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Die Reihen fast geschlossen

Dopingpolitik à la DOSB
12.12.2012, ergänzt am 8.6.2013
Die Opposition
Im Herbst 2012 schien es langsam eng zu werden für die DOSB-Spitze um DOSB-Präsident Bach und DOSB-Generaldirektor Vesper, die beim Problemfall Doping alles beim Alten lassen wollen.

– Die Deutsche Sporthilfe sprach sich Anfang Dezember 2012 für eine deutlich verschärfte Anti-Doping-Gesetzgebung aus. Der Vorstandsvorsitzende Michael Ilgner äußerte: “Der deutsche Sport braucht in der Dopingbekämpfung die Unterstützung der Gesetzgebung” (Catuogno 6.12.2012).
– „Der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) und Europameister Timo Boll fordern vom deutschen Gesetzgeber ein härteres Anti-Doping-Gesetz” (Boll gegen Bach, in SZ 5.12.2012; Hervorhebung WZ). Timo Boll äußerte: “Doping ist Kriminalität, und deswegen kann es für alle sauberen Sportler nur gut sein, wenn der Sport durch harte Strafgesetze des Staates unterstützt wird” (Ebenda). Wenn keine Verschärfung erfolgt, erwartet DTTB-Präsident Thomas Weikert erst recht Probleme: “Ein Sport, der um seine Integrität nicht mit allen Mitteln kämpft und so auch seine Reputation verliert, wird eines Tages auch die Unterstützung von Öffentlichkeit, Politik und Wirtschaft verlieren. Der deutsche Sport muss jetzt ein Signal aussenden und massivere staatliche Unterstützung anfordern” (Ebenda).
– Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) wollte bei der Mitgliederversammlung des DOSB am 8.12.2012 in Stuttgart “eine Erhöhung der Strafen für Dopingverstöße, die Einführung einer Kronzeugenregelung sowie die uneingeschränkte Strafbarkeit des Besitzes von Dopingmitteln beantragen” (Catuogno 6.12.2012). Der DTTB unterstützt diese Initiative.

DOSB-Hardliner
“Die DOSB-Führung hingegen will derlei Verschärfungen um jeden Preis verhindern – DOSB und das für den Spitzensport zuständige Bundesinnenministerium (BMI) behaupten, die bestehenden Regelungen seien im Wesentlichen ausreichend” (Ebenda).
DOSB-Präsident Bach spricht bei drohender Verschärfung der Dopinggesetze gern von der “Kriminalisierung der Athleten”. Zum DLV-Antrag meinte Bach: „Der DOSB ist bereit, über alles zu reden, um den Dopingkampf zu verschärfen. Über alles, was die Arbeitsteilung von Sport und Staat nicht gefährdet“ (Schirmer 7.12.2012).
“Stramm an Bachs Seite wacht indes der stille Favorit auf dessen Nachfolge: General Vesper…” (Kistner 7.12.2012). Vesper hatte bereits im November vor dem Sportausschuss gesagt: „Der DOSB unterstützt die Bundesregerung auch in der Ablehnung des Vorschlags, den Besitz von Dopingmitteln bereits in geringen Mengen unter Strafe zu stellen, also das Erfordernis einer ’nicht geringen Menge‘ aufzuheben“ (DOSB 29.11.2012).
Vesper meinte dann im Vorfeld der Versammlung zum Thema Dopingverschärfung: „Da ist wirklich Musik drin. Es ängstigt mich nicht, eine lebendige Debatte zu führen“ (Schirmer 7.12.2012).
Weil Vesper schon vorher wusste, was herauskommen würde.
Vesper verstieg sich in seiner Argumentation zu der Aussage, eine strafrechtliche Verschärfung würde “lebenspraktisch die sportrechtlichen Verfahren erschweren” (Hungermann 7.12.2012). – „In einem Punkt liegt der DLV falsch: Eigendoping in die Sphäre staatlicher Strafverfolgung ziehen zu wollen. Das wäre ein Bärendienst, durch den die Dopingbekämpfung nicht effetiver würde“ (Schirmer 7.12.2012).
Und Vesper zog hinter den Kulissen die Strippen. “Nach ‘Welt’-Informationen hat der frühere Berufspolitiker Vesper in den vergangenen Tagen nicht nur ein Mal nachgefragt, ob der DLV nicht bereit wäre, seinen Antrag zurückzuziehen” (Ebenda; Hervorhebung WZ).
Ebenfalls tätig wurde auf der DOSB-Versammlung der Erlanger Jurist Matthias Jahn, der beim Zustandekommen der Dopinggesetze beteiligt war und vehement die strikte Linie Bach-Vesper verfolgte.
Vergleiche hierzu: Der Dopingexperte des DOSB
Nach allem verwundert es nicht, dass die DOSB-Spitze dann einen eigenen Antrag in Stuttgart präsentierte, der minimale Änderungen im Arzneimittelgesetz beinhaltet wie “die Einführung zusätzlicher Tathandlungen (…), nämlich des Erwerbs, Verbringens und Handeltreibens von Dopingmitteln in nicht geringer Menge” (DOSB-PM 6.12.2012; Hervorhebung WZ).
Nicht geringe Mengen (wieviel ist dies?) sollen verboten sein. Geringe Mengen (wieviel ist dies?) sollen explizit erlaubt bleiben.
Da das “In-Verkehr-Bringen von Dopingmitteln” schon jetzt generell verboten ist, wäre der DOSB-Entwurf sogar eine Aufweichung des Istzustandes gewesen. „Freitagnachmittag änderte der DOSB die Passage im Sinne einer milden Verschärfung” (Kistner 8.12.2012).
Thomas Kistner kommentierte in der SZ: “Während selbst Österreich ein Anti-Doping-Gesetz hat, gibt es hierzulande eine Art Dopingermunterung, versteckt im Arzneimittelgesetz, das etwa regelt, dass ein Athlet erst strafbar wird, wenn sein Besitz an Wachstumshormonen das Jahresquantum einer Sprintstaffel übersteigt” (Kistner 5.12.2012).

Krachender Erfolg für Bach/Vesper
Die Staatsanwältin Katja Mühlbauer war drei Jahre leitende Ermittlerin der Münchner Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping. Sie hielt bei der DOSB-Mitgliederversammlung in Stuttgart am 8.12.2012 im Auftrag des DLV einen kurzen Vortrag über ihre Erfahrungen. „Ihre Kernaussage sozusagen von der Basis: Mit der geltenden Gesetzeslage kommt man in verschwiegene Dopingkartelle des Spitzensports nicht herein, weil unter anderem Telefonüberwachung, Hausdurchsuchungen und ähnliches nicht zugelassen sind bei Athleten, die zwar dopen, aber zu wenig Stoff in der Tasche haben, um ins Visier zu rücken“ (Hecker 8.12.2012).

Mühlbauer: „Wir müssen wie im Betäubungsrecht auch im Gesamtkontext gegen alle an diesen Dopingmittelgeschäften, an diesen Dopingtaten beteiligten Personen vorgehen. Wir müssen gegen die Händler vorgehen, gegen die Zwischenhändler, gegen die Kuriere, die Untergrundlaborbetreiber, aber eben auch gegen die Abnehmer – die Basis, die letztendlich ja auch der Grund für die Nachfrage ist. Wie soll ein Staatsanwalt die Namen der Hintermänner aufdecken, die Vertriebswege aufdecken, die Netzwerke zerschlagen, wenn ihm schon ganz unten in dieser Pyramide die Hände gebunden sind?“ (Kempe 9.12.2012).
Mühlbauer schloss mit der Frage: „Wollen Sie den Status quo erhalten? Oder aus den Erfahrungen lernen und verbessern, was zu verbessern ist? Die Mitgliederversammlung hat die Frage dann eindeutig beantwortet: Wir wollen nicht aus den Erfahrungen lernen und nicht verbessern, was zu verbessern ist“ (Hahn 10.12.2012b).

DOSB-Vizepräsidentin Christa Thiel bemühte ausgerechnet den Fall Lance Armstrong für die These, dass es nicht der Staat war, der diesen zur Strecke brachte, sondern die amerikanische Anti-Doping-Agentur USADA.

Anno Hecker schrieb zur Behauptung Thiels: „Was die Funktionärin aber nicht sagte oder nicht zu sagen wusste: Das ganze Strukturwissen der USADA wurde von der Staatsanwaltschaft freigelegt… Die USADA wusste, was in den Akten stand, und schließlich saß einer der staatlichen Ermittler bei den Vernehmungen des Sports mit im Raum“ (Hecker 8.12.2012). Und Robert Kempe kommentierte: „Dass die Staatsanwaltschaft aber nicht wegen Dopings gegen Armstrong ermittelte, sondern wegen des Verdachts auf Betrug, erwähnt der DOSB nicht. Ebenso nicht, dass USADA-Chef Travis Tygart Kontakt zu den Ermittlern hatte und gut informiert über deren Vorgehen war“ (Kempe 9.12.2012).

Thiel warb für den DOSB-Antrag mit dem Hinweis: „Die Sportgerichtsbarkeit ist schnell und präzise, sie würde hinter die Strafgerichtsbarkeit zurückgedrängt“ (Hecker 8.12.2012).
Das hat man spätestens nach der Entscheidung des „Deutschen Sportschiedsgerichtes“ zum Erfurter Blutdoping gesehen, wo ein einziger Anwalt entscheiden konnte, dass im Rahmen der Sportgerichtsbarkeit alles in Ordnung war.

Vergleiche: Erfurter Blutdoping und GleissLutz

459 stimmberechtigte Delegierte gab es auf der DOSB-Mitgliederversammlung. Davon stimmten dann gerade einmal 25 für den DLV-Antrag.
Wie viele Gespräche, Telefonate, Emails von der DOSB-Spitze wohl nötig waren, um die Sportfunktionäre hinter sich zu versammeln?

Der DOSB-Weichspül-Antrag wurde dagegen mit neun Enthaltungen ohne Gegenstimme angenommen. Und sogar einstimmig wurde die großartige Beschlussvorlage angenommen: „Die Führungsverantwortung des DOSB gegenüber den Partnern ist zu stärken“ (Hahn 10.12.2012).
Die Bach-Vesper-Linie hat sich voll durchgesetzt. Wieso spielen die Sportfunktionäre, die Sportverbände und das Bundesministerium des Innern dieses peinliche Spiel mit?

Kommentare
Arno Hecker, Frankfurter Allgemeine: „Damit bleiben die Verhältnisse der vergangenen sechs Jahre betoniert: Der organisierte Sport will seine unsauberen Pappenheimer selbst fangen. Den Doper bewahrt er vor dem Zugriff des Staatsanwaltes… Vor sechs Jahren entschied sich der DOSB schon einmal gegen die Besitzstrafbarkeit. Seither  weiß man zu genau, dass schlaue Doper Kontrollsystemen  gut entkommen. Von den rund 7800 Trainingskontrollen 2011 waren vier positiv“ (Hecker 8.12.2012).

DLV-Präsident Clemens Prokop, im Hauptberuf Direktor des Regensburger Amtsgerichtes, nannte ein Beispiel: „Wenn ein Athlet vier Tabletten momentan besitzt, dann wird er sportgerichtlich zwei Jahre gesperrt und daneben läuft das Strafverfahren… und dann kann ich nicht nachvollziehen, dass dieses Problem plötzlich entstehen sollte, wenn dieser Athlet statt vier Tabletten nur zwei Tabletten besitzt“ (Kempe 9.12.2012).

Thomas Hahn in der SZ: „Der DOSB unter Thomas Bach ist ein eher träger Dampfer, der vor allem dann ungern de Kurs wechselt, wenn es um seine Macht geht“ (Hahn 10.12.2012b).

Thomas Hahn in der SZ: „Der DOSB sagt, er verfolge eine Null-Toleranz-Politik gegen Doping. Wenn man bedenkt, wie  wenig ihm einfällt, um die Probleme der Nada zu lösen, und wie vehement er sich gegen ein scharfes Anti-Doping-Gesetz wehrt, muss an sagen: Das stimmt nicht“ (Hahn 10.12.2012a).

Jens Weinreich in der taz: “ Tatsächlich dominiert in Deutschland die Kultur des Duldens und Schweigens. Die Einheitspartei des Sports, Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB) genannt, wird von ihrem Präsidenten, dem Industrielobbyisten Thomas Bach (FDP), und vom Generalsekretär, dem Grünen Michael Vesper, mit harter Hand geführt. Der DOSB und das für die Spitzensportförderung zuständige Bundesinnenministerium (BMI) müssen Transparenz und Kontrolle kaum fürchten… Dieser sportpolitische Komplex aus DOSB, BMI und Sportausschuss verhindert seit langem ein Gesetz gegen Doping und Korruption im Sport“ (Weinreich 17.12.2012).
Von daher kann man umformulieren: Der DOSB verfolgt eine Null-Toleranz-Politik gegen Doping-Verhinderung.

Das System funktioniert mit Sanktionen
Ein paar Mutige probierten den Aufstand. Aber Anpassler und Einschmeichler, ein Hühnerhaufen von Jasagern und Adepten, ließen ihre Kollegen allein. So war sechs Jahre nach 2006 auch dieser zweite Versuch, Doping zu reglementieren, zum Scheitern verurteilt. Der Gründe gibt es viele. Vermutlich der wichtigste:

Die Sanktionierungsmeister DOSB-Präsident Bach und DOSB-Generaldirektor Vesper verteilen die Gelder vom Bundesministerium des Inneren (für 2013 zunächst 132, die dann im Dezember 2012 vom Haushaltsausschuss auf 135 Millionen Euro erhöht wurden) in quasi relativer Freihändigkeit. Vermutlich ist es so: Der Sportfunktionär, der sich in Stuttgart als Befürworter einer strengeren Regelung geoutet hätte, würde bei der Finanzierung seiner Aktivitäten wohl finanzielle Probleme bekommen.
Die Sport-Machthaber Bach und Vesper hatten vor dem Stuttgarter Treffen alles getan, damit der Besitz von geringen Mengen an Dopingmitteln straffrei bleiben konnte. Bei der Angst der DOSB-Spitze vor einer wirksamen und funktionsfähigen Dopingkontrolle kann man sich lebhaft vorstellen, wie es in der Realität wirklich aussieht. Und das Bundesministerium des Innern finanziert diese Vorgehensweise mit Millionen Euro. Genauso wie die Öffentlich-Rechtlichen Fernsehsender, die für Senderechte von Sportevents Millionenbeträge an Gebührengeldern entrichten und diese verschobenen Wettkämpfe Hunderte von Stunden übertragen.

Man kann sich außerdem vorstellen, welch fatale Konsequenzen auf den Weltsport zukämen, sollte der Doping-Regulierungsabwiegler Bach im September 2013 IOC-Präsident werden. Und welche für den deutschen Sport, sollte General Vesper DOSB-Präsident werden. Eine Traumkombination.

Und noch einen drauf
Mit dem Abwehren einer strengeren Doping-Kontrolle war der DOSB-Präsident aber noch nicht ausgelastet. Bach setzte in Stuttgart noch einen drauf. „Der deutsche Sport verfehlt laut Thomas Bach bei Olympia 2016 in Rio de Janeiro sein gesetztes Ziel, wenn er binnen der nächsten Jahre nicht um zusätzliche 25 Millionen Euro mehr an Förderung erhält. Dieser Betrag sei ‚eher bescheiden’ formuliert, betonte der Präsident des DOSB am Samstag bei der Mitgliederversammlung in Stuttgart“ (zeitonline 8.12.2012).
Man könnte das schlicht Erpressung nennen.

Die DOSB-Vizepräsidentin Christa Thiel, Präsidentin des deutschen Schwimmverbandes (und aufgrund mäßiger Erfolge gerade sehr bescheiden – ohne Gegenkandidat – in ihrem Amt bestätigt, sieht den Millionen-Mehrbedarf „vor allem deswegen, weil neue Sportarten im olympischen Programm stehen“ (Ebenda).
Ganz einfach: IOC-Chef Rogge und seine internationalen Sportverbände denken sich laufend neue Sportarten aus, deren Austragung den olympischen Bewerbern weitere Millionen kosten. Die Nationalen Olympischen Komitees bzw. der DOSB verlangen dann vom Staat für dieses Zusatzprogramm noch mehr Geld. Der Steuerzahler bezahlt Brot und Spiele. Z.B. in Deutschland zwischen 2013 und 2016 regulär 540 Millionen Euro – für Spitzensport, nicht für Breitensport, und ohne die Kosten für die Sportsoldaten bei Zoll, Heer, Polizei!

Gleichzeitig mit dieser Forderung (siehe oben) lehnten es die DOSB-Delegierten bei nur elf Ja-Stimmen ab, ein zu erwartendes Defizit bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) mit 500.000 Euro zu übernehmen (Ebenda).
Das passt alles perfekt ins Bild: eine Verschärfung der Dopingkontrollen ablehnen, mehr Millionen fordern, ein Minus der Nada ablehnen.

Fazit
– Der deutsche Sport ist inzwischen mit überwiegender Billigung der deutschen Sportfunktionäre ein „Bach-Vesper-DOSB“.
– Die Medaillenziele des DOSB für London 2012 wurden erst nach Gerichtsverfahren herausgerückt (siehe: Deutscher Olympischer Geheimbund).
-Einen „eher bescheidenen“ Betrag von zusätzlich 25 Millionen Euro zu fordern ist eine Unverfrorenheit angesichts der ökonomischen, sozialen und ökologischen Probleme in Deutschland. Das Wort Bescheidenheit sollte Herr Bach besser nicht im Mund führen: Denn Bescheidenheit ist eine Tugend.
Jens Weinreich stellte nach der DOSB-Tagung fest: „Hat Deutschland jemals eine bahnbrechende Initiative zur Dopingbekämpfung durchgesetzt? Wurden Sportverbände, die gegen sogenannte Antidopingrichtlinien verstießen, wirkungsvoll mit dem Entzug von staatlichen Fördermitteln bestraft? Hat dieses Land wenigstens eine unabhängige Antidopingagentur, die finanziell gut ausgestattet wäre und auf der Höhe der Zeit agiert? Und schließlich: Hat Deutschland ein knallhartes Antidopinggesetz, das alle Möglichkeiten ausloten und eine klare Botschaft ans kriminelle Milieu senden würde?
Sämtliche Fragen sind mit einem deutlichen Nein zu beantworten. Die Mär von der konsequenten Dopingbekämpfung ist die Lebenslüge des organisierten deutschen Sports“ (Weinreich 17.2.2012).

Internationale Sportpolitik
Der Bach-Vesper-DOSB verfolgt nur die Linie, die vom IOC und den Internationalen Sportverbänden präzisiert worden ist:
– Sport ist grundsätzlich autonom.
– Sport soll keiner Justiz außer der eigenen Sportgerichtsbarkeit unterworfen sein.
– Der Sport bestimmt auch die Handhabung seiner Dopingregelung selbst.
– Sport unterliegt nicht den staatlichen Reglementierungen, die für alle anderen gelten.
– Sport bedient sich im Gegenzug mit Geld vom Staat bzw. von den Steuerzahlern – und fordert immer mehr.
– Sport lässt sich die Übertragungsrechte bei den Öffentlich-Rechtlichen Sendern teuer bezahlen –  in Deutschland wiederum von Öffentlichen Gebührengelder.
– Der Staat hat dem Sport diese Gelder mehr oder weniger unaufgefordert und ohne Bedingungen zur Verfügung zu stellen.
Augenscheinlich funktioniert das Verhältnis Politik und Sport reibungslos: zumindest in Deutschland zwischen Bundesministerium des Innern und dem DOSB-Sport.

Und der Bundesinnenminister?
Hans-Peter Friedrich im Interview (Alle Zitate: Horeni, Reinsch 17.12.2012; Hervorhebung WZ):
„Nicht alles im Sport ist öffentliche Aufgabe, wir haben in Deutschland keinen Staatssport„.
Damit gleich zu den Sportsoldaten: „Neben der Bundeswehr unterstützen auch die Bundespolizei und der Zoll unsere deutschen Sportler in großem Umfang. Sie können rechnen, dass wir fast genauso viel  wie für die direkte Spitzensportförderung… (faznet: 130 Millionen Euro) für die Spitzensportförderung unserer Beamten auf den Tisch legen. Da kommen wir summasummarum auf rund 250 Millionen pro Jahr.“
Ob die Demaskierung des Dopers Lance Armstrong in Deutschland möglich wäre? „Grundsätzlich schon – und zwar mit den Möglichkeiten, die wir bereits haben. Dafür braucht man keine neuen Gesetze. Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass man konsequentes Vorgehen durch Strafverschärfung ersetzen kann.“
Hans-Peter Friedrich: His Masters DOSB Voice…

Nachtrag1 : Vesper interpretiert
Vesper im Interview am 18.12.2012: „Auch in Deutschland können und sollen Sportler vor dem Kadi landen, die Dopingmittel in größeren Mengen besitzen oder vertreiben, denn selbstverständlich muss Handeltreiben mit härtesten Maßnahmen verfolgt werden“ (Drepper 18.12.2012; Hervorhebung WZ).
Kleinere Mengen sind also in Ordnung, siehe oben.
Der Doping-Fachmann Vesper weiter: „Wir brauchen für einen effektiven Anti-Doping-Kampf flächendeckend Schwerpunktstaatsanwaltschaften, die sich auskennen und die den Besitz einer geringen Menge von Dopingmitteln als hinreichenden Anfangsverdacht für Straftaten werten“ (Ebenda; Hervorhebung WZ).
Nun sollen plötzlich Staatsanwälte bei kleineren Mengen ermitteln.
Interviewfrage: „Die Münchner Staatsanwältin Mühlbauer wünscht sich, dass auch bei geringen Mengen ermittelt werden darf.“
Antwort Vesper: „Andere raten sehr nachhaltig davon ab…“ (Ebenda),
Vielleicht sollte Vesper erst einmal für sich ins Reine kommen, was er eigentlich meint. Für einen hochbezahlten Sport-Spitzenfunktionär ist dieses Herumeiern ein Armutszeugnis. Natürlich will die DOSB-Spitze kleine Mengen NICHT unter Strafe stellen.

Nachtrag 2: Konkreter Dopingfall
„Frederik Zierke war einer der besten deutschen Amateur-Mountainbiker, er starb nach der Einnahme von Epo. Die Polizei hat in seiner Wohnung zahlreiche Dopingmittel gefunden, einen Tag später wurden die Ermttlungen eingestellt. Nun räumt die Staatsanwaltschaft gegenüber dem SPIEGEL Fehler ein“ (spiegelonline 16.12.2012).
Der 44-jährige hatte sich am 10.9.2012 Neorecormon gespritzt, ein Epo-Präparat. „In seiner Leutkicher Wohnung beschlagnahmte die Kriminalpolizei Ravensburg neben dem Epo-Präparat (…) das Anabolikum Winstrol, Testosteronampullen, das Herzmittel Corotrop sowie Caniphedrin, ein Präparat aus der Tiermedizin“ (Ebenda).
Das weitere Interesse an der Aufklärung der Hintergründe war äußerst mäßig. Die Kripo-Beamten transportierten drei Kisten voller Medikamente aus der Wohnung. Den Computer und das Mobiltelefon Zierkes mit möglichen Hinweisen auf Hintermänner beschlagnahmten sie nicht. „Ein krasses Versäumnis. Wie der SPIEGEL erfuhr, hatte Zierke viele seiner Dopingmittel per Skype, Mail oder SMS bestellt… Zierkes Facebook-Account verschwand bereits wenige Tage nach seinem Tod. Kurz darauf öffnete ein Unbekannter Zierkes privates Mail-Account. Auch auf seinem Mobiltelefon finden sich nach Auskunft eines Freundes keine Kurznachrichten mehr… Im Umfeld des Dopers müssen nach Zierkes jähem Tod eine Menge Leute ziemlich nervös geworden sein“ (Hacke u.a. 17.12.2012).
Die Staatsanwaltschaft Ravensburg konstatierte „Verdacht auf Medikamentenmißbrauch“ und stellte das Verfahren am nächsten Tag ein. Der Verstorbene wurde kurz danach eingeäschert. Die Freiburger Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping wurde nicht verständigt. Der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Heister: „Ich will gar nicht erst nach einer Ausrede suchen, das ist ein klares Versäumnis meinerseits. Ich hätte die Freiburger Kollegen informieren müssen“ (spiegelonline 16.12.2012). – „Überhaupt stellt sich die Frage, wie viele verdächtige Medikamente einem Leitenden Oberstaatsanwalt noch in die Hände fallen müssen, ehe er seine Ermittlungen auf ein Dopingdelikt ausweitet“ (Hacke u.a. 17.12.2012). „Der Ravensburger Behördenchef Heister musste Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) am Montag seine Unterlassungen in dem Dopingfall bei einem persönlichen Treffen erläutern“ (Der Spiegel 22.12.2012). Für die Vorsitzende des Sportausschusses, Dagmar Freitag (SPD), stehen die laxen Ermittlungen „stellvertretend für das Desinteresse deutscher Staatsanwaltschaften an der Aufklärung von Dopingdelikten“; deshalb sei ein eigenständiges Anti-Doping-Gesetz nötig, sodass jeder Dopingfall ein Offizialdelikt wird und die Staatsanwälte ermitteln müssten (Ebenda).
Dem Sportwissenschaftler Mischa Kläber zufolge ist „die Vehemenz der Mißbrauchspraktiken im Breitensport durchaus vergleichbar mit der im Hochleistungssport“ (Hacke u.a. 51/17.12.2012).
Soweit hat der Spitzensport den Breitensport gebracht: Auch Amateure dopen, und wie beim Sp(r)itzensport wird auch bei den Amateuren nichts dagegen unternommen, selbst bei einem Todesfall.

Nachtrag 3: Ein weiteres Beispiel für die Sport-Demokratur

Am 8.12.2012 stimmte die Mitgliederversammlung des DOSB in Berlin über den Antrag des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) ab, das Anti-Doping-Gesetz zu verschärfen. Zwei Delegierte des Bayerischen Landessportverbandes (BLSV), Karl Rauh und Rainer Riedel, wollten dem DLV-Antrag zustimmen. “Bei unserer Rückkehr auf unsere Plätze waren die Kuverts geöffnet, die Stimmkarten nun an Herrn Kern und Herrn Mayr verteilt” (Hahn, Thomas, Plötzlich waren die Kuverts geöffnet, in SZ 6.6.2013). Und die beiden unlegitimierten Neuwähler stimmten für den DOSB-Antrag. BLSV-Präsident Günther Lommer, stramm auf der Bach-Vesper-DOSB-Linie, begründete den Stimmkartenklau so: “Ich erwarte von meinem Leuten schon, mich zu unterstützen” (Ebenda).
Bemerkenswert das Demokratieverständnis des Herrn Präsidenten Lommer: Er merkt nicht einmal, was er da anstellt.
Rauh, der langjährige Präsident des BLSV, trat daraufhin am 5.6.2013 als BLSV-Vizepräsident zurück: “… der Fall gibt ein Beispiel dafür, wie leichtfertig in der Sportpolitik bisweilen mit demokratischen Grundrechten umgegangen wird” (Ebenda).
Wie oft wohl so etwas am 8.12.2012 geschehen ist? Und wie oft geschieht so etwas überhaupt in der DOSB-Sportdemokratur?
Sport-Demokrat Lommer will auch tatkräftig mit seinem Apparat BLSV München 2022 unterstützen:, wie er auf dem BLSV-Verbandstag am 7.6.2013 ankündigte “Wir dürfen das Feld nicht wieder jenen überlassen, die Verhinderer sein wollen” (Bayerischer Sport unterstützt Olympia-Bemühungen wortgewaltig, in bild.de 7.6.2013).

Vergleiche auch im Kritischen Olympischen Lexikon: Bach, Thomas; Doping; Vesper, Michael

Quellen:
Bach befürchtet Leistungsknick in Rio, in zeitonline 8.12.2012
Boll gegen Bach, in SZ 5.12.2012
Catuogno, Claudio, Ruf nach neuen Gesetzen, in SZ 6.12.2012
DOSB bezieht Stellung zur gesetzlichen Drogenbekämpfung im Sport, DOSB-PM 29.11.2012
DOSB-Präsidium mit eigenem Antrag zum Anti-Dopingkampf, PM 6.12.2012
Drepper, Daniel, Interview mit Michael Vesper: „Zielvereinbarungen werden öffentlich“, in www.derwesten-recherche.org 18.12.2012
Hacke, Detlef, Ludwig, Udo, Pfeiffer, Frieder, Wulzinger, Michael, Der Tote von Leutkirch, in Der Spiegel 51/17.12.2012
Hahn, Thomas
– Der Staat muss draußen bleiben, in SZ 10.12.2012a
– 25 von 459, in SZ 10.12.2012b
Hecker, Anno, Ein stumpfes Schwert, in faz.net 8.12.2012
Horeni, Michael, Reinsch, Michael, „Sportlicher Erfolg ist nicht nur eine Frage des Geldes“, in faz.net 17.12.2012
Hungermann, Jens, Heikle Fragen im Kampf gegen Doping, in welt.de 7.12.2012
Kempe, Robert, Allein auf weiter Flur, in dradio.de 9.12.2012
Kistner, Thomas
– Weg vom Medaillen-Kult, in SZ 5.12.2012
– Aufruhr zur Unzeit, in SZ 7.12.2012
– Parade der Verhinderer, in SZ 8.12.2012
Rüffel für Ermittler, in Der Spiegel 52/22.12.2012
Schirmer, Andreas, Doping das Reizthema auf der DOSB-Versammlung, in nwzonline.de 7.12.2012
Tödliche Dopingspritze, in spiegelonline 16.12.2012
Weinreich, Jens, Die Lebenslüge des Sports, in taz.de 17.12.2012