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125. IOC-Session, Buenos Aires, September 2013

Wolfgang Zängl 9.9.2013, aktualisiert 19.9.2013

(1) Anreise
Buenos Aires, IOC-Kongress, schwer bewachtes Hilton Hotel: “Das silbrige Gebäude ist zum Bunker geworden, als treffe sich dort die G20″ (Burghardt, Peter, Eingetroffen im Raumschiff, in SZ 5.9.2013).
Gianni Merlo, Präsident des Internationalen Sportjournalisten-Verbandes AIPS: “Die Straßen sind wie leergefegt. es sieht aus, als ob hier Krieg herrscht und kein Sport-Treffen stattfindet” (AIPS-Präsident Merlo kritisiert IOC scharf, in zeitonline 5.9.2013). – “Der 66-Jährige prophezeit dem IOC eine schwierige Zukunft, der neue Präsident stehe vor großen Herausforderungen: ‘In ein paar Jahren wird das IOC wie die Titanic sinken. Alle singen und tanzen noch, aber der Eisberg ist schon nahe. Wenn sie weiter nur dem Dollar folgen, wird der Sport sterben’” (Ebenda; Hervorhebung WZ).
Zur Strategie: Samstag 7.9. Wahl des Austragungsortes für die Olympischen Sommerspiele 2020 (Tokio bekommt sie); Bleibt Ringen olympisch? Oder kommt Baseball bzw. Softball? (Bleibt es). Dienstag, 10.9. Der neue IOC-König wird gekrönt.
Die Olympischen Jugendspiele kommen 2018 nach Buenos Aires. Strippenzieher bei allem ist neben dem Katarer Ahmad Al-Fahad Al-Sabbah der argentinische NOK-Patron Gerardo Werthein, vormals Reiter, Miteigentümer des argentinischen Telekommunikationskonzerns Telecom (Burghardt 5.9.2013).

(2) Jacques Rogge tritt ab
Der scheidende IOC-Präsident Jacques Rogge steigerte die Reserven des IOC von 105 Millionen Dollar im Jahr 2001 auf fast eine Milliarde Dollar (765 Millionen Euro) zum Ende 2012. Die TV-Einnahmen stiegen von 2,2 Mrd. Dollar in der Periode 2002/2004 auf mehr als 4 Milliarden Dollar in der Periode 2014/2016. Die zehn TOP-Sponsoren werden für die Periode 2013 bis 2016 eine Milliarde Dollar überweisen (IOC sitzt auf einer Milliarde Dollar, in news.at 8.9.2013).
Rogge ist Jens Weinreich zufolge mit seinen Reformvorhaben gescheitertgescheitert: Das IOC liefert keinen ordentlichen Finanzbericht ab, seine Kommunikationspolitik ist eine Katastrophe, die Ethikkommission funktioniert undurchsichtig. Rogge wollte bei Amtsantritt gegen Gewalt und Gigantismus antreten, für die Glaubwürdigkeit des Sports und eine Reformierung des olympischen Programms. “Beim Thema Gigantismus und ausufernde Olympiakosten ist er kolossal gescheitert” (Weinreich, Jens, Mit stumpfem Skalpell, in spiegelonline 7.9.2013). Rogges Einführung der “Olympischen Jugendspiele” (eine geklaute Idee, wie so vieles beim IOC) hat den Gigantismus noch erhöht. Oligarchen (wie der Russe Arkady Rotenberg und Putins Judofreund Marius Vizer, der kürzlich zum Präsidenten der Sport-Weltverbände Sportaccord, früher GAISF gewählt wurde) und Öl-Scheichs (wie der Katarer Ahmad Al-Fahad Al-Sabbah) bestimmen zunehmend den Kurs (Ebenda). Der um das IOC-Präsidentenamt kandidierende Thomas Bach wurde sogar gerade im Spiegel als der “Strohmann” von IOC-Mitglied Al-Sabah, Scheich aus Kuwait, bezeichnet (Osang, Alexander, Der Strohmann, in Der Spiegel 36/2.9.2013). Dazu kommen Milliardäre wie der Argentinier Gerardo Werthein, siehe oben.
Das dubiose IOC-Personal sieht langsam wieder so aus wie unter Juan Antonio Samaranch, der von 1980 bis 2001 IOC-Präsident war.

(3) Das Altern eines IOC-Präsidenten
“Es gibt IOC-Mitglieder, die ihren Gesprächspartnern gern zwei Bilder zeigen und dazu fragen: ‘Bist du sicher, dass es das ist, was du willst?’ Auf den Fotos ist jeweils Jacques Rogge zu sehen, einmal im Jahr 2001, als der Belgier in Moskau zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gekürt wurde – und einmal im Jahr 2013. Der Unterschied ist frappierend, für manche gar schockierend. (…) Unter der Last des Amtes, der wichtigsten Funktion des Weltsports, scheint Rogge nicht um zwölf, sondern um 30 Jahre gealtert zu sein” (Weinreich, Jens, Mit stumpfem Skalpell, in spiegelonline 7.9.2013).
Bach sollte doch IOC-Präsident werden!

(4) Drei Fußkranke bewerben sich um Olympische Sommerspiele 2020.
Zu Madrid, Istanbul und Tokio siehe hier.
Mein persönlicher Tipp im Olympischen Kaffesatzlesen am 7.9.2013 um 18 Uhr: Angesichts der Unruhen beim Confed-Cup der Fifa in Brasilien im Juni 2013, der angespannten Situation in Sotschi 2014 und der Situation Rio de Janeiro 2016 werden beim IOC die Nerven blank liegen. Da wirkt Tokio trotz Fukushima sicher. Und da dem japanischen Ministerpräsidenten Shinze Abo trotz der schwindelerregenden Staatsverschuldung Japans die Milliarden sehr locker sitzen, wäre Tokio doch der geeignetste Kandidat. Denn es geht doch um Geld. Nur um Geld. Und natürlich würde die Wahl mit der olympischen Hilfe zur Überwindung der Fukushima-Katastrophe begründet.
Wenn nur niemand an Nagano 1998 denkt! Die Stadt trug die Olympischen Winterspiele 1998 aus – und ist noch immer mit rund zehn Milliarden $ verschuldet.
Madrid und Spanien waren arrogant: „50 der 98 IOC-Mitglieder haben versprochen, Madrid zu wählen“ hatte die spanische Zeitung El Mundo letzte Woche verkündet und eine Fotogalerie der IOC-Befürworter abgedruckt (Kistner, Thomas, Nicht einmal Messi kann helfen, in SZ 9.9.2013). Das Ergebnis am 7.9.2013: Tokio erhält in der ersten Runde 42 Stimmen, Madrid und Istanbul je 26. In der Stichwahl erhält Istanbul 49, Madrid 45 Stimmen. Tokio “gewinnt” dann mit 60 zu 36 Stimmen gegen Istanbul. “Riesenjubel in Tokio” (Olympische Sommerspiele gehen nach Tokio, in spiegelonline 7.9.203; 60 : 36 für Tokio, in SZ 9.9.2013).
Die armen Japaner! Dieser “Erfolg” wird sie teuer zu stehen kommen – dabei sind sie mit Fukushima schon furchtbar abgestraft.
Vergleiche auch: Drei Fußkranke bewerben sich

(5) Reaktionen auuf die Wahl von Tokio
Christoph Neidhart
, SZ-Korrespondent Japan: „Ziemlich verärgert reagierten viele der 150.000 Nuklear-Flüchtlinge aus der Gegend hinter dem Kernkraftwerk Fukushima I auf die Vergabe der Spiele. Im Fernsehen äußerten mehrere von ihnen die Befürchtung, sie würden nun ganz vergessen. Besonders wütend waren sie auf Tsunekazu Takeda, den Präsidenten des japanischen Olympischen Komitees, der in Buenos Aires sagte, Tokio sei sicher, auch die Lebensmittel, es liege 250 Kilometer von der Reaktorruine entfernt; für die Leute von Fukushima hatte er aber kein Wort der Solidarität übrig. Derweil behauptete Premierminister Abe wider besseres Wissen vor dem IOC, man habe Fukushima I im Griff“ (Der vierte Pfeil, in SZ 9.9.3013).
Evi Simeoni in der FAZ: „Aufgabe des IOC ist es nicht, einem Volk bei der Selbsthypnose zu helfen, sondern die bestmöglichen Olympischen Spiele für seine Sportler auszurichten. Wie konnten die Sportfunktionäre bei ihrer Entscheidung, die Spiele 2020 nach Tokio zu vergeben, das atomare Risiko in Fukushima ausblenden? … Noch am Dienstag verabschiedete die japanische Regierung einen Notfallplan für den überforderten Betreiber Tepco, der mit den Lecks in den Kühltanks nicht zurechtkommt … Tokio verspricht die größte Prime-Time-Fernsehgemeinde, die es je gab. Den größten Ticketmarkt. Und einen beeindruckenden kommerziellen Erfolg. Schon jetzt gibt es 21 Sponsorenpartner“ (Teurer Sand in den Augen der Sportfunktionäre, in faz.net 8.9.2013).
Von „Brot und Spiele“ zu japanischen „Katastrophen und Spiele“: Der Ablenkungseffekt ist absolut gewollt.
Thomas Kistner
, SZ: „Tokio gilt als die krisensicherste Wahl. Man muss nur ignorieren, dass sich die Jugend der Welt nun auf einen ganz besonderen Ort vorzubereiten hat. Weiß man wirklich, ob und wie sich die Strahlungsgefahr über die nächsten Jahre eindämmen lässt? … Zu vermuten ist, dass der Weltsport erst jetzt über solche Fragen nachzudenken beginnt“ (Wenn sich der Wind dreht, in SZ 9.9.2013).
Jens Hungermann in der Morgenpost: „Zudem ist die Vergabe ein Hinweis auf den wachsenden asiatischen Einfluss im Milliardenbusiness Olympia. Dabei gewann Tokio die Wahl nicht wegen Fukushima – sondern trotz Fukushima. Die jüngst abermals zugespitzte Lage im havarierten Atomkraftwerk ist weltweit nicht nur medial ein Thema. Sondern auch im IOC“ (Tokio 2020 bringt Berlin ins Spiel, 9.9.2013).
Christiane Schlötzer in der SZ: „‚Tokio hat Istanbul gerettet‘, twittert Vasif Kortun, einer der bekanntesten Kunstexperten der Türkei. Kortun gehört zu jenen, die gefürchtet hatten, die Spiele 2020 würden Istanbul endgültig zur Beute von Bauinvestoren machen. Misstrauen erregte beispielsweise, dass die Regierung die Olympia-Bauten der staatlichen Agentur Toki anvertrauen wollte. Deren Markenzeichen sind Trabantenstädte mit häufig gesichtslosen Hochhausblöclken – von Kritikern ‚Tokistan‘ genannt“ (Zum Trost gibt’s Fußball, in SZ 9.9.2013).“

(6) Ringen wieder olympisch
Es gab 49 IOC-Stimmen für den Verbleib von Ringen als olympische Sportart; Baseball/Softball und Squash werden nicht aufgenommen. Davor gab es für den olympischen Verbleib von Ringen eine seltene Allianz der Länder USA, UDSSR und Iran. Und der Ringer-Weltverband hatte in Windeseile seine Sportart modernisiert. Allerdings zählt Ringen nicht mehr zu den olympischen Kernsportarten – so geht das Zittern bei den Olympischen Sommerspielen 2028 weiter (Visionen gewünscht, in SZ 10.9.2013).
Damit bleibt von Rogges groß angekündigten Modernisierungen der olympischen Sportarten die Aufnahme von Golf und Rugby bei den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio übrig (Ringen bleibt olympisch, in spiegelonline 8.9.2013; Weinreich, Jens, Schultersieg für die Ringer, in spiegelonline 8.9.2013).

(7) Krebsartiges Wachstum Olympischer Spiele
1896 Athen: 14 Länder (LÄ), 241 Sportler (SR), 19 Sportarten (SA), 43 Wettbewerbe (WB)
1948 London: 59 LÄ, 4955 SR, 17 SA, 136 WB
1960 Rom: 83 LÄ, 5338 SR, 17 SA, 150 WB
1972 München: 121 LÄ, 7134 SR, 23 SA, 195 WB
2000 Sydney: 199 LÄ, 10651 SR, 28 SA, 300 WB
2012 London: 204 LÄ, 10568 SR, 26 SA, 302 WB (Von Athen bis Tokio, in SZ 9.9.2013).
Die 25 „Kernsportarten“ für Tokio: Badminton, Basketball, Bogenschießen, Boxen, Fechten, Fußball, Gewichtheben, Handball, Hockey, Judo, Kanu, Leichtathletik, Moderner Fünfkampf, Radsport, Reiten, Rudern, Segeln, Schießen, Schwimmen, Taekwondo, Tennis, Tischtennis, Triathlon, Turnen, Volleyball, dazu Ringen als zusätzliche Sportart (Mit Golf und Rugby, in SZ 9.9.2013).

(8) Von Tokio 2020 zu München 2022: Unbeirrbarer Ude
Nach der Wahl Tokios tat der Münchner OB Ude kund: Damit hätte München 2022 eine “große Chance” bekommen.  Ude erzählte etwas vom “Proporz der Kontinente” (Ude sieht große Olympia-Chancen, in SZ 9.9.2013). DOSB-Präsident Bach pfiff Ude übrigens sofort zurück. Die Wahl Tokios hätte keine Auswirkungen auf München: “Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe” (Fahrenholz, Peter, Ude sieht große Olympia-Chance für München, in 8.9.213).
Man muss sich mehrfach bewerben, hieß es bei München 2018 im Hinblick auf Pyeongchang, das erst beim dritten Mal den Zuschlag für 2018 erhielt. Hallo: Madrid hat bei 2020 nun das dritte Mal verloren, Istanbul zum fünften Mal!
Für Herrn Ude ruft Mykonos, nicht der Wintersport. Am 15.9.2913 sind die bayerischen Ministerpräsidenten-Allüren ausgestanden. Dann muss Ude – nach den verlorenen Bürgerentscheiden vom 10.11.2013 – hoffentlich endlich olympische Ruhe geben. Und ab Mai 2014 ist er kein Münchner OB mehr. Das wars dann. Wobei sich nun endgültig die Frage stellt, welches Movens Udes olympisches Engagement hat: Karriere? Politische Potenz? Pekuniäres? Nachruhm?

Derzeitige Kandidaten für 2022 neben München: Oslo (nach der Abstimmung am 9.9.2013 mit 53,5 Prozent Ja-Stimmen), Barcelona (hat sofort nach der Abwahl von Madrd 2020 sein Interesse an kundgetan), Lwiw/Ukraine, Krakau 2022 mit Polen und Slowakei, Almaty/Kasachstan.
Axel Doering von NolympiaGarmisch-Partenkirchen äußerte im Interview: „Hoffentlich endet es nicht so, dass niemand Olympia haben will und wir es sofort bekommen… Ich fürchte, die Befürworter werden uns vor dem Bürgerentscheid mit Werbematerial überfluten“ (Holzapfel, Matthias, Wochen der Vorentscheidung, in Garmisch-Partenkirchner Tagblatt  9.9.2013). – „Schon jetzt finden regelmäßig geheime Arbeitskreistreffen statt. Das Büro Albert Speer & Partner treibt wie beim ersten Anlauf die Pläne voran. Und es finden Gespräche mit Sponsoren statt“ (Ebenda).
Laut Walther Tröger hätte der DOSB von den Sommersportverbänden die Zustimmung für eine Bewerbung München 2022 erhalten: Dies sei allerdings das letzte Mal (Tröger: Letzte Olympia-Chance für München, in handelsblatt.com 9.9.2013). Der Präsident des Berliner Landessportbundes, Klaus Böger (SPD), meldete nach der Wahl Tokios umgehend, das Berlin für 2024 zur Verfügung stehen würde (Hungermann 9.9.2013). Böger: „Wenn München erneut antreten darf, wird das die Chancen Berlins für eine Kandidatur nicht gerade verbessern“ (Zawatka-Gerlach, Ulrich, „Berlin muss eine Vision entwickeln“, in tagesspiegel.de 8.9.2013).
Schaun mer mal, was der DOSB am 30.9.2013 macht. In jedem Fall wackellt der Schwanz (DOSB) mit dem Hund (Bundesrepublik, Bayern, Landeshauptstadt München etc.).

(9) Neuer IOC-Präsident aus Deutschland?
Wolfgang Hettfleisch erwähnt zu Bachs Biographie: den Tauberbischofsheimer Fecht-Papst Emil Beck, Adidas-Chef Horst Dassler, NOK-Präsident und IOC-Mitglied Willi Daume und Bachs Förderer Juan Antonio Samaranch, den früheren IOC-Präsidenten (Hettfleisch, Wolfgang, Die Geduld des Fechters, in berliner-zeitung.de 5.9.32013. Im Kritischen Olympischen Lexikon steht Entsprechendes zu Thomas Bach.) “Sollte Bach zum Präsidenten des IOC gewählt werden, wird sich dort nichts grundlegend ändern. Er ist ein Konformist durch und durch, der Kandidat des Systems, gegen das er nie aufbegehrt, dessen Prinzipien er nie infrage gestellt hat” (Ebenda).
IOC-Mitglied und Scheich Al-Sabah aus Kuwait hat in letzter Zeit offenbar etwas zu intensiv für Bach geworben – unter Verweis auf ihre “gemeinsame Vision” (Osang, Alexander, Der Strohmann, in Der Spiegel 36/2.9.2013) und erwähnt nebulös eine zwölf Jahre alte Abmachung (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Letzte Hoffnung der Abgeschlagenen, in SZ 7.9.2013). Osang bezeichnet Bach als den “Strohmann” von Al-Sabah, der 2012 vom ehemaligen IOC-Mitglied Mario Vazques Rana der Korruption und des Stimmenkaufs bezichtigt wurde (Weinreich, Jens, Bach und der Strippenzieher-Scheich, in spiegelonline 3.9.2013). Al-Sabah wurde wegen seines offenen eintretens für Bach von der IOC-Ethikkommission schriftlich verwarnt (Germann, Daniel, Ein unerlaubter Befreiungsschlag, in nzz.ch 10.9.2013).
Erste Proteste gab es bereits. Der Schweizer Kandidat für das IOC-Präsidentenamt, Denis Oswald, sagte schon im Juni 2013: “Wenn es stimmt, ist das nicht unbedingt das, was ich unter Demokratie verstehe” (Aumüller, Johannes, Kistner, Thomas, Antwort mit der Charta, in SZ 2.9.2013). Bachs Konkurrent Ser Miang Ng aus Singapur äußerte, die olympische Bewegung brauche “einen Präsidenten von höchster Integrität, der unabhängig ist, frei von jeglichem Einfluss von außen und frei von Vorwürfen” (Ebenda). IOC-Mitglied und Kandidat um die Präsidentschaft, Denis Oswald,  über Thomas Bach: „Er benutzt seine Position, um für die Gesellschaften, die er (als Anwalt) vertritt, Vorteile herauszuholen. Ich wünsche mir einen unabhängigen Präsidenten“ (Germann 10.9.2013; Weinreich, Jens, Bachs größter Gegner, in spiegelonline 10.9.2013).
So lange der Schweizer Oswald zur Wahl steht, müssen sich seine vier Schweizer IOC-Kollegen bei der Präsidentenwahl enthalten: Von ihnen würde wohl nur Sepp Blatter (!) Bach wähen. Die anderen Schweizer Stimmen – von Patrick Baumann, René Fasel, Gian-Franco Kasper und Oswald selbst – würden dann wohl an Richard Carrion gehen (Kistner, Thomas, Schlammschlacht am Rio de la Plata,, in SZ 100.9..2013).
Das deutsche IOC-Ehrenmitglied Walther Tröger sieht den deutschen Einfluss im IOC schwinden – unter der Ägide Bach (Teuffel, Friedhard, Wir sind IOC? in tagesspiegel.de 6.9.2013). Ein IOC-Präsident könne auch nicht Olympische Spiele – siehe München 2022 – ins eigene Land holen. Bach, konstatiert Jens Weinreich, “ist im IOC nicht beliebt. Man respektiert ihn, manche fürchten ihn, einige hat er mit seiner Sieger-Attitüde und seinen harschen Reaktionen nach der Niederlage des Olympiakandidaten München vor zwei Jahren verärgert” (Weinreich 3.9.2013).
Und was wäre Bachs Position im internationalen Anti-Doping-Kampf, zur Welt-Anti-Doping-Agentur Wada? “Bach ist vehement gegen ein Antidopinggesetz. Er sieht keinen Handlungsbedarf und stellt bei Bedarf auch Persilscheine aus. (…) Dopingskandale tut er als bedauerliche Ausnahmen ab” (Hettfleisch 5.9.2013). In diesem Zusammenhang dürfte auch die absurde DOSB-Diskussion in Zusammenhang mit der Studie “Doping in Deutschland” sicher aufmerksam im IOC verfolgt werden.
Siehe hierzu: „Doping in Deutschland:“: Randnotizen; Die Trickser von DOSB, BISp und BMI
Meine nächste Prognose nach der zur Wahl Tokios: Ich glaube nicht, dass Bach am Ende des 10.9.2013 IOC-Präsident ist.

(10) Die Wahl
Am Dienstag, 10.9.2013 wurde der 9. IOC-Präsident gewählt.
Es ist weitgehend egal, wer Präsident wird: Der Host City Vertrag bleibt ein  Knebelvertrag, das IOC bleibt eine olympische Heuschrecke, Doping und Korruption bleiben Doping und Korruption, die Sponsoren wie Coca Cola, McDonald’s und Dow Chemical bleiben die Sponsoren und die TV-Sender werden weiter hunderte Millionen für die Übertragungsrechte an den Gladiatorenspielen entrichten.
Nun also doch Bach: Im zweiten Wahlgang 49 Stimmen (dank Scheich Al-Sabah). Bei anderen Kandidaten hätte man sich ja mehr erwartet. Bei Bach weiß man, was einen erwartet – und was nicht. Beim Thema Doping zum Beispiel gar nichts.
Nun sind also zwei Haupt-Schüler von Horst Dassler an der obersten Spitze der wichtigsten Internationalen Verbände: Sepp Blatter, Fifa-Präsident seit 1998 und Bach, 2000 bis 2004 und 2006 bis 2013 IOC-Vize, nun Präsident. Nun ja.

Thomas Kistner zur Wahl Bachs in der SZ: „Die Kür lief für den Deutschen letztlich so, wie es Brauch ist im undurchsichtigen Weltsportgeschäft: Mit internem Druck, den sportpolitische Seilschaften offenkundig vor der Wahl ausübten, sowie dann in der Wahl mit soliden Stimmpaketen aus der Dritten Welt“ (Olympia-Chef von Scheichs Gnaden, in sueddeutsche.de 10.9.2013).
Für Kistner geht nun die Ära von Juan Antonio Samaranch mit dessen Ziehsohn Bach weiter: Die Ära Rogge könnte von daher nur ein Intermezzo gewesen sein (Ebenda).
Wie die Regie von Al-Sabah funktionierte, zeigte sich bei der Wahl des IOC-Exekutivkomitees. Der kritische Geist Richard Pound fiel überraschend durch, gewählt wurde die unkritische Amerikanerin Anita DeFrantz. Diese hatte Denis Oswald vor der Wahl bereits von einer Anfrage aus dem Umfeld von Scheich Al-Sabah berichtet, ob sie denn in die Exekutive wolle – und so geschah es dann auch.
Ein Ausblick auf die kommende Sportdemokratur unter Scheich Al-Sabah…
Der Scheich hatte ein beeindruckendes Jahr 2013 hingelegt: im Mai 2013 machte er Scheich Salman Bin Ibrahim Al Khalifa aus der Herrscherfamilie von Bahrain zum Präsidenten des asiatischen Fußballverbandes, Ende Mai wurde Marius Vizer Chef von Sportaccord – und nun ist Bach IOC-Präsident von Al-Sabahs Gnaden.
Und Al-Sabah ist es egal, wer unter ihm IOC-Präsident ist: Hauptsache, der Strohmann spurt…

(11) Viola von Cramon, über Thomas Bach
(Viola von Cramon ist sportpolitische Sprecherin von Bündis 90/Die Grünen und Mitglied im Sportausschuss des Deutschen Bundestages)
… Thomas Bach wird als Teil des System von Antonio Samaranch, dem Vorgänger von Jacques Rogge als IOC-Präsident, wahrgenommen. Samaranch war bis zu seinem Tod ein bekennender Faschist. Ich frage mich, ob es gut ist, wenn einer, der als ‚Nachkomme‘ von Samaranch gilt, nun zum IOC-Präsidenten gewählt würde.
… Thomas Bach ist seit einigen Jahren der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Wenn Sie die Ohren offen halten, dann wissen Sie, dass kaum Reformen angefasst wurden, dass es Bach nicht darum geht, eine Debattenkultur zu entwickeln oder um möglichst viel Mitsprache und Kompetenz der Fachverbände. Bach geht es in allererster Linie um seine eigene Karriere. Warum sollte ihn der Reformeifer gerade jetzt im IOC packen? Denken wir nur an die derzeitige Debatte um Doping im deutschen Sport. Bach steckte als Mitglied der Olympiamannschaft von 1976 mitten drin im deutschen Sportgeschehen. Jetzt spielt er die personifizierte Ahnungslosigkeit. Es ist jedenfalls kein gutes Zeichen, wenn er kritische Anfragen durch einen Medienanwalt abwehren lässt. Ich glaube nicht, dass so jemand ein aufrichtiger Kandidat ist, der die Glaubwürdigkeit des Sports wiederherstellen kann.
… Thomas Bach ist dem Sportausschuss jahrelang ausgewichen. Ich habe ihn als Menschen erlebt, der keine Position bezieht, als Menschen, der immer gerne ausweicht. Er hat keine klare Vision. Er ist ein Mensch, der meist reagiert, statt zu agieren. Er ist gut vernetzt, weiß, wie er Parteien gegeneinander ausspielen kann. Er macht Politik in Hinterzimmern“ (Ahäuser, Jürgen, „Personifizierte Ahnungslosigkeit, in fr-online.de 9.9.2013).
„… es ist natürlich auch mit einer gewissen Hoffnung verbunden – Hoffnung darauf, dass es möglicherweise wirklich Reformen geben wird, dass man möglicherweise zurückkehren kann zu der olympischen Idee, weg von dem kommerziellen Hype, den wir in den letzten 20 Jahren beim Internationalen Olympischen Komitee gesehen haben. Aber letztendlich bin ich natürlich sehr skeptisch, wenn ich mir anschaue, in welcher Form Dr. Thomas Bach bisher in der internationalen Sportpolitik gewirkt hat, und vor allem, mit welcher Unterstützung er die Wahl gewonnen hat. Das heißt zum einen der Scheich, das heißt zum anderen der Vorsitzende von Sportaccord, der Marius Vizer, mit einem ganz engen Draht zu Putin, zu anderen Diktatoren, dann muss man sich natürlich schon Gedanken machen, welche Stimmen da gesammelt wurden, um an die Spitze dieses Sportverbandes zu kommen.
… auf jeden Fall hat Thomas Bach natürlich jahrelang, jahrzehntelang auf diesen Thron hingearbeitet. Das ist sicherlich unbestritten. Er hat dabei, würde ich mal sagen, den deutschen Sport eher vernachlässigt als befördert, denn Reformen in den letzten Jahren sind ja im DOSB überhaupt nicht angefasst worden. Er hat ja mit der Karriereplanung im Grunde den deutschen Sport gelähmt. Anders kann ich das jedenfalls nicht einschätzen“ (Barenberg, Jasper, Von Cramon: Thomas Bach hat den deutschen Sport vernachlässigt, in dradio.de 11.9.2013).

Vergleiche auch: Der Sport-Pate – Scheich Al-Sabah