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London 2012: Olympische Militär-Sommerspiele

20.12.2011, aktualisiert 17.1.2012
Die Sicherheitskosten für Olympische Winterspiele
Die Sicherheitskosten für die Olympische Sicherheit bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver sollten bei unter 200 Millionen Kanadischer Dollar liegen. Die endgültigen Kosten lagen dann je nach Berechnungen bei über 700 Millionen Kanadischer Dollar (rund 500 Millionen Euro).

Und was gab die Bewerbungsgesellschaft München 2018 als Kosten für Sicherheit an? 33 Millionen Euro – für die privaten Sicherheitskräfte in den Stadien. Denn Polizei, Grenzschutz und Militär “werden ja sowieso bezahlt”, so die offizielle Begründung der absurd niedrigen Summe.
Auch aus diesem Grund können wir froh sein, dass München 2018 nicht stattfindet.
Siehe auch hier.

Die Sicherheitskosten für London 2012
Die Vergabe der Olympischen Sommerspiele 2012 durch das IOC an London erfolgte am 6.7.2005: genau einen Tag vor den verheerenden islamistischen Anschlägen auf die Londoner Verkehrsbetriebe mit 52 Toten (Leithäuser 12.1.2012).
Die Schätzungen für die Sicherheitskosten der Olympischen Sommerspiele in London 2012 begannen bei 213 Millionen Pfund (etwa 250 Millionen Euro). Dann stiegen die Kosten zunächst auf 600 Millionen Pfund (etwa 705 Millionen Euro).  Doch nun reichte dem Organisationskomitee die Zahl von 10.000 Sicherheitsleuten nicht mehr: Das LOCOG forderte noch zusätzlich 6000 Soldaten an. Allein diese Aufstockung kostet weitere 100 Millionen Pfund. Der Stand Anfang November 2011: “Alles zusammen könnte die Veranstaltung auf über eine Milliarde Pfund (über 1175 Millionen Euro; W.Z.) steigen” (Soldaten für Olympia, in SZ 5.11.2011).
Anfang Dezember lagen die Kosten für Sicherheit von London 2012 schon bei 1,1 Milliarden Pfund (ca. 1,3 Milliarden Euro) (telegraph.co 5.12.2011; Kirka 5.12.2011).

London 2012 erwartet 15.000 Athleten und 20.000 akkreditierte Journalisten, dazu die zahllosen Sportfunktionäre und die unzählige „Olympische Familie“ – bar jeder Familienplanung. Die Sicherheitsfrage treibt merkwürdige Blüten: „So soll es britischen Polizisten gelungen sein, erfolgreich eine Bombenattrappe auf das Olympiagelände zu schmuggeln“ (Polizei schmuggelt Bombenattrappe auf Olympiagelände, in spiegelonline 9.1.2012).

Olympischer Militäreinsatz
Nicht nur wegen der zahlreich teilnehmenden Sportsoldaten kann man von Militärfestspielen sprechen. Das Sicherheitspersonal wurde Mitte November 2011 auf 21.000 Personen erhöht. Anfang Dezember 2011 war schon von insgesamt 23.700 Sicherheitskräften die Rede. In der Pressemitteilung des Britischen Verteidigungsministeriums vom 15.12.2011 wurden aufgeführt: insgesamt 13.500 Militärkräfte, davon 5000 zur Unterstützung der Polizei und ziviler Stellen, 1000 zur logistischen Unterstützung, 3.500 bis 7.500, um die Wettkampfstätten abzusichern, weitere Kräfte für die diversen Events. Dazu muss die Überwachung von Luftraum, Wasser und anderer Bereiche – und 150 Wettkampf- und Trainingsstätten – gewährleistet sein (sueddeutsche.de 1.12.2011;  sueddeutsche.de 15.12.2011; Britisches Verteidigungsministerium PM 194/2011, 15.12.2011).
Im Januar 2012 hat sich die Zahl der Sicherheitskräfte auf 35.500 gesteigert: 13.500 Militärs, 10.000 Sicherheitskräfte und 12.000 Polizisten (Leithäuser  12.1.2012; Wilson 11.1.2012).
Auf die Frage des Spiegel, warum das LOCOG im Sommer 2011 lediglich 10.000 Sicherheitskräfte angegeben habe, antwortete der Leiter des LOCOG, Sebastian Coe, das LOCOG hätte zu diesem Zeitpunkt „lediglich die Zahl derer angegeben, die direkt für die Sicherheit der olympischen Veranstaltungen benötigt werden. Erst seit wir im Detail kalkulieren können,  … arbeiten wir mit den höheren Zahlen“ (Hacke 9.1.2012).
Auch so ein olympischer Trick – wie schon bei München 2018 praktiziert: Zunächst wird nur das  private Sicherheitspersonal für die Stadien und Wettbewerbe benannt, und dann darf der Staat alles zur Verfügung stellen, was er aufbieten kann.
Dazu sollen inzwischen auch noch Boden-Luft-Raketen für die Olympische Sicherheit sorgen (merkur-online.de 14.11.2011).

Der Flugzeugträger HMS Ocean, das größte Schiff der Royal Navy, soll die Sicherheit des Luftraums mit Typhoon-Jets (Eurofighter) und Hubschraubern (Lynx- und Puma HC1-Hubschrauber) gewährleisten, das Flaggschiff der Royal Navy, die HMS Bulwark, soll die Segelwettbewerbe absichern. Das britische Verteidigungsministerium bemerkte, dass sich London 2012 auf einem ähnlichen Militär-Niveau bewegen würde wie bei vergangenen Olympischen Spielen (Gardham 15.12.2011). Ein  Zerstörer der Royal Navy  wird auf der Themse stationiert (Leithäuser 12.1.2012).
Der Sprecher kann sich hierbei nur auf die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking bezogen haben!

Die USA bringen 1000 eigene Sicherheitsbeamte nach London mit, darunter 500 FBI-Agenten (www.gamesbids.com 14.11.2011; welt.de 14.11.2011). Präsident  Obama will die Spiele besuchen. Der Guardian erinnerte in diesem Zusammenhang an den Besuch von Präsident George Bush im Jahr 2003, der die Stadt London offiziell über vier Millionen Pfund gekostet hat, obwohl Bush seine eigene bombensichere Limousine mitgebracht hatte. Der Guardian fragte in diesem Zusammenhang: “… wenn sie Hamburger essen und Cadillac fahren wollen und vom FBI bewacht werden möchten, sollten sie vielleicht besser zuhause bleiben”  (Guardian 14.11.2011; weltonline 14.11.2011; merkur-online 14.11.2011; SZ 15.11.2011).

Dazu kommen auch noch die britischen Polizeieinsatzkräfte. Ein Sprecher der Metropolitan Police äußerte, dass London 2012 der größte Einsatz der britischen Polizei in Friedenszeiten sein werde. Der Sprecher des Verteidigungsministeriums führte dazu aus, der Regierung sei klar, dass es sich um ein Sport– und Kultur-Event handle – und nicht um ein Sicherheits-Event (Britisches Verteidigungsministerium PM 194/2011, 15.12.2011). Sebastian Coe sah sich deswegen zu der Aussage verpflichtet: „Niemand soll das Gefühl bekommen, er sei in einer Hochsicherheitszone gelandet“ (Hacke 9.1.2012).
Aber natürlich werden sich alle Besucher, Sportler, Funktionäre samt der olympischen „Familie“ in einer Hochsicherheitszone befinden. Wie soll man diese denn anders nennen?
Natürlich sind Olympische Spiele inzwischen ein Event mit höchsten Sicherheitsstandards und nur in zweiter Linie ein Sportevent. Man muss feststellen, dass bei heutigen Olympischen Sommer- und Winterspielen ein militärisches und polizeiliches Aufgebot ohnegleichen zum Einsatz kommt, sodass die Wettkampfstätten zu Hochsicherheitstrakten werden. Dazu werden Überwachungstechniken und -praktiken eingesetzt, welche die zivilen Rechte der Bürger entscheidend einengen und beschneiden. Deshalb kann man Olympischen Spiele nicht als friedlich oder völkerverbindend darzustellen, wie es das IOC und der DOSB weiterhin tun.
Die Gleichung
Olympische Spiele = Militärfestspiele stimmt weit mehr.
Das gilt auch für andere Sport-Großereignisse wie die Fußball-Weltmeisterschaften. In Rio de Janeiro wurde Mitte November 2011 das Slum Rocinha mit etwa 100.000 Bewohnern von 3000 Sicherheitskräften mit Hubschraubern und Panzern geräumt: aus Gründen der Sicherheit für die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016.  (businessweek 14.11.2011, gamesbids 14.11.2011).

Die Gesamtkosten für London 2012
Diese Kosten stiegen – wie bei allen olympischen Spielen – steil an. Zu Beginn der Planung waren weniger als vier Milliarden Dollar angesetzt: Wenig später rechnete man bereits mit 19 Milliarden Dollar. Die damals zuständige Ministerin Tessa Jowell sagte 2008: „Wenn wir gewusst hätten, was wir heute wissen, hätten wir uns dann um die Spiele beworben? Mit Sicherheit nicht“ (Osborne, Alistair, Tessa Jowell: London 2012 Olympics was a mistake in light of recession, in Telegraph.co.uk, 12.11.2008)
Die 19 Milliarden US-Dollar des Jahres 2008 sind natürlich längst überholt. Aber auch hier trickst das LOCOG zwischen OCOG-Budget und Non-OCOG-Budget. Offiziell liegt das Durchführungsbudget derzeit bei 9,3 Milliarden Pfund; das Non-OCOG-Budget scheint recht flexibel.
Die Kosten für Sicherheit stiegen, wie schon oben erwähnt, von 213 Millionen Pfund auf – derzeit – über eine Milliarde Pfund. Kommentar des britischen Sportministers Hugh Robertson: “We’re just never going to get another moment like this” („Wir werden nie mehr einen solchen Augenblick bekommen”; Kirka, Danica, UK auditors warn Olympic budget is on the edge, in Associated Press 5.121011).
Mit dem Moment (drei Wochen) hat Mr. Robertson recht: Aber was für ein teurer Moment!

Kleiner Nebenposten: Die Kosten für das Eröffnungs- und Abschlussspektakel stiegen von 41 auf 81 Millionen Pfund.
Man gönnt sich ja sonst nichts!
Die englische Marathon-Weltrekordlerin Paulsa Radcliffe forderte an dieser Stelle, das Geld besser in die Nachwuchsförderung zu stecken. OK-Chef Sebastian Coe verteidigte die Sommerspiele als “weltweit einmalige Werbung für unser Land” und bemerkte dazu, dass vier Milliarden Menschen die Eröffnungsfeier am 27.7.2012 sehen würden.
Das wären mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung! Diese in den Raum geworfene Zuschauerzahl wird – wie schon bei früheren Olympischen Spielen – wieder nirgends verifiziert!

Der britische Sportminister Robertson hoffte gar, “dass viele Menschen in den kommenden Jahren nach Großbritannien zurückkehren, um hier Geschäfte zu machen oder den Tourismus zu beleben” (zeit.de 12.12.2011).
Wenn das mal bloss nicht danebengeht: siehe die Ausschreitungen London 2011!

Insgesamt stiegen einige Kostenposten wie folgt:
Sicherheit von 271 auf 1,1 Milliarden Pfund;
Eröffnungs- und Abschlusszeremonie von 41 auf 81 Millionen Pfund;
Landschaftsarchitektur des Olympischen Parks um 18 Millionen Pfund (The Telegraph 5.12.2011).

Dazu kommen die künftigen Unterhaltskosten der olympischen Anlagen, die den britischen Steuerzahler jedes Jahr zig Millionen kosten werden. Die Kosten für den Unterhalt des Olympia-Stadion sind vorerst noch unbekannt, da die Verhandlungen mit Nutzern andauern. Beim Radzentrum wird mit jährlichen Zuschüssen von 300.000 Pfund gerechnet. Und das Schwimmszentrum liegt bei Unterhaltskosten von sieben Millionen Pfund bei vier Millionen Pfund Einnahmen (Magnay 7.12.2011).

Und keine Begeisterung!
Zu allem Überfluss stimmt die Gleichung “mehr olympisches Geld für den Spitzensport = mehr Sportbegeisterung” gerade nicht (wie übrigens auch an anderen olympischen Austragungsorten festgestellt wurde). Damit verfehlte Großbritannien sein Ziel, viel mehr Menschen in den Breitensport zu bringen. Von einer Million zusätzlicher Sporttreibender sprachen die Sportfunktionäre: Gerade einmal 111.000 zählte der Vorsitzende von Sport England – und das mit diesem immensen Aufwand (Kelso 8.12.2011). Andere Quellen sprechen sogar von insgesamt rückläufigen Zahlen. Und die Zahl der 16 bis 19jährigen, die mindestens dreimal die Woche Sport treiben, ist von 930.400 auf 825.900 gesunken (news.bbc.uk 8.12.2011).
Einen Grund für die sinkende Sportbegeisterung nennt der “Schatten-Sportminister” Clive Efford: “Diese Regierung war vom ersten Tag an ein Desaster für den Sport – sie hat über 60 Prozent der finanziellen Mittel für den Schulsport gestrichen, und das ist nicht der Weg, um die künftige Teilnahme am Sport zu erhöhen und ein langlebiges Erbe der Olympischen Spiele zu gewährleisten” (Gibson 8.12.2011; Herborhebung W.Z.).
Das ist nicht verwunderlich: Der Spitzensport entzieht weltweit dem Breitensport die Mittel, und die Bevölkerung wird sportlich abgehängt.

Dazu kritisierten britische Medien häufig die Aussicht auf den olympischen VIP-Verkehr: luxuriöse Fahrzeuge der „Olympischen Familie“ auf speziellen „Olympic Lanes“ beim ohnehin schon überlasteten Londoner Verkehrssystem (Wilson 11.1.2012).
Mitte Dezember beschloss die Indian Olympic Association, gegen Dow Chemical als Sponsor von London 2012 beim IOC zu protestieren. “Es ist nicht akzeptabel, dass so ein Konzern ein Sponsor von Olympischen Spielen ist. Wir werden die Londoner Organisatoren auffordern, die Sponsorenschaft des Konzerns zu beenden.” Organisationsleiter Sebastian Coe hielt dagegen, er sehe sich in völligem Einklang mit Dow’s Rolle bei London 2012: “I feel comfortable” (The Guardian 15.12.2011).
Vergleiche auch hier.

Und die protestierendw Anwohnergruppe Nogoe (No to Greenwich Olympic Equestrian Event) kämpft gegen Reiten und modernen Fünfkampf im 600 Jahre alten Greenwich Park, ein Unsesco-Kultuererbe, wo auf 73 Hektar ein Reitstadion mit Arena, Abreiteplätzen, Ställen, Zeltstadt und einer Geländestrecke entstehen soll. Viele Bäume müssen radikal zurückgestutzt werden. Aus veranschlagten sechs Millionen Pfund wurden 43 – etwa 51c  Millionen Euro. Um auf dem hügeligen Gelände eine ebene Reitfläche zu bekommen, stehen Arena und Trainigsplätze auif 2100 Eisenstelzen. Nach den gesetzlichen Bestimmungen sind nur 20.000 Besucher im Greenwich Park erlaubt. LOCOG hatte im Dezember 2011 bereits 50.000 Karten für den „Geländetag“ verkauft; nun soll auf 70.000 erhöht werden (Pochhammer 27.12.2011).
Für 14 Tage olympische Party!

Quellen:
Brasileiro, Adriana, Ragir, Alexander, Rio Police Seize Biggest Slum in Pre-Olympics Safety Drive, in www.businessweek.com 14.11.2011
FBI soll US-Athleten  bei Olympia 2012 schützen, in welt.de 14.11.2011
Gardham, Duncan, Military to help out with Olympic 2012 security, in The Telegraph 15.12.2011
Gibson, Owen, Sport participation numbers fall despite Olympic legacy promises, in The Guardian 8.12.2011
Hacke, Detlef, „Eine kreative Stadt“, in Der Spiegel 2/9.1.2012
Indian Olymic Association to complain to IOC over Dow sponsorship, in The Guardian 15.12.2011
Kelso, Paul, London 2012 Olympics: Sport England to miss legacy target as Games fail to inspire youngsters, in The Telegraph 8.12.2011
Kirka, Danica, UK auditors warn Olympic budget is on the edge, in Associated Press 5.12.2011
Leithäuser, Johannes, Ein Kriegsschiff für Olympia? in faz.net 12.1.2012
London 2012 Olympics: how the costs of delivering the Games have changed, in telegraph.co 5.12.2011
London 2012 legacy targets dealt blow as youth participation falls, in news.bbc.uk 8.12.2011
London 2012: Coe verteidigt Kosten-Steigerung, in zeit.de 12.12.2011
Magnay, Jacquelin, London 2012  Olympics: Olympic Park venues will cost taxpayers millions every year to maintain, in The Telegraph 7.212.2011
Menden, Alexander, Lasst alle Glocken läuten, in SZ 5.11.2011
Military Support to 2012 Olympic Games announced, Britisches Verteidigungsministerium PM 194/2011, 15.12.2011
Olympia 2012: Boden-Luft-Raketen für Sicherheit in merkur-online.de 14.11.2011
Olympia – 2012: Olympia-Sicherheitsbudget könnte sich verdoppeln, in sueddeutsche.de 1.12.2011
Olympia – London: Soldaten und Kriegsschiffe sichern Olympia 2012, in sueddeutsche.de 15.12.2011
Olympische Winterspiele 2014: Kein Kostenanstieg, in SZ 15.9.2011
Pochhammer, Gabriele, Über Eichenlaub und Fallgruben, in SZ 27.12.2011
Security Concerns – Rio 2016, London 2012, www.gamesbids.com 14.11.2011
Soldaten für Olympia, in SZ 5.11.2011
USA will FBI schicken, in SZ 15.11.2011
Williams, Richard, Homeland security should be foreign concept for London Olympics, in guardian.co.uk 14.11.2011
Wilson, Stephen, USOC to resume talks with IOC; 2022 bid on hold, in AP 11.1.2012