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Motorsport in der Bahrain-Diktatur

20.4.2012, aktualisiert am 21.4.2015

Vorgeschichte 2011
Das Königreich Bahrain ist ein Inselstaat mit rund 750 Quadratkilometern im Persischen Golf. Es hat eine schiitische Mehrheit von 70 Prozent, wird aber von einer sunnitischen Herrscherfamilie regiert. Die Hälfte der 1,3 Millionen Einwohner sind Bahrainer, die anderen „hochbezahlte Ausländer und asiatische Billig-Gastarbeiter“ (Brümmer, Avenarius 21.4.2012; Salloum 2.11.2014).
Im März 2011 gab es Massenproteste gegen die Unterdrückung der Schiiten mit „mehr als 40 Toten, Massenverhaftungen, Folterungen und der Entlassung von Regimekritikern“ (Formel 1 fährt in Bahrain, in SZ 14.4.2012). Andere Quellen gehen von über 80 Toten aus (Mekhennet 20.4.2012).
König Hamad bin Isa al-Khalifa konnte sich nur mit Hilfe von 1200 Soldaten aus Saudi-Arabien und militärischer Hilfe des Golf-Kooperationsrates (GCC) an der Macht halten (SZ 11.6.2011; Zekri 12.4.2012). Dieser besteht aus Bahrain, Katar, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. William Dobson erwähnt auch Söldner aus Pakistan: „Bahrains Monarchie heuerte pakistanische Söldner an, die gegen sein Volk vorgingen“ (Dobson 2012, S. 455).
„Die meisten Oppositionsführer und Regimekritiker sind inhaftiert, einige von Sondergerichten zum Tode verurteilt. Menschenrechtsorganisationen erheben zudem Foltervorwürfe“ (Avenarius 4.6.2011).
Und so unterdrückt das Militär – oft Söldner aus anderen islamischen Staaten -, bis heute weiter die Bevölkerung. In Bahrain ist zudem die 5. Flotte der USA stationiert und für die Sicherung der wichtigen Seewege am Golf zuständig. „Die US-Regierung sieht die Herrscherfamilie daher als einen wichtigen Verbündeten“ (spiegelonline 21.4.2012).

Verletzung der Menschenrechte (1)
Der Menschenrechtsaktivist Abd al-Hadi al-Chawadscha ist Mitte April 2012 seit 69 Tagen im Hungerstreik. Er forderte im Frühling 2011 demokratische Reformen: „Das Königshaus antwortete auf seine Weise: Polizisten schlugen ihn bewusstlos und zerrten ihn aus der Wohnung. Zurück blieb eine Blutlache auf dem Fußboden. Chawadscha wurde wenig später wegen ‚Organisierung und Führung einer terroristischen Organisation zu lebenslanger Haft verurteilt. Internationale Forderungen, ihn freizulassen, ignorierte das Könighaus“ (Obermaier 17.4.2012). Bei Protesten gegen die Formel 1 wird sein Foto gezeigt. Seine Frau  sagte der Nachrichtenagentur Reuters: „Wütend machen mich Menschen wie Ecclestone, die entscheiden, nach Bahrain zu kommen, weil sie glauben, dass hier alle glücklich sind. Ich kann Ihnen versichern, dass meine Familie nicht glücklich ist“ (Brümmer 20.4.2012).

Verletzung der Menschenrechte (2)
Zainab al-Chawadscha erholt sich noch von der Geburt ihres Sohnes in der vergangenen Woche, aber das hat ihr nicht eine neuerliche Verurteilung in Bahrain erspart. Drei Jahre soll die 1983 geborene Demokratie-Aktivistin und Bloggerin nun ins Gefängnis, urteilte ein Gericht in der Hauptstadt Manama. Sie habe sich der Beleidigung des Königs schuldig gemacht. (…) Der König hatte in diesem Jahr ein Gesetz erlassen, das bis zu sieben Jahre Gefängnis und Geldstrafen von umgerechnet bis zu 21 500 Euro für jeden androht, der es wagt, den Monarchen in der Öffentlichkeit zu beleidigen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisierte das Urteil scharf und sprach von ‚außerordentlichen‘ Vorwürfen. (…) Zainab stammt aus einer bekannten Dissidenten-Familie: Erst vor wenigen Tagen war ihre Schwester Mariam wegen eines angeblichen Angriffs auf eine Polizistin in Abwesenheit zu einem Jahr Haft verurteilt worden. Sie leitete zuletzt die Menschenrechtsorganisation Bahrain Centre for Human Rights, die einst der Vater Abdelhadi al-Chawadscha mitbegründet hatte. Er verbüßt wegen seiner Rolle bei den Protesten eine lebenslange Haftstrafe. Nach ihm hat Zainab nun ihren Sohn benannt“ (Krüger, Paul-Anton, Geburt und Gefängnis, in SZ 6.12.2014).

Grand Prix in Bahrain 2012
„Bahrain ist, was die Ölreserven angeht, der Sozialfall am Golf“ (Avenarius 31.10.2009). Dennoch findet seit 2004 im Bahrain International Circuit ein Formel-1-Rennen statt. Treibende Kraft ist der Kronprinz Salman bin Hamad al-Chalifa, der auch Präsident der Bahrain Motor Federation ist: Er ließ für 150 Millionen Dollar die Rennstrecke bauen (Obermaier 21.4.2012).
Der Grand Prix soll trotz der aktuellen Proteste in Bahrain auch dieses Jahr dort stattfinden: Termin ist der 22. April. Der Automobilweltverband FIA erklärte dazu: „Die FIA glaubt, dass die Austragung eines Grand Prix für die Überbrückung der Schwierigkeiten in Bahrain förderlich sein könnte“ (Obermaier 2.3.2012). Und Formel 1-Chefvermarkter Bernie Ecclestone tat die Proteste als „ein bisschen Gerangel“ ab (Ebenda).
Ein Sanitäter, der 2011 verletzten Demonstranten geholfen hatte und dafür ein halbes Jahr ins Gefängnis kam, sagte: „Die Rennwagen fahren über unser Blut“ (Brümmer 20.4.2012).
Amnesty International verurteilte die Vorgänge in Bahrain in einem aktuellen Bericht vom April 2012 heftig. Der Generalsekretär von Amnesty International Deutschland, Wolfgang Grenz, äußerte zum Grand Prix: „Amnesty International rät der Formel 1, Bahrain weiträumig zu umfahren. 2011 ist es dort zu schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen gekommen. Mindestens 47 Menschen, die friedlich demonstrierten, sind getötet worden… Viele Demonstranten sind heute noch in Haft. Und bis heute gibt es bei Protestaktionen immer wieder Tote und Verletzte. Eine Absage des Rennens wäre ein Signal, dass die Lage weiter besorgniserregend ist“ (Hofmann 12.4.2012). Ärzte ohne Grenzen berichteten, dass die aktuell verletzten Demonstranten kaum noch staatliche Krankenhäuser in Anspruch nehmen: „aus Angst, dort diskriminiert, schikaniert, und absichtlich schlecht behandelt zu werden“ (SZ 16.4.2012). Joe Stork von Human Rights Watch äußerte zum Grand Prix in Bahrain: „Für mich ist das ein schreckliches Klima, um ein festliches Sportereignis stattfinden zu lassen“ (Formel 1 fährt in Bahrain, in SZ 14.4.2012).
Die Demonstranten erklärten die drei Renntage zu „Tagen des Zorns“ (Brümmer, Avenarius 21.4.2012).

Konzerne und Sponsoren
Aber der Nahe Osten ist ein wichtiger Markt für Autohersteller und Sponsoren. Der Gesamtumsatz des Grand Prix in Bahrain soll bei 600 Millionen Dollar liegen (Avenarius 31.10.2009).
Auf dem Rennanzug von Michael Schumacher stehen: Deutsche Vermögensberatung, PETRONAS, Mercedes-Benz, Autonomy, Navyboot, E@POSTBRIEF, Aabar, Allianz, Pirelli, MIG Bank (Brümmer 21.4.2012). Die Boliden sind ähnlich bepflastert – fernsehtauglich. Der Schriftzug auf der Kappe des Ex-Rennfahrers Niki Lauda kostete vor 25 Jahren etwa 200.000 Euro pro Jahr; inzwischen liegt er bei etwa 1,2 Millionen Euro (SZ 9.7.2010).
Bei den hohen Summen der Sponsoren werden Bedenken gegenüber autoritären Regimen und Diktaturen von den Motorsport-Funktionären schnell beiseite geschoben. Der Präsident des Automobilweltverbandes FIA, Jean Todt, formulierte dies vermeintlich pragmatisch: „Das Rennen wird so stattfinden. Es steht so im Kalender. Die FIA ist eine Sportorganisation. Wir interessieren uns für den Sport“ (Sender meiden Bahrain, in SZ 16.4.2012).
Originalton des Formel-1-Chefs Bernie Eccelestone: „Wir mischen uns nicht in Politik oder Religion ein. Wir gehen dorthin“ (Brümmer, Elmar, „Wir gehen dorthin“, in SZ 13.4.2012). Es sei nicht die Aufgabe der Formel 1, „zu entscheiden, wie die Leute ihr Land führen“ (Sender meiden Bahrain, in SZ 16.4.2012).
René Hofmann schrieb dazu in der SZ: „Angesichts von Tränengaswolken und Bildern von angeschossenen Kindern ist es mehr als zynisch, wenn Formel-1-Vermarkter Bernie Ecclestone behauptet, in Bahrain gehe es demokratischer zu als in manch anderen Ländern. Und alles sei ruhig und friedlich“ (Hofmann 14.4.2012).
Das ist leider ein weiterer Beweis für die Affinität Internationaler Sportverbände mit autoritären Regimes und Diktaturen. Vergleiche im Kritischen Olympischen Lexikon IOC und Diktaturen: hier

Renn-Teams und Rennfahrer
Eine der wenigen kritischen Einwände kam im Frühjahr 2011 von Ex-Weltmeister Damon Hill: „Wenn die Formel 1 in Bahrain fährt, wird sie immer den Schatten tragen, mit den repressiven Methoden zum Erhalt der Ordnung in Verbindung zu stehen“ (Avenarius 4.6.2011).
Im Jahr 2012 ist nichts in der Richtung zu hören. „Auch wenn Bomben explodieren und die Polizei gegen Protestierer vorgeht: Fahrer und Verantwortliche der Formel 1 schauen weg, weil finanziell zu viel auf dem Spiel steht“ (Ahrens 19.4.2012). Die Rennställe und ihre Fahrer halten den Mund: „Wegducken, schweigen: Auch den Stars der Branche – von Sebastian Vettel über Michael Schumacher bis hin zu Lewis Hamilton – ist kein Kommentar zu entlocken, ob ein Rennen unter solchen Umständen nicht deplatziert sei“ (Ebenda). Dann sagte doch der eine oder andere etwas.
McLaren-Chef Martin Whitmarsh: „Letztlich sind wir ein Renn-Team. Wir sind hier, um ein Autorennen zu fahren, das ist unsere höchste Priorität“ (spiegelonline 20.4.2012; an MacLaren ist der Staat Bahrain zu etwa 50 Prozent beteiligt, siehe unten). Mercedes-Chef Norbert Haug stimmte umgehend zu.
Sebastian Vettel: „Unser Job ist der Sport, sonst nichts“ (Ebenda; das hätte man auch 1936 sagen können). – „Wir wollen in Bahrain fahren. Kümmern wir uns nicht um Sachen, die uns nichts angehen“ (Leidholdt 5.4.2014). Vettel bezeichnete die Lage in Bahrain noch als „großen Hype“. Darauf schrieb der britische Independent: „Ist noch irgendwas von diesem alten Klischee eines moralischen Kompasses übrig?“ und bezeichnete Vettel als „schändlichen Mann“ (spiegelonline 21.4.2012).
Chefvermarkter Bernie Ecclestone äußerte: „Wir sind nicht hier, um uns in dier  Politik einzumischen“ (Ebenda; das hätte man auch 1936 sagen können). Ecclestone war auch 2011 bereit, trotz der Unruhen des arabischen Frühlings in Bahrain das Rennen durchzuführen und äußerte, er sehe keine politischen Probleme: „Es gibt dort viele nette Leute“ (Avenarius 4.6.2011).
Red-Bull-Teamchef Christian Horner: „Die Formel 1 ist ein Sport. Es ist falsch, sie politisch zu benutzen“ (spiegelonline 21.4.2012; was macht das Königshaus von Bahrain anderes?).
FIA-Präsident Jean Todt: „Die Formel 1 ist eine starke Marke. Alle, mit denen ich im Fahrerlager gesprochen habe, sind sehr glücklich. Man sagte mir sogar, dass es ein Fehler gewesen wäre, wenn wir nicht hierher gekommen wären“ (Brümmer, Zekri 23.4.2012).
Die britische Zeitung The Observer stellte dazu fest, dass sich Ecclestone und Todt aufführen würden wie die Bürgermeister einer Spielzeugstadt (Ebenda).
Für die beiden ist die ganze Welt eine Spielzeugstadt – die sie kaputt machen.

Das Werbeplakat für den Grand Prix in Bahrain April 2012 zeigt einige Helden des Motorsports mit dem zynischen Text: „The Battle Begins“! Die Schlacht beginnt (Brümmer). Sicherheitskräfte parkten an der Zufahrtsstraße zum Rennkurs Dutzende gepanzerter Fahrzeuge; an der Straße wurde Stacheldraht installiert (sueddeutsche SZ 21.4.2012). „Da teilte Fernando Alonso über Twitter mit, welche Musik er auf dem Weg zur Rennstrecke gehört hatte. Sein Ferrari-Team meldete auf dem gleichen Kanal kurz darauf, bei der Anfahrt habe es ‚keine besonderen Vorkommnisse gegeben‘. Journalisten, die nur wenig später unterwegs waren, zählten aber mehr als 80 Polizeiautos und berichteten von waffenstarrenden Patrouillen“ (Hofmann 23.4.2012).
In der Nähe der Rennstrecke protestierten Demonstranten gegen das sunnitische Königshaus und für die Freilassung von al-Chawaja. Am 21.4.2012 wurde nach Zusammenstößen ein Demonstrant tot aufgefunden (spiegelonline 21.4.2012).
Die Formel 1 wurde von den Demonstranten mit „Formula Gun“ und „Kopf in den Sand“ verspottet (Brümmer, Zekri 23.4.2012).

Am Sonntag, den 22.4.2012 wurde dann – unter größten Sicherheitsvorkehrungen – das Rennen durchgeführt. Die Besucher feierten die Rennfahrer. Die Motorjournalisten berichteten brav über den Rennverlauf. Die Fernsehsender übertrugen stundenlang. Ecclestone bekam Millionen überwiesen. Business as usual…
Vergleiche im Kritischen Olympischen Lexikon auch: Event

Was der Premierinister von Bahrain erzählt
1971 wurde Premierminister Prinz Chalifa Bin Salman Al Chalifa von seinem Bruder in das Amt des Premierministers berufen – und hat seitdem diese Position inne. Zum Formel 1-Rennen 2012 äußerte er im Spiegel-Interview (Mekhennet 28.4.2012):
„Ich bin sehr froh, dass dieses Rennen stattgefunden hat… Es war ein glücklicher Event für alle Bahrainer.“
Auf die Frage nach der Opposition. „Wir reden hier von Leuten, die wir in der modernen Welt als Terrorgruppe bezeichnen würden.“
Zu den Demonstrationen gegen die Regierung und den König: „Aber wir haben noch nicht all unsere Kräfte eingesetzt. Wir hatten bisher sehr viel Geduld mit der Opposition.“
Zum Opositionellen
Abd al-Hadi al-Chawadscha: Sein Zustand ist nicht so schlecht, wie Sie  es darstellen.“
Zur Unterdrückung der schiitischen Mehrheit von 75 Prozent: „Wir haben sunnitische und schiitische Minister, wir haben Schiiten, die sehr reich sind.“
Zur Frage, warum er bereits seit 1971 regiere: „Na und? Demokratische Systeme unterscheiden sich.“

Formel 1 arabisch?
René Hofmann hat in der SZ eine interessante Zusammenstellung über die Besitzverhältnisse in der Formel 1 zusammengestellt (Hofmann 19.4.2012). „Eine der treibenden Kräfte hinter dem Projekt war stets Kronprinz Salman bin Hamad Al-Chalifa“ (Ebenda).
150 Millionen Dollar hat die Rennstrecke gekostet, die zu hundert Prozent dem Konzern Mumtalakat gehört. Dieser wurde 2006 auf Veranlassung von König Hamad bin Isa al-Khalifa gegründet. 2010 beteiligte sich der Konzern an der McLaren Group, der das gleichnamige Formel-1-Team gehört. Derzeit hält Mumtalakat vermutlich 50 Prozent. Als Ergebnis äußerte der Chef des McLaren-Teams, Martin Whitmarsh, dieser Tage dann wenig überraschend, dass McLaren zum Grand Prix in Bahrain 2012 stehe.

Weitere arabische Beteiligungen: Der Formel-1-Rennstall Williams hat ein Technologiezentrum im Emirat Katar. Die Investmentfirma Aabar aus Abu Dhabi war bis Mitte April 2012 nach eigenen Angaben ein „maßgeblicher Anteilseigner“ des 2009 formierten Mercedes-Teams; Niki Lauda wirbt für das Unternehmen seit September 2011. Aabar ist auch an der Falcon Private Bank beteiligt, die das Formel-1-Team Toro Rosso sponsort. Ferrari kooperierte mit der Mumbada Development Co. des Emirats Abu Dhabi, wo auch ein Ferrari-Freizeitpark gebaut wurde.
Die Vereinigten Emirate und Bahrain haben – im Gegensatz zu Deutschland – einen Sitz im World Motor Sport Council. Ein Königssohn aus Bahrain ist für den weltweiten Kartsport zuständig, ein anderer ist Partner bei ART Grand Prix, einem Team der Nachwuchs-Rennfahrer, dem auch Nicolas Todt angehört. Dessen Vater Jean Todt ist FIA-Präsident und natürlich auch ein Fürsprecher des Grand Prix in Bahrain 2012, siehe oben.
Wem gehört die Welt? Zum Beispiel den Ländern, die über Öl- und Erdgasvorkommen verfügen sowie den Automobilkonzernen und Sponsoren. Ihnen sind Probleme wie Klimaerwärmung und zu Ende gehende fossile Rohstoffe egal. Sie setzen mit ihren Aktivitäten im Motor-„Sport“ vollkommen falsche Signale. Und Motorsport-Funktionäre ignorieren die Gewalttätigkeit des Bahrain-Regimes und machen nicht einmal den geringsten Versuch, die Einhaltung von Menschenrechten einzufordern. Geld regiert die Welt…

Nachtrag 1, Mai 2012:
Mitte Mai 2012 nahmen Polizisten einen elfjährigen schiitischen Jungen fest, der „Teilnehmer einer Demonstration“ gewesen sei: Ali Hasan hätte mit Müllcontainern und Holzteilen eine Straße blockiert. Nach vier Wochen Gefängnis wurde er vor Gericht gestellt. „Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International und Human Rights Watch erheben schwere Vorwürfe gegen Bahrains Sicherheitskräfte: Sie hätten den schiitischen Jungen stundenlang ohne einen Anwalt befragt“ (Hebel 20.6.2012).
„Fast täglich gehen die Menschen gegen ihre Regierung auf die Straße, darunter viele Jugendliche. Sie fordern mehr Demokratie, mehr Menschenrechte – und werden dafür verprügelt, verhaftet und auch gefoltert… 700 politische Gefangene sitzen nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen in Bahrains Gefängnissen“ (Ebenda). Die vom König versprochenen Reformen blieben aus: „Alle Schlüsselstellen in der Regierung sind weiterhin in der Hand der Herrscherfamilie“ (Ebenda).
Anfang Juli 2012 entschied ein Gericht, dass der Elfjährige nicht ins Gefängnis muss. Er darf zu seiner Familie zurückkehren, wird aber ein Jahr lang von einem Sozialarbeiter überwacht (spiegelonline 5.7.2012).

Nachtrag 2, Dezember 2012:
Einer der bekanntesten Bürgerrechter Bahrains, Nabeel Rajab, wurde von einem Berufungsgericht in Manama wegen „Anstiftung zu illegalen Kundgebungen“ zu zwei Jahren Haft verurteilt. Er war im August 2011 festgenommen und im Gefängnis schwer misshandelt worden. Seine Frau gab  ab, die Behörden hätten ihm tagelang „Medizin gegen Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen vorenthalten. Nabeel Rajab war bis zu seiner Inhaftierung Leiter des Gulf Centre for Human Rights… Neben Rajab befinden sich mittlerweile Tausende Menschenrechtler in Bahrain in Haft. Im vergangenen Jahr war der Gründer des Bahrain Centre for Human Rights, Abdulhadi al-Khawaja, zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden“ (Klüver 17.12.2012). Seit Beginn der Proteste im Februar 2011 sind über 60 Menschen ums leben gekommen. „Amnesty International beklagt, dass die staatliche Repression wieder weiter zugenommen hat“ (Ebenda). Die USA geraten im eigenen Land unter Druck, mehr gegen die staatliche Willkür in Bahrain zu tun. Allerdings: „Das kleine Königreich ist Stützpunkt der fünften US-Flotte – und damit eine der wichtigsten Basen in möglichen militärischen Auseinandersetzungen mit Iran“ (Ebenda).

Nachtrag 3, April 2013: Ecclestone bekommt wieder nichts mit
Vor dem Formel-1-Rennen am 21.4.2013 in Bahrain äußerte Ecclestone: “Was ist passiert, sie demonstrieren? Davon weiß ich nichts. Niemand demonstriert dort” („Niemand demonstriert in Bahrain“, in spiegelonline 15.42013). – “In der Nacht auf Freitag war die Polizei mit Tränengas gegen einige Hundert Demonstranten vorgegangen. ‚Euer Rennen ist ein Verbrechen‘, skandierten die Protestierenden und warfen mit Molotow-Cocktails auf die Vertreter des Staatsmacht. Unter der Woche hatte Human Rights Watch bereits berichtet, dass die Polizei 20 Regierungsgegner in den Städten nahe des Sakhir Circuits verhaftet hatte. Die größtenteils schiitische Opposition ruft im Vorfeld des Rennens unter dem Motto “Demokratie ist unser Recht” zu gewaltfreien Protesten auf” (Ebenda). „80 Menschen sind in dem kleinen Land seit dem Ausbruch des arabischen Frühlings Anfang 2011 ums Leben gekommen. Allein in diesem Monat sollen bisher rund 100 Aktivisten eingesperrt und 30 verletzt worden sein“ (Ecclestone vollzieht Kehrtwendung, in spiegelonline 16.4.2013). Sodann verstieg sich Ecclestone kurz vor dem Rennen in einem Brief an Menschenrechtsorganisationen zu der Behauptung: „Es ist eine große Schande, dass ich davon nicht schon vor September 2012 erfahren habe, als der Formel-1-Kalender erstellt wurde. Jetzt ist es zu spät, noch Änderungen vorzunehmen“ („Vulkan des Zorns“, in SZ 19.4.2013).
Das ist eine mehr als dreiste Lüge: Ecclestone können die Proteste vom April 2012 überhaupt nicht entgangen sein – er war vor Ort.
– Bahrainer protestieren. „Zuletzt zogen Hunderte Menschen durch die Straßen und skandierten Parolen wie ‚Nein zur Diktatur‘  und ‚Nein zur Formel 1’… Doch die Verantwortlichen tun so, als ginge sie der Konflikt nichts an. ‚Wir sollten nicht in politische Belange hineingezogen werden. Wir sollten dorthin fahren, das Rennen absolvieren und konzentriert sein‘, sagte etwa Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost. Die Formel 1 sei Unterhaltung… Allein in diesem Monat sollen rund 100 Aktivisten eingesperrt und 30 verletzt worden sein“ (Ausschreitungen vor Formel-1-Rennen, in SZ 17.4.2013). – „Die Demokratiebewegung in Bahrain ist nicht wirklich vorangekommen. Die Berichte über Menschenrechtsverletzungen halten an. Das Rennen ist weiter in den Händen des Herrscher-Clans, der sich entschlossen an die Macht klammert und das einzige Sportereignis von internationalem Rang des Landes nutzt, um der Welt seine anhaltende Potenz zu demonstrieren“ (Hofmann, René, Das Schweigen der Lärmer, in SZ 18.4.2013). Die Demonstranten skandierten „Nein zur Blut-Formel-1“ und „Euer Rennen ist ein Verbrechen“. Für den 19.4. war eine Demonstration angekündigt mit dem Motto: „Vulkan des Zorns“ („Vulkan des Zorns“, in SZ 19.4.2013). Der Präsident der FIA, Jean Todt, wiegelte in einem Brief an das Bahrain Youth Center for Human Rights und andere Menschenrechtsorganisationen ab, dass „die Formel 1 einen positiven und heilenden Effekt in Situationen haben kann, in denen Konflikte, soziale Unruhen und Spannungen Leid verursachen“ (Ebenda).
Todt behauptet hier das selbe wie der „Olympische Gedanke“: Dabei verschärfen FIA und IOC die sozialen Spannungen weiter.

– Parlamentarier protestieren. Eine Gruppe britischer Parlamentsabgeordneter forderte in einem offenen Brief Teams, Fahrer, Sponsoren und die übertragenden Fernsehsender auf, das Rennen abzusagen. Der Vorsitzende der „All Party Parliamentary Group for Democracy in Bahrain“, Andy Slaughter, schrieb: „Ich denke, die meisten demokratisch gesinnten Menschen wären entsetzt, wenn Sie (Ecclestone) Bahrain trotz grausamster Menschenrechtsverletzungen erlauben würden, Teil der Formel-1-WM zu sein“ (Brief aus dem Parlament, in SZ 18.4.2013). MdB Viola von Cramon, sportpolitische Sprecherin und Volker Beck, Sprecher für Menschenrechtspolitik
von Bündnis 90/Die Grünen, forderten: „Der Glanz von Sportgroßveranstaltungen darf  nicht über die wahren Zustände hinwegtäuschen“ (Ebenda). Sie forderten, dass diese nur der austragen dürfe, der Menschenrechte einhält. „Zum Thema ‚Menschen- und Bürgerrechte bei Sportgroßveranstaltungen stärker berücksichtigen‘ haben sie einen Antrag gestellt, der am 15. Mai in einer öffentlichen Anhörung im Sportausschuss behandelt wird“ (Ebenda). – Amnesty International forderte die Beteiligten zum Protest auf. – – “Vor dem Formel-1-Rennen in Bahrain ist ein TV-Team des britischen Senders ITV gezwungen worden, das Land zu verlassen. Die Journalisten wurden am Freitag des Königreichs verwiesen, ‘um die nationale Sicherheit zu gewährleisten’, wie es in einer Mitteilung hieß. Die Briten hatten Demonstrationen gefilmt” (Reporter raus! in SZ 22.4.2013).

Nachtrag 4: Folter-Vorwürfe gegen Bahrain-Prinz
Prinz Nasser bin Hamad al-Khalifa (27) ist Turnierreiter, Chef der königlichen Palastwache, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees und Chef des Obersten Rates für Jugend und Sport in Bahrain (Gehlen, Martin, Foltervorwürfe gegen Prinz von Bahrain, in swp.de 9.10.2014). Da er der Viertgeborene ist, genießt er keine Immunität – und Scotland Yard darf gegen ihn wegen Foltervorwürfen im Frühjahr 2011 ermitteln. Er soll u. a. einen im Gefängnis  sitzenden gefesselten, wehrlosen Kleriker (zu 96 Jahre Haft verurteilt) verprügelt haben, einen alten Geistlichen (15 Jahre Haft) ließ er sieben Tage schwer foltern und einen 63 Jahre alten Menschenrechtler soll er mit einem Schlauch verprügelt haben, bis dieser zusammenbrach (Ebenda). “In den gleichen Tagen hatte Prinz Nasser als Präsident des Nationalen Olympischen Komitees in einem Interview alle Sportler des Landes, die sich an den Demonstrationen beteiligten, beschimpft und bedroht. “Ihr werdet uns nicht entkommen, Bahrain ist eine überschaubare Insel. Jeder, der den Sturz der Regierung fordert, dem wird eine Mauer auf den Kopf fallen.” Unmittelbar danach begann eine Hetzjagd auf prominente Sportler, mehr als 150 Athleten wurden verhaftet, gefoltert, von ihren Arbeitgebern gefeuert oder vom Verband gesperrt” (Ebenda).

Nachtrag 5: Im Zweifelsfall Ausbürgerung
Nabil Radschab leitet das Zentrum für Menschenrechte in Bahrain: Da er an Demonstrationen teilnahm, wurde er für über zwei Jahre im Gefängnis gebracht. Im August 2014 wurde er erneut verhaftet – wegen Beleidigung staatlicher Institutionen drohen ihm nun drei Jahre Haft. Zeinab al-Khawadscha zerriss öffentlich ein Foto des Königs – ihr drohen bis zu sieben Jahre Haft. Ihr Vater wurde 2011 zu lebenslänglicher Haft verurteilt, ihre Schwester floh ins Exil nach Dänemark. „Insgesamt gehen Menschenrechtsorganisationen von mehreren Hundert politischen Gefangenen in Bahrain aus – für ein kleines Land mit nur rund 600.000 Staatsbürgern ist das sehr viel. Zudem können Bürger seit dem Sommer sogar aus dem Land geworfen werden, wenn sie ihrer ‚Pflicht zur Loyalität‘ nicht ausreichend nachkommen. Und die Regierung meint es ernst. Schon im November 2012 wurde 31 Menschenrechtsaktivisten und schiitischen Geistlichen die Staatsbürgerschaft entzogen. wer sich zu diesem Zeitpunkt außer Landes aufhielt, konnte plötzlich nicht mehr nach Hause. Wer sich in Bahrain aufhielt, galt über Nacht als Ausländer“ (Salloum 2.11.2014).

Nachtrag 6: Bahrain 2015 – wie gehabt
Am 19.4.2015 fand in Bahrain wieder das Formel-1-Rennen statt. Kurz zuvor war von der Formel 1 ein Papier unterschrieben worden, das die Achtung der Menschenrechte in ihre Leitlinien aufnahm. Wie viel dies im Fall Bahrain wert ist, zeigte der Vorfall kurz vor dem Rennen 2015: „Sie kamen nachts und nahmen mit, so viel sie tragen konnten. Handy, Computer, ja sogar einige Fotoalben schleppten die bahrainischen Sicherheitskräfte aus dem Wohnhaus, in das sie vor zwei Wochen eingefallen waren wie eine Spezialeinheit in eine von Geiselgangstern besetzte Bank. Nabeel Rajab, dem Ziel ihrer Operation, legten sie Handschellen an, nachdem sie ihn aus dem Schlaf gerissen hatten, und warfen ihn ins Gefängnis. Der wichtigste Menschenrechtsaktivist des Königreichs am Persischen Golf hatte öffentlich kritisiert, dass Häftlinge in Bahrain gefoltert werden. Seitdem hat niemand mehr etwas von ihm gehört. (…) ‚Die Formel 1 verschlimmert die Situation regelmäßig, weil das Rennen die Ursache von Menschenrechtsverletzungen ist‘, sagt Maryam al-Khwaja im Gespräch mit der ‚Welt am Sonntag‘. Die 27-Jährige ist die Stellvertreterin von Nabeel Rajab an der Spitze des Menschenrechtszentrums von Bahrain. Derzeit lebt sie im Exil in Dänemark, eine Einreise in das Königreich, das in etwa so groß ist wie die Hansestadt Hamburg, wäre zu gefährlich: ‚Wir haben weiterhin viele Probleme in Bahrain. Willkürliche Festnahmen, Razzien, Überwachung.‘ (…) Dass ihr Kollege ausgerechnet kurz vor dem sportlichen Highlight des Jahres, das regelmäßig das Interesse der Weltöffentlichkeit auf Bahrain lenkt, verschleppt wurde, ist in ihren Augen kein Zufall: ‚Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen der Festnahme von Nabeel Rajab und dem Rennen. Er sollte mundtot gemacht werden'“ (Pausch, Simon, Jedes fünfte Formel-1-Rennen wäre gefährdet, in welt.de 19.4.2015).

Vergleiche auch im Kritischen Olympischen Lexikon: Motorsport; Formel-1-Rennen in Putin-Russland

Quellen:
Ahrens, Peter, Motoren übertönen Granaten, in spiegelonline 19.4.2012
Avenarius, Tomas
– Ein sündhaft teurer Ring, in SZ 31.10.2009
– Großer Preis für Bahrain, in SZ 4.6.2011
Brümmer, Elmar
– „Wir gehen dorthin“, in SZ 13.4.2012
– Allenthalben Alarmbereitschaft, in SZ 20.4.2012
– Der süße Punkt, in SZ 21.4.2012
Brümmer, Elmar, Avenarius, Tomas, Rennwagen und Schützenpanzer, in SZ 21.4.2012
Brümmer, Elmar, Zekri, Sonja, Späte Richtungsänderung, in SZ 23.4.2012
Dobson, William J., Diktatur 2.0, München 2012
Elfjähriger „Staatsfeind“ darf heim zu Mama, in spiegelonline 5.7.2012
Erster Toter bei Protesten in Bahrain, in spiegelonline 21.4.2012
Formel 1 fährt in Bahrain, in SZ 14.4.2012
Formel 1 meidet Bahrain, in SZ 11.6.2011
Fromm, Thomas, Formel 1 auf dem Parkett, in SZ 22.3.2012
Hagelüken, Alexander, Slavik, Angelika, „Ich habe keine Freunde. Was sind überhaupt Freunde?“ in SZ 9.7.2010
Hebel, Christina, Staatsfeind mit elf Jahren, in spiegelonline 20.6.2012
Hofmann, René
– „Weiträumig umfahren“, in SZ 12.4.2012
– Rennen und Rebellion, in SZ 12.4.2012
– Tod und Spiele, in SZ 14.4.2012
– Der Königssohn investiert, in SZ  19.4.2012
– Schneller, höher, kritischer, in SZ 23.4.2012
Klüver, Reymer, Weggesperrt, in SZ 17.12.2012
Leidholdt, Ulrich, Als wäre nichts gewesen, in deutschlandfunk.de 5.4.2014
Mekhennet, Souad
– „Geht auf die Straße!“ in spiegelonline 20.4.2012
– Bahrains Premier vergleicht Opposition mit Terroristen, in spiegelonline 28.4.2012
„Niemand demonstriert in Bahrain“, in spiegelonline 15.4.2013
Obermaier, Frederik
– Rasen statt wählen, in SZ  2.3.2012
– Abdehhadi al-Chawadscha, Regimekritiker im Hungerstreik gegen Bahrains Könighaus, in SZ 17.4.2012
– Prinz in Feierlaune, in SZ 21.4.2012
Proteste fordern erstes Todesopfer, in sueddeutsche.de 21.4.2012
Reformen in Bahrain, in SZ 4.5.2012
Salloum, Raniah, Wer unbequem wird, fliegt raus, in spiegelonline 2.11.2014
Sender meiden Bahrain, in SZ 16.4.2012
Zekri, Sonja, Hunger nach Freiheit, in SZ 12.4.2012