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Fifa spricht sich frei

16.11.2014, aktualisiert 23.11.2014

Die Fifa-Ethikkommission war nicht unabhängig
Die Fifa-Ethikkommission mit dem deutschen Vorsitzenden Hans Joachim Eckert (im Zivilberuf Richter am Landgericht) kam am 13.11.2014 zu dem Schluss, dass bei der Vergabe der Fußball-WM 2022 an Katar keine Korruption im Spiel war (Statement of the Chairman of the Adjudicatory Chamber of the FIFA Ethic Committee, 13.11.2014). „Es gab keine rechtsstaatlichen Ermittlungen, sondern nur Recherchen eines von der Fifa beauftragten und bezahlten Teams. Sechs Millionen Dollar sollen die Ermittlungen von Garcias Truppe gekostet haben“ (Weinreich, Jens, Ein peinliches Papier, in spiegelonline 13.11.2014). Nur bei der Vergabe 2018 an Russland gab es Merkwürdigkeiten: „Eckert schließt sich auch Garcias Einschätzung an, dass es ‚keine ausreichenden Belege für Fehlverhalten des russischen Bewerberteams‘ gebe. Aus Eckerts Richterspruch geht allerdings auch hervor, dass die Organisatoren der russischen WM-Bewerbung 2018 Fifa-Chefermittler Garcia bei seinen Untersuchungen nur bedingt unterstützten. So hätten die Russen „nur eine begrenzte Menge von Dokumenten zugänglich“ gemacht. Ihre Begründung: Die Computer, die sie während der WM-Kampagne benutzten, seien ‚geleast‘ gewesen. ‚Der Besitzer hat bestätigt, dass die Computer mittlerweile vernichtet sind‘, heißt es in Eckerts Resümee“ (Wulzinger, Michael, Fifa spricht Russland und Katar vom Vorwurf der Korruption frei, in spiegelonline 113.11.2014; siehe unten). – „Für Verärgerung bei den Ermittlern sorgte die Tatsache, dass das russische Organisationskomitee Kontakte mit stimmberechtigten Mitgliedern des Fifa-Exekutivkomites teilweise verspätet oder gar nicht meldete“ (Röhn, Tim, „Ich wünschte, die Fifa würde aufgelöst“, in welt.de 3.11.2014) – auch dies kein Problem für Richter Eckert.
Die Fifa macht nach dem Eckert-Report umso erfreuter weiter und freut sich, „die Vorbereitungen für Russland 2018 und Katar 2022 fortzusetzen, die bereits weit fortgeschritten sind“ (Röhn, Tim, „Ich wünschte, die Fifa würde aufgelöst“, in welt.de 3.11.2014).

Der Eckert-Report
Ich habe mir die nicht nur umfänglich, sondern auch inhaltlich dünnen 42 Seiten angesehen. Es steht nichts, aber wirklich gar nichts darin, was nicht schon vorher in der Presse veröffentlicht worden war. Die ersten zwölf Seiten sind Fifa-Standard. Der absolut verunglückten Bewerbung von England für die Fußball-WM 2018 (mit zwei Stimmen in der ersten Runde ausgeschieden) werden drei Seiten gewidmet; die der USA (verlor in Runde 4 gegen Katar mit 14 : 8) ähnlich wenig. Die umstrittenste Bewerbung Katar 2022 wird auf kaum mehr als zwei Seiten abgehandelt, ebenso wie die von Russland 2018. Hier besonders bemerkenswert ist – wie oben erwähnt – die dreiste russische Erklärung im Eckert-Report: „Das russische 2018-Bewerbungskomitee stellte nur eine begrenzte Anzahl von Dokumenten zur Verfügung, was damit erklärt wurde, dass die damals benutzten Computer des Komitees geleast waren und dann nach der Bewerbung an ihren Eigentümer zurückgegeben wurden. Der Eigentümer hat bestätigt, dass die Computer zwischenzeitlich zerstört wurden“ (S. 30; die Abstimmung war am 2.12.2010 – vor nicht einmal vier Jahren!). Auch der russische Email-Verkehr auf Google-Gmail war nicht mehr auffindbar, weil angeblich Google USA eine Anfrage nicht beantwortet hat.
Angeklagt werden ausführlich jene Fifa-Funktionäre wie Mohamed Bin Hammam aus Katar oder Jack Warner aus der Karibik, die Blatter sowieso längst ausgemustert hat. (Bin Hammam hatte laut Report nicht im Auftrag von Katar bestochen, sondern nur, weil er Fifa-Präsident werden wollte.) Am Ende kommt der totale Freispruch für Russland 2018 und Katar 2022 – und ein dickes und peinliches Lob für den Fifa-„Reformpräsidenten“ Blatter. Fazit vom Vorsitzenden Eckert u. a.: – Die Bewerbungen 2018 und 2022 sind für die Fifa-Ethikkommission abgeschlossen. – Eckert bestätigt den Bewerbungen die volle Übereinstimmung mit den Fifa-Ethik-Codes.
Zwei Jahre Ermittlungen sind im Sinn der Fifa und des Fußball-Paten Sepp Blatter erfolgreich im Sand verlaufen – für sechs Millionen Dollar. Und die Kosten für Gefälligkeiten? Und hat wer das Eckert-Papier vorformuliert? Hat da vielleicht Blatters Rechtsanwalt Peter Nobel, Zürich, ein Händchen geführt? Und aus welcher Motivation heraus ruiniert der Jurist Eckert am Ende seiner beruflichen Laufbahn dieselbe?

– Stimmen zum Eckert-Report:
Jens Weinreich
dazu in spiegelonline: „Aber auf nur vier der 42 Seiten geht es um Katar. Kein Detail wird erwähnt, das nicht schon bekannt gewesen wäre. Die Bestechungszahlungen des ehemaligen katarischen Fifa-Exekutivmitglieds Mohamed Bin Hammam werden genannt, die von der ‚Sunday Times‘ im Juni 2014 enthüllt und belegt worden sind. Dies habe nichts mit dem WM-Bewerbungskomitee zu tun, behauptet Richter Eckert. Glaubt man seinen Darlegungen, dann hat in Katar nichts und niemand mit dem WM-Bewerbungs- und jetzigen Organisationskomitee zu tun, keine Staatsfirma, keine der vielen Stiftungen, die den Weltsport aufkaufen, nicht einmal der Emir. An diesen Stellen ist Eckerts Bericht geradezu lächerlich. Wie alles in Katar war auch die WM-Bewerbung Chefsache. Emir Hamad, der im Juni 2013 die Macht an seinen Sohn Tamim übergeben hat, ließ drei seiner Söhne die Bewerbung leiten: Mohammed, Jassim und Tamim (der übrigens seit 2002 auch dem Internationalen Olympischen Komitee angehört). (…) Ähnlich peinlich sind die Ausführungen zu Russland, das sich den Ermittlern im Grunde verweigert hat. Die Ausreden der Russen werden zu den Akten genommen: Die für die Bewerbung geleasten Computer seien zurückgegeben worden und nicht mehr verfügbar“ (Weinreich, Jens, Ein peinliches Papier, in spiegelonline 13.11.2014).
Gary Lineker, früherer englischer Nationalspieler: „Wenn ich für den Fußball einen Wunsch frei hätte, wäre es, dass die Fifa aufgelöst und von einem transparenten Dachverband ersetzt würde, die den Sport an die  erste Stelle rückt“ (Röhn, Tim, „Ich wünschte, die Fifa würde aufgelöst“, in welt.de 3.11.2014).
n-tv: „Ausdrücklich freigesprochen von jedem Verdacht der Bestechlichkeit oder irregulärer Einflussnahme wurde Fifa-Präsident Joseph Blatter“ (Ein bisschen Korruption, kein bisschen Strafe, in n-tv.de 13.11.2014).
Thomas Kistner in der SZ: „Der Report zu den WM-Vergaben 2018/2022, die ja ein beißender Korruptionsdunst umhüllt, ist an Banalität nicht zu unterbieten. Zeitungsleser sind zum Thema seit Monaten besser informiert, Fachleute lachen, die Fußballgemeinde stöhnt, aber die Fifa frohlockt und verweist auf die Reputation der Juristen, die sie für ihre Selbstbeschau angeheuert hat. (…) Jeff Thompson, damals Englands Vertreter im Fifa-Vorstand, behauptet, Blatter habe die Wahlleute gegen die Bewerber eingeschworen, weil man im Fall der Vergabe die britische Presse jahrelang am Hals habe. England flog raus in Runde eins (…) Diese Fifa braucht keine Ethik-Kommission“ (Kistner, Thomas, Farce mit Stempel, in SZ 14.11.2014).
Thomas Kistner zum Eckert-Report in der SZ: „Ein Drehbuchautor bekäme so einen Unfug um die Ohren gehauen… Eckert fand keine gravierenden Verstöße bei deren WM-Vergaben… Dass etwa in Katar kurz vor der WM-Kür noch flott ein Geisterspiel der Fußballgroßmächte Brasilien und Argentinien stattfand, für das den Verbänden zweier stark umwitterter Fifa-Kapos Millionen bezahlt wurden? Das hatte gemäß Fifa-Report gar nichts mit der WM-Bewerbung zu tun… Und dass Katar vorm Votum den Kongress des Afrika-Verbandes Caf mit 1,8 Millionen Dollar sponserte und im Gegenzug exklusiv unter Ausschluss aller Rivalen hinter verschlossenen Türen präsentieren durfte? (…) Bekannt ist trotzdem viel Fragwürdiges, das im Bericht fehlt. Etwa, dass Wladimir Putin mehr als ein Drittel der Wahlleute persönlich traf, und dass ein Fifa-Vorstand dem Gremium drei Monate nach der Kür Servus sagte und umsattelte auf Reklamefigur: Franz Beckenbauer wurde Sportbotschafter der russischen Gas- und Erdölindustrie“ (Kistner, Thomas, Stimmungstöter aus New York, in SZ 14.11.2014).
Bonita Mersiades, ehemalige Direktorin der Bewerbung Australien 2022 und Whistleblowerin: „Die Fifa kommt in dem Bericht von Hans-Joachim Eckert gut weg, die Entscheidung für Katar und Russland soll richtig gewesen sein, und Sepp Blatter wird gelobt. Das ist eine große Komödie“ (Informantin nennt Fifa-Bericht eine „große Komödie“, in spiegelonline 15.11.2014).
Phaedra Almajid, ehemalige Pressechefin für die Bewerbung Katar 2022, quittierte desillusioniert Anfang 2010: „Was die Fifa betrifft, sei vorbereitet, dass du gekreuzigt wirst – nicht einmal oder zweimal, sondern immer wieder. Sei darauf vorbereitet, zu leiden und für deine Handlungen zu bezahlen. Sei darauf vorbereitet, dich nie sicher zu fühlen und nie jemand trauen zu können. Und am wichtigsten: Sei darauf vorbereitet, dass du betrogen wirst von denen, die dir Schutz versprochen haben“ (Harris, Nick, Whistleblowers break their silence, in Mail on Sunday 15.11.2014). 
(Mersiades und Almadji sagten bei Michael Garcia aus und wurden im Eckert-Report bloßgestellt und identifizierbar gemacht: siehe unten.)
Gazzetta dello Sport: „Sogar ein Kind würde verstehen, dass da was nicht stimmt. Es bleibt berechtigter Zweifel: Ist wirklich sicher, dass alles sauber war?“ (Kistner, Thomas, Und jetzt das FBI, in SZ 15.11.2014).
Thomas Kistner in der SZ zum Eckert-Ergebnis: „Grundsätzlich seien die WM-Vergaben sauber gewesen. Ende des Verfahrens. Seither lacht die Welt über eine weitere Fifa-Scharade“ (Ebenda).
Reinhard Rauball, Ligapräsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL) zum Eckert-Urteil: „Der Freispruch von Korruptionsvorwürfen zur WM-Vergabe 2018 und 2022 sei „der kommunikative Super-GAU und erschüttert die Grundfesten der  Fifa in einer weise, wie ich es noch nicht erlebt habe… Wenn diese Krise nicht glaubwürdig gelöst wird, muss man sich auch über die Frage unterhallten, ob man in der Fifa überhaupt noch guit aufgehoben ist. Eine option, über die  ernsthaft nachgedacht werden müsste, ist sicherlich, dass die Uefa sich von der Fifa löst“ (dpa, Raus aus der Fifa? in SZ 15.11.2014).
Leider ist Blattinis Uefa auf so ziemlich den selben Weg der Fifa
Claudio Catuogno in der SZ: „Der Name Eckert hat bisher in Justizkreisen einen ausgezeichneten Klang. Aber nun gilt ausgerechnet Eckert als der größte Sepp-Blatter-Versteher auf diesem Planeten. (…) Kollegen fragen sich: Ist ausgerechnet Eckert zu naiv, um zu erkennen, wie das Fifa-Business läuft?“ (Catuogno, Claudio, Profil: Hans-Joachim Eckert, in SZ 17.11.2014).

Fifa-Ermittler Garcia will gegen Eckerts Bericht vorgehen
Der Fifa-Sonderermittler Michael Garcia will gegen den Abschlussbericht der Fifa zur WM-Vergabe 2018 und 2022 vorgehen. „In einem Statement bemängelte der frühere FBI-Direktor mehreren Medien zufolge ‚zahlreiche unvollständige und fehlerhafte Darstellungen der Tatsachen und Schlussfolgerungen‘ und kündigte eine Berufung an“ (Eigener Ermittler will gegen Fifa vorgehen, in spiegelonline 13.11.2014). Garcia „will offenbar nicht derjenige sein, der der Fifa eine Art Persilschein in Sachen WM-Vergabe ausgestellt hat“ (Kistner, Thomas, Stimmungstöter aus New York, in SZ 14.11.2014). Garcia hat zum Beispiel mit Phaedra Almajid gesprochen, eine ehemalige Werberin für Katar, die schon 2011 über konkrete Korruption berichtet hat. „Ihre Vorwürfe zog sie aber plötzlich mit einer eidesstattlichen Versicherung zurück – was schon damals bizarr wirkte. Nun war die Amerikanerin eine zentrale Zeugin Garcias, den sie mit Belegen für angebliches Fehlverhalten Katars gefüttert hat. Eckert indes zweifelt an Almajids Glaubwürdigkeit: Die habe schon einmal Vorwürfe gegen Fifa-Vorstände zurückgezogen. Sah das auch Garcia so? Almajid hält dem Vorwurf nun das Geständnis dagegen, sie habe damals eine falsche Eidesversicherung abgegeben unter angeblichem Druck aus Doha – und liefert plausible Gründe: Es habe eine Schweigeklausel mit Arbeitgeber Katar gegeben, die sie mit ihrer damaligen Aussage verletzte. Katar habe sie dann mit Millionen-Schadensersatzdrohungen zu dem Widerruf gezwungen – sonst wäre sie als alleinerziehende Mutter zweier Kinder, eines davon behindert, ruiniert gewesen“ (Kistner, Thomas, Immer mehr Widersprüche, in SZ 17.11.2014).
Bonita Mersiades, die für die Bewerbung Australien 2022 arbeitete, berichtete über einige deutsche Ungereimtheiten: „In dem erfahrenen Beraterduo Fedor Radmann und Andreas Abold, die bei der Deutschland-WM 2006 stark involviert waren und zum Kreis Franz Beckenbauers zählten, seien Schlüsselmitarbeiter verpflichtet worden, deren Arbeit die Bewerber insgesamt umgerechnet zirka rund neun Millionen Euro gekostet hätte“ (Kistner, Thomas, „Erzähl mir von den Deutschen“, in SZ 18.11.2014).
Der offizielle Einspruch von Garcia ist inzwischen fristgerecht bei der Fifa eingegangen. „Sollte die Fifa-Berufungskommission Garcias Einspruch zurückweisen, könnte der US-Amerikaner den Internationalen Sportgerichtshof CAS anrufen“ (Zwanziger will Veröffentlichung von Garcia-Report, in spiegelonline 15.11.2014). Mersiades und Almajid reichten inzwischen ebenfalls Klage bei Chefermittler Garcia ein (Kistner 18.11.2014).
Keine gute Adresse für Gerechtigkeit und Aufklärung: Deshalb wurde der CAS ja gegründet.
Außerdem wird das FBI selbst ermitteln: Da bei der WM-Bewerbung 2022 in Runde 4 Katar 14 und die USA 8 Stimmen erhielten, steht zu vermuten, dass sich das FBI für das Schicksal öffentlicher US-Gelder interessiert (nicht nur deshalb, weil Garcia ehemaliger FBI-Agent war und seine Frau aktive FBI-Agentin ist).

– Der nächste Blatter-Herausforderer wird abserviert
Der Chilene Harold Mayne-Nicholls „war damals Chef der Fifa-Prüfungskommission: der Mann, der Russland und Katar als jeweils schwächste Kandidaten eingestuft hatte und dem Fifa-Vorstand vor dessen Votum am 2. Dezember 2010 harte Fakten auf den Tisch gelegt hatte. Darunter ein K.o.-Kriterium: Katars Sommerhitze von bis zu 50 Grad sei gesundheitsgefährend für die Spieler“ (Kistner, Thomas, Ermittlung gegen den Herausforderer, in SZ 13.11.2014). Als sich Mayne-Nicholls nun am 30.10.2014 als Gegenkandidat von Sepp Blatter meldete, „erhielt der potenzielle Kandidat Post von den als unabhängig firmierenden Fifa-Ethikern. Eine Ermittlung sei eröffnet worden. Nach erstem Anschein habe er gegen sechs Regeln des Ethikcodes verstoße“ (Ebenda).

– Wird die EU aktiv? Der EU-Sportkommissar Tibor Navracsics sagte der Financial Times: „Es ist an der Zeit, dass die Fifa alle Karten auf den Tisch legt und alle Zweifel an den Ergebnissen des Berichts ausräumt“ (Informantin nennt Fifa-Bericht eine „große Komödie“, in spiegelonline 15.11.2014). Er forderte – wie das  deutsche Mitglied der Fifa-Exekutivkomitees Theo Zwanziger – die Veröffentlichung der Garcia-Ermittlungen. „Für die Fifa ist ein gutes Verhältnis zur EU finanziell von großer Bedeutung. Ohne Einverständnis der EU ist der Verkauf von TV-Rechten auch für WM-Turniere in seiner derzeitigen Form nicht möglich“ (Ebenda)