinlich“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Streit um die Glaskabine, in SZ 24.2.2016).

– Al-Sabah will Al Khalifa
„So wird auch die Rolle von Domenico Scala zu einem der tragenden Flüsterthemen bei den Zürcher Zusammenkünften. Der Schweizer Manager führt seit Längerem die Wahl- sowie die Auditkommission und galt zuletzt als treibende Kraft hinter den Reformen. (…) In Kandidaten- und anderen Kreisen wird auch diskutiert, dass sich Scala vor kurzem in privatem Rahmen mit Scheich Achmad al-Sabah ausgetauscht habe. Der Fifa-Vorstand, dessen Kuwait-Verband derzeit gesperrt ist, ist sehr umstritten. Bei vielen Wahlen in der Sportwelt, zuletzt im Internationalen Olympischen Komitee, war Al-Sabah der Königsmacher; es gilt als offenes Geheimnis, dass er seinen Scheich-Kollegen Salman gern als Fifa-Chef sähe. In dem Kontext fällt nun auf, dass der von Scalas Kommission bei allen Bewerbern durchgeführte sogenannte Integritätscheck bei Salman zu keinen Beanstandungen geführt hatte, obwohl Menschenrechtsorganisationen seit Jahren dessen Rolle bei der Niederschlagung der bahrainischen Protestbewegung 2011 anprangern. Salman weist die Vorwürfe von sich, doch sogar Sportler belasten ihn“ (Ebenda).

– Al Khalifa von Russland gepushed
“Bisher schien die Grundkalkulation klar zu sein: Salman hat das Gros der Stimmen Asiens (47) und Afrikas (54) hinter sich. Infantino glaubte seine 53 Europäer hinter sich sowie an einen Vorsprung in Ozeanien (11) und den beiden Amerika-Verbänden Concacaf (35) und Südamerikas Conmebol (10). Letzterer hatte sich sogar geschlossen für ihn ausgesprochen. Doch je näher die Wahl rückt, umso wackeliger erscheint diese Wahlstatik. Aus Kreisen von Golf-Funktionären wurde Donnerstagabend transportiert, ein markant großer Teil an Nationalverbänden sei aus dem europäischen Block ausgebrochen – angeblich unter russischer Führung. Dazu passt, dass der russische Verbandschef Witalij Mutko, zugleich Sportminister und ein alter Petersburger Vertrauter von Staatspräsident Wladimir Putin, bis vor Kurzem noch öffentlich einen Deal zwischen Scheich Salman und Infantino befürwortet hatte. Schließlich soll auch der scheidende Fifa-Patron Sepp Blatter im Hintergrund einige Gespräche geführt haben” (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Trend zum Scheich, in SZ 26.2.2016).

– Menschenrechte: Al Khalifa baut vor
“Scheich Salman scheint derweil schon für den Fall vorzusorgen, dass er die Wahl tatsächlich gewinnt. Auszugehen wäre dann davon, dass er bei der ersten Pressekonferenz einen Sturm kritischer Fragen abwehren muss. Seit Wochen steht er wegen seiner Rolle bei der Niederschlagung der Protestbewegung in Bahrain anno 2011 in der Kritik, damals sollen auch Sportler gefoltert worden sein. Salman weist alle Vorwürfe zurück; am Donnerstag tat er Berichte über seine Vergangenheit gegenüber CNN erneut als ‘politisches Werkzeug’ ab. Andererseits liegen Berichte und Zeugenaussagen vor. In Zürich sind jedenfalls bereits bahrainische Fußballer aufgeschlagen – mutmaßlich, um Salman zu stützen” (Ebenda).

– Blatters vergiftetes Lob
Am 26.2.2016 wurde Gianni Infantino im 2. Wahlgang zum Fifa-Präsidenten gewählt. “Direkt nach der Wahl Gianni Infantinos zum neuen Präsidenten des Weltverbandes meldete sich der Vorgänger jedoch mit warmen Worten: Infantino sei ein ‘würdiger Nachfolger’. Der neue Chef habe ‘alle Qualitäten, meine Arbeit fortzusetzen und die Fifa wieder zu stabilisieren’, erklärte der von der Ethikkommission für sechs Jahre suspendierte Blatter. (…) Immer wieder kokettierte Blatter damit, dass sich vier von fünf Präsidentschaftskandidaten vor dem Kongress bei ihm gemeldet hätten. Auch mehrere Verbände fragten nach, wem sie denn ihre Stimme geben sollten. Teile des Wahlprogramms von Uefa-Generalsekretär Infantino und Scheich Salman bin Ibrahim al-Chalifa lesen sich wie aus einem Blatter-Handbuch. Eine Empfehlung für die Kür seines Nachfolgers wollte er öffentlich zwar nicht abgegeben, ließ es sich aber nicht nehmen, den Bahrainer al-Chalifa gegen Vorwürfe von Menschenrechtsorganisationen in Schutz zu nehmen” (Ein Gespenst namens Blatter, in spiegelonline 26.2.2016; Hervorhebung WZ. Infantino flog im von der Uefa gecharterten Flugzeug rund um die Welt und hat Posten verteilt; Tagesschau 26.2.2016).
Da hat der Einfluss von Al-Sabah für Al Khalifa offensichtlich doch nicht ausgereicht. Bleibt abzuwarten, ob die Wahl zwischen Infantino und Al Khalifa nicht doch eine zwischen Pest und Cholera war.

– Infantinos „neuer“ Mann Marco Villiger – und Salman
Der Spiegel erhielt von einem Informanten einen Vertrag (adressiert an Marco Villiger, damaliger Chef der Rechtsabteilung), der am 19.12.2014 zwischen der Fifa (vertreten durch Jérôme Valcke, damaliger Fifa-Generalsekretär und Marcus Kattner, damaliger Fifa-Finanzchef) und der Wirtschaftskanzlei Quinn Emanuel (QE) abgeschlossen wurde. Titel des Vertrages: „Auftragsbestätigung über die Verteidigung der Interessen der Fifa gegenüber dem DOJ“ (Röhn, Tim, Das Komplott, in Der Spiegel 33/12.8.2017; DOJ: US-Department of Justice). Die naheliegende Spiegel-Frage: Warum wurde der Vertrag mit QE schon am 19.12.2014 verfasst, wo die Fifa erst am 29.5.2015 von der Razzia im Hotel Baur au Lac betroffen war? Der Profiteur wurde Villiger: „Villiger wurde zum Leiter eines groß angelegten internen Ermittlungsverfahrens, und dann flogen seine Kollegen reigenweise raus, sogar jene, die den Vertrag mit  QE unterzeichnet hatten: Valcke wegen angeblichen Spendenmissbrauchs und weil er Bestechungsgelder in Millionenhöhe weitergeleitet haben soll. Kattner, weil er seinen ‚treuhänderischen Pflichten‘ nicht nachgekommen sein soll. Beide beteuern ihre Unschuld. Villiger  dient nun Gianni Infantino. Er ist immer noch Chefjurist und zudem stellvertretender Generalsekretär. Er schielt auf den Job seiner Chefin Fatma Samoura. Es wäre der Höhepunkt einer bemerkenswerten Karriere“ (Ebenda). – Im Sommer 2014 erhielt Marco Villiger, der damalige Fifa-Chefjurist, von Scheich Salman bin Ebrahim Al Khalifa, Chef des asiatischen Fußballverbandes AFC, eine Uhr der Marke Audemars Piquet Royal Oak im Wert von mindestens 15.000 Euro. Frage: „war da nicht etwas mit Reformen, neuen ethikregeln, Moral und Anstand? Und: Soll nicht ausgerechnet Marco Villiger für genau diesen Wandel stehen? Er, der Chefjurist, der bei der Jagd auf korrupte Funktionäre das Bindeglied zwischen den US-Staatsanwälten und der Fifa ist? (…) Seine Chefin Fatma Samoura wackelt als Generalsekretärin, der Chefjurist gilt als möglicher Nachfolger. Mehrere mächtige Funktionäre haben sich hinter den Kulissen für ihn ausgesprochen, unter anderem Fifa-Präsident Gianni Infantino. Einer seiner Unterstützer ist angeblich Salman, immer noch Asiens Fußballpräsident“ (Röhn, Tim, Reizvolle Uhr, in Der Spiegel 32/2017).

Quellen:
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Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Zangenangriff gegen Europa, in SZ 27.10.2015
Avenarius, Tomas
– Ein sündhaft teurer Ring, in SZ 31.10.2009
– Großer Preis für Bahrain, in SZ 4.6.2011
Bahrains Premier vergleicht Opposition mit Terroristen, in spiegelonline 28.4.2012
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Blatter sammelt seine Truppen, in spiegelonline 7.1.2015
Blatter-Vertrauter Al Khalifa bleibt im Amt, in spiegelonline 30.4.2015
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Endres, Fiona, „Es stinkt nach Stimmenkauf“, in bernerzeitung.ch 18.1.2016
Erster Toter bei Protesten in Bahrain, in spiegelonline 21.4.2012
Fischer, Sebastian, „Ihr habt nichts kapiert“, in SZ 18.1.2016
Formel 1 meidet Bahrain, in SZ 11.6.2011
Hecker, Anno, Ashelm, Michael, Becker, Christoph, Sturmreif geschossen, in faz.net 25.10.2015
Hönicke, Christian, Das System lässt sich nicht mit seiner eigenen Logik schlagen, in tagesspiegel.de 8.1.2015
„I don’t want to be AFC head“, in archives.gdnonline.com 4.5.2009
IOC-Mitglied bezeichnet Kritik an Katar als Rassismus, in spiegelonline 6.6.2014
Kägi, Ueli, Fifa-Wahl: Ein Trio startet aus der ersten Reihe, in tagesanzeiger.de 27.10.2015
Kalwa, Jürgen, Der Umstrittene: Scheich Salman, in deutschlandfunk.de 25.10.2015
Katar weist Korruptionsvorwurf zurück, in spiegelonline 2.6.2014
Kistner, Thomas
– Blatters neuer Bruder, in SZ 6.5.2013
– Mit Demut oder Scheich, in SZ 10.5.2013
– Sexwale tritt an, in SZ 26.10.2015
– Thomas, Durch die Tiefgarage, in SZ 4.12.2015
– Ein bisschen Hilfe für Afrika, in SZ 18.1.2016
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Scheich Salman neuer Präsident des AFC, in focus.de 2.5.2016
Scheich Salman will FIFA in zwei Bereiche aufteilen, in handelsblatt.com 31.12.2015
Scheich Salman will Fußball und Finanzen trennen, in spiegelonline 31.12.2015
Sheikh Salman bin Ebrahim l Khalifa denies human rights allegations, in espnfc.com 30.10.2015
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