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Was ist der wahre Preis der Olympischen Spiele in London?

Autor: Jules Boykoff, What is the real price of the London Olympics, aus The Guardian, 4.4.2012
Übersetzung: Gesellschaft für ökologische Forschung

Die Olympischen Spiele 2012 schimmern am Londoner Horizont, aber die Spiele sind mehr als ein „Sportstopia“ mit einem Smiley-Button. Die Kosten für die Ausrichtung der Olympischen Spiele sind in den Himmel geschnellt, während die privaten Geldgeber verduftet sind und der Regierung die Steuerlast überlassen. Inzwischen haben die Sicherheitsbehörden grünes Licht für die Militarisierung des Öffentlichen Raumes gegeben. Die Spiele sind zur reinsten Bekundung des „celebration capitalism“ geworden, des Feier-Kapitalismus, die Wohlfühl-Ergänzung zu Naomi Kleins „disaster capitalism“, (Katastrophen-Kapitalismus – in Anklang an ihr 2007 auf deutsch erschienenes Buch Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus).

Austragungsorte unterschätzen üblicherweise die Kosten und überbewerten den Nutzen der Spiele. London ist keine Ausnahme. Die Bewerbung der Stadt versprach: „Jeder Sektor der Wirtschaft wird vom  der Durchführung der Olympischen Spiele profitieren.“ Ursprünglich waren 2,4 Milliarden britische Pfund eingeplant; 2007 waren die Kosten schon auf 9,3 Milliarden Pfund hochgeschnellt. Der Nationale Rechnungshof stellte fest, dass sich die Ausgaben des staatlichen Sektors verdreifacht hatten, während, die Beiträge des privaten Sektors auf weniger als zwei Prozent schrumpften. Kürzlich hat der Rechnungshof des Unterhauses Kosten „in Richtung von elf Milliarden Pfund“ aufgezeigt. Inzwischen berechnete der Olympia Kritiker Julian Cheyne von Games Monitor die Kosten auf 13 Milliarden Pfund. Eine Untersuchung von Sky Sports, die auch erweiterte Ausgaben für den öffentlichen Verkehr beinhaltete, katapultierte die Kosten für die Fünf-Ringe auf 24 Milliarden Pfund.

Das Thema „Öffentlichkeit-zahlt-Private-sahnen-ab“ (pubic-pays-private-bails) kristallisiert sich im Bau des Olympischen Dorfes. Ursprünglich waren für das Kernstück der London-2012-Stadterneuerung Ausgaben in Höhe von einer Milliarde Pfund vorgesehen, dann musste das Dorf durch das australische Bauunternehmen Lend Lease vorfinanziert werden. (Der Deal stank nach Vetternwirtschaft – David Higgins, Vorstandsvorsitzender der Olympic Delivery Authority bis Februar 2011, leitete früher Lend Lease. Aber der wirtschaftliche Zusammenbruch 2008 und die Kreditkrise führte dazu, dass privates Kapital sich aus dem Projekt zurückzog und es der britischen Regierung überließ. Im Frühjahr 2009 verkündeten die olympischen Bosse, dass das Dorf „voll verstaatlicht“ würde – das heißt, von den Steuerzahlern bezahlt wird.

Olympische Geschichte ist gekennzeichnet durch die Produktion von Metropolen-Dschungeln, in denen es von white elephants wimmelt. Die Organisatoren von London 2012 waren darauf bedacht, nichts zu dieser „Herde“ hinzuzufügen, deshalb verkauften sie im August 2011 das Dorf mit einem Verlust von 275 Millionen Pfund für die Steuerzahler an eine Immobilienfirma der Herrscherfamilie von Katar. Merkwürdigerweise bezeichnete der Kulturminister Jeremy Hunt dieses Geschäft als „ein fantastisches Angebot, das den Steuerzahlern eine große Rendite bringen wird und beweist, wie wir ein Vermächtnis der Londoner Spiele sichern“. Solche heimlichen Subventionen sind gängige Praxis im Zusammenhang mit olympisch-induzierter Stadtentwicklung. Gastgeber-Regierungen haben die Tendenz, als (finanzieller) Kugelfang bei solchen Projekten zu dienen, um Peinlichkeiten auf globaler Bühne zu vermeiden, während private Unternehmen Verantwortung ablehnen, wenn es brenzlig wird.

Mittlerweile nutzen Sicherheitsbehörden die Olympischen Spiele als eine Gelegenheit, die sich nur einmal in einer Generation bietet, um ihre Waffenbestände zu vermehren und zu militarisieren und einen weiteren Schritt in Richtung Überwachungsstaat zu machen. Die Spiele rechtfertigen eine Sicherheitsarchitektur, um Terrorismus zu verhindern, aber diese Architektur kann Aktivitäten von politischer Meinungsverschiedenheit sowohl einschüchtern als auch unterdrücken. Die Olympische Charta verbietet sogar politischen Aktivismus; darin steht: „Keine Art von Demonstration oder politische, religiöse oder rassistische Propaganda in allen olympischen Stätten, Veranstaltungsorte oder in anderen Bereichen ist erlaubt“. Was „andere Bereiche“ bedeutet, ist offen für eine weite Auslegung. Trotz der ganzen Rhetorik mit olympischen Menschenrechten diktiert die Charta – wenn auch indirekt -, dass die lokalen Behörden politischen Aktivismus unterdrücken. Wie auf Kommando gelobte die Londoner Polizei kürzlich, soziale Medien zu durchforsten, um alle Proteste oder Störungen aufzudecken.

Die Olympischen Spiele werden London militarisieren, mit scharfen Boden-Luft-Raketen, einem Kriegsschiff der Royal Navy in Küstennähe und Soldaten auf Patrouille. Nachdem zunächst eine Zahl von 10.000 Sicherheitsleuten als ausreichend erachtet wurde, ermittelte das Londoner Organisationskomitee, dass mehr als doppelt so viele erforderlich wären. Das Verteidigungsministerium füllt die Lücke mit etwa 13.500 Soldaten, das sind 4.000 mehr, als derzeit in Afghanistan stationiert sind. Dadurch nicht beschwichtigt erklärten die Vereinigten Staaten, sie würden ihre eigenen Sicherheitskräfte nach London schicken, einschließlich 500 FBI-Agenten.

Die Olympischen Spiele bieten eine Möglichkeit,  die High-Tech-Ausrüstung in einem städtischen Umfeld auszuprobieren. Leichtbau-Drohnen werden in der Luft schweben, während „kombinierte bewaffnete Eingreiftruppen“ – ganze Polizei-Eliteeinheiten mit Scharfschützen – unten umherstreichen. Dadurch wird London 2012  eine Hinterlassenschaft bieten, mit der nicht im Bid Boook geworben wurde: einen unterdrückungsbereiten Sicherheitsstaat. Die Militärtechnologien, die den von den Olympischen Spielen diktierten Ausnahmezustand absicherten, werden im Gefolge der Spiele zum Normalfall für die Alltagsüberwachung. Und dieser repressive Urbanismus ist teuer: eine dicke Milliarde Pfund und mehr.

In ihrem Buch The Shock Doctrine: The Rise of Disaster Capitalism erklärt Naomi Klein, wie Kapitalisten ungeniert aus Katastrophen Kapital schlagen. Katastrophen schaffen kollektive Schockzustände, die uns bis zu einem Punkt weichklopfen, wo wir etwas preisgeben, das wir ansonsten leidenschaftlich verteidigen würden. Im Gefolge dieser Katastrophe taumelt die allgemeine Bevölkerung im Chaos, während Unternehmen und ihre Mitarbeiter in der Regierung die Öffentlichkeit durchsucht und harte Schläge neoliberaler Politik auf den Sozialstaat verteilt.

Die Olympischen Spiele in London 2012 entwickeln sich wie ein Goldmedaillen-Drehbuch für den „Feier-Kapitalismus“ – den leutseligen Cousin des Katastrophen-Kapitalismus. Beide treten in Ausnahmezuständen auf, die es beherzten Politikern und ihren verbündeten Kollaborateuren erlaubt, eine Politik durchzusetzen, die sie sich während normaler Zeiten nicht erträumen würden. Aber während der Katastrophen-Kapitalismus den Staat vernichtet, manipuliert der Feier-Kapitalismus die staatlichen Akteure als Partner und verschiebt selbst eingefleischte Wirtschaftswissenschaftler in „Public-Private Partnerships. Allzu oft sind diese öffentlich-private Partnerschaften einseitig: Die Öffentlichkeit bezahlt und die Privaten machen Gewinne. Mit einer Lockvogeltaktik, die in Jovialität eingehüllt ist, übernimmt die Öffentlichkeit die Risiken, und private Gruppen schöpfen die Gewinne ab.

Die Olympischen Spiele versprechen das Herbeizaubern von athletischem Geschick und brillanten Wettbewerben. Aber – man mag es mögen oder nicht: Die Olympischen Spiele entfesseln den Feier-Kapitalismus.

Julian Boykoff ist außerordentlicher Professor für Politische Wissenschaften an der Pacific University in Oregon und beschäftigt sich mit Aktivismus, Klimawandel und Sportpolitik.

Vergleiche auch den Artikel von Jules Boykoff „Has London 2012  been greenwashed?“ im Guardian vom 22.4.2012 und im Kritischen Olympischen Lexikon: London 2012