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Olympische Winterspiele Sotschi 2014

15.6.2012

Die Wahl:

„Doch Sotschis Agenten hatten 100 Millionen Euro lockergemacht, hieß es in Bewerberkreisen… Zur Kür in Guatemala 2007 flogen die Russen eine Antonow mit 70 Tonnen Material ein, um in den Tropen eine Freilauf-Eisfläche zu installieren. Deren Besuch war den IOC-Mitgliedern per Ethik-Kodex verboten, doch nicht alle hielten sich daran. Schließlich lockten allabendlich Kaviar, Tanz und nette Mädels“ (Kistner, Juni 2008). Thomas Kistner kam zu dem Schluss: „Nie wurde Olympia schamloser versteigert“ (Ebenda).

Sotschi liegt auf dem Breitengrad von Nizza, hat 300 Sonnentage pro Jahr und subtropisches Klima mit Palmen.

Photo: Viola v. Cramon

Palme vor der Baustelle der Eiskunstlaufhalle Sotschi 2014

Die Bauten:

Die Skigebiete liegen im Bezirk Krasnaja Poljana. Bislang gab es hier nur einen einzigen Lift und keine Skipiste. Alle Wettkampfstätten mussten neu errichtet werden. Die meisten von ihnen werden im Nationalpark Sotschi gebaut, der ein Weltnaturerbe ist. Auch das kaukasische Biosphärenreservat ist von den Bauarbeiten bedroht (alpMedia 19.7.2007).

„Auf 537 Hektar soll ein Netz aus 14 Seilbahnen entstehen, 55 Kilometer Piste, davon acht olympisch für Abfahrt, Slalom, Super-G, Snowboard und Freestyle. Geplant ist ein Vier-Sterne-Hotel mit 600 Zimmern, dazu drei Stadien für 14.000, 15.000 und 18.000 Zuschauer“ (Großekathöfer 2.2.2009).

Die österreichische Seilbahnfirma Doppelmayr baut hier 40 Seilbahnen; mit einer kann man sogar Autos transportieren.

Über zwei neue Frachthäfen, für die es keine offizielle Baugenehmigung gibt, sollen die Millionen Tonnen Baumaterial angeliefert werden. Auf das Flussbett der Mzymta werden die Trassen für Bahn und Autobahn gebaut. Der Herausgeber der Sochi Gazette sagte dazu: „Die Mzymta war in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts für die Wasserversorgung wichtig, aber das ist jetzt nicht mehr der Fall“ (Lee 15.6.2010).

White Elephants:

Es wird – wie an allen anderen olympischen Austragungsorten – jede Menge „White Elephants“ geben, also Sportbauten, aber auch riesige Hotelanlagen, die kaum noch oder nie wieder benutzt werden.

„Aus dem Eishockeystadion soll ein Sport– und Kongresszentrum werden, aus dem Eiszentrum eine Handels- und Ausstellungsstätte, aus dem Pressezentrum ein weiteres Handelszentrum, aus dem Olympiapark ein Themenpark. Und was wird aus den 42.437 Hotelbetten, die das Olympische Komitee vorgeschrieben hat?“ (Nienhuysen 9.6.2010).

Die Kosten:

Als Gesamtkosten waren für Sotschi 2014 zunächst 8,6 Milliarden Dollar kalkuliert. 2007 lagen die Kosten schon bei 25 Milliarden Dollar und 2010 bei über 30 Milliarden Dollar. Allein die Stromversorgung soll zwei Milliarden Dollar kosten. In diesen Kosten sind die Folgekosten durch Umweltschäden noch gar nicht enthalten.

Die Naturzerstörungen:

Nach Auskunft der „Umweltwache Nordkaukasus“ wurden für die Spiele 20.000 Hektar Wald abgeholzt, einzigartige Quellenlandschaften zerstört und Tierpopulationen vertrieben“ (Großekathöfer 2.2.2009).

Die Baustelle im Sumpfgebiet der Imereti-Bucht war ein wichtiger Brutplatz für seltene und bedrohte Zugvögel. Naturschützern zufolge entstehen 84 Prozent der olympischen Wettkampfstätten in einem Nationalpark.

Das Biathlon-Zentrum, die Skipisten und die Hotelbauten gleichen einem ökologischen Albtraum. Selbst der russische Umweltminister sagte nach der Besichtigung: „Unsere Baustellen sehen furchtbar aus“ (Zekri 19.3.2009).

Der WWF Russland rügte die Zerstörung der Natur und die unzähligen abgeholzten Bäume: “Die Schäden sind noch größer als wir erwartet haben und können nicht mehr gut gemacht werden” (Aumüller, Johannes, Heißer Schnee, in SZ 15.2.2012). “Die Stadien – fünf an der Zahl – werden direkt am Meer in einem ehemaligen Vogelschutzgebiet errichtet… Eine Million Kubikmeter Holz ist den Bauarbeiten bisher zum Opfer gefallen” (Pichler-Hausegger 20.2.2012).

Die Bevölkerung:

Tausende Bewohner wurden umgesiedelt. Die Immobilienpreise sind explodiert. Bürgermeisterwahlen wurden gefälscht.

“Keinen Augenblick denkt ein großer Macher an das Leid, das Umsiedlungen von Menschen nach sich ziehen, an den Kater nach dem großen Fest, an die Schuldenlast, die Jahrzehnte drücken wird. In einer Zeit, in der Staaten vor dem finanziellen Kollaps stehen, ist diese Haltung bedenklich” (Geisser 12.2.2012).

Mitte Februar 2012 gab es 215 Kältetote in Russland, 5.500 Menschen wurden wegen Unterkühlung behandelt. “Besonders betroffen war demnach der Süden des Landes, wo auch das völlig verarmte Konfliktgebiet Nordkaukasus liegt” (SZ 14.2.2012).

Sotschi liegt an der Schwarzmeerküste des Nordkaukasus.

Plan vom Olympia-Park Sotschi 2014

Bericht von Viola von Cramon:

Die Bundestagsabgeordnete Viola von Cramon (Bündnis 90/Die Grünen) ist Mitglied des Sportausschusses des Deutschen Bundestages und bereiste Anfang 2011 die russischen Sportstättenbauten in Moskau (Fußball-WM 2018) und Sotschi. Dort wird unter Leitung von Olympstroj in drei Clustern gebaut: dem Meerescluster, dem Bergcluster und dem Cluster der Alpinen Disziplinen in Rhosa Khutor. Die Skigebiete liegen im Bezirk Krasnaja Poljana: Das Bergdorf muss “von einem Bergdorf auf internationalen Standard hochgerüstet werden” (S. 6; alle Zitate: von Cramon, siehe unten). Olympstroj ist für Autobahnen, Skipisten und einzelne Stadien zuständig, konnte aber keine Auskunft über den Stand der Bauarbeiten oder Kosten geben. Die NRO Öko-Wacht Nordkaukasus teilte mit, dass der Förderale Rechnungshof die Budget-Unterlagen zu Sotschi 2014 als “vertraulich” klassifiziert und damit der Öffentlichkeit entzogen habe (S. 7).

“Zu der Leitidee ‘Grüne Spiele’ konnte man uns bei Olympstroj wenig sagen. Es gibt einen russisch-englischen Flyer auf Hochglanzpapier, aus dem hervorgeht, welche Tier- und Pflanzenarten zu schützen seien und nach welchen Leitideen, beispielsweise nach welchen ökologischen Baustandards (…) man sich beim Gesamtprojekt richte” (S. 7f) Genaueres konnte weder der zuständige Leiter der Umweltabteilung noch andere führende Experten in Moskau mitteilen: Sie verwiesen auf die Fachleute in Sotschi: “Aber auch hier war niemand der Experten in der Lage, uns Genaueres mitzuteilen” (S. 8).
Rund achtzig Prozent der Umweltprobleme entstehen durch den Bau der Autobahn und Eisenbahnstrecke von Adler nach Krasnaja Poljana. Teilweise wird die Eisenbahn am und über den Fluss Msytma gebaut, der streckenweise von 200 auf 50 Meter verengt wurde: “Die Trassen für die Schnellstrasse und die Eisenbahn werden durch das Flußbett geführt” (S. 8).

Tunnelbau für Autobahn und Bahn Sotschi 2014

Die Folgen: u. a. illegale Müllkippen für den Aushub, toxische Bauabfälle, Kappung der Wasserversorgung für die Bevölkerung. Damit und mit der Staubbelastung kommt die Landwirtschaft zum Erliegen; die Ernten von Nuss-, Kiwi- und Feigenbäumen können nicht mehr verkauft werden.
Durch das Olympiagesetz von Dezember 2007 können Anwohner gegen Kompensation umgesiedelt werden; die Anwohner sollen mitbestimmen können. Aufgrund des Zeitdrucks entscheiden nun die Behörden, und die Betroffenen werden willkürlich umgesiedelt.

Die Zukunft:

Wladimir Putin vereinbarte mit Formel-1-Chef Bernie Ecclestone den Bau einer Rennstrecke; der erste Grand Prix wird im Herbst 2014 in Sotschi stattfinden.

Das IOC:

Das IOC-Mitglied Jean-Claude Killy (früherer Skirennfahrer und jetziger Chef von Coca-Cola Frankreich) sagte: „Der russische Diamant funkelt mit jedem Tag stärker.“ Und laut IOC-Präsident Rogge wird Russland mit Sotschi bald „einen Wintersportort von Weltniveau“ besitzen, „ohne das einzigartige Ökosystem der Region“ anzutasten (Becker 11.2.2010).

Das mit der Koordination Sotschi 2014 vom IOC beauftragte IOC-Mitglied René Fasel zu den Umweltzerstörungen in Sotschi: „Der Putin ist ein umweltbewusster Mensch… Haben Sie schon mal einen Umweltschützer gesehen, der zufrieden ist? Die müssen auch nicht zufrieden sein. Das ist ja ihre Aufgabe, dass sie nicht zufrieden sind“ (Franzen 4.3.2012).

Fasel zu Korruptionsvorwürfen und Schmiergeldzahlungen in Milliardenhöhe:

„Sicher ist das ein Thema. Aber was will man dagegen machen? Wenn wir die Antwort finden würden, was man dagegen machen könnte, dann würden wir gern etwas tun. Aber das ist sehr schwierig. Wenn sogar ein Staat nichts dagegen machen kann… Sicher tun wir Druck aufsetzen. Das ist sicher das Thema und so besprochen. Aber leider Gottes kann man nichts dagegen tun“ (Ebenda).

Der sehr eindrucksvoller Film von Christof Franzen über die Situation in Sotschi lief im Schweizer Fernsehen und ist auf Youtube zu sehen:

http://www.youtube.com/watch?v=0VXCD1xjfv4

Quellen:

alpMedia 19.7.2007
Becker, Thomas, Putinsche Dörfer, in SZ 11.2.2010
Cramon, Viola von (MdB), Olympische Spiele 2014 in Sotschi zu teuer für Mensch und Natur, Bericht zur Einzeldienstreise nach Moskau und Sotschi, 31.1. – 4.2.2011, Pressemitteilung 16.9.2011
Franzen, Christof, Putins Milliardenshow, Protzen und klotzen für Olympia, in Schweizer Fernsehen sf.tv 4.3.2012, siehe hier
Geisser, Remo, Eine Portion Wahnsinn nötig, in nzz.ch 12.2.2012
Großekathöfer, Maik, Putins Märchen, in Spiegel 6/2.2.2009
Immer mehr Kälteopfer in Russland, in SZ 14.2.2012
Kistner, Thomas, So korrupt ist das IOC, in Cicero 6/2008
Lee, Jeff, Security and environmental concerns, cost overruns: Russia readies for Games, in Vancouver Sun 15.6.2010
Nienhuysen, Frank, 42.437 Hotelbetten für einen Kurort, in SZ 9.6.2010
Pichler-Hausegger, Barbara, Bau-Stelle: Milliardenprojekt Sotschi, tv.orf.at 20.2.2012
Zekri, Sonja, Dunkle Wolken über den Ringen – Bürgermeisterwahl bereitet Olympiastadt Sotschi neue Probleme, in SZ 19.3.2009