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Die Sportpalast-Architekten

Wolfgang Zängl
7.8.2011, aktualisiert 21.11.2011

Vorbemerkung

Schon im 20., aber erst recht im 21. Jahrhundert gelten Sport-Prestigebauten wie Fußball-Arenen oder Olympiastadien als Symbole für Bedeutung, Macht, Wachstum, für Geld – und für Schulden. Sie werden von weltberühmten Architekten entworfen, deren Reputation mit solch gigantomanen Sportbauten – den sogenannten „kühnsten Bauten der Gegenwart“ – wächst. Oder mit den Worten von Enthusiasten ausgedrückt: „Es ist nur recht und billig zu sagen, dass die atemberaubenden skulpturalen Stadien des 21. Jahrhunderts die Äquivalente der mittelalterlichen Kathedralen darstellen“ (Gaines, Jäger S. 103).
Dieser Vergleich ist typisch für die Hybris von Medien und Industrie gegenüber Sport-Großbauten.

Die Sportpaläste sollen also für Modernität, Reputation, Prestige stehen, obwohl sie nach den Sportereignissen wie Olympischen Spielen oder Fußball-Weltmeisterschaften fast nicht mehr genutzt werden und kaum zu verantworten sind.

Denn oft genug müssen für diese Sportpaläste auch in demokratischen Ländern Gebäude und Stadtteile abgerissen und Menschen umgesiedelt werden. Und da das IOC Olympische Spiele häufig an „demokratieferne“ Länder vergeben hat und vergibt – wie in jüngster Zeit an China (Peking 2008) und Russland (Sotschi 2014), werden Sportpaläste dort ohne demokratische Entscheidungen und Strukturen gebaut: mit allen Nachteilen für die Bevölkerung, die Ökologie und die Ökonomie.
Ein vorläufiges Fazit der Sportpaläste könnte sein:
a) Sportpaläste sollten ursprünglich große Ansammlungen von Besuchern sportlicher, aber auch kultureller und politischer Veranstaltungen aufnehmen können.
b) Autoritäre politische Massenbewegungen bemächtigten und bemächtigen sich der Sportpaläste, die deren Absichten in ihrer Gigantomanie dienten – und dienen.
c) Architekten von Weltgeltung entdecken den umsatzstarken Stadion- und Arenenbau, der nun quasi wertfrei als Architektur für alle Staatsformen zur Verfügung gestellt wird – mit einem „maximalen Gänsehautfaktor“ (Paul Henry, Architekt bei HOK Sport, in Gaines, Jäger S. 103).
d) Die Sportpaläste werden weltweit im Vierjahresrhythmus Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften ökonomisch aufwändigst produziert und nach den Wettkämpfen fast nicht mehr genutzt – mit hohen Folgekosten. Oder sie werden für wenige Wochen Sportereignisse temporär errichtet.

In jedem Fall sind diese gigantischen Sportbauten angesichts Klimaerwärmung und zu Ende gehender fossiler Rohstoffe im 21. Jahrhundert nicht mehr zu verantworten.
Deshalb hat das Thema „Sportpaläste“ mit NOlympia zu tun. Damit soll nicht gegen Moderne Architektur per se argumentiert werden.

Der Sportpalast

Wie die Geschichte zeigt, können Sportpaläste durch ihre Gigantomanie auch ganz anderen und sportfernen Zwecken dienen. Der 1910 vom Architekt Hermann Dernburg erbaute Berliner Sportpalast bot bis zu 10.000 Menschen Platz. Er war zunächst die Bühne für Sportveranstaltungen wie Sechs-Tage-Rennen, Eisschnelllauf, Eishockey, Boxkämpfe etc., aber auch für kulturelle Veranstaltungen. In der Weimarer Republik fanden dort immer häufiger Parteitage und politische Veranstaltungen statt.
„Zu Beginn der dreißiger Jahre zeigten die Nationalsozialisten, wofür sich Sportstätten wie das Deutsche Stadion ebenfalls nutzen ließen, nämlich als Ort parteipolitischer Demonstrationen und militärischer Aufmärsche. So bei Hitlers Kundgebung am 27. Juli 1932 zum Abschluss seiner ‚Deutschlandflug‘ genannten Wahlkampfreise, und nach der sogenannten Machtergreifung beim am 21. Mai 1933 abgehaltenen Generalappell der ‚Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO)‘, (…) oder am 13. August 1933 beim SS-Appell, als die Kolonnen von SA und SS an ihren Führern Ernst Röhm und Heinrich Himmler vorbeimarschierten“ (Schäche, Szymanski S. 47).
„Goebbels erkannte früh das propagandistische Potential dieser Halle und bezeichnete sie als ‚unsere Tribüne’. Folgerichtig fanden nach der ‚Machtergreifung’ 1933 kaum noch Sportveranstaltungen statt: Der Sportpalast wurde die Bühne der NSDAP. Und nicht von ungefähr hielt Goebbels am 18. Februar 1943 im Sportpalast seine berüchtigte Rede, in der er zum „Totalen Krieg“ aufrief. In dieser berüchtigten Rede teilte Goebbels dem deutschen Sport in der Hauptsache die Aufgabe zu, Kräfte zu stählen und sie „in der großen Notzeit des Volkes zum Einsatz zu bringen“ (zitiert nach Bernett 1976, S. 94).
Ein weiterer Sport-Großbau war neben dem vom Architekten Werner March geplanten „Deutschen Sportforum“ (das spätere Reichssportfeld, vgl. zu den furchtbaren Ereignissen im März 1945 hier) das ebenfalls von March geplante Berliner Olympiastadion für 74.000 Besucher, das im August 1936 eröffnet wurde. Zunächst sollte das Deutsche Stadion für die Olympischen Spiele umgebaut werden. Hitler ordnete „wegen des zu erwartenden propagandistischen Effekts für das nationalsozialistische Deutschland im Oktober 1933 den Bau eines neuen Großstadions am gleichen Ort an… Das Stadionoval ist in etwa an der Ost-West-Achse der von Hitler und Albert Speer geplanten Welthauptstadt Germania ausgerichtet…“ (Wikipedia).

Das Berliner Olympiastadion wurde ab 2000 für die Fußball-WM 2006 bis 2004 nach Plänen von Gerkan, Marg & Partner modernisiert, siehe unten.

Sportbauten und Diktatoren

Autoritäre Regimes brauchen Podien zur Selbstdarstellung: große Hallen, Exerzierplätze, Aufmarschfelder. Monumentale Bauten wie der Sportpalast, aber auch große Sportstadien bieten sich bis heute als Bühne für Propagandazwecke an. Diese modernen Sportpaläste machen diverse Symptome autoritärer und diktatorischer Systeme sichtbar:

– Sie suggerieren durch ihre Größe Macht und Einfluss des Systems. Oder wie Friedbert Greif von Speer & Partner die Botschaft des Pekinger „Vogelnest“-Stadions beschrieb: „Macht. die Macht, es möglich zu machen“ (Gaines, Jäger S. 105).
– Zutritt haben nur Ausgewählte und Auserwählte, keine Oppositionellen.
– Schon die Platzverteilung ordnet das Machtgefüge: Die Elite ist nahe dem Vortragenden, Vorsitzenden, Leiter. Die Menge füllt die Ränge: säuberlich sortiert auch durch die Hierarchie bzw. die Platzpreise.
– Der versammelten Masse wird durch ihre schiere Ansammlung Stärke suggeriert; sie erleidet einen gewollten Verlust an Realitätsbewusstsein.
– Gleichzeitig wird der Einzelne unbedeutend. (Der Leitspruch der NS-Volksgemeinschaft lautete nicht von ungefähr: „Du bist nichts, dein Volk ist alles.“)
– Einige wenige haben die Deutungshoheit über Inhalt und Aussagen, über Mikrofon und Kamera.
– Die Übertragungsmöglichkeiten (zunächst Radio, dann Fernsehen) transportieren das im Saal gefühlte Allmachtsgefühl nach außen.
Aus diesem Grund bevorzugen auch heutige Herrscher überdimensionierte Sportbautenn und diktaturfreundliche Großstadien. Nicht nur das IOC bestellt sie, lässt sie bauen, weiht sie ein.

Die Diskussion um China

Die chinesische Regierung engagierte in den letzten Jahren viele renommierte westliche Architekten. Im Jahr 2007 waren bereits 50 deutsche Architekturbüros in China tätig (Erling 15.4.2007). Die dahinter stehende Absicht der Chinesen beschrieb Hanno Rautenberg so: „Sie wollen sich mit der Avantgarde brüsten und ihre Weltoffenheit demonstrieren. Die kühnsten Bauten der Gegenwart, das sollen alle sehen, stehen in Peking“ (Rautenberg 27.3.2008).

Als in China im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele 2008 der Widerstand in Tibet von den chinesischen Militärs brutal niedergeschlagen wurde, begann eine Diskussion über Architekten und deren Bauten für das chinesische Regime. Kontrovers diskutierte Objekte gab es hier mehr als genug. So baute z.B. das Basler Büro Herzog & de Meuron für die Olympischen Sommerspiele 2008 das Nationalstadion Peking (das sogenannte “Vogelnest“) mit 91.000 Plätzen (die nach den Spielen auf 80.000 reduziert wurden), für das 42.000 Tonnen Stahl verbaut wurden. An dessen Entwurf wirkte der berühmte chinesische Künstler Ai Weiwei als künstlerischer Berater mit, der bald unter vielen Repressionen der chinesischen Behörden zu leiden hatte. So sollte er im November 2010 auf eigene Kosten das Gebäude abreißen lassen, in dem sich sein Atelier befand. Ai Weiwei wurde im April 2011 von den chinesischen Behörden an einen unbekannten Ort verschleppt und am 22. Juni unter strengen Auflagen wieder freigelassen.

Einige sehr bekannte Architekten lehnten jede Zusammenarbeit mit der chinesischen Regierung ab. Andere sahen keine Probleme darin, für das chinesische Regime staatstragende Bauten zu errichten. So äußerte Albert Speer: „Für unsere Aufgabe ist es egal, ob an der Spitze ein Diktator, ein Monarch oder eine demokratisch gewählte Regierung sitzt“ (Rautenberg 27.3.2008). Zum „Vogelnest“ und dem von Rem Koolhaas für das chinesische Staatsfernsehen CCTV gebaute Hochhaus sagte Speer abwiegelnd: „Die Olympiabauten sind Architekturdenkmäler und Ausnahmen“ (Erling 15.4.2007).

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Die jüngsten Monumentalbauten für Sport- und Kulturereignisse (Olympische Spiele, Weltausstellungen etc.) wurden von großen Architekturbüros errichtet. Diese globalisierten ihr Geschäft und bauten internationale Büros auf – mit immer mehr Mitarbeitern. Dies diente auch dem eigenen Ruhm – und der Geschäftsausweitung. Im Fall China spielte plötzlich die undemokratische politische Struktur der staatlichen Auftraggeber keine große Rolle mehr, im Gegenteil. Autoritär strukturierte Regimes sind effizienter in der Durchsetzung großräumiger Bebauungen, von Enteignungen und Umsiedlungen, beim Abreißen gewachsener Strukturen und ganzer Stadtviertel.

Gleichfalls verharmlost wird auch der äußerst zweifelhafte Charakter des IOC als einer der Hauptinitiatoren dieser überdimensionierten Sportarchitektur. Ebenso wenig spielt eine Rolle, was die Sportpaläste kosten, ob sie später weiter Verwendung finden und welche Folgekosten sie verursachen. Im Fall des Pekinger „Vogelnestes“ betrugen die Kosten laut Jacques Herzog rund 316 Millionen Euro (Der Spiegel 31/2008); es verursacht pro Jahr über 10 Millionen Euro laufende Kosten und ist inzwischen weitgehend ungenutzt (Geinitz 31.7.2007; Hungermann 10.7.2011; Wikipedia).
Es folgt nun eine kurze, unvollständige Darstellung und Auflistung der in den letzten Jahren gebauten Sportpaläste und Groß-Stadien von den drei bedeutenden Architekturbüros Gerkan, Marg & Partner, Herzog & de Meuron und Albert Speer & Partner.

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Gerkan, Marg & Partner (gmp), Hamburg

Meinhard von Gerkan (* 1935); Volkwin Marg (* 1936). Gegründet 1965; 500 Mitarbeiter, weltweit neun Büros.

gmp baute drei der zehn Fußballstadien für die Fußball-WM 2010 in Südafrika; Durban kostete umgerechnet 270 Millionen Euro, Kapstadt 420 Millionen Euro und Port Elizabeth 170 Millionen Euro (Läsker 25.65.2010). Die fünf Stadion-Neubauten und fünf komplett umgebauten Stadien stehen nun größtenteils leer, da sie nicht oder fast nie genutzt werden und hohe Folgekosten verursachen (siehe White Elephants). mgp baut auch drei Fußballstadien für die Fußball-WM 2014 in Brasilien, die nach der WM 2014 ähnlich unternutzt sein werden wie die Stadien in Südafrika nach der WM 2010. Vergleiche hier.
Meinhard Gerkan-Interview im Spiegel:

Der Spiegel interviewte Meinhard von Gerkan im April 2011. Auf die Frage, was Gerkan zu den Vorwürfen der Drangsalierung Andersdenkender durch die chinesischen Behörden sage, antwortete dieser sehr deutlich: „Dieser Vorwurf wird von Ihnen erhoben, jetzt und hier. Das heißt ja nicht, dass ihn auch andere anführen.“ Gleichzeitig lobte er das chinesische Regime: „Noch nie hat es in der Geschichte Chinas so viel Freiheit für das Individuum gegeben.“

Gerkan, Mark und Partner (gmp) bauten von 2007 bis 2010 das Chinesische Nationalmuseum in Peking am Platz des Himmlischen Friedens (gmp setzte sich u. a. gegen Herzog & de Meuron und Foster and Partners durch). Der Spiegel erinnerte deshalb an das Massaker von 1989, bei dem die Regierung tausende Studenten töten ließ und fragte: „Gab es in der Planungsphase Ideen, im Entwurf auf die spezifische Geschichte des Platzes einzugehen?“ Gerkan antwortete: „Nein. Der Platz spielte keine Rolle… Wir sollten ein Museum bauen, das als Schaufenster der 5000-jährigen Geschichte Chinas dienen sollte…“

Die Spiegel-Redakteure gaben nicht auf: „Aber der Platz ist historisch kontaminiert.“ Gerkan konterte: Nach dieser Argumentation müsste man schlussfolgern, dass man auch in Deutschland nicht mehr bauen darf. Deutschland ist insgesamt kontaminiert.“ Und fuhr fort: „Was haben Sie als das angesehenste deutsche Nachrichten-Magazin eigentlich davon, das bekannteste deutsche Architekturbüro mieszumachen? Ihre Fragen sind böswillig.“

Die Spiegel-Redakteure erklärten die drei Haltungen der deutschen Architekten zu China: „… gar nicht in China bauen, nur für private Bauherren arbeiten oder eben auch staatliche Aufträge mit einer gewissen Signalwirkung anzunehmen. Sie sind ein Repräsentant letzterer Haltung, die durchaus umstritten ist.“ Gerkan: „Natürlich! Architekten finden erfolgreiche Architekten nie gut!“

Auf die Bemerkung Gerkans, dass sich das Nationalmuseum von gmp als moderater Bau „in die Umgebung einfügt“, konterten die Spiegel-Redakteure: „Genau das ist doch das Problem. Es fügt sich ein, weil es sich hinter einer alten Fassade totalitärer Architektur versteckt.“

Gerkan erwiderte: „Wenn überhaupt etwas regimeunterstützend ist, dann sind es solche Bauten wie die Senderzentrale von CCTV in Peking.“

Der Spiegel: „Einem Propaganda-Fernsehsender eine moderne Fassade zu schenken, wie es Ihr niederländischer Kollege Rem Koolhaas gemacht hat, so einen Auftrag würden Sie ablehnen?“ Gerkan: „Wir bauen ebenfalls einen Fernsehsender, der ist sogar noch größer. Aber anders. Das Koolhaas-Gebäude ist grauenvoll, unfunktional, stadtbeleidigend, hochmütig.“

Gerkans Beschimpfungen in Richtung Koolhaas sind insofern interessant, als hier konkurrente Vorstellungen von Architektur aufeinander treffen. Es geht Gerkan lediglich um vorgebliche unterschiedliche Formensprache. Interessant ist, dass anscheinend weder Koolhaas noch Gerkan ein Probleme haben, für das totalitäre chinesische Regime das Hochhaus eines staatlichen Fernsehsenders zu bauen: per se dient ein solches Gebäude der Massenpropaganda, der Manifestation der Macht.
(Alle Zitate: Der Spiegel 15/2011).

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Aussage von Gerkan vom Oktober 2010: „Ich … kann nur sagen, dass die Entfaltung der Freiheit in der Architektur in Asien, speziell in China und Vietnam, um ein Vielfaches größer ist, als dies in dem überreglementierten Szenario in Europa und vor allem in Deutschland der Fall ist“ (Weissmüller 15.10.2011).

gmp bauen weltweit Sportgroßbauten, u. a. in

Brasilien: Arena da Amazonia; Estadio Nacional de Brasilia, Brasilia; Estadio Mineirao, Belo Horizonte
China: Bao’an Stadion, Universiade 2011, Shenzen-Bao’an; Century Lotus Sports Park, Foshan; Shanghai Oriental Sport Center, Shanghai; Universiade Sports Center, Shenzen
Deutschland: Commerzbank Arena, Frankfurt/Main; Olympiastadion, Berlin; RheinEnergieStadion, Köln; Sportforum Kiel, Kiel; Stadion der Freundschaft, Cottbus
Indien: Dr. S.P.M. Swimming Pool Complex, New-Dehli; Jawaharlal Nehru Stadion, New Dehli
Lettland: Tennishalle der Jurmala Residenz, Jurmala/Riga
Polen: Nationalstadion, Warschau; Stadion Slaski, Chorzow
Rumänien: Lia Manoliu Stadium, Bukarest
Slowenien: Joze Plecnik Stadion, Ljublijana
Südafrika: Cape Town Stadion, Kapstadt; Moses Mabhida Stadion, Durban; Nelson Mandela Bay Stadion, Port Elizabeth
Ukraine: Olympiastadion Kiew, Kiew
Usbekistan: Sportpark Tashkent, Tashkent
(Quelle: Webseite gmp)

Herzog & de Meuron, Basel

Die Architekten gründeten ihr Büro 1978 in Basel und beschäftigen derzeit 330 Mitarbeiter an sechs weltweiten Standorten.

Der Auftrag des Nationalstadions in Peking für die Olympischen Sommerspiele 2008 verursachte viel Kritik und eine Diskussion über das chinesische Regime.
Jacques Herzog-Interview im Spiegel:

Anlässlich der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking und des Nationalstadions gab Jacques Herzog dem Spiegel ein Interview. Zum Bau des in der Weltöffentlichkeit stehenden Nationalstadions sagte er: „Nicht der moralisch denkende Mensch, sondern nur ein Idiot hätte sich dieser Chance verweigert… Wir sind uns inzwischen sicher, dass es richtig war, dort zu bauen.“

Sodann verstieg er sich zu der Feststellung, das Nationalstadion habe etwas „Subversives“, „zumindest nicht so leicht Kontrollierbares oder Überblickbares“. Der Spiegel fragte nach: „Ihre Architektur als Akt des Widerstandes? Übertreiben Sie da nicht?“ antwortete Herzog: „Nein, wir sehen das Stadion als Trojanisches Pferd.“
Das Bauwerk als Monument der Subversion: auch eine Art der Verklärung!

Herzog verteidigte die chinesische Regierung: „Auch wir können das Missachten von Menschenrechten in keinster Weise akzeptieren. Wir denken aber, es hat sich etwas in diesem Land getan. Wir sehen einen Fortschritt.“ – „Gerade die letzten paar Jahre konnten wir doch aber einen Aufbruch einer neuen Generation von Künstlern, Architekten und intellektuellen erleben.“ Und weiter: „China ist nicht weniger demokratisch geworden und respektiert auch die Menschenrechte nicht weniger als früher.“
Die Drangsalierung und Verhaftung von Ai Weiwei im Jahr 2011, also drei Jahre später, war Herzog beim Interview nicht bekannt; er konnte sie sich aber wohl auch nicht vorstellen. Auf die Frage kritischer Journalisten, warum die Olympischen Spiele 2008 in Peking abgehalten wurden, wurde auch vom IOC auf vermeintliche Fortschritte verwiesen: Das Regime öffne sich dadurch und werde demokratischer. Aber das war ein Irrtum: Schon direkt vor und kurz nach den Spielen wurden die Repressionen wieder verschärft.

Über die Architekten-Kollegen, die sich weigern, in China zu bauen, sagte Herzog: „Das ist eine weltfremde, auch arrogante Haltung ohne Kenntnis und Respekt vor der unglaublichen kulturellen Leistung, welche das Land kontinuierlich über die letzten 5000 Jahre erbracht hat und bis heute erbringt.“
Die totalitäre Ausrichtung der chinesischen Regierung wird von Herzog mit keinem Wort erwähnt.

Der Spiegel fragte dann: „Aber hätte man Ihren Entwurf angetastet, ihn ästhetisch verdorben, dann wären Sie auf die Barrikaden gegangen?“ Herzog antwortete: „Ja, das ist der Bereich, in dem wir noch gehört werden, wenn überhaupt.“
Herzog würde also Widerstand leisten, wenn der Bauherr, in diesem Fall der chinesische Staat, in die künstlerische Konzeption und damit in die Hoheit des Architekten eingegriffen hätte. Dem politischen System China steht Herzog weitgehend unpolitisch gegenüber.
(Alle Zitate: Der Spiegel 31/2008)

Weltweite Sportprojekte von Herzog & de Meuron u. a. in

China: Nationalstadion für die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking („Vogelnest“, 2003-2007)
Deutschland: Allianz-Arena München (2002-2005)
Schweiz: St.-Jakobs-Stadion, Basel (2000-2001)

Albert Speer & Partner (AS&P), Frankfurt/Main

Albert Speer (+ 1933). Erste Bürogründung 1964 in Frankfurt/Main, AS&P 1984; 120 Mitarbeiter, Dependance in Shanghai, temporäre Büros.
Albert Speer bezeichnet sich als Städteplaner, weniger als Architekt. Sein Büro zeichnete z.B. für die Expo 2000 in Hannover verantwortlich und baut unter anderem zwei „Autostädte“ in China: Anting im Norden und Changchun mit 300.000 Einwohnern und 120 Quadratkilometer Fläche (Erling 15.4.2007).

In ihrem Jubelband über Albert Speer & Partner formulierten Jeremy Gaines und Stefan Jäger die vordergründige Absicht des Begriffs Nachhaltigkeit ungewollt richtig: “Wenn es gelingt, den Begriff Nachhaltigkeit als Konzept zu präzisieren, dann kann er als ‘Sprungbrett’ dienen, um in einer Welt, die im Zeichen des Klimawandels und der Debatte darüber steht, weiterzukommen” (Gaines, Jäger, S. 12).
Vulgo: Wenn man es schafft, ökologisch Unverantwortliches als “nachhaltig” zu deklarieren, kann man ungeniert loslegen mit dem grenzenlosen Umbau der Welt!

Friedbert Greif beschrieb auch den – für Bürger in der Regel unbezahlbaren – olympischen Hype, mit dem sich alles durchdrücken lässt: „Sobald eine Stadt sich offiziell in den Bewerbungsrhythmus um Olympische Spiele im Konzert der Weltmetropolen begeben hat, fangen die olympischen Ringe an, ihre fast schon magische Wirkung zu verbreiten. Dinge, die immer für unmöglich gehalten wurden, erscheinen plötzlich machbar und erscheinen auf dem Reißbrett der Planer“ (Ebenda, S. 209).
Wenn es doch bloß auf diesem Reißbrett bliebe. Aber die Folgen sind ökologisch und ökonomisch verheerend. Die Schulden des olxympischen Rausches müssen dann jahrzehntelang abbezahlt werden  – auf Kosten der allgemeinen Wohlfahrt.

Das Büro organisiert auch Vorbereitung, Bewerbung und komplette Bewerbungsunterlagen für Wettbewerbe und Mega-Events jeder Art. Es führte die (verlorenen) olympischen Bewerbungen Leipzig 2012 und München 2018 durch und lieferte den erfolgreichen Masterplan für die Fußball-WM 2022 in Katar (gekühlte Fußballstadien bei Außentemperaturen von plus 45 Celsius!). Eingeplant wird auch die Konstruktion von Sitzplatz-reduzierbaren und komplett abbaubaren Fußballstadien (Matzig 9.12.2010). (Auch das Olympiastadion für London 2012 soll nach den Spielen von 80.000  auf 60.000 Sitzplätze rückgebaut werden: für 40 Millionen Euro; Zaschke 12.10.2011; Gaines, Jäger S. 103).
Albert Speer senior war ab 1937 Hitlers Generalbauinspektor, ab 1942 Reichsminister für Bewaffnung und Munition und gehörte zu den 24 Angeklagten im Nürnberger Prozess, in dem er zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. Albert Speer „junior“ äußerte über seinen Vater: „Und Verehrung? Nein. Aber er war ein guter Architekt“ (Matzig 30.4.2010).
Hier taucht wieder die angeblich unpolitische akademische Architektenleistung auf, deren Würdigung lediglich ästhetischen Kriterien unterliegt und die losgelöst vom politischen Impetus und von moralischen Kriterien gesehen wird. Speer senior war eindeutig der führende NS-Architekt, der nicht nur für monumentale Parteitagsbauten der NSDAP verantwortlich zeichnete. Er war Hitlers Staatsbaumeister, der dessen größenwahnsinnige Ideen in architektonische Pläne und Realität umsetzte.
Im Rahmen der „Welthauptstadt Germania“ plante Speer ab 1937 Monumentalbauten wie die „Große Halle“ mit 315 mal 315 Metern Grundfläche und 320 Meter Höhe, voluminöse Verkehrsachsen und riesige neue Stadtteile. Speers Pläne hätte den Abriss von rund 50.000 Wohnungen und die Umsiedlung von 150.000 Menschen in Berlin bedeutet.
Kann dieser Repräsentant des faschistischen Systems ein „guter Architekt“ sein?
Mit dieser Sichtweise stellt sich die Frage zwischen Diktatur oder Demokratie nicht mehr, siehe Speers Bemerkung vom Anfang, dass es „für unsere Aufgabe“ egal sei, ob sich an der Spitze ein Diktator, ein Monarch oder eine demokratisch gewählte Regierung befinde.

Sportprojekte und Sportevents, u. a. in

Abu Dhabi: Fifa Club World Cup 2008/2009
Deutschland: Studie und Rahmenplanung Allianz Arena München (2001), Bewerbung Olympische Sommerspiele Leipzig 2012, Bewerbung und Planung Olympische Winterspiele München 2018
Katar: Bid Book Fifa WM 2022, bis zu acht Fußballstadien für die WM 2022

Quellen:
Beyer, Susanne, Der unsichtbare Riese, in Der Spiegel 51/2007
Beyer, Susanne, Doerry, Martin, Reinhardt, Nora, „Weltfremd und unglaubwürdig“, in Der Spiegel 15/11.4.2011
Beyer, Susanne, Knöfel, Ulrike, „Nur ein Idiot hätte nein gesagt“ – Interview mit Jacques Herzog, in Der Spiegel 31/2008
Bernett, Hajo, Guido von Mengden – „Generalstabschef“ des Deutschen Sports, Berlin 1976
Erling, Johnny, Albert Speer junior: „Wir sind halbe Chinesen“, in welt.de 15.4.2007
Gaines, Jeremy, Jäger, Stefan, Albert Speer & Partner, Ein Manifest für die Nachhaltigkeit, München, Berlin, London, New York 2009
Geinitz, Christian, Dabei sein war alles in Peking, in faz.net 31.7.2010
Hungermann, Jens, Ist Olympia kaum mehr als eine große Party? in weltonline 10.7.2011
Läsker, Kristina, „Ein schöner Hysteriekessel“, in SZ 25.5.2010
Matzig, Gerhard
– Albert Speer über Größe, in SZ 30.4.2010
– Kathedralen für das Übermorgenland, in SZ 9.12.2010
Micky Maus in Hitlers Heimkino – Interview mit Albert Speer, in spiegelonline 14.12.2004
Rautenberg, Hanno, Wie viel Moral braucht Architektur? in zeitonline 27.3.2008
Schäche, Wolfgang, Szymanski, Norbert, Das Reichssportfeld, Berlin 2001
Volkery, Carsten, „Ein Gebäude so elegant wie ein Rennrad“, in spiegelonline 16.10.2011
„Vorsicht ist ein Vorteil“, in Der Spiegel 51/2007
Webseite zu Herzog & de Meuron: http://deu.archinform.net/arch/291.htm
Webseite zu Gerkan, Marg & Partner: http://www.gmp-architekten.de/
Webseite zu Albert Speer & Partner: http://www.as-p.de/
Weissmüller, Laura, Freiheit? in SZ 15.10.2011
Wikipedia
Zaschke, Christian, Gutes Geschäft für den Steuerzahler, in SZ 12.10.2011