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Olympisches Kaffeesatzlesen (I)

Wolfgang Zängl
3.6.2013, aktualisiert 4.7.2013

Am 10. September 2013 wird auf der 125. IOC-Session in Buenos Aires, der Hauptstadt Argentiniens,  ein neuer IOC-Präsident gewählt. Es gibt 106 stimmberechtigte Mitglieder (Wikipedia, Stand Januar 2012). Den Hut in den olympischen Ring geworfen haben: Thomas Bach (Deutschland, Ng Ser Miang (Singapur), Richard Carrión (Puerto Rico), Wu Ching-kuo (Taiwan), Denis Oswald (Schweiz), Sergej Bubka (Ukraine). Gehen wir im folgenden einmal von – natürlich völlig unrealistischen – Gedankenspielen aus. Was machen die sechs Kandidaten bis zum 10.9.2013? Sie sammeln ihre Heere, also IOC-Stimmen – ein Pokerspiel in den Hinterzimmern der IOC-Macht. Wer am besten pokert, Zusagen macht, wer Zugeständnisse macht, wer alle bedienen will, wird IOC-Präsident.

Veränderte olympische Landschaften
Die gesamtolympische Situation hat sich aufgrund der Gigantomanie und der explodierenden Kosten Olympischer Spiele inzwischen grundlegend verändert. Früher galt: Olympische Sommerspiele in Europa – Olympische Winterspiele nicht in Europa. Auch das dürfte nun (trotz eventuell Madrid 2020) nicht mehr gelten. Auch wenn Jens Weinreich kryptisch andeutet: „Ich sage doch immer: der Scheich (Al-Sabah; WZ – siehe unten), Thomas Bach und Madrid 2020 – das ergibt Sinn“ (Weinreich 31.5.2013b).
Das IOC kann sich glücklich schätzen, wenn es überhaupt einen (finanziell) potenten Interessenten für Olympische Winterspiele 2022 findet – gerade die Winterspiele werden durch d en Klimawandel nicht nur absurder, sondern auch immer teurer und aufwendiger, siehe Schneeproduktion, Snowfarming etc. Zudem bieten die Osteuropäer nicht genug Luxus und Geld. Und ein reiches totalitäres Regime ist derzeit noch nicht in Sicht.
Eine deutsche Bewerbung um Olympische Spiele soll vermutlich das Krönungsgeschenk des DOSB-Präsidenten Bach werden: Er bezahlt die olympische Milliarden-Rechnung ja nicht. Bach wird wohl die Bewerbung München 2022 (oder Olympische Sommerspiele 2024 in Berlin oder Hamburg) am 10.9.2013 in Buenos Aires auf der 125. IOC-Session auf dem Präsentierteller vortragen.

Sechs Kandidaten stellen sich zur Wahl:

Der Fechter: Thomas Bach (*1953)
Wirtschaftsanwalt, Olympiasieger 1984, IOC-Mitglied seit 1991, IOC-Exekutivkomitee seit 1996, DOSB-Präsident seit 2006.
– Nur mal angenommen: Bach wird IOC-Präsident
Bach (1953) konnte noch lange auf die alten IOC-Mitglieder aus der Zeit des faschistoiden IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch (1980 bis 2001) zählen. Der alte Kumpel Sepp Blatter, der von Horst Dassler persönlich empfohlen wurde für das Amt des Fifa-Generalsekretärs (das war Blatter von 1981 bis 1998, seither ist er Fifa-Präsident), applaudierte Bach (Ausbildungsjahre bei Horst Dasslers Adidas, wurde dort 1985 Direktor für Internationale Beziehungen) nicht von ungefähr umgehend.
Bach im höchsten IOC-Amt wäre an manchen Punkten in Erklärungsnot: „… der Präsident des DOSB steht für eine Null-Toleranz-Politik im Anti-Doping-Kampf“ (dpa, Münchner Merkur 10.5.2013). Da hat die Deutsche Presse-Agentur nicht richtig recherchiert – das Gegenteil ist der Fall. Bach kämpft seit 2006 wie ein Doping-Löwe um den erlauben Besitz an „geringen Doping-Mitteln“ für die Spitzensportler! „Dass es kein nationales Anti-Doping-Gesetz gibt, fällt ebenso auf Bach zurück wie die Versteckspiele um deutsche Medaillenziele, die erst ein Gerichtsbeschluss zutage förderte“ (Kistner 10.5.2013a).
Vergleiche hierzu: Der DOSBDopingexperte; Deutsche Sportärzte; Die DOSBDopingDesinformation; Die Reihen fast geschlossen
Würde Bach auch weltweit die „geringen Mengen an Dopingmitteln“ erlauben?!?

Und wenn Bach IOC-Präsident wird: Dann könnte/möchte sein Adlatus, DOSB-Generaldirektor Michael Vesper, DOSB-Präsident werden: „Vesper ist Bachs Mann fürs Grobe“ (Teuffel 11.5.2013). Vesper wäre vermutlich der erste hauptamtliche DOSB-Präsident. Derzeit bekommt Vesper 270.000 Euro jährlich: Drunter wird er es nicht tun.
Oder der DOSB sagt: Vesper, nein danke! So wie Robert Harting, der Olympiasieger im Diskuswerfen London 2012 (Sogl 28.5.20013).
Bach könnte Carrión – gegen dessen Stimmen – auf dem Posten des Schatzmeisters belassen (der hat ja auch ein Stimmpaket!).
Und was macht der Wirtschaftsanwalt Bach dann – als von ihm angekündigter ehrenamtlicher IOC-Präsident mit seinen Connections in die arabische und europäische Welt? Wovon wird/will er leben? Wo bleiben „seine fürstlich dotierten Geheimverträge“? (Weinreich 10.5.2013a). Wie spielt Bach weiter „konsequent den Doppelpass mit den steinreichen Potentaten“? (Ebenda).

Nur mal angenommen: Bach wird nicht IOC-Präsident
Was würde dann wohl Bachs Wirtschaftspartner und Siemens-Kunde, Scheich Ahmed Al-Fahad Al Ahmed Al-Sabah aus Kuwait dazu meinen? „Bach hat den Königsmacher im Weltsport hinter sich: Scheich Al-Sabah aus Kuwait, eine zwielichtige Figur. Mit ihm und Kuwait ist Bach seit langem vernetzt“ (Kistner 10.5.2013a). Al-Sabah war in Kuwait Energieminister von 2003 bis 2006, ist dort seit 2006 Verteidigungsminister, seit 1992 Mitglied im IOC, Präsident des Asiatischen Olympischen Komitees, Mitglied im Exekutivkomitee, seit 2012 Chef der ANOC, der Vereinigung aller 205 Nationalen Olympischen Komitees (kurier.at 13.4.2012). Der kuwaitische Verteidigungsminister Al-Sabah organisierte 2012 Rüstungsexporte aus Deutschland für 17,6 Millionen Euro (Hickmann 22.2.2013). „Im Zuge der Siemens-Affäre wurde 2008 publik, wie Konzernberater Bach sein Bemühen, Kuwait als Großinvestor für ein Projekt zu gewinnen, an „Freund und Kollege, Energieminister Scheich Ahmed al-Sabah“ band. Bach verweist stets auf die Trennung von Job und Ehrenamt“ (Kistner 6.5.2013).
Scheitert Bach mit seiner Bewerbung als IOC-Präsident, ist er im IOC-Ruhestand: Beim Sportmonopolisten IOC zählen nur Siege. Bach als IOC-Präsident – dank Königmacher Al-Sabah, der dann laut Jens Weinreich in einer Dekade selbst den IOC-Thron erobern möchte (Weinreich 31.5.2013c).

– Bach und München 2022
Der Mitleidsfaktor könnte bei der Bewerbung München 2022 zu Hilfe kommen. Bisher war der oberste deutsche Sportfunktionär bei olympischen Bewerbungen eher mau: „… nachdem Bachs bisherige Sportkarriere von vier krachend gescheiterten deutschen Bewerbungen begleitet worden war: Berchtesgaden, Berlin, Leipzig – und München 2018. Vorstellbar zudem, dass die IOC-Kollegen einem ums Thronamt gescheiterten Bach wenigstens bei der Olympiavergabe 2022 Trost spenden könnten“ (Kistner 11.5.2013).
Wenn Bach IOC-Präsident wird, könnte er aber auch sagen: Beerdigen wir München 2022 – ich bin jetzt Präsident. Und schon sind keine vier Bürgerentscheide nötig. Bis jetzt, Anfang Juni 2013, liegt übrigens noch keine konkreten Bewerbung für Olympische Winterspiele 2022 vor. Das IOC hat allen Grund, nervös zu werden.
Oder Bach bringt die Bewerbung München 2022 als „Krönungsgeschenk“ mit: Dann muss er auch liefern. Schließlich hat außer Deutschland kaum noch ein Land Geld für die olympische Gigantomanie. Dann ist Bach aber auch zur Zurückhaltung verpflichtet:„Wird Bach aber IOC-Chef, ist mit einem nicht zu rechnen: mit ‚präsidialer Amtshilfe für einen deutschen Bewerber’“ (Kistner 11.5.2013).
Wenn Bach nicht IOC-Präsident wird, könnte er sagen: Beerdigen wir München 2022 – ich bin schließlich nicht Präsident geworden. Oder: Jetzt kommt München 2022 erst recht – als meine Revanche. Allerdings: „Wer beim IOC einmal groß verliert, ist für alle Zeiten verloren“ (Weinreich 10.5.2013).

Gilt dies auch für München 2022 – nach dem großen Verlieren von München 2018?

Andernteils: „Scheitert Thronkandidat Bach, droht ihm national wie international die sportpolitische Verrentung. Eine deutsche Städtebewerbung könnte da wie eine Vitalkur wirken“ (Kistner 11.5.2013).
Und was sagt der Kaffeesatz? Seine Bewerbung sei „eher positiv“ für München, meinte Bach. – Dagegen Thomas Kistner: „Warum ein IOC-Präsident Bach für eine deutsche Bewerbung besser sein sollte, ist nicht erkennbar“ (Kistner 11.5.2013). – „In Bachs Interesse wäre sicherlich eher eine Bewerbung für Sommerspiele – zum Beispiel ein Berlin 2028 oder 2032. Denn die lösen größere Begeisterung bei der Bevölkerung aus – und Bach könnte mit dem Zuschlag für die Sommerspiele seine Amtszeit krönen“ (Sonnabend 9.5.2013).

Der Ex-Segler: Ng Ser Miang (*1949)
Sinpapur. Ex-Botschafter, Ex-Parlamentsangehöriger, Multimillionär. Begann mit Busunternehmen, leitet die größte Supermarktkette des Stadtstaates (SZ 8.6.2013). Seit 1998 IOC-Mitglied, Mitglied in diversen Evaluierungskommissionen, seit 2009 IOC-Vizepräsident. Hat olympische Erfahrungen – unter anderem mit den von Rogge eingeführten Olympischen Jugendspielen 2010 in Singapur. Laut Thomas Kistner ist die Schwachstelle des Kandidaten „die Herkunft aus einem straff geführten Stadtstaat“ (Kistner 18.5.2013).
Das ist eher ein Vorteil: Eine Grundvoraussetzung für das autoritäre IOC-Regiment ist natürlich, selbst in einer autoritären Staatsform zu leben.

Der Boxer: Wu Ching-kuo (*1946)
Taiwan. IOC-Mitglied seit 1988, seit 2006 Präsident des Welt-Boxverbandes AIBA und Nachfolger des berüchtigten Anwar Chowdhry , siehe Kritisches Olympisches Lexikon. Hat bis heute an seinem Vize, dem umstrittenen Usbeken Gafur Rachimov, festgehalten, den der Sydney Morning Herald als Drogenzar und Mafa-Boss in Zentralasien entlarvt hat. Wu Ching-kuo gilt als Außenseiter (Kistner 18.5.2013).

Der Banker: Richard Carrión (*1952)
Puerto Rico. Multimillionär. Ist seit 1990 IOC-Mitglied, im Exekutivkomitee, seit 2002 Direktor der IOC-Finanzkommission und Mitglied der IOC Marketing, TV and Internet Rights Commissions. Hat den Deal mit dem US-Fernsehsender NBC ausgehandelt – 4,382 Millionen US-Dollar für die Übertragung der Olympischen Spiele 2014 und 2016 (spiegelonline 22.5.2013; Münchner Merkur 10.5.2013). „
Der 60 Jahre alte Carrión, in seinem Hauptberuf Direktor und Verwaltungsratspräsident der Banco Popular in Puerto Rico, gilt als der oberste Banker des IOK. Er ist der Mann des Geldes. Und keine andere Sprache kennen seine Kollegen besser als jene des Geldes“ (Gehrmann 14.6.2013). Wenn er IOC-Präsident wird, müsste Carrión den gerade erhaltenen Sitz im Vorstand der amerikanischen Notenbank Federal Reserve aufgeben (SZ 15.5.2013).
Carrión hat „die Jagd auf Stimmen gleich mit einem unmoralischen Angebot eröffnet. Der Direktor der IOC-Finanzkommission will das Alterslimit von 70 „überprüfen“ und einen weiteren Sonderfonds zur Geldverteilung neben dem Entwicklungshilfeprogramm Olympic Solidarity einrichten“ (sueddeutsche.de 27.5.2013; Hervorhebung WZ).

Der Ruderer: Denis Oswald (*1947)
Schweiz. Rechtsprofessor, Ruderer mit Olympiateilnahme 1968, 1972 und 1976. seit 1978 Generalsekretär beim Weltruderverbandes FISA und seit 1989 FISA-Präsident. IOC-Mitglied seit 1991 und von 2000 bis 2012 im IOC-Exekutivkomitee. Oswald schloss 2010 einen umstrittenen Sponsoring-Vertrag mit Samsung ab: Der koreanische Konzern stand hinter der 2011 erfolgreichen Bewerbung für Olympische Winterspiele in Pyeongchang 2018 (Gewinner gegen München 2018).
Oswald erkundete bereits u. a., wie viele Stimmen er in Asien und Südamerika erhalten würde. „Oswald soll als Voraussetzung für eine Bewerbung die Zusicherung von 30 Stimmen der 135 IOK-Mitglieder genannt haben“ (Schmid 25.5.2013). „Auch Oswald hat sich der Modernisierung verschrieben. Es ist der sicherste Weg, nicht gewählt zu werden. Machtverschiebungen sind den Mächtigen zuwider“ (Winterfeldt 4.6.2013). Unter anderem deshalb gilt Oswald als Außenseiter. Er hätte auch neuer Wada-Chef werden können (Schmid 25.5.2013; Weinreich 31.5.2013a). Im Interview mit Thomas Kistner verteidigte er die UCI im Fall Lance Armstrong und sagte: „Die Wada entwickelt sich immer stärker zu einer Polizei, das Verhältnis zum Sport hat gelitten… aber schlussendlich hat die UCI nie einen positiven Fall von den Labors bekommen“ (Kistner 14.6.2013).
Die UCI hat eigenhändig jene Labors ausgewählt, die keine positiven Befunde lieferten.
Oswald präsentierte er auch Altbackenes:
Er lockt „seine potentiellen Wähler auch mit der Aussicht, die Alterslimite von 70 auf 75 Jahre zu erhöhen und den Besuch von Bewerber-Städten organisiert in Gruppen wieder zuzulassen. Die Alterslimite und das Besuchsverbot waren bei der Aufarbeitung des Bestechungsskandals um die Vergabe der Winterspiele nach Salt Lake City eingeführt worden“ (Gehrmann 14.6.2013).

Der Hochspringer: Sergej Bubka (*1963)
Ukraine. Ehemaliger Stabhochspringer, 1988 Goldmedaille in Seoul. Seit 2007 Vize-Präsident des Welt-Leichtathletikverbandes IAAF, IOC-Mitglied seit 2000. Multimillionär, seit 2004 Präsident der Kiewer Rodovid Bank. Von 2002 bis 2006 Abgeordneter für die „Partei der Regionen“ von Wiktor Janukowitsch. „Als Liebling der Oligarchen von Donezk hat er es später zum Multimillionär gebracht“ (Simeoni 3.6.2013).
Sein Privatvermögen wird auf umgerechnet 350 Millionen US-Dollar geschätzt (Wikipedia). Wie kann Bubka IOC-Präsident werden? Eher gar nicht. Die Ukraine ist nach der Fußball-EM 2012 sowieso am Rand der Zahlungsunfähigkeit. Und die ukrainischen Oligarchen kommen nicht für den Oligarchen Bubka auf.

Für Bubka gilt bezüglich der autoritären Staatsform ähnliches wie für Ng Ser Miang.

Wer spielt noch mit?
Was will der neue Sportzar Wladimir Putin? Der sich „nach der Akquirierung von Olympia 2014, Fußball-WM 2018 und Formel 1 immer stärker in die Fragen des Weltsports einschaltet“ (Aumüller 3.6.2013) und gerade zusammen mit Scheich Al-Sabah den Judo-Präsidenten Marius Vizer zum Chef von Sportaccord, dem Zusammenschluss von 107 Sport-Weltverbänden, befördern ließ (Weinreich 31.5.2013b,c).
Was wollen die neuen Sport-Oligarchen? Was wollen die Milliardäre und Industriellen aus China, Asien, Brasilien? Was wollen die Potentaten aus Bahrain, Katar? Die Diktatoren aus Weißrussland, Kasachstan, Aserbaidschan? Was wollen die Scheichs, Sultane und Emire von der arabischen Halbinsel?

Weiteres Spielmaterial vom IOC-Verschiebebahnhof
Tokyo, Istanbul und Madrid haben sich als Austragungsort für die Olympischen Sommerspiele 2020 beworben: „Bachs Freunde vom Persischen Golf wiederum wollen Istanbul für 2020 ausbooten. Sie favorisieren Madrid, damit Olympia dann 2024 oder 2028 in Arabien stattfinden kann“ (Weinreich 10.5.2013). Und wenn es Istanbul wird, sind die arabischen Freunde erst einmal draußen. Und wenn es Tokyo wird, sind dann die Europäer dran? Und wo bleiben die USA? Fragen über Fragen…
Auf der 4. Wada-Konferenz im November 2013 in Johannisburg wird ein Nachfolger für Wada-Präsident John Fahey gewählt. Das soll ein möglichst harmloser sein: „Die mitunter aufmüpfige Wada soll eine reine Serviceeinheit des Sports werden“ (Weinreich 31.5.2013).

Nachtrag Ende Juni 2013: „Anything but Bach“
IOC-Präsidentschaftswahl: Jens Weinreich konstatierte Ende Juni 2013, dass der Widerstand gegen die Kandidatur von Thomas Bach wächst. „Dabei schien es vor wenigen Monaten, als sei die Sache vorentschieden. Als sei Thomas Bach quasi konkurrenzlos. Viele Mitglieder befürchteten, sie hätten in Buenos Aires nur noch abzunicken. Manchen hat das nicht gefallen. Spätestens im Herbst 2012 begannen einige Mitglieder im Hintergrund an Alternativen zu arbeiten. Und nun, im Wahlsommer, geht ein Raunen um in der Szene. IOC-Mitglieder, Verbandspräsidenten, einflussreiche NOK-Vertreter, Spindoktoren und Lobbyisten flüstern sich grinsend und beinahe konspirativ ein Kürzel zu: ‚ABB‘. Zitieren lassen mochte sich bisher niemand. ABB – das Akronym steht für: Anyone But Bach. Alles außer Bach“ (Weinreich, Jens, Das konspirative Kürzel, in berliner-zeitung.de 25.6.2013). Auch die übergroße Nähe zum kuwaitischen „Königsmacher“ Scheich Ahmed Al-Sabah kommt nicht gut an: „Der Präsidentschaftskandidat Oswald hat kürzlich angemerkt, was der Scheich treibe, entspreche nicht seinem Demokratieverständnis. Al-Sabahs Parteinahme für Bach würde gegen mindestens drei Regeln verstoßen, die von der IOC-Ethikkommission für diesen Wahlkampf aufgestellt wurden“ (Ebenda).
IOC-Präsident Jacques Rogge soll selbst zwei  der sechs Kandidaten zur Kandidatur ermuntert haben. Und  die alte Hausmacht von Bach aus den Zeiten des damaligen IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch schwand langsam dahin: „39 der aktuell 100 IOC-Mitglieder wurden in Rogges Präsidentschaft aufgenommen“ (Ebenda).
Eingeleitet hat Bach die für ihn negative Entwicklung im Gefolge der krachenden Niederlage der Bewerbung München 2018 gegen Pyeongchang (25 zu 63 Stimmen): „Er soll nach jenen IOC-Mitgliedern gesucht haben, die ihm und München die Gefolgschaft verweigert hatten. Teilnehmer mancher Vieraugengespräche berichten irritiert von einer bislang nicht bekannten Schärfe des deutschen Vorzeige-Olympioniken… Kann er auf den Scheich bauen oder sucht dieser sich einen anderen Favoriten? Und schließlich: Verbünden sich seine Herausforderer, die sich im Übrigen blendend verstehen und schon über Bachs Unruhe amüsieren, und versprechen sich gegenseitig Unterstützung? Das wäre die größte Gefahr für Bach“ (Weinreich, Jens, „Jeder außer Bach“, in spiegelonline 4.7.2013).

Quellen:
Aumüller, Johannes, Von der Insel in den Machtkampf, in SZ 3.6.2013
Auch Bubka will im IOC hoch hinaus, in spiegelonline 18.5.2013
Auch Carrión will IOC-Präsident werden, in spiegelonline 22.5.2013
Bach bestätigt Kandidatur als IOC-Präsident, in Münchner Merkur 10.5.2013
Bubka tritt an, in SZ 29.5.2013
DOSB-Präsident Bach: „Ziele nicht erreichbar“, in zeitonline 13.5.2013

Gehrmann, Daniel, Die Sprache des Geldes, in nzz.ch14.6.2013
Hickmann, Christoph, Mehr Waffenexporte in die Golfstaaten, in SZ 22.2.2013
Hungermann, Jens, Ein wendiger Lobbyist auf dem Olymp, in welt.de 11.5.2013
Ide, Robert, Thomas Bach lässt die Maske fallen, in tagesspiegel.de 10.12.2012
IOC-Wahlkampf beginnt – Coe kämpft für Bach, in sueddeutsche.de 27.5.2013
Kistner, Thomas
– Blatters neuer Bruder, in SZ 6.5.2013
– Das Visier stets geschlossen, in SZ 10.5.2013a
– Schattenwelt aus Gefälligkeit und Eitelkeit, in sueddeutsche.de 10.5.2013b
– Mit Demut oder Scheich, in SZ 10.5.2013c
– Vitalkur oder Konflikt, in SZ 11.5.2013
– Rückkehr der alten Lager, in SZ 18.5.2013
– „Wir sind nicht beim Eurovision Song Contest“, in SZ 14.6.2013
Konkurrenz für Bach, in SZ 15.5.2013
Olympia: Kuwaiter Al-Sabah neuer ANOC-Präsident, in kurier.at 13.4.2012
Pausch, Simon, IOC-Boss? Machtmensch Bach will ganz nach oben, in welt.de 9.5.2013
Schamasch kandidiert, in SZ 25.5.2013
Schmid, Andreas, Denis Oswald will IOK präsidieren, in nzz.ch 25.5.2013
Sechs Kandidaten für die Rogge-Nachfolge, in SZ 8.6.2013
Simeoni, Evi, Kronprinzen auf Stimmenjagd, in faz.net 3.6.2013
Sogl, Reinhard, “Dann kommt endlich ein neuer Mann”, in berliner-zeitung.de 28.5.2013
Sonnabend, Lisa, Wie Thomas Bach München die Spiele vermiest, in sueddeutsche.de 9.5.2013
Sportpolitik – Olympia: Bachs IOC-Pläne und die Auswirkungen für den deutschen Sport, in sueddeutsche.de 10.5.2013
Teuffel, Friedrich, Vom Diener zum Herrn, in tagesspiegel.de 11.5.2013
Vierter Kandidat, in SZ 24.5.2013
Weinreich, Jens
– Macht, Moneten, Medaillen, in spiegelonline 10.5.2013
– Bach will an die IOC-Spitze, in berliner-zeitung.de 10.5.2013
IOC-Präsident: Gerangel um den olympischen Thron; in badische-zeitung.de 31.5.2013a
– Wer regiert den Weltsport? Teil 1: Wladimir Putin, Marius Vizer und Scheich Ahmad Al-Sabah, Blog, 31.5.2013b
– Putins Judo-Kumpel attackiert Olympia, in spiegelonline 31.5.2013c
– Propaganda vom Sportpapst, in berliner-zeitung.de 10.6.2013
Wikipedia
Winterfeldt, Jörg, Feinde der Moderne, in berliner-zeitung.de 4.6.2013
Wu möchte Bach Konkurrenz machen, in spiegelonline 17.5.2013
www.olympic.org