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Die Trickser von DOSB, BISp und BMI

4.9.2013, aktualisiert 18.9.2013

Zum Beitrag „Doping in Deutschland: Randnotizen“: hier.

Zeit-Tricksereien
Zur Diskussion der Studie „Doping in Deutschland“ der Berliner Historiker um Giselher Spitzer war im Sportausschuss des Deutschen Bundestages zunächst am 29.8.2013 eine Sondersitzung geplant: Sie wurde auf den 2.9. verschoben. Da war DOSB-Präsident Thomas Bach schon auf dem Weg nach Buenos Aires, wo er bei der Wahl zum IOC-Präsidenten als Kandidat antritt. „Im Hintergrund wird gemutmaßt, dass das FDP-Mitglied Thomas Bach seine Parteikollegen um eine Verschiebung der Sitzung in den September gebeten hat. Damit er mit einer guten Entschuldigung unbequemen Fragen entgeht“ (Wellinski 15.8.2013).

Der Bundessportminister
Die Sitzung begann um 9 Uhr. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich wollte bis 10.30 bleiben – mit aufgeteilter Redezeit: „Die Grünen dürfen den Sportminister demnach exakt acht Minuten befragen. Die Linke bekommt neun Minuten, die FDP elf, die SPD 18. die CDU 29“ (Herrmann 3.9.2013).
Friedrich begann – symptomatisch – seine Aussage mit dem Satz: „Ich möchte zunächst einmal im Namen der Bundesregierung erklären, dass wir Thomas Bach alles Gute wünschen“ (Herrmann 3.9.2013).
„Über den Inhalt der Studie redete Friedrich nicht, vielleicht auch, wie sich in der Debatte herausstellte, weil er sie nicht allzu genau gelesen haben kann“ (Fritsch 2.9.2013). Etwas wusste Friedrich aber doch zur Studie „Doping in Deutschland“: „Der Bericht war nicht das, was wir in Auftrag gegeben haben. Deshalb wollten wir ihn nicht veröffentlichen” (Reinsch 2.9.2013). Er betonte den „historischen Kontext“: „Das war mitten im Kalten Krieg. Es war eben eine andere Zeit, mit anderen Maßstäben“ (Ahrens 2.9.2013).
Zur weiteren Vorgehensweise erklärte Friedrich, „er werde Experten fragen und Kommissionen bilden. Auf deutsch: erst mal nichts tun“ (Ebenda). Ausschussmitglied Viola von Cramon (Bündnis 90/Die Grünen) fragte: „Wie viele Experten wollen Sie denn noch fragen, bevor Sie handeln?“ (Ebenda).
„Friedrich verlässt den Saal um 10.56. Auf inhaltliche Details der Studie ist er bis dahin nicht eingegangen“ (Herrmann 3.9.2013).

Die Taktik
Die ganze Sitzung war von der Union und der FDP taktisch vorbereitet – siehe auch die auf Parteien anteilig verteilte Redezeit. Der sportpolitische Sprecher der Union ist bzw. war  Klaus Riegert, der im übrigen von seinem eigenen CDU-Ortsverband nicht mehr für die Bundestagswahl 2013 aufgestellt wurde. Riegerts Qualifikation unter anderem: Er hat mit 304 Toren in 319 Spielen mit Abstand die meisten Tore für die Bundestagsfußballer geschossen (SZ-Magazin 35/30.8.2013). Riegert hat seine eigene Auffassung zum Thema Doping: „Meine Kollegen meckern, dass wir in fast jeder Sitzung über Doping reden“ (Herrmann 3.9..2013). Riegert „lobte die Autonomie des Sports, lobte Bundesinnenminister Hans-Pater Friedrich (CSU), lobte den Deutschen Olympischen Sportbund DOSB und immer wieder auch die eigene Arbeit. Monolog beendet. Stille“ (Sachse 3.9.2013).
Riegert „tritt dabei nach allgemeinem Eindruck wie ein Pressesprecher von BMI und DOSB auf“ (Ebenda). Er „ließ in der Fragerunde stets diejenigen Experten zu Wort kommen, die seiner Haltung und der seiner Kollegen genugtuend recht gaben: die des Verharmlosers. Das Thema Doping versandete in einer unwürdigen, parteipolitischen Debatte… Auf Antrag von Union und FDP wurde die Geschäftsordnung kurzfristig geändert, das hatte eine Kürzung der Redezeit zur Folge. Die Experten mussten ihre Statements runter rattern. Auch deswegen gingen die Verteidigungen Spitzers in der Bundestagsarena fast unter“ (Fritsch 2.9.2013).
Riegerts Kollege Joachim Günther (FDP) betrieb Doping-Geschichtsklitterung: „Damals ging es um den Sieg um jeden Preis… Damals wusste man gar nicht, was Doping ist“ (Herrmann 3.9.2013).
Schwarz-Gelb nutzte dann „die Vorlage zum ‚erwarteten Schlachtfest‘, wie ein Forscher nach der Sitzung sagte“ (Fritsch 2.9.2013).

Vorwurf Unwissenschaftlichkeit
Bei einer Anfrage von MdB Viola von Cramon gab die Bundesregierung zu, „seit 1970 über ihr Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) 14 Anträge zur Doping-Forschung gefördert zu haben, ‚bei denen im Sport verbotene Substanzen einbezogen waren'“ (Schweidler 30.8.2013).
Das BISp als Auftraggeber wurde durch die Studie schwer belastet: Doping wurde durch das für den Sport zuständige Bundesministerium des Innern (BMI) und das BISp seit den siebziger Jahren quasi unter staatlicher Leitung durchgeführt. Das zeigte Reaktionen. Bereits im Vorfeld hatte das BISp auf 40 Seiten der Studie handwerkliche Fehler vorgeworfen; es seien „nicht immer die gängigen Standards guter wissenschaftlicher Praxis“ eingehalten worden“ (handelsblatt.com 29.8.2013). Ausführungen und Schlussfolgerungen „sind nach wissenschaftlichen Maßstäben fragwürdig“ (Ebenda). Außerdem sei die Forderung der Forscher nach einem Anti-Doping-Gesetz „nicht angemessen“ (Ebenda).
Die BISp-Argumentation folgt also ganz klar der Linie des Bach-Vesper-DOSB.

Bei der Sitzung am 2.9. war dann auffällig, dass von Leuten, die üblicherweise mit Wissenschaft nichts zu tun haben, nun die Studie als angeblich „unwissenschaftlich“ abqualifiziert wurde.
Der Staatssekretär im BMI, Christoph Bergner (CDU): Die Studie „entspreche nur bedingt den Kriterien wissenschaftlicher Praxis“ (Reinsch 2.9.2013). – „Ein Mitglied der CDU sprach ihnen gleich die Wissenschaftlichkeit ab“ (Fritsch 2.9.2013).
Klaus Riegert, Diplom-Verwaltungswirt (FH) und strammer Vertreter des Bach-Vesper-DOSB: „Hier wurde mangelnde wissenschaftliche Akribie durch rege Pressearbeit ersetzt“ (Ahrens 2.9.2013).
Projektbeirat und Sportarzt Klaus-Michael Braumann nannte die Studie „wissenschaftlich fragwürdig“; die Forscher hätten „Ethik mit Empörung“ verwechselt. Der Studie zufolge „ist irgendwann jede Tasse Kaffe Doping“ (Ebenda; man beachte das beachtliche Argumentationsniveau – ausgerechnet eines Sportarztes!).
Jürgen Fischer, der Leiter des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, schloss sich Braumann an“ (Fritsch 2.9.2013).
Andrea Gotzmann, die Geschäftsführerin der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada), kündigte juristische Schritte an, da die Forscher der Nada vorgeworfen hatten, wissenschaftlich relevante Akten zurückgehalten zu haben. Spitzer dazu: „Vor dem Prozess habe ich keine Angst“ (Herrmann 3.2013).
Und dann kam der unvermeidliche DOSB-Generaldirektor Michael Vesper als Vertreter von Bach und vertrat die DOSB-Generallinie bzw. die Generalunwahrheit: „Deutschland steht heute an der Spitze der Anti-Doping-Bewegung“ (Ahrens 2.9.2013). Vesper „präsentierte eine Liste von sieben Personen, die unter der Leitung des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo Steiner bis März 2014 ‚Handlungsempfehlungen’im Umgang mit den Ergebnissen der Dopingstudie geben sollen. ‚Ich denke, dass wir deren Bewertung abwarten sollten‘, meinte Innenminister Friedrich. Mit anderen Worten: Erstmals tun wir gar nichts und danach schauen wir mal weiter“ (Sachse 3.9.2013).
Vergleiche hierzu: Die Reihen fast geschlossen; Der DOSB-Dopingexperte
Von den Ausschuss-Mitgliedern der Union und der FDP „verließ so mancher von ihnen den Sitzungssaal mit einem Lächeln und breiter Brust“ (Fritsch 2.9.2013).
Denn sie wissen sehr genau, was sie tun…

Die Doping-Kritiker
Doping-Historiker Gerhard Treutlein stellte fest: „Doping ist im Westen von der Basis her gewachsen… Die Selbstheilungskräfte des Sports haben versagt“ (Ahrens 2.9.2013). – „Deutschland habe viele historische Chancen verpasst, die Weichen gegen Doping zu stellen, sagte Treutlein. ‚Hoffentlich schauen wir in zehn oder zwanzig Jahren nicht auf 2013 zurück und sagen das Gleiche’“ (Fritsch 2.9.2013).
Henk-Erik Meier von der Uni Münster: „Deutschland müsse sich von der Vorstellung verabschieden, ein Vorreiter im Kampf gegen Doping gewesen zu sein. Spitzer sprach von einer Tradition der Doping-Mentalität (Fritsch 2.9.2013).
Wenn der Bach-Vesper-DOSB tonangebend bleibt, wird sich nichts ändern.

Der Verein Doping-Opfer-Hilfe und seine Vorsitzende Ines Geipel verlangten, die Namen der Doping-Täter zu veröffentlichen: „Nach wie vor gibt es erschreckende personelle Kontinuitäten an Doping-Trainern, Medizinern und Wissenschaftlern, die sich trotz ihrer festgestellten Doping-Täterschaft im vereinten deutschen Sport bestens dotiert und sicher einrichten konnten, während die Geschädigten von damals aus der Sport-Familie ausgeschlossen bleiben“ (PM vom 1.9.2013).

Mitautor Erik Eggers nahm im Berliner Tagesspiegel Stellung: hier. Fünf Minuten bekamen die Autoren Zeit, über drei Jahre Forschung zu referieren. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich erzählte, dass „in den 60er Jahren Doping nicht verboten“ gewesen sei. Staatssekretär Christoph Bergner (CDU), Agrarwissenschaftler: „Man sollte den historischen Kontext nicht aus den Augen verlieren“ (Eggers 9.9.2013). „Kurzum, es war eine ziemlich unwürdige Show, die da im Sportausschuss aufgeführt wurde. Wenn irgendwann Historiker die Protokolle dieser Sitzung lesen, werden sie sich gehörig wundern, auf welch erbärmlichem Niveau die Aufarbeitung der westdeutschen Dopinggeschichte im Parlament stattgefunden hat. Die Volksvertreter haben zwar Aufklärung gefordert. Gewollt war diese Aufklärung, von wenigen Ausnahmen abgesehen, tatsächlich nicht“ (Ebenda).

Prof. Giselher Spitzer nahm zur Sitzung des Sportausschusses am 2.9.2013 in der FAZ vom 16.9.2013 Stellung, siehe hier.

Quellen:
Ahrens, Peter, „Irgendwann ist jede Tasse Kaffee Doping“, in spiegelonline 2.9.2013
BISp kritisiert Autoren der Dopingstudie, in handelsblatt.com 29.8.2013
Doping-Opfer-Hilfe e.V., Dopingopfer kritisieren DOSB-Präsident Bach scharf, PM 1.9.2013
Eggers, Erik, Fünf Minuten für drei Jahre, in tagesspiegel.de 9.9.2013
Fritsch, Oliver, Sportausschuss-Doping-Debatte versandet in unwürdiger Parteipolitik, in zeitonline 2.9.2013
Herrmann, Boris, Kabarett im Sportausschuss, in SZ 3.9.2013
Reinsch, Michael, „Angst vor der Debatte“, in faz.net 2.9.2013
Sachse, Jonathan, Die Politik zieht keine Konsequezen, in dw.de 3.9.2013
Schweidler, Manfred, Bund förderte 14 Projekte zu Doping, in mainpost.de 30.8.2013
Wellinski, Patrick, Passender Termin, in dradio.de 15.8.2013
Wir hätten da mal ein paar Fragen, in SZ-Magazin 35/30.8.2013