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Deutscher Olympischer Geheimbund (DOGB)

7.8.2012, aktualisiert 15.10.2012

Journalisten lüften Geheimnisse
Wieder einmal blieben Journalisten am Sportgeschehen dran – und gewannen. Jean-Francois Tanda von der Schweizer Handelszeitung musste bis zum Schweizer Bundesgericht gehen, um am 3.7.2012 die Veröffentlichung der „Einstellungsverfügung“ zu erreichen, in welcher die Fifa-Korruptionsvorgänge detailliert beschrieben wurden (Vergleiche: Sportfreunde Blatter). Diesmal erreichte Daniel Drepper von der WAZ am 1.8.2012 ein Urteil vor dem Verwaltungsgericht Berlin, dass die Sportpolitiker die mit den Sportverbänden vereinbarten Medaillenziele offenzulegen haben. Das Bundesministerium des Innern (BMI) und der DOSB hatten bislang auf strikter Geheimhaltung bestanden.
„Grundsätzlich entlarvt wird das bizarre Transparenz-Verständnis im nationalen Sport durch dessen Behauptung, mangelndes Verständnis der Sportförderung könne zu falscher Berichterstattung führen, daher behalte man die Daten für sich“ (Kistner 3.8.2012).

Bis zum Schluss wurden die Journalisten von BMI und DOSB getäuscht. Bei einem Treffen am 20.7.2012 forderte der Abteilungsleiter Sport des BMI sie auf, den Antrag auf Akteneinsicht nach dem Informationsfreiheitsgesetz fallen lassen: Dafür versprach er, „mehrere Mitarbeiter für mehrere Tage“ abzustellen, weil die gewünschten Informationen so viel Arbeit machen würden. Am 22.7.2012 ging aber bei MdB Martin Gerster die Antwort des BMI auf seine Kleine Anfrage bezüglich der Verteilung der Fördermittel des BMI ein: mit der gesamten Mittelverteilung an alle Verbände! (Drepper, Schenck 24.7.2012b).
Getrickst wurde auch bei den Gerichtskosten: „Das Innenministerium splittete unseren Antrag auf mittlerweile 68 Anträge auf und trieb so die Kosten in die Höhe“ (Ebenda). Gleichzeitig „machte der DOSB gegen uns mobil. Er bestellte die Vertreter mehrerer Verbände ins Innenministerium und schwor diese darauf ein, dass nichts nach außen dringen dürfe. Die Verbände dürften sich nicht auseinanderdividieren lassen, sagte Generaldirektor Michael Vesper laut Teilnehmern der Runde, sie sollten bitte keine Informationen an uns weitergeben. Omerta!“ (Ebenda).
Die FAZ hatte Anfang 2010 recherchiert, dass ein Vier-Jahres-Zyklus zur Förderung des Spitzensports den deutschen Steuerzahler etwa 850 Millionen Euro kostet: 500 Millionen Euro Fördersumme überweist das Bundesministerium des Innern (BMI) an den DOSB; 142 Millionen Euro kosten die Sportsoldaten bei Heer, Bundespolizei und Zoll; elf bis zwölf Millionen Euro trägt die Deutsche Sporthilfe jährlich bei; 160 Millionen Euro trägt wiederum das BMI für Sportbauten, dazu kommen noch 600 Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket für Sportstätten plus die nicht genau bekannte Summe für Sportausgaben von Bundesländern und Gemeinden, die auf zwei Milliarden Euro geschätzt werden. Reinsch und Horeni beenden bei 846 Millionen Euro die Rechnung: Damit kostete jede der 16 Goldmedaillen von Peking 2008 und 11 von Turin 2006 etwa 31 Millionen Euro (Reinsch, Horeni 29.1.2010).

Das Urteil
In der Verwaltungsstreitsache Daniel Drepper gegen die Bundesrepublik Deutschland, beigeladen DOSB, wurde am 31.7.2012 beschlossen, dass die Beklagten umfangreiche Auskünfte zu den Zielvereinbarungen zu leisten haben, u. a. wie viele Goldmedaillen bzw. Medaillen insgesamt von den jeweiligen Sportverbänden gewonnen werden müssen, welcher Platz in der Nationenwertung und welcher Platz in der Medaillenwertung belegt werden muss.

Laut Berliner Pressegesetz  sind Behörden verpflichtet, „den Vertretern der Presse… zur Erfüllung ihrer öffentlichen Aufgabe Auskünfte zu erteilen“ (Verwaltungsgericht Berlin, S. 3). Der Antragsteller möchte Informationen erhalten  „in einer Angelegenheit, an der die Öffentlichkeit Anteil nimmt, nämlich der Förderung des deutschen Spitzensports mit Steuermitteln“ (S. 4).

Die Antragsgegnerin ist „nicht berechtigt, die erbetenen Auskünfte … zu verweigern“ (S. 4). – „Der Antragsteller hat hier nachvollziehbar ein besonderes Interesse der Öffentlichkeit an den erstrebten Informationen zu den in Rede stehenden Zielvereinbarungen dargelegt“ (S. 5). Die „einstweilige Anordnung“ ist berechtigt, weil der Antragsteller die Informationen „vor dem Hintergrund eines aktuellen Ereignisses, nämlich der gegenwärtig stattfindenden Olympischen (Sommer)Spiele“ benötigt. Deshalb „benötigt er die begehrten Auskünfte jetzt und nicht zu einem ungewissen Zeitpunkt in der Zukunft“ (S. 7).
Auch wichtig: „Im Hinblick auf den verfassungsrechtlich verbürgten Wert der Pressefreiheit und das Gebot der Gewährung effektiven Rechtsschutzes … ist in diesem Fall die Vorwegnahme der Hauptsache in Kauf zu nehmen“ (S. 7).

Im Folgenden mehr zum Hintergrund des Konfliktes.

Kritik am DOSB-System
Die Degenfechterin Imke Duplitzer übte vor London 2012 eine fundierte Kritik am DOSB (siehe Chronologie Juli 2012). Thomas Hahn schrieb dazu in der SZ, es ginge hier um das Grundsatzproblem des deutschen Sports, „das nämlich in der Art besteht, wie der DOSB 130 Millionen Euro Jahresfördergeld des Bundes an seine Verbände verteilt: nach Zielvorgaben und Projekten, welche Dach- und Fachverband einzeln hinter verschlossenen Türen aushandeln. Feste, für jeden Steuerzahler nachvollziehbare Kriterien für die Mittelvergabe gibt es nicht. Die Fördersumme ist damit in schlechten Fällen eine Frage von persönlichen Interessen und Seilschaften. Kompetente Kontrolle von außen? Fehlanzeige” (Hahn 25.7.2012; Hervorhebung W.Z.).

Das Bundesministerium des Innern lässt jährlich Steuermillionen verteilen
Knapp 133 Millionen Euro zahlt das BMI jährlich an den DOSB aus für die Förderung des Spitzensports; dazu sollen noch 60 Millionen an Unterstützung durch die Bundeswehr für die Sportsoldaten kommen (faz.net 24.7.2012) – plus die Ausgaben für Sportler von Zoll und Bundespolizei. Bach kündigte an: Falls noch mehr Mittel nötig sein sollten, „dann werden wir das mit dem Innenministerium erörtern“ (Ebenda).

Von den 133 Millionen Euro werden Olympiastützpunkte und Forschungseinrichtungen bezahlt; 47 Millionen Euro gehen an die Sportverbände. Davon wiederum gehen 37 Millionen Euro in eine „Grundförderung“, die sich bemisst „nach der Zahl der Olympiateilnehmer in einer Sportart, nach der Zahl der Olympischen Disziplinen und der Zahl der erreichten Medaillen bei den zwei vorangegangenen Olympischen Spielen“ (Drepper 24.7.2012): Das regeln die geheim gehaltenen „Zielvereinbarungen“. Dazu Daniel Drepper: „Die Zielvereinbarungen sind nur das sichtbare Symbol für ein durchweg intransparentes und totalitäres System“ (Ebenda).

Kontrolle? Fehlanzeige!
Die leitenden Herren des deutsche Bundesministerium des Innern (BMI) sind traditionell Freunde des Spitzensports, des DOSB, seines Präsidenten, seines Generalsekretärs und überhaupt aller Sportler und potentiellen Wählern. Nicht umsonst winkt der DOSB bei jeder Gelegenheit mit seinen 27,5 Millionen Mitgliedern. Und so überweist der Bundesinnenminister bzw. sein Adlatus, der für Sport zuständige Parlamentarische Staatssekretär Christoph Bergner die gewünschten Summen an den DOSB-Präsidenten Thomas Bach bzw. den DOSB-Generaldirektor Michael Vesper. Das Duopol Bach/Vesper verteilt die Millionen dann recht freihändig weiter.
„Als Duopol oder Dyopol wird eine Marktform bezeichnet, bei der einer Vielzahl an Nachfragern nur zwei Anbieter gegenüberstehen“ (Wikipedia)

Nie würde der Bundesinnenminister Kritik äußern, schon gar nicht der derzeitige. Hans-Peter Friedrich: „Ich glaube natürlich, unsere Entscheidungen sind transparent“ (Weinreich 2.8.2012b). Dazu Jens  Weinreich: „Dabei musste erst ein Gericht Transparenz anordnen“ (Ebenda).

Friedrich freute sich bei den Olympischen Spielen in London im Deutschen Haus, dass er sich nicht um Skandale beim Verfassungsschutz oder Personalien bei der Bundespolizei kümmern muss, sondern eine neuerliche Bewerbung um Olympische Spiele abfeiern darf: „Wenn ein Land ökonomisch und sportlich so erfolgreich ist und bewiesen hat, dass es Großveranstaltungen organisieren kann, dann stimmt etwas nicht, wenn es sich nicht auch um Olympische Spiele bewirbt“( zeitonline 2.8.2012).

Vorschlag: Alle Bürgermeister, Minister, Bundeskanzler und Bundespräsident und überhaupt alle Hauptverantwortlichen sowie natürlich die DOSB-Sportfunktionäre haften bei einer etwaigen Bewerbung um Olympische Spiele mit ihrem Privatvermögen für die Kostenüberschreitungen, die derzeit beim Faktor vier bis zehn liegen. Diese Haftungsurkunde ist von den Einzelnen vor der Bewerbung notariell zu beglaubigen.

Das DOSB-Herrschaftswissen
Zur Festlegung der Höhe der Sportgelder bittet das BMI den DOSB um eine Bewertung: Dieser soll einerseits den neutralen Gutachter spielen, andererseits soll er aber als Dachverband die Ziele der Verbände vertreten. „Der DOSB ist eine Institution mit zwei gegensätzlichen Aufgaben. Darin sehen viele das Grundproblem des deutschen Sports“ (Drepper 24.7.2012). Der DOSB trifft sich einzeln mit den Sportverbänden – und hat sich schon vorher mit dem BMI über die Förderhöhe geeinigt. Der Ex-Vizepräsident des Deutschen Leichtathletikverbandes, Eike Emrich, stellte nach einem Treffen fest: „Es wird nur gehandelt, um zu handeln. Als wäre man an den Hof zitiert worden, um dort in einem großen Ritual vorgeführt zu bekommen, wie die Machtverhältnisse sind“ (Ebenda). Arne Güllich, vormals beim DOSB mit der Entwicklung der Zielvereinbarungen befasst und heute Professor für Sportwissenschaft in Kaiserslautern, stellte fest: „In internen Sitzungen wird ohnehin vorher abgesprochen, wer was will… Die Mitarbeiter im DOSB wissen bei ihrer Arbeit genau, was am Ende herauskommt“ (Ebenda).

Das ganze Vorgehen ist bewusst eine große Geheimniskrämerei, wie Daniel Drepper schreibt: „Nach außen bleiben die Absprachen jedoch geheim, sie bleiben Herrschaftswissen von DOSB und Bundesinnenministerium. Bis vor einem Jahr wussten nicht einmal die Verbände untereinander, wie viel Geld andere Verbände vom Steuerzahler bekommen“ (Ebenda).

Und wenn die Sportverbände nicht spuren und die DOSB-Vorgaben nicht akzeptieren oder gar protestieren, riskieren sie die Förderung. Dazu der sportpolitische Sprecher der SPD, Martin Gerster: „Ich höre immer wieder von Verbandsvertretern, Verhandlungen über die Zielvereinbarungen seien die  pure Erpressung. Aber es herrscht eine Atmosphäre der Angst. Öffentlich äußert fast niemand Kritik“ (Ebenda).

Zur pseudodemokratischen Legitimierung verwies Vesper im Sommer 2011 auf den DOSB-Präsidialausschuss Leistungssport. Dazu Drepper: „“Was Vesper nicht sagt: Die vier Verbandsvertreter im Präsidialausschuss haben überhaupt nichts zu melden“ (Ebenda).

Das Herrschaftswissen der Herren Bach und Vesper gibt die Richtlinien und Medaillenanzahl vor: Und alles soll geheim bleiben, vor allem die Zielvereinbarungen. Der Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Frank Hensel äußerte dazu: „Hätte der DOSB klare, transparente und für alle Beteiligten nachvollziehbare Kriterien für die Zuweisung der Mittel an die Verbände, bräuchte er sich nicht vor einer Veröffentlichung zu fürchten“ (Schenck, Drepper 2.8.2012).
Dann hätte das Duopol Bach/Vesper aber im Umgang mit Sportverbänden keinen eigenen „Gestaltungsspielraum“ mehr! Und die Sport-Demokratur keine Geheimnisse mehr…

Claudio Catuogno schrieb in der SZ: „Wer Geld verteilt, ohne die Kriterien offenlegen zu müssen, übt Macht aus. Das lässt Raum für Spekulationen. Welche ‚weichen‘ Faktoren spielen eine Rolle? Loyalität zum DOSB? Gegengeschäfte in Hinterzimmern?“ (Catuogno 13.8.2012).

DDR-Planwirtschaft beim DOSB
DDR-Sportfunktionäre legten die Normen für die Sportler fest. Zum Beispiel musste der Kugelstoßer Gerd Harting 1984 die Weite von 21,40 Metern erbringen. „Es war einfach eine Zahl, willkürlich von irgendeinem Funktionär festgelegt, so unfassbar weit weg von dem, zu dem sich Gerd Harting in der Lage fühlte“ (Osang30.7.2012; die Olympischen Sommerspiele 1984 in Los Angeles wurden dann vom damaligen Ostblock boykottiert).

Dieses System setzte sich offenbar beim DOSB fort. Im geheimen Vierjahresplan des DOSB, der bereits 2008 beschlossen wurde, war festgelegt, dass zum Beispiel die deutschen Leichtathleten acht Medaillen in London 2012 zu holen haben, darunter zwei Goldmedaillen (Drepper 24.7.2012). Der Vergeich Peking 2008 zu London 2012 ist absurd: „Neun von 26 Verbänden sollen in London also 38 Medaillen holen, nachdem dieselben Verbände in Peking 19 Stück holten. Stramme Zielvorgaben“ (Schenck, Niklas, Drepper, Daniel, 5.8.2012).
Der Frankfurter Sportpädagoge Robert Prohl merkte dazu an: „Wir bezahlen Staatssportler, wie wir sie in den 80er Jahren der DDR vorgeworfen haben… Im DOSB, aber auch im Innenministerium ist offenbar noch nicht angekommen, dass der Kalte Krieg vorbei ist“ (Drepper 24.7.2012). Und der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer äußerte: „Mir drängt sich der peinliche Verdacht auf, dass das Sportsystem der DDR über die Bundesrepublik gesiegt hat“ (Drepper 24.7.2012).

Die Klagen der Sportverbände nehmen zu – hinter vorgehaltener Hand. Benannt wird „eine aufgeblasenen Bürokratie der zentralen Leistungssportplanung im Bundesinnenministerium und im DOSB. Der Verband verteilt das Geld nach Abstimmung mit dem Bund an die Sportarten“ (Hecker 9.8.2012). Der Leistungssport-Fachmann Eike Emrich, der bis 2009 Vizepräsident des Leichtathletik-Verbandes (DLV) war, äußerte: „Ein Großteil der Energie wird bei den Verbänden in die Berichtspflicht statt in die Alltagsarbeit investiert. Das sind eindeutige Kennzeichen einer Planwirtschaft, wenn das Berichteliefern, die Meilensteingespräche überhandnehmen. Wenn alles bis ins Detail begründet werden muss, dann ist das für die Verbände unzumutbar“ (Hecker 9.8.2012).

Claudio Catuogno schrieb in der SZ, dass der DOSB „keine vernehmbare Stimme hat, sondern den Präsidenten Thomas Bach, der am liebsten hinter den Kulissen die Strippen zieht. Vorwiegend in eigener Sache. Transparenz hat im deutschen Sport keine Tradition“ (Catuogno 11.8.2012).

Dr. Jekyll und Dr. Hyde
Es ist nur zu gut vorstellbar, wie das Duopol Bach und Vesper die großen Sportverbände einzeln im Frankfurter Haus des Deutschen Sports einlaufen lassen und ihnen die Bedingungen diktieren: wie viel Geld ein Verband gnädigerweise erhält und welche Anpassungsleistungen und personellen Entscheidungen im Sinn des DOGB er zu treffen hat. Und kein Verband darf a) etwas gegenüber einem anderen Verband verlauten lassen oder b) gar Journalisten informieren.

Jens Weinreich merkte zu Vesper an: „Als Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) steht Vesper jedenfalls für das Gegenteil von Transparenz“ (Weinreich 2.8.2012b).

Wie lang will sich eigentlich die deutsche Sportszenerie dieses Duopol Bach/Vesper noch gefallen lassen? Soweit bekannt, ist das Amt des DOSB-Präsidenten laut Statuten nur auf jeweils eine Wahlperiode vergeben, und auch der DOSB-Generaldirektor hat dieses Amt nicht lebenslänglich, auch wenn sein Vertrag prophylaktisch vom DOSB-Präsidenten erst im Frühjahr 2011 verlängert wurde.

Horst Dassler lässt grüßen
DOSB-Präsident Thomas Bach war einer der letzten Schüler von Adidas-Chef Horst Dassler, der den Faktor Geld als bestimmend in den Sport eingeführt hat. Seine berüchtigte „sportpolitische Abteilung“ machte sich Sportler und Sportfunktionäre gefügig: Mit Hilfe von IOC-Präsident Samaranch ließ Dassler den Amateurstatus abschaffen – mit den heutigen Konsequenzen: Doping, Korruption, Schiebungen, Wettbetrug, Unfairness etc. Aus dem Sport wurde eine gigantische Industrie, aus den Internationalen Sportverbänden wurden Geldmaschinen.

Der DLV benennt die Probleme
Ein interessantes Interview gab der Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), Frank Hensel, in der SZ. Dort sagte er u.a., dass man sich die Festlegung der Medaillenziele als “harte Diskussionen” mit dem DOSB vorstellen muss, dass die DOSB-Sportverwaltung “sehr ambitionierte Ziele für die gesamte Olympia-Mannschaft definiert”, dass man sich überlegen muss, “ob man die  Verteilung nicht vollkommen neu organisieren sollte”. – “Man muss sich dann auch die Frage stellen, wie viel von dem Geld tatsächlich bei den Verbänden, also direkt bei den Trainern und Athleten ankommt, und wie viel irgendwo ins System und in die Organisation fließt” (Herrmann 9.8.2012).
Vulgo: Wie viel Steuergelder in Bachs DOSB versenkt werden…

Auf die Frage, warum der DOSB die Transparenz bezüglich der Zielvorgaben bekämpft, äußerte Hensel: „Wenn es nachvollziehbare Kriterien dafür gäbe, in welchem Verhältnis die Gelder an die Sportverbände erteilt werden, dann müsste sich niemand vor einer Veröffentlichung fürchten“ (Ebenda).
Zur Frage, ob der Sport den DOSB überhaupt braucht, sagte Hensel, dieser müsste erst seine Rolle klären: „Was  ist er eigentlich? Ist er Interessensvertreter des Sports? Ist er ein Mittler zwischen Politik und Sport? Ist er Geldgeber?“ (Ebenda).
Oder ist der DOSB schlicht und ergreifend das Machtinstrument für Bach und Vesper?

Gegen die einzig mögliche Lösung einer Rückkehr zum Amateursportler und damit zur Chancengleichheit wehren sich Sportfunktionäre wie der Teufel gegen das Weihwasser: Dies würde ihre Einkommensquellen und ihre Macht beschneiden. Denn das System Sport würde sich in Richtung Demokratie, Transparenz und Chancengleichheit verändern.

Nachtrag 1:
Ja mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht,
und mach dann noch nen zweiten Plan Gehn tun sie beide nicht…
Bertolt Brecht, Dreigroschenoper

„Man glaubt es schon gar nicht mehr. Aber der deutsche Spitzensport hat doch ein Betriebsgeheimnis“ (Hecker 10.8.2012).
Am 10.8.2012 war es mit der Geheimhaltung vorbei. Da musste das Bundesinnenministerium erstmals die Zielvereinbarungen zwischen dem DOSB und den Fachverbänden veröffentlichen, obwohl am 8.8.2012 noch eine große Berliner Anwaltskanzlei genau dies verhindern sollte und Beschwerde bei  Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg einlegte (Hecker 10.8.2012). Bach erklärte dazu großzügig: „Wir  hätten sie im Rahmen der von uns seit langem angekündigten umfassenden Analyse der Ergebnisse von London ohnehin öffentlich gemacht“  (Kistner 11.8.2012). Bach empfahl weiter, die „Zielvereinbarungen“ einfach umzubenennen (Hönicke 19.8.2012).
Es ergab sich folgende Situation:
Vancouver 2010: Zielvereinbarung 14 x Gold (real 10 x), 40 Medaillen insgesamt (real 30)
London 2012: Zielvereinbarung Gold 28 (real 11), Gesamtmedaillen 86 (real 44).
Sotschi 2014: Zielvereinbarung 17 x Gold, 40 Medaillen
Vergleiche: Deutsches Team verfehlt Medaillenvorgabe deutlich, in spiegelonline.

Nachtrag 2: Bundesinnenminister Friedrich ging Ende August 2012 nach wie vor gegen den Gerichtsbeschluss zur Veröffentlichung der Medaillenziele vor und focht das Urteil vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg an. “Die neuen Abkommen könnten ‘Fördervereinbarungen’ heißen oder ‘Potenzialvereinbarungen’ – damit sich die Medien nicht so auftregen” (Plonka, Nina, Daniel, Medaillenziele: Friedrich sträubt sich weiter, in stern.de 31.8.2012)

Nachtrag 3: Bach und Vesper: weiter so – mit noch mehr Geld
Am 18.9.2012 hielt der DOSB eine Präsidiumssitzung in Frankfurt ab. Ergebnis u. a.: Es wird weiter “Zielvereinbarungen” über Medaillen-Visionen geben – auch für Rio 2016. Das Förderkonzept wird beibehalten. Es soll (noch) mehr Geld vom Bund fließen. Bach kündigte “harte” Diskussionen mit den Verbänden an (sueddeutsche.de 18.9.2012).
Der Gipfel an Schizophrenie in der DOSB-Spitze war die Feststellung: „Die Deutsche Olympiamannschaft hat in London ihr Ziel erreicht: Mit 44 Medaillenelf Gold, 19 Silber und 4 Bronze – errang sie drei Medaillen mehr als vier Jahre zuvor in Peking“ (DOSB 18.9.2012; Hervorhebung WZ).
Zur Erinnerung an die Zielvorgabe: 28 x Gold, Gesamtmedaillenzahl 86, also fast das Doppelte.

Jens Hungermann schrieb in der Welt über eine “verblüffend flotte London-Analyse”: “Eine echte Diskussion über Effektivität des Sportsystems? Fehlanzeige” (Hungermann 19.9.2012).
Helmut Digel, langjähriger Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes, kritisierte das “Weiter so” der DOSB-Spitze. Die DOSB-gesteuerte Bürokratie verfüge “nur über äußerst geringe fachliche Kompetenz”, die Frage der Verantwortung sei “völlig ungeklärt” (Kistner 19.9.2012).
Thomas Kistner bemerkte dazu in der SZ: “Allmählich fällt zweierlei auf. Nicht einen Fürsprecher vom Fach gibt es für die immer heftiger attackierte Organisationskultur im deutschen Sport. Trotzdem bleibt der DOSB untätig. Gemeinsam mit dem Geldgeber, dem Bundesinnenministerium (BMI), verschanzt er sich in einem undurchdringlichen Dickicht aus selbstgebastelten Leistungskritierien und Förderstrukturen” (Ebenda).
Und zu den Zielvereinbarungen und den Zielen von Bach schrieb Kistner: “Zur stillen Freude der Ministerialen hatten die DOSB-Oberen mit den Fachverbänden sogenannte ‘Zielvereinbarungen’ für die Verteilung der Fördergelder ausgeheckt, die von so fragwürdiger Substanz sind, dass sie um jeden Preis vorm Blick der (zahlenden) Öffentlichkeit verborgen bleiben mussten… Transparenz ist unerwünscht, den Eindruck vertiefen BMI und DOSB mit Hinweisen auf Datenschutz und Betriebsgeheimnis. So wird alles beim Alten bleiben im nationalen Sport unter DOSB-Chef Thomas Bach, der eifrig am internationalen Werdegang bastelt und sich just vor dem Zielstrich, der IOC-Präsidentenwahl 2013, keine Strukturdebatte aufhalsen dürfte” (Ebenda).

Nachtrag 4: Über Intransparenz und Qualitätsverluste
Claudio Catuogno konstatierte in der SZ: „Warum soll der Staat den Leistungssport finanzieren? Was hat der Steuerzahler davon, wenn deutsche Athleten bei Olympischen Spielen Medaillen gewinnen? Sind zwei Wochen schwarz-rot-goldene Seligkeit die 30 Millionen Euro wert, die der Bund jedes Jahr für den Spitzensport bereitstellt? Und wenn ja: Nach welchen Kriterien wird das Geld verteilt? Spannende Fragen – und es sagt eine Menge über den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) aus, wie er diese diskutiert: am liebsten gar nicht… Bisher wird das Geld hinter verschlossenen Türen verteilt: Der DOSB handelt mit jedem Fachverband eine ‚Zielvereinbarung‘ aus … Hinter vorgehaltener Hand klagen Verbandsvertreter seit langem, das Verfahren sei ein intransparentes Gemauschel. Vor allem festigt es die Position des DOSB: Wer Geld verteilt, übt Macht aus“ (Catuogno 26.9.2012).
Thomas Kistner sieht als zentrales Problem DOSB-Präsident Bach selbst: „Der deutsche Sport braucht eine offene Debatte. also genau das, was Thomas Bach nicht gebrauchen kann. Denn seine Uhr tickt. In zwölf Monaten will der DOSB-Boss den Thron des Internationalen Olympischen Komitees besteigen, was im IOC nur einer nicht bestätigt: er selbst (Kistner 26.9.2012). Für Kistner ist Bach „ein Vollzeitfunktionär mit enger Anbindung an die Golfregion. Genaueres über seinen Broterwerb leuchtet nur selten auf… Vielleicht ist es ja nur Zufall, dass das nationale Funktionärstum unter Bachs anfangs diskreter Regie an galoppierendem Qualitätsschwund leidet“ (Ebenda).

Nachtrag 5: Sportler contra DOSB
Diskuswerfer und Olympiasieger London 2012, Robert Harting zu den Zielvereinbarungen: “So etwas können sich nur ein paar Bürokraten ausgedacht haben, die vom Sport wenig Ahnung haben… Statt mit uns zu diskutieren, setzt der Sportbund auf den ‘Beirat der Aktiven’. Das sind ehemalige Sportler, die früher mal bei einem Wettkampf dabei sein durften und heute schön Spesen abkassieren. Da züchtet der Verband doch nur seinen eigenen kranken Funktionärsbaum hoch.”
DOSB-Athletensprecher Christian Breuer über Harting: “… der Herr ist sich zu fein, sich hier an der Diskussion der Athleten zu beteiligen. Man sieht, Gold allein macht noch keinen großen Sportler und löst das Problem der Leistungssportförderung in keiner Weise” (focus.de 13.10.2012).
Ruderer und Goldmedaillengewinner London 2012, Kristof Wilke: “Diese Zielvereinbarungen, die etliche Jahre vor dem Großereignis beschlossen werden, sind doch albern… Je mehr ein Verband verspricht, desto mehr Geld bekommt er.”
Beachvolleyballer und Olympiasieger London 2012, Julius Brink: “Der einzige Kontakt, den ich mit Thomas Bach hatte, war nach meinem Olympiasieg… Grotesk finde ich es zudem, dass die Veröffentlichung der Zielvereinbarungen von Journalisten eingeklagt werden musste. Es sind öffentliche Gelder, die in den Sport fließen und uns unterstützen. Deshalb erwarte ich von allen Beteiligten totale Transparenz.”
(Alle Zitate: Haslauer 15.10.2012)

Vergleiche im Kritischen Olympischen Lexikon: Amateur-Sportler, Bach, Thomas, Dassler, Horst; DOSB; Samaranch, Juan, Antonio, Vesper, Michael

Quellen:
Bundesministerium des Innern, Deutscher Olympischer Sportbund, Zielvereinbarung zwischen dem Bundesministerium des Innern (BMI, Abt. SP) und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) hinsichtlich der Zusammenarbeit im Rahmen der Spitzensportförderung, Frankfurt, 8.11.2007
Catuogno, Claudio
– Die Last von Medaillen, in SZ 11.8.2012
– Feilschen um Geld und Macht, in SZ 13.8.2012
– Deckel runter, in SZ 26.9.2012
DOSB, Erklärung des Präsidiums, Frankfurt 18.9.2012
Drepper, Daniel
– Olympia: Das System Plansport – Millionen für Medaillen, in derwesten-recherche.org 24.7.2012
Drepper, Daniel, Schenck, Niklas, Olympia: Warum wir  das Innenministerium verklagen, in derwesten-recherche.org 24.7.2012
Hahn, Thomas, Völlig daneben, in SZ 25.7.2012
Haslauer, Andreas, Der Aufstand der Gold-Jungs, in focus 15.10.2012
Hecker, Anno
– Der Preis des Goldes, in faz.net 9.8.2012
– Betriebsgeheimnis Spitzensport, in faz.net 10.8.2012
Herrmann, Boris, “Das geht sehr weit an der Realität vorbei”, in SZ 9.8.2012
Hönicke, Christian, Ein reiches Land sehnt sich nach Gold, in tagesspiegel.de 19.8.2012
Hofmann, René, Mehltau über der Zukunft, in SZ 14.8.2012
Hungermann, Jens, Von wegen großer Wurf, in welt.de 19.9.2012
Kistner, Thomas
– Innenministerium verheimlicht olympische Medaillen-Ziele, in sueddeutsche.de 3.8.2012
– Fern von realen Zielen, in SZ 11.8.2012
– Zu viel auf dem Spiel, in SZ 19.9.2012
– Weiter so, auf leisen Sohlen, in SZ 26.9.2012
Klares Plädoyer für Olympia  in Deutschland, in zeitonline 2.8.2012
Leichtathletk-Präsident wirft DOSB gravierende Fehlentscheidungen vor, in spiegelonline 12.8.2012
Olympiasieger üben harsche Kritik an DOSB und Bach, in focus.de 13.10.2012
Osang, Alexander, Ein Ritter im Tunnel, in Der Spiegel 31/30.7.2012
Reinsch, Michael, Horeni, Michael, Was kostet das Gold? In fazfinance.net 29.1.2010
Schenck, Niklas, Drepper, Daniel
– Olympia: Gericht entscheidet für uns – Medaillenziele werden öffentlich, in derwesten-recherche.org
2.8.2012
– Olympia: Wie realistisch sind die Medaillenvorgaben für London? in derwesten-recherche.org 5.8.2012
Verwaltungsgericht Berlin, Beschluss vom 31.7.2012
Sportpolitik – DOSB: DOSB hält an Zielvereinbarungen fest – Geld gefordert, in sueddeutsche.de 18.9.2012
Weinreich, Jens
– London 2012: Niederlage für den sportpolitischen Komplex DOSB/BMI und Gold für Erfurter Blutbestrahlung, Blog 2.8.2012a
– Verhindern, verschweigen, verdrängen, in spiegelonline 2.8.2012b
– Blamage für Deutschlands Medaillenplaner, in spiegelonline 10.8.2012
Wikipedia
„Wir müssen unser Fördersystem genau anschauen“, faz.net 24.7.2012