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Abwahl Hamburg 2024 (1): Kommentare

Zuerst möchten wir von NOlympia die Hamburgerinnen und Hamburger und den dortigen olympischen Widerstand für die vernünftige Entscheidung vom 29.11.2015 ganz herzlich beglückwünschen. Bei 1.300.418 Wahlberechtigten ergab sich eine Wahlbeteiligung von 50,1 Prozent; bei 650.106 gültigen Stimmen votierten 51,6 Prozent (335.468) gegen Hamburg 2024: Und die meisten hatten per Briefwahl noch vor den Anschlägen in Paris abgestimmt.
Trotz des massiven Einsatz von Millionen Euro durch interessierte Wirtschaftskonzerne, der Handelskammer, der Parteien (außer Die Linke) und den gesamten Apparat des Stadtstaates Hamburg ist es nicht gelungen, die olympische 16-Tage-Milliarden-Party durchzusetzen. Ausschlaggebend waren neben diverser sportinterner Skandale (Fifa, WM-Vergabe 2006 an Deutschland, Leichtathletik-Korruption, System-Doping in Russland etc.) auch die völlig ungeklärte Finanzierung von Hamburg 2024 sowie die völlig unrealistischen Sicherheitskosten – und nicht zuletzt Hamburger Interna wie die unglaublich aufwendige Absiedlung der Hafenwirtschaft vom Kleinen Grasbrook.
Für die deutschen (und internationalen) Sportfunktionäre wäre es an der Zeit, zur Kenntnis zu nehmen, dass in der heutigen Zeit aus guten Gründen milliardenschwere Sport-Megaevents nicht mehr zu vermitteln sind. 

Im Folgenden einige Kommentare zur Abwahl von Hamburg 2024:

Olaf Scholz, Erster Bürgermeister, 29.11.2015, 21 Uhr Ortszeit: „Hamburg wird sich nicht um Olympische Spiele bewerben“ (Exner, Ulrich, „Deutschland und Olympia passen derzeit nicht zusammen“, in welt.de 29.11.2015).

Peter  Ahrens in spiegelonline: „Es gibt grundsätzlich in der Bevölkerung mittlerweile ein tief sitzendes Misstrauen gegen Olympische Spiele und Fußballweltmeisterschaften, diese Supertanker der Sportveranstaltungen. Ein Misstrauen, das sich die großen Sportverbände selbst hart erarbeitet haben. Die Fifa, das IOC, der Leichtathletik-Weltverband IAAF, der Radsportverband UCI, zuletzt gar der Saubermann unter den Verbänden, der Deutsche Fußball-Bund – sie haben mit ihrer absolutistischen Mentalität, die sie über Jahrzehnte praktiziert haben, jegliches Wohlwollen zerstört. Die Funktionäre haben alles dafür getan, den Eindruck zu erwecken, dass vor allem sie selbst – gemeinsam mit ein paar allmächtigen Großsponsoren – am Ende von solchen Events am meisten profitieren. (…) Der komplette organisierte Hochleistungssport ist durch die Verbände diskreditiert, und jetzt bekommen sie von den Bürgern dafür die Quittung. Nicht nur in Hamburg, zuvor in München und Berchtesgaden, aber auch in Oslo, in Toronto, in Boston. Überall dort, wo sich Bürger gegen Spiele ausgesprochen haben“ (Ahrens, Peter, Die Quittung, in spiegelonline 29.11.2015).

Jens Weinreich: „David hat gegen Goliath gesiegt. 51,6 Prozent oder 335.638 Abstimmungsberechtigte stimmten dagegen – 48,4 Prozent oder 314.468 dafür. Das ist ein Hammer. Ich verneige mich vor der Olympia-Opposition, vor Walter Scheuerl, vor den NOlympia-Aktivisten, vor NOlympia Hamburg und vielen anderen, die sich als wahre Demokraten erwiesen und unfassbar hartnäckig gekämpft haben. Respekt.8. ..) Lasst Euch nichts einreden, liebe Leute, nicht destruktive, sondern mündige Bürger haben in Hamburg gegen die Propagandamaschine von Sport, Politik, Medien und Wirtschaft obsiegt“ (Weinreich; Jens, Das Nein für Hamburg 2024 und andere demokratische Regungen: die Parallelgesellschaft Sport kann die Signale immer noch nicht deuten, in jensweinreich.de 29.11.2015).

Michael Reinsch in faz.net: „Noch weniger aber als Politik und Politikern scheint die Öffentlichkeit dem Sport und ihren Vertretern zu glauben. Das dürfte weniger Alfons Hörmann betreffen, den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbund. Er setzte den Kandidaten Hamburg anstelle des Kandidaten Berlin durch. Vielmehr richtet sich der Blick auf seinen Vorgänger Thomas Bach. Ihn, den Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, holt die Ablehnung der Kandidatur Münchens um die Winterspiele 2018 ein. Weder als erster Mann des deutschen Sports noch als Nummer eins des Weltsports konnte er die Sportbegeisterung seiner Landsleute in eine Bewerbung ummünzen. Wie auch? Ob systematisches Doping im russischen Sport, ob eine erpresserische Verbandsspitze in der Welt-Leichathletik, ob korrupte Fußball-Funktionäre in Handschellen oder dubiose Millionenzahlungen im Zusammenhang mit dem Sommermärchen 2006: So wie Vielfalt und Faszination des Sports sich bei Olympischen Spielen auf siebzehn Wettkampftage verdichten, konzentrieren sich Abscheu und Misstrauen gegenüber dem Sport auf die Organisation im Zeichen der Ringe, den Milliarden-Konzern IOC“ (Reinsch, Michael, Der Traum ist gestorben, in faz.net 29.11.2015).

Alfons Sportdeutschland-Hörmann, DOSB-Präsident: „Wir sind mit Hamburg aufgebrochen, um Sportdeutschland neue Perspektiven zu geben – diese Chance für die nächste Generation ist nun nicht gegeben. Unser Ziel ist es nun, Sportdeutschland ohne die Vision der Olympischen Spiele weiterzuentwicklen. Auf diesem Weg haben wir nun tendenziell mit Gegenwind anzutreten“ (Blog: Das war der Tag des Olympia-Referendums, in ndr.de 29.11.2015). – „Für Sport-Deutschland stellt der heutige Tag einen herben Rückschlag und Tiefschlag dar“ (Lange Gesichter bei Hamburgs Befürwortern, in faz.net 29.11.2015).

Zu Hörmanns „Sport-Deutschland“ Volker Heise in der Berliner Zeitung: „Am Sonntag ist ein neues Land aufgetaucht. Es heißt Sport-Deutschland, und sein Präsident ist Alfons Hörmann. Er führt den Deutschen Olympischen Sport-Bund (DOSB) an und trägt Trauer. Die Niederlage von Hamburg sitzt tief. Sie lässt die Bürger seines Landes bittere Tränen weinen. Vielleicht heulen aber auch nur die Funktionäre. Sport-Deutschland ist ihre Erfindung. Sport-Deutschland ist auf keiner Landkarte verzeichnet. Manche munkeln, es wäre ein Paralleluniversum, das sich neben dem richtigen Deutschland gebildet hätte. (…) Wenn Sport-Deutschland aber ein Paralleluniversum ist, dann muss das Internationale Olympische Komitee (IOC) eine nebelverhangene Insel sein, die zwar längst untergegangen ist, aber trotzdem weiterlebt. (…) Und Alfons Hörmann bemerkt eingeschnappt, dass die olympische Idee und Deutschland im Moment wohl nicht zusammenpassen. Dabei dürfte eher die olympische Idee das IOC verlassen und alles Leben mitgenommen haben. Olympia ist Zombie-Land geworden, eine Welt der Untoten. Da helfen auch keine Tränen mehr“ (Heise, Volker, Olympia ist Zombie-Land, in berliner-zeitung.de 1.12.2015).

Peter Burghardt in der SZ: „Jubeln konnte am Ende nur die Nein-Fraktion, angeführt von den Linken und anderen Gruppen. Florian Kasiske von der Initiative NOlympia freut sich, ‚dass so viele Hamburger für eine andere Stadtentwicklung gestimmt haben“ (Burghardt, Peter, Hamburg sagt Nein, in SZ 30.11.2015).

Benjamin Knaack in spiegelonline: „Wer fragt, der bekommt eine Antwort. Und eine demokratische Entscheidung müssen alle akzeptieren. Jetzt dagegen zu pöbeln, ist sinnlos. Ebenso die Analyse von Hamburgs Sportbundchef Jürgen Mantell, der den Wählerinnen und Wählern die Fähigkeit abzusprechen versuchte, eine abgewogene, durchdachte Wahl getroffen zu haben: ‚Das war keine rationale Entscheidung, sondern eine aus dem Bauch heraus.‘ Vielleicht trifft das eher auf Mantells Analyse zu, denn auf das Abstimmungsverhalten der Hamburger. Die Wahl ist entschieden. Nun müssen die richtigen Lehren gezogen werden. Im Hamburger Rathaus. In der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt, dem Sitz des Deutschen Olympischen Sportbundes. Vor allem aber in der IOC-Hauptzentrale in Lausanne. Letztere hat jedoch schon viele Schüsse nicht gehört. Nicht den aus München, nicht den aus Oslo, nicht den aus Boston. Ob das diesmal anders sein wird?“ (Knaack, Benjamin, Wer fragt, muss mit der Antwort leben, in spiegelonline 30.11.2015).

Dirk Seifert zu den Äußerungen von Jürgen Mantell, Präsident des des Hamburger Sportbundes: „Im Abendblatt ist zu lesen: ‚Alle diejenigen, die dagegen sind, und die Fragen hatten, hätten sich ja informieren können‘, sagte Mantell beim Fernsehsender Hamburg1. ‚Mein Eindruck ist: Sie haben sich nicht informiert. (…) Und dann muss man auch darüber nachdenken, was denn eigentlich das Verhältnis zwischen unserer parlamentarischen Demokratie ist und was Volksentscheide anbelangt.‘ Und weiter: „Ich kann das sagen, auch wenn ich hier als Sportbundpräsident bin, aber ich habe früher gekämpft für direkte Demokratie. Ich habe das Gefühl, wir müssen darüber nachdenken, ob nicht der Eindruck entsteht, als ob die direkte Demokratie eine rationalere Entscheidung ermöglicht als der abwägende, transparente Prozess in den Parlamenten. Diese Entscheidung hier war eine, die war nicht rational geprägt, sondern sie war aus dem Bauch geprägt, aus einer Antihaltung gegenüber allem, was der Staat macht, und das macht mich traurig.‘ Diese Reaktion ist schlicht und einfach skandalös und von einer unglaublichen Mißachtung gegenüber den WählerInnen geprägt. Es wäre zu wünschen, wenn nicht nur im Hamburger Sportbund dieser Vorsitzende aufgefordert wird, derartig abfällige Wählerbeschimpfungen umgehend einzustellen und sich dafür mindestens bei den HamburgerInnen zu entschuldigen!“ (Seifert, Dirk, Hamburger Sportchef beschimpft WählerInnen als uninformierte, irrationale Bauch-Bürger, in fairspielen.de 1.12.2015).

NOlympia Hamburg: „NOlympia Hamburg freut sich über das sich klare Ergebnis des Referendums. Trotz einer millionenschweren vom Senat begünstigten Werbekampagne der ‚Feuer und Flamme’-GmbH und ihrer Medienpartner hat das Pro-Olympia-Lager keine Mehrheit erreicht. (…) Die NOlympia-Aktivistin Marie Behr sagt: ‚Der Senat konnte die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger nicht von seinem Olympiakonzept überzeugen: zu gigantisch, zu wackelig finanziert und zu wenig Nutzen für die Bevölkerung'“ (Es wird keine Olympischen spiele in Hamburg geben, in www.nolympia-hamburg.de 30.11.2015).

René Hofmann in der SZ: „Nach dem Nein für Winterspiele in München hat sich der organisierte Sport nun schon die zweite donnernde Absage bei der Bevölkerung eingehandelt. Diese wird lange nachhallen. Olympia in Deutschland – auf Sicht ist diese Idee zu begraben. All den Sportarten, denen sich nur alle vier Jahre eine große Bühne bietet, muss das einen Schrecken einjagen. Und auch IOC-Präsident Thomas Bach kann das Votum nicht gefallen. Es zeigt, dass sein Programm zur Reformierung des Internationalen Olympischen Komitees nicht überzeugt“ (Hofmann, René, Donnernde Absage, in SZ 30.11.2015).

Oliver Fritsch in zeit.de: „Doch der entscheidende Grund war das Misstrauen der Bürger gegenüber  dem Sport. Das wohlverdiente Misstrauen, muss man sagen. Einigen Insidern ist schon lange klar, dass der Sport eine vordemokratische Institution ist. Unter Werten verstehen sie die Nullen vor dem Komma. Teilweise muss man von organisierter Kriminalität sprechen, wie bei der Fifa. Dieses Wissen über den Saustall Sport ist inzwischen beim Publikum angekommen. Der jüngste Saustall ist das Staatsdoping in Russland“ (Fritsch, Oliver, Olympia in Hamburg: Neue Köpfe braucht das Sportland, in zeit.de 30.11.2015).

Stefan Giannakoulis in n-tv.de: „Doch die Ursachen für die Ablehnung liegen im organisierten Sport selbst. An seiner schlechten Reputation hat er jahrelang hart gearbeitet. Wenn auch das Ergebnis des Referendums als Überraschung gilt: Ein Wunder ist es nicht. Der Sport steckt nicht erst seit gestern in einer Glaubwürdigkeitskrise. Und er sollte damit beginnen, diese Signale ernst zu nehmen. (…) Wir erleben Zeiten, in denen Funktionäre des Weltfußballverbandes ins Gefängnis müssen und gesperrt werden; Zeiten, in denen selbst der angeblich so saubere DFB seine Affäre hat; Zeiten, in denen Skandale, Korruption und Vetternwirtschaft die Verbände verseuchen; Zeiten, in denen russische Leichtathleten nicht mehr mitmachen dürfen, weil sie über Jahre flächendeckend und organisiert gedopt haben. In diesen Zeiten ist das einzig Gesunde das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber sportlichen Megaveranstaltungen“ (Giannakoulis, Stefan, Das ist kein Nein zu Olympia, in n-tv.de 30.11.2015).

Christian Spiller in zeit.de: „Michael Vesper sah schlecht aus. Kleine Augen, belegte Stimme, es muss eine kurze Nacht gewesen sein, diese Nacht nach dem überraschenden Olympia-Nein der Hamburger. „Damit ist das Projekt gestorben“, sagte der Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) im ARD-Morgenmagazin und machte das entsprechende Gesicht dazu. Selbst den obligatorischen Durchhaltephrasen war die Qual anzumerken. (…) Noch in der Nacht spotteten die ersten, der DOSB müsste sich eigentlich umbenennen. DNOSB, Deutscher Nichtolympischer Sportbund, würde doch besser passen. Es war bereits die vierte gescheiterte deutsche Bewerbung für die Spiele seit den Neunzigern. Berlin 2000, Leipzig 2012 und München 2018 ließ das IOC durchfallen, München 2022 und Hamburg 2024 wurde schon eine Runde vorher gestoppt. Von den Bürgern, die keine Lust hatten auf die teure Party in ihrem Vorgarten. (…) Die Entscheidung ist vor allem eine Backpfeife für die Sportverbände und Funktionäre. Die Herren Blatter, Platini, Beckenbauer, Niersbach, Diack und Coe haben als unfreiwillige Testimonials für die Nolympia-Bewegung ganze Arbeit geleistet. Das IOC bekommt zum wiederholten Male von Demokraten gesagt: Wir wollen euch nicht! Doch man muss kein Utopist sein, um vorherzusehen, dass bei den Männern um Thomas Bach ein Lerneffekt auch dieses Mal ausbleiben wird“ (Spiller, Christian, Nein zu Olympia: Game over? in zeit.de 30.11.2015).

Dirk Seifert in fairspielen.de zur Rolle der Hamburger Grünen: „… und kommen wir zu den Grünen: Im Vorfeld der Bürgerschaftswahlen ein sehr taktisches ‚Ja, aber‘. Danach, als Partner einer SPD im Senat eine zweite Bürgermeisterin, die auf der Präsentation der Hamburger Bewerbung beim DOSB mit einem klaren, eindeutigen und im Grunde bedingungslosem Votum für die Hamburger Bewerbung eintritt. Geradezu symbiotisch die Stellungnahmen der Fraktionsvorsitzenden von SPD und Grünen nach der Entscheidung für Hamburg statt Berlin als deutsche Bewerberstadt. Niemand möge vergessen, dass der DOSB-Geschäftsführer Michael Vesper mal gewichtiger Grüner Minister in NRW war! Während ein rundes Drittel der Grünen skeptisch bleibt, was die Olympia-Bewerbung angeht, tragen die Spitzen der Grünen alle Entscheidungen mit. Vom fragwürdigen Referendum mit der Verfassungsänderung bis hin zu den Mängeln in der Informationslage zum Referendum. Auch das Nein der Jugendorganisation der Grünen wird galant mit Unterstützung der Medien weitgehend ignoriert. An – vielzuvielen Stellen – sind wir den ‚Pragmatismus‘ der ’neuen‘ Grünen gewöhnt. Darf man Fragen: Hat das Scheitern personelle Konsequenzen? Ich denke: ja!“ (Seifert, Dirk, Olympia in Hamburg scheitert an sich selbst, in fairspielen.de 30.11.2015).

Peter Burghardt in sueddeutsche.de: „Wichtiger allerdings ist die Erkenntnis, dass der deutsche Bürgersinn funktioniert. Bürgersinn heißt, nicht alles zu akzeptieren, was einem Politik, Wirtschaft oder Sport vorsetzen; Bürgersinn heißt, seine Meinung friedlich zur Geltung zu bringen. Bei Debatten, bei Wahlen – oder eben bei so einem Referendum. Man nützt seine Stimme, und die Mehrzahl der Stimmen setzt sich durch. So funktioniert lebendige Demokratie. Das Gegenteil ist jene Politikverdrossenheit, über die so viel gejammert wird und die obskure Protestparteien stärkt. (…) Eine gewaltige Werbekampagne überzog die Stadt, so als hänge deren Zukunft an diesem Sportfest. Und es hätte ja beinahe auch funktioniert: 48 Prozent der Abstimmenden folgten der Vision, die tatsächlich schön anzusehen war. Aber die Strategen haben die Gesamtstimmung unterschätzt. (…) Hamburgs Votum ist keine Blamage. Es ist die Meinung einer knappen Mehrheit. Hamburg bleibt eine schöne, attraktive Stadt – die sich ohne Olympia vielleicht umso besser entwickeln kann“ (Burghardt, Peter,  Der Reiz der fünf Ringe verblasst, in sueddeutsche.de 30.11.2015).

Christoph Kapalschinski in handelsblatt.com: „Deutschland zieht zum zweiten Mal seine Olympia-Bewerbung zurück. Nach den Münchenern haben nun die Hamburger Nein gesagt. Aus guten Gründen. Denn Olympia ist kaum finanzierbar – und eine Angelegenheit mit unklarem Nutzen. (…) Vielleicht denkt irgendwann auch das IOC wirklich um und macht aus seinem Giga-Event wirklich wieder ein nettes Sportfest. Bislang sind den schönen Absichtserklärungen zu Bescheidenheit keine Taten gefolgt. Daher ist es ein richtiges Signal, wenn Deutschland zeigt: Wir wollen kein Milliardengrab Olympia. Also, jetzt bitte keine Diskussion um Berlin 2028 oder Frankfurt 2032. Steckt die Milliarden lieber in den gelebten Sport“ (Kapalschinski, Christoph, Gut so! in handelsblatt.com 30.11.2015).

Johannes Aumüller und Thomas Kistner in der SZ: „Das Referendum gleiche einem ‚Dolchstoß für die Entwicklung des Hochleistungs- und Breitensports unterhalb des Fußballs in Deutschland‘, sagte der Präsident des Deutschen Volleyball-Verbandes, Thomas Krohne“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Die Dolchstoß-Legende, in SZ 1.12.2015).

Nolympia-Hamburg-Aktivist Ulf Treger zum Erfolg der NOlympia-Kampagne, die weniger als 5.000 Euro zur Verfügung hatte: „Ich glaube, dass das oft sehr siegesgewisse Auftreten der Spiele-Berfürworter und die überall in der Stadt plakatierten Slogans zu viel waren. Die Bürger sind eher misstrauisch geworden und haben sich gefragt: Woher kommt das Geld für diese riesige Werbekampagne? Der Fokus der Kampagne auf den Emotionen ist nicht aufgegangen und konnte die inhaltlichen Schwächen der Bewerbung nicht überdecken“ (Woldin, Philipp, „Wir sind keine notorischen Nein-Sager“, in welt.de 1.12.2015).

Exkurs Dolchstoßlegende: „Die Dolchstoßlegende (auch Dolchstoßlüge) war eine von der deutschen Obersten Heeresleitung (OHL) in die Welt gesetzte Verschwörungstheorie, die die Schuld an der von ihr verantworteten militärischen Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg vor allem auf die Sozialdemokratie und andere demokratische Politiker abwälzen sollte. Sie besagte, das deutsche Heer sei im Weltkrieg ‚im Felde unbesiegt‘ geblieben und habe erst durch oppositionelle ‚vaterlandslose‘ Zivilisten aus der Heimat einen ‚Dolchstoß von hinten‘ erhalten. Antisemiten verknüpften ‚innere‘ und ‚äußere Reichsfeinde‘ dabei zusätzlich mit dem Trugbild vom ‚internationalen Judentum‘. Diese Legende diente deutschnationalen, völkischen und anderen rechtsextremen Gruppen und Parteien zur Propaganda gegen die Ziele der Novemberrevolution, die Auflagen des Versailler Vertrags, die Linksparteien, die ersten Regierungskoalitionen der Weimarer Republik und die Weimarer Verfassung. Sie gilt in der Zeitgeschichte als bewusst konstruierte Geschichtsfälschung und Rechtfertigungsideologie der militärischen und nationalkonservativen Eliten des Kaiserreichs. Sie lieferte dem Nationalsozialismus wesentliche Argumente und begünstigte seinen Aufstieg entscheidend“ (Wikipedia; Hervorhebung WZ).

Aumüller und Kistner weiter: „Ein Kernargument aber benannte kaum jemand: das System Sport. Die Sportpolitik, das dreiste Treiben mancher Funktionäre und das wachsende Unbehagen, das die Menschen mit diesen autonomen Zirkeln haben. Dabei ist dieses Unbehagen längst mit Händen zu greifen. (…) Die Geschichte des deutschen Olympia-Scheiterns ist aber auch die Geschichte des Mannes, der an der Spitze des sportpolitische Systems steht. Thomas Bach. Bei allen sechs deutschen Kandidaturen war er in unterschiedlichen Rollen präsent. Wie heikel bei einem Olympier, der zum Throne strebt, so eine sportpolitische Interessenskonstellation aussehen kann, zeigte Münchens Kandidatur 2018. Sie war von Anfang an aussichtslos, weil klar war, dass Pyeongchang im dritten Anlauf den Zuschlag erhalten würde. Aber Münchens Kandidatur passte besser in Bachs Pläne als eine durchaus aussichtsreiche Kandidatur für die Sommerspiele 2020 – denn die wurden auf derselben Session vergeben, auf der sich Bach zum IOC-Chef wählen ließ. Und zwei deutsche Sieger, das ist im Weltsport ausgeschlossen. Hamburgs Nein kommentierte Bach am Montag mit den Worten: ‚Wir sehen darin eine verpasste Chance für Hamburg und Deutschland.‘ Aber auch für den IOC-Chef ist das Votum alles andere als ein Vertrauensbeweis. (…) Und wie geht es weiter mit dem Thema Deutschland und Olympia? Nach dem Hamburg-Votum dürfte sich für 2028 jede Debatte verbieten. Pläne für eine weitere rasche Kandidatur ließen sich der Bevölkerung nicht vermitteln. Dazu passt auch die IOC-Perspektive. Ein Nein aus demokratischen Gesellschaften ist für dessen Mitglieder zwar nichts Neues mehr; aber dass ein Sportland wie Deutschland binnen zweier Jahre erst für den Winter und dann für den Sommer die Spiele ablehnt, dürften viele Olympier auch sehr persönlich nehmen“ (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Die Dolchstoß-Legende, in SZ 1.12.2015).

Aus einem Kommentar von Harald Neuber in Heise Medien zu Medien und Hamburg 2024: „Das ZDF etwa stellte eine eigene Umfrage mit einer angeblich 56-prozentigen Befürwortung am Abstimmungstag quasi schon als Endergebnis dar… Die Sensibilität, Politik breiter als Parteienmeinungen wahrzunehmen, hatten die meisten Medien nicht. Sie haben damit am Sonntag ebenso verloren, weil sie mehrheitlich eine These bestätigt haben, die im medienkritischen Diskurs mit zunehmender Vehemenz vertreten wird: eine zu starke Nähe zur Macht, zu wenig Unabhängigkeit. Das ist das eigentliche Debakel, das Desaster und die Katastrophe: die vehemente Frontstellung, die Arroganz gegen eine Stadt, die mehr Demokratie gewagt hat als Parteien und Medien ihr zugestanden haben. Eigentlich eine schöne Lehre von der Waterkant“ (Neuber, Harald, Das Olympia-Debakel der Medien und Parteien, in heise.de 1.12.2015).

Associated Press: Deutschland sendet dem IOC und Bach eine Botschaft: Nein Danke zu Olympischen Spielen. „Wieder einmal haben Deutschlands Wähler eine brutale und ernüchternde Botschaft an die olympische Bewegung geschickt: Nein Danke. Die Zurückweisung von Hamburgs Bewerbung für die Olympischen Spiele 2024 durch ein Referendum sandte ein weiteres klares Signal, dass das IOC noch viel Arbeit zu leisten hat, um Städte zu überzeugen, dass die Austragung der Spiele ein Segen und keine Last ist. (…) Die deutsche Abstimmung ist auch ein heftiger Schlag gegen das IOC-Programm „Agenda 2020″, das entworfen wurde, um die Bewerbung und Austragung der Spiele flexibler und billiger zu machen. (…) Die gute Nachricht für das IOC: Keiner der vier verbleibenden Bewerber hat angekündigt, ein Referendum abzuhalten“ (Germany deals IOC and Bach a message: No thanks, to Olympics, in sltrib.com 1.12.2015).

„Die Olympische Marke ist in Schwierigkeiten“ (The Olympic Brand is in Trouble, in bostinno.streetwise.com 1.12.2015). „Es stellt sich heraus, dass die Zurückweisung der Olympischen Spiele 2024 von Boston keine Anomalie war. Wie sich erneut bei der Zurückweisung von Hamburg 2024 durch ein Referendum gezeigt hat, sind Olympische Spiele kein Selbstläufer mehr. (…) Hamburg, das die Bewerbung 2024 abwählte, ist nicht einmal die erste Stadt, die sich den Bewerbungsprozess des IOC entschied. München hat sich ebenfalls über ein Referendum entschieden, sich nicht für die Olympischen Winterspiele 2022 zu bewerben. (…) Die sogenannte ‚Olympische Agenda 2020-Reformen‘ haben nicht Wurzeln schlagen können“ (Ebenda).

Leonid Bershidsky in BloombergView: „Keiner der verbleibenden Bewerber – Paris, Rom, Budapest und los Angeles – plant, ein Referendum abzuhalten. Sie sollten es aber. Es ist schade, dass diese Prozedur kein Teil der IOC-‚Olympic Agenda 2020‘ ist…“ (Bershidsky, Leonid, The First Olympic Hurdle Should Be Voter Support, in blombergview.com 1.12.2015).

Johannes Aumüller zur Aufarbeitung der Hamburg-2024-Niederlage durch den DOSB in sueddeutsche.de: „Die DOSB-Frontmänner sagen zwar, sie hinterfragten ihre Arbeit, aber einen konkreten Fehler räumen sie bisher nicht ein“ (Aumüller, Johannes, „Tag der Klarheit“, in sueddeutsche.de 3.12.2015).

René Hofmann zu theoretisch notwendigen Diskussionen auf dem DOSB-Mitgliederversammlung in sueddeutsche.de: „Hamburgs Nein und die Folgen: Das ist das große Thema an diesem Samstag in Hannover. Bei der obligatorischen Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes wird es das große Scherbengericht geben: Wieso lehnten die Hamburger Bürger eine Olympiabewerbung ab? Wieso drang der organisierte Sport nach der Abfuhr, die er sich 2013 mit Blick auf Winterspiele in München, Garmisch-Partenkirchen, Traunstein und Berchtesgaden eingehandelt hatte, auch im Norden mit seinem Werben um Sommerspiele nicht durch? Und welche Konsequenzen sollte er daraus ziehen? (…) Die Olympia-Ablehnung hat eine breite Basis, und sie geht quer durch alle Schichten: Diese Botschaft muss alle Sportpolitiker und jeden Sportfunktionär alarmieren und jeden Profi-Sportler beschäftigen. Sie zeigt, dass womöglich weit mehr verloren gegangen ist als ein Bürgervotum“ (Hofmann, René, Geist sucht Gesichter, in sueddeutsche.de 5.12.2015).
Aber der DOSB spielte „sportbusiness as usual“:

DOSB-Mitgliederversammlung feiert Hörmann. „Sechs Tage nach dem Scheitern der Hamburger Olympia-Bewerbung sicherte sich Hörmann mit seinem sportpolitischen Rundumschlag die Rückendeckung der Mitglieder und wurde mit Standing Ovations gefeiert. Selbstkritik war hingegen kaum zu hören. (…) Besonders attackierte Hörmann den Fußball-Weltverband Fifa und seinen suspendierten Präsidenten Joseph Blatter. (…) Selbstkritik übte er nach dem ‚Schlag in die Magengrube‘ in Hamburg kaum. ‚Ich würde es wieder tun, und ich würde es gleich tun‘ sagte Hörmann“ (Hörmann attackiert die Fifa und wird gefeiert, in spiegelonline 5.12.2015).

Hamburg-2024-Countdown-Uhr läuft rückwärts. Aus einem Tagebuch von Philipp Woldin in welt.de: „Die Countdown-Uhr auf dem Rathausmarkt, in der seit Monaten die Zeit bis zum Referendum rückwärts lief, hat einfach von vorne angefangen. In 9999 Tagen, zeigt sie an, geht das Referendum wieder zu Ende. Gut 27 Jahre sind es bis dahin, eine ganze Generation hat im Rathaus das Sagen, die Olympiasieger der Zukunft sind noch nicht einmal geboren. Vielleicht wagen sie es dann ja noch einmal. Hundert Meter weiter im Rathaus hat die Generation 2015 zehn Stunden zuvor ihre Mission für beendet erklären müssen, schmale Politikergesichter auf der Rathaustreppe mussten eingestehen, dass das Volk sich mit knapper  Mehrheit gegen eine Bewerbung Hamburgs für die Olympischen Sommerspiele 2024 entschieden hat. Die geplanten Siegerpartys fallen aus, es feiern nur spontan die erstaunten Olympiegegner“ (Woldin, Philipp, Die Woche danach, in welt.de 6.12.2015).

Hörmann und „Mutti“. Die Aufarbeitung der Niederlage von Hamburg 2024 am 29.11.2015 sah seitens des sichtlich um Ablenkung bemühte DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann so aus: Schuld waren Fifa/Blatter, der DFB und sein früherer Präsident Theo Zwanziger, der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF und dessen früheres deutsches Council-Mitglied Helmut Digel. Schuld war nicht: der DOSB. „DLV-Präsident Clemens Prokop war ‚irritiert‘. Rund um den Dopingskandal hätte die deutsche Leichtathletik so viele Initiativen ergriffen, ‚dass ich nicht ins IAAF-Council gewählt wurde‘. An Hörmann gab er die Frage zurück: ‚Welche Initiativen hat der DOSB beim IOC gestartet, um aufzuklären, welche weiteren Sportarten von Russlands Dopingsumpf betroffen sind?'“ (Aumüller, Johannes, Mutti und andere Schufte, in SZ 7.12.2015). Außerdem arbeitete sich Hörmann, an der Politik ab und beklagte mangelnde Unterstützung von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und der Bundeskanzlerin selbst. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sprach mit Hörmann am Freitagabend vor der Delegiertenversammlung darüber: „In der Rede am Samstag sparte Hörmann das Thema aus, aber es gab einen Videogruß des Hamburger Unternehmers und Bewerbungs-Unterstützers Alexander Otto, in dem es hieß: ‚Von Angela Merkel hätten wir uns ein bisschen mehr erwünscht.‘ Die Versammlung quittierte das mit Applaus. Hörmann sagte auf Nachfrage, ‚die aktive Unterstützung der Kanzlerin in Form von Beteiligung vor Ort‘ habe leider nicht stattgefunden“ (Ebenda).
So sieht die Aufarbeitung der Niederlage vom 29.11.2015 aus: weiter so, DOSB.
Digel forderte daraufhin eine Entschuldigung von Hörmann: Er, Digel, habe den Kampf gegen Doping als „Lebensaufgabe“ betrachtet. Theo Zwanziger äußerte über Hörmann: „Wenn er Charakter hätte, würde er sich entschuldigen“ (Digel fordert Entschuldigung, in SZ 8.12.2015). Hörmann schrieb daraufhin einen persönlichen Brief an Digel – und lehnte eine Entschuldigung glatt ab (Becker, Christoph, Hörmanns Brief ohne Entschuldigung, in faz.net 9.12.2015).

In einem Kommentar in der SZ äußerte Johannes Aumüller, es fehlten mindestens zwei Namen von Schuldigen: „Der erste lautet: Alfons Hörmann. Der deutsche Sport fiel seit dessen Amtsübernahme vor zwei Jahren nicht gerade dadurch auf, Missstände im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zu benennen oder zu bekämpfen. Hörmann selbst akzeptierte einen aus einer früheren Tätigkeit rührenden Bußgeldbescheid über 150 000 Euro wegen Kartell-Absprachen. Also ein Verstoß gegen das Wettkampfprinzip, das auch ein Grundwert des Sports ist. Auch saß beziehungsweise sitzt er im Vorstand von Biathlon- und Ski-Weltverband. Das sind Sportarten mit chronischen Dopingproblemen. Der zweite Name, den Hörmann aussparte: Thomas Bach. Mehr als jeder andere verkörpert er das internationale sportpolitische System der vergangenen Jahrzehnte. Seit zwei Jahren steht er als IOC-Chef an dessen Spitze. Ein Vorwurf an Funktionäre, sie hätten zu wenig mitbekommen oder unternommen, muss sich auch und erst recht an Bach richten. Zahlreiche Personen, um die es bei den Machenschaften von Fifa und IAAF jetzt geht, gehörten oder gehören zu seiner Ringe-Familie“ (Aumüller, Johannes, Liste mit Lücken, in SZ 7.12.2015).

Aus einem Kommentar von Michael Reinsch in faz.net zu Aussagen von DOSB-Präsident Alfons Hörmann auf der Mitgliederversammlung am 5.12.2015: „Doch leider sprach der Bayer in Hannover rhetorisch im Bierzelt-Modus. So unterband er Kritik an seiner Person und machte aus der Enttäuschung von Hamburg ein
‚Jetzt erst recht!‘. Womöglich hat er den deutschen Sport so einhellig hinter sich gebracht. Doch Hörmann schoss weit über das Ziel hinaus. Neben Schäuble bekam auch die Kanzlerin – ‚Mutti ist schuld‘ – ihr Fett weg. Die Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages erfuhr, dass Hörmann getönt habe, sie schanze einem Studienfreund Millionen zu; in der Sache geht es um die Förderung eines sportwissenschaftlichen Projektes, das Hörmann ablehnt, für das aber der Haushaltsausschuss des Bundestages Geld locker gemacht hat“ (Reinsch, Michael, Hörmanns Hammer, in faz.net 7.12.2015).

DPA: IOS nicht in Feierlaune. „Wenn Thomas Bach von Dienstag an ein letztes Mal für 2015 die IOC-Exekutive zusammenruft, ist seine Agenda 2020 exakt ein Jahr alt. Feierstimmung dürfte in Lausanne am Sitz des Internationalen Olympischen Komitees aber kaum aufkommen. Das Nein im Hamburger Referendum zu Olympischen Spielen 2024 beweist, dass das Reformprogramm des IOC beim Bürger noch nicht so recht angekommen ist. (…) Der Fußball auf der einen, dazu die schwer in Verruf geratene olympische Kernsportart Leichtathletik auf der anderen Seite lassen derzeit kaum Raum für Positiv-Schlagzeilen. Zwar sei die Suspendierung der russischen Leichtathletik wegen des scheinbar flächendeckenden Dopingsystems laut Bach „nicht Sache des IOC“. Acht Monate vor den Sommerspielen bleibt das IOC von dem Skandal aber kaum unberührt. Zumal auch die Läufer-Großmacht Kenia Dopingfälle en masse produziert hat“ (Hamburgs Nein und Doping-Sumpf: IOC nicht in Feierlaune, in sueddeutsche.de 7.12.2015).

Robert Kempe im WDR: „Nach dem verlorenen Olympia-Referendum in Hamburg steht der deutsche Sport vor einem Scherbenhaufen. Für eine erneute deutsche Olympiabewerbung dürfte es auf längere Sicht schwierig werden. Zu groß ist das Misstrauen der Bevölkerung in den organisierten Sport. (…) Die Verantwortlichen suchen die Schuld für das Olympia-Aus aber vor allem bei anderen: Etwa der FIFA oder dem Dopingskandal um die russischen Leichtathleten. Der organisierte Sport in Deutschland hat aus seiner Sicht kaum Fehler gemacht. Gelitten hat durch das ‚Nein‘ der Hamburger Bürger aber auch die Agenda 2020 des deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach – und ob bis zur Olympiawahl 2017 wirklich noch die vier verbliebenen Städte Rom, Budapest, Paris und Los Angeles dabei sind, ist nicht sicher“ (Kempe, Robert, Schuld sind immer die anderen, in wdr.de 7.12.2015).

Katarina Witt zur Niederlage Hamburg 2024. Die frühere Eisläuferin Witt sprach sich für eine eine erneute deutsche Olympia-Bewerbung aus und sagte der Bild am Sonntag: „Vor 300 000 Nein-Sagern, die in Hamburg gegen Olympia gestimmt haben, dürfen wir doch nicht kapitulieren“ (DPA, Witt zu Olympia-Bewerbung: Nicht beleidigt sein und aufgeben, in zeit.de 6.12.2015). Auch sollte künftig die Bevölkerung nicht mehr gefragt werden: „Reicht es nicht, wenn in der Demokratie Volksvertreter gewählt sind und sie dann entscheiden?“ (Ebenda).

Anno Hecker in faz.net: „Dem kritischen Blick auf Digel müsste konsequenterweise eine Betrachtung der Kollegen in und aus Deutschland folgen. Ihr erfolgreichster, Thomas Bach, hat es an die Spitze des Internationalen Olympischen Komitees geschafft. Auch er stammt aus dem Land, in dem Doping in den vergangenen fünfzig Jahren entwickelt, auch an Minderjährigen vorgenommen, hier brutal gefördert und dort zumindest schulterzuckend geduldet wurde. Gehört er damit in die Reihe von Funktionären, die es, in der Diktion Hörmanns, wissen, wenigstens hätten ahnen müssen? Es gibt zu viele, die weder aufstanden noch protestierten. Heuchler, Gutgläubige, Betrüger, Athleten-Verführer, Sportvergifter. Die Liste ist lang. (…) Der DOSB-Chef (Hörmann; WZ) saß, wie Leichtathleten nun süffisant anmerken, einst als Präsident des Deutschen Ski-Verbandes in der Exekutive der internationalen Organisation, fiel aber nicht als offensiver Manipulations-Gegner auf. Obwohl es Doping-Fälle und handfeste Manipulations-Skandale zuhauf gab, auch mit deutscher Beteiligung“ (Hecker, Anno, Zwischen Pragmatismus und Moral, in faz.net 8.12.2015).

Olaf Scholz auf die Frage, ob sechs Millionen Euro in die Bewerbung geflossen sind: „Ja“ (Parnack, Charlotte, Widmann, Marc, „Es ist kein Problem“, in Die Zeit 49/3.12.2015).

Thomas Straubhaar in welt.de: „Die Schlacht um die Olympischen Spiele 2024 in Hamburg ist geschlagen. Die Verlierer lecken ihre Wunden. Senat und Handelskammer, Parteien und Verbände – nahezu alle mit Rang und Namen in Wirtschaft. Gesellschaft und Politik – wollten das Großprojekt. Nicht aber die Mehrheit der Bevölkerung. Der Triumph der Nein-Sager könnte als weiterer Beleg dafür gesehen werden, wie weit sich Elite und Volk, Regierende und Regierte in Deutschland voneinander entfernt haben“ (Straubhaar, Thomas, Warum das Volk nicht immer Recht hat, in welt.de 8.12.2015).

Christian Holl in freitag.de: „Ich kenne keine Untersuchung über die Gründe der Hamburger Ablehnung. Aber man sollte in Erwägung ziehen, dass sie nicht nur mit korrupten Funktionären, FIFA-Skandal, Doping oder Terrorangst zusammenhängt. Sondern auch damit, dass die Balance in deutschen Städten nicht mehr stimmt. Damit, dass sich in ihnen eine gesellschaftliche Schieflage räumlich bitter spürbar niederschlägt. Damit, dass man mit Olympia eine ‚Vision‘ verbindet, in der Mieter vertrieben, Bürger überwacht und der sogenannte öffentliche Raum den Interessen derer ausgeliefert wird, für die die olympischen Spiele kein fröhliches Sportfest, sondern eine Gelddruckmaschine sind“ (Holl, Christian, Oh, oh, Olympia, in freitag.de 13.12.2015).